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Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten

Chapter 19: Zweikampf
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About This Book

A linked set of twenty short narratives examines marriage and intimate relations from multiple angles, exposing power imbalances, jealousy, sexual desire, and social constraint. The stories shift between psychological interiority and stark observational realism, charting characters whose moral ambiguity and shifting roles complicate domestic expectations. Natural imagery and plain, often ironic description recur as tools to probe reproduction, gendered authority, and the consequences of personal choices. Together the pieces question sentimental or idealized views of conjugal life and underscore how social conventions, private impulses, and material circumstances shape intimate bonds.

Zweikampf

Sie war hässlich und darum wurde sie von den rohen jungen Männern, die eine schöne Seele unter einem hässlichen Äussern nicht zu schätzen wissen, übersehen. Aber sie war reich, und sie wusste, dass die Männer dem Geld der Frauen nachjagen; ob deshalb, weil alles Geld von den Männern erworben ist und diese daher das Kapital für ihr Geschlecht beanspruchen, oder aus anderen Gründen, das machte sie sich nicht klar. Da sie reich war, lernte sie allerhand, und da sie den Männern grosses Misstrauen und tiefe Verachtung zeigte, galt sie für eine begabte Dame.

Sie war zwanzig Jahre alt geworden. Die Mutter lebte noch, und sie wollte nicht fünf Jahre warten, bis sie über ihr Vermögen verfügen konnte. So wurden ihre Freundinnen eines Tages mit ihrer Verlobungskarte überrascht.

– Sie verheiratet sich, um einen Mann zu bekommen, sagten die einen.

– Sie verheiratet sich, um einen Bedienten zu haben und die Freiheit zu geniessen, sagten die andern.

– Wie dumm von ihr, sich zu verheiraten, sagten die dritten; sie weiss nicht, dass sie dann erst unmündig wird.

– Seid nicht bange, sagten wieder andere: sie wird mündig, obwohl sie sich verheiratet.

Wie sah er aus? Wer war er? Wo hatte sie ihn gefunden?

Er war ein junger Advokat, von weiblichem Aussehen, mit hohen Hüften, von schüchternem Wesen. Er war der einzige Sohn und von einer Mutter und einer Tante erzogen. Er hatte immer eine grosse Furcht vor jungen Mädchen gehabt und hasste die Leutnants, weil sie männlich auftraten und auf Bällen und Gesellschaften immer bevorzugt wurden. So war er.

Sie trafen sich auf einem Ball im Kurhaus. Er war spät gekommen und es waren keine Damen mehr für ihn übrig. Die jungen Mädchen antworteten ihr fröhliches, triumphierendes nein, wenn er kam, um sie aufzufordern; sie winkten ihm mit ihren Tanzkarten ab, als wollten sie eine zudringliche Fliege verscheuchen.

Verletzt, gedemütigt ging er hinaus und setzte sich auf die Veranda, um zu rauchen. Der Mond stand über den Linden des Parkes, und der Reseda duftete auf den Beeten. Durch die Fenster sah er, wie Paar nach Paar im Tanzsaal vorbeirauschte, während die wollüstigen Rhythmen des Walzers ihn beben liessen: das war das ohnmächtige Verlangen des Krüppels.

– Sitzen Sie hier allein, um zu schwärmen? hörte er eine Stimme ihn ansprechen. Und tanzen nicht?

– Warum tanzen Sie denn nicht, mein Fräulein, sagte er und sah auf.

– Weil ich hässlich bin und niemand mich haben will, antwortete sie.

Er betrachtete sie. Sie waren alte Bekannte, aber er hatte sich ihre Züge noch nie genauer angesehen. Sie war ausgesucht gekleidet, und ihre Augen drückten in diesem Augenblick einen solchen Schmerz aus, den Schmerz der Verzweiflung und der fruchtlosen Empörung gegen eine ungerechte Natur, dass er eine lebhafte Sympathie für sie empfand.

– Auch mich will niemand haben, sagte er. Aber die Leutnants haben ja Recht. In der natürlichen Auslese haben ja die Stärkeren und die Schöneren Recht. Sehen Sie nur ihre Schultern und Epauletts ...

– Pfui, wie Sie sprechen!

– Verzeihen Sie! Aber man wird bitter, wenn man einen ungleichen Kampf zu kämpfen hat! Wollen Sie vielleicht mit mir tanzen?

– Aus Barmherzigkeit?

– Ja, gegen mich!

Er warf seine Zigarre fort.

– Haben Sie empfunden, was es heisst, vom Schicksal gezeichnet, verworfen zu sein? Haben Sie empfunden, was es heisst, immer der Letzte zu sein? fing er wieder mit Wärme an.

– Ob ich das empfunden habe? Aber die Letzten bleiben nicht immer die Letzten, fügte sie mit Nachdruck hinzu. Andere Eigenschaften als nur Schönheit haben im Leben Wert.

– Welche Eigenschaften schätzen Sie denn bei einem Mann am höchsten?

– Güte, antwortete sie bestimmt. Denn diese Eigenschaft ist so selten bei einem Mann.

– Güte und Schwäche pflegen ja zusammen zu gehen, und die Frau liebt doch die Stärke beim Mann.

– Welche Frauen? Die rohe Kraft hat ihre Zeit gehabt, und da wir in der Zivilisation weiter gekommen sind, müssten wir doch so viel Verstand besitzen, dass wir die Muskelkraft und die Roheit nicht höher als das gute Herz stellen.

– Wir müssten! Ja, und doch! Sehen Sie nur den Tanz an!

– Die wahre Männlichkeit liegt für mich im Adel des Gefühls und in der Intelligenz des Herzens.

– Sie würden also einen Mann, den die ganze Welt schwach, feige nennt ...

– Was kümmere ich mich um die Welt! Und um das, was die Welt sagt!

– Wissen Sie, Sie sind ein ungewöhnliches Mädchen, sagte der Advokat, immer mehr interessiert.

– Durchaus nicht ungewöhnlich! Aber Ihr Männer seid so gewohnt, die Frauen für eine Art von Spielpuppen zu halten ...

– Welche Männer? Ich, mein Fräulein, habe seit der Kindheit zu der Frau aufgesehen als einer höheren Offenbarung der Gattung Mensch, und von dem Tage, an dem eine Frau mich liebte und ich sie wieder liebte, würde ich ihr Sklave sein.

Adele sah ihn lange und tief an. Dann sagte sie:

– Sie sind ein ungewöhnlicher Mann.

Nachdem die Beiden einander für ungewöhnliche Spezies der schlechten Gattung Mensch erklärt und sich über die Eitelkeit des Tanzvergnügens ausgelassen hatten, stellten sie Betrachtungen über die Melancholie des Mondes an. Dann gingen sie in den Tanzsaal, um an der Française teilzunehmen.

Adele tanzte ausgezeichnet, und der Advokat gewann sich ihr Herz vollständig, weil er wie ein „unschuldiges Mädchen“ tanze.

Nach der Française setzten sie sich wieder auf die Veranda.

– Was ist die Liebe? fragte Adele und sah den Mond an, als wolle sie eine Antwort vom Himmel haben.

– Die Sympathie der Seelen, flüsterte er mit einer Stimme, als komme sie vom Wind.

– Aber die Sympathie kann leicht in Antipathie umschlagen, wie es schon vorgekommen ist, fuhr Adele fort.

– Dann war es nicht die rechte Sympathie! Es gibt Materialisten, die sagen, die Liebe würde nicht vorhanden sein, wenn es nicht zwei Geschlechter gebe; und sie wagen zu behaupten, dass die sinnliche Liebe länger dauert als die andere. Ist es nicht niedrig, tierisch, in der Geliebten nur das Geschlecht zu sehen.

– Sprechen Sie nicht von den Materialisten.

– Doch, ich muss von ihnen sprechen, damit Sie verstehen, wie hoch ich meine Liebe zu einer Frau stelle, wenn ich eine lieben würde. Sie brauchte nicht schön zu sein; Schönheit vergeht. Ich würde einen guten Kameraden in ihr sehen, einen Freund. Ich würde mich nie schüchtern vor ihr fühlen wie vor einem Mädchen. Ich würde direkt auf sie losgehen, wie ich auf Sie losgehe und sagen: Wollen Sie meine Freundin fürs Leben werden? Und das würde ich sagen, ohne die Verlegenheit zu empfinden, die ein Freier fühlen muss, wenn er sich der, die er liebt, erklärt, weil seine Gedanken nicht rein sind.

Adele sah mit Entzücken auf den jungen Mann, der ihre Hand ergriffen hatte.

– Sie sind eine ideale Natur, sagte sie, und Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen. Sie bitten um meine Freundschaft, wenn ich Sie recht verstehe. Sie sollen sie haben, erst aber eine Prüfung. Wollen Sie zeigen, dass Sie eine Demütigung erleiden können, für die, welche Sie gern haben.

– Ob ich will? Sprechen Sie, und ich gehorche!

Adele nahm ihr Halsband aus getriebenem Gold ab, an dem ein Medaillon hing.

– Tragen Sie dies als ein Wahrzeichen unserer Freundschaft.

– Ich werde es tragen, sagte er etwas unsicher; aber man wird vielleicht sagen, dass wir verlobt sind.

– Und das fürchten Sie?

– Nein, wenn du es willst! Willst du?

– Ja, Axel! ich will es; denn die Welt erlaubt keine Freundschaft zwischen Mann und Weib; die Welt ist so erbärmlich, dass sie nicht an ein reines Verhältnis zwischen Personen verschiedenen Geschlechts glaubt.

Und er trug seine Kette.

Die Welt, die unter vier Augen sehr materialistisch ist, sagte wie die Freundinnen:

– Sie verheiratet sich, um sich zu verheiraten; er, um sie zu besitzen.

Die Welt machte auch hässliche Anspielungen, er nehme sie ums Geld, da er selber erklärte, etwas so Niedriges wie Liebe existiere nicht zwischen ihnen; Freundschaft zwinge ja niemand, dieselbe Schlafstube zu benutzen, wie Verheiratete zu tun pflegen.

Sie verheirateten sich. Die Welt hatte einen Wink bekommen, sie würden wie Geschwister leben, und die Welt wartete mit einem boshaften Grinsen ab, wie die grosse Reform, welche die Ehe umschaffen sollte, ablaufen würde.

Die Neuvermählten reisten ins Ausland.

Als die Neuvermählten zurückkehrten, war die Frau blass und schlechter Laune. Sie begann sofort Reitstunden zu nehmen. Die Welt witterte Unrat und wartete. Der Mann sah aus, als habe er etwas Hässliches begangen und schäme sich. Es wurde schliesslich festgestellt.

– Sie haben im „Geschwisterbett“ geschlafen, sagte die Welt.

– Es wird wohl ein Geschwisterkind sein, sagten die Freundinnen.

– Und ohne Liebe? Aber das ist ja – Ja, was ist es?

– Verbotene Verwandtschaft! sagten die Materialisten.

– Es ist eine geistige Ehe.

– Oder Blutschande, sagte ein Anarchist.

An der Tatsache war nichts zu ändern, aber die Sympathie der Seelen begann abzunehmen. Die verhasste Wirklichkeit brach ein, um sich zu rächen.

Der Advokat übte seinen Beruf aus, und die Frau liess ihren Beruf von einer Amme und einer Magd ausüben. Daher hatte sie keine Beschäftigung. Die Beschäftigungslosigkeit gab ihren Gedanken Gelegenheit, sich zu entwickeln, und sie begann über ihre Stellung nachzudenken. Sie fand sie nicht befriedigend. War es eine Tätigkeit für eine begabte Frau, nichts zu tun?

Der Mann wagte ein Mal eine Bemerkung, sie sei doch nicht gezwungen, nichts zu tun! Aber er wiederholte sie nie mehr.

– Sie habe keine Tätigkeit.

– Nein, beschäftigungslos sein sei keine Tätigkeit. Warum gebe sie dem Kind nicht die Brust.

– Die Brust geben? Sie wolle etwas haben, an dem sie verdiene.

– Sei sie denn geizig? Sie habe ja mehr, als sie verbrauche; warum sollte sie denn Geld verdienen?

– Um es ihm gleich zu tun.

– Gleich könnten sie nie werden, denn sie werde immer eine Stellung einnehmen, die er nie erreichen könne. Die Natur habe es so eingerichtet, das die Frau Mutter werde, der Mann aber nicht.

– Das sei dumm!

– Es hätte ja auch umgekehrt sein können, aber das wäre ebenso schlimm gewesen.

– Ja, aber dieses Leben werde unerträglich. Sie könne nicht nur für die Familie leben, sie wolle auch für andere leben.

– Sie solle nur erst mit der Familie anfangen; später könne man immer noch an die andern denken.

Das Gespräch hätte Ewigkeiten dauern können, aber eine gute Stunde dauerte es doch.

Der Advokat war natürlich fast den ganzen Tag fort, und wenn er nach Haus kam, hatte er Sprechstunde. Dann wollte Adele verzweifeln. Er schloss sich mit andern Frauen ein, und die machten ihm vertrauliche Mitteilungen, die er ihr nicht weiter erzählen durfte. Immer standen Geheimnisse zwischen ihnen, und sie fühlte, dass er ihr überlegen war.

Ein dumpfer Hass begann bei ihr zu wachsen, ein Hass gegen das Ungerechte in diesem Verhältnis; sie suchte nach einem Mittel, um ihn hinunter zu ziehen. Hinunter musste er, damit sie beide auf gleiche Höhe kamen.

Eines Tages machte sie den Vorschlag, eine Heilanstalt zu gründen. Er riet ab, weil er mit seiner Praxis genug zu tun habe. Dann aber dachte er, es wäre gut, wenn sie eine Beschäftigung bekomme; dann würde sie ruhiger werden.

Sie bekam ihre Anstalt, und er trat mit ihr in die Direktion ein.

Sie sass nun in der Direktion und herrschte. Als sie ein halbes Jahr regiert hatte, fühlte sie sich so bewandert in der ärztlichen Kunst, dass sie auf eigene Hand Ratschläge gab und Auskünfte erteilte.

– Das sei keine Kunst, meinte sie!

Einmal hatte der Arzt der Anstalt einen Irrtum begangen, und seitdem besass sie kein Vertrauen mehr zu ihm. Die Folge war, dass sie eines Tages im Gefühl ihrer natürlichen Oberhoheit, als er abwesend war, selber ein Rezept schrieb. Das Rezept wurde ausgefertigt, auch vom Patienten eingenommen, jedoch mit tödlichem Ausgang.

Man musste sofort nach einer andern Stadt ziehen. Damit aber war das Gleichgewicht gestört. Noch mehr wurde es gestört durch einen neuen Erben, der zur Welt kam. Auch hatte sich das Gerücht von dem fatalen Ereignis verbreitet.

Traurig und unschön war das Verhältnis zwischen den Gatten geworden, denn die Liebe war ja nicht vorhanden gewesen. Der gesunde starke Naturtrieb, der nicht überlegt, fehlte; so blieb nur ein unangenehmes Konkubinat übrig, das auf den unsicheren Berechnungen der selbstsüchtigen Freundschaft beruhte.

Was jetzt in ihrem brennenden Kopf vorging, nachdem sie entdeckt hatte, welchen Irrtum sie begangen, als sie etwas angeblich Höheres suchte, davon sprach sie nicht, aber der Mann musste es fühlen.

Ihre Gesundheit begann schwächer zu werden, sie verlor den Appetit und wollte nicht ausgehen. Sie magerte ab und fing an zu husten. Der Mann liess sie mehrere Male untersuchen, aber der Arzt konnte die Ursache der Krankheit nicht finden. Schliesslich gewöhnte er sich so an das ständige Klagen, dass er nicht mehr darauf achtete.

– Es ist unangenehm, eine kranke Frau zu haben, sagte sie.

Er gab es innerlich zu, dass es kein Vergnügen sei; wenn er sie aber geliebt hätte, würde er das nie empfunden noch zugegeben haben.

Sie nahm so ab, dass es zu merken war, und er musste schliesslich ihren Entschluss, zu dem berühmten Professor zu reisen, gutheissen.

Adele reiste zu dem Professor.

– Wie lange sind Sie krank gewesen? fragte er.

– Ich bin nie recht gesund gewesen, seit ich das Land verlassen habe, denn auf dem Lande bin ich aufgewachsen.

– Sie fühlen sich also in der Stadt nicht wohl?

– Wohl? Wer kümmert sich darum, ob ich mich wohl fühle oder nicht, antwortete sie und machte ein Märtyrergesicht.

– Glauben Sie, dass die Landluft Ihnen gut bekommen würde? fragte der Professor.

– Ich glaube, es ist das einzige, was mich retten könnte, wenn ich aufrichtig sein soll.

– Dann ziehen Sie doch aufs Land!

– Aber mein Mann kann doch nicht meinetwegen seinen Beruf aufgeben.

– Er ist ja reich verheiratet, und Advokaten haben wir genug.

– Sie meinen also, Herr Professor, dass wir aufs Land ziehen müssen?

– Ja, wenn Sie glauben, dass es Ihnen nützen wird. Ich sehe keine andere Krankheit als sogenannte Nervosität und glaube, die Landluft würde Ihnen gut bekommen.

Adele kam niedergeschlagen nach Haus.

– Nun?

– Der Professor habe sie zum Tode verurteilt, wenn sie in der Stadt bleibe.

Der Advokat geriet ausser sich. Da er aber nicht verbergen konnte, dass er hauptsächlich deshalb ausser sich war, weil er seine Praxis aufgeben musste, erhielt sie einen sicheren Beweis, dass er sich nicht im geringsten um das Leben seiner Frau kümmere.

– Er glaube nicht, dass ihr Leben auf dem Spiel stehe? Verstehe der Professor das nicht besser als er? Wolle er sie sterben lassen?

Das wollte er wirklich nicht, und darum wurde ein Landgut gekauft. Ein Inspektor sollte es verwalten.

Da ein Landrat und ein Amtsvorsteher vorhanden waren, hatte der Advokat keine Beschäftigung. Die Tage wurden ihm endlos lang, und er führte kein angenehmes Dasein. Da seine Einkünfte mit seiner Praxis aufgehört hatten, musste er von den Zinsen seiner Frau leben. Das erste halbe Jahr las er und spielte Fortuna. Im zweiten Halbjahr hörte er mit dem Lesen auf, da er keinen Zweck darin sah. Im dritten fing er an zu sticken.

Aber seine Frau warf sich sofort auf die Landwirtschaft, ging selber mit bis zu den Knien gerafften Röcken in den Stall, kam schmutzig ins Haus, roch nach der Kuh. Sie fühlte sich wohl und kommandierte die Leute herum, das es eine Lust war, denn sie war auf dem Lande aufgewachsen und verstand sich darauf.

Als sich ihr Mann über Beschäftigungslosigkeit beklagte, antwortete sie:

– Such dir doch etwas. In einem Hause braucht man nicht beschäftigungslos zu sein.

Er wollte mit der Tätigkeit ausser dem Hause kommen, aber er hütete sich.

Er ass, schlief, ging spazieren. Kam er in die Scheune oder in den Stall, war er immer im Wege und bekam Schelte von seiner Frau.

Als er eines Tages mehr als gewöhnlich geklagt und gleichzeitig die Kinder von den Mädchen ohne Aufsicht gelassen waren, sagte seine Frau:

– Sieh nach den Kindern, da hast du etwas zu tun.

Er sah zu ihr auf, ob es ihr Ernst sei.

Ja, warum sollte er nicht nach seinen eigenen Kindern sehen können? Sei das so merkwürdig?

Er dachte genau nach und fand wirklich nichts Merkwürdiges dabei.

So ging er täglich mit den Kindern spazieren.

Eines Morgens, als sie ausgehen wollten, waren die Kinder nicht angezogen. Der Advokat wurde böse und ging zu seiner Frau, da er sich vor den Mägden fürchtete.

– Warum sind die Kinder nicht angezogen? fragte er.

– Weil Marie etwas anderes zu tun hat! Zieh du sie doch an, du hast ja nichts zu tun. Es ist doch keine Schande, seine eigenen Kinder anzuziehen?

Er überlegte eine Weile, konnte aber nicht sehen, dass es eine Schande sei. Er zog sie also an.

Eines Morgens machte es ihm Spass, allein auszugehen und die Flinte mitzunehmen, obwohl er niemals schoss.

Als er nach Haus kam, empfing seine Frau ihn.

– Warum bist du heute nicht mit den Kindern spazieren gegangen? sagte sie mit scharfer vorwurfsvoller Stimme.

– Weil es mir heute keinen Spass machte!

– Spass machte? Macht es mir Spass, den ganzen Tag in Stall und Scheune zu arbeiten? Etwas Nützliches kann man wohl für sich tun, ohne dass es einem Spass macht.

– Für sich? Für sein Essen, meinst du vielleicht.

– Für was es auch sei, meine ich. Und ich finde wirklich, ein alter Mann wie du sollte sich schämen, auf einem Sofa zu liegen und nichts zu tun.

Er schämte sich wirklich, und jetzt wurde er als Kindermädchen angestellt. Pünktlich tat er seine Pflicht. Er fand nichts Unrichtiges darin, aber er litt darunter. Es sei etwas verkehrt, meinte er, aber seine Frau verstand immer, es nach der rechten Seite zu kehren.

Die Frau sass im Kontor und empfing Inspektor und Grossknecht; sie stand im Speicher und wog ab für die Instleute. Alle, die auf den Hof kamen, wollten die Frau sprechen, aber niemand den Herrn.

Auf einem Spaziergang kam er eines Tages auf eine Wiese, auf der Vieh weidete. Er wollte den Kindern die Kühe zeigen, und führte sie behutsam an die weidende Herde heran. Plötzlich guckte ein schwarzer Kopf über die Rücken der andern Tiere und sah unter schwachem Brüllen den Besuch an.

Der Advokat nahm die Kinder auf den Arm und lief, so schnell er konnte, bis an den Zaun zurück. Dort angelangt, warf er die Kinder über den Zaun und wollte selber hinüberspringen, blieb aber hängen. Da er einige Frauen drüben erblickte, schrie er ihnen, so laut er konnte, entgegen:

– Der Stier, der Stier!

Aber die Frauen lachten und hoben die Kinder auf, die im Graben übel zugerichtet waren.

– Sehen Sie den Stier nicht! schrie er.

– Nein, es ist kein Stier, sagte die älteste Frau. Der wurde vor vierzehn Tagen geschlachtet.

Er kam beschämt und böse nach Haus. Beklagte sich bei seiner Frau über die Leute. Sie lachte nur.

Als die beiden Gatten am Nachmittag allein im Saal sassen, klopfte es an die Tür.

– Herein! rief sie.

Eine Frau, die dem Abenteuer mit dem Stier beigewohnt hatte, trat ein und hielt in der Hand das Halsband des Advokaten.

– Das gehört sicher der gnädigen Frau, sagte sie zögernd.

Adele sah zuerst das Weib an, dann ihren Mann, der mit aufgerissenen Augen seine Kette betrachtete.

– Nein, das gehört dem Herrn! sagte sie und nahm der Frau das Halsband ab. Hab Dank! Der Herr gibt dir wohl Finderlohn.

Der sass blass und unbeweglich da.

– Ich habe kein Geld, wende dich an meine Frau, sagte er und nahm das Halsband.

Seine Frau holte eine Krone aus ihrer grossen Geldtasche und reichte es dem Weibe, das sich entfernte, augenscheinlich, ohne etwas zu begreifen.

– Das hättest du mir doch ersparen können! sagte er schmerzlich.

– Bist du nicht Manns genug, für deine Worte und Handlungen einzutreten? Schämst du dich, ein Geschenk von mir zu tragen, während ich deine trage? Eine Memme bist du! Und das will ein Mann sein!

Seit diesem Tag war der Friede des Mannes aus. Wohin er kam, kicherten Gesichter, und Mägde wie Knechte konnten hinter den Ecken „Der Stier! Der Stier!“ rufen, wenn er vorbeiging.

 

Die Frau wollte nach einer Auktion reisen und acht Tage fortbleiben. Der Mann sollte während der Zeit ein Auge auf die Leute haben.

Am ersten Tag kam die Köchin und bat um Geld für Zucker und Kaffee. Er gab es ihr. Drei Tage später kam sie wieder und verlangte noch einmal Geld für Zucker und Kaffee. Er drückte sein Erstaunen aus, dass das erste Geld schon verbraucht sei.

– Ich esse es nicht allein auf, sagte die Köchin. Und die gnädige Frau hat nie etwas auszusetzen.

Er gab ihr das Geld. Aber neugierig, ob er wirklich Unrecht habe, schlug er das Haushaltungsbuch auf und begann zu addieren.

Er erhielt eine merkwürdige Summe bei den beiden Posten. Als er für einen Monat alle Pfunde zusammenzählte, ergaben sie ein Liespfund.

Er setzte seine Forschungen fort und kam überall zu ähnlichen Resultaten. Er ging zum Hauptbuch über und fand ausser den hohen Ziffern auch dumme Fehler beim Addieren. Augenscheinlich konnte seine Frau weder benannte Zahlen noch Dezimalbrüche. Diese unerhörte Betrügerei der Dienstboten musste jedenfalls zum Untergang des Hauses führen.

Seine Frau kam nach Haus. Er musste den Auktionsbericht bis zum Ende anhören. Darauf räusperte er sich und dachte anzufangen, aber seine Frau nahm den Faden selber auf:

– Nun, wie bist du mit den Mägden fertig geworden?

– Ich bin sehr gut mit ihnen fertig geworden, aber sie sind bestimmt nicht ehrlich.

– Sie sind nicht ehrlich?

– Nein, zum Beispiel sind die Posten für Zucker und Kaffee zu gross.

– Wie weisst du das?

– Ich habe es im Haushaltungsbuch gesehen.

– Was, du schnüffelst in meinen Büchern.

– Schnüffelst? Nein, es machte mir Spass, nachzuforschen ...

– Was hast du damit zu schaffen?

– Und ich fand, dass du Bücher führst, ohne benannte Zahlen noch Brüche zu können.

– Was? Kann ich das nicht?

– Nein, das kannst du nicht! Und darum ist das ganze Haus unterminiert. Deine Buchführung ist Humbug, meine Alte, das ist sie!

– Wen geht es etwas an, wie meine Bücher aussehen?

– Das Gesetz bestraft falsche Buchführung; wenn nicht dich, so mich.

– Das Gesetz? Ich pfeife auf das Gesetz!

– Ja, das glaube ich, aber fassen tut es uns doch, das heisst mich. Und deshalb will ich künftighin die Bücher selber führen.

– Wir können einen Buchhalter nehmen!

– Nein, das ist nicht nötig! Ich habe ja sonst nichts zu tun.

Und dabei blieb es.

 

Seit aber der Mann den Platz am Pult einnahm und die Leute zu ihm kamen, verloren Landwirtschaft und Viehzucht ihr Interesse für die Frau.

Eine heftige Reaktion trat ein, und sie sah bald weder nach Kühen noch nach Kälbern, sondern blieb im Hause sitzen. Da hockte sie, und neue Gedanken gärten in ihrem Gehirn.

Der Mann dagegen erwachte zu einem neuen Leben. Er warf sich auf die Landwirtschaft und rüttelte die Leute auf. Jetzt hatte er die Oberhand. Er schaltete und waltete, bestellte und bezahlte.

Eines Tages kam seine Frau aufs Kontor und bat um tausend Kronen für ein Klavier.

– Was denkst du? sagte der Mann. Jetzt, wo der Stall umgebaut werden soll! Dazu haben wir nicht die Mittel.

– Was soll das heissen, antwortete sie. Haben wir nicht die Mittel? Reicht mein Geld nicht.

– Dein Geld?

– Ja, meins, das ich in die Ehe gebracht habe.

– Das ist durch die Ehe Eigentum der Familie geworden.

– Das heisst deins.

– Nein, der Familie. Die Familie ist eine kleine Gemeinde, die einzige, die ein gemeinschaftliches Eigentum hat, mit dem Mann als Verwalter, in den gewöhnlichen Fällen.

– Warum soll er Verwalter sein und nicht die Frau?

– Weil er mehr Zeit hat, da er keine Kinder gebiert.

– Warum können nicht beide Verwalter sein?

– Aus denselben Gründen, aus denen eine Aktiengesellschaft nur einen geschäftsführenden Direktor hat. Würde die Frau auch verwalten, so würden es die Kinder ebenfalls wollen, da es auch ihr Eigentum ist.

– Das ist nur Spitzfindigkeit. Ich finde es hart, dass ich noch um Erlaubnis bitten soll, ob ich mir für mein eigenes Geld ein Klavier kaufen darf.

– Es ist nicht mehr dein Geld.

– Ist es denn deins?

– Nein, auch nicht meins, sondern das der Familie. Du musst auch nicht so falsch sein, und mich „um Erlaubnis bitten“; die Klugheit gebietet nur, dass du den Verwalter fragst, ob der Stand des Vermögens eine grosse Luxusausgabe zulässt.

– Ist ein Klavier denn ein Luxus?

– Ein neues Klavier, wenn man ein altes hat, kann Luxus sein. Nun ist der Stand des Vermögens schlecht, daher erlaubt der nicht, dass du jetzt ein neues Klavier kaufst, obwohl ich natürlich nichts dagegen haben kann noch will.

– Durch eine Ausgabe von tausend Kronen ruiniert man sich nicht.

– Doch man kann den Grund zu seinem Ruin legen, wenn man zur Unzeit für tausend Kronen Schulden macht.

– Das heisst, du weigerst dich also, mir ein neues Klavier zu kaufen?

– Nein, das will ich nicht sagen. Der unsichere Stand des Vermögens ...

– Wann, wann wird der Tag kommen, an dem die Frau ihr Vermögen selbst verwaltet und nicht mehr wie eine Bettlerin zu ihrem Mann zu kommen braucht?

– Wenn sie selber arbeitet. Ein Mann, dein Vater, hat dein Vermögen erarbeitet. Männer sind es, die alles Vermögen erarbeitet haben; darum, siehst du, ist es gerecht gewesen, dass die Schwester weniger erbt als der Bruder, zumal der Bruder mit der Pflicht, eine Frau zu ernähren, geboren wird, während die Schwester keinen Mann zu ernähren braucht. Verstehst du?

– Das ist also Gerechtigkeit: ungleich teilen! Ist es gerecht, ungleich zu teilen? Kannst du das bei deinem guten Kopf wirklich behaupten? Soll man nicht immer in gleiche Teile teilen?

– Nein, nicht immer. Man soll verhältnismässig oder nach Verdienst teilen. Der Faule, der im Gras liegt und zusieht, wie der Maurer baut, soll weniger haben als der Maurer.

– So, du sagst, ich sei faul!

– Hm! Es ist am besten, nichts zu sagen. Als ich aber auf dem Sofa lag und las, hieltst du mich für sehr faul, und ich will mich erinnern, dass du auch etwas ähnliches gesagt hast und zwar recht deutlich.

– Was soll ich denn tun?

– Geh mit den Kindern spazieren!

– Ich passe nicht für Kinder.

– Aber ich musste passen. Hör mal: eine Frau, die sagt, sie passe nicht für Kinder, ist keine Frau. Ein Mann ist sie auch nicht! Was ist sie denn?

– Pfui, pfui, dass du so von der Mutter deiner Kinder sprichst!

– Was sagt man von dem Mann, der nicht nach Frauen sieht? Sagt man nicht etwas sehr Hässliches von ihm?

– Ich will nichts mehr hören.

Und darum verliess sie das Zimmer und schloss sich ein.

Sie wurde krank. Der Arzt, der allmächtige, der die Körper übernommen, nachdem der Pastor die Seelen verloren, erklärte Landluft und Einsamkeit für ungesund.

Man musste also wieder in die Stadt ziehen, damit sich die Frau ärztlich behandeln lassen konnte.

Die Stadt hatte einen sehr guten Einfluss auf den Gesundheitszustand der Frau, und die Rinnsteinluft gab ihren Wangen Farbe.

Der Advokat suchte sich Praxis, und die Gatten hatten Ableiter für ihre Naturen, die sich nicht versöhnen konnten.