Petkoff: Sie ließen uns zu gar keinem ordentlichen Gefechte Mann gegen Mann kommen. Indessen, ich vermute, daß das Kriegshandwerk ein Geschäft sein muß wie jedes andere Geschäft.
Sergius: Das ist es eben, aber mir fehlt der Ehrgeiz, als
Geschäftsmann glänzen zu wollen; deshalb habe ich auch den Rat dieses
Handlungsreisenden von Hauptmann befolgt, der den Austausch der
Gefangenen bei Pirot besorgte, und meinen Beruf aufgegeben.
Petkoff: Was, jenes Schweizers? Ich habe seitdem oft an diesen
Austausch gedacht, Sergius; er hat uns mit den Pferden übervorteilt.
Sergius: Natürlich hat er uns übervorteilt. Sein Vater ist Hotelbesitzer und Lohnfuhrwerker. Er verdankte seine ersten Erfolge seinen Kenntnissen im Pferdehandel. [Mit höhnischem Enthusiasmus]: Ah, das war ein Soldat, jeder Zoll ein Krieger! Wenn ich doch bloß die Pferde für mein Regiment vorteilhaft gekauft hätte, anstatt es töricht der Gefahr entgegenzuführen, ich wäre jetzt Feldmarschall.
Katharina: Ein Schweizer? Was hat der in der serbischen Armee zu schaffen gehabt?
Petkoff: Ein Freiwilliger natürlich, darauf erpicht, seinen Beruf auszuüben. [Lachend]: Wir wären nicht imstande gewesen zu kämpfen, wenn diese Fremden uns nicht gezeigt hätten, wie man es macht. Wir verstanden nichts davon, und die Serben auch nicht. Bei Gott! ohne die Ausländer wäre ein Krieg unmöglich gewesen.
Raina: Sind in der serbischen Armee viele Schweizer Offiziere?
Petkoff: Nein—alles Österreicher, so wie unsere Offiziere alle Russen waren. Das war der einzige Schweizer, dem ich begegnet bin. Ich werde nie wieder einem Schweizer vertrauen; er hat uns betrogen, beschwindelt, so daß wir ihm fünfzig gesunde Männer für zweihundert verdammte abgetriebene Pferde gegeben haben. Sie waren nicht einmal eßbar.
Sergius: Wir waren wie zwei Kinder in den Händen dieses erprobten
Soldaten, Major. Ganz einfach zwei unschuldige kleine Kinder.
Raina: Wie sah er aus?
Katharina: Aber, Raina, was für eine dumme Frage!
Sergius: Er sah aus wie ein Handlungsreisender in Uniform, Bourgeois vom Scheitel bis zur Sohle.
Petkoff [grinsend]: Sergius, erzähle die merkwürdige Geschichte, die sein Freund uns von ihm erzählte.—Wie er nach der Schlacht bei Slivnitza entkommen ist—erinnerst du dich? Zwei Frauen sollen ihn versteckt haben.
Sergius [mit bitterer Ironie]: Ja, ja, das ist ein ganzer Roman. Er diente in derselben Batterie, die ich so berufswidrig angegriffen habe. Da er ein ganzer Soldat ist, so lief er wie die übrigen davon, unsere Kavallerie auf den Fersen. Um ihrer Aufmerksamkeit zu entgehen, hatte er den geschmackvollen Einfall, sich in das Zimmer irgend einer patriotischen jungen bulgarischen Dame zu flüchten. Die junge Dame war entzückt von den gewinnenden Manieren dieses verkleideten Handlungsreisenden und unterhielt ihn sehr züchtig ungefähr eine Stunde lang und rief dann ihre Mutter dazu, damit ihr Benehmen nicht unmädchenhaft erscheine. Die alte Dame war gleichfalls bezaubert, und der Flüchtling wurde des Morgens, mit einem Rock des im Kriege abwesenden Hausherrn verkleidet, freundlichst entlassen.
Raina [erhebt sich mit großer Würde]: Ihr Lagerleben hat Sie verroht,
Sergius. Ich hätte nie gedacht, daß Sie es wagen würden, eine solche
Geschichte in meiner Gegenwart zu erzählen. [Sie wendet sich kalt ab.]
Katharina [sich gleichfalls erhebend]: Raina hat recht, Sergius. Wenn es solche Frauen gibt, uns sollte es erspart bleiben, von ihnen zu hören.
Petkoff: Bah, Unsinn! Was ist weiter dabei?
Sergius [beschämt]: Nein, Petkoff, ich war im Unrecht. [Zu Raina, mit ernsthafter Demut]: Verzeihen Sie mir, ich habe mich abscheulich benommen—verzeihen Sie, Raina. [Sie verneigt sich zurückhaltend]: Und auch Sie, gnädige Frau. [Katharina verneigt sich liebenswürdig und setzt sich. Er fährt feierlich fort, sich abermals zu Raina wendend]: Ich habe die Schattenseiten des Lebens während der letzten paar Monate kennen gelernt; da kann man weiß Gott zynisch werden, aber ich hätte meinen Zynismus nicht hierher mitbringen sollen, am wenigsten in Ihre Gesellschaft, Raina—[Dabei wendet er sich zu den anderen und ist sichtlich im Begriff, eine lange Rede vom Stapel zu lassen, als der Major ihn unterbricht.]
Petkoff: Dummes Zeug! Unsinn, Sergius! Es ist gerade genug Aufhebens für nichts und wieder nichts. Ein Soldatenkind sollte imstande sein, selbst etwas starke Unterhaltung zu vertragen, ohne mit der Wimper zu zucken. [Er erhebt sich]: Komm, es ist Zeit, daß wir an unser Geschäft gehen. Wir müssen bestimmen, wie jene drei Regimenter nach Philippopel zurückgelangen sollen. Auf der Route nach Sofia fehlt jede Verpflegungsmöglichkeit. [Er geht auf das Haus zu]: Gehen wir. [Sergius ist im Begriff ihm zu folgen, da erhebt sich Katharina und greift ein.]
Katharina: Ich bitte dich, Paul, kannst du Sergius nicht noch für
einige Augenblicke entbehren? Raina hat ihn ja kaum gesehen.
Vielleicht kann ich dir dabei behilflich sein, die Sache mit den
Regimentern ins reine zu bringen.
Sergius [protestierend]: Meine verehrte Gnädige, das ist unmöglich, Sie-Katharina [hält ihn tändelnd zurück]: Sie bleiben hier, mein lieber Sergius. Es hat gar keine Eile; ich habe meinem Mann auch ein paar Worte zu sagen. [Sergius verneigt sich sofort und tritt zurück]: Nun, mein Lieber,
[Petkoffs Arm nehmend:] komm und sieh dir einmal die elektrische
Klingel an.
Petkoff: Oh, sehr gerne, sehr gerne. [Sie gehen zusammen vertraulich in das Haus.]
[Sergius, mit Raina allein geblieben, blickt aus Furcht, daß sie noch beleidigt sei, verlegen auf sie; sie lächelt und streckt die Arme nach ihm aus.]
Sergius [eilt zu ihr]: Ist mir verziehen?
Raina [legt ihre Hände auf seine Schultern und sieht mit Bewunderung und Anbetung zu ihm auf]: Mein Held, mein König!
Sergius: Meine Königin! [Er küßt sie auf die Stirne.]
Raina: Wie ich Sie beneidet habe, Sergius! Sie waren draußen im Leben und auf dem Schlachtfelde in der Lage, sich der besten Frau auf Erden wert zu zeigen, während ich untätig zu Hause sitzen mußte, nutzlos träumend—ohne etwas zu vollbringen, das mir ein Recht geben könnte, mich irgendeines Mannes wert zu halten.
Sergius: Teuerste, alle meine Taten gehören Ihnen, Sie haben mich begeistert! Ich bin in den Krieg gezogen, wie ein Ritter zu einem Turnier zu Ehren seiner Dame.
Raina: Auch meine Gedanken haben Sie keinen Augenblick verlassen. [Sehr feierlich]: Sergius, ich glaube, wir beide haben die ideale Liebe gefunden. Wenn ich an Sie denke, dann fühle ich, daß ich niemals einer gemeinen Handlungsweise oder eines niedrigen Gedankens fähig sein könnte.
Sergius: Meine Königin, meine Heilige! [Er umarmt sie verehrungsvoll.]
Raina [seine Umarmung erwidernd]: Mein Herr und mein,,,
Sergius: Still! Lassen Sie mich Anbeter sein, Teuerste; Sie wissen ja gar nicht, wie unwert selbst der beste Mann der reinen Leidenschaft eines Mädchens ist.
Raina: Ich vertraue Ihnen und liebe Sie, Sergius, Sie werden mich nie enttäuschen. [Aus dem Hause heraus dringt Loukas Gesang; sie gehen rasch auseinander]: Ich könnte es nicht über mich bringen, jetzt gleichgültige Dinge zu sprechen, mein Herz ist zu voll. [Louka tritt aus dem Hause mit ihrem Servierbrett, geht an den Tisch und fängt an, ihn abzuräumen. Sie steht mit dem Rücken gegen das Paar]: Ich will nur meinen Hut holen, dann können wir bis zum Mittagessen ausgehen. Ist Ihnen das recht?
Sergius: Bitte, machen Sie schnell. Die Minuten des Wartens werden mir Stunden sein. [Raina läuft bis zur obersten Stufe der Stiege und wendet sich dort um, tauscht beredte Blicke mit Sergius und wirft ihm mit beiden Händen Küsse zu. Einen Augenblick sieht er ergriffen nach ihr hin, dann wendet er sich langsam ab; sein Gesicht glüht in erhabenster Begeisterung. Die Wendung ändert sein Gesichtsfeld, in dessen Winkel jetzt Loukas Schürzenzipfel auftaucht. Seine Aufmerksamkeit wird sofort gefesselt. Er sieht sie verstohlen an und beginnt, seinen Schnurrbart mutwillig zu drehen. Die linke Hand stemmt er in die Seite und geht mit einem Anflug seines großtuerischen Reiterschritts auf die andere Seite des Tisches Louka gegenüber.]
Sergius: Louka, wissen Sie, was ideale Liebe ist?
Louka [verwundert]: Nein, Herr Major.
Sergius: Eine für die Dauer sehr ermüdende Sache, Louka, und man hat hinterher das Bedürfnis, davon auszuruhen.
Louka [unschuldig]: Vielleicht nehmen Sie etwas Kaffee, Herr Major?
[Sie langt mit der Hand über den Tisch nach der Kaffeekanne.]
Sergius [ihre Hand ergreifend]: Ich danke Ihnen, Louka.
Louka [als ob sie die Hand zurückziehen wollte]: Oh, Herr Major, Sie wissen ganz gut, daß ich es nicht so gemeint habe. Ich staune über Sie.
Sergius [verläßt den Tisch und zieht sie mit sich fort]: Ich staune über mich selbst, Louka. Was würde Sergius, der Held von Slivnitza, dazu sagen, wenn er mich jetzt sehen könnte—was würde Sergius, der Apostel der idealen Liebe, dazu sagen, wenn er mich jetzt sehen könnte—was würden ein halbes Dutzend Sergiusse sagen, die in meiner schönen Gestalt ein und aus gehen, wenn sie uns jetzt hier erwischten? [Er läßt ihre Hand fahren und faßt sie geschickt mit einem Arm um die Hüften.] Finden Sie mich hübsch gewachsen, Louka?
Louka: Lassen Sie mich los, Sie bringen sonst schlechten Ruf über mich. [Sie wehrt sich; er halt sie unerbittlich fest]: Au, wollen Sie mich loslassen?
Sergius [ihr dicht in die Augen blickend]: Nein!
Louka: Dann treten Sie wenigstens etwas zurück, damit man uns nicht sieht. Wo haben Sie denn Ihren gesunden Menschenverstand gelassen? Sergius: Ah, das ist wahr, Sie haben wirklich recht. [Er führt sie unter das Hoftor, wo sie vom Haus aus nicht gesehen werden können.] Louka [klagend]: Man kann mich von den Fenstern aus gesehen haben—Fräulein Raina spioniert sicher hinter Ihnen her.
Sergius [gekränkt, läßt sie los]: Nehmen Sie sich in acht, Louka, ich mag unwürdig genug sein, die Forderungen der idealen Liebe außer acht zu lassen, aber beleidigen dürfen Sie diese Liebe nicht!
Louka [mit Verstellung]: Nicht um die Welt, Herr Major! Ich schwör' es Ihnen. Kann ich jetzt wieder an die Arbeit gehen?
Sergius [sie abermals umschlingend]: Sie sind eine verführerische kleine Hexe, Louka. Wenn Sie in mich verliebt wären, würden Sie mich ausspionieren?
Louka: Ja, sehen Sie, Herr Major, da Sie sagen, daß in Ihnen gleichzeitig ein halbes Dutzend verschiedener Herren ein und aus gehen, so hätte ich wohl viel zu tun.
Sergius [entzückt]: Sie sind ebenso geistreich wie hübsch. [Versucht, sie zu küssen.]
Louka [ihm ausweichend]: Nein, ich brauche Ihre Küsse nicht, die
Herrenleute sind doch alle gleich. Sie liebäugeln mit mir hinter
Fräulein Rainas Rücken, und Fräulein Raina tut dasselbe hinter Ihrem
Rücken.
Sergius [einen Schritt zurückweichend]: Louka!!
Louka: Das beweist, wie wenig euch eigentlich aneinander liegt.
Sergius [seine Freundlichkeit aufgebend, mit eisiger Höflichkeit]: Wenn unser Gespräch fortgesetzt werden soll, Louka, werden Sie gut tun, zu bedenken, daß ein Edelmann das Benehmen der Dame, mit der er verlobt ist, nicht mit ihrer Kammerzofe bespricht.
Louka: Es ist schwer zu beurteilen, was ein Edelmann für richtig hält; ich dachte, da Sie versuchten, mich zu küssen, Sie hätten aufgegeben, alles gar so genau zu nehmen.
Sergius [wendet sich von ihr ab und schlägt sich auf die Stirne, während er von der Einfahrt zurück in den Garten kommt]: Teufel, Teufel!
Louka: Ha, ha, mir scheint, einer von den sechsen in Ihnen hat sehr
viel Ähnlichkeit mit mir, Herr Major, obwohl ich nur Fräulein Rainas
Zofe bin. [Sie geht zurück an den Tisch zu ihrer Arbeit, ohne weiter
Notiz von ihm zu nehmen.]
Sergius [zu sich selbst sprechend]: Welcher von den sechsen ist der richtige? das ist die große Frage, die mich quält. Der eine ist ein Held, der andere ein Narr, der dritte ein Schwindler, der vierte vielleicht sogar ein Lump. [Er hält inne und sieht flüchtig zu Louka hin, während er mit tiefer Bitterkeit hinzufügt]: Und einer wenigstens ist ein Feigling—eifersüchtig wie alle Feiglinge. [Er geht an den Tisch.] Louka!
Louka: Ja!
Sergius: Wer ist mein Nebenbuhler?
Louka: Das werden Sie aus mir nie herausbekommen, weder für Liebe noch für Geld.
Sergius: Warum nicht?
Louka: Es ist gleichgültig, warum. Überdies würden Sie erzählen, daß ich es Ihnen gesagt habe, und ich würde meine Stelle verlieren. Sergius [streckt seine rechte Hand beschwörend aus]: Nein, bei der Ehre eines—[er unterbricht sich und seine Hand fällt kraftlos herab, während er sardonisch fortfährt]: eines Menschen, der fähig ist, sich zu benehmen, wie ich mich in den letzten fünf Minuten benommen habe—wer ist es?
Louka: Ich weiß es nicht, ich habe ihn nie gesehen, ich habe nur seine Stimme durch die Tür von Fräulein Rainas Zimmer gehört.
Sergius: Tod und Teufel! wie können Sie es wagen…?
Louka [zurückweichend]: Oh, ich meine nichts Schlimmes. Was berechtigt Sie, meine Worte so aufzufassen? Die gnädige Frau weiß alles, und ich sage Ihnen bloß: wenn dieser Herr jemals wieder hierherkommen sollte, so wird ihn Fräulein Raina heiraten, ob er nun wollen wird oder nicht. Ich kenne den Unterschied zwischen der Art, wie Sie und das gnädige Fräulein sich miteinander gehaben, und der richtigen Art. [Sergius fährt zusammen, als wenn sie ihn gestochen hätte. Dann runzelt er die Stirne, geht finster auf sie zu und erfaßt ihre Arme oberhalb der Ellbogen mit beiden Händen.]
Sergius: Jetzt passen Sie einmal auf!
Louka [zusammenzuckend]: Nicht so fest, Sie tun mir weh!
Sergius: Das schadet nichts. Sie haben meine Ehre angegriffen, indem
Sie mich zum Mitwisser Ihrer Spionage machten, und Sie haben Ihre
Herrin verraten.
Louka [sich windend]: Bitte!
Sergius: Das zeigt, daß Sie ein erbärmlicher, kleiner Klumpen Schmutz mit einer Bedientenseele sind. [Er läßt sie los, als ob sie ein unreines Ding wäre, und macht eine Bewegung, als ob er seine Hand von ihrer Berührung reinigte. Dann geht er nach der Bank an der Mauer, wo er sich niedersetzt, mit schwerem Kopfe, düster vor sich hinblickend.]
Louka [wimmert ärgerlich, mit der Hand auf dem Ärmel, und befühlt ihren schmerzenden Arm]: Sie verstehen es ebensogut, mit Ihrer Zunge zu verletzen, wie mit Ihren Händen! Aber jetzt liegt mir nichts mehr daran! Aus was für Schmutz ich auch sein mag, ich weiß, Sie sind aus demselben. Und was Ihre Braut betrifft, so ist sie eine Lügnerin, und ihre schönen Manieren sind Betrug; und ich bin mehr wert als sechs solche. [Sie verbeißt ihren Schmerz; wirft den Kopf zurück und geht an die Arbeit, den Tisch abzuräumen. Er sieht sie ein- bis zweimal zweifelnd an. Sie hat das Servierbrett vollgepackt und legt das Tischtuch an den Enden zusammen, um alles auf einmal hinauszutragen. Als sie sich bückt, um das Brett aufzuheben, steht Sergius auf.]
Sergius: Louka! [Sie bleibt stehen und sieht ihn trotzig an]: Ein
Edelmann hat nicht das Recht, einer Frau unter irgendwelchen
Umständen weh zu tun. [Mit tiefer Demut seinen Kopf entblößend]:
Verzeihen Sie mir.
Louka: Diese Art von Entschuldigung mag einer Dame genügen. Was soll sie einem Dienstboten?
Sergius [in seiner Vornehmheit sehr verletzt, lacht bitter auf, läßt sie fallen und sagt geringschätzig]: Oh, Sie wünschen bezahlt zu werden für Ihren Schmerz? [Er setzt seinen Tschako auf und nimmt etwas Geld aus der Tasche.]
Louka [gegen ihren Willen mit Tränen in den Augen]: Nein, ich wünsche, daß mein Schmerz gutgemacht werde.
Sergius [durch ihren Ton ernüchtert]: Wie? [Sie streift ihren linken Ärmel hinauf, umfaßt ihren Arm mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und sieht herab auf den blauen Fleck; dann hebt sie den Kopf in die Höhe und blickt Sergius fest an, endlich mit einer prachtvollen Bewegung hält sie ihm den Arm zum Kusse bin; erstaunt sieht er bald sie, bald ihren Arm an, zögert und ruft dann mit vibrierendem Nachdruck aus]: Niemals! [und geht soweit wie möglich fort von ihr. Der Arm fällt herab. Ohne ein Wort und mit nicht gespielter Würde nimmt Louka ihr Servierbrett und nähert sich dem Hause, aus dem Raina eben hervortritt, mit einer Jacke und einem Hut bekleidet, ganz nach der Wiener Mode des vergangenen Jahres, 1885. Louka weicht ihr stolz aus und geht dann in das Haus hinein.]
Raina: Ich bin bereit. Was ist los? [Lustig]: Haben Sie am Ende gar mit Louka geflirtet?
Sergius [rasch]: Nein, nein, wie können Sie nur so etwas denken! Raina [beschämt]: Verzeihen Sie, mein Lieber, es war nur ein Scherz; ich bin heute so glücklich. [Er geht rasch auf sie zu und küßt ihr reumütig die Hand. Katharina erscheint auf der obersten Stufe der aus dem Hause führenden Treppe und ruft nach ihnen.]
Katharina [zu ihnen hinunterkommend]: Ich bedaure, euch stören zu müssen, Kinder, aber mein Mann ist in Verzweiflung über jene drei Regimenter; er weiß nicht, wie er sie nach Philippopel befördern soll, und er widerspricht jedem meiner Vorschläge. Sie müssen kommen und ihm helfen, Sergius; er ist in der Bibliothek.
Raina [enttäuscht]: Aber wir wollen eben spazierengehen.
Sergius: Es wird nicht lange dauern, bitte, warten Sie auf mich genau fünf Minuten. [Er läuft die Treppe zur Tür hinauf.]
Raina [folgt ihm bis an den Fuß der Treppe und blickt ihm mit schüchterner Koketterie nach]: Ich werde unter den Fenstern der Bibliothek auf und ab gehen, so daß man mich sehen kann, und warten. Sie müssen Vaters Aufmerksamkeit auf mich lenken. Wenn Sie aber eine Sekunde länger als fünf Minuten ausbleiben, dann werde ich hineinkommen und Sie holen—Regimenter hin, Regimenter her!
Sergius [lachend:] Abgemacht! [Er geht hinein, Raina folgt ihm mit den Augen, bis er verschwunden ist; dann geht sie mit sichtlich abgespanntem Wesen im Garten auf und ab, in düsteres Sinnen verloren.]
Katharina: Was sagst du dazu, daß sie gerade diesem Schweizer begegnen mußten und nun die ganze Geschichte wissen! Das allererste, wonach dein Vater verlangt hat, war der alte Rock, in dem wir diesen Menschen fortgeschickt haben. Du hast uns da eine schöne Suppe eingebrockt!
Raina [blickt im Gehen gedankenvoll auf den Kies]: Das kleine
Ungeheuer!
Katharina: Kleines Ungeheuer! wer ist ein kleines Ungeheuer?
Raina: Hinzugehen und alles zu erzählen,,, oh, wenn ich ihn bloß hier hätte, ich würde ihm den Mund mit Schokolade so vollstopfen, daß er nie wieder reden könnte.
Katharina: Sprich nicht solchen Unsinn, Raina. Sag' mir lieber die Wahrheit: Wie lange war er schon in deinem Zimmer, als du zu mir gekommen bist?
Raina [kehrt schnell um und setzt ihren Marsch in der entgegengesetzten Richtung fort]: Das habe ich längst vergessen.
Katharina: Das kannst du nicht vergessen haben. Ist er wirklich heraufgeklettert, als die Soldaten fort waren, oder war er schon da, als der Offizier das Zimmer durchsuchte?
Raina: Nein,,, ja,,, Ich glaube, er muß schon dagewesen sein.
Katharina: Du glaubst! O Raina, Raina, wirst du jemals lernen aufrichtig zu sein? Wenn Sergius das erfährt, ist es aus zwischen euch.
Raina [mit kalter Impertinenz]: Oh, ich weiß, Sergius ist dein
Liebling. Manchmal wünschte ich, du könntest ihn heiraten an meiner
Stelle. Du würdest auch vortrefflich zu ihm passen, du würdest ihn
verzärteln und verziehen und aufpäppeln nach Herzenslust.
Katharina [mit weit aufgerissenen Augen]: Meiner Treu, das ist stark!
Raina [kapriziös, halb zu sich selbst]: Mich reizt es immer, ihm etwas anzutun oder etwas zu sagen, was ihn verletzt—und um seine fünf Sinne bringt. [Zu Katharina, störrisch]: Es ist mir ganz einerlei, ob er etwas über den Pralinésoldaten erfährt oder nicht! Halb und halb wünsche ich es sogar. [Sie wendet sich wieder ab und geht leichtfüßig in der Richtung gegen die Ecke des Hauses.]
Katharina: Und was sollte ich deinem Vater sagen?
Raina [über ihre Schulter, oben von der Treppe aus]: Der arme Papa! als ob der sich selbst helfen könnte! [Sie geht um die Ecke und verschwindet.]
Katharina [ihr nachblickend, während es ihr in den Fingern zuckt]: Oh, wenn du nur zehn Jahre jünger wärst! [Louka kommt aus dem Hause und trägt einen Präsentierteller in der herabhängenden Hand.] Was gibt's?
Louka: Ein Herr ist draußen, gnädige Frau, und hat nach Ihnen gefragt—ein serbischer Offizier.
Katharina [außer sich]: Ein Serbe! Und er wagt es,,, [Faßt sich; bitter]: Oh, ich vergaß, wir haben ja Frieden jetzt! Wir werden sie nun wohl jeden Tag empfangen und uns von ihnen den Hof machen lassen müssen. Aber wenn er Offizier ist, warum meldest du ihn nicht dem Herrn—er ist mit dem Major Saranoff in der Bibliothek—, warum kommst du zu mir?
Louka: Weil er nach Ihnen gefragt hat, gnädige Frau. Aber ich glaube nicht, daß er weiß, wer Sie sind. Er sagte: "für die Dame des Hauses" und gab mir dieses kleine Billett. [Sie nimmt eine Karte aus ihrer Bluse, legt sie auf den Präsentierteller und bietet sie Katharinen.]
Katharina [lesend]: Kapitän Bluntschli—das ist ein deutscher Name.
Louka: Ich glaube, ein Schweizer Name, gnädige Frau!
Katharina [mit einem Satz, vor dem Louka eiligst zurückweicht]:
Schweizer! wie sieht er aus?
Louka [schüchtern]: Er trägt eine große Reisetasche, gnädige Frau.
Katharina: Großer Gott! er kommt am Ende, um den Rock zurückzugeben,,,
Schick' ihn fort—schnell! Sag' ihm, daß wir nicht zu Hause sind.
Verlange seine Adresse, und ich werde ihm schreiben,,, Nein, nein,
bleib hier, das geht ja nicht,,, warte,,, [Sie wirft sich in einen
Sessel, um darüber nachzudenken, Louka wartet.] Mein Mann und Major
Saranoff sind in der Bibliothek beschäftigt, nicht wahr?
Louka: Jawohl, gnädige Frau.
Katharina [entschieden]: Führe den Herrn sofort hier heraus!
[Befehlend]: Und daß du sehr höflich mit ihm bist,,, schnell, schnell!
[Ihr ungeduldig den Präsentierteller fortnehmend:] Laß das hier,
geh nur direkt zu ihm!
Louka: Zu Befehl, gnädige Frau. [Geht.]
Katharina: Louka!
Louka [bleibt stehen]: Gnädige Frau?
Katharina: Ist die Tür zur Bibliothek geschlossen?
Louka: Ich glaube, gnädige Frau.
Katharina: Wenn nicht, so schließe sie im Vorübergehen.
Louka: Wie Sie befehlen, gnädige Frau. [Sie geht.]
Katharina: Wart'! [Louka bleibt stehen.] Er wird diesen Weg nehmen müssen,,, [Sie weist auf das Stallhoftor.] Sage Nicola, er soll ihm seine Tasche hierher nachbringen. Vergiß das ja nicht!
Louka [erstaunt]: Seine Tasche?
Katharina: Ja, hierher, so schnell wie möglich. [Heftig]: Beeile dich!
[Louka läuft in das Haus hinein.]
Katharina [reißt ihre Schürze ab und wirft sie hinter einen Busch, dann nimmt sie den Präsentierteller und benützt ihn als Spiegel. Das Resultat ist, daß sie das Tuch, das sie um den Kopf gebunden trägt, der Schürze nachfolgen läßt. Dann bringt sie ihr Haar in Ordnung und zieht ihr Kleid zurecht, um empfangsfähig auszusehen]: Nein, nein, ist das ein Narr, in einem solchen Augenblick hereinzuplatzen!
Louka [erscheint an der Tür und meldet]: "Herr Hauptmann Bluntschli!" [sie steht an der obersten Stufe, um ihn durchzulassen, bevor sie wieder zurücktritt. Es ist tatsächlich der Held des nächtlichen Abenteuers in Rainas Zimmer, jetzt aber sauber und schön abgebürstet, in eleganter Uniform und außer Gefahr; jedoch immerhin zweifellos derselbe Mann. Sobald Louka den Rücken gekehrt hat, wendet sich Katharina heftig und dringend und in beschwörendem Ton an ihn.]
Katharina: Hauptmann Bluntschli, ich freue mich außerordentlich, Sie wiederzusehen, aber Sie müssen dieses Haus sofort verlassen! [Er blickt sie groß an]: Mein Mann ist eben mit meinem zukünftigen Schwiegersohn zurückgekehrt. Noch wissen sie nichts; aber wenn sie etwas erführen, die Folgen wären fürchterlich! Sie sind Ausländer, Sie können unsere nationalen Gehässigkeiten nicht nachfühlen, aber wir hassen die Serben noch immer. So ist beispielsweise bei meinem Manne das einzige Resultat des Friedens, daß er sich wie ein Löwe fühlt, dem man seine sichere Beute entrissen hat. Wenn er unser Geheimnis erführe, er würde mir nie verzeihen, und sogar das Leben meiner Tochter wäre in Gefahr. Wollen Sie, wie es sich für einen Ehrenmann und Soldaten, der Sie sind, geziemt, dieses Haus sofort verlassen, bevor mein Mann Sie hier finden kann?
Bluntschli [enttäuscht, aber gefaßt]: Augenblicklich, gnädige Frau! Ich bin nur gekommen, um Ihnen zu danken und Ihnen den Rock zurückzustellen, den Sie mir so freundlich geliehen haben. Wenn Sie mir nur gestatten wollten, ihn aus meiner Reisetasche zu nehmen und beim Hinausgehen Ihrem Diener einzuhändigen, so brauchte ich Sie nicht länger zu belästigen. [Er macht kehrt, um in das Haus zurückzugehen.]
Katharina [ihn am Arm fassend]: Oh, Sie dürfen nicht daran denken, auf dem selben Weg zu gehen, wie Sie gekommen sind. [Ihn nach dem Gitter der Stallungen führend]: Das ist der kürzeste Weg ins Freie. Vielen Dank—es freut mich unendlich, daß ich Ihnen dienen konnte—, leben Sie wohl!
Bluntschli: Aber meine Tasche?
Katharina: Sie wird Ihnen nachgeschickt werden, lassen Sie mir Ihre
Adresse da.
Bluntschli: Gut, dann erlauben Sie. [Er zieht seine Visitenkartentasche, nimmt eine Karte heraus und will seine Adresse aufschreiben, während Katharina vor Ungeduld vergeht. Als er ihr eben die Karte einhändigt, kommt Petkoff ohne Hut aus dem Hause gelaufen, in gastfreundlicher Aufregung. Sergius folgt ihm.]
Petkoff [die Treppe herunterlaufend]: Mein lieber Hauptmann
Bluntschli!
Katharina: Himmel! [Sie sinkt neben der Mauer auf einen Stuhl.]
Petkoff [zu sehr beschäftigt, um das zu bemerken, schüttelt Bluntschli herzlich die Hand]: Meine dummen Dienstboten dachten, ich wäre hier draußen, statt—in der Bibliothek. [Er kann die Bibliothek nicht erwähnen, ohne zu verraten, wie stolz er darauf ist.] Ich habe Sie vom Fenster aus gesehen und wunderte mich, daß Sie nicht hereinkamen. Saranoff ist auch hier. Sie erinnern sich doch seiner noch, nicht wahr?
Sergius [grüßt lustig und bietet ihm dann mit großer
Liebenswürdigkeit die Hand]: Willkommen, unser Freund der Feind!
Petkoff: Glücklicherweise nicht länger "der Feind". [Ziemlich ängstlich:] Ich hoffe, Sie kommen nur als Freund und nicht um Pferde oder Gefangene.
Katharina: Oh, nur als Freund, Paul. Ich habe Hauptmann Bluntschli eben zum Mittagessen eingeladen, aber er erklärte, sofort gehen zu müssen.
Sergius [sardonisch]: Unmöglich, Bluntschli—wir brauchen Sie hier sogar sehr dringend. Wir sollen drei Kavallerieregimenter nach Philippopel befördern und haben keine Ahnung, wie das fertigbringen.
Bluntschli [plötzlich aufmerksam und berufsmäßig]: Philippopel; da wird's mit der Verpflegung hapern, nicht wahr?
Petkoff [eifrig]: Ja, das ist es eben. [Zu Sergius]: Wie er die
Sache gleich weg hat!
Bluntschli: Ich glaube, ich kann Ihnen zeigen, wie das zu machen ist.
Sergius: So kommen Sie mit uns, Sie unschätzbarer Mann! [Bluntschli überragend, legt er ihm die Hand auf die Scbulter und führt ihn gegen die Stufen, Petkoff folgt. Als Bluntschli seinen Fuß auf die erste Stufe setzt, tritt Raina aus dem Hause.]
Raina [alle Geistesgegenwart verlierend]: Oh, der Pralinésoldat!
[Bluntschli steht starr, Sergius blickt erstaunt auf Raina, dann auf
Petkoff, der wieder ihn ansieht und dann seine Frau fragend anstarrt.]
Katharina [mit befehlender Geistesgegenwart]: Meine liebe Raina, siehst du nicht, daß wir einen Gast haben? [Vorstellend]: Hauptmann Bluntschli, einer von unsern neuen serbischen Freunden. [Raina verbeugt sich. Bluntschli verbeugt sich.]
Raina: Wie dumm von mir! [Sie geht hinunter in die Mitte der Gruppe zwischen Bluntschli und Petkoff.] Ich habe heute früh ein wunderschönes Schokoladeornament für den Eispudding gemacht, und der dumme Nicola hat eben einen Stoß Teller darauf gesetzt und alles verdorben. [Zu Bluntschli gewendet, liebenswürdig]: Ich hoffe, Sie dachten nicht, daß SIE der Pralinésoldat wären, Hauptmann Bluntschli.
Bluntschli [lachend]: Ich versichere Ihnen, daß ich's dachte. [Ihr einen sonderbaren Blick zuwerfend]: Ihre Erklärung ist eine Erlösung für mich.
Petkoff [argwöhnisch zu Raina]: Seit wann kochst du denn, Raina?
Katharina: Oh, während deiner Abwesenheit ist ihr das eingefallen.
Es ist ihr neuestes Steckenpferd.
Petkoff [mürrisch]: Und hat Nicola zu trinken angefangen? Früher war er ziemlich verläßlich. Jetzt ist er wie umgewandelt. Erst führt er Hauptmann Bluntschli hierher, während er doch ganz gut wußte, daß ich in der—Bibliothek war, dann geht er hin und zerstört Rainas Pralinésoldaten. Er muß…
[Nicola tritt oben auf den Stufen mit einer Reisetasche aus dem Hause heraus, er geht die Stufen hinab, stellt die Tasche ehrerbietig vor Bluntschli auf die Erde und wartet auf weitere Befehle. Allgemeines Erstaunen. Ahnungslos, was für eine Wirkung er hervorgerufen, sieht Nicola sehr zufrieden mit sich aus. Als Petkoff seine Sprache wiedererlangt, bricht er los.]
Petkoff: Bist du verrückt geworden, Nicola?
Nicola [erschrocken]: Gnädiger Herr…
Petkoff: Wozu bringst du das hierher?
Nicola: Auf Befehl der gnädigen Frau, Herr Major, Louka sagte mir, daß-Katharina [unterbricht ihn]: Auf meinen Befehl? Warum sollte ich dir befohlen haben, Hauptmann Bluntschlis Gepäck hier herauszubringen? Was fällt dir denn ein, Nicola?
Nicola [bleibt einen Augenblick unschlüssig, dann hebt er das Gepäck auf und wendet sich zu Bluntschli mit vollendeter, unterwürfiger Diskretion]: Ich bitte tausendmal um Vergebung. [Zu Katharina]: Es ist meine Schuld, gnädige Frau, ich bitte Sie, es mir nicht anzurechnen. [Er verbeugt sich und geht mit dem Gepäck gegen das Haus zu, als Petkoff ihm wütend nachruft.]
Petkoff: Vielleicht wirfst du jetzt auch noch diese Tasche auf Fräulein Rainas Eispudding! [Das ist zuviel für Nicola, die Tasche fällt ihm aus der Hand.] Aus meinen Augen, du ungeschickter Esel, du!
Nicola [reißt das Gepäck an sich und flieht in das Haus hinein]: Sehr wohl, gnädiger Herr!
Katharina: So beruhige dich doch, Paul, sei nicht so aufgebracht!
Petkoff [brummend]: Der Schuft ist in meiner Abwesenheit außer Rand und Band geraten. Ich werde ihn schon lehren…[Er erinnert sich seines Gastes.] Ach, entschuldigen Sie! Kommen Sie, Bluntschli, und sprechen Sie nicht mehr vom Fortgehen. Sie wissen ganz gut, daß Sie nicht sofort in die Schweiz zurückkehren, Sie können also vorerst getrost bei uns bleiben.
Raina: Ach ja! Bitte, bleiben Sie, Hauptmann Bluntschli.
Petkoff [zu Katharina]: Hauptmann Bluntschli zögert am Ende noch, weil er glaubt, daß du sein Bleiben nicht wünschest? Bitte du ihn, und er wird nachgeben.
Katharina: Aber selbstverständlich! Ich werde mich glücklich schätzen, wenn Hauptmann Bluntschli wirklich bleiben will. [Ihn mit Blicken beschwörend]: Er kennt meine Wünsche.
Bluntschli [in seiner trockensten militärischen Art]: Ganz wie Sie befehlen, gnädige Frau.
Sergius [freundschaftlich]: Und damit abgemacht!
Petkoff [herzlich]: Abgemacht!
Raina: Sie sehen, daß Sie bleiben MÜSSEN!
Bluntschli [lächelnd]: Nun, wenn ich muß, dann muß ich wohl.
[Gebärde der Verzweiflung von Katharina.]
[Vorhang]
DRITTER AKT
[Nach dem Mittagessen in der Bibliothek.—Nicht viel darin berechtigt zu dieser Bezeichnung. Die literarische Einrichtung dieses Raumes besteht bloß aus einem einzigen Bücherbrett, das mit alten ungebundenen, zerrissenen, kaffeebefleckten und mit Daumenabdrücken versehenen Romanen angefüllt ist. Ferner ein paar hängende Wandetageren mit einigen Geschenkbänden. Die andern Wände sind mit Jagd- und Kriegstrophäen bedeckt, es ist im übrigen ein äußerst behagliches Wohnzimmer. Eine Front von drei breiten Fenstern gestattet den Ausblick auf ein Bergpanorama, das man eben in sehr freundlichem, mildem Nachmittagslichte bewundern kann. In der Ecke neben dem rechtseitigen Fenster verspricht ein viereckiger Kachelofen, ein wahrer Turm farbiger Kacheln bis fast zur Zimmerdecke, behagliche Wärme. Die Ottomane in der Mitte ist rund, mit gestickten Kissen bedeckt, und in den Fensternischen stehen gut gepolsterte kleine Diwane. Kleine türkische Tische—auf einem liegt eine gutgearbeitete Wasserpfeife—und ein sie verbindender Wandschirm vervollständigen den angenehmen Eindruck der Einrichtung. Nur ein Möbelstück ist da, das gar nicht in den Rahmen des Zimmers paßt,—das ist ein kleiner, sehr abgenützter, in einen Schreibtisch umgewandelter Küchentisch. Eine alte, mit Federn gefüllte Blechbüchse, ein mit Tinte gefüllter Eierbecher und ein elender Fetzen ganz verbrauchten rosaroten Löschpapiers liegen darauf. An diesem Tische, der dem linksseitigen Fenster gegenübersteht, sitzt Bluntschli, in Arbeit vertieft. Er hat ein paar Landkarten vor sich und schreibt Befehle aus. An der Schmalseite sitzt Sergius, der auch so tut als ob er beschäftigt wäre, der aber eigentlich nur an seinem Federhalter kaut. Er beobachtet Bluntschlis raschen, sicheren, berufsmäßigen Fortschritt bei der Arbeit mit einer Mischung von neidischer Erregung in Anbetracht seiner eigenen Unfähigkeit, und ehrfürchtigem Erstaunen über eine Geschicklichkeit, die ihm beinahe überirdisch erscheint, obgleich der prosaische Charakter der Arbeit ihm verbietet, sie zu achten. Major Petkoff lehnt behaglich mit einer Zeitung auf der Ottomane, in erreichbarer Nähe steht die Wasserpfeife. Katharina sitzt am Ofen, kehrt der Gesellschaft den Rücken zu und stickt. Raina lehnt in den Kissen des Divans unter dem rechtsseitigen Fenster und blickt träumerisch auf die Balkanlandschaft hinaus, ein vernachlässigter Roman liegt in ihrem Schoße. Die Tür ist auf derselben Seite wie der Ofen, weiter vom Fenster entfernt. Der Knopf der elektrischen Klingel befindet sich zwischen der Tür und dem Ofen.]
Petkoff [blickt von seiner Zeitung auf und beobachtet, wie es auf dem
Tische vorwärts geht]: Sind Sie ganz sicher, daß ich Ihnen in keiner
Weise behilflich sein kann, Bluntschli?
Bluntschli [ohne seine Arbeit zu unterbrechen oder aufzusehen]: Ganz sicher, ich danke. Saranoff und ich, wir werden die Sache schon fertigkriegen.
Sergius [grimmig]: Jawohl, WIR werden die Sache schon fertigkriegen.
Er tiftelt heraus und bestimmt, was zu geschehen hat, schreibt die
Ordres aus, und ich unterschreibe sie, das heißt Arbeitsteilung,
Major. [Bluntschli reicht ihm ein Papier.] Noch eins? Ich danke
Ihnen. [Er breitet den Bogen vor sich aus, setzt seinen Stuhl
sorgfältig davor zurecht und unterschreibt mit der Miene eines Mannes,
der entschlossen eine schwierige und gefahrvolle Tat vollbringt.]
Diese Hand ist mehr an das Schwert gewöhnt als an die Feder.
Petkoff: Es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, Bluntschli, wahrhaftig, daß Sie sich in dieser Weise ausnützen lassen. Sind Sie GANZ sicher, daß ich gar nichts weiter helfen kann?
Katharina [in leise verwarnendem Ton]: Du könntest aufhören zu unterbrechen, Paul.
Petkoff [fährt auf und blickt zu ihr hinüber]: Was? Wie? Ganz richtig, meine Liebe, ganz richtig. [Er nimmt die Zeitung wieder auf, läßt sie aber sofort fallen.] Ah, du hast keinen Feldzug mitgemacht, Katharina, du ahnst nicht, wie angenehm es uns ist, nach einem guten Mittagessen hier zu sitzen, mit keiner andern Verpflichtung, als es uns wohl sein zu lassen. Etwas fehlt mir allerdings zu meiner vollständigen Behaglichkeit.
Katharina: Und das ist?
Petkoff: Mein alter Rock—ich fühle mich nicht zu Hause in diesem da.
Ich komme mir vor wie bei der Parade.
Katharina: Mein teurer Paul, wie töricht du nur wegen dieses alten Rockes bist. Er muß noch in der blauen Kammer hängen, wo du ihn zurückgelassen hast.
Petkoff: Meine liebe Katharina, ich versichere dir, daß ich dort gesucht habe. Darf ich meinen eigenen Augen glauben oder nicht? [Katharina erhebt sich ruhig und drückt auf die elektrische Klingel neben dem Ofen.] Wozu führst du diese Klingel vor? [Sie sieht ihn majestätisch, an, setzt sich schweigend in ihren Stuhl und nimmt ihre Näharbeit wieder auf.] Meine Liebe, wenn du glaubst, daß der Eigensinn einer Frau aus zwei alten Schlafröcken Rainas, aus deinem Regenmantel und meinem Mantel einen Rock machen kann, dann irrst du ganz gewaltig, und DAS ist zu dieser Stunde einzig und allein der Inhalt der blauen Kammer! [Nicola erscheint auf der Schwelle.]
Katharina [ganz ruhig, trotz Petkoffs Ausfall]: Nicola! geh in die blaue Kammer und bringe deines Herrn alten Rock hierher, den mit Borten besetzten, den er gewöhnlich im Hause trägt.
Nicola: Zu Befehl, gnädige Frau.
Petkoff: Katharina!
Katharina: Ja, Paul.
Petkoff: Ich wette mit dir um jeden Schmuck, den du in Sofia bestellen willst, gegen das Haushaltungsgeld einer Woche, daß der Rock nicht in der blauen Kammer ist.
Katharina: Abgemacht, Paul!
Petkoff [aufgeregt durch die Aussicht auf eine Wette]: Kommt, es gibt hier einen Sport. Wer will noch darauf wetten? Bluntschli, ich halte Ihnen sechs gegen eins.
Bluntschli [gelassen]: Das hieße Sie ausrauben, Major. Die gnädige Frau hat sicher recht. [Ohne aufzusehen reicht er Sergius abermals einen Stoß Papiere.]
Sergius [gleichfalls aufgeregt]: Bravo, Schweiz! Major, ich wette mein bestes Chargenpferd gegen eine arabische Stute für Raina, daß Nicola den Rock in der blauen Kammer findet.
Petkoff [eifrig]: Dein bestes Chargenpferd?
Katharina [ihn rasch unterbrechend]: Sei nicht verrückt, Paul, eine arabische Stute kann dich fünfzigtausend Leu kosten.
Raina [plötzlich aus ihrer träumerischen Bewunderung der Landschaft erwachend]: Wahrhaftig, Mama, wenn du bereit bist, den Schmuck anzunehmen, so sehe ich nicht ein, warum du mir meinen Araber vorenthalten willst.
[Nicola kehrt mit dem Rock zurück und bringt ihn Petkoff, der kaum seinen Augen traut.]
Katharina: Wo war er, Nicola?
Nicola: Er hing in der blauen Kammer, gnädige Frau.
Petkoff: Na, ich will verdammt sein…
Katharina [einfallend]: Paul!
Petkoff: Ich hätte schwören mögen, daß er nicht dort war. Das Alter fängt an, bei mir anzuklopfen, ich bekomme schon Halluzinationen. [Zu Nicola]: Da, hilf mir! Entschuldigen Sie, Bluntschli. [Er wechselt seinen Rock, Nicola hilft ihm dienstbeflissen.] Ich mache dich darauf aufmerksam, Sergius, daß ich deine Wette nicht angenommen habe. Du könntest lieber selbst Raina die arabische Stute schenken, da du nun schon einmal solche Erwartungen erweckt hast. Nicht wahr, Raina? [Er wendet sich nach ihr um, aber sie ist wieder in den Anblick der Landschaft vertieft; mit einem kleinen Ausbruch väterlicher Liebe und Eitelkeit macht er die andern auf seine Tochter aufmerksam und sagt]: Sie träumt schon wieder, wie gewöhnlich.
Sergius: Keinesfalls soll sie dabei zu kurz kommen.
Petkoff: Um so besser für Raina. Ich fürchte, ich werde nicht so billig loskommen. [Nun ist der Kleiderwechsel vollzogen, Nicola geht mit dem abgelegten Rock hinaus.]
Petkoff: Ach, nun fühle ich mich endlich zu Hause! [Er setzt sich und nimmt seine Zeitung mit behaglichem Grunzen wieder zur Hand.]
Bluntschli [zu Sergius, ihm ein Papier reichend]: Das ist der letzte
Befehl.
Petkoff [aufspringend]: Was—schon fertig?
Bluntschli: Fertig!
Petkoff [geht zu Sergius, sieht neugierig über seine linke Schulter zu, wie er unterzeichnet, und sagt mit kindischem Neide]: Soll ich denn gar nichts unterzeichnen?
Bluntschli: Es ist nicht nötig, seine Unterschrift wird genügen.
Petkoff: Nun gut, ich denke, wir haben ein verflucht anständiges Stück Arbeit vollbracht. [Er entfernt sich vom Arbeitstisch]: Kann ich sonst noch etwas tun?
Bluntschli: Gut wäre es, wenn Sie beide die Kerle ansehen würden, die diese Befehle zu überbringen haben. [Zu Sergius]: Schicken Sie die Leute gleich fort und zeigen Sie ihnen, daß ich auf der Marschroute die Zeit angegeben habe, in der sie ausgehändigt sein MÜSSEN. Sagen Sie ihnen auch, daß ihnen die Haut über die Ohren gezogen werden wird, wenn sie trinken und schwatzen und sich dadurch auch nur um fünf Minuten verspäten.
Sergius [erhebt sich entrüstet]: Das werde ich ausrichten! Und wenn einer von ihnen Manns genug ist, mir dafür ins Gesicht zu speien, weil ich ihn beleidigt habe, so will ich ihn loskaufen und ihm eine Pension bezahlen. [Er geht mit großen Schritten ab, in seiner Menschenwürde tief verletzt.]
Bluntschli [vertraulich zu Petkoff]: Sie passen auf, daß er mit den
Leuten richtig spricht, Herr Major, nicht wahr?
Petkoff [diensteifrig]: Gewiß, Bluntschli, gewiß, ich will mich darum kümmern. [Er geht gewichtig zur Tür, zögert aber an der Schwelle]: Apropos, Katharina, du kannst auch mitkommen. Dein Anblick wird sie weit mehr einschüchtern als der meine.
Katharina [ihre Stickerei niederlegend]: Ich glaube selbst, daß es besser sein wird; du wirst dich höchstens blamieren. [Petkoff öffnet ihr die Türe, sie geht ab und er folgt ihr.]
Bluntschli: Was für ein Volk! Sie zimmern Kanonen aus Kirschbäumen, und die Offiziere schicken nach ihren Frauen, um die Disziplin aufrechtzuerhalten. [Er fängt an, die Papiere zusammenzufalten und zu verzeichnen; Raina, die sich vom Diwan erhoben bat, geht im Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken geballt, blickt sie Bluntschli mutwillig an.]
Raina: Sie sehen jetzt viel netter aus als damals, da wir uns zuletzt getroffen haben. [Er blickt überrascht auf.]—Wie haben Sie das nur angestellt?
Bluntschli: Mich gewaschen, gebürstet, nachts gut geschlafen und gefrühstückt—weiter nichts, gnädiges Fräulein.
Raina: Sind Sie an jenem Morgen gefahrlos durchgekommen?
Bluntschli: Vollkommen, ich danke Ihnen.
Raina: Waren Ihre Vorgesetzten ungehalten darüber, daß Sie bei
Sergius' Attacke davongelaufen sind?
Bluntschli: Nein, sie waren darüber froh, weil sie alle genau dasselbe getan hatten.
Raina [geht an den Tisch und beugt sich über den Tisch zu ihm hinüber]: Es muß eine lustige Geschichte für SIE gewesen sein—all das von mir und meinem Zimmer!
Bluntschli: Ein famoses Abenteuer. Aber ich habe es nur einem einzigen Menschen erzählt, einem alten Freunde.
Raina: Auf dessen Verschwiegenheit Sie unbedingt zählen durften?
Bluntschli: Unbedingt.
Raina: So! Nun denn, er hat meinem Vater und Sergius alles erzählt
an jenem Tage, an dem Sie den Austausch der Gefangenen vornahmen.
[Sie wendet sich ab und schlendert nachlässig auf die gegenüberliegende
Seite des Zimmers.]
Bluntschli [sehr betroffen und halb ungläubig]: Das ist doch nicht
Ihr Ernst—das ist unmöglich!
Raina [mit plötzlichem Ernst, indem sie umkehrt]: Es ist so; aber die beiden wissen nicht, daß SIE es waren und daß Sie in DIESES Haus geflüchtet sind. Wenn Sergius das erführe, er würde Sie fordern und im Duell töten.
Bluntschli: Gott behüte, dann erzählen Sie es ihm nur nicht!
Raina [vorwurfsvoll wegen seines Leichtsinns]: Können Sie sich vorstellen, was es für mich bedeutet, ihn betrügen zu müssen? Ich möchte ganz eins sein mit Sergius. Keinerlei Niedrigkeiten, nichts Verwerfliches, kein Betrug sollte zwischen uns stehen. Meine Beziehung zu ihm ist das wahrhaft schönste und erhabenste Ereignis meines Lebens—ich hoffe, Sie können das begreifen.
Bluntschli [skeptisch]: Sie wollen sagen, daß es Ihnen nicht angenehm wäre, wenn er herausfände, daß die Geschichte mit dem Eispudding eine—eine…na—Sie wissen schon.
Raina [zusammenzuckend]: Ah, sprechen Sie darüber nicht in so leichtfertiger Weise! Ja, ich habe gelogen, ich weiß es, aber ich habe gelogen, um Ihnen das Leben zu retten—er würde Sie getötet haben! Es war das zweitemal, daß ich in meinem Leben gelogen habe.
[Bluntschli erhebt sich rasch und blickt Raina zweifelnd und etwas strenge an.]
Raina: Erinnern Sie sich an das erstemal?
Bluntschli: Ich? nein. War ich denn zugegen?
Raina: Jawohl! Und ich sagte dem russischen Offizier, der nach Ihnen suchte, daß Sie nicht zugegen wären.
Bluntschli: Bei Gott, das ist wahr, ich hätte mich daran erinnern sollen.
Raina [sehr ermutigt]: Ah, ich begreife, daß SIE das vergessen haben; Sie hat es ja nichts gekostet, aber mich kostete es eine Lüge—eine Lüge! [Sie setzt sich auf die Ottomane und blickt starr vor sich hin, die Hände über das Knie gekreuzt. Bluntschli nähert sich ihr sehr ergriffen und setzt sich mit ganz besonders beruhigender und rücksichtsvoller Gebärde neben sie.]
Bluntschli: Verehrtes gnädiges Fräulein, machen Sie sich darüber keine Gedanken! Bedenken Sie, ich bin Soldat! Nun welches sind die beiden Dinge, die einem Soldaten so oft passieren, daß er schon gar nicht mehr darauf achtet? Daß er Leute Lügen erzählen hört, ist das eine. [Raina fährt zurück.] Das andere, daß ihm auf alle mögliche Art und Weise von allen möglichen Leuten das Leben gerettet wird.
Raina [protestiert entrüstet und erhebt sich]: Und so wird er ein undankbares, treuloses Geschöpf.
Bluntschli [ein saures Gesicht schneidend]: Lieben Sie Dankbarkeit?
Ich nicht. Wenn Mitleid mit der Liebe blutsverwandt ist, so ist die
Dankbarkeit verwandt mit dem Gegenteil.
Raina: Dankbarkeit! [Sich nach ihm umwendend]: Wenn Sie nicht dankbar sein können, dann sind Sie überhaupt jeder edlen Regung unfähig—selbst Tiere sind dankbar! Oh, jetzt weiß ich genau, was Sie über mich denken! Sie waren nicht überrascht, mich lügen zu hören, Sie waren überzeugt, daß ich das täglich, ja stündlich täte! So denken Männer über Frauen. [Sie geht im Zimmer melodramatisch umher.]
Bluntschli [mißtrauisch]: Nicht so ganz ohne Berechtigung. Sie behaupten, daß Sie in Ihrem ganzen Leben bloß zweimal gelogen haben! Verehrtes Fräulein, ist das nicht gar zu wenig?! Ich bin ein recht wahrheitsliebender Kerl; aber bei mir würde das nicht für einen einzigen Vormittag reichen.
Raina [ihn von oben herab ansehend]: Sie beleidigen mich, Herr
Hauptmann!
Bluntschli: Dafür kann ich nichts. Wenn Sie diese edle Haltung annehmen und in so hohem Tone sprechen, dann bewundere ich Sie—aber es ist mir unmöglich, Ihnen auch nur ein Wort zu glauben!
Raina [stolz]: Hauptmann Bluntschli!
Bluntschli [unbeweglich]: Sie befehlen?
Raina [geht ihm ein wenig entgegen, als ob sie ihren Ohren nicht traute]: MEINEN Sie das, was Sie eben gesagt haben? WISSEN Sie, was Sie eben gesagt haben?
Bluntschli: Ganz genau.
Raina [keuchend]: Ich! Ich!! [Sie zeigt ungläubig auf sich, als wollte sie sagen: "Ich Raina Petkoff, bin eine Lügnerin." Er begegnet ihrem Blick unerschütterlich, plötzlich setzt sie sich neben ihn und geht mit vollkommenem Wechsel ihres Benehmens von ihrer aufgebrachten zu einer vertraulichen Art und Weise über.] Wie haben Sie mich so schnell durchschaut?
Bluntschli [sofort]: Instinkt, gnädiges Fräulein, Instinkt und
Welterfahrung!
Raina [verwundert]: Wissen Sie, daß Sie der erste Mann in meinem
Leben sind, der mich nicht ernst genommen hat?
Bluntschli: Sie meinen, nicht wahr, daß ich der erste Mann bin, der
Sie ganz ernst nimmt?
Raina: Ja, ich glaube, das meine ich. [Gemütlich und sehr unbefangen]: Wie sonderbar das ist, wenn mit einem so ehrlich gesprochen wird! Wissen Sie, ich hab' es immer so getrieben!—ich meine die edle Haltung und den hohen Ton, so habe ich mich schon als kleines Kind meiner Amme gegenüber aufgespielt. Sie hat daran geglaubt. Ich tue es vor meinen Eltern; sie glauben auch daran, Sergius gegenüber tue ich gleichfalls so, er glaubt auch daran.
Bluntschli: Jawohl, er posiert selbst ein wenig in dieser Art, nicht wahr?
Raina [auffahrend]: Glauben Sie?
Bluntschli: Sie müssen ihn besser kennen als ich.
Raina: Ich wäre begierig, zu erfahren, ob er wirklich auch so ist!
Wenn ich dächte, daß er—! [Entmutigt:] Doch wozu, was liegt daran?
Ich fühle, daß Sie mich jetzt verachten, weil Sie mich erkannt haben.
Bluntschli [erhebt sich, warm]: Durchaus nicht, mein verehrtes
Fräulein,—o nein, nein, tausendmal nein. Ihr Gehaben macht einen
Teil Ihrer Jugend, Ihres Reizes aus. Ich bin genau wie alle übrigen,
wie Amme, Eltern und Sergius,—ich bin Ihr betörter Bewunderer.
Raina [erfreut]: Wirklich?
Bluntschli [sich nach deutscher Art auf die Brust schlagend]: Hand aufs Herz, wahrhaftig!
Raina [sehr glücklich]: Aber was haben Sie dazu gesagt, daß ich Ihnen mein Bild geschenkt habe?
Bluntschli [erstaunt]: Ihr Bild? Sie haben mir doch nie Ihr Bild geschenkt.
Raina [rasch]: Wollen Sie behaupten, daß Sie es NICHT erhalten haben?
Bluntschli: Gewiß will ich das! [Er setzt sich mit erneuertem
Interesse neben sie und sagt mit einer gewissen Selbstgefälligkeit]:
Wann haben Sie es mir denn geschickt?
Raina [entrüstet]: Ich habe es Ihnen nicht geschickt! [Sie wendet den Kopf ab und fügt zögernd hinzu]: Es war in der Tasche jenes Rockes…
Bluntschli [beißt sich auf die Lippen und rollt die Augen]: Oh, oh, oh, und ich hab' es nicht gefunden! Es muß jetzt noch darin sein.
Raina [aufspringend]: Noch darin?! Damit mein Vater es findet, sobald er die Hände in die Taschen steckt? Nein, wie konnten Sie nur so dumm sein!
Bluntschli [erhebt sich gleichfalls]: Machen Sie sich nichts daraus, es ist doch nur eine Photographie,—wie kann er wissen, für wen sie bestimmt war? Sagen Sie ihm einfach, daß er sie selbst hineingetan hat.
Raina [ungeduldig]: Ich danke Ihnen für den guten Rat! Sie sind gar so gescheit! Ach, ach, ach, was soll ich nur beginnen?
Bluntschli: Ah, ich verstehe: Sie haben etwas darauf geschrieben.
Das war freilich unvorsichtig.
Raina [fast bis zu Tränen verdrossen]: Nein, daß ich so etwas für Sie tun konnte,—für Sie, dem gar nichts daran liegt! Der sich höchstens über mich lustig macht! Sind Sie wenigstens sicher, daß bis jetzt niemand es berührt hat?
Bluntschli: Nein, ganz sicher kann ich nicht sein. Bedenken Sie doch: ich konnte den Rock ja nicht immer mit mir herumtragen, man darf im aktiven Dienst nicht viel Gepäck mitführen.
Raina: Was haben Sie denn aber damit gemacht?
Bluntschli: Als ich nach Pirot kam, da mußte ich ihn irgendwo in
Sicherheit bringen, ich dachte an das Garderobezimmer der
Eisenbahnstation,—aber das ist bestimmt ein Platz, der bei unserer
modernen Kriegführung ganz ausgeplündert wird. Da zog ich vor, den
Rock zu—versetzen!
Raina: Versetzt haben Sie ihn!
Bluntschli: Ich weiß, es klingt nicht nett, aber das Versatzamt war gewiß der sicherste Ort. Vorgestern habe ich ihn wieder ausgelöst; weiß der Himmel, ob der Pfandleiher die Taschen ausgeleert hat oder nicht.
Raina [wütend, ihm die Worte ins Gesicht schleudernd]: Sie haben eine niedrige Krämerseele. Sie denken an Dinge, die einem Ehrenmann niemals einfallen könnten.
Bluntschli [phlegmatisch]: Das ist der Schweizer Nationalcharakter, verehrtes Fräulein.
Raina: Oh, wäre ich Ihnen nie begegnet! [Sie wendet sich heftig ab und setzt sich wütend ans Fenster.]
[Louka kommt herein, einen Pack Briefe und Telegramme auf ihrem Servierteller. Sie geht mit ihrem kühnen, freien Wesen an den Tisch; ihr linker Ärmel ist mit einer Brosche an die Schulter hinaufgeheftet; man sieht ihren bloßen Arm, dessen blauer Fleck durch ein breites vergoldetes Armband verdeckt ist.]
Louka [zu Bluntschli]: Das ist für Sie; [sie leert ihre Platte unbekümmert auf den Tisch aus:] der Bote wartet. [Sie ist entschlossen, gegen einen Serben nicht höflich zu sein, selbst wenn sie ihm seine Briefe bringen muß.]
Bluntschli [zu Raina]: Wollen Sie mich einen Augenblick entschuldigen? Die letzte Post hat mich vor drei Wochen erreicht—diese Anhäufung ist die Folge davon,—vier Depeschen—eine Woche alt. [Er öffnet eine davon:] Oho! schlechte Nachrichten!
Raina [steht auf und nähert sich etwas reumütig]: Schlechte
Nachrichten?
Bluntschli: Mein Vater ist gestorben. [Er blickt auf das Telegramm mit geschlossenen Lippen, in Gedanken vertieft über den unerwarteten Umschlag in seinen Plänen.]
Raina: Oh! wie traurig.
Bluntschli: Jawohl! Da werde ich in einer Stunde heimreisen müssen.
Mein Vater hat eine Menge großer Hotels hinterlassen, um die ich
mich nun bekümmern muß. [Er greift ein dickes, langes, blaues
Kuvert heraus.] Da ist auch schon ein großer Brief von unserm
Familienadvokaten. [Er reißt die Papiere heraus und überfliegt sie.]
Großer Gott, siebzig—zweihundert—[mit wachsender Bestürzung:]
vierhundert—viertausend—neuntausendsechshundert…was, um des
Himmels willen, soll ich denn damit anfangen?!
Raina [schüchtern]: Neuntausendsechshundert Hotels?
Bluntschli: Hotels! Unsinn! Wenn Sie nur wüßten,—aber es ist zu
lächerlich, entschuldigen Sie, ich muß Anordnungen wegen meiner
Abreise treffen. [Er verläßt rasch das Zimmer, die Papiere in der
Hand.]
Louka [spöttisch]: Er hat nicht viel Herz, dieser Schweizer, obwohl er die Serben liebt; er hat kein Wort der Trauer, des Kummers für seinen seligen Vater.
Raina [bitter]: Der und Kummer! Ein Mensch, der jahrelang nichts anderes getan hat, als Leute umbringen,—was liegt dem daran, wenn sein alter Vater stirbt! was liegt einem Soldaten an irgend etwas? [Sie geht zur Tür, ihre Tränen nur mühsam zurückhaltend.]
Louka: Major Saranoff hat auch gekämpft, und es ist ihm doch sehr viel Herz übriggeblieben. [Raina blickt sie von der Tür aus hochmütig an und geht hinaus.] Aha, ich habe es mir gedacht, daß du wenig Gefühl aus DEINEM Soldaten herauskriegen würdest. [Sie ist im Begriff, Raina zu folgen, da tritt Nicola ein, Holz in den Armen, um nachzulegen.]
Nicola [sie verliebt anlächelnd]: Den ganzen Nachmittag habe ich mich umsonst bemüht, dich allein anzutreffen, mein Schatz. [Sein Gesichtsausdruck verändert sich, als er ihren Arm bemerkt.] Was ist das für eine neue Mode, deine Ärmel zu tragen, mein Kind?
Louka [stolz]: Meine eigene Mode.
Nicola: In der Tat—! na! wenn dich die Frau so erwischt, wird sie dich lehren. [Er wirft das Holz auf die Ottomane und setzt sich bequem daneben.]
Louka: Ist das ein Grund für dich, mich zu lehren?
Nicola: Geh, sei nicht so widerspenstig gegen mich; ich habe eine gute Nachricht für uns. [Er nimmt etwas Papiergeld aus der Tasche, Louka kommt mit gierigem Augenblitzen näher, um es anzusehen.] Schau, ein Zwanzigleuschein! Sergius gab mir das Geld aus reiner Prahlerei—so ein Narr! Narrengeld ist bald dahin. Und da sind noch zehn Leu,—die gab mir der Schweizer dafür, daß ich der Gnädigen und Rainas Lügen auf mich genommen habe. Der ist kein Narr! Du hättest die alte Katharina nur unten hören sollen, wie höflich sie mich bat, mir nichts daraus zu machen, daß der Major etwas ungeduldig gewesen sei, denn sie wüßten ganz gut, was für ein prächtiger Diener ich sei—nachdem sie mich vor allen zu einem Narren und Lügner gestempelt haben! Die zwanzig Leu sind für unsere Ersparnisse bestimmt, und dir gebe ich die zehn, die kannst du nach Belieben ausgeben, wenn du dafür mit mir nur so sprechen willst, als ob ich auch ein Mensch wäre. Manchmal habe ich es doch satt, Diener zu sein.
Louka [verachtungsvoll]: Ja, geh hin und verkaufe deine Manneswürde für dreißig Leu und kaufe mich für zehn Leu dazu! Behalte dein Geld! Du bist zum Diener geboren, ich nicht! Wenn du deinen Laden eingerichtet hast, dann wirst du jedermanns Diener sein, statt, wie jetzt, eines Mannes Diener.
Nicola [nimmt sein Holz auf und geht zum Ofen]: Pah, wart' es nur erst ab, du wirst schon sehen! Wir werden unsere Abende für uns haben, und ich werde der Herr in MEINEM Hause sein,—das verspreche ich dir! [Er wirft das Holz hinunter und kniet vor dem Ofen.]
Louka: Du wirst nie der Herr in meinem Hause sein. [Sie setzt sich stolz auf Sergius' Stuhl.]
Nicola [wendet sich um, immer auf den Knien, und kauert sich etwas trostlos auf seine Fersen nieder, entmutigt von Loukas unerbittlicher Mißachtung.] Du bist sehr ehrgeizig, Louka; wenn dir irgendein unverhofftes Glück widerfahren sollte, dann vergiß nicht: ich war es, der eine Frau aus dir gemacht hat.
Louka: Du?
Nicola [mit hartnäckiger Selbstverteidigung]: Jawohl, ich. Wer hat dir abgewöhnt, deinen Kopf mit falschen schwarzen Haaren zu behängen und deine Lippen und Wangen rot zu schminken wie alle andern bulgarischen Mädchen? Ich war das. Wer lehrte dich deine Nägel putzen und deine Hände pflegen und dich fein und sauber halten wie eine große russische Dame? Ich! Verstehst du mich? Ich! [Sie wirft den Kopf verachtungsvoll in die Höhe und er erhebt sich übellaunig und fügt kühler hinzu:] Ich habe mir oft gedacht, wenn Raina nicht im Wege stünde und du bloß ein klein wenig klüger wärest und Sergius bloß ein klein wenig dümmer, du könntest einmal zu meinen größten Kunden zählen, statt daß du nur meine Frau wirst und mich Geld kostest.
Louka: Ich glaube, du würdest lieber mein Diener sein als mein Mann! Du könntest dann auch mehr aus mir herausschlagen,—ich kenne deine schöne Seele.
Nicola [tritt nahe an sie heran, um mit größerem Nachdruck zu sprechen]: Laß meine Seele aus dem Spiel, ein für allemal, aber höre auf meine Ratschläge! Wenn du eine Dame werden willst, dann ist dein augenblickliches Benehmen zu mir durchaus nicht angebracht, ausgenommen, wenn wir allein sind; es ist zu scharf und zu frech, und Frechheit verrät gewissermaßen eine Vertraulichkeit, die als Gunstbezeichnung ausgelegt werden könnte! Dann werde ich dich auch sehr bitten, nicht hochnäsig und von oben herab mit mir zu verkehren! Du bist darin wie alle Landgänschen. Du glaubst, es ist vornehm, einen Diener so zu behandeln, wie ich einen Stalljungen behandele; daran ist aber nur deine Unbildung schuld; vergiß das nicht und sei nur nicht immer gar so bereit, jedem Menschen Trotz zu bieten! Benimm dich, als ob du erwartetest deinen eigenen Willen durchzusetzen, und nicht, als ob du gewohnt wärst, daß mit dir herumkommandiert wird. Der Weg, sich als Dame oder als Diener vorwärts zu bringen, ist ganz der gleiche. Man muß wissen, was sich gehört, das ist das ganze Geheimnis. Und auf mich kannst du dich verlassen: ich weiß, was sich für mich gehört, wenn du aufrückst. Denke an mich, mein Schatz, ich will auch zu dir halten! Ein Diener sollte dem andern immer behilflich sein.
Louka [erhebt sich ungeduldig]: Oh, ich muß mich auf meine eigene Art benehmen, du nimmst mir mit deiner kaltblütigen Weisheit nur alle Unbefangenheit. Geh, wirf das Holz ins Feuer, das ist eine Sache, die du verstehst. [Bevor Nicola etwas erwidern kann, tritt Sergius ein; er hält inne, als er Louka erblickt, dann geht er an den Ofen.]
Sergius [zu Nicola]: Ich hoffe, ich bin dir nicht im Weg bei deiner
Arbeit.
Nicola [glatt, den alten Diener spielend]: O nein, ich danke sehr; ich habe nur mit diesem närrischen Ding über ihre Gepflogenheit gesprochen, bei jedem Anlaß in die Bibliothek zu laufen, um die Bücher anzusehen. Es ist ein Fehler ihrer Erziehung, Herr Major; sie gab ihr Gewohnheiten, die über ihrem Stande sind. [Zu Louka.] Mache den Tisch für den Herrn Major zurecht, Louka. [Er geht gesetzt hinaus; Louka beginnt, ohne Sergius anzublicken, die Papiere auf dem Tisch zu ordnen; er kommt langsam auf sie zu und studiert aufmerksam die Anordnung ihres Ärmels.]
Sergius: Lassen Sie mich sehn, haben Sie da noch einen blauen Fleck? [Er nimmt das Armband ab und betrachtet den Fleck, der durch den Druck seiner Finger entstanden ist. Sie steht unbeweglich und sieht ihn nicht an, sie ist wie bezaubert, aber auf ihrer Hut. Er bläst auf die Stelle.] Tut's noch weh?
Louka: Jawohl!
Sergius: Soll ich es heilen?
Louka [zieht sofort ihren Arm stolz zurück, ohne ihn anzusehen]: Nein, jetzt können Sie's nimmermehr.
Sergius [herrisch]: Sind Sie dessen ganz sicher? [Er macht eine
Bewegung, als ob er sie umarmen wollte.]
Louka: Bitte, spielen Sie nicht mit mir; ein Offizier sollte nicht mit einer Dienerin tändeln.
Sergius [berührt ihren Arm mit einem unbarmherzigen Streich seines
Zeigefingers]: Das war kein Getändel, Louka.
Louka: Nein? [Sieht ihn zum ersten Male an:] Tut es Ihnen leid?
Sergius [mit gemessenem Pathos, seine Arme kreuzend]: Mir tut NIE etwas leid.
Louka [sehnsüchtig]: Ich wollte, ich könnte glauben, daß ein Mann einer Frau so wenig ähnlich sein könnte. Sagen Sie mir, sind Sie wirklich ein tapferer Mann?
Sergius [einfach, seine Positur aufgebend]: Ja, mutig bin ich wirklich. Mein Herz schlug beim ersten Schuß wie das eines Weibes, aber bei der Attacke fand ich meine ganze Tapferkeit wieder; ja, das wenigstens ist wahr und echt an mir.
Louka: Fanden Sie bei der Attacke die Leute armer Herkunft, wie meinesgleichen, weniger tapfer als die, die reich waren wie Sie?
Sergius [bitter, leichthin]: Nicht im geringsten. Sie fochten und fluchten und schrien alle wie Helden! Pah, der Mut zu wüten und zu töten ist billig. Ich habe einen englischen Bullterrier, der von dieser Art Mut so viel besitzt wie die ganze bulgarische Nation und die ganze russische Armee dazu, aber er läßt sich trotzdem von meinem Stallknecht prügeln. So sind eure Soldaten ganz genau. Nein, Louka, eure armen Teufel können zwar Hälse abschneiden, aber sie fürchten sich vor ihren Offizieren, sie lassen sich Beleidigungen und Schläge gefallen, sie stehen dabei und sehen ruhig zu, wenn ihre Kameraden bestraft werden wie kleine Kinder, ja und was noch schlimmer ist, sie helfen selbst mit, wenn sie dazu befohlen werden. Und die Offiziere erst, na… [Mit einem kurzen und bitteren Lachen:] Ich bin Offizier, ach! [Feurig:] Zeigen Sie mir einen Mann, der jeder Macht auf Erden oder im Himmel, die ihn zwingen wollte, gegen seinen Willen oder sein Gewissen zu handeln, Trotz bietet bis in den Tod! Nur ein solcher Mann ist tapfer.
Louka: So zu reden, das ist leicht. Mir scheint die meisten Männer bleiben zeitlebens Knaben. Sie haben alle Ideen wie die Schuljungen. Sie wissen auch nicht, was wahrer Mut ist.
Sergius [ironisch]: Wirklich? Ich lasse mich gerne belehren.
Louka: Sehen Sie mich an! Wie oft darf ich mir den Luxus eines eigenen Willens gestatten? Ich muß Ihr Zimmer in Ordnung bringen, muß abstauben und fegen, holen und laufen. Wie kann mich das erniedrigen, wenn es Sie nicht erniedrigt, für den das alles geschieht?! Aber [mit unterdrücktem Zorn] wenn ich Kaiserin von Rußland wäre, über alle Menschen erhaben, dann—wenn ich auch Ihrer Meinung nach gar keinen Mut beweisen könnte,—na, Sie sollten schon sehen.
Sergius: Was würden Sie dann tun, edle Kaiserin?
Louka: Ich würde den Mann heiraten, den ich liebte, wozu keine Königin Europas den Mut findet. Wenn ich beispielsweise Sie liebte, der Sie dann so tief unter mir stünden, wie ich jetzt unter Ihnen stehe, ich würde es wagen, mich meinem Untergebenen gleichzustellen! Würden Sie diesen Mut finden, wenn Sie mich liebten? Nein! Wenn Sie fühlten, daß Sie mich zu lieben beginnen, so würden Sie dieses Gefühl unterdrücken, Sie würden nicht wagen, mich zu heiraten. Sie würden die Tochter eines reichen Mannes heimführen aus Angst, was "die Welt", was andere Leute dazusagen könnten!