Er war Hilfsarbeiter im Handelsamt mit zwölfhundert Kronen Gehalt. Er hatte ein junges Mädchen ohne Mitgift geheiratet; aus Liebe, wie er selber erklärte; um nicht mehr auf Bällen und Strassen umherlaufen zu müssen, wie seine Freunde meinten. Jedenfalls war das Zusammenleben des Paares anfangs glücklich.
– Wie billig es ist, als Verheiratete zu leben, rief er eines Tages aus, nachdem die Hochzeit überstanden war. Die selbe Summe, die kaum verschlug, als man Junggeselle war, reicht jetzt für Mann und Frau. Die Ehe ist doch eine ausgezeichnete Erfindung. Man hat alles zwischen seinen vier Wänden: Wohnung, Kneipe, Café – alles. Keine Speisekarte mehr, kein Trinkgeld, kein neugieriger Portier, wenn man morgens mit seiner Frau ausgeht.
Das Leben lächelte ihm, seine Kräfte wuchsen und er arbeitete wie ein ganzer Mann. Noch nie hatte er sich so voll überströmender Lebenskraft gefühlt; des Morgens sprang er elastisch und bei allerbester Laune aus dem Bett; er war verjüngt.
Als zwei Monate verstrichen waren, noch ehe sich die Langeweile eingefunden hatte, teilte ihm die Frau gewisse Hoffnungen mit. Neue Freude, neue Sorgen, aber so angenehm zu tragen! Es war notwendig, sofort die Einkünfte zu vermehren, um den unbekannten Weltbürger würdig empfangen zu können. Er ging hin und verschaffte sich eine Übersetzung.
Niedliche Kinderkleidchen lagen auf den Möbeln umher, im Flur stand die Wiege und wartete, und das Kindchen kam gesund auf die Welt der Sorgen.
Der Vater war entzückt. Doch konnte er sich einer gewissen Angst nicht erwehren, wenn er an die Zukunft dachte. Ausgaben und Einkünfte wollten sich nicht die Wage halten. Es war nichts anderes zu machen, als sich in der Kleidung etwas einzuschränken. Der Gehrock begann in den Nähten zu glänzen, die Hemdbrust wurde unter einer grossen Krawatte verborgen, die Hosen bekamen Fransen. Die Diener im Amt verachteten ihn allerdings wegen dieser schäbigen Kleidung.
Ausserdem sah er sich gezwungen, seinen Arbeitstag zu verlängern.
– Jetzt muss man aber Schluss machen mit diesen kleinen Dingern, sagte er sich. Doch wie soll man das anfangen?
Das wusste er nicht.
Drei Monate später bereitete seine Frau ihn in gewählten Worten darauf vor, dass sich seine Vaterfreude bald verdoppeln werde. Sehr freuen tat er sich über diese Mitteilung nicht. Aber es kam jetzt darauf an, den einmal eingeschlagenen Weg zu Ende zu gehen, wenn sich auch die Ehe als eine durchaus nicht billige Sache erwies.
– Es ist wahr, dachte er und sah heiterer aus, der Jüngere erbt die Windeln des Älteren! Auf diese Weise kostet er nichts. Übrigens leben werden sie schon, sie ebenso gut wie andere.
Er wurde Vater zum zweiten Mal.
– Du gehst ja tüchtig ins Zeug, liess sich ein Kamerad hören, der verheiratet war, aber nur ein Kind hatte.
– Was soll man machen?
– Man muss verständig sein!
– Verständig? Hör mal, mein guter Freund, man verheiratet sich doch, um ... ich meine, nicht nur um ... aber jedenfalls auch um ... Wir sind eben verheiratet, und da ist die Sache doch klar.
– Durchaus nicht. Etwas anderes, Freund: wenn du die Mittel erhalten willst, ein frisch gestärktes Hemd zu tragen, und dir an Beförderung liegt, so ist es durchaus notwendig, dass du Hosen ohne Fransen hast und einen Hut, der nicht in Rotbraun übergeht.
Und der Verständige flüsterte ihm verständige Worte ins Ohr.
So war denn der arme Ehemann, der es so gut zu haben glaubte, auf halbe Kost gesetzt.
Jetzt begannen die Wirrungen.
Zuerst waren die Nerven überreizt, die Nächte schlaflos, die Arbeit am Tage schlecht. Dann kam der Arzt. Drei Kronen für jedes Rezept. Und was für ein Rezept! Er müsse sich der Arbeit enthalten. Er habe zu viel gearbeitet, sein Gehirn sei überanstrengt. Aber nichts tun, das wäre ja der Tod für sie alle! Und arbeiten, das sollte auch der Tod sein!
Und er arbeitete!
Eines Tages, als er auf dem Amt sass, und sich über die endlosen Zahlenreihen beugte, bekam er einen Schwindel und sank zu Boden.
Ein Besuch bei einem Arzt, der Spezialist war – achtzehn Kronen. Neue Verordnung: Urlaub infolge von Kränklichkeit, eine ordentliche Reittour jeden Morgen, zum Frühstück Beefsteak mit einem Glas Portwein.
Reiten und Portwein!
Was aber schlimmer war, eine gewisse Kälte gegen die geliebte Frau stieg in ihm auf; woher sie kam, wusste er nicht. Er hatte Furcht, sich ihr zu nähern, und zu gleicher Zeit fühlte er ein Verlangen nach ihr; er liebte sie, liebte sie noch immer, aber dieses Gefühl war mit einer gewissen Bitterkeit gemischt.
– Du magerst ab, sagte ein Kamerad.
– Ja, ich glaube wirklich, ich bin mager geworden, erwiderte der arme Ehemann.
– Du spielst ein falsches Spiel, alter Junge!
– Ich begreife nicht!
– Ein verheirateter Mann mit Halbtrauer! Nimm dich in Acht, mein Freund!
– Ich verstehe wahrhaftig nicht ein Wort von dem, was du sagst.
– Gegen den Wind fahren, geht auf die Dauer nicht. Nein, brasse nur voll, du, und du wirst sehen, dass alles wieder gut wird. Glaub mir, ich kenne das. Die Anspielung verstehst du doch!
Er liess die guten Ratschläge vorläufig liegen, wohl wissend, dass sich die Einkünfte nicht im Verhältnis zu den Kindern vermehren, aber überzeugt, dass er jetzt die Wurzel zu seiner Krankheit gefunden hatte.
Der Sommer war gekommen. Die Familie war aufs Land gezogen. An einem schönen Abend waren die Gatten allein spazieren gegangen, an dem steilen Seeufer entlang, das von eben grün gewordenen Erlen beschattet wurde. Sie setzten sich ins Gras, still und niedergeschlagen. Er war finster und mutlos; düstere Gedanken arbeiteten in seinem schmerzenden Gehirn. Das Leben kam ihm wie ein Abgrund vor, der sich öffnete, um sie alle zu verschlingen, alle, die er so liebte.
Sie begannen davon zu sprechen, dass er bald seine Stellung verlieren werde; sein Chef hatte es nämlich übel aufgenommen, dass er neuen Urlaub verlangt. Er beklagte sich über das Betragen der Kameraden, er fühlte sich von allen verlassen; besonders aber leide er darunter, dass sie seiner müde sei.
Nein, keineswegs, sie liebe ihn noch immer ebenso sehr wie in den glücklichen Tagen, als sie sich eben verlobt! Könne er daran zweifeln?
Nein, aber er habe so viel gelitten, dass er nicht Herr seiner Gedanken sei.
Und er drückte seine glühende Wange an ihre, legte seinen Arm um ihren Leib und bedeckte ihre Augen mit heissen Küssen.
Die Mücken tanzten ihren Hochzeitstanz über der Birke, ohne sich um die Tausende von Jungen zu kümmern, die ihre erlaubte Lust zur Welt bringen würde; im Schilf laichten die Hechte, sorglos Millionen ihrer Brut absetzend; die Schwalben küssten sich am hellen Tage, auf ihrem Flug durchaus nicht ängstlich vor den Folgen solcher unregelmässiger Liebesverbindungen.
Auf ein Mal sprang er auf und reckte sich, als habe er in einem langen Schlaf schwer geträumt, und atmete in tiefen Zügen die warme Luft ein.
– Was ist dir? flüsterte seine Frau, indem sie tief errötete.
– Ich weiss nicht. Das aber weiss ich, dass ich lebe, das ich wieder atme!
Und strahlend, mit heiterem Gesicht und glänzenden Augen, streckte er seine starken Arme nach ihr aus, hob sie in die Höhe wie ein Kind und drückte einen Kuss auf ihre Stirn. Seine Wadenmuskeln schwollen wie bei einem antiken Gott, der Rumpf richtete sich elastisch wie ein junger Baum, und berauscht von Glück und Lebenskraft, trug er seine liebe Last bis zum Fusssteig, wo er sie niedersetzte.
– Du verhebst dich, Geliebter, sagte sie abwehrend, indem sie sich vergebens aus seinen Armen loszumachen suchte.
– Ach nein! Ich könnte dich bis ans Ende der Welt tragen, und ich werde euch alle tragen, so viele ihr auch seid und (fügte er hinzu) so viele ihr auch werdet!
Und voller Freude gingen sie Arm in Arm nach Haus.
– Wenn alles zusammenkommt, Geliebte, muss man zugeben, dass es doch sehr leicht ist, über jenen Abgrund zu springen, der Körper und Seele trennt.
– Wie du sprichst!
– Hätte ich das nur früher gewusst, so wäre ich weniger unglücklich gewesen. O diese Idealisten!
Und sie traten in ihre Häuslichkeit.
Die alte gute Zeit beginnt aufs neue, und die bessere neue scheint von Dauer zu sein. Der Mann geht wieder in sein Bureau. Die Gatten erleben noch einmal den Liebesfrühling. Einen Doktor braucht man nicht mehr, und immer ist man bester Laune.
Nach der dritten Taufe findet der Mann die Sache bedenklich und beginnt wieder das falsche Spiel, mit den gleichen Folgen wie früher: Doktor, Urlaub, Reiten, Portwein! Man muss ein Ende machen. Und jedes Mal zeigt sich ein Fehlbetrag im Budget.
Als aber schliesslich sein ganzes Nervensystem aus den Fugen geriet, musste er der Natur ihren Lauf lassen. Und sofort stieg die Ausgabe und sank die Einnahme.
Allerdings war er nicht arm, aber reich auch nicht.
– Um die Wahrheit zu sagen, liebe Alte, es wird wieder genau dieselbe Geschichte wie früher, sagte er.
– Beinahe, lieber Freund, antwortete die arme Frau, die ausser ihren Mutterpflichten alle Arbeiten einer Magd zu besorgen hatte.
Nach dem vierten Kindbett wurde es ihr zu schwer, und man war gezwungen, ein Kindermädchen zu halten.
– Jetzt muss es genug sein, gestand der trostlose Gatte. Hier machen wir Punkt.
Die Armut grinste sie an. Das Fundament, auf dem das Haus gebaut war, begann zu sinken.
Und mit dreissig Jahren, dem reifen Alter, da alle Blumen befruchtet werden müssten, sahen die jungen Gatten sich auf ein schändliches Zölibat angewiesen. Der Mann wurde mürrisch, sein Gesicht färbte sich aschgrau und sein Blick erlosch. Die reiche Schönheit der Frau welkte, ihr kräftiger Busen fiel ein; dazu hatte sie alle Leiden einer Mutter auszustehen, die ihre Kinder blutarm und schlecht gekleidet sieht.
Eines Tages stand sie am Herd und briet Hering, als eine Frau aus der Nachbarschaft kam, um mit ihr zu plaudern.
– Wie geht es ihnen, begann sie.
– Danke, so ziemlich! Und Ihnen?
– Ach, ich bin recht schwächlich! Es ist nichts los mit der Ehe, wenn man beständig auf seiner Hut sein muss.
– Glauben Sie, Sie sind die einzige?
– Was?
– Wissen Sie, was er zu mir gesagt hat? Man muss das Zugvieh schonen! Und ich leide, das können Sie mir glauben! Schön ist es nicht, verheiratet zu sein! Er oder sie muss es fühlen. Das kommt auf eins heraus.
– Oder alle beide!
– Man scheint nichts dabei machen zu können.
– Aber die Gelehrten, die sich auf Staatskosten den Bauch mästen?
– Die Gelehrten, ja, die haben an so viel anderes zu denken, und übrigens ist es ja unpassend, über solche Dinge zu schreiben: man könnte sie nicht laut vorlesen.
– Aber das wäre doch die Hauptsache.
Und dann teilten die beiden Frauen einander ihre bitteren Erfahrungen mit.
Im nächsten Sommer muss man in der Stadt bleiben, im Erdgeschoss einer Gasse hausen, von dem man die Aussicht auf einen Rinnstein geniesst, der so stinkt, dass man nicht die Fenster zu öffnen wagt.
Die Frau arbeitet mit der Nadel im selben Zimmer, in dem die Kinder spielen; der Mann, der aus seiner Stellung verabschiedet ist, weil er keinen sauberen Anzug mehr besitzt, schreibt ab in einem Zimmer nebenan und brummt über den Lärm, den die Kinder machen. Man wirft einander harte Worte durch die Tür.
Es ist Pfingsten. Der Mann liegt am Nachmittag auf dem zerlumpten Ledersofa und betrachtet durch die Scheibe ein Fenster auf der andern Seite der Gasse. Er sieht dort ein Mädchen, das in schlechtem Ruf steht, wie sie sich für die Abendpromenade schmückt. Neben ihrem Spiegel liegen ein Fliederzweig und zwei Apfelsinen. Ohne sich an neugierige Blicke zu kehren, schnürt sie ihr Mieder über ihren festen Busen zu.
– Das ist kein schlechtes Leben, sagt der zu Zölibat Verurteilte sich, indem er plötzlich auflodert. Man lebt nur einmal hier auf der Welt, und leben muss man, wie es auch gehen mag.
Da kommt seine Frau ins Zimmer und erblickt den Gegenstand seiner Beobachtungen. Es flammt in ihrem Auge auf; der letzte Funke einer ausgebrannten Liebe glimmt unter der Asche und nimmt die Form einer vorübergehenden Eifersucht an.
– Wollen wir nicht die Kinder nehmen und in den Tiergarten gehen? fragt sie.
– Um unser Elend auszustellen? Nein, danke!
– Aber hier drinnen ist heiss. Ich werde die Rollgardinen herunterlassen.
– Dann öffne lieber ein Fenster!
Er errät die Gedanken seiner Frau und steht auf, um es selber zu tun. Dort draussen am Rand des Bürgersteigs sitzen seine vier Kleinen, dicht neben Ablaufröhren. Sie haben die Füsse in dem trocknen Rinnstein und spielen mit Apfelsinenschalen, die sie aus dem Strassenkehricht hervorgesucht haben. Er fühlt einen Stich im Herzen und das Schluchzen kommt ihm in den Hals. Aber die Armut hat ihn so abgestumpft, dass er untätig stehen bleibt und die Arme kreuzt.
Plötzlich quellen zwei Schlammströme aus den Röhren hervor, überschwemmen den Rinnstein und begiessen die Füsse der Kinder, die aufschreien, von dem Gestank halb erstickt.
– Zieh die Kinder zum Ausgehen an, aber beeile dich, ruft er, den die herzzerreissende Szene ganz verzagt gemacht hat.
Der Vater schob den Korbwagen, in dem das Kleinste lag, während die Mutter die andern an der Hand führte.
Sie kamen nach dem Klarakirchhof, ihrem gewöhnlichen Zufluchtsort, dessen dunkelstämmige Linden üppig grünten, als sei der Boden von den dort beerdigten Leichen gedüngt.
Es läutete zum Abendgottesdienst. Armenhäuslerinnen gingen in Scharen in die Kirche, um sich auf die Stühle zu setzen, die ihre reichen Eigentümer leer gelassen; die hatten ihre Seele beim Hauptgottesdienst erquickt und schaukelten jetzt auf ihren Equipagen im königlichen Tiergarten. Die Kinder kletterten auf den flachen Gräbern herum, die mit Wappenschilden und Inschriften geschmückt waren.
Die Gatten setzten sich auf eine Bank und stellten den Kinderwagen, in dem das Kleinste lag und an der Flasche sog, neben sich. Halb vom Gras eines nahen Grabes verborgen, gaben sich zwei Hunde beim Klang der heiligen Glocken ihren Frühlingsgefühlen hin.
Ein junges elegantes Ehepaar, das ein kleines in Samt und Seide gekleidetes Mädchen an der Hand führte, kam vorbei. Der arme Reinschreiber hob die Augen zu dem jungen Stutzer und erkannte einen früheren Kameraden aus dem Handelsamt, der ihn aber nicht grüsste. Ein Gefühl bitteren Neides packte ihn so heftig, dass er sich mehr von diesem „unedlen“ Gefühl gedemütigt fühlte als von seiner beklagenswerten Lage. Grollte er dem andern, weil der jetzt eine Stelle bekleidete, nach der er selber gestrebt? Sicher nicht. Aber sein Neid konnte ja die Kehrseite seines Rechtsgefühls sein, und sein Leiden war um so tiefer, weil es von einer ganzen enterbten Klasse geteilt wurde. Er war überzeugt, dass die Armenhäuslerinnen, die das Joch der kommunalen Wohltätigkeit trugen, seine Frau beneideten; und es war ganz sicher, dass viele von diesen Herrschaften, die hier in ihren mit Wappenschilden geschmückten Gräbern ruhten, ihn um seine Kinder beneidet hätten, wenn sie selber gestorben waren, ohne einen Erben für das Majorat zu hinterlassen. Allerdings hat das Leben seine Mängel, aber warum sollen die fetten Bissen denen zufallen, die es schon gut haben? Und wie kommt es, dass der Gewinn immer bei denen bleibt, welche die grosse Lotterie eingerichtet haben? Die Enterbten müssen sich mit der Messe begnügen, nämlich der des Abendgottesdienstes; für sie ist die Moral bestimmt und die Tugenden, die von den andern verachtet werden, denn die Pforten des Himmels springen gegen klingende Bezahlung für sie auf. Aber der gute und gerechte Gott, der die Gaben so schlecht verteilt hat? Besser wäre es in der Tat, ohne einen schlechten Gott zu leben, der obendrein so aufrichtig gewesen war, einzugestehen, „der Wind wehe, wohin er (der Wind) will“; damit habe er ja bekannt, dass er sich nicht mit unseren Angelegenheiten befasse. Aber ohne Kirche kein Trost unter den jetzigen Verhältnissen! Aber warum gerade Trost? Besser, sich so einzurichten, dass man keinen Trost nötig hat. Nicht wahr?
In diesen Gedanken wurde er von seiner ältesten Tochter unterbrochen, die ein Lindenblatt als Sonnenschirm für ihre Puppe haben wollte. Der Vater war kaum auf die Bank gestiegen, um einen Zweig abzubrechen, als ein Schutzmann ihm in barschem Ton zurief, man dürfe die Bäume nicht anrühren. Neue Demütigung! Gleichzeitig ersuchte ihn der Schutzmann, die Kinder nicht auf die Grabsteine steigen zu lassen, denn das sei nach der Kirchhofsordnung verboten.
– Das Beste ist wohl, wir gehen nach Haus, rief der Vater vernichtet aus. Wie viel Mühe man sich um die Toten macht und wie wenig um die Lebenden!
Und sie gingen wieder nach Haus.
Der Mann setzte sich an seine Arbeit. Er hatte das Manuskript einer akademischen Abhandlung über die Überbevölkerung abzuschreiben.
Er konnte nicht anders, als sich für den Inhalt zu interessieren, und las daher das ganze Heft.
Der junge Autor, der zu der sogenannten ethischen oder Damenschule gehörte, predigte gegen das Laster.
– Was für ein Laster? fragte sich der Abschreiber. Durch das wir alle zur Welt kommen? Das bei der Trauung geboten wird durch die Worte: „Vermehret euch und erfüllet die Erde!“
Und der junge Autor schrieb weiter: Ausser der Ehe sei die Vermehrung ein unheilvolles Laster, weil die Kinder, die nicht die nötige Pflege erhalten, ein trauriges Schicksal haben. In der Ehe dagegen sei es eine Pflicht, seinen Neigungen freien Lauf zu lassen. Dafür spreche unter anderm der Umstand, dass das Gesetz sogar das Ei des Weibes schützt, und zwar mit Recht.
– Es gibt also, dachte der Abschreiber, eine Vorsehung für eheliche, aber keine für uneheliche Kinder. Oh dieser junge Philosoph! Und das Gesetz, das das Ei schützt! Mit welchem Recht machen sich denn die kleinen mikroskopischen Dinger bei jedem Mondwechsel los? Man müsste wirklich die Polizei holen, um über die heiligen Eier zu wachen!
Alle diese Albernheiten musste er mit seiner schönsten Handschrift ins Reine schreiben.
Eine solche Menge Moral, aber nicht ein Wort der Aufklärung.
Der moralische oder richtiger der unmoralische Sinn des Gedankengangs war: Es gibt einen Gott, der alle in der Ehe geborenen Kinder nährt und kleidet; einen Gott im Himmel, wahrscheinlich, aber auf der Erde? Allerdings soll er einmal auf die Erde niedergestiegen sein, um sich kreuzigen zu lassen, nachdem er sich vergebens bemüht, Ordnung in die verworrenen Geschäfte der Menschheit zu bringen: er wurde nicht damit fertig.
Zum Schluss schrie sich der Philosoph heiser, der reichliche Vorrat an Weizen sei ein unwiderlegbarer Beweis, dass es keine Überbevölkerung gebe; dass die Lehre des Malthus falsch sei, und dazu verbrecherisch, sowohl vor dem bürgerlichen Gesetz wie vor dem moralischen.
Und der arme Familienvater, der seit Jahren kein Weizenbrötchen gekostet hatte, stand auf, um die Kinder anzutreiben, Roggenmehlgrütze und bläuliche Milch hinunter zu würgen, mit denen sie den Magen füllten, ohne sich satt zu fühlen.
Es war trostlos, nicht weil Wassergrütze das Schlimmste ist, sondern weil der alte prächtige Humor verschwunden war; dieser Zauberer, der den dunkeln Roggen in goldenen Weizen zu verwandeln weiss; die allmächtige Liebe, die ihr Füllhorn ausschüttet, war nicht mehr da. Die Kinder waren Lasten geworden, und die geliebte Frau ein versteckter Feind, der heimlich verachtete und verachtet wurde.
Und die Quelle zu all diesem Unglück? Der Mangel an Brot! Und doch stürzen jetzt die grossen Handelshäuser der neuen Welt unter der Last des allzu reichlichen Vorrats von Getreide zusammen! Eine Welt der Widersprüche! Die Art und Weise, nach der das Brot verteilt ist, muss also mangelhaft sein.
Die Wissenschaft, welche die Stelle der Religion eingenommen hat, vermag keine Antwort darauf zu geben; sie stellt nur die Tatsache fest und lässt die Kinder vor Hunger sterben und die Eltern vor Durst.