Der Assistent hatte nicht daran gedacht, nach dem Stand der Getreidepreise zu sehen, als er zum Major hinausfuhr, um zu freien; aber der Major hatte nachgesehen.
– Ich liebe sie, sagte der Assistent.
– Wieviel verdienst du? fragte der Alte.
– Zwölfhundert Kronen allerdings nur, aber wir lieben einander ...
– Das geht mich nichts an; zwölfhundert ist zu wenig.
– Und dann habe ich noch eine besondere Einnahme, und Luise kennt mein Herz ...
– Schwatz keinen Unsinn! Wie gross ist die besondere Einnahme?
– Wir haben uns zum ersten Mal getroffen auf ...
– Wie gross ist die besondere Einnahme?
Und er setzte den Bleistift an.
– Und meine Gefühle ...
– Wie gross ist die besondere Einnahme?
Und er zeichnete Krähenfüsse auf dem Löschpapier.
– Oh, es wird schon werden, wenn man nur ...
– Willst du mir antworten oder willst du nicht? Wie gross ist deine besondere Einnahme? Zahlen! Zahlen! Tatsachen!
– Ich habe Übersetzungen für zehn Kronen den Bogen, ich habe Schüler im Französischen, ich habe Zusagen für Korrekturlesen ...
– Zusagen sind keine Tatsachen! Zahlen, Junge, Zahlen! So, jetzt schreibe ich. Was hast du für eine Übersetzung?
– Was ich für eine Übersetzung habe? Das kann ich nicht so vom Fleck weg sagen.
– Das kannst du nicht so vom Fleck weg sagen? Du hast doch eine Übersetzung, sagst du: kannst du nicht sagen, was das für eine ist? Was ist das für ein Geschwätz?
– Ich habe Guizot, Geschichte der Kultur, fünfundzwanzig Bogen.
– Zu je zehn Kronen, gleich 250 Kronen. Und dann?
– Dann? Das weiss man doch nicht vorher!
– Ei ei, weiss man das nicht vorher? Aber das gerade soll man vorher wissen! Du glaubst, Heiraten ist nur Zusammenziehen und Spielen! Nein, mein Junge, in neun Monaten kommt ein Kind, und Kinder müssen Essen und Kleider haben!
– Es muss doch nicht sofort ein Kind kommen, wenn man einander liebt, wie wir uns lieben.
– Wie zum Teufel liebt ihr euch denn?
– Wie wir uns lieben!
Er legte die Hand auf den Aufschlag seiner Weste.
– Kommt kein Kind, wenn man einander liebt wie ihr! Bist du verrückt? Doch du sollst ein ordentlicher Mensch sein, und darum darfst du dich verloben; aber benutze deine Verlobungszeit, um dir Brot zu schaffen, denn es nahen schwere Zeiten: das Getreide steigt!
Der Assistent wurde ganz rot im Gesicht, als er die Schlussworte hörte, aber die Freude, sie zu bekommen, war so gross, dass er dem Alten die Hand küsste. Und Gott im Himmel, wie glücklich war er! Als sie zum ersten Male Arm in Arm die Strasse hinunterzogen, ging ein Leuchten von ihnen aus; und es war ihnen, als blieben die Menschen auf dem Trottoir stehen und bildeten Reihen, um ihnen auf ihrem Triumphzug das Ehrengeleit zu geben; und sie gingen dahin mit stolzen Blicken, hocherhobenen Kopfes und federnden Schrittes.
Und abends kam er zu ihr; und sie setzten sich mitten in den Saal und lasen Korrektur; sie las die Gegenkorrektur. Und der Alte dachte, das ist ein tüchtiger Kerl. Und als sie fertig waren, sagte er: Jetzt haben wir drei Kronen verdient! Und dann küssten sie sich. Und am nächsten Abend waren sie im Theater und fuhren nach Haus und das kostete zwölf Kronen.
Zuweilen, wenn er abends Unterricht geben sollte, liess er – was tut man nicht für die Liebe – die Stunde ausfallen und kam zu ihr. Und dann gingen sie spazieren.
Aber die Hochzeit rückte näher. Da hatte man etwas anderes zu tun. Sie sahen sich Möbel an. Mit dem Wichtigsten mussten sie beginnen. Luise wollte nicht dabei sein, wenn er das Bett kaufte, aber dann ging sie doch mit. Sie wollten zwei Betten haben, natürlich; die sollten nebeneinander stehen, damit sie nicht so viele Kinder kriegten, natürlich. Und Nussbaum musste es sein, jedes einzige Stück, echt Nussbaum. Und dann wollten sie rotgestreifte Matratzen mit Sprungfedern haben und mit Federn gestopfte Langkissen. Und jeder seine eigene Decke, aber gleiche natürlich, und Luise wollte ihre blau haben, denn sie war blond.
Dann gingen sie ins erste Warenhaus. Vor allem natürlich eine rote Ampel für die Schlafstube und eine Venus aus Biskuit. Und dann das Tischservice: sechs Dutzend Gläser von jeder Sorte mit geschliffenen Ecken; und dann Messer und Gabeln, gerieft und gezeichnet. Und schliesslich die Kücheneinrichtung. Da aber musste Mama mitgehen.
Und wieviel er zu tun hatte! Wechsel akzeptieren, zu Banken laufen, Handwerker suchen, Wohnung finden, Gardinen anbringen. Und er kriegte alles fertig. Seine Arbeit musste er allerdings liegen lassen; aber wenn er nur erst verheiratet wäre, dann würde er sie schon wieder aufnehmen!
Sie wollten nur zwei Zimmer haben, für den Anfang, sie wollten ja so verständig sein! Da man aber nur zwei Zimmer hatte, so konnte man sie wenigstens gut einrichten. Und er mietete zwei Zimmer mit Küche eine Treppe hoch in der Regierungsstrasse für sechshundert Kronen. Und als Luise bemerkte, sie hätten ebensogut drei Zimmer mit Küche vier Treppen hoch für fünfhundert Kronen haben können, wurde er etwas verlegen; aber was tut das, wenn man einander nur liebt. Ja, das meinte Luise auch, aber man könne sich in drei Zimmern für niedrigere Miete ebenso lieb haben als in vier für höhere. Ja, er sei dumm, das wisse er, aber das mache nichts aus, wenn man einander nur liebe.
Die Zimmer waren in Ordnung. Und die Schlafstube war wie ein kleiner Tempel. Und die beiden Betten standen nebeneinander wie zwei Equipagen. Und die Sonne schien auf die blaue Decke und die weissen, weissen Laken und auf die kleinen Kopfkissen, die von einer unverheirateten Tante mit Namen bestickt waren; es waren grosse blumige Buchstaben, die sich in einer einzigen Umarmung umschlangen und sich hier und dort küssten, wenn sie einander an den Ecken trafen. Und die junge Frau hatte ihren kleinen Alkoven für sich, vor dem ein japanischer Schirm stand. Und im Salon, der Esssaal, Arbeitszimmer und Wohnstube zugleich war, stand ihr Klavier (das zwölfhundert Kronen gekostet), stand sein Schreibtisch mit zehn Fächern („Nussbaum jedes einzige Stück“), standen die Pfeilerspiegel aus lauter Glas, Sessel, Büfett, Esstisch. „Es sieht aus, als wohnten vornehme Leute in dem Zimmer“; und sie konnten nicht verstehen, was man mit einem Esssaal machen sollte, der mit seinen Rohrstühlen immer ungemütlich war.
Und an einem Sonnabend war die Hochzeit! Und am Sonntagmorgen! Hei, welches Leben! Ist es nicht schön, verheiratet zu sein! Ist nicht die Ehe eine herrliche Erfindung! Man darf ja ganz tun, was man will, und dann kommen Eltern und Geschwister und gratulieren einem noch obendrein!
Die Schlafstube ist um neun Uhr morgens noch dunkel. Er will nicht die Läden öffnen, um das Tageslicht hereinzulassen, sondern steckt noch ein Mal die rote Ampel an, und die wirft ihren zauberischen Schein über die blaue Decke und die weissen Laken, die etwas zerknittert sind, und die Biskuit-Venus steht dort rosenrot und ohne Scham. Und dort liegt das Frauchen, so seelisch zerknirscht, aber so ausgeschlafen, als habe sie die erste Nacht ihres Lebens geschlafen. Und auf der Strasse rollen heute keine Wagen, denn es ist Sonntag, und die Glocken läuten zum ersten Male, so jubelnd, so hurtig, als riefen sie die ganze Welt zusammen, um den, der Mann und Weib geschaffen, zu loben und zu preisen. Und er flüstert der kleinen Frau ins Ohr, sie möge sich abwenden, denn er wolle hinausgehen und das Frühstück bestellen. Und sie steckt den Kopf in die Kissen. Und er schlüpft in den Schlafrock und geht hinter den Schirm, um sich einige Kleider anzuziehen.
Und dann kommt er in den Salon hinaus, und die Sonne hat eine grosse strahlende Bahn auf den Boden geworfen; und er weiss nicht, ob es Frühling, Sommer, Herbst oder Winter ist; er weiss nur, dass es Sonntag ist! Und er fühlt, wie seine Junggesellenzeit als etwas Garstiges und Dunkles entweicht, und in seiner Häuslichkeit spürt er einen Hauch vom alten Elternhaus und zugleich vom Heim seiner künftigen Kinder.
Hei, wie stark er ist! Die Zukunft empfindet er wie einen Berg, der ihm entgegen kommt! Er wird ihn anblasen und der Berg wird einstürzen wie Sand vor seinen Füssen; er wird über Schornsteine und Dachfirste dahinfliegen mit seinem Frauchen im Arm.
Und er liest seine Kleider zusammen, die er im Zimmer verstreut hat; und das weisse Halstuch findet er an einem Bilderrahmen: dort sitzt es wie ein weisser Schmetterling.
Und dann geht er in die Küche hinaus. Wie das neue Kupfer glänzt, wie die neuverzinnten Kasserollen leuchten! Das gehört ihm und ihr! Und er weckt das Mädchen, das im Unterrock aus ihrer Kammer kommt. Und er wundert sich, dass er ihre nackte Brust nicht sieht: sie ist geschlechtslos für ihn! Denn für ihn gibt es nur noch eine Frau! Er fühlt sich keusch wie ein Vater vor seinem Kind. Er gibt ihr den Auftrag, ins Restaurant hinunter zu gehen und ein Frühstück zu bestellen, sofort, aber brillant soll es sein. Porter und Burgunder! Der Wirt weiss schon Bescheid. Grüssen Sie nur von mir.
Und er geht an die Tür zum Schlafzimmer und klopft.
– Darf ich hereinkommen?
Ein leichter Aufschrei:
– Nein, Liebster, warte ein wenig!
Und dann deckt er selber. Als das Frühstück kommt, tischt er es auf ihren neuen Tellern auf. Und dann legt er die Servietten kunstgerecht zusammen. Und dann wischt er die Weingläser aus. Und dann stellt er das Brautbukett in ein Glas vor ihr Kuvert.
Als sie schliesslich in ihrem gestickten Morgenrock aus dem Schlafzimmer tritt, und die Sonne sie blendet, bekommt sie einen kleinen Ohnmachtsanfall, nur einen kleinen: er muss sie in den Sessel vorm Frühstückstisch setzen. Und sie muss einen kleinen Kümmelschnaps aus einem Likörgläschen trinken und dann ein Kaviarbrötchen essen.
– Oh, wie nett! Man kann ja machen, was man will, wenn man verheiratet ist! Was würde Mama sagen, wenn sie ihre Luise trinken sähe.
Und er tischt ihr auf und bedient sie, ganz als wäre sie noch seine Braut. Welches Frühstück nach einer solchen Nacht! Und niemand hat ein Recht, „etwas zu sagen“. Und es ist schön und gut, und man amüsiert sich mit dem allerschönsten Gewissen, und das ist das Beste von allem. Er hat wohl schon solch ein Frühstück genossen, aber welch ein himmelweiter Unterschied! Unruhe, Unlust hatte er damals empfunden: er wollte nicht mehr daran denken! Und als er nach den Austern ein Glas echten schwedischen Porter trinkt, kann er alle Junggesellen nicht genug verachten.
– Wie dumm die Menschen sind, die sich nicht verheiraten! Solche Egoisten! Man müsste sie besteuern wie Hunde!
Aber seine Frau wagt einzuwenden, so freundlich und bescheiden wie möglich:
– Es ist doch wohl schade um die armen Männer, dass sie nicht alle die Mittel haben, sich zu verheiraten, denn hätten sie die Mittel, würden sich wohl alle verheiraten!
Der Assistent fühlt einen Stich im Herzen und einen Augenblick wird ihm bange, als sei er zu übermütig gewesen. Sein ganzes Glück ruhte ja auf einer wirtschaftlichen Frage, und wenn, wenn ... Pah! Ein Glas Burgunder! Jetzt sollte gearbeitet werden! Sie würden schon sehen!
Und dann kommt ein gebratenes Birkhuhn mit Preiselbeeren und Gurken. Die junge Frau wird etwas bestürzt, aber es ist ja so nett.
– Lieber Ludwig, und sie legt ihr zitterndes Händchen auf seinen Oberarm, haben wir denn die Mittel dazu?
Sie sagt glücklicherweise „wir“!
– Pah, ein Mal ist kein Mal! Später können wir Kartoffeln und Hering essen!
– Isst du Kartoffel und Hering?
– Ich glaube, ja!
– Wenn du gekneipt hast und ein Beefsteak hinterher bekommst!
– Nicht schwatzen! Nein, Gesundheit! Das ist ein ausgezeichnetes Birkhuhn! Und dann Artischocken!
– Nein, aber du bist ja ganz verrückt, Ludwig! Artischocken, zu dieser Jahreszeit? Was müssen die kosten!
– Kosten? Sind sie nicht gut? Nun, das ist die Hauptsache. Und dann Wein! Mehr Wein! Findest du nicht, dass das Leben schön ist! Oh, es ist herrlich, herrlich!
Am Nachmittag um sechs Uhr stand eine Kalesche vor der Tür. Die junge Frau wäre beinahe böse geworden. Aber wie schön war es, so auf dem Rücksitz neben einander halb zu liegen und langsam nach dem Tiergarten zu schaukeln.
– Das ist ja ganz wie im selben Bett liegen, flüsterte Ludwig.
Sie schlug ihn mit dem Sonnenschirm auf die Finger.
Bekannte blieben auf dem Trottoir stehen und grüssten. Kameraden winkten mit der Hand, als sagten sie:
– Haha, du Schelm, du hast Geld bekommen!
Und wie klein die Menschen dort unten aussehen, wie glatt die Strasse war, wie leicht die Fahrt auf Federn und Polstern ging.
So müsste es immer sein!
Es dauerte einen ganzen Monat! Bälle, Besuche, Diners, Soupers, Theater. Aber dazwischen waren sie zu Hause. Da war es doch am besten! Wie herrlich, nach einem Souper seine Frau ihrem Papa und ihrer Mama fortzunehmen, gerade vor der Nase fortzunehmen, sie in einen geschlossenen Wagen zu setzen, die Tür zuzuwerfen, den Eltern zuzunicken und zu sagen:
– Jetzt fahren wir nach Haus zu uns! Und dort machen wir, was uns gefällt.
Und dann zu Hause einen kleinen Nachtschmaus einzunehmen und bis gegen Morgen dabei zu sitzen und zu plaudern!
Und zu Hause war Ludwig immer verständig. Wenigstens im Prinzip. Eines Tages wollte seine Frau ihn mit gesalzenem Lachs und Milchkartoffeln und Hafersuppe auf die Probe stellen. Oh, wie gut das schmeckte! Er habe die verwünschte Speisekarte satt.
Am nächsten Freitag, als es wieder gesalzenen Lachs geben sollte, kam Ludwig mit zwei Schneehühnern nach Haus! Er blieb in der Tür stehen und schrie:
– Kannst du dir denken, Luise, kannst du dir etwas so Unerhörtes denken?
– Nein, was denn?
– Du wirst es nicht glauben, wenn ich dir sage, dass ich ein Paar Schneehühner gekauft habe, selbst auf dem Markt gekauft habe, für – rate!
Seine Frau sah eher verstimmt als neugierig aus.
– Denk dir, eine Krone das Paar!
– Ich habe Schneehühner schon für achtzig Pfennige das Paar gekauft; aber (fügte sie versöhnend hinzu, um ihren Mann nicht ganz aus der Fassung zu bringen) es gab viel Schnee in jenem Winter!
– Ja, aber du musst doch jedenfalls zugeben, dass es billig ist.
Was würde sie nicht zugeben, um ihn froh zu sehen!
Abends aber hatten sie Grütze auf dem Tisch, um eine Probe zu machen. Nachdem Ludwig jedoch ein Schneehuhn gegessen hatte, bedauerte er sehr, dass er nun nicht mehr so viel Grütze zu essen vermöchte, wie er gern gewollt hätte, um ihr zu zeigen, dass er wirklich Grütze essen wolle. Und Grütze esse er gern, aber Milch sei ihm kaum möglich, nachdem er kaltes Fieber gehabt. Er könne Milch nicht hinunterbringen, aber Grütze wolle er jeden Abend essen, jeden einzigen Abend, damit sie nur nicht böse auf ihn werde.
Seitdem gab es nie mehr Grütze!
Als sechs Wochen vergangen waren, wurde die junge Frau krank. Sie hatte Kopfschmerzen und musste brechen. Es könne nur eine leichte Erkältung sein. Aber das Erbrechen hörte nicht auf. Hm! Konnte sie etwas Giftiges gegessen haben? War nicht das Kupfer neu verzinnt? Der Arzt wurde geholt. Er lächelte und sagte, es sei, wie es sein solle.
– Was ist, wie es sein soll? Etwas Tolles? Ach Unsinn! Das ist nicht möglich. Wie soll das möglich sein können? Nein, das sind die Tapeten in der Schlafstube; sicher ist Arsenik darin. Schicken wir sofort ein Stück nach der Apotheke zur Untersuchung!
Arsenikfrei, schrieb der Apotheker.
– Das ist doch merkwürdig! Kein Arsenik in den Tapeten?
Die junge Frau war noch immer krank. Er las in einem medizinischen Buch nach, und dann sagte er seiner Frau eine Frage ins Ohr.
– Siehst du, da haben wirs! Nur ein warmes Fussbad!
Vier Wochen später erklärte die Hebamme, alles sei, „wie es sein solle“.
– Wie es sein soll? Ja, natürlich, aber das kommt etwas schnell!
Da es nun einmal so war, oh wie schön das werden würde! Man denke nur, ein Kind! Hurrah! Sie sollten Papa und Mama werden! Wie sollte er heissen? Denn es musste ein Junge sein. Das war klar!
Jetzt aber nahm sie ihren Mann vor und sprach ernst mit ihm! Er hatte weder eine Übersetzung noch eine Korrektur gemacht, seit sie sich verheiratet hatten. Und der blosse Gehalt reichte nicht.
– Ja, man hat in Saus und Braus gelebt. Herr Gott, man ist eben nur ein Mal jung! Jetzt aber soll es anders werden!
Am nächsten Tag ging der Assistent zu seinem alten Freund, dem Aktuar, um dessen Bürgschaft für ein Darlehen zu erbitten.
– Wenn man im Begriff ist, Vater zu werden, siehst du, lieber Freund, muss man an die Ausgaben denken.
– Ganz mein Gedanke, lieber Freund, antwortete der Aktuar; darum habe ich nicht die Mittel gehabt mich zu verheiraten. Aber du bist so glücklich, die Mittel zu haben!
Der Assistent schämte sich, die Bürgschaft zu verlangen. Wie konnte er die Stirn haben, diesen Junggesellen zu bitten, ihm für sein Kind zu helfen? Diesen Junggesellen, der selber nicht die Mittel hatte, sich Kinder zu leisten! Nein, das konnte er nicht.
Als er zum Mittagessen nach Haus kam, erzählte seine Frau, es seien zwei Herren dagewesen, um ihn zu sprechen.
– Wie sahen sie aus? Waren sie jung? Trugen sie Gläser? Dann waren es bestimmt zwei Leutnants, alte gute Freunde aus dem Badeort Waxholm.
– Nein, es waren keine Leutnants; sie sahen älter aus!
– Dann weiss ich! Das waren alte Freunde von der Universität Uppsala, wahrscheinlich der Dozent P. und der Hilfsprediger O. Die wollten einmal nachsehen, wie ihr alter Ludwig als Ehemann ausschaut.
– Nein, sie waren nicht aus Uppsala, sie waren aus Stockholm!
Das Mädchen wurde hereingerufen. Sie meinte, die Leute hätten schäbig ausgesehen und Stöcke getragen.
– Stöcke! Hm! ich kann nicht verstehen, was das für Leute gewesen sind. Nun, das wird man schon früh genug erfahren; sie wollten ja wiederkommen. Übrigens habe ich zufällig eine Kanne Gartenerdbeeren gefunden zu einem wirklichen Schleuderpreis; ja es ist beinahe lächerlich! Kannst du dir denken, Gartenerdbeeren für einsfünfzig die Kanne, in dieser Jahreszeit!
– Ludwig, Ludwig, wohin soll das führen?
– Es wird ausgezeichnet gehen. Heute habe ich eine Übersetzung bekommen.
– Aber du hast Schulden, Ludwig!
– Kleinigkeiten! Kleinigkeiten! Warte nur, wenn ich meine grosse Anleihe mache.
– Deine Anleihe! Das wird ja eine neue Schuld!
– Ja, aber auf was für Bedingungen! Sprechen wir jetzt aber nicht von Geschäften! Sind die Erdbeeren nicht gut? Was? Wird es nicht schmecken, darauf ein Glas Sherry zu trinken? Was? Lina, geh zum Kaufmann hinunter und hol eine Flasche Sherry, echten Sherry!
Nachdem er auf dem Sofa im Salon ein Mittagsschläfchen gehalten hatte, bat seine Frau, ihm ein Wort sagen zu dürfen.
– Aber du musst nicht böse werden!
– Böse? Ich! Gott bewahre! Es ist wohl das Haushaltungsgeld?
– Ja! Der Kaufmann ist nicht bezahlt! Der Schlächter drängt, der Mietskutscher läuft einem ins Haus; mit einem Wort, es ist peinlich!
– Weiter nichts? Sie werden morgen jeden Schilling bekommen! Wie unverschämt, wegen solcher Kleinigkeiten zu drängen! Sie werden morgen jeden Schilling erhalten, aber einen Kunden verlieren. Jetzt wollen wir aber nicht mehr von dieser Sache sprechen. Sondern spazieren gehen. Kein Wagen! Wir fahren mit der Strassenbahn nach dem Tiergarten und erfrischen uns ein wenig.
Und sie fuhren in den Tiergarten. Als sie ins Restaurant gingen und ein besonderes Zimmer nahmen, flüsterten die jungen Herren im grossen Saal.
– Man glaubt, wir seien auf Abenteuer aus. Wie lustig! Wie verrückt.
Seiner Frau aber war es nicht angenehm.
Und nachher die Rechnung!
– Wenn wir zu Hause geblieben wären, was hätten wir für das Geld nicht alles haben können!
Monate vergehen! Die Zeit nähert sich! Eine Wiege muss angeschafft werden und Kinderkleider. Und es muss so vieles angeschafft werden! Herr Ludwig ist den ganzen Tag in Geschäften unterwegs. Aber das Getreide ist gestiegen. Die harten Zeiten kommen! Keine Übersetzung, keine Korrektur. Die Menschen sind Materialisten geworden. Sie lesen keine Bücher mehr, sondern kaufen Essen für ihr Geld. In welch prosaischer Zeit man lebt! Die Ideale verschwinden aus dem Leben und die Schneehühner werden nicht unter zwei Kronen das Paar verkauft. Die Mietskutscher wollen Assistenten nicht mehr umsonst nach dem Tiergarten fahren, denn sie haben auch Weib und Kind; und sogar der Kaufmann will sich seine Waren bezahlen lassen. O, welche Realisten!
Der Tag kommt und die Nacht ist da! Er muss sich anziehen und nach der Hebamme laufen! Vom Krankenbett muss er in den Flur hinaus, um Gläubiger zu empfangen.
Schliesslich hat er seine Tochter in den Armen! Da weint er, denn er fühlt die Verantwortung, eine Verantwortung, die schwerer ist, als seine Kraft zu tragen vermag. Und er fasst neue Vorsätze. Aber seine Nerven sind ruiniert. Er hat eine Übersetzung erhalten, aber er kann nicht dabei bleiben, denn er muss immerzu in Geschäften ausgehen.
Er stürzt zum Schwiegervater, der nach der Stadt gekommen ist, und bringt ihm die frohe Neuigkeit.
– Ich bin Vater!
– Gut, sagt der Schwiegervater. Hast du Brot für das Kind?
– Nein, augenblicklich nicht. Du musst helfen, Schwiegervater!
– Ja, für den Augenblick! Aber dann nicht mehr. Ich besitze nicht mehr, als sie und die anderen Kinder brauchen!
Und jetzt muss die junge Frau Hühner haben, die er selbst auf dem Markt kauft, und Johannisberger für sechs Kronen die Flasche. Echt muss es sein!
Und dann muss die Hebamme hundert Kronen haben.
– Warum sollten wir weniger als andere geben? Hat der Hauptmann nicht hundert gegeben?
Bald ist die junge Frau wieder auf den Beinen. Sie ist wieder wie ein Mädchen geworden, schmal um die Taille wie eine Gerte, etwas blass allerdings, aber das kleidet sie.
Der Schwiegervater kommt und spricht mit Ludwig unter vier Augen.
– Nun kommst du vorläufig aber nicht mit mehr Kindern, sagt er; sonst bist du ruiniert.
– Welche Sprache von einem Vater! Man ist doch verheiratet! Liebt man einander nicht! Soll man keine Kinder haben?
– Doch, aber man muss auch Brot für die Kinder haben! Lieben, das möchten wohl alle jungen Menschen, spielen, ins Bett kriechen, sich belustigen; aber die Verantwortung!
– Der Schwiegervater ist auch Materialist geworden. O welch eine erbärmliche Zeit. Keine ideale mehr!
Das Haus war unterminiert. Die Liebe lebte, denn die war stark, und die Herzen des jungen Paares waren weich. Aber der Gerichtsvollzieher war nicht weich. Pfändung stand bevor und Konkurs drohte. Dann lieber noch Pfändung!
Der Schwiegervater kam mit einem grossen Reisewagen, um seine Tochter und seine Enkelin abzuholen. Dem Eidam verbot er, sich zu zeigen, bevor er Brot habe und seine Schulden bezahlen könne. Zu seiner Tochter sagte er nichts; als er sie aber nach Haus brachte, war es ihm, als bringe er eine Verführte zurück. Er hatte sein unschuldiges Kind einem jungen Herrn auf ein Jahr ausgeliehen, und nun erhielt er es „entehrt“ zurück. Sie wäre wohl gern bei ihrem Mann geblieben, aber sie konnte mit ihrem Kinde doch nicht auf der Strasse wohnen!
So musste Herr Ludwig allein zurückbleiben, um zu sehen, wie seine Häuslichkeit geplündert wurde. Aber es war ja nicht seine, da er sie nicht bezahlt hatte. Huh! Die beiden Herren mit Gläsern nahmen die Betten und das Bettzeug; sie nahmen die kupfernen Kasserollen und die blechernen Gefässe; Tischservice und Kronen und Leuchter: alles, alles!
Und als er dann allein in den beiden Zimmern stand, o wie leer, wie jammervoll! Wenn er nur sie noch gehabt hätte! Was aber sollte sie hier in den leeren Zimmern machen! Nein, dann war es noch besser, wie es war. Ihr selber ging es ja gut!
Nun begann der bittere Ernst des Lebens! Er fand eine Stelle bei einer Morgenzeitung als Korrektor. Um Mitternacht musste er auf der Redaktion sein, um drei Uhr konnte er wieder gehen. Auf seinem Amt konnte er bleiben, da es nicht zum Konkurs gekommen war, aber mit der Beförderung war es vorbei!
Schliesslich wurde ihm erlaubt, ein Mal in der Woche Weib und Kind zu besuchen, aber immer unter Bewachung. Und er musste in der Nacht zum Sonntag in einer Kammer schlafen, die neben der Schlafstube des Schwiegervaters lag. Am Sonntagabend musste er wieder in die Stadt, denn die Zeitung erschien auch am Montag.
Wenn er dann Abschied von Weib und Kind nimmt, die ihn bis an die Gartentür begleiten dürfen, denen er vom letzten Hügel noch ein Mal zuwinkt, dann fühlt er sich so elendiglich, so unglücklich, so gedemütigt. Und sie erst!
Er hat ausgerechnet, dass er zwanzig Jahre braucht um seine Schulden zu bezahlen! Und dann? Dann kann er doch nicht Weib und Kind versorgen. Aber seine Hoffnung? Nichts! Wenn der Schwiegervater stirbt, stehen seine Frau und sein Kind auf der Strasse; er wagt also nicht, ihrer einzigen Stütze den Tod zu wünschen.
O wie grausam ist das Leben, das den Menschenkindern kein Essen schaffen kann, während es doch allen anderen Geschöpfen Nahrung umsonst gibt.
O wie grausam, wie grausam! Dass das Leben nicht allen Menschen Erdbeeren und Schneehühner geben kann! Wie grausam, wie grausam!