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Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten cover

Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten

Chapter 8: Reformversuch
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About This Book

A linked set of twenty short narratives examines marriage and intimate relations from multiple angles, exposing power imbalances, jealousy, sexual desire, and social constraint. The stories shift between psychological interiority and stark observational realism, charting characters whose moral ambiguity and shifting roles complicate domestic expectations. Natural imagery and plain, often ironic description recur as tools to probe reproduction, gendered authority, and the consequences of personal choices. Together the pieces question sentimental or idealized views of conjugal life and underscore how social conventions, private impulses, and material circumstances shape intimate bonds.

Reformversuch

Sie hatte mit Ekel gesehen, wie die Mädchen zu Haushälterinnen für ihre künftigen Männer erzogen wurden. Darum hatte sie eine Fertigkeit gelernt, die sie unter allen Verhältnissen des Lebens ernähren konnte. Sie machte Blumen.

Er hatte mit Schmerz gesehen, wie die Mädchen darauf warteten, von ihren künftigen Männern versorgt zu werden; er wollte sich mit einer freien, selbstständigen Frau verheiraten, die sich selber ernähren konnte; dann würde er in ihr eine Seinesgleichen sehen und eine Kameradin fürs Leben haben, keine Haushälterin.

Und das Schicksal wollte, dass sie sich trafen. Er war Maler, und sie machte, wie gesagt, Blumen, und in Paris hatten sie diese neuen Ideen bekommen.

Es war eine stilvolle Ehe. Sie hatten sich in Passy drei Zimmer gemietet. Das Atelier lag in der Mitte, sein Zimmer auf der einen Seite, ihr Zimmer auf der andern. Ein gemeinsames Bett wollten sie nicht haben; das sei eine Schweinerei, die durchaus kein Gegenstück in der Natur besitze und nur Übertreibung und Ausschweifung veranlasse. Und sich im selben Zimmer entkleiden! Nein, jeder sein eigenes Zimmer; und dann einen gemeinsamen neutralen Raum, das Atelier. Keine Dienstboten; denn die Küche wollten sie gemeinsam besorgen. Nur eine alte Frau, die morgens und abends kam.

Es war gut ausgerechnet, und es war ganz richtig gedacht.

– Wenn ihr aber Kinder bekommt? wandte der Zweifler ein.

– Wir werden keine Kinder bekommen!

Gut! Sie würden keine Kinder bekommen!

Es war entzückend! Er ging morgens auf den Markt und kaufte ein. Darauf kochte er den Kaffee. Sie machte die Betten und räumte die Zimmer auf. Dann setzten sie sich an die Arbeit.

Wenn sie müde wurden, plauderten sie eine Weile, gaben einander einen guten Rat, lachten und waren sehr lustig.

Wenn der Mittag kam, machte er Feuer in der Küche, während sie das Gemüse wusch. Er kochte Rindfleisch in der Brühe, während sie zum Kaufmann hinunterlief; dann deckte sie, während er das Essen auftischte.

Aber wie Geschwister lebten sie nicht. Sie sagten sich abends gute Nacht, und jedes ging in sein Zimmer. Dann aber klopfte es an ihre Tür und sie rief: herein! Doch das Bett war eng und es kam nie zu Ausschweifungen, sondern jedes erwachte morgens im eigenen Bett. Und dann klopfte er an die Wand:

– Guten Morgen, mein Mädchen! Wie steht es heute?

– Danke, gut; und dir?

Es war immer etwas Neues, wenn sie sich morgens trafen, und es wurde nie alt.

Abends gingen sie oft zusammen aus und trafen mit Landsleuten zusammen. Und sie wurde nicht geniert von Tabaksrauch, und sie genierte auch selber nicht.

Das sei das Ideal einer Ehe, meinten die andern, ein so glückliches Paar hätten sie noch nicht gesehen.

Aber das Mädchen hatte Eltern, die weit entfernt wohnten. Und die schrieben und fragten unaufhörlich, ob Luise noch nicht guter Hoffnung sei, denn sie sehnten sich nach einem Enkelkind. Luise solle daran denken, dass die Ehe der Kinder und nicht der Eltern wegen da sei. Das hielt Luise für eine altmodische Ansicht. Da fragte die Mama, ob man denn mit den neuen Ideen die Absicht habe, das Menschengeschlecht auszurotten. Daran habe Luise nicht gedacht, und darum kümmere sie sich auch nicht. Sie sei glücklich und ihr Mann auch, und jetzt habe die Welt endlich eine glückliche Ehe gesehen, und darum sei die Welt neidisch.

Aber angenehm lebten sie. Keiner war der Herr des andern, und zur Kasse schossen sie zusammen. Das eine Mal verdiente er mehr, das andere Mal sie, aber das wurde unter einander ausgeglichen.

Und wenn sie Geburtstag hatten! Da erwachte sie davon, dass die Aufwartefrau hereinkam mit einem Blumenstrauss und einem Briefchen, auf das Blumen gemalt waren und in dem zu lesen stand:

– Der Frau Blumenknospe gratuliert ihr Anstreicher und ladet sie zu einem feinen kleinen Frühstück ein – und zwar sofort!

Und dann klopfte es an seine Tür und dann – herein! Und sie assen Frühstück auf dem Bett, auf seinem Bett; und die Aufwartefrau arbeitete dann den ganzen Vormittag. Es war entzückend.

Und nie ward es etwas Altes. Denn es dauerte zwei Jahre. Und alle Weissager weissagten falsch.

So müsste die Ehe sein!

Dann aber geschah es, dass die Frau krank wurde. Sie glaubte, es seien die Tapeten; er aber vermutete Bakterien. Ja, es waren bestimmt Bakterien!

Aber es war auch etwas in Unordnung. Es war nicht so, wie es sein sollte. Es war bestimmt eine Erkältung. Und dann wurde sie so stark. Sollte es vielleicht ein Gewächs sein, von dem man soviel las? Ja, es war bestimmt ein Gewächs. Sie ging zu einem Arzt. Als sie nach Haus kam, weinte sie. Es war wirklich ein kleines Gewächs, aber eins, das zu seiner Zeit ans Tageslicht kommen werde, um Blume zu werden und Frucht anzusetzen.

Der Mann weinte nicht. Er fand Stil darin, und dann ging der Lümmel in die Kneipe und prahlte noch damit. Aber die Frau weinte wieder. Wie würde jetzt ihre Stellung zu ihm werden? Mit Arbeit könne sie jetzt bald nichts mehr verdienen, und dann müsse sie sein Brot essen. Und dann müssten sie sich eine Magd halten. Huh, diese Mägde!

Alle Vorsorge, aller Vorbedacht, alle Voraussicht waren an dem Unvermeidlichen gescheitert.

Aber die Schwiegermutter schrieb begeisterte Gratulationsbriefe und wiederholte immer wieder, die Ehe sei von Gott der Kinder wegen gestiftet, das Vergnügen der Eltern sei nur Nebensache.

Hugo beteuerte, sie brauche niemals daran zu denken, dass sie nichts verdiene! Trage sie nicht mit ihrer Arbeit für sein Kind genug zum Haushalt bei? Sei das nicht auch Geldeswert? Geld sei doch nur Arbeit! Also bezahle sie ja auch ihr Teil.

Doch sie konnte es lange nicht verschmerzen, dass sie sein Brot essen musste. Als aber das Kind kam, vergass sie alles. Und sie war seine Frau und Kameradin wie früher, aber sie war ausserdem die Mutter seines Kindes, und er fand, das sei das Beste von allem.