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Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten

Chapter 15: Zwangsehe
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About This Book

A linked set of twenty short narratives examines marriage and intimate relations from multiple angles, exposing power imbalances, jealousy, sexual desire, and social constraint. The stories shift between psychological interiority and stark observational realism, charting characters whose moral ambiguity and shifting roles complicate domestic expectations. Natural imagery and plain, often ironic description recur as tools to probe reproduction, gendered authority, and the consequences of personal choices. Together the pieces question sentimental or idealized views of conjugal life and underscore how social conventions, private impulses, and material circumstances shape intimate bonds.

Zwangsehe

Sein Vater starb ihm früh, und seitdem war er in den Händen einer Mutter, zweier Schwestern und einiger Tanten. Einen Bruder hatte er nicht. Sie lebten auf einem Besitztum in der schwedischen Provinz Södermanland und hatten keine Nachbarn, mit denen sie verkehren „konnten.“ Im Alter von sieben Jahren erhielt er, zusammen mit den Schwestern, eine Gouvernante, und gleichzeitig wurde eine Cousine ins Haus aufgenommen.

Er schlief im selben Zimmer wie die Schwestern, spielte deren Spiele, badete mit ihnen, und niemand dachte daran, dass er von anderem Geschlecht sei als die Mädchen. Die älteren Schwestern nahmen ihn auch bald in die Hand und wurden seine Schulmeister und Tyrannen.

Er war ein recht kräftiger Junge, aber der Zärtlichkeit so vieler überlassen, wurde er allmählich verzärtelt und hilflos.

Einmal machte er einen Versuch, mit den Jungen der Instleute zu spielen. Sie gingen in den Wald, kletterten auf die Bäume, plünderten die Vogelnester, warfen Steine nach Eichhörnchen. Frithiof war glücklich, als sei er aus einem Gefängnis entlassen, und kam nicht zum Mittagessen zurück. Die Jungen pflückten Blaubeeren und badeten im See. Es war der erste Tag seines Lebens, an dem er lustig gewesen.

Als er gegen Abend zurückkam, war grosse Aufregung im Hause. Die Mutter war unruhig und betrübt, zeigte aber ohne Verstellung ihre Freude, ihn wieder zu Hause zu haben; doch die unverheiratete Tante Agathe, die ältere Schwester der Mutter, die Herrin im Hause war, wütete. Es sei ein Verbrechen, wenn man ihn nicht züchtige. Frithiof begriff nicht, worin das Verbrechen bestand, aber Tante sagte, Ungehorsam sei ein Verbrechen. Frithiof wendete ein, man habe ihm nie verboten, mit den Kindern der Instleute zu spielen. Das habe man allerdings nicht, denn das sei überhaupt nicht in Frage gekommen. Die Tante blieb bei ihrem Vorsatz und vor den Augen der Mutter nahm sie den Jungen auf ihr Zimmer, um ihn durchzuhauen. Er war acht Jahre alt und schon ziemlich gross.

Als die Tante sein Hosenbund anfasste, um ihm die Hosen abzuknöpfen, überlief ihn ein Fieberschauer; der Atem blieb ihm im Hals stecken und das Herz klopfte. Er schrie nicht, aber er starrte entsetzt die alte Frau an, die ihn beinahe liebkosend hat, gehorsam zu sein und keinen Widerstand zu leisten. Als sie aber seinen Körper entblösste, überfiel ihn ein Gefühl von Scham und Wut: er sprang vom Sofa auf und schlug um sich. Etwas Unreines, etwas Dunkles, Widriges schien von dieser Frau auszugehen, und die Scham seines Geschlechts erhob sich wie gegen einen Feind.

Aber die Tante wurde wütend, warf sich über ihn, legte ihn über einen Stuhl, riss sein Hemd auf und schlug ihn. Zuerst schrie er aus Wut, denn den Schmerz fühlte er nicht, strampelte konvulsivisch mit den Füssen, um loszukommen; dann wurde er plötzlich still und schwieg.

Als die Alte aufhörte, blieb er liegen.

– Steh auf, sagte sie mit gebrochener Stimme.

Er stand auf und sah sie an. Sie war blass auf der einen Backe und rot auf der andern. Die Augen leuchteten von einem dunkeln Feuer und sie zitterte am ganzen Körper. Der Junge sah sie an, als sei sie ein böses Tier, und lächelte überlegen, als fühle er sich in der Verachtung, die sie ihm einflösste, hoch über ihr. Dann schleuderte er ihr ein einziges trotziges verächtliches „Teufelin“ ins Gesicht, einen Ausdruck, den er eben von den Kindern der Instleute gelernt hatte. Dann nahm er seine Kleider und lief hinaus; hinunter zur Mutter, die weinend im Esssaal sass.

Er wollte sich bei ihr beklagen, sie wagte ihn aber nicht zu trösten. Da ging er in die Küche hinunter, wo die Mädchen ihm Rosinen zu essen gaben.

Von diesem Tag an durfte er nicht mehr im Zimmer der Schwestern schlafen, sondern wurde von der Mutter mit in ihre Schlafstube genommen. Er fand es dort dumpf und langweilig, und wenn die Mutter in ihrer Zärtlichkeit mehrere Male in der Nacht aufstand, um ihn zuzudecken, wurde er in seinem Schlaf gestört und antwortete zornig auf ihre Fragen, ob es ihm gut gehe.

Er durfte niemals ausgehen, ohne dass ihn jemand anzog, und er hatte so viele wollene Halstücher, dass er nicht wusste, welches er nehmen sollte. Schlich er sich hinaus, so wurde sofort durchs Fenster gerufen, er solle hinaufkommen und etwas überziehen.

Die Spiele der Schwestern fingen an ihn zu quälen. Federballwerfen genügte seinen starken Armen nicht mehr: die wollten Steine werfen. Bei dem kleinlichen Krocketspiel, das weder Muskelanstrengung noch Verstand verlangt, sich herumzuzanken, reizte seine Nerven.

Dann hatte er die Gouvernante auf dem Nacken. Sie sprach ihn französisch an, während er schwedisch antwortete. Ein dumpfer Hass gegen das ganze Dasein und seine Umgebung begann zu keimen.

Er sah auch bald eine Geringschätzung in der ungenierten Art, die man sich in seiner Gegenwart erlaubte, und alle wurden ihm schliesslich zuwider. Die Einzige, die auf seine Gefühle etwas Rücksicht nahm, war die Mutter; so hatte sie einen grossen Schirm um sein Bett stellen lassen.

Seine Zuflucht wurde schliesslich die Küche und die Mädchenstube; dort fand er immer Zustimmung. Zuweilen bekam er dort jedoch Dinge zu hören, welche die Neugier eines Knaben hätten reizen können, aber für ihn gab es keine Geheimnisse. So war er einmal zufällig an die Badestelle der Mädchen gekommen. Die Gouvernante hatte geschrieen, aber er verstand nicht warum und fing mit den Mädchen, die nackt im Wasser standen oder lagen, zu plaudern an. Ihre Nacktheit machte gar keinen Eindruck auf ihn.

Er wuchs auf und wurde ein Jüngling. Nun musste man einen Inspektor halten, der ihn die Landwirtschaft lehrte, denn er war ja dazu bestimmt, einmal das Gut zu übernehmen. Man nahm einen alten Mann, der gläubig gesinnt war. Dessen Gesellschaft war nicht gerade dazu angetan, den Jüngling zu beleben, aber sie war immer noch besser, als er sie bisher gehabt hatte. Er sah die Dinge von neuen Gesichtspunkten und war tätig. Aber der Inspektor erhielt täglich und stündlich so viel Instruktionen von den Damen, dass er schliesslich deren Sprachrohr wurde.

Mit sechzehn Jahren wurde Frithiof konfirmiert, bekam eine goldene Uhr und durfte jetzt reiten; aber mit der Flinte in den Wald zu gehen, was sein Traum war, das erlaubte man ihm nicht. Er hatte allerdings keine Schläge mehr von seiner Erzfeindin zu fürchten, aber er hatte Angst vor den Tränen der Mutter. Er blieb immer das Kind, und die Gewohnheit, das Urteil der andern zu respektieren, konnte er nicht los werden.

 

Frithiof wuchs heran und wurde zwanzig Jahre alt. Eines Tages stand er in der Küche und sah zu, wie die Köchin Barsche schuppte. Sie war ein junges hübsches Mädchen von feiner Gesichtsfarbe. Er fing an mit ihr zu scherzen, steckte ihr schliesslich seine Hand in den Rücken.

– Seien Sie doch artig, Herr Frithiof, sagte das Mädchen.

– Ich bin ja artig, sagte er und wurde zudringlich.

– Wenn die gnädige Frau kommt!

– Nun und?

In diesem Augenblick ging seine Mutter an der offenen Küchentür vorbei, bog aber sofort ab und ging hinaus auf den Hof.

Frithiof fand die Situation peinlich und verschwand auf sein Zimmer.

Sie hatten einen neuen Gärtner bekommen. In ihrer Weisheit hatten die Damen einen verheirateten genommen, damit er nicht hinter den Mägden herlaufe. Das Unglück aber wollte, dass der Gärtner so lange verheiratet gewesen war, dass die Frucht seiner Ehe in der lieblichen Gestalt einer Tochter hatte reifen können.

Herr Frithiof entdeckte bald die schöne Blume unter den andern Rosen des Gartens. Alles, was sich bei ihm an Wohlwollen gegen die Hälfte der Menschheit, zu der er nicht gehörte, angesammelt hatte, begann sich jetzt diesem jungen Mädchen gegenüber, das verhältnismässig fein gewachsen war und etwas Erziehung erhalten hatte, zu äussern.

Er ging oft in den Garten und plauderte lange mit ihr, wenn sie an einem Beet arbeitete oder Blumen pflückte. Sie aber verhielt sich ablehnend gegen ihn; doch wuchs dadurch seine Neigung nur noch mehr.

Eines Tages ritt er durch den Wald und hatte wieder wie gewöhnlich Hallucinationen von ihrer Gestalt, die für ihn die Natur des Vollkommenen angenommen. Er war krank vor Sehnsucht, allein in ihrer Nähe zu sein, ohne fürchten zu müssen, dass jemand darüber unwillig werde. Dieses Glück hatte für seine erhitzte Einbildung so ungeheuerliche Proportionen angenommen, dass er ohne sie nicht mehr leben wollte.

Das Pferd ging Schritt vor Schritt mit losen Zügeln den Pfad dahin, während der Reiter auf seinem Rücken in Gedanken versank. Plötzlich sah er etwas Helles zwischen den Bäumen schimmern, und hervor trat das Mädchen des Gärtners. Herr Frithiof stieg ab und grüsste. Dann gingen sie zusammen weiter und plauderten, während er das Pferd hinter sich herzog. Er sprach in dunkeln Worten von seiner Liebe zu ihr; sie aber wies jeden Antrag zurück.

– Warum sollen wir von dem Unmöglichen sprechen, sagte sie.

– Was ist unmöglich? rief er aus.

– Für mich als armes Mädchen ist es unmöglich, die Frau eines reichen und feinen Herrn zu werden.

Die Bemerkung war richtig, und Herr Frithiof fühlte sich geschlagen. Seine Liebe war grenzenlos, aber er sah keine Möglichkeit, seine Hindin durch die Koppel zu führen, die Haus und Hof bewachte; die würde sie sicher in Stücke reissen.

Nach diesem Gespräch überliess er sich einer stillen Verzweiflung.

Im Herbst zog der Gärtner fort, ohne dass man erfuhr, warum. Herr Frithiof war sechs Wochen lang untröstlich, denn er hatte seine erste und einzige Liebe verloren: nie würde er wieder lieben.

 

So verging der Herbst. Um die Weihnachtszeit liess sich der neue Kreisarzt in der Nachbarschaft nieder. Er hatte erwachsene Kinder, und da die Tanten immer krank waren, fingen sie an mit der Familie zu verkehren. Unter den erwachsenen Kindern befand sich auch ein Mädchen. Es dauerte nicht lange, bis Herr Frithiof sterblich in sie verliebt war. Er schämte sich zuerst, dass er der ersten untreu werde, bekehrte sich aber schnell zu der Ansicht, die Liebe müsse etwas Unpersönliches sein, da sie ihren Gegenstand wechseln könne; es schien eine Vollmacht zu sein, die auf den Inhaber ausgestellt ist.

Sobald diese neue Neigung von seinen Wächterinnen gewittert wurde, bat die Mutter ihren Sohn um ein Gespräch unter vier Augen.

– Du bist jetzt in den Jahren, begann sie, in denen sich ein Mann nach einer Frau umzusehen pflegt.

– Das ist bereits geschehen, liebe Mama, sagte er.

– Ich fürchte, du hast dich übereilt, sagte sie. Das Mädchen, das du gewählt haben willst, besitzt nicht die moralischen Grundsätze, die ein gebildeter Mann verlangen muss.

– Was? Amaliens moralische Grundsätze! Wer hat etwas gegen die zu sagen?

– Ich will nichts Böses von ihr sagen, aber ihr Vater ist, wie du weisst, ein Freidenker ...

– Es freut mich, dass ich mit einem Mann verwandt werde, der frei denkt, ohne auf Interessen Rücksicht zu nehmen.

– Lassen wir ihn; aber, Frithiof, du hast ältere Verpflichtungen.

– Was? Sollte ...

– Ja, du hast mit Luises Herz gespielt ...

– Meinst du die Cousine?

– Ja! Habt ihr euch nicht seit der Kindheit als ein künftiges Paar betrachtet? Glaubst du nicht, dass sie ihre Hoffnung und ihre Zukunft auf dich gesetzt hat?

– Ihr, ihr habt mit uns gespielt, habt uns zusammen gehetzt, nicht ich! antwortete der Sohn.

– Aber denk doch an deine alte Mutter und deine Schwestern, Frithiof. Willst du in dieses Haus, das immer unser aller Heim gewesen ist, ein wildfremdes Mädchen bringen, das das Recht besitzt, über uns zu befehlen.

– Das ist also der Grund! Luise ist zur Herrin auserkoren!

– Niemand ist auserkoren, aber eine Mutter hat immer das Recht, die künftige Frau ihres Sohnes auszuwählen, und niemand kann das so gut wie sie. Zweifelst du an meinen guten Absichten? Sag, kannst du deine eigene Mutter in Verdacht haben, dass sie dir schaden will?

– Nein, das kann ich nicht, aber ich – liebe Luise nicht; ich habe sie gern wie eine Schwester, aber ...

– Lieben? Ach die Liebe ist ein so unbeständiges Ding. Auf die kann man sich nicht verlassen, die verschwindet wieder, aber Freundschaft, Übereinstimmung in Ansichten und Gewohnheiten, gemeinsame Interessen, genaue Bekanntschaft mit einander bilden die beste Garantien für das eheliche Glück. Luise ist ein tüchtiges Mädchen, häuslich und ordentlich, und sie wird dein Heim so glücklich machen, wie du es nur wünschen kannst.

Frithiof sah keine andere Aussicht, für dieses Mal noch loszukommen, als dadurch, dass er um Bedenkzeit bat.

Inzwischen wurden die Damen auf einmal so gesund, dass sie keinen Arzt mehr nötig hatten. Der Doktor machte doch noch einen Besuch, wurde aber wie ein Einbrecher empfangen, der Schlösser und Riegel auskundschaften wollte. Er war ein scharfsichtiger Mann und sah sofort, wie es bestellt war. Frithiof machte einen Gegenbesuch, wurde aber als falscher Angeber aufgenommen. Damit war es aus mit dem Verkehr.

 

Frithiof wurde mündig.

Jetzt begann man Sturm zu laufen. Die Tanten krochen vor ihm und zeigten dem neuen Herrn ihre Unentbehrlichkeit, indem sie ihn wie ein unverständiges Kind behandelten. Die Schwestern zeigten sich mütterlicher als je, und Luise begann Toilette zu machen. Sie schnürte sich und brannte sich das Haar. Sie war durchaus kein hässliches Mädchen, aber sie hatte einen kalten Blick und eine scharfe Zunge.

Für Frithiof war sie gleichgültig, geschlechtslos; er hatte nie das Mädchen in ihr gesehen. Jetzt aber, nachdem die Mutter von ihr gesprochen, fühlte er sich verlegen in ihrer Nähe, besonders da sie zu kleben anfing. Er traf sie überall, auf der Treppe, im Garten, sogar im Stall. Eines Morgens, als er noch zu Bett lag, kam sie auf sein Zimmer, um Stecknadeln zu holen; sie trug einen Frisiermantel und spielte die Schüchterne.

Sie begann ihm widrig zu werden, aber doch beschäftigte sie seine Gedanken.

Inzwischen erneuerte die Mutter ihre Gespräche mit dem Sohn, und Tanten und Schwestern spielten unaufhörlich auf die erwartete Hochzeit an.

Das Leben wurde dem jungen Mann unerträglich. Er sah keinen Ausweg aus diesem Netz. Luise war wohl etwas anderes für ihn geworden als die Schwester und die Kameradin, aber sie war ihm darum nicht lieber geworden; doch indem er an die Möglichkeit einer ehelichen Verbindung dachte, war sie für ihn schliesslich zum Weib geworden, zwar zu einem unsympathischen, aber doch zu einem Weib. Die Heirat bedeutete immerhin eine Veränderung seiner Stellung und vielleicht eine Rettung aus der Knechtschaft. Er bekam im ganzen Kirchspiel kein anderes Mädchen zu sehen, und sie war vielleicht ebenso gut oder ebenso schlecht wie eine andere.

Schliesslich ging er zur Mutter und sagte ihr, unter welchen Bedingungen er sich mit Luise verheiraten wolle: eigener Haushalt im Flügelgebäude und eigener Tisch; auch solle die Mutter für ihn freien, denn das könne er nicht über sich gewinnen.

Der Kompromiss wurde angenommen, und man führte Luise herein, um Frithiofs Umarmung und schüchternen Kuss zu empfangen. Sie weinten alle beide; warum sie weinten, wussten sie nicht; aber sie schämten sich vor einander den ganzen Tag über bis zum Abend.

Dann war alles wie vorher zwischen ihnen, aber die Mütterlichkeit der Tanten und Schwestern kannte jetzt keine Grenzen mehr. Sie richteten den Flügel ein, stellten die Möbel auf, verteilten die Zimmer, bestimmten alles. Frithiof wurde nicht gefragt.

Dann begann man die Hochzeit zu rüsten. Alte Verwandte, die in der Provinz begraben waren, wurden aufgesucht und als Trauzeugen geladen.

Die Hochzeit fand statt.

Am Morgen nach der Hochzeit war Herr Frithiof früh auf den Beinen. Er verliess die Schlafstube so schnell wie möglich, indem er vorgab, eine wichtige Arbeit auf dem Felde verrichten zu müssen. Luise, die noch schläfrig war, hatte nichts dagegen einzuwenden; aber gerade als er gehen wollte, sagte sie:

– Du vergisst doch nicht, dass um elf Uhr Frühstück ist.

Das sagte sie wie einen Befehl.

Er ging in sein Zimmer, zog Jagdrock und Wasserstiefel an und nahm seine Flinte, die er in einem Schrank versteckt hielt. Dann ging er in den Wald.

Es war ein schöner Oktobermorgen mit Rauhreif. Er ging sehr schnell, als fürchte er, zurückgerufen zu werden, oder als fliehe er vor etwas. Die frische Waldluft wirkte wie ein Bad. Er fühlte sich frei, und es war das erste Mal, dass er seine Freiheit benutzte, um mit der Flinte auszugehen. Aber diese körperliche Freiheit war nur vorübergehend. Bisher hatte er wenigstens sein Schlafzimmer für sich gehabt. Über seine Gedanken am Tage und seine Träume bei Nacht hatte er geherrscht. Das war aus. Besonders quälte ihn der Gedanke, das gemeinsame Schlafzimmer sei etwas Garstiges. Jede Scham wurde wie eine Maske abgeworfen, jedes Feingefühl abgelegt, jede Illusion von dem „hohen Ursprung“ des Menschen zerstört; nur das Tier vor sich zu haben, war zu viel für ihn, da er ja von Idealisten erzogen war. Nie hätte er geglaubt, dass die Heuchelei des Zusammenlebens so gross sein könne, und dass nur die Furcht vor den Folgen der Kern des unsagbar Weiblichen sei. Wenn es aber die Tochter des Arztes oder des Gärtners gewesen wäre? Dann wäre die Einsamkeit mit ihr eine Seligkeit gewesen, während sie jetzt bedrückte und unschön war; dann hätte die rohe Begierde, eine Neugier und ein Bedürfnis zu befriedigen, die Form eines Rausches angenommen, der wie der Rausch mehr seelisch als körperlich war.

Er streifte durch den Wald, ohne ein Ziel zu haben, ohne zu wissen, was er schiessen solle; er empfand nur eine dunkle Lust, die Flinte knallen zu hören und ein Tier fallen zu sehen; aber er erblickte nichts. Die Vögel waren schon fortgezogen. Nur ein Eichhörnchen hüpfte auf einem Kiefernstamm herum und guckte ihn mit seinen Glotzaugen an. Er warf die Flinte an die Backe und drückte ab; aber das schnelle Tier war schon auf der andern Seite des Stammes, als die Hagelkörner einschlugen. Doch machte der Knall einen angenehmen Eindruck auf seine Nerven.

Er verliess den Fusssteig und ging in den Niederwald. Wo er einen Pilz aufragen sah, trat er ihn entzwei. Er war in einer rechten Zerstörungslaune. Er sehnte sich danach, eine Schlange zu sehen, um sie zu zertreten oder einen Schuss auf sie abzugeben.

Dann aber überkam ihn der Gedanke, dass er heim müsse, und dass es sein Hochzeitsmorgen sei. Die Vorstellung, welche zudringlichen Blicke er auszuhalten haben werde, wirkte so stark auf ihn, als solle er für ein Verbrechen entlarvt werden, ein Verbrechen gegen die Sitte und, was mehr war, gegen die Natur. Er wäre am liebsten aus der Welt geflohen, aber wie sollte er das anfangen?

Schliesslich wurden die Gedanken müde, immer dieselben Kreise zu ziehen, und er hatte zuletzt nur noch die eine Empfindung, dass er hungrig sei. Er ging daher nach Haus, um Frühstück zu essen.

Als er auf den Hof kam, standen alle Hochzeitsgäste, die übernachtet hatten, auf der Treppe des Vorbaus und begrüssten ihn mit scherzhaften Hurrarufen. Mit unsicheren Schritten ging er über den Hof und hörte mit schlecht verborgenen Gefühlen die scherzhaften Fragen der Gäste nach seinem Befinden an. Er riss sich von ihnen los und eilte ins Haus, ohne zu bemerken, dass seine Frau in der Gruppe stand und darauf wartete, dass er sie begrüsse.

Am Frühstückstisch machte er eine Folter durch, die er glaubte nie wieder vergessen zu können: die Stichelreden der Gäste stachen ihn und die Liebkosungen seiner Frau brannten ihn. Sein Freudentag war der widrigste, den er erlebt hatte.

 

Als einige Monate vergangen waren, hatte sich die junge Frau als Herrin im Hause eingerichtet, unter dem Beistand von Tanten und Schwestern. Frithiof blieb immer der Jüngste und Unverständigste. Man fragte ihn um Rat, befolgte seine Ratschläge aber nicht; man sorgte immer noch für ihn, als sei er noch ein Kind. Dass er mit seiner Frau allein ass, erwies sich bald als unmöglich, denn er schwieg eigensinnig; Luise hielt es nicht aus, sondern musste einen Blitzableiter haben: eine Schwester zog in den Flügel.

Mehrere Male machte Frithiof den Versuch, sich zu emanzipieren, wurde aber immer von der Übermacht zurückgeschlagen; ihrer waren zu viele, und sie redeten so lange auf ihn ein, bis er in den Wald floh.

Die Abende wurden jetzt ein Schrecken für ihn. Er hasste die Schlafstube, ging dahin wie zum Richtplatz. Er wurde scheu und blieb für sich allein.

Sie waren ein Jahr verheiratet gewesen, ohne ein Kind zu bekommen, als die Mutter ihn eines Tages beiseite nahm, um mit ihm zu sprechen.

– Würdest du nicht erfreut sein, wenn du einen Sohn bekämst, fragte sie.

– Gewiss, antwortete er.

– Du bist nicht nett gegen deine Frau, sagte die Mutter so milde wie möglich.

Da brauste er auf.

– Was? Was? Habt ihr etwas auszusetzen? Verlangt man, dass ich tagewerken soll? Hm! Luise ist ganz anders, als ihr glaubt! Aber wen geht das etwas an? Formuliere die Anklage so, dass ich darauf antworten kann.

Nein, dazu hatte die Mutter keine Lust!

Er entdeckte jetzt in seiner Einsamkeit, dass der Inspektor ein junger Mann sei, der gern Karten spielte und gern trank. Er suchte dessen Gesellschaft und vertrieb sich die Abende auf dessen Zimmer; kam spät in die Schlafstube, so spät wie möglich.

Eines Abends lag seine Frau noch wach und wartete auf ihn.

– Wo bist du gewesen? fragte sie scharf und bestimmt.

– Das geht dich nichts an, antwortete er.

– Es ist nicht angenehm, auf die Weise verheiratet zu sein. Wenn wir wenigstens ein Kind hätten.

– Das ist nicht meine Schuld!

– Meine auch nicht.

Und nun entspann sich ein Streit darüber, wessen Schuld es sei, und der dauerte zwei Jahre.

Da keiner den einfachen Ausweg einschlagen wollte, den sachverständigen Arzt zu fragen, kam es zu dem gewöhnlichen Ergebnis: der Mann wurde lächerlich und die Frau tragisch. Eine kinderlose Frau sei heilig, denn „Gottes“ Fluch ruhe aus unbekannten Gründen auf ihr. Dass „Gott“ sich so weit herablassen werde, einen Mann in den Bann zu tun, das konnten sich die Frauen nicht vorstellen.

Aber Herr Frithiof fühlte deutlich, dass ein Fluch auf seinem Dasein lag, denn es war düster und ungesund. Die Natur hatte zwei Geschlechter geschaffen, die einander unter gewissen Verhältnissen als Freunde suchen, aber unter andern Verhältnissen als Feinde auftreten. Er hatte das andere Geschlecht als Feind getroffen, und zwar als übermächtigen Feind.

Eines Tages fragte eine der Schwestern, während sie mit einer Näharbeit beschäftigt war, wie zufällig Frithiof, was das Wort Kapaun bedeute.

Er antwortete nicht, sah sie scharf an, fand aber, dass sie nicht Bescheid wusste, sondern wahrscheinlich gelauscht hatte und ihre Neugier nicht unterdrücken konnte.

Jetzt war sein Leben vergiftet. Er war lächerlich. Und er wurde misstrauisch. Alles, was er hörte und sah, brachte er in Zusammenhang mit dieser Beschuldigung. Schliesslich geriet er ausser sich und verführte ein Dienstmädchen.

Mit dem erwünschten Erfolg! Er wurde Vater!

Jetzt aber war Luise eine Märtyrerin und Frithiof ein Elender. An das letzte kehrte er sich nicht, denn seine Ehre war gerettet; es galt nämlich für eine Ehre, ohne Gebrechen zu sein, nicht für ein Glück.

Aber durch dieses Ereignis war Luises Eifersucht geweckt, und, seltsam, eine Art Liebe zu ihrem Mann begann zu erwachen. Eine Liebe, die ihm recht lästig wurde, denn sie äusserte sich in einem unermüdlichen Bewachen und einer nervösen Zudringlichkeit; zuweilen mit einem mütterlichen Wohlwollen, das keine Grenzen kannte. Sie wollte nachsehen, ob die Flinte geladen sei; sie bat ihn auf Knien, sich beim Ausgehen warm anzuziehen ... Im Hause war sie pedantisch, räumte und staubte den ganzen Tag; liess jeden Sonnabend scheuern, klopfte Teppiche und lüftete Kleider. Er hatte keine Ruhe mehr und konnte nie sicher sein, dass man ihn nicht aus seinem Zimmer jagte, um es reinzumachen.

Seine Arbeit füllte seine Zeit nicht aus, denn der Hof wurde von den Frauen verwaltet. Er begann Landwirtschaft zu studieren und wollte Verbesserungen einführen, wurde aber daran gehindert. Als er allein zu herrschen versuchte, machte man ihm jede Tätigkeit unmöglich.

Schliesslich wurde er müde. Er hatte längst zu sprechen aufgehört, weil er immer sicher war, dass man ihm widersprach. Durch Mangel an gleichdenkenden Kameraden und Unglücksgenossen wurde sein Verstand allmählich stumpf; sein Nervensystem war ruiniert; er vernachlässigte sein Aussehen und begann zu trinken.

Bald war er kaum noch zu Haus. Oft lag er betrunken im Gasthaus oder bei Bauern. Er trank mit jedem und ohne aufzuhören. Es war ihm eine Linderung, sein Gehirn durch Alkohol in Arbeit zu setzen, und dann konnte er sprechen. Es war schwer zu entscheiden, ob er trank, um mit jemand sprechen zu können, der nicht widersprach; oder ob er trank, um zu trinken.

Um sich Geld zu schaffen, verkaufte er an die Bauern heimlich Vorrechte oder Getreide, denn die Kassen wurden von den Frauen verwaltet. Schliesslich brach er in seine eigene Kasse ein und stahl.

Man hatte jetzt immer einen kirchlich gesinnten Inspektor, denn der letzte war wegen Trunksucht verabschiedet. Als man endlich, mit Hilfe des Pastors, so weit gekommen war, dass dem Gastwirt der Verkauf von Alkohol verboten wurde, begann Herr Frithiof mit den Knechten zu trinken. Skandal folgte auf Skandal.

Herr Frithiof wurde schliesslich ein ausgebildeter Trinker, der die Fallsucht bekam, wenn man ihm nicht etwas Starkes zu trinken gab.

Schliesslich musste er in eine Anstalt gebracht werden, um dort als unheilbar zu bleiben.

In hellen Zwischenstunden, wenn er sein Leben überschauen konnte, empfand er ein tiefes Mitleid mit allen jungen Mädchen, die an ungeliebte Männer verheiratet werden; er fühlte es um so tiefer, als er den ganzen Fluch, den die Vergewaltigung der Natur zur Folge hat, am eigenen Leibe erfahren hatte; und er war doch nur ein Mann.

Er suchte die Ursache zu seinem Unglück in der Familie als wirtschaftlicher Einrichtung; die verhindert ja, dass das Kind zur rechten Zeit für ein selbständiges Leben als Individuum frei wird.

Seine Frau klagte er niemals an, denn sie war wohl ebenso unglücklich wie er, ein Opfer derselben Missverhältnisse, die man mit dem Namen Gesetz ehrt.