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Helianth. Band 1 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene cover

Helianth. Band 1 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Chapter 120: Raum
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About This Book

The narrative follows the intertwined lives of two contemporary people in the northern lowlands, alternating long, sensuous landscape passages with close psychological interiority. Lush, tactile depictions of heat, insect song, grasses and coastal horizons shift into reveries, memories and associative reflections that disclose longing, confusion and fragile human bonds. Episodic sections combine lyric observation, dreamlike imagery and social reminiscence to examine emotional shifts, desire and the slow movement of everyday existence. The structure unfolds in successive books that balance external atmosphere with inward contemplation.

Ach wie traurig sind die Tage,

Seit ich in dem Schatten lebe,

Nicht mein Antlitz zu ihm hebe,

Nicht sein Mund mich heilt.

Friedlos, ach, von bittrer Plage,

Frage ich die stummen Haine,

Frage Pfade, Ufer, Steine,

Wo mein Herr verweilt.

Von der Schwelle ausgetrieben,

Die mir unterm Abendglänzen,

Oder unter Sternenkränzen

Wundersam erschien,

Kann ich noch mein Antlitz lieben,

Das nur fremde Blicke preisen,

Und den Mund, dem nur die leisen

Seufzer noch entfliehn?

An der Flamme auf dem Herde

Rötet sich mir Stirn und Wange,

Daß ich wie in Purpur prange,

Den Erhabnen gleich.

Spät, mit trauriger Gebärde,

Blickt ins Fenster, durch die Zweige,

Mond, dem ich mein Antlitz zeige,

Und dann bin ich bleich.

Georg merkte, daß während des Schreibens die Sonne entwichen war, und ihn fröstelte. Als er das Blatt in die Brieftasche zurücklegen wollte, fiel ein kleiner Zettel heraus, auf dem stand von fremder Hand geschrieben: G. T. 17. Was mochte das bedeuten?

Heftiger fröstelnd — und wie öde war auf einmal der Wald! — überlas er noch einmal das Geschriebene, strich in der zweiten Strophe das ‚Wundersam‘, um dafür ‚Freudenreich‘, und in der letzten ‚Erhabnen‘, um dafür ‚Geliebten‘ zu setzen, legte das Blatt fort, stand auf und ging in der Richtung der Stadt davon. Nach einigem Kopfzerbrechen fiel ihm ein, daß er Cora Bogner seinen Besuch versprochen hatte, sodann, daß 17 die Hausnummer der Cornelia Ring war, und ihm wurde heiß im Gedanken, daß er mit Josef Montfort nichts besprochen hatte, aber vor allem kam es ja auf seinen Vater an, und Montfort würde wohl nicht über Nacht davongegangen sein. Die Fabrik stand schlecht, wer hatte ihm das nur erzählt? Josef selbst? Richtig, Cornelia Ring war es gewesen. Da durchglühte ihn wieder Renates Leiblichkeit, unendliche Sehnsucht befiel ihn, er umschlang sie mit den Armen, er fand ihren Mund, — aber siehe, was war das für eine Süße, die ihm jählings durch Mark und Bein loderte? Das mußte er geträumt haben, nur in Träumen steigen Gefühle in solches Übermaß, o mit welch ungeheuerlicher Schmerzenswollust hatte er einmal im Traum geweint! Und nun fiel ihm Lenusch, fiel ihm alles ein, die Bar, das endlose Gespräch zwischen Montfort und dem Saint-Georges, der Lärm, das Mädchen, ihr Stirnband, ihr Bein, ihr Strumpf, in den er das Geld —, und zuletzt — nein, bloß das nicht! aber er sah es wieder deutlich vor sich, ihn schauderte maßlos, er wehrte sich mit allen Kräften, stellte sich hundert andre Dinge vor, und es gelang ihm endlich, sie wieder vor sich zu sehn, wie sie die gekrallten Hände gegen die Schultern erhob. Sie hätte die größte Tischplatte über seinen Kopf heruntergeschmettert, so sah sie aus. Warum haßte sie ihn nur so? Vielleicht hatte Montfort ihm bloß Lügen erzählt, obgleich er ein Mensch schien, der keine Lügen nötig hatte, der Unwahrscheinlicheres erlebt, keine selbstgeschnitzten Stützen brauchte. Ach, es war doch schrecklich! Da war der Augenblick gekommen, wo sie ihr ganzes, verfahrenes Dasein in eine einzige Flamme von Haß zusammenriß, um es — ja um es wie eine schwere Tischplatte ihrem Feinde über das Haupt zu schlagen, und da mußte sie so zusammenbrechen.

Georg fiel ein, daß er sie um ein Uhr mittags treffen sollte. — Ich werde natürlich hingehn, ich bin ja nicht fähig, ein weibliches Wesen umsonst warten zu lassen, und außerdem werde ich versuchen, sie auf reinlichere Wege zu bringen. Versuchen kann man das immer, obwohl es wahrscheinlich ist, daß, wie bei all diesen Mädchen, das Grundübel in Arbeitsscheu besteht. Man muß es versuchen. —

Mittlerweile war er am Pferdeturm angelangt, wartete eine Weile auf eine elektrische Bahn, fuhr in die Stadt und ging in die Eichstraße zu Cora.

Salon

Georg mußte im Salon warten, und der Salon gefiel ihm nun ganz und gar nicht. An diesem Ort, dachte er, kann man sehr traurig werden. Er hatte grünliche Damastsofas und Sessel mit Troddeln daran, und ein Sofa hatte einen Mahagoniumbau mit Spiegeln und gemalten Parforcejagdszenen, im Erker aber stand eine Bronzebüste der milesischen Venus und blickte ihn trübe an. Er sah auch, daß der venezianische Kronleuchter, von dem sie geschrieben hatte, von der Decke hing und hier und da mit Draht geflickt war, und rechts vom Erker stand Coras Schreibtisch auf äußerst dünnen Beinen, bedeckt mit Photographierahmen und Schreibwerkzeugen aus Messing und grün geädertem Marmor, so daß kaum ein viertel Quadratmeter Raum zum Schreiben war, im ganzen ein ungemein fataler Aufenthalt. Georg, lustlos und immer fröstelnd, blickte aus dem Erker auf die langweilige Straße hinunter, wo sich jetzt schwärzliche Regenflecken zeigten. Endlich erschien Cora, in einem hellgelben Morgenrock, mit flüchtig zusammengegriffenem Haar, trug ihre herbstlichste Miene und die Entsagungsgeste zur Schau, worüber Georg sich ärgerte, weil er hinter dem abwehrend vorgestreckten Schild nur zu deutlich die Verlockung zu wittern hatte, also daß er in ein plätscherndes Geschwätz über die bezaubernde Fähigkeit schöner Frauen ausbrach, die es verstünden, ohne Hut als ein völlig andres Wesen zu erscheinen, als mit Hut, — ha überhaupt Hüte! Da gewöhnte er sich wieder langsam an ihren Anblick, ihre Eigenart, und es gefiel ihm wieder sehr, wie sie mit der Oberlippe über die beiden, ein wenig zu groß geratenen oberen Mittelzähne hinablangte, was ihn immer an die Gebärde eines Mädchens erinnerte, das einen eingelaufenen Ärmel straff zupft, und in Coras Züge kam mit dieser Verlängerung der Nase durch die Oberlippe ein völlig verquerer Ausdruck von Hoheit. Alsdann sagte er auf, was er am vergangenen Tage in der Bahn Bogner über ihr römisches Aussehn vorgetragen hatte, was sie andächtig anhörte, die schlecht zueinander passenden Ringe an ihren, ein wenig grauen, lang geschwungenen Händen hin und her schiebend; die Fingernägel waren nicht durchaus rein, — und überdem meldete das Dienstmädchen den Maler, der hinter ihm eintrat.

„Wie herrlich, Benvenuto, daß du kommst!“ entzückte sich Cora. „Grad eben sprachen wir von dir, das heißt, du kamst drin vor, weil der Prinz etwas über mich sagte, das er gestern dir ... es war, ja, es war ein Gedicht!“ schloß sie begeistert.

Das Mädchen trug einen Teller mit Gebäck, Gläschen und spanischem Wein herein, und Cora sprach nun unaufhörlich, indem sie zum Zulangen nötigte, Wein einschenkte und die Gläser hinreichte.

„Gott, unsereins,“ sagte sie, „unsereins fühlt das natürlich auch, aber wir können es nicht ausdrücken, wir brauchen es auch nicht auszudrücken, und das, seht ihr wohl, giebt uns Frauen eben die Macht, das — Unbewußte, wie soll ich sagen ... Nun, wir fühlen, was wir sind, und brauchens uns doch nicht zu gestehn. Beim Namen nennen ist immer verurteilen, und wir sind immer unschuldig. Gott, eigentlich sollte ich euch ja Zigaretten anbieten, — du rauchst doch, Ben — weißt du, eigentlich ist dein Name zu lang, ich werde einen für dich erfinden, — aber Herbert raucht ja leider nicht. Aber wenn ihr eure eignen ...“

Und da Bogner seine Dose hervorzog:

„O was hast du da? Welch himmliche Dose! Was ist das für Holz? Birkenholz? Wie gut der Tabak riecht! Oh du drehst sie selbst, das muß ich sehn! Ist es schwer? Aber Sie nehmen ja gar nicht, Georg! Die Makronen hab ich selber gebacken, dafür drehst du mir eine Zigarette! Ich finde es reizend, selbst! Nein, wie geschickt du bist! Zeig bloß mal! Ich könnte das nie! Was für gelbe Finger du hast! Ist das vom Rauchen? Aber weißt du denn auch, daß das furchtbar — furchtbar schädlich ist? Und nun wollen wir Brüderschaft trinken.“

Während der Stille dieser Feierlichkeit sah Georg sämtliche Ausrufungszeichen Coras leibhaftig durchs Zimmer und zum Erker hinaus wimmeln. Dem Maler die Wange zum Kusse reichend, blickte sie Georg zum ersten Mal seit Minuten wieder voll an, so daß es ihm vorkam, als werfe sie ihm eine Handvoll Erinnerungen zu.

Nun sollte ihr Schwager von Paris erzählen, doch kam er nicht dazu, da sie selber vom Montmartre und der Roten Mühle, vom Louvre und den fliegenden Bücherverkäufern auf den Quais zu schwärmen begann. Plötzlich sagte sie:

„Prinz! Sie machen doch Gedichte. Sie müssen ein Gedicht daraus machen! Aus dem vorhin! Werden Sie?“

„Augenblicklich,“ erwiderte Georg, „wenn Sie mir erlauben, fünf Minuten ihren Schreibtisch zu benutzen.“

Ah, da mißhandle ich sie ja wieder, dachte er, also käme nun das Zuckerwerk, und er beugte sich zu ihr und redete:

„Liebe, gnädige Frau, Sie wissen doch: jeder gebildete junge Mann macht Ihnen heutigen Tages jedes Gedicht, das Sie wünschen. Aber wenn Sie ein richtiges haben wollten, eines, das wert wäre, in einem richtigen Buche zu stehn, — das könnte ich Ihnen freilich nicht versprechen. Dazu gehörten —“ er hob sein Glas und verneigte sich — „andre Ingredienzien, diesem Weine vergleichbare ...“

Und er trank. Was tat Cora? Zuckte sie wie unter einem Peitschenhiebe zusammen? Keineswegs, sondern sie strahlte wie eine Sonnenblume und rief:

„Ja, verlieben Sie sich in mich, Prinz! das wäre entzückend! Ja, bitte, tun Sie mir den Gefallen! Denke dir,“ wandte sie sich an ihren Schwager, „es hat sich noch kein Mensch in mich verliebt seit meiner Backfischzeit, außer Herbert, und der gleich so furchtbar. Ihr könnt euch gar nicht denken, wie er mich liebt! Grenzenlos überhaupt! Und nun ein Prinz!“ Halloh, Brandpfeil der Verachtung, dachte Georg. „Oh, es ist wunderbar, so geliebt zu werden!“ Wieder ein Brandpfeil. „Früher machte er auch Gedichte, sehr nett, aber nun müssen Sie! Werden Sie? Georg, ich bin außer mir!“

Der dritte Pfeil mißlang, weil in diesem Augenblick ihr Mann eintrat, der meinte, daß man es ihr durchaus nicht ansehe; ja, er habe die letzten Worte wohl gehört. Wie eine große, gelbe Katze lag sie behaglich und spinnend in der Sofaecke.

Ein Weilchen später hielt Georg, aus Furcht, sie möchte ihn nun allein mit Beschlag belegen, es für gut, fortzugehn. Geschwind zeigte sie ihm noch eine Kopenhagener Vase auf ihrem Schreibtisch und gab dabei eine Erklärung über den wundervollen Eindruck ab, den ihr Schwager auf sie gemacht hatte. Sie entließ ihn mit unbegrenzter Ausdrucklosigkeit, indem sie, noch während er ihre Hand an die Lippen hob, sich ihrem Mann näherte, um mit der Linken ein weißes Fädchen von seiner Schulter zu nehmen und ihm bei dieser Gelegenheit den Rockkragen glatt zu streichen.

Postamt

Pfui, es regnet! sagte Georg, als er aus dem Hause trat. Cora regnete auch, grad wie dieser Regen, nicht kräftig, sondern bloß haltlos. Ist keine Droschke da? Merkwürdig: früher, wenn ich allein mit ihr war, schien sie doch so angenehm, ja, wie schön sie zuhören konnte, wenn man von seinen Plänen sprach. Ach, das kommt wohl von Renate, daß alle Andern neben ihr wie Kellerpflanzen aussehn, — auch Magda, — aber Frau Tregiorni —, die war doch entzückend! Dies ist schön, dies ist ein schöner Gedanke: Wenn ich neben ein vollkommen Schönes etwas auch Schönes stelle, das vielleicht nur lieblich, nur anmutig ist, so läßt das ganz und gar Schöne es ruhig glänzen und tut ihm nichts an; das Fehlerhafte aber, das Unreine, das Schillernde, das wird verneint, ausgetilgt vom Vollkommenen, und nur das Abstoßende daran bleibt sichtbar. Gott sei Dank, es hört auf zu regnen. ‚Da kömmt die liebe Sonne wieder — Da kömmt sie wieder her!‘ Er sah auf die Uhr. Wenn ich zu Fuß gehe, werde ich gerade rechtzeitig zum Stelldichein kommen.

So schlenderte er dahin, hielt hier und da vor einem Schaufenster, ärgerte sich über die Gesichter der Menschen, gelangte ans Gänseliesel, lief eine Viertelstunde um das eingefriedigte Rasenoval, verbiß seine Enttäuschung über Lenuschs Ausbleiben und dachte, es liege vielleicht ein Brief auf der Post. Nun, er war bereit, auch dies Opfer zu bringen, ging hin und erhielt wahrhaftig einen kleinen Brief, der so durchaus rosa war, daß es ihn erstaunte, weil er gedacht hatte, das gäbe es nur in Zeitungsromanen. — Himmel, und auch solch eine Handschrift hätte ich nie für möglich gehalten! — Er las, am Gossenrande neben einem feuerroten Eilbotenjungen stehend, der darauf zu warten schien, daß er die Antwort auf Georgs Brief übernehmen solle, das Folgende:

Mein Süßer!

Du bist vielleicht erstaunt und denkst schlecht von mir, daß ich nicht da Gewesen bin es tut mir auch Schrecklich leid aber ich war ja so betrunken, da bin ich Treppe hinuntergefallen und habe mir das Ganze Gesicht aufgeschlagen. Bitte bitte, verzeih mir mein Süßer! und ich hätte ja so gerne mein Herz bei dir ausgeschütet du hast ja sicher gemerkt das du mir nicht gleichgildig bist und deshalb will ich auch Offen zu Dir sein. Zunächst einmal Tausend Dank für das gute, das Du mir ohne jegliche veranlasung gethan hast, es ist zu lieb von dir. Ich will offen zu Dir sein, ich habe nemlich noch so Allerlei kleine Schulden bei meiner Wirtin und Schneiderin nun, vieles kan ich ja nun zahlen. Ganz Schlecht zu werden habe ich Keine Lust und so wird es besser sein, ich fahre zuhause bei meine Eltern, wo ich am Besten aufgehoben bin. Morgen muß ich nun dringent etwas bezahlen und zu Diesem Zweck wollte ich dich bitten ob Du mir nicht mit 100 M. aushelfen könntest. Fals du kannst gieb mir bis 5 Uhr bescheit ich wohne Nelkenstraße 4 ich muß nemlich bis zu Dieser Zeit dringent etwas zalen andernfalls meine Ringe wieder fortgeben. Ich will dir Gern was zum Pfand lassen. Verzeihe bitte Lieber Süßer, und denke um gotteswillen nicht Schlecht von mir, nur Äußerste Verzweilung treibt mich Hierzu. Bitte, Kerlchen sprich auch nicht Hierüber ich schäme mich ja sonst. Nim es mir bitte nich Übel ich will auch gleich an meine Eltern schreiben, Sie müssen mir ja helfen. Bite gieb mir Unbedingt nachricht oder komme selbst. Sollt ich dan nicht zuhause sein, gieb meiner Wirtin bescheit. So jetzt bin ich Eis kalt gefroren sitze im ungeheizten Zimmer.

Gute nacht! Schlaf wohl!
Herzlich grüßt und küßt dich
Deine Dankbare
Helene Kick.

Georg war überwältigt von Schwermut. Dies ist Lenusch, Helene Kick, dachte er, o wie jämmerlich ist es doch bestellt mit dem Dasein des Menschen! — Er kehrte in das Postamt zurück, ließ sich eine Briefkarte geben, schrieb einen Gruß, legte zwei Hundertmarkscheine hinein und schickte das Ganze, sorgfältig eingeschrieben und durch Eilbotenbestellung an Fräulein Helene Kick, Nelkenstraße 4. Ich werde sie nie wieder sehn, dachte er, als er wieder draußen stand, in nachdenklicher Betrachtung des feuerroten Eilbotenjungen, der zögernd das rechte Bein über sein Fahrrad legte.

Benno! Natürlich! dieser Mensch war von einer solchen Bescheidenheit, daß er ihm jetzt erst einfiel! — Georg winkte dem Eilboten königlich bloß mit einem Auge, nahm eine Besuchskarte aus der Tasche, schrieb darauf: „Ich esse bei Pust, mein Herz, komme sofort! Schreibe die Antwort hierunter!“ und drückte sie dem Jungen in die Hand. „Öltzenstraße zwei, Mensch!“ bedrohte er ihn, „und wenn Sie in einer halben Stunde mit der Antwort bei Pust sind, in der Weinstube, kriegen Sie einen Taler, sonst nischt nich!“

Der Junge quetschte ein zuversichtliches Grinsen aus seiner sommersprossigen und sinnigen Blondheit, schwang sich auf sein Rad und segelte davon. Georg schlenderte, lächelnd in vorfreudigen Gedanken an den guten Benno, gemach über den Platz, die Bahnhofstraße hinunter, hinter dem Theater an seinem Hotel vorüber — wo ihm die Erinnerung an seine Morgenbegegnung mit Magda einen Gewissensbiß und inneres Erröten versetzte über seine erste Feigheit — und betrat die stille Weinstube, eine angenehme Dämmerung, goldig von goldgelben Vorhängen, in deren Tiefe er sich unter Palmengewächsen an einem der weißüberhangenen Tische niederließ. Eine Ochsenschwanzsuppe, ein Stück Forelle, ein sanftes Hammelkotelette mit Morcheln, Pfirsich Melba — das wars, was ihm munden sollte. Dazu ein schönes, großes Glas Pilsener.

Siebentes Kapitel

Weinstube

Hinter dem Kellner, der die Suppentasse brachte, tauchte, fremdartige Erscheinung, der feuerrote Eilbote mit Fahrklammern unten an den Manchesterhosen auf und brachte einen richtigen Briefumschlag, in dem Georg seine Karte fand, unverändert — nein, Benno hatte mit lieblicher Geste nur das ‚komme sofort‘ zweimal zart unterstrichen. — Und noch war Georg kaum am Zerlegen seines Forellenschwanzes, so sah er ihn von weitem, wie er hinter dem Vorhang der Eingangstür auftauchte, den großen braunen Schlapphut abnehmend, den Kopf mit dem zurückgestrichenen langen Haar zurückwarf und, nun in seiner ganzen hagern Länge — noch immer der alte, blaugraue Winterüberzieher, dessen abgeschabte Stelle im Samtkragen Georg im Dunkeln bezeichnet hätte — mit diesem seltsamen, blind scheinenden Blick der Augen umherspähte, — ach, diese in Verlegenheit sich verkehrenden Pupillen! und der hängende rote Schnurrbart, und diese höchste Stirn von der Welt, und da — jetzt hatte er ihn gesehn, und er strahlte und wurde glutrot und verneigte sich von weitem, den Hut in der Hand nach rückwärts schwenkend, mit dem ganzen Oberkörper, und eilte heran und verfing sich mit dem Mantel an einem Stuhl, den er auffing, steckenbleibend im Vorstürmen, und er verneigte sich vielmals gegen den Herrn am Tische und zwängte sich zwischen den Andern hindurch mit Bewegungen wie lauter angefangene Verbeugungen, und nun stand er vor ihm, die Augen verdrehend, leuchtend, und der lange Haken der Nase war ganz derselbe, aber — er trug ja einen Flor am Arm! Ja, gewiß, seine Mutter — —

„Herrlich!“ sagte Benno, wie immer nur halblaut, aber mit tiefster Inbrunst verhauchend, „herrlich!“ und preßte ihm die Hand und schüttelte sie und schwenkte sie von oben nach unten, „da bist du ja! Laß dich anschaun!“ und legte ihm den Arm auf die Schulter, worauf er sich wieder losriß, sich zum Kleiderständer hinumschwenkte, mit einer Geste von großer, weltmännischer Kühnheit seinen Hut über den Haken schlug und den Mantel auszog, den dann der Kellner ihm abnahm, während Georg sich kaum setzen konnte vor innigem Vergnügen.

Und da saßen sie denn beisammen, und Benno mußte nachessen. — Ja, seine Mutter war nun doch gestorben ...

„Ach!“ sagte er aus tiefster Seele, „es war herrlich! es läßt sich nicht sagen! Es ist ja so unendlich gut, daß sie hinüber und in Freiheit ist ...“ Und leise sprach er weiter: er allein sei dabei gewesen, tief in der Nacht, nein, er habe es doch nicht fertigbekommen, seinen Vater zu wecken. „Eine Mutter stirbt nur einmal, und dies Letzte wenigstens, das wollte ich für mich haben.“ Es sei schrecklich, aber es sei so. Der Vater freilich scheine nun doch ganz gebrochen ...

Ja, dachte Georg, ohne daß ers zu sagen wagte, nachdem er die ganzen zwei Jahre lang ihre Krankheit entweder für Mogelei oder eine absichtliche Bosheit gehalten hatte.

Ja, und nun sei Georg wieder da ...!

„Da kommt deine Suppe,“ sagte Georg, seine Rührung auf innerlichen Vorgang beschränkend.

Da saß dieser gütigste Mensch, hatte in aller Eile seinen Examensgehrock angezogen, um der Vornehmheit des Freundes und des Ortes nicht zu schaden, saß krumm wie ein Bogen, genau wie immer, schnellte dann plötzlich zu kühner Höhe empor, warf immer wieder den scheuesten der zärtlichen Blicke zur Seite auf den Freund, fuhr sich mit der Hand übers glatte Haar zum Hinterkopf und sah weltverloren, verschämt und liebegefüllt aus, — ganz wie immer.

„Und jetzt ists aus, Benno, nicht wahr? Jetzt nehmen wir dein Leben in die Hand. Dein Vater hat deine Schwester, mehr als genug für ihn, und wir fahren in einer halben Stunde zum Schlößchen hinaus, im Georgengarten, wo ich wohnen werde, und sehen zu, ob auch der Nordflügel verändert werden muß, wo du wohnen wirst. Keine Widerreden! Meine Zimmerpläne sind im Kopf schon fertig, ich habe eine Unmenge Sachen gekauft, viel zu viel für mich wahrscheinlich, in Trassenberg habe ich die Pläne angesehn und alles ausgedacht, oh es wird kostbar! Giebt es noch Widerreden?“

Nein! — Benno wagte es endlich, die Augen von seiner Suppentasse zu erheben; er sah Georg voll unsäglicher Bewunderung an und gestand, daß es keine Widerreden mehr gebe.

„Ich hätte dir fast noch diese Nacht alles geschrieben,“ sagte er leise. „Du bist der edelste Mensch!“

Georg tat vom eiskalten Bier einen tiefen Zug, beugte sich dicht zu Benno und redete in ihn hinein, so zärtlich er konnte.

„Was soll ich dir schenken, Benno? Willst du tausend so dicke Zigarren haben wie dein Vater am Sonntag? Willst du einen kleinen Rennstall? Soll ich deine Lieder drucken? Beiläufig: wie stehts mit der Symphonie? Sag doch was! Willst du ein goldenes Zigarettenetui? Oder einen Flügel von Steinway? Du bekommst ihn. Du bekommst alles, Benno. Sag doch, was ich dir schenken soll! Siehst du nicht, was für himmlisches Wetter heute ist? Gehen heute nicht Königinnen auf allen Straßen umher und verteilen Blumen und Armbänder?“

Georg hielt inne, weil der Kellner ihm sein Hammelkotelett zureichen wollte, Benno aber saß da und ließ sich überschütten, sagte nur nach einer Weile tief seufzend: „Ein Bösendorfer müßte es sein!“

„Was ist ein Bösendorfer?“

Das sei ein Wiener Flügelbauer, erklärte Benno und fing an, geheimnisvoller und mit größter Ehrfurcht von einer Freundin zu sprechen, die er habe gewinnen dürfen, die wunderbar Klavier spiele und Halbösterreicherin sei, und deshalb Bösendorfer ...

„Und sie heißt Ulrika Tregiorni, oh ich weiß alles!“ triumphierte Georg, während Renates Wesenheit vor ihm aufleuchtete, so daß er fortfuhr:

„Aber, Benno, was heißt das? Wo steckt Renate? Bist du ihr untreu geworden? Schon? Ha, du versteckst sie bloß hinter dieser Ulrika, du liebst sie, Benno, gesteh Schurke! Du betest sie an!“

Benno schauderte zurück. „Nein, Georg, oh nein! Was denkst du! Das würde ich nie wagen!“

„Ach, Benno, was für’n Unsinn! Liebe, die fragt, ob sie darf?!“

„So meine ich es nicht, Georg,“ widersprach Benno hastig und hochrot im Gesicht. „Das Wagen bezog sich nicht auf sie selbst und auf mich, sondern auf — auf ihr Schicksal.“

„Ihr Schicksal?“

„Ja, wie soll man das sagen? Wenn du sie kenntest ...“ Da er verstummte, hatte Georg Zeit, seine leise innere Beklommenheit verbergend, mit Überlegenheit zu erklären, wo und wie er sie bereits am Vorabend gesehn habe.

„Nun, und wie fandest du sie?“ fragte Benno, glühend auf der Lauer. „Ist sie nicht herrlich?“ — Benno krümmte sich, hauchte und verging.

„Eine Symphonie,“ sagte Georg kauend und sehr an sich haltend.

„Ja! Du sagst es! Sie ist wie — wie das Meer. Wie das Meer ist sie für sich allein, außerhalb unsrer Festlandswelt. Und wie das Meer ist sie — hast du’s gesehn? — leicht in leichter Bewegung nach außen, gern willig jedem Winde — sahst du das Spiel ihrer feurigen Augen? — am Grund aber immer still und nie bewegt. Das ist ihr Zauber, du wirst es sehn. Der Zauber der seltenen Stunde — wir sehn sie nie —, wo sie einmal mit allen tiefsten Wassern und ihrer wunderbaren Bevölkerung aufbrechen wird. Wer wird den ganzen Schrei ihrer Seele hören, wenn die Schiffe ratlos untergehn?“

„Ja, wer?“ wiederholte, schwer sinnend, Georg.

Eine Weile waren sie Beide still. Der Kellner unterbrach, Benno mit Fisch zu bedienen, Benno fing an, sich vorzulegen, legte Messer und Gabel wieder hin und sagte, kaum hörbar vor innerster Andacht:

„Sie steht auf einer solchen Höhe, — oder besser — in einer solchen Ferne von uns! Ist ihre Schönheit nicht zwischen ihr und allem? Du wirst es sehn, Georg, sie ist ganz für sich allein. Sie ist wohl unter uns, ja, sie nimmt teil, wie ein Engel teilnimmt, mit seinem Handeln, doch nicht mit seinem Wesen, — wir sind nicht ihre Angelegenheit, sie — sie erwidert nur, sie ist immer beschlossen in sich, wie — wie in Waldtiefen, wie Echo ...“

„Und du meinst, sie müßte sehr tief stürzen aus solcher Höhe?“

„Ja, muß sie nicht?“

„Warum, Benno, das ist mir nun nicht klar. Warum sollte sie durchaus stürzen? Durch einen Andern, einen Menschen, den — also den sie liebte, nicht wahr, und der ihrer — nicht würdig wäre? Freilich, vor Irrtum schützt auch die Schönheit sie nicht, aber — Liebe, nicht wahr, ist doch immer Irrtum, aber —“ Woher hab ich das eben, dachte Georg hastig zwischenein, wer sagte das noch —? — Er fuhr fort: „— aber die Liebe selbst, die Liebeskraft, auf die es allein ankommt, die bleibt doch vom Irrtum unbeschadet, die — nicht wahr — besteht doch in sich selbst, — ich weiß nicht, ob du ...“

Benno schwieg eine Weile, mit seinem Fisch beschäftigt.

„Ich meinte etwas andres,“ sagte er dann. „Ich meinte — die Verstrickung überhaupt, wenn sie unter die Andern gerät, — wer möchte sich erdreisten! Verstehst du nicht? Und — sie ist doch tausendmal feiner als wir geformt, — sie wird — zerbrechen.“

„Feiner geformt — ja, das ist wieder was andres, das kannst du sagen. Aber — abgesehn davon, daß ich sie bei all solcher Feinheit doch für — ich möchte fast sagen: standfest halte — warum überhaupt: zerbrechen? Und warum, Benno, das versteh ich nicht, warum sollte ihr Schicksal darum furchtbarer sein als ein andres, das an sich auch furchtbar ist? Warum —“

„Wer höher steht, stürzt der nicht tiefer?“

Georg, eigentümlich gereizt von dem beständigen ‚höher‘, sagte trocken:

„Wer sagt dir denn nun eigentlich, daß sie höher steht, Benno? Wir — versteh mich recht! —“ Er legte ihm, der sich entsetzt zurückgeworfen hatte, die Hand auf den Arm und fuhr, schwankend zwischen Begütigung und heftigerer Gereiztheit, fort: „Wir, nicht wahr, — wir, die wir sie so schön sehn, wir stellen sie höher, aber darum tut sie’s doch nicht selber mit sich! Sie vergleicht sich doch nicht mit Andern, oder meinst du? Wie kann man die Dinge so von außen sehn, nicht wahr?“

Benno schwieg hartnäckig. Plötzlich fiel Georg ein, daß — wie es schien, Bogner ihm einmal etwas ganz Ähnliches gesagt hatte. Da aber war er es gewesen, der das bestritt. Sollte er sich inzwischen so ...? Wann war es doch noch? Damals war von Anna die Rede, — richtig, an dem merkwürdigen Tage im Juli, es war ein Gewitter ...

Georg geriet abirrend in peinliche Erinnerungen und Vorstellungen von Anna. Helenenruh, Jason, der Park, Annas Zimmer, die Umarmung, — kalt und unverständlich, häßlich anzusehn, als blicke er heimlich in ein fremdes Zimmer, beobachtend wider den Anstand, — all das verschwamm vor seinen Augen, bis langsam Bennos Hand darunter zum Vorschein kam, die große, rötliche mit knochigen Gelenken und den, Georg unangenehmen, allzukurz geschnittenen Nägeln, unter denen die Fingerkuppen hervorquollen, die jetzt den Griff des Fischmessers preßten, da Benno, gesenkten Kopfes dasitzend, die Gräten auf dem Teller aus dem Rest flüssiger Butter herausscharrte. — Ganz versunken in Gedankenlosigkeit hörte Georg sich selber sagen:

„Das ist wieder so eine Herumspintisiererei an Andern! Was wissen wir davon, wie sie ist? Und vor sich selber steht sie doch vergleichslos, wie wir alle, jedenfalls in jedem ernsten Augenblick.“

Er gab sich einen Ruck, richtete sich auf, sah den Kellner den Silberbecher vor sich stellen, tauchte die kleine Schaufel ins Eis und redete weiter:

„Du verklärst, Benno, immer verklärst du. Ja, herrlich, natürlich, aber — es ist ja wunderschön, du weißt, wie sehr ich es an dir liebe, obgleich ich fast wieder meine — nicht wahr? — es ist schön, wenn du das Geringe, das Unscheinbare, das — Verkannte so — in deiner Art — erhebst, immer das Gute aus dem Traurigen, Entstellten herausliest, — aber — nicht wahr? — Das Seltne, Edle, Tüchtige, Heilige — das ist verklärt durch sich selbst. Ich finde, da kann man nur Abbruch tun. Nein, höchstens, wenn du sagst, daß sie feiner, zarter, empfindlicher geformt ist als Andre — ja, so wird sie eben dadurch zu leiden haben, auf andre Weise deshalb als Andre; darin wird dann ihr besonderes Leiden bestehen, aber — nicht wahr — wo überhaupt Ernst zum Leiden da ist, da findet sich — Leiden, und dann ist das eine jedem andern gleich. Oder glaubst du, Benno, ein Mensch könnte mehr zu leiden haben als ein andrer?“

„Über seine Grenze hinaus leidet wohl niemand ...“

„Und wer bis an sie geht, Benno?“

Benno betrachtete mit schwermütigem Ausdruck Fleisch und Gemüse auf dem versilberten Tablett, das der Kellner vor ihn hinsetzte, und meinte schüchtern, es sei wohl überhaupt kaum Ort und Stunde passend, um vom Leiden zu reden.

„Ich verkläre auch gar nicht, Georg,“ fuhr er eifrig und mit unglücklichem Augenaufschlag fort, „niemals tue ich das, du verkennst mich ganz! Ich sehe nur immer mich selber, wie klein ich bin, und vor so viel Schönheit und Größe vielleicht auch die Kleinheit der Andern.“

„Wundervoll, Benno! Schlechthin erhaben!“ bemerkte Georg sardonisch. „Und das ändert nicht das geringste daran, daß sie selber vor sich ist, was sie ist. Wenn sie wirklich stürzen sollte, stürzte sie damit aus sich selber? Oder traust du ihr zu, daß sie vor sich selber steht und zu sich aufstaunt wie —“

„Ach, du tust immer zynischer, als du bist!“

„Und du bescheidener, als du bist!“ grollte Georg und erhob sich, um für eine Minute zu verschwinden.

Zurückkommend fand er Benno bereits mit seinem Pfirsich beschäftigt, sah schweigsam zu, wie er fertig aß, zahlte auch, und sie standen gleich darauf vom Tisch auf, da Georg zur Eile trieb, ungeduldig, zu seinem neuen Wohnsitz zu kommen.

Park

Vor der Tür fanden sie einen Frühlingsregen, der so straff und kräftig durch den hellen Sonnenschein niederrauschte, daß sie auf Georgs Zuruf in Sprüngen wie die Tertianer dreißig Schritt weit zur Straßenecke rannten und sich in die vorderste der dort haltenden Kraftdroschken warfen. Sie waren aber — jeder in seiner Ecke schweigsam die Freude der Wiedervereinigung genießend — noch kaum auf dem Platz vor den Kasernen angelangt, als die Sonne mit breitem Strahlengefächer den Regen endgültig nieder- und in die Flucht schlug. So ließ Georg vor den Eingängen der Alleen halten, sie sprangen wieder ins Freie und traten in den breitesten, mittleren Eingang der drei Alleen, wo Georg mit liebevollem Heimkehrbehagen die grauen Sandsteinpfeiler der breit offenen Gitter begrüßte, dann den großen Fernblick, die Fahrstraße zwei Kilometer weit hinunter bis zu den, aus bläulichen und goldigen Dünsten im fernen Ausschnitt erscheinenden Glasdächern und Glaswänden des mächtigen Palmenhauses, jetzt klein erscheinend in der Ferne, über und über glitzernd von feurigem Golde. Die braune, locker schollige Erde der Fahrstraße war bedeckt mit kleinen Rauchsäulen wie von tausend winzigen Feuern, die nach oben verdampften.

„Herrlich!“ sagte Benno. „Siehst du: der Weg der Opfer zur Gralsburg. Das Glashaus hinten erschien mir, als ich ein Junge war, immer als Burg Munsalväsche, und besonders am Abend, wenn nur die Dächer und Kuppen in roten und goldenen Feuern flammten, sah ich drinnen die erhöhten Sitze, alabasterne Säulen, den Zug der heiligen Frauen, und ich hörte den Gesang der Templeisen.“

„Ja, das kann ich mir denken. Und — siehst du — die vier Lindenreihen mit den kahl nach oben strebenden Zweigen — sind sie nicht wie Ruinen gotischer Gänge, aus denen die Wölbungen herausgebrochen sind? — Ach Gott sei Dank, daß ich wieder hier bin! Sieh nur die entzückende Fernsicht da links in den Park!“

Auch dort lagen die noch graulich grünen Wiesen der Anlagen mit zartem Buschwerk, mit den schwärzlich durchsichtigen Gruppen der Bäume dampfend in feuchter Bläue und sanftem Golde, das in den Himmel von beseligtem Blau leise verging. Weit und breit war kein Mensch zu sehn; sie gingen langsam und sehr zufrieden zur Linken in die Fußgängerallee, Benno, mit plötzlichem Ruck seinen Mantel aufreißend und den Schlapphut vom Kopfe schwenkend. Augenblicke später brach Georgs Herz und Mund unwiderstehlich zur Rede auf.

„Ach, Benno,“ sagte er, seinen Arm ergreifend, um den Größeren zum Ausgleich wenigstens an sich heran, wo nicht herab zu ziehn, „Benno, von was anderm kann man denn jetzt reden als von Renate und von der Liebe. Du hast recht, die Weinstube war unpassend. Jetzt streicht die Luft durch das Herz und macht es geschmeidig mit Feuchte. Reden wir — de amore!“

De amore?“ sagte Benno vergnüglich seufzend. „In amore scheinst du ja seltsame Dinge erlebt zu haben.“

„Wieso, Benno? Wie kommst du darauf? Ach, dir liegt womöglich noch der Aphorismus auf der Seele, den ich dir einmal schrieb! Na, das war so ein Span, aber — du kannst mir glauben, ich habe mir fürchterlich das Hirn zergrübelt, namentlich in der letzten Zeit, wo ich schon ganz von Gott verlassen war. Übrigens — erinnerst du dich noch an Fliddridd?“

„Fliddridd?“ Benno erinnerte sich dunkel. „So eine Rothaarige in Helenenruh, im Büro deines Vaters, war sie das?“

„Das war sie. Nun ist sie Gott weiß wo. Kaum war ich nämlich drei Tage in München, so erschien sie bei mir und — na, das Weitere ergab sich aus der Lage. Als ich sie aber grade in eine Dame verwandelt hatte — oh sie hatte ein Teufelstalent! —, wurde ich aktiv, und die Natur der Lage ergab, daß wir uns wieder trennten. Aber ich habe gelernt von ihr, viel gelernt ...“

In amore?

„Wie sardonisch du fragst, Benno! Kleine Erlebnisse und große Erfahrungen. Erlebnisse sind wie Zwiebeln; man muß viele Häute auseinanderwickeln und gelangt zum fabelhaftesten Kern mitunter. Einen fand ich — — ja, leider kann ich ihn dir nicht beweisen, vielmehr ist grade der eher ein Gefühl, das aber so plötzlich erkenntnishaft vor mir aufflammte, daß ich erschrak. Das war nämlich die Erkenntnis, daß — höre zu, Benno! — daß jenes Wollustempfinden des Liebesaktes in Wahrheit keine Lust, sondern vielmehr ein ungeheurer Schmerz ist.“

Zusammenfahrend blieb Benno stehn, blickte erschrockenen Auges auf Georg und stieß hervor:

„Aber das ist unerhört, Georg! Was sagst du! Fast aufs Haar dasselbe habe ich einmal gedacht. Nein, nicht gedacht, — ich sah es vor mir, ich fühlte es, es muß so sein! Wie michs da schauderte!“

Sich losmachend, stürmte er vorwärts, an Georg vorüber, erhobenen Hauptes, mit schlenkernden Armen und flatterndem Mantel. Georg holte ihn wieder ein, packte ihn und fragte, wie er darauf gekommen sei.

„Eigentlich — durch Lektüre. Ich empfand bei einem deiner Briefe — du weißt welchem — meine Unkenntnis in vielen Dingen und suchte mich zu unterrichten. Meine Schwester gab mir einige Bücher und Schriften, ich las und las, — alles war wundervoll und erschütternd, die ganze Natur ... Nun, und eines Nachts, auf einmal, ich lag wach — da fuhr dies auf in mir. Es hing aber damit zusammen, daß ich von den niedrigsten Tieren gelesen hatte, den einzelligen, die sich durch Spaltung vermehren, durch Zerreißen. Und da —“

„Das ist es, Benno, das ist es ja!“ fiel Georg entzündet und hingerissen ein. „Zerreißen denn nur die Einzeller? Wir selber, wir spalten uns doch, spalten uns — in uns selber und in das Gezeugte, das Kind, den neuen Menschen. Wir zerreißen, es ist ein tödlicher Vorgang und — ja, nun vor allem der Vorgang selber! Hast du’s erlebt, Benno?“ Benno schüttelte, hastiger schreitend, den Kopf. „So laß dir sagen, Benno, der wahre Vorgang ist nichts weiter als ein seelisches Sterben. Das Bewußtsein — nicht wahr — wird im Organismus dem Leibe ausge— ja, ausgerissen wie ein Heidelbeerstrauch, alle Wurzeln triefend von Lustbluten. Ah, Benno, dieser Krampf, dies Auslöschen aller Sinne und der Seele, das sollte eine Lust sein? Wir haben eine Lust daraus gemacht, ich weiß nicht wie, aber wir haben. Schon die Einzigkeit des Vorgangs widerspricht ihm ja, oder wo gäb es noch eine zweite Stelle unseres Leibes, die imstande wäre, so Lust anzustrahlen, wie Schmerz aus einer Wunde, unsägliche Lust, die dein ganzes Dasein dermaßen umkrampfte, zusammenpreßte und vernichtete. Aber gleichviel! Und hinterdrein, Benno — ich weiß nicht, ob du den alten Spruch kennst: Omne animal triste post ... Nun, nicht wahr, du verstehst, was er besagen will. Übrigens ist es keine Traurigkeit eigentlich; das erste Mal, als ich selber noch nicht Bescheid wußte und natürlich dachte, mir allein widerführe dies, schien mirs Traurigkeit, aber es ist keine, es ist — — Verzweiflung, eine ganz kalte Empfindungslosigkeit, die der völligen Verzweiflung so gleich ist wie ein Haar dem andern, und die wir nur deshalb nicht ganz als solche empfinden können, weil wir — schlaff sind, matt — und immerhin noch durchschwellt von der eben erloschenen Lust. Und was wäre der Sinn davon, was kann er nur sein? Der Sinn ist, daß wir im Augenblick der Zeugung, oder vielmehr durch die Tat der Zeugung — was tun, Benno? Uns selber vernichten, unsern Tod besiegeln. Warum? Weil wir, wenn wir ewig lebten, keine Nachkommen zu schaffen brauchten, einfach! nicht zeugen würden. Zeugung ist Notzwang des Todes.“

„Georg!“ Benno wehrte sich, seitwärts strebend, mit Kopf und Armen. „Welch ein furchtbarer Glanz breitet sich da über die Liebe!“

Georg zuckte die Achseln.

„Über die Liebe? Ich weiß nicht, wie du das meinst, Benno. Vorläufig nur über die Zeugung. Ich aber glaube vielmehr zu wissen, daß eben die Liebe — das, was uns Liebe ist, leibliche und seelische Hingerissenheit zu einem Andern — mit diesem, mit der Zeugung gar nichts zu tun hat. — Halt, Benno, lauf nicht davon, hier haben wir das Schloß!“

Sie blieben stehn. Jenseits der weißen, chaussierten Fahrstraße zur Linken waren Bäume und Gebüsche zu einem gewaltigen Ring um das Rasenrund geschlossen jenseits dessen die graue, vielfenstrige Front des Schlößchens sich erstreckte mit flacher, von Kandelabern flankierter Rampe in der Mitte, flachem Giebeldreieck und den Schwellungen der Ochsenaugen im schwärzlich roten Dach. In geringem Abstand links davon ragte der dunkelrote Rundturm der Sternwarte, zinnengekrönt und ohne sichtbares Dach, in seinem schief hängenden Mantel von schwarzem Epheu, über den umgebenden Ring kleiner, runder Akazienwipfel, von denen zwei über der Türe ineinandergeflochten waren.

Sie standen eine Minute beieinander, sich zum Anschaun zwingend mitten in ihren erregten Gedanken, und gingen dann langsam über den Damm, den am Rasenrund hinunter führenden Weg in der Richtung des Schlößchens; als aber eine Bank am Wege stand, ließen sie sich in schweigsamem Einverständnis darauf nieder.

Es war recht warm geworden. Das zarte Licht überquoll seelenvoll die Unvollkommenheit der jugendlichen Natur, die sich durchschauen ließ in allen Tiefen, von überallher bedürftige Arme und Spitzen nach oben streckend, Küsse des Lichts zu empfangen, von denen sie plötzlich ergrünten, schattenlos, luftig zitternd im hauchenden Golde.

„Ach, es ist schön, Benno, es ist wunderbar schön hier oben im Norden! Es ist so wenig, und im Wenigen so viel, wenn einem die Brust aufgeht, nicht wahr?“

Georg stellte seinen Stock vor sich auf, setzte das Kinn auf den Goldknopf, zog die Lider zusammen und blinzelte behaglich im Gefühl der Sonne, die seinen Rücken durchwärmte. Und er lächelte, Bennos lauschende Haltung zu gewahren — wie früher so oft —, die andächtige Zuhörerattitüde, in der er saß, das rechte Knie überm linken, den Oberkörper fast gerade, den Hut auf dem Knie, das Gesicht mit dem verschleierten Blick ein wenig vorgestreckt am überlangen Hals, immer ein wenig Wehmut in den äußeren Augenwinkeln, im Hängen der Nase und des Schnurrbarts.

„Sprich weiter, Georg,“ hörte er ihn sagen. „Das Letzte verstand ich noch nicht. Warum sollte Zeugung nichts mit Liebe zu tun haben?“ Er ließ die Hand fallen und krümmte sie offen. „Ist nicht im Gegenteil dies die vollkommene Vereinigung der Liebenden, Leib in Leib und Seele in Seele?“

Georg fing an, im feuchten Erdreich Striche und Bogen zu ziehn. Dann sagte er langsam:

„Nein, Benno, eben das ist es ja, was ich erfuhr. Es giebt keine Vereinigung. Die Körper vereinen sich freilich, aber — ich sagte es ja: die Seele erlischt. Wie kann sie Liebe empfinden, wenn sie sich selbst nicht mehr fühlt? Und wie kann sie Liebe empfinden, wenn sie in kalter Verzweiflung liegt? Ich gebe ja zu — nicht wahr — einen Ausdruck kann Liebe auch hierin finden, einen unter vielen, nicht einmal den höchsten. Nein, sieh mal, die Sache sieht vielmehr so aus. Dies hier —“ Er zog einen kurzen senkrechten Strich mit der Stockspitze im Erdreich — „dies hier — ist der Mensch. Und dies hier —“ er stieß zwei Schritte links von dem Strich die Stockspitze in den Boden — „dieser Punkt ist — der Tod. Und nun —“ von den Enden des Striches zwei Linien zu dem Punkt, dann noch mehrere innerhalb der ersten ziehend, so daß ein Bündel Strahlen vom Punkt zum Strich hinlief — „dies hier sind — du mußt dir tausend mehr solcher Strahlen vorstellen — sind die tausend und mehr Fäden der Todesängste, der tausend Wege, auf denen der Tod den Menschen in sich hineinzieht. Ihnen zu erwidern erfand das Lebendige ebensoviel tausend Widerstrahlen der Lüste, aller Freuden, Wonnen, aller Lebenskräfte überhaupt, der Wünsche, Sehnsüchte und — der Liebe. Sich im andern Menschen zu genießen, zu ergänzen, wie du es nun nennen willst, das ist Liebe. Du kannst aber einen Menschen lieben oder — die Kunst vielleicht, die Wissenschaft, die Jagd, die Natur, die Musik, chinesisches Porzellan oder Gedichte von irgendwem: all das sind Strahlungen der Lebenskraft und der Liebe, einer dem andern ganz gleich. Alles Arten der Lust. Zeugung dagegen ist und bleibt Schmerz, nicht wahr, nur haben wir diesen Schmerz auch in Lust verwandelt, denn — wer wollte sonst zeugen wollen? Wir sind nicht nur belagert vom Tod, sondern er selber, nicht wahr, — ist mitten in der Festung und überliefert sie am strahlenden Festtag dem Feinde, sich selber, in die Hände. Kannst du etwas einwenden?“

Benno saß still da, die Augen auf die Zeichnung im Sande geheftet. Endlich, den Kopf leise hin und her bewegend, sagte er:

„Einwenden nicht. Es kommt mir nur — diese Trennung, die du da vornimmst — sie kommt mir unsagbar traurig vor.“

„Das scheint so, Benno, glaube mir, es scheint nur so! Aber es ist doch anders. Sieh mal, ich dachte so: In einer Menge von Büchern, zuletzt glaube ich und besonders deutlich bei Strindberg, fand ich diesen Zwiespalt: Ein Mensch — jung, so wie wir, oder noch jünger — hat durch Erziehung, vor allem durch die christliche Lehre, die Meinung aufgepreßt bekommen, daß — der Liebesakt, nicht wahr? — etwas Schimpfliches, etwas Unreines, ja Tierisches sei, so daß er, der doch diesen Trieb so gewaltig empfindet, sich selber unrein vorkommt, unrein auch die, an denen er ihn auslassen soll, also womöglich — die schöne Geliebte seiner Seele. Und gesetzt gar, er hätte eine solche und fühlte sich doch — nicht wahr — genötigt, anderswo Befriedigung zu suchen, — welche Kämpfe nun erst für und wider diese vermeintliche Untreue! Und da nun, Benno, da tritt meine Erkenntnis vor und zerhaut den Knoten und macht mich frei. Ein Trieb hier — kein schmutziger natürlich —, sondern ein einfach natürlicher — — und ein andrer, mehr seelischer, nicht wahr, die Liebe — dort, — das sind die beiden zertrennten Stücke, tote Wurmteile, die mich nicht mehr belästigen sollen.“ Georg packte seinen Stock in der Mitte.

„Aber,“ wagte Benno leise zu erwidern, „die Geliebte selber — wird sie auch so empfinden können?“

„Das, mein Benno,“ lachte Georg, „das ist wieder was andres! Im praktischen Dasein kann das natürlich zu Verwicklungen führen, aber — die Hauptsache, nicht wahr? — bleibt — das eigene Gefühl der Unschuld, das Bewußtsein, nicht im geringsten treulos werden zu können. Die Tatsache fällt dann unter die vielen andern sozialen Dinge, die verboten und geheim geduldet sind, die man regeln muß nach seinem Gewissen, und — nun, du verstehst schon.“

Benno schwieg. Georg lehnte den Rücken an die Bank, streckte die Beine von sich und schloß die Augen.

„Ach, Benno,“ sagte er nach einer Weile, „ich bin ja so glücklich!“

„Ich auch, Georg, ach wie sehr! und so dankbar und —“

„Denn — wenn ich nun an München denke ... diese langweiligen Gesellen, mit denen ich reden mußte, immer dasselbe — — und mich nun hier finde, in meinem breitesten Egoismus redend und redend, was mir einfällt, und keiner starrt mich an wie von Sinnen und brüllt endlich, ich wäre ein Idiot und müßte in die Kanne steigen, bis ich verreckte ... heulen könnt ich dann, Benno. Und sieh mal.“ Die Augen schamvoll immer geschlossen lassend, fuhr er leise fort: „Liebe und Freundschaft — da kann man fast anfangen zu schwanken. In der Liebe — nicht wahr? — da bleibt doch immer, so tief, so rein, so glücklich sie sein mag, ein — ein Zwang, eben der Zwang, lieben zu müssen, weil doch nun einmal diese Beiden, Zeugung und Liebe, seit Jahrhunderttausenden für uns in einer Wurzel steckten. Zur Liebe sind wir verurteilt, Benno, Freundschaft aber ist freiwillig. Ja, das wollen wir zuweilen bedenken, wenn wir später den Notweg gehn, jeder in seiner Richtung, den seligen und tödlichen Weg der Liebe.“

Er schwieg, sehr ergriffen von sich selbst. Dann sprang er auf, murmelte: „Gehn wir!“ und eilte, ohne sich um Benno zu sorgen, den Weg voraus, der in die Fahrstraße vor dem Schlößchen mündete.

Saal

Indem Georg auf die kleine, zwischen der Rampe und der Hausecke ungefähr in der Mitte liegende Tür zuging, öffnete sie sich von drinnen, und es erschien — ohne Zweifel Moses, — d. h. der Hauswart, den Georg sich allerdings höchst anders vorgestellt hatte, denn es war ein großer, schwer gebauter Mann, der — mit mächtig wallendem, aus schwarzem und weißem Haar gemischten Bart, glänzenden, schwarzen, ein wenig geschlitzten Augen unter buschigen, an den Enden aufwärts gedrehten Brauen, ja sogar mit einem, in die hohe Stirn gestrichenen Haartuff, neben dem unsichtbar zwei Hörner zu stehn schienen, aufs Haar wie Moses aussah, jedoch bloß Vögelein hieß.

„Ah, Herr Vögelein, nicht wahr?“ rief er ihn gleichwohl an, „grüß Gott! ich bin Prinz Georg. Haben Sie meinen Brief bekommen? Alles in Ordnung? Die Türen offen, ordentlich Durchzug gemacht?“ Nein, immerzu dienern und freudig lächeln müßte man nicht, dachte er, wenn man so aussieht wie Moses. „Ja, nun sagen Sie mal,“ fuhr er leutselig fort, „ich werde also hier wohnen. Sind Sie verheiratet?“

Moses dienerte und freute sich sehr. „Freilich, freilich, Durchlaucht. Es ist die dritte.“

„Na, dann müssen Sie ja Erfahrungen haben. Wie ist es aber: haben Sie Kinder?“

„Leider nein, Durchlaucht. Es sollte nicht sein,“ bekannte er würdevoll.

„Ja, für Sie tut mirs dann auch leid, aber mir ists schon lieber, wegen des Geschreis, wissen Sie. Und Ihre Frau — kann sie vielleicht kochen?“

„Sie war ja Köchin, Durchlaucht.“

„Großartig. Wo steckt sie denn? kann man sie nicht sehn.“

„Ach, Durchlaucht, sie hat ja man solche Zahnschmerzen. Sie ist ganz entstellt. Da mochte sie nicht.“

„Ach herrje! Ist sie denn beim Arzt gewesen?“

„Das will sie ja nicht. Sie ist solch ’ne starke Frau, aber vorm Zahnarzt, Durchlaucht, da haben sie doch alle bannige Angst. Bannige.“

„Na, hoffentlich gehts doch vorüber. Also, Benno, gehn wir hinein. Sie können dann gehn, Herr Vögelein, grüßen Sie Ihre Frau, und gute Besserung!“

Herr Vögelein dienerte, Georg trat ins Haus, wo gleich vom Eingang aus vier Stufen zu einem kleinen, der Länge nach vor ihm liegenden Flur emporführten. Weiße Türen standen überall offen, Georg blickte in die nächste rechts und sah in eine Flucht von Zimmern mit Seidentapeten, Bildern in Goldrahmen und farbigen Sesseln und Tischen, frisch aussehend, augenscheinlich aus Überzügen gelöst, glänzend im vollen Nachmittagslicht. Einen Schritt weiter im Flur zweigte ein langer, dämmriger Korridor — weiße Türen überall — ab, der hinten gegen eine größere Flügeltür verlief.

„Dahinten ist der Saal, Benno,“ sagte Georg, „nun komm, nun werde ich dir etwas zeigen.“

Sie gingen hinunter. Ja, der Saal war dort, und im Saale der Tisch, der Tisch des Vertrages. Georgs Herz fing sonderlich an zu klopfen. Er öffnete die Tür. Richtig: mitten im geräumigen, mit blassen Freskogemälden ausgezierten Saal, der die ganze Tiefe des Hauses einnahm, stand einsam auf goldenen Beinen mit Löwenfüßen der historische Tisch mit der rötlich weiß glänzenden Achatplatte.

Benno trat, sich umschauend, an eines der nach hinten hinaus liegenden Fenster, Georg, von einem sehr tatsächlichen Ernst unvermutet überkommen, an ein andres und hatte einen sehr angenehmen Ausblick über den durchsichtigen Parkstreifen mit seinem wasservollen Graben, über die Wiesen dahinter, die Laubenkolonien, fern über die unregelmäßige, neu aussehende Häuserwand der Fabrikstadt jenseits des unsichtbaren Flusses und endlich den Wald der Fabrikessen. Die, dachte Georg, werden mich nicht stören, eher beruhigen in ihrer stillen Ferne. Er sah sich um. An den Wänden des Saales war die Stukkatur und Vergoldung etwas verkommen, einige rötliche Gesichter sahen aus schwarzem Grunde und mattgoldenem Rahmen von hoch oben herunter; von der kassettierten, schlecht und recht ausgemalten Decke hing als formloser Leinwandsack der Kronleuchter. Da außer vier, neben die Türen gerückten Lehnstühlen und dem historischen Tisch keine Möbel sich im Saal befanden, war die Luft kampferfrei und gut. Georg trat an den Tisch.

Die Achatplatte erinnerte ihn in diesem Augenblick an eine andere, kleinere, die auf dem Schreibtisch seines Vaters in Helenenruh lag. Welch eine Stunde damals! Ach, und welch ein Tag! Aber die Achatplatte war historisch. Auf ihr hatten die Unterarme Napoleons geruht. Auf ihr hatte der sanfte Trassenbergische Astrolog jenen Sondervertrag mit dem Kaiser abgeschlossen. Napoleon war gekommen, um sich sein Horoskop stellen zu lassen. Wie hatte es sich doch zugetragen?

Georg verlor sich in Erinnerungen und Träume. Da saß der gute Benno zusammengesunken auf einem Stuhl neben der Tür, blickte durch die Fenster hinaus und war gewiß glücklich. Wann hätte er je gestört? Er wird sicherlich in das Paradies kommen und seine Mutter wiedersehn, dachte Georg gerührt. Aber wie steigt auf einmal alles auf um mich! Ich hätte doch die Memoiren besser lesen sollen, aber was verstand ich von all den astronomischen Tafeln und Tabellen, den astrologischen Konstellationen und Häusern der Himmelsbewohner? Und die Fürsten, deren Horoskope verzeichnet waren, kannte ich kaum.

Jählings schossen Gedanken von allen Seiten auf ihn; zwei blitzten heraus: Renate! und: ich kann Herzog werden! Renate Herzogin. — Dann: das Horoskop Bonapartes! Wie war es doch damit? Er mußte sich erinnern.

„Weißt du eigentlich, Benno, daß ein Ahnherr von mir Napoleon das Horoskop gestellt hat? Das heißt — es kam eigentlich nicht dazu. Ich habe es in den Memoiren selbst gelesen; es schauderte mich seltsam, denke dir nur: die Laufbahn des Eroberers, festgelegt — nicht wahr — seit Äonen. Glaubst du daran? Und warum nur der Eroberer, der Großen? Und die unsern, Benno? Damals kam es nun so, daß Georg der Siebente zuerst das Vergangene im Schicksal Bonapartes nachprüfte und bis ins kleinste richtig befand. Die obskure Geburt, nicht wahr, Zahl der Nachkommen, Krönung, die Pyramiden, Marengo, die Dreikaiserschlacht, Protektor des Rheinbundes. Damit schloß damals die Bahn. Und Napoleon? Er tat etwas Fabelhaftes. Er verzichtete auf das übrige. Er sagte ... Denke dir, Benno, den Frühling fort, und Nacht; hier drei Kerzenflammen — nicht wahr — mitten im beschatteten Saal, widergespiegelt in diesem Achatgeäder. Im Sessel also, im Schatten zurück, der Kaiser, die Finger der Linken zwischen den Knöpfen der Weste, die Rechte hängt herunter, er schweigt. Und dort am Fenster mein sanfter Ahn, den kannst du dir wie Seni denken, — der vielleicht schon alles weiß: die brennende Stadt, den Leichenfluß, die Karawane im Schnee, die flüchtende Karosse von Belle-Alliance, das neue Königtum, nicht wahr — Helena. Und wußte ers nicht, wußten es doch die draußen, die stillen, goldenen Geister, die himmlischen Schreiber, die Legion uralter Augen. Still, Benno, hör zu. Aber der Franzose am Tisch sagte langsam: Nein; er wolle nichts wissen, denn — das waren seine Worte: ‚Ce n’est pas contre mes étoiles, mais c’est pour elles que je combats.‘ Und nach einer Pause: ‚Je les veux remplir, moi, sans savoir!‘“

Benno drüben wiederholte leise und andachtsvoll: „Nicht gegen meine Sterne, für sie fecht ich!“

„Aber danach, nicht wahr, hat er seinem Astrologen den Beitritt zum Rheinbunde doch ungemein warm ans Herz gelegt; er fürchtete wohl doch den allwissenden Mann im kleinen deutschen Schloß. Dem lag aber mehr daran, im Lande zu bleiben —“ Georg verstummte und ergänzte sich stillschweigend: — als über sein Land mit fremder Hülfe zu herrschen — und dann wußte er ja auch alles zuvor —, also: Herzog in Trassenberg. — Georg sah die drei Leuchterflammen durch den Saal schweben, vor ihnen, hell beleuchtet, den grünen Uniformsrücken und das schwarze Haar des Kaisers, und seinen Schatten, der vor ihm die Tür ausfüllte und an der Wand emporstieg. — Dann stellten sich zwischen seinen Lidern die fernen Fabrikschlote mit ihren schwarzen Fahnen auf; Aprilwolken, weiß und leicht, wimmelten im dichten Geschwader über den Himmel. Im Garten zwitscherte es. —

Ich weiß wohl, dachte Georg, die Zeit ist zu keiner Romantik geneigt. Aber warum sagte Papa mir das alles? — Und am nächsten Morgen, zum Abschied, gab es noch ein kaiserliches Bonmot von archimedischer Größe: Ne troublez pas mes étoiles, mon ami!

Georg setzte sich auf den Tisch und ließ die Beine hängen. Ja, da saß er auf des Kaisers Tisch ... Die Abfassung der Memoiren ward abgebrochen infolge der langwierigen Verhandlungen des Wiener Kongresses und später nicht fortgesetzt, weil der Verfasser starb. Welche Entschließungen mochten ihn wohl dazu geführt haben, in die endgültige Mediatisation und Zerteilung der Landschaft an Beuglenburg zu willigen, und vor allem jenen Geheimabschluß einzugehn, nach welchem das Großherzogtum nur die Oberhoheit auf hundert Jahre, gewissermaßen kündbar ... Ob das alles überhaupt heute noch gültig war? Aber sein Vater hatte doch ...

Und hundert Jahre nach jenem Tag, fast auf das Datum genau, würde sein einundzwanzigster Geburtstag sein. — Er schüttelte sich, es überlief ihn glühend heiß, er sprang auf, lief zu einem der Fenster und riß es auf. Die Sterne! Da oben waren sie, auch jetzt, am lichten Tag, alles an ihnen war unglaublich. Er liebte sie, oh! aber mit ihm sprachen sie nur durch das Gefühl. Er war aber an sie gefesselt! Nein, das war eine Parallelbewegung. Sie drückten droben in Linien von himmlischer Schlichtheit aus, was hier unten sich wirkte, löste und knüpfte, klarer und mit ihrer ganzen, tausend Jahre alten Sicherheit. Hatte also der Ahn gewußt, daß er, daß Georg, ein Mensch ... Und deshalb jenen Vertrag ...? Diese Trassenberge — Astrologen, Philosophen, Sozialisten, der letzte vielleicht nur ein Poet.

Ce n’est pas contre ... Georg ging mit langen korsikanischen Schritten im Saal umher. Da saß der gute Benno und wußte nicht wohin schaun vor Diskretheit. Durch das offene Fenster strichen Windwellen, Stargeschrei wirbelte herein. Die Kastanien hatten große, feuchte, blanke Knospen und erinnerten an Kuhaugen. Je les veux remplir, sans savoir, moi! Renates Antlitz schwebte entzückend auf ihn zu. Er brach ab. „Komm, Benno, wir wollen Zimmer ansehn.“

Raum

Während sie den Korridor hinuntergingen, bemerkte Georg: „Übrigens — ein Onkel von mir wollte hier schon einmal wohnen, in denselben Zimmern vermutlich, an die ich selber gedacht habe, aber er starb an der Schwindsucht, als eben die Tapeten an die Wände sollten. Na — ich bin gesund wie eine Kokosnuß.“

„Warum denn Kokosnuß?“ fragte Benno verwundert.

„Ach, weil mirs so einfiel, mein Junge!“ lachte Georg. „Ist so ein schönes, tatsächliches Wort nicht an sich genug? Aber wenn du willst, denk: süße Milch in gepanzerter Schale; aufs Haar so komm ich mir eben vor.“

Sie bogen um die Ecke in den kleineren Flur, Georg öffnete die Tür am Ende, prallte aber leicht zurück vor dem unverhofft wüsten Anblick dieses Raums.

Hoch von oben, auf zwei großen, wagrecht ovalen Fensteröffnungen waren zwei mächtige, von Myriaden Sonnenstäubchen schimmernde Lichtbalken in den weiten, quadratischen Raum schräge hinuntergestellt. Hinter ihnen waren die Läden der hohen Fenster — nein, eines war eine Tür — geschlossen und der Raum sonst mit goldner Dämmerung erfüllt. Georg schätzte die Höhe auf sieben Meter zumindest. Sie selber standen vier Stufen hoch über dem Boden, der mit Mörtel, Bruchsteinen und Tapetenresten und -rollen lose und in Haufen bedeckt war. An den Wänden nacktes Mauerwerk. Prachtvoll glitzerte oben im Winkel über dem rechten Lichtoval ein riesiges Rad von Spinnennetz. Es roch heftig nach Steinen, Tapeten und dergleichen fauligen und unbestimmbaren Dingen mehr.

„Das, Benno, das wird aber bald anders aussehn,“ brach Georg mit Begeisterung los. „Gieb acht, ich will dirs beschreiben! Zuerst hier, diese Stufen werden zwei köstliche uralte Holzgeländer bekommen — ich fand sie in Aibling unten bei einem Klosterbauern —, geschnitzte Apostelfiguren unter einem breiten Dach, fast schwarz von Alter. Dann kommt hier rechts in die Ecke ein Kamin, und da wird aus einem runden Tisch, tiefen Sesseln und einer Hängelampe — mit solch einem mächtigen Umhang, violett oder goldgelb oder tannengrün, wie’s am schönsten wirkt — ein kostbarer Abendwinkel gebildet. Die Wände aber — ja, die werden sich mindestens — fünf Meter hoch mit Bücherregalen bedecken, die aber Zwischenräume unter sich lassen, halbmeterbreit, und dahinein kommen so — Gestelle mit Kübeln voll Blumen, — ja, das mußt du dir ausmalen für alle Jahreszeiten, — aber denke dir nur: große Gefäße von Stein oder Kupfer oder chinesische Paukenbecken von Bronze und darin — sagen wir — zweihundertfünfzig dunkelrote, eiförmige Tulpen, an grünen, weichen Stielen über den Rand geneigt, oder — an anderer Stelle — ein ganz dünner Mandelbaum mit zehn kerzengraden Spießruten voll rosiger Korallen. Ha, Benno, was sagst du? Und die Bücher werden alle in die Regale tief hineingeschoben, so daß vor ihnen noch Platz bleibt für alle möglichen Erlesenheiten, Vasen mit Blumen hier und da und dann, was ich so habe: kleine Scharen von japanischen Schnupftabaksphiolen aus Jade und Glas, blauem, weißem und grünem, und kleine, geschnitzte Hausaltäre, innen vergoldet mit dem Buddha im Lotos, und persische Federkästen von unbeschreiblicher Lackmalerei auf ganz glühend goldigem Grund, und persische Steintöpfe, diese grauen mit blauen Ornamenten, weißt du, und Tonschalen, durchbrochene, wie aus Papier, aus den urältesten Dynastien. Bunte Chinesenschalen ferner, und dann die köstlichsten Figuren und Gruppen aus Frankenthal und Höchst und Meißen und weiße und violette Statuetten aus Kiel und durchbrochene Krüge aus Münden und Terrinen aus ich weiß nicht wo, — all die glänzenden, kühlen, glatten Farben, so daß alles das lebt, Bücherrücken und Büchergeist, Blumen und Kunstwerke sich miteinander zu einem Schimmer von atmendem Leben vereinen, — wirds was, Benno?“

„Und an die Erde?“ hauchte Benno in träumendem Entzücken.

„Auf den Boden? Du wirst hinknien, Benno, hinknien auf die, nein, vor den Wundern des Bodens, denn das werden — oh Benno! — das werden Bucharas sein, Bucharas, Benno, das Herz zittert mir, wenn ich dran denke, Bucharas aus Konstantinopel mitgebracht, Ornamente und dunkle Silberfarben in braunem Purpur, Seide, Benno, Seide, wie Eisen so schwer, und sie stehn, wo du sie hinstellst, sie stehn! Du kriegst die Hände nicht los von ihnen, wenn du sie einmal angerührt hast. Sie sind von Göttern verfertigt, und wir werden darauf schlafen mit unsern Königinnen. Aber weiter! Weißt du nämlich, was vor die Fenster kommt? hast du eine Idee, Benno? Ein Vorhang, mein Teuerer, ein Vorhang über die ganze Breite und Höhe hin, der am Abend lautlos von den Seiten, fast ohne Falten seinen tannengrünen oder auch mausgrauen Sammet zusammenschließt, und davor — ja davor kommt das Kaiserliche zu stehn, — in Florenz ließ ich ihn herstellen — der Penserioso aus dunkelster Bronze auf einem kleinen Postament. Siehst du ihn, Benno, siehst du ihn, wie er sitzt und ewig nachsinnt, der Wunderbare?“

Ja, Benno sah ihn; er sah ihn leibhaftig und schauderte fast. „Georg, du bist ein Held!“

„Ach, ausgerechnet, Benno! — Ja, das wäre dann wohl alles, nun kannst du — ja so, den Schreibtisch haben wir vergessen, der kommt aus Trassenberg, ein alter deutscher Eichentisch, mit gewundenen Beinen, den ich links und rechts von gestützten Platten verlängern lasse, denn ich brauche Raum beim Schreiben, und er kommt in die Mitte vom Ganzen. Einverstanden? Dann also, Benno, entzünde deiner Phantasie eine Opferkerze und laß dir schildern — nach diesem Vorbilde etwa —, wie deine eigenen Zimmer aussehn werden. Kunstsachen habe ich im Überfluß, du brauchst dir nur auszusuchen, und wenn was fehlt, fahren wir in die Gegend und sammeln. Nun komm, wir sehn noch das Speisezimmer. Schlaf- und Badezimmer kommen drüben auf die andre Seite ...“ Und ein drittes Zimmer, doch das verheimlichte Georg, sogar zur Hälfte vor sich selber.

Sie gingen nach links hinüber durch den Raum. Das Nebenzimmer, weniger groß, streckte sich von den Fenstern aus in die Tiefe. Hier entliefen die Ratten quietschend aus den Mörtelhaufen, aber das Nachmittagslicht erfüllte fast blendend eine gläserne Apsis an der langen Wand, — das Ende des Hauses.

„Wie dies hier wird, weiß ich noch nicht genau, — aber das weiß ich, Benno, daß in der Apsis da ein ovaler Speisetisch stehn wird unter einer Blumenampel, und an ihm, Benno, an ihm schlemmen und demmen wir mit unsern zwei Mätressen. Was sagst du, Benno?“ Er packte den in Andacht Verleuchtenden an den Schultern, schüttelte und schwenkte ihn herum und sang dazu in höchster Ausgelassenheit: