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Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten

Chapter 9: Naturhindernis
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About This Book

A linked set of twenty short narratives examines marriage and intimate relations from multiple angles, exposing power imbalances, jealousy, sexual desire, and social constraint. The stories shift between psychological interiority and stark observational realism, charting characters whose moral ambiguity and shifting roles complicate domestic expectations. Natural imagery and plain, often ironic description recur as tools to probe reproduction, gendered authority, and the consequences of personal choices. Together the pieces question sentimental or idealized views of conjugal life and underscore how social conventions, private impulses, and material circumstances shape intimate bonds.

Naturhindernis

Ihr Vater hatte sie Buchführung lernen lassen, damit sie dem gewöhnlichen Los der Mädchen entgehe: darauf zu warten, bis sie geheiratet wird.

Sie war jetzt Buchführerin bei der Gepäckabteilung der Eisenbahnen und wurde allgemein als tüchtig anerkannt. Sie wusste die Leute zu behandeln, dass es eine Lust war, und sie hatte eine schöne Zukunft vor sich.

Da kam der grüne Jäger von der Forstakademie, und sie heirateten sich. Aber Kinder wollten sie nicht haben. Es sollte eine geistige Ehe von der rechten Art werden, und die Welt sollte sehen, dass die Frau auch ein seelisches Wesen und kein Weibchen sei.

Die beiden Gatten trafen sich mittags und nachts, und es war eine wirkliche Ehe, die Verbindung zweier Seelen, und allerdings auch die zweier Körper, aber davon sprach man natürlich nicht.

Eines Tages kam die Frau nach Hause und erzählte, die Dienstzeit sei geändert. Ein neuer Nachtzug nach Malmö sei vom Reichstag beschlossen worden, und sie habe künftig zwischen sechs und neun Uhr abends Dienst. Das war ein Strich durch die Rechnung. Denn er konnte nicht vor sechs Uhr nach Haus kommen. Unmöglich!

Jetzt musste jedes allein zu Mittag essen, und sie trafen sich nur nachts. Er fand das etwas wenig. Und dann die langen Abende.

Er kam und holte sie ab. Es war ihm aber nicht angenehm, in der Gepäckexpedition auf einem Stuhl zu sitzen und von den Trägern gestossen zu werden. Er war immer im Wege. Und wenn er mit ihr, die mit der Feder hinterm Ohr dasass, plaudern wollte, konnte sie ihm das Wort abschneiden:

– Bitte, sei doch so lange still!

Dann wandten die Leute sich ab, und er konnte an ihren Rücken sehen, dass sie grinsten.

Zuweilen wurde er von einem Buchhalter mit diesen Worten angemeldet:

– Ihr Mann wartet auf Sie, Frau X.

„Ihr Mann“, das klang so geringschätzig.

Was ihn aber am meisten reizte, war, dass sie zum Nebenmann am Pult einen jungen Laffen hatte, der ihr direkt in die Augen guckte und sich oft, um ins Hauptbuch zu sehen, so über ihre Schulter beugte, dass sein Kinn fast auf ihrer Brust lag! Und die beiden sprachen von Fakturen und Zertifikaten; von Dingen, die alles mögliche bedeuten konnten, denn er verstand sie nicht. Und sie kollationierten zusammen und schienen vertrauter mit einander zu sein, als Mann und Frau waren. Und das war sehr natürlich, denn sie war mehr mit dem fröhlichen Laffen zusammen als mit ihrem Mann. Er begann zu denken, es sei doch keine rechte geistige Ehe; damit sie das sei, hätte er auch bei der Gepäckabteilung sein müssen. Jetzt aber war er bei der Forstakademie.

Eines Tages, oder richtiger eines Nachts, verkündete sie, sie müsse am nächsten Sonnabend die Versammlung der Eisenbahner besuchen, die mit einem gemeinsamen Schmaus beschlossen würde. Der Mann nahm die Mitteilung etwas verlegen auf.

– Du willst dahin gehen? war er naiv genug zu fragen.

– Welche Frage?

– Aber du bist die einzige Frau unter so vielen Männern, und wenn Männer getrunken haben, werden sie roh!

– Besuchst du denn nicht Forsttage ohne mich?

– Allerdings, aber nicht als einziger Mann unter Frauen!

– Männer und Frauen seien doch gleich, und sie sei erstaunt, dass er, der doch immer die Befreiung des Weibes gepredigt, etwas dagegen habe, dass sie die Sitzung besuche!

– Er räume ein, es seien alte Vorurteile, die bei ihm noch festsässen; er räume ein, sie habe recht und er habe unrecht, aber er bitte sie, nicht hinzugehen: es sei ihm nun einmal unangenehm! Er könne nicht davon loskommen!

– Das sei inkonsequent von ihm!

– Ja, es sei inkonsequent von ihm, aber es seien auch zehn Generationen nötig, bis sich die Individuen da herausgearbeitet hätten!

– Dann dürfe er auch nicht mehr Versammlungen besuchen.

– Das sei nicht dasselbe, denn dort seien nur Männer! Nicht dass sie ohne ihn ausgehe, sei ihm unangenehm, sondern dass sie allein mit so vielen Männern ausgehe!

– Allein würde sie nicht sein, denn die Frau des Kassierers werde dabei sein als ...

– Als was?

– Als Frau des Kassierers!

– Dann könne er vielleicht mitgehen als „ihr Mann“!

– Warum wolle er sich demütigen, indem er lästig falle!

– Er wolle sich demütigen!

– Er sei eifersüchtig?

– Ja, warum nicht! Ihm sei bange, dass etwas zwischen sie kommen könne.

– Pfui, er sei eifersüchtig, welche Kränkung! Welche Beschimpfung, welches Misstrauen! Was denke er von ihr?

– Das Allerbeste! Er wolle es ihr beweisen: sie könne allein gehen!

– Sie dürfe also wirklich allein gehen! Wie gnädig!

Sie ging! Und kam erst gegen Morgen nach Haus, Sie musste ihren Mann wecken und ihm erzählen! wie angenehm es gewesen sei! Und wie es ihn freute, das zu hören! Sie hätten eine Rede auf sie gehalten, und sie hätten Quartett gesungen und getanzt.

– Wie sei sie denn nach Haus gekommen?

– Herr Latte habe sie bis zur Haustür gebracht.

– Wenn nun ein Bekannter seine Frau um drei Uhr morgens am Arm des Herrn Laffen getroffen hätte!

– Warum nicht! Sie habe doch keinen schlechten Ruf!

– Nein, aber sie könne einen bekommen!

– Ach, er sei eifersüchtig, und, was schlimmer sei, er sei neidisch! Er gönne ihr kein Vergnügen. So sei es, wenn man verheiratet sei! Wenn man ausgehe und sich amüsiere, kriege man Schelte, sobald man nach Haus komme! Pfui, wie dumm die Ehe sei! Und sei es überhaupt eine Ehe? Sie träfen sich nachts, ganz wie andere Verheiratete. Und die Männer seien alle gleich. Höflich, bis sie sich verheirateten, aber dann, dann! Ihr Mann sei gerade so, wie alle anderen Männer: er glaube sie zu besitzen, sie zu beherrschen!

– Er habe geglaubt, ein Mal hätten sie gemeint, einander zu besitzen, aber er habe sich geirrt. Sie besitze ihn, wie man einen Hund besitze, dessen man immer sicher ist. Sei er etwas anderes als ihr Diener, der sie abends abhole? Sei er etwas anderes als „ihr Mann“? Aber wolle sie „seine Frau“ sein? Sei das Gleichstellung?

– Sie sei nicht nach Haus gekommen, um sich zu zanken. Sie wolle immer seine Frau sein, und er solle immer ihr Männchen sein.

– Der Champagner wirkt! dachte er und drehte sich nach der Wand.

Sie weinte und bat ihn, doch gerecht zu sein und ihr zu – verzeihen.

Er verbarg sich unter der Decke.

Sie fragte noch ein Mal, ob er – ob er nicht wolle, dass sie seine Frau sei.

– Doch, gewiss wolle er das! Aber er habe sich heute abend so furchtbar gelangweilt, dass er nie mehr einen solchen Abend erleben wolle.

– Aber das sollten sie jetzt vergessen!

Und sie vergassen es und sie war wieder sein Frauchen.

Am nächsten Abend, als der grüne Jäger seine Frau abholen wollte, war sie in die Magazine gegangen. Er war allein im Kontor und setzte sich auf ihren Stuhl. Da öffnet sich eine Glastür und Herr Laffe steckt den Kopf herein:

– Annchen, bist du hier?

Nein, es war ihr Mann!

Er stand auf und ging seiner Wege! Herr Laffe nannte seine Anna Annchen und duzte sie! Annchen! Das war zuviel.

Als sie nach Haus kam, gab es einen grossen Auftritt. Sie wies dem grünen Jäger nach, seine Lehren von der Befreiung des Weibes seien nicht ernst zu nehmen, da er es übel auffasse, wenn seine Frau ihre Kameraden duze.

Das Schlimmste war, dass er zugab, seine Lehren seien nicht ernst zu nehmen.

– Das sei nicht seine Meinung! Er ändere seine Ansichten! Was?

– Ja, freilich! Die Ansichten änderten sich nach der Wirklichkeit, die so veränderlich sei! Habe er aber früher an eine geistige Ehe geglaubt, so glaube er jetzt an gar keine Ehe mehr. Das sei ja ein Fortschritt in radikaler Richtung! Und was das Geistige betreffe, so sei sie jetzt geistig mehr mit Herrn Laffe verheiratet, dessen Gedanken über Gepäckwesen sie täglich und stündlich teile, als mit ihm, für dessen Forstkultur sie sich ganz und gar nicht interessiere! Sei schliesslich ihre Ehe geistig? Sei sie so geistig!

– Nein, jetzt nicht mehr! Ihre Liebe sei tot! Er habe sie getötet, als er den grossen Glauben an – die Befreiung des Weibes aufgegeben!

Es wurde immer giftiger, und der grüne Jäger suchte geistige Ehe mit Forstmännern und gab das Gepäckwesen, das er nie verstanden hatte, auf.

– Du verstehst mich nicht, wiederholte sie so oft!

– Nein, Gepäckwesen habe ich nicht gelernt, antwortete er.

Eines Nachts, oder richtiger eines Morgens, erzählte er, er müsse mit einem Mädchenpensionat botanisieren gehen. Er lehre Botanik in einem Mädchenpensionat.

So? Davon habe er ihr ja noch nichts gesagt! Grosse Mädchen?

– Kolossale! Sechzehn bis zwanzig Jahre alt!

– Hm! ... Am Vormittag?

– Nein, am Nachmittag! Und nachher würden sie draussen zu Abend essen.

– Hm! Die Vorsteherin sei doch dabei?

– Nein! Aber sie habe volles Vertrauen zu ihm, da er verheiratet sei! Es sei also zuweilen gut, verheiratet zu sein.

Am nächsten Tag war sie krank.

– Er könne doch nicht das Herz haben, sie zu verlassen?

– Der Dienst vor allem! Sei sie sehr krank?

– Oh, furchtbar!

Der Arzt wurde geholt, trotzdem sie es nicht wollte. Er erklärte, es sei nicht gefährlich, der Mann könne gehen!

Gegen Morgen kam der grüne Jäger nach Haus! Wie lustig er war! Und wie er sich amüsiert habe! Solch einen Tag habe er lange, lange nicht erlebt!

Da brach es los: Huhuhuhu! Dieser Kampf sei ihr zu schwer! Und er musste einen Eid ablegen, dass er nie eine andere als sie lieben werde! Niemals!

Krämpfe und Weinessig!

Er war zu edelmütig, um von Einzelheiten des Schmauses mit den Mädchen zu sprechen, aber er konnte es nicht lassen, das alte Gleichnis von seinem Hundetum wieder vorzubringen, und er erlaubte sich, sie darauf aufmerksam zu machen, dass zur Liebe der Begriff Besitzrecht gehöre – auch von Seiten der Frau. Warum weine sie denn? Über dasselbe, über das er fluchte, wenn sie mit zwanzig Männern ausgehe! Die Furcht, ihn zu verlieren! Aber man verliert nur, was man besitzt! Besitzt!

So wurde das Loch wieder geflickt. Aber die Gepäckabteilung und das Mädchenpensionat standen mit ihren Scheren bereit und schnitten wieder ab, was man angeheftet hatte. Eine harmonische Ehe war es nicht mehr.

Da wurde die Frau krank!

Sie habe sich bestimmt an einem Gepäckstück im Magazin verhoben. Sie sei so eifrig und könne es nicht leiden, wie die Gepäckträger dastehen und auf sich warten lassen. Sie müsse immer selber mit anfassen. Es sei sicher ein Bruch.

Es sei etwas Hartes zu fühlen, sagte die Hebamme.

Es war so weit! Wie böse sie wurde! Böse auf ihn, denn es sei bestimmt nur Bosheit von ihm! Wie werde es ihr jetzt ergehen, mit ihrer Zukunft. Sie müssten das Kind in ein Findelhaus geben. So habe es Rousseau getan. Sonst sei der ja ein Dummkopf, aber in diesem Punkt habe er recht.

Und so viel Launen! Der Jäger musste augenblicklich seine Botanik im Mädchenpensionat aufgeben!

Aber das Schlimmste: sie konnte nicht mehr ins Magazin gehen. Sie musste im Kontor sitzen und buchen. Und das Allerschlimmste: sie erhielt einen Gehilfen, dessen geheime Aufgabe es war, sie zu vertreten, wenn sie zu Haus bleiben musste.

Und die Kollegen waren nicht mehr wie früher. Und die Leute grinsten. Sie hätte sich vor Scham verstecken mögen. Lieber sich in ihrer Häuslichkeit verkriechen und das Essen kochen als hier wie ein Spektakel sitzen. O welche Abgründe von Vorurteilen in den falschen Herzen der Männer verborgen liegen.

Für den letzten Monat nahm sie Urlaub. Sie vermochte nicht mehr vier Male am Tage den Weg zu machen. Und dann wurde sie hungrig mitten am Vormittag und musste Butterbrote holen lassen. Und oft war sie krank und musste eine Pause machen. Was für ein Leben! Was für ein klägliches Los der Frau zugefallen war!

Und dann kam das Kind!

– Wollen wirs ins Findelhaus schicken? sagte der Jäger.

– Oh, er habe wohl kein Herz?

– Doch, das habe er!

Und das Kind blieb zu Hause!

Dann aber kam ein sehr höflicher Brief vom Betriebsamt und fragte, wie es dem Frauchen gehe!

Es gehe ihr gut und sie könne übermorgen wieder Dienst tun.

Sie war schwach und musste einen Wagen nehmen. Aber sie wurde bald wieder stark. Doch sie musste einen Laufburschen nach Haus schicken, um zu fragen, wie es dem Kinde gehe; erst zwei Male am Tage, dann alle zwei Stunden. Und als sie hörte, es habe geschrien, wurde sie ganz wild und eilte nach Haus. Aber der Gehilfe stand bereit, um sie zu vertreten. Die Vorgesetzten waren sehr höflich und sagten nichts.

Eines Tages entdeckte die Frau, dass die Milch der Amme versiegt war und dass die Person das nicht gemeldet habe, aus Furcht, ihre Stelle zu verlieren. Sie nahm sofort Urlaub, um eine neue Amme zu suchen! Ach, die waren sich alle gleich. Kein Interesse für fremde Kinder, nur rohe Egoisten. Man konnte sich nie auf sie verlassen!

– Nein, sagte der Mann, in diesem Fall kann man sich nur auf sich selber verlassen!

– Du meinst, ich soll meine Stellung aufgeben?

– Ich meine, du tust, was du willst!

– Und deine Sklavin werden!

– Nein, das meine ich durchaus nicht!

Der Kleine wurde krank, wie alle Kinder werden. Er kriegte Zähne! Urlaub auf Urlaub. Das Kind bekam sogenanntes Zahnreissen! Nachts wiegen, tagsüber Dienst, schläfrig, müde, unruhig, und dann Urlaub. Der grüne Jäger war nett und trug das Kind nachts, sagte aber nie etwas über die Stellung seiner Frau.

Doch sie kannte seine Gedanken. Er warte nur darauf, dass sie zu Hause blieb; aber er sei falsch und darum schweige er! Wie falsch die Männer seien! Sie hasse ihn; lieber würde sie sich töten, als ihre Stelle aufgeben und seine Sklavin werden!

Der Jäger hatte jetzt vollständig jede Hoffnung aufgegeben, dass sich die Frau von den Naturgesetzen emanzipieren könne; unter den jetzigen Verhältnissen, war er klug genug, hinzuzufügen.

Als das Kind fünf Monate alt war, wurde die Frau wieder schwanger.

Himmelkreuzdonnerwetter!

– Ja, wenn es ein Mal anfängt, dann ist der Teufel los!

Der Jäger musste seine Stellung im Mädchenpensionat wieder übernehmen, um das Einkommen zu erhöhen, und jetzt – jetzt streckte sie das Gewehr!

– Ich bin deine Sklavin, rief sie aus, als sie mit dem Abschied nach Haus kam; ich bin deine Sklavin.

Nichtsdestoweniger leitet sie den Haushalt, und er liefert jeden einzigen Pfennig unter ihre Schlüssel. Wenn er eine Zigarre haben will, kommt er und hält eine lange Rede, ehe er seine Bitte vorzubringen wagt. Sie verweigert es ihm nicht, niemals, aber er findet es doch etwas lästig, um das Geld bitten zu müssen. Und Sitzungen darf er besuchen, aber einen Schmaus nicht, und Botanisieren mit Mädchen gibt es nicht mehr!

Er vermisst es auch nicht so sehr, denn er findet, das Beste ist, mit den Kindern zu spielen!

Seine Kameraden sagen, er stehe unterm Pantoffel; doch darüber lächelt er, indem er sagt, er befinde sich am besten dabei, denn sein Weib sei eine sehr verständige und nette Frau.

Sie aber behauptet immer noch, sie sei seine Sklavin, sie sei es doch, und das ist ihr einziger Trost in der Betrübnis: das arme Frauchen.