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Helianth. Band 1 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene cover

Helianth. Band 1 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Chapter 21: Mittagstafel
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About This Book

The narrative follows the intertwined lives of two contemporary people in the northern lowlands, alternating long, sensuous landscape passages with close psychological interiority. Lush, tactile depictions of heat, insect song, grasses and coastal horizons shift into reveries, memories and associative reflections that disclose longing, confusion and fragile human bonds. Episodic sections combine lyric observation, dreamlike imagery and social reminiscence to examine emotional shifts, desire and the slow movement of everyday existence. The structure unfolds in successive books that balance external atmosphere with inward contemplation.

Georg saß im Überfluß und staunte. Wenn er auch immer gewußt hatte, daß dies so war, und daß all das ihnen gehörte, so begann es doch zum erstenmal lebendigen Ausdruck dadurch zu gewinnen, daß er plötzlich sah: dies war nicht von Ewigkeit gewesen, sondern war geworden, nein, es war vielmehr gemacht. Gemacht von seinen Vätern oder, wie es ihm augenblicks schien, durch diesen seinen dasitzenden Vater allein, von dem ja so viel wenigstens feststand, daß er es gewesen war, der den jahrhundertalten Besitz aus seiner Zerstreutheit und Verworrenheit zu einer gewaltigen Masse, zu dieser einzigen, riesenhaften, Geld unerschöpflich hervorsprudelnden Maschine zusammengeschlossen hatte, aufgebaut aus zehntausend Teilchen, Kolben, Rädern, Riemen und Pumpen, eine ungeheure Fruchtbarkeitsanlage, die aus dem, in dampfender Tätigkeit brausenden Lande Kraft sog und wieder hinabregnen ließ. Da sah er es, da fing es an sich zu entfalten vor seinen ergriffenen Augen. Langsam fühlte er sich erhöht, unendliche Aussicht eröffnete sich, unter glorreicher Sonne gewaltiges, schönes Menschenland, von einer ungeheuren Betriebsamkeit erfüllt. Die Ebene schwoll hoch auf, die Marschen, die Fennen, von Hunderten von Knicks durchzogen, belebt von Trinkgruben und dem weidenden Vieh, von Windmühlen, Gehöften und unzähligen, silbernen Wasseradern bis an den dunstig schimmernden Geist des Meers. Jenseits dort blühten die farbigen Segel, wehten die Rauchfahnen der Dampfer, schimmerten die sonnigen Mauern der Kais, die leise schaukelnden Mastenwälder der Häfen, — diesseits, drinnen im Land, tauchten Städte über den Himmelsrand, grüne Türme und Kathedralen, die Straßen liefen daraus hervor ins Land, friedfertige Pilgerzeilen der Pappeln oder Obstbäume, bevölkert mit Reisenden, Wandrern, Wagen und Automobilen, von den schnurgeraden Dämmen der Bahnlinien geleitet oder überkreuzt, und die tausendfältigen Geräusche des Verkehrs schollen gedämpft, dann mit dem Einzug in die Städte dumpfbrausend wie Meeresbrandung zu ihm herauf. Da, eine brennende Fabrik! Schwarze Rauchsäulen, darin die Riesenessen, und eine, sauber und säulenschlank für Augenblicke aus dem Qualm erscheinend, öffnete sich plötzlich lautlos in der Mitte wie aus Sand, und die obre Hälfte stürzte wie ein Körper von oben in die Tiefe. Gestalten erschienen, Redner vor grünüberzogenen Tischen im Kreise lauschender Charakterköpfe, das Getümmel der Fraktionen im Wandelgang, und ein Bronzedenkmal glitt aus der Hülle, fremdartig kupfern und dunkel, die Menge schrie, Hüte flogen, Uniformen und schöngekleidete Frauen schritten Stufen empor im Gespräch mit Bürgermeistern und Weißbärten in Fräcken und Ordensbändern, die lächelten, alle lächelten. Karossen fuhren vor, Heiducken und Jäger mit Mänteln und Decken sprangen ab, da stand der Kaiser und lachte, es erschienen Vestibüle und Terrassen, schweigsame Gänge zwischen Glaskästen der Museen und Gemäldegalerien. Säle der Kliniken lagen da, blitzende Küchen der Bewahrungsanstalten, Lehrsäle, getünchte, dämmrige Korridore, die kleinen, zierlichen Höfe mit langsam umhergehenden Gestalten in blauweißgestreiften Anzügen. Der ungeheure lampenübersäte Kronleuchter eines Theaters schien von oben zu stürzen, indes er aufglomm und in den erhellten Rängen und Logen hundert Gesichter wahrnehmbar wurden, befiederte, große Hüte, lange Handschuh, Juwelen und Abendmäntel. Schon flogen Werkstätten, Maschinenhallen scharenweise dahin, und da war sein alter Schulhof mit den kleinen Kugelakazien; Sekundaner standen um einen langen Menschen, der einen flachen Stein nach einem Baum jenseit des Flusses schleuderte, eine schwarze Krähenwolke wirbelte daraus empor. Er stand in einer der Galerien im Schlosse Trassenberg, oder Rosenstein. Die Gesichter der Ahnen sahen aus dem Düster herab, durch einen Schwertgriff, ein Pergament, einen Hut, eine Krause, einen Spitzenkragen kenntlich nach ihrer Zeit. Die Nesseln wucherten unter den Eichen im trocknen Graben um den alten Pallas; es war still, Käfer summten, der Park rauschte, eine uralte Stimme sagte: 1645. Allein wieder brodelten die Kessel der Städte, tauchten, wie von Scheinwerfern aus erst bodenloser Finsternis heraufgesaugt, erleuchtete Nachtplätze auf, mit schwankenden Bogenlampen, blitzend die Spiegelscheiben der Restaurants, grau und verschwiegen die Rolläden vor den Auslagen, hoch schwebend die gelb leuchtenden Riesenlettern: Bahlsen Keks; Automobilkutschen, innen erleuchtet, kleine Kabinette, kreuzten rasselnd und schwankend die Gleise der Straßenbahn, und plötzlich wimmelte Charing Croß mit hundert umliegenden Straßen von Hamsons nach Theaterschluß, — nein, bloß weg aus diesem London! — Aus einem Kaffeehaus ertönte Streichmusik, und ein Herr, der heraustrat, Doktor Bödeker, führte Georg durch viele dunkle, laternenerleuchtete Straßen in das stille Zimmer des Nachtredakteurs über den bodenlosen Höfen, doch schimmerte aus der Tiefe noch ein Lichtschein aus dem Setzersaal. Es ward Tag, die Ungetüme der Rotationspressen schwangen unsichtbar ihre Räder, schlangen durch den ganzen Körper den meilenlangen Papierstreifen, kleine, gefaltete Zeitungen regneten ihnen unaufhörlich aus dem Maul. Ein Fabriktor, draußen vor der Stadt, ward aufgeschlagen, und der staubige Feldweg bedeckte sich mit eitlem Gewimmel von Radfahrern, von Männern mit blauen Blechflaschen, Frauen mit gestreiften Schürzen, barhaupt in gefransten Umschlagetüchern, alle mit unschönen, durch Sorge, schlechte Luft, enge Wohnungen, durch Leidenschaft oder Unlust oder Gehässigkeit entstellten Gesichtern, und hoch über ihnen durch die gläsern scheinende Abendluft fegten die Schreie der großen Pfeifen ... Fünfundvierzig Fabrikessen standen jenseit des Flusses fern, und von allen fünfundvierzig strichen die Rauchwolken wagerecht nach Südosten, so feierlich und gelassen, daß nichts zu ahnen war vom ohrbetäubenden Getümmel in den Hallen der Maschinen und in den Arbeitssälen zu ihren Füßen. Das war die Arbeit! die Arbeit.

Vater und Sohn (Fortsetzung)

Georg legte die bitter schmeckende Hälfte seiner Zigarre in die Glasschale und faltete, halb zu den Fenstern hinübergedreht, die Hände um das übergeschlagene rechte Knie. Der Regen hatte aufgehört. Hervorbrechende Sonnenstrahlen vergoldeten Terrasse und Wiese, umdampft standen die Urnen, fern glitzerten die Wipfel, unter dem Fenster rauchte die Nässe von der Steinfläche empor. Georg, noch in Blitz und Donner seiner Phantasien gehüllt, hörte deutlicher wieder die Stimme seines Vaters, der ihm, ohne daß er ihn ansah, jählings erschreckend riesenhaft erschien, so klein er dort saß, Herrscher, der er war, über diese Riesenmasse von Betriebsamkeit. Überdem merkte er, daß sein Vater irgend etwas Sonderbares sagte, wandte sich träumerisch nach ihm um, begegnete einem, ja — einem geheimnisvollen Lächeln, wurde wach und staunte. Sein Vater hatte gesagt: Es sei nun also so weit, daß dies Trassenbergsche Geschlecht sozusagen alles wieder besitze, was es einst aufgab. Von allen Schlössern oder Landsitzen blicke es wieder über eigenen Boden; diese Schlösser oder Landsitze bärgen gleichsam unterirdische Brunnen, von denen aus ein unendliches Netz kluger Kanäle das Land durchwässere, es fruchtbar und deshalb ihnen leibeigen machte. Möglich sei es deshalb, durch einen äußerlichen Akt die tatsächliche Herrschaft wieder anzutreten, wie es nämlich ein gewisses Geheimschriftstück ermöglichte, das Georg der Siebente hinterließ und das jedem Erstgeborenen bei der Mündigkeitserklärung vorgelegt sei und noch werde, nämlich: Geheimvertrag zwischen dem Astrologen und Beuglenburg aus dem Jahre Achtzehnhundertundsechs, wonach die Zugehörigkeit Trassenbergs zum Großherzogtum nach hundert Jahren auf den Tag — erlösche. Er lasse aus einem privaten Grunde seinen Sohn schon heute davon wissen; wissen, daß der Astrolog — Georgs Vater lächelte vor sich hin — vielleicht? — in bewußter Absicht das Eroberungswerk begonnen habe, welches nun — möglicherweise — ein einziger Federstrich beschließen könne, derjenige nämlich, der das „in“ vor dem Trassenberg wieder in das alte „von“ verwandle. Der Herzog schwieg.

Das war ja sehr sonderbar! Was bedeutete das?

Georg sah sich in einem offenen Fenster stehn. Ja, das war im alten Pallas der Stammburg; zur Linken streckte sich der Südflügel, hoch auf Felsen liegend, über den alten Wipfeln des Waldes mit zwei, in der Abendsonne tiefrot glühenden und goldblitzenden Fensterreihn. Unter ihm brauste das grüne, rötlich umrauchte Meer der Eichen und Buchenkronen; er war ein Knabe, wie es schien, es dunkelte, der Himmel über dem Westen ward blaß, er hörte hinter sich im verdunkelten Zimmer die alten Bilder schweigen, die vorher so unerschütterlich ernst zu den Geschichten dreingeblickt hatten, welche die sanftmütige Kinderfrau aus dem alten Buche vorlas, alte, süße und blutige, gespenstische und mörderische Begebnisse; von Weissagungen und Verfluchungen, von Gebeten, vom Kampfgeschrei, von Trompeten, vom Knirschen der Hörigen, vom Stampfen der Streithengste, Rasseln der Zugbrücken, vom sanfteren Tritt der Frauenzelter, von Kinderliedern, Mönchsgesängen, Trinkliedern, Glocken, Orgeln und Bränden tönende Geschichten. Ja, damals gab es wohl bloß Schwert und Becher, aber die Frauen hielten immer eine kleine Blume in der Hand, sahen so fremd aus und sprachen mit dienender Stimme. Später lagen sie in Stein oder Eisen auf ihren Sarkophagen, die spitzen Eisenschuh der Ritter standen unerbittlich nach oben, zwischen ihren Schenkeln streckte sich das Schwert, die Hände der Frauen waren spitz wie kleine gotische Bögen gegeneinandergestellt, die Gesichter waren wie die Gesichter von Früchten, so gerundet und wenig geformt und innen süß. An ihnen glitt alles vorüber, wie Mama waren sie nicht, sie waren nur geduldig, ihnen wuchsen die vielen Söhne schlankweg über das Haar, schnell wie Pappeln, die Töchter gingen früh aus dem Haus, selten kam eine heim, verweint und verschleiert, um bald für immer hinter Mauern, hinter Gittern zu verschwinden, und das war eine der wenigen Wonnen, vorm Altar zu liegen und bei der Segnung des geschmückten, goldenen Priesters bei sich zu flüstern: Mein Sohn — der mir den Segen spendet! O verschwenderische Zeit! Ein Wort ward mit dem Leben billig genug bezahlt, der Mord ging gleichgültig aus und ein, saß an allen Tischen mit, spie in die Becher, blies in das Licht, blies in die Wiege, Licht aus, Augen aus. Dörfer brannten leer, Kirchen stürzten ein. Sie bauten wie für die Ewigkeit und schlugen es andern Tages in Trümmer, sie wußten nicht, was Zeit ist, der Himmel war nah, das Leben wie neun Monde im Mutterleib, dann kam das wirkliche, das ewige Leben.

Warum sah er das alles im Abendrot, in den brennenden Fenstern, im frauenblassen Himmel, im Dunkel unter den Bäumen? Sahs, selber schwank und kümmerlich sich dabei vorkommend, kleine, gefiederte Pflanze über dem ungeheuren Grabe seines Geschlechts. Darum sah ers; er gehörte ja dazu! Auf einmal begriff ers. Er war aus diesem gewachsen, unbekannt und unbegreiflich wie, gewachsen, mit dünnen Wurzelfäden hebend und saugend aus hundertfältig dahingestürmtem, dahingestürztem, abgestorbenem Leben, aus vergossenem Blut, aus geopfertem Blut, aus vieler Schuld, aus Trägheit, aus Sünde, aus Süße, mehr Haß als Barmherzigkeit, aus einem sonderbaren Christentum, aus Gewaltsamkeit, aus Schlaf. Bald, erschauernd, fühlte er die unterirdischen Ströme des Blutes sich verzweigen und in seinen Adern sich feiner und feiner verästeln, fühlte seinen riesenhaften Zusammenhang und den Brodem der Toten. Ihm, einem schlanken, behenden Sprößling, mit den schmalen Füßen und geschmeidigen Händen der Spätlinge, aber der breiten Stirn und dem anmutigen Mund seines Geschlechts — nur ohne die Nase —, ihm war es verliehen, all dies hinter sich zu haben, viel Hände zu fassen, viel Gestalt aus sich kommen oder in sich schwinden zu sehn. Da verwandelten sich die Trassenbergischen Eichenwipfel, unter ihm rauschend, in eine unruhige Volksmenge, die wartete. Wartete — auf ihn, doch er selber? Auf eine zarte, weiße Gestalt, die aus dem Dunkel hinter ihm an seine Seite treten würde, sanft und gütevoll, aber doch unähnlich den Frauen der alten Bilder, klüger, beweglicher als sie, nicht so fremd, so abseits vom Leben, so ängstlich. Dann würden sie Beide sich dem wartenden Volke zeigen, über Fackeln und aufsteigendem Gesang, unter Glocken, über Fahnen, Herzog und Herzogin von — ah, wie romantisch das war und herzschaudernd schön! Jawohl, dies war sein Schicksal, seine Bestimmung — achtzehnhundert bis neunzehnhundert — war eine rechte Vorhersagung, keine sinnlose und alberne wie die der Zigeunerin. Zu vollenden, was einer vor Jahrhunderten ihm dadurch aufgetragen, daß er begann im Vertrauen auf die, seinem Stamme innewohnenden Kräfte, im Vertrauen auf mehr als ein Lebensschicksal, — gab es Außerordentlicheres, Stolzeres, Beschwingteres? Nun dem längst Verstorbenen die Hand hinüberzureichen, den Ring zu schließen, — Georg wünschte sehr, jener tote Ahn möge an jenem Tage aufstehn und ihn dem Volke vorführen, und da der fragliche Ahn sich vor kaum einem Jahrhundert zur Ruhe begeben, so dünkte es Georg paßlicher, daß einer von den granitenen oder gußeisernen Herzögen sich erhebe und herwandle, auf den Zweihänder gestützt, steif in Harnischplatten rasselnd, mit den dolchspitzen Eisenschuhn, den Topfhelm im Arm, — und siehe da Anna, die den Topfhelm aus vollen Händen mit gelben Primeln füllte, so daß ihm das Herz hüpfte, wie die gelben Schlüssel durch die Einschnitte für Nase und Augen herausquollen und zu Boden fielen.

Unterweil aber saß dort sein Vater und war eigentlich derjenige, der all das gemacht und den Ring geschlossen hatte, und der jetzt ziemlich unteilnehmend bemerkte, er habe ihm dies gesagt, weil er es ihm habe sagen wollen; übrigens möchte er es getrost vergessen, mit alledem seis nicht weit her, und Georg glaube ja wohl nicht, bisher etwas vollbracht zu haben, was ihn berechtige ...

Georg errötete. Nein, bei Gott, er hatte nichts getan. Ja, nun sollte er wohl drei Jahre Zeit haben, um ... Nein, meistens hatte er sich nur oberflächlich präpariert, auf die Sauarbeit geschimpft, sich auf den Vordermann verlassen und die Gleichungen mit fünf Unbekannten von Rauscher abgeschrieben — da sank ihm das Herz. Lieber Gott, unermeßlich war die Welt, was tun, wo eingreifen? Nun, dies wiederum war vorgeschrieben, es würde sich zeigen. Freilich, über dem Volk zu stehen, das war berauschend und erhebend wie Beethovens Fünfte oder die Zweite Ungarische, aber unterm Volk, ja gleichsam durch das Volk, Gedanken, Pläne, Werke zu erzeugen ... und überhaupt kannte er eigentlich doch nur die Mitschüler und im übrigen einige Mädchen, Oberlehrer, zwei Könige, einen Großherzog, sehr flüchtig den Kaiser, Tante Henriette und den Kellner Frithjof — ja, der fiel ihm grade noch ein. Wie war ihm jählings alles unbekannt! Da waren die Kreise des Lebens wie hier die roten und weißen auf der Achatplatte. Man mußte wohl, wollte man was leisten, heraus aus dem seinen und so quer hindurch, aber wie herauskommen aus dem ewigen Rundherum und Ineinander?

„Mein Sohn,“ sagte der Herzog, „alles das ist ein großer Unsinn. Das sind alte Namen, alte Grenzen, alte Schmucksachen. Schön, aber mehr zum Ansehn. Sie nennen mich, wie du weißt, in meinen Kreisen den Genossen Trassenberg. Das ist ein nettes Schmuckstück, so aus einer neuen Legierung, die nicht viel wert ist, aber irgendwie macht mirs Spaß. Heut nachmittag kommt der Leutnant mit dem Pelikan, und was heißt das? Wir fliegen. Ich nicht, wir. Da lehrt uns die Vogelschau, daß die Erde ungemein flach ist und die Türme sie nicht höher machen und die Throne auch nicht. Es wird lange nicht mehr geherrscht, es wird nur noch, wie in Urzeiten, geordnet, und im übrigen: besessen. Von dem, was ich hier für mich allein brauche an Leibesbedürfnissen, davon kann ich kein Siebentel im eigenen Lande hervorbringen, aber, wie wir von aller Herren Länder, von aller Hände Arbeit abhängig sind, so besitzen wirs auch, denn wir sind Geist. Die Staaten und Fraktionen gehen meines Willens dahin, wohin die Religionen und die Aberglauben voraufgingen: in die Tradition. Man muß sie gehabt haben.

Nein, herzlich gern gewiß, aber so schnell konnte Georg sich nicht bekehren. Er versuchte es redlich, das Segel umzuwerfen und gegen den Wind zu kreuzen, aber es mißlang, er hockte beschämt und gedankenlos am Steuer, während die Leinwand gegen den Baum schlug und der Anblick der vor seinen Augen langsam verschwimmenden rot und weißen Wellenringe ihn immer tiefer in eine angenehme Leere hinabzog.

„Eigentum“, hörte er seinen Vater sagen, „ist ein gutes Wort. Bedenke, daß du ein riesiges Erbe vor dir hast und ein riesiges Vermögen. Das weißt du, das sagt dir zweierlei. Das eine, das Erbe: daß du tausendmal mehr als die andern zu arbeiten hast, um einigermaßen ein Gleichgewicht in dir herzustellen — gegen dein Erbe. Das andre, das Geld, das heißt die äußere Erleichterung: daß du tausendmal mehr als die Andern innerlich zu arbeiten, zu forschen, zu lernen und — zu leiden hast, — weil dir das so leicht gemacht ist. Wir haben das Land fruchtbar gemacht, es dankt uns. Laß uns nun stolzer sein auf das Selbsterworbene als auf Angestammtes, auf diese Namen. Die Welt teilt falsche Namen wie Orden mit vollen Händen aus. Uns nennt sie die ‚in‘ Trassenberg, und das ist nun zufällig richtig. Das ‚in‘ ist richtig, denn es bezeichnet den Kern, und die Herzöge sind richtig. Wie unsre Ahnen vor dem Heerbann einherzogen, so laß uns Führer sein in der Zeit, Neuerer, Eroberer schöner, ewiger Bezirke, vorn auf der Lokomotive.“

Georg fühlte mit zitterndem Kinn, daß ihm plötzlich Tränen in die Augen traten. „Uns“ hatte er gesagt, dieser herrliche Mensch, „laß uns Führer“ sein, — und Georg wandte den verschleierten Blick von jenem dunklen, geliebten, bärtigen Gesicht ab, dessen nahstehende Augen ihn durchglühten, und ihm erschien das gläserne Zifferblatt der Standuhr, undeutlich Zeiger und Ziffern, doch erkannte er nun, daß es erst zwischen halb und dreiviertel drei war, und — und ja, ein ganzes Gewitter, ein andres als jenes wirkliche draußen, war um ihn niedergegangen in dieser halben Stunde. Liebe und Segen und ...

„Ich wünsche keine Antwort von dir,“ sagte sein Vater, da er eine Bewegung machte und den Mund sprachlos öffnete, „ich wünsche, daß du eine gute Erinnerung an diese Stunde behältst. Hier ist eine alte Ausgabe des Benvenuto Cellini —“ Der Herzog holte zwei kleine Bände neben sich aus dem Sitz hervor, stieß sie ihm in die Hand, während Georg aufsprang, und fuhr fort: „die dich auch äußerlich freuen wird. Lies darin die Geschichte von der Ohrfeige, die der alte Cellini dem jungen gab, damit er sich an ein bedeutendes Ereignis erinnere. Setz dich, ich schenke sie dir, die Ohrfeige, du bekommst noch genug. Du hast noch alles vor dir, nimmst dir alles vor, du bist ja herrlich jung. Versuche aber, zu denken, daß alles Zinsen trägt, was du nützest, alles Zinsen von dir fordert, was du vergeudest, — allerdings scheinst du dich ja mit allem Mathematischen nicht in wünschenswerter Weise beschäftigt zu haben, der Durchfall war unnötig, immerhin habe ich auch darüber meine besonderen Gedanken.“ Er lächelte.

Georg setzte sich, die beiden Bände verlegen auf- und wieder zuklappend, wieder in den Drehstuhl und behielt sie im Schoß. Sein Vater sprach weiter:

„Nachdem du ... Ich habe dir Gelegenheit gegeben, ein wenig von der Welt zu sehn. Du hast Landschaft, Leute und Sitten, hast Gastlichkeit und Freundschaft, Autorität und — vermutlich — ihr Widerpart, Schönheit, Wissen und Aufgeblasenheit und Schablone im Klassenzimmer kennengelernt, im ganzen ein kleines und oberflächliches Abbild der großen Welt. Nun habe ich dir ein paar Monate Zeit gegeben, gründlich zu faulenzen, meinetwegen zu vergessen, zu reisen, Ballast abzuwerfen, Verse zu machen. Außerdem riet ich dir, dich um die Gutswirtschaft zu bekümmern, und ich hoffe, du hast wenigstens so viel begriffen, daß nicht so wenig dazu gehört, nur ein kleines Gut instand zu halten das Jahr über, geschweige ein Herzogtum. Ich habe nun die Absicht, dich auf meine diesjährige Aufsichtsreise mitzunehmen, mit der ich wie stets Anfang August beginnen werde. Dann kommt so langsam das Semester heran. Bist du einverstanden?“

Georg dachte: Anna — Abschied — Briefschreiben — Heimweh — Wiederkommen — und dankte lebhaft aus gepreßtem Herzen. Sein Vater erklärte, die Reise würde die allgemeinen Kenntnisse Georgs erweitern, dann wäre über die Universität zu reden. Übrigens wisse er ja, daß Fakultät oder Disziplin ihm gleich sei; ein bestimmter, einfacher Weg aber sei nötig, sonst gebe es Zersplitterungen. Ein Examen brauche er nicht zu machen, es handle sich um die Sache. Titel und Würden seien für Alberne, und zu weiter sei ein Examen in diesem Falle ja nichts nütze. Er würde sehen. — Der Herzog blickte auf die Uhr und sagte:

„In einer Viertelstunde wird gegessen, und du mußt dich noch anziehn. Noch eins zum Abschied.

„Daß ich einen tüchtigen Menschen an dir haben will, versteht sich von selbst. Aber ich möchte, daß du einsiehst, was die Menschen treibt, erhält und stürzt, und ich möchte deshalb, daß du dir deinen Umgang nicht unter den Müßiggängern und Sorglosen suchst, sondern unter denen, die sich bemühn. Schwer haben wirs alle; die Kunst ist, oder vielmehr verlangt wird: es sich schwer zu machen.“

Der Herzog nahm seine Stöcke, die neben ihm lehnten, und stand auf, ergriff dann beide Stöcke mit der Linken, winkte Georg zu sich, ergriff dessen Rechte und sagte, aufgestützt und ein wenig gebückt über ihm stehend und ihn fest anblickend:

„Mein letztes Wort ist: Begieb dich in Gefahr. Das Gegenteil im Sprüchwort hat deinen Vätern und deinem Vater nie gefallen. Begieb dich wissend in Gefahr, du entgehst ihr doch nicht. Wahrhaftigen Gott, es ist mir auch lieber, du kommst eines Tages zerbrochen und entsetzt nach Hause, als daß du über alles hinwegsäuselst, nicht weißt, was gut und böse ist, nur verekelt bist und fürs ganze Treiben kein andres Wort weißt, als: alles ist käuflich. Nichts ist käuflich, Junge, ich werde dich doch noch ohrfeigen müssen. Nichts von Wert war je käuflich, außer für Schweiß und Blut. Wenn dein Vater selber irgend etwas auf der Welt besitzt, so bedenke, daß ers zuvor bezahlte mit zwei zerschmetterten Füßen. Das Leben ist keine Hure und keine rollende Kugel, das Leben ist die Gefahr. Das Leben — es giebt das gar nicht, Begriffe sind das, es giebt nur: dich. Du bist das Leben und bist die Gefahr. Nun hole dich der Teufel, wenn du dir die Syphilis holst. Von der Liebe mag ich nichts reden, du wirst das alles selber sehn, sie ist ein Teil vom Ganzen, der schönste, kostbarste, wenn du willst; nicht das Ganze. Leidenschaft ist zu allen Dingen das Tor, den Hüter kennst du noch nicht, der heißt Selbstzucht; er ist genau so schwer, wie er auszusprechen ist, denn immer wird Selbstsucht daraus. Solltest du ihn verfehlen, giebt es Frauen. Weiber kenne ich nicht. Das Dasein ist kein Heiligtum und kein Ballhaus, aber es giebt Heilige so gut darin wie Zuhälter. Ich sagte schon im Anfang: gieb acht auf den Einzelnen! Es giebt nur Einzelne. Denk an deinen Vater, der —“ Der Herzog, der zuletzt mit fürchterlichen Augen geschrien hatte, verstummte, stieß noch keuchend hervor: „Mit Gott, mein Sohn, feire fröhlich und sorglos deinen Geburtstag. Ich hatte keinen Vater, der — — schau, daß d’ weiterkimmst!“ drehte ihn herum und schob ihn weg.

Georg, noch von seinen Händen umklammert, blieb stehn und wiederholte willenlos noch einmal, was er die ganze letzte Minute lang bei jedem Absatz geflüstert hatte: „Ja, Papa! Ja, Papa!“ Er hatte, während die Sätze an sein Ohr schlugen, Satzglieder, Wortbilder, Gestalten erschienen und verschwanden vor neuen, die sich in aber neue wandelten, doch nichts gehört, sondern allein gesehen. Gesehen nahe über ihm das aufgeregte, mühsam gebändigte Gesicht, so nahe und genau zu erkennen wie vielleicht nie zuvor. Und haftend, hineingeflochten mit beiden Blicken seiner Augen in die auf ihn niederglimmenden Blicke der dunkelbraunen Pupillen, gewahrte er doch mit unablässigen, geringsten Schwankungen und Kreiswindungen des Schauns all das Kleine und Kleinste umher. Er gewahrte den beweglichen Adamsapfel unten im Schatten des Kinns, in der weiten Öffnung des Kragens, und dessen breit umgeschlagene Klappen, und eine winzige weiße Faser an einer der Klappen; den blaugrünen Knoten des Schlipses und das Schillern in den Falten, den helleren Glanz der besonnten dunkelblauen Schultern und das beschattete rechte Ohr; den Bartzapfen am Kinn, der mit ihm auf und nieder ging, und das eine weiße Haar darin, die auseinandergesträubten dicken Haare des Schnurrbarts und unter ihnen die innerlich gedrehten, die an Lockenhaarnadeln erinnerten, und die grauen darunter und jenes, das an der Wurzel schwarz war und dann weiß wurde. Und er sah die Umrißlinien des geschwungenen Mundes, und wie sie sich bewegten, und durch die Barthaare die beschattete Haut; die Haut am Kinn, wo sie schwärzlich war vom Wegrasierten, und wo sie rötlich war, und braun, und heller, und die schief hängende Nase, den glänzenden Höcker und die Poren, und das bräunliche Mal an der linken Nüster; sah die goldenen Tupfe und Linien im Braun der Pupillen, ihre bläulichen Ränder so genau, und im gelblichen Weiß die gesprungenen roten Adernäste, und das bläulich Verschleierte der schwarzen Mittelpunkte, und sah in diesem und in jenem Auge winzig und gebogen sein eigenes Spiegelbild. Sah die Falten der Stirn, die Einsenkungen der Schläfen, die Runzeln, die sich bewegten, die Haare der Brauen, schwarze und graue, krumme und grade borstige, das Haar ... Und nicht dies im einzelnen, nein, sondern immer auf einmal alles, und er sah es nicht, o nein, er fühlte, er fühlte es, fühlte, daß es alles zitterte und sich bewegte und zusammengerissen war von einer unsichtbaren Gewalt im Inneren dieses fremden Körpers vor ihm, und daß diese Gewalt ihn anströmte, sich über ihn ergoß, Leben, Leben immerfort, Atem und Blick und Bewegung und Wort, und doch nicht dieses, nein, sondern zusammen all dieses und mehr: Unsichtbares, Fühlbares, immer Lebendigkeit, die außerhalb seiner selbst war, aber an der er hing, die ihn fesselte, ihn umflutete, und aus der immer wieder, um noch einmal, noch deutlicher sich kenntlich zu machen, daß ers nicht vergaß, dies Einzelne auftauchte gleich Wellen und Tropfen der Welle, Perlen und Blasen, Durchsichtigkeit und Glanz und Farbe und Tiefe und Kontur einer Welle: Augapfel und Braue, Kinn und Barthaar, Mund —, und jählings wieder dieser ganze, ihm zugewandte, wie ein Bild vor seine Augen gedrängte Kopf eines Reiterführers aus dem Dreißigjährigen Kriege, — welcher Ausdruck, den nicht er erfunden, sich ihm zeigte und öfters hervorwinkte aus allem übrigen des Sichtbaren und Fühlbaren, dem er auf eine Minute ausgesetzt war wie einem stetig sausenden Sturm ...

„Ja, Papa!“ sagte Georg, aufs tiefste und höchste verwirrt, entzückt und gedemütigt, küßte ihm hastig die Hand und ging hinaus.

Spiegel

Leer lag der weite Flur, und Georg konnte sich das Übermaß seiner Wonne durch eine Geste erleichtern, indem er die Arme von sich stieß, sich auf die Zehenspitzen erhob und nach ungeheurem Dehnen vornüber zusammensinken ließ, wobei ihm einer der reizenden kleinen Cellinibände entfiel, so daß ein halb Dutzend Eselsohren in die Seiten kamen. Indem er ihn beschämt aufhob, sah und fühlte er plötzlich die Befreitheit seiner rechten Hand vom väterlichen Griff, und indem er sie verwirrt anblickte und die roten und weißen Striemen daran vom krampfhaften Druck gewahrte, erschien ihm das Antlitz seines Vaters, so daß es ihm war, als habe er während der letzten Minute das Gesicht gar nicht gesehn, sondern nur es gefühlt durch die Hand, um die sich die andre Hand und mit ihr ihr ganzes Dasein, sein Wille und Leben gepreßt hatten. Und jetzt erst wußte er, was dies alles bedeutet hatte. Daß es Liebe gewesen war, ja daß er an einen gewaltigen Starkstrom von Liebe angeschlossen gewesen war, der noch nachzuckte in ihm und ihn betäubte, so daß er im selben Augenblick, wo er selig und verträumt den Kopf hängen lassen wollte, im Gegenteil davonlief, wie ein Tertianer mit der Palme von Marathon, am Treppenhaus vorüber den Flur hinab durch das Billardzimmer im Turm, und wieder ein Stück Flur hinunter in sein Schlafzimmer.

Der Diener wartete, hatte glücklicherweise schon den Schoßrock zurechtgelegt, auch einen Schlips dazu, der aber Georg nicht gefiel, und er fand einen lavendelblauen von hinreißender Schönheit und Paßlichkeit zu der sahnefarbenen Weste, schickte den Diener fort, zog sich aus, stand minutenlang in Unterhosen, sich besinnend, was in aller Welt nun vor sich gehen solle, kam endlich auf den Einfall: Waschen! tats, fand lange kein Handtuch, zog Hosen, Weste, Stiefel, Rock an, und nun hatte er Kragen und Schlips vergessen, zog alles wieder aus, Hose aus, einen Stiefel aus, es war unerhört, er dachte an tausend Dinge, aber das mit dem Wiederausziehn wie zum Schlafengehn, das war symbolisch, denn:

„Wir aber wollen uns zur Ruh

Hinlegen, dieser unser Tag ist voll —“

sagte Vollmöller im — nein, nicht im Parzival, da stand vielmehr: „Meine Mutter heißt Herzeleide ...“ Tränen traten ihm plötzlich in die Augen, aber er beherrschte sich, da er vor den Spiegel trat, um den Schlips zu knüpfen, und auf einmal sah er sein Gesicht.

Über einem männlichen Körper in graugestreiften Beinkleidern mit Hosenträgern überm weißen Hemde sahen ihn fremde Augen so absonderlich bestimmt und bedeutsam an, daß er, um ihrem Blick zu entgehn, sich näher zum Spiegelglas beugte, um das ganze Gesicht zu sehn, mit dem Gedanken, es auf seine Verwandtschaft mit dem väterlichen zu prüfen, aber er fand es so anders, daß es ihm beklagenswert schien. Es war schmal und noch ganz zart und erschreckend bartlos — obwohl er nie einen Bart zu tragen gedachte — die Augen blaugrau, das linke um einen Hauch kleiner als das rechte, die Brauen kaum erst angedeutet, die Stirne rund, das gescheitelte Haar, wohl von Mama, braun und ein wenig glänzend, nur der Mund — er verzog ihn ein wenig — war wohl dem des Vaters ähnlich, und die Nase — sie war völlig entartet, da sie — zu schweigen von Schiefe und Krummheit — vielmehr einfältig herunter und am Ende eher ein wenig nach oben ging, und das Ganze ... Versstücke Rilkes fielen ihm ein:

... als Zusammenhang nur erst geahnt ...

... als wäre mit zerstreuten Dingen

Von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant ...

so hieß es ja wohl, und so war es. Da fühlte er wieder den eigenen Blick auf sich geheftet, prüfend und auf eine unbegreifliche Weise völlig unverständlich, — ein fremder Mensch, von dem er nicht wußte, was er wollte, und der nichts äußerte, sondern ihn einfach ansah, und schwieg, und jetzt anfing zu lächeln, und die ganze Zeit mit zwei Händen unterm Kinn zwei blaue Schlipsstreifen übereinanderhielt. Noch einen Augenblick wie gelähmt, als wolle ers drauf ankommen lassen, was der im Spiegel jetzt anfinge, halb entschlossen, nicht mitzutun, schüttelte er die Hände, knotete eilfertig und an sich vorbeisehend und wandte sich ab.

Ans Fenster tretend, sah er lange hinaus, ohne etwas zu gewahren, und sammelte einige Gedanken.

Wird es wirklich so schwer sein? dachte er bescheiden. Schuld an allem ist, fürcht ich, nur der Größenwahn und die Begrifflichkeit. Ja, wie Vater sagte: das Leben sagt man und: die Welt, und man denkt, man hätte die Alpen und alle Millionen Europas und Asiens vor und gegen sich, und all die riesenhaften und blendenden Vorbilder, deren jedem man etwas nachtun möchte — wie soll man da sich selber finden, sich und den kleinen, schmalen Weg, den man in Wirklichkeit zur Verfügung hat! Und dabei begegnet uns ein halbes Hundert Menschen auf der ganzen Strecke, und Dreien oder Vieren davon kommt man ein wenig näher, vielleicht bis ans Herz, ach, nur Einem ans Herz. Warum also solche Furcht, solche Anspannungen, so ungeheuerliche Erwartungen? Die erzeugten nur diese Enttäuschungen, die verbittern, erzeugten diese Menschen wie Annas Vater und seine alten Lehrer und Professor Prager. Der arme Benno, ob heute endlich der Brief kam? Und wie gut waren sie doch alle zu ihm! Der Maler hatte ordentlich zu reden angefangen, dieser Schweigsame, dieser Unbekümmerte, was ging er den an? Zwar war er nicht verschwiegen mit Absicht, — er war mehr sparsam, wörtlich: wort-karg, — ob ich das auch einmal werde? — — Dies schien ihm erstrebenswert, und so ging er hinunter.

Fünftes Kapitel

Mittagstafel

Beim Betreten des Speisezimmers stand Georg einen Augenblick geblendet vom Licht, sah bei zusammengekniffenen Lidern die hohe Glastür drüben stehn, empfand die Schönheit des gerundeten, großen Raums mit den matten Färbungen und Figuren seiner gewebten Wandmalereien und sah nun, daß die runde Tafel bis auf zwei Stühle schon besetzt war. Aber sieh, gegenüber, in der zum Vogelsaal führenden Tür stand Anna, und von ihrem blaßroten Leinenkleid schien das sonderbare Licht auszugehn, ihre Gestalt leuchtete über und über, ihr Gesicht war völlig beruhigt, die Augen schimmerten dunkel wie gebadete Juwelen. Nun gewahrte er auch, durch die Glastür blickend, durch die man im Winkel auf die Terrasse hinaustrat, die Wetterwand überm Park, von der das Sonnenlicht grell und flammend abprallte und den Raum so stark erfüllte; von allem Farbigen wurde es, von Magdas Kleid, den Gesichtern, dem Tafeltuch und Silber, dem Grün und Gelb und Rot des Fruchtaufsatzes fest eingesogen, und alles schien zu leuchten von innen.

Überdem sah er Magdas Vater und einen mittelgroßen Fremden im Frack mit breitem, rasiertem Gesicht aufstehn und auf sich zukommen; er reichte ihm die Hand; der große Chalybäus sagte vorstellend: Oberregisseur und einen russisch klingenden Namen. — So, das war der Besuch, den sein Vater, gastlich wie immer, eingeladen hatte. — Georg saß nun zwischen ihm und dem Maler, an den sich der Herzog anschloß, und weiterhin Anna neben ihrem beiderseitigen Nennonkel Salomon, dem sie im Niedersitzen leicht einen Arm um die Schulter gleiten ließ, worauf er mit seinem königlich staunenden Lächeln sich herumwandte, zuletzt ihr Vater wieder neben seinem Freund. Ihm gefielen sie im Augenblick alle, um so mehr, da er Anna gegenüber und abgewandt vom Licht saß, darin sie thronte wie das Glück. Während sie den Tafelaufsatz ein wenig nach links, eine Kristallvase mit gelben Rosen ein wenig nach rechts rückte, um ihm durch die Lücke himmlisch zuzunicken, hörte er den Mimen sagen:

„Mit gnädigster Erlaubnis, Durchlaucht und schönstes Fräulein, fahre ich fort, ich —“

„Basch, Theurer,“ unterbrach der große Chalybäus, reizend mit Augen und Zähnen umherlächelnd, seinen Freund mit nachsichtiger aber tönender Stimme, „du bist ja grade angekommen!“ Worauf über alle Gesichter im Kreise sich jenes Lächeln bewegte, das Georg an seinen Gesichtsmuskeln zerren fühlte, und das sich merkwürdigerweise nicht abschütteln ließ, sondern — wie überall — eine Weile stehenblieb.

Der Mime indessen war perplex. Niemals sah Georg eine solche Perplexität. Eben noch über seine Suppe geneigt, sah er jetzt den großen Chalybäus von unten an, und sein kahles Gesicht war eine Platte geworden, aus der die Nase einsam vorsprang wie ein stehengebliebener Springer auf dem Brett, dieweil die Augen dasaßen wie zwei blindgeborene Hunde, hülflos miefzend in sich selbst gerollt, und was völlig verschwunden war zwischen zwei Granitblöcken von Kinn und Oberlippe, das war der Mund. Nun aber entfaltete er sich wie eine Qualle, aufblühend zu nicht endenwollender Größe, formte sich zu einer feinsinnigen Spitze, öffnete sich wieder und, jählings zwei durchbohrende Blickblitze in Georgs Augen schleudernd — baff! — raunte er geheimnisvoll:

„Auch ich, Durchlaucht, beginne von vorn.“

Georg, verwirrt wie in der Tragödie, stammelte etwas, auf das hin der Mime sich verneigte, hastig einen Löffel Suppe verschluckte und begann:

„Ich erzählte, Durchlaucht, von Matkowsky eine kleine Schnurre ...“

Dieser Oberregisseur steckte wahrhaftig voll von kleinen, feinen Überraschungen. Schnurre — dies mußte das geheimnisvollste Wort von der Welt sein; Georg klang es, als habe er es nie gehört, so beladen war es mit seiner Bedeutung, wie denn niemand gerechter gegen die deutsche Sprache verfahren konnte, als dieser ihr Oberregisseur. Dies war ein Diphthong, habt acht: kloine ... dieses dagegen ein Vokal, ein e, ein gerechtes, unverfälschtes e, nicht ä wie in ‚erzählte‘, was ein völlig neuer Begriff ist, die Konsonanten aber waren in preußischen Kasernenstuben gedrillt und so akkurat wie ein Präsentiergriff vor Majestät über die Regimentsfront. Georg hatte nie so etwas gesehn; es schien ihm erstaunlich.

Matkowsky also sollte als Gast an einer kleinen Provinzbühne den Kean spielen und nahm vorm Beginn den Darsteller eines gewissen vorkommenden Barbiers beiseite, um ihm zu erklären, an einer Stelle im Stück, da habe er, Matkowsky, eine kleine Nuance ...

Der große Chalybäus bemerkte hier kaltlächelnd, dies wäre eine uralte Geschichte, es wäre aber nicht Matkowsky, sondern Döring, der berühmte Schauspieler Döring gewesen und dessen Kollege Pape, übrigens nicht Kean, sondern Othello und Jago. Daraufhin legte der Schauspieler, der unterweil hurtig seine Suppe verschlungen hatte, den Löffel hin, ergriff sein Rotweinglas, trank daraus und bemerkte sorglos: „Chlupp, erzähl du!“

Sie führen zusammen etwas auf, dachte Georg und versuchte Annas Augen zu erhaschen, die indes hingerissen am Munde des Mimen hingen. Dieser sprang nach der Unterbrechung kaltblütig mitten in die Szene hinein.

„Da nehme er nämlich, sagte Mattkoffskü, den Barbier beim Kragen und werfe ihn über die dastehende Chaiselongue in die nächste Kulisse hinein. — Sehr wohl, Herr Mattkowffskü, erwiderte darauf jener Barbier, das ist enne äußerst feine Nüangse. Nun sähn Se, da will ich Sie nur gleich sagen, da hab ich Sie nemlich ooch enne gleene Nüangse. Da gomm ich neemlich wieder herein aus der Gulisse und —“ Pause — „und —“ weitausholend — „und haue Ihnen eene herunder!“ — — Schluß, Tableau, große Apotheke, sagte der Erzähler und trank aus. Deutlich rauschte ringsum der innere Beifall.

Der Oberregisseur begann lebhaft den Untergang des alten echten Komödiantentumes zu beklagen. Wo gebe es noch richtige Komödiantennaturen, wo sei die entzückende Zeit geblieben, wo die Frauen im Dorf, wenn der Thespiskarren auftauchte, einander zuschrien: Nehmt die Wäsche weg, die Komödianten kommen! — „Heutzutage“, sagte er, „ist jeder ein Hausbesitzer, Steuerzahler und Familienvater, mit Ausnahme allerdings der zwanzigtausend im Deutschen Reich, die brotlos sind.“

Die Zahl erregte Verblüffung.

„Sehen Sie,“ flüsterte Georg Bogner zu, „das hier ist Ihre gesteigerte Subjektivität, da haben wirs, ja prost die Mahlzeit!“

Bogner lächelte, und zwar, deutlich zu bemerken, mit dem Munde und nicht mit den Augen, und gerührt dachte Georg: Er hat zwei Lächeln, eins auf Verlangen und eins für seine liebe Seele, und das erinnerte — woran erinnerte es nur? — an etwas Blühendes, ja, an eine schöne atmende Meduse in einem sonnigen Aquarium, — so quoll und dehnte sichs aus den lichten Augentiefen, während sich hundert Fältchen ringsum zusammenzogen. Indem hob der Schauspieler sein Glas gegen ihn und sagte fein:

„Durchlaucht konnten meinen Namen nicht verstehn, das bekümmert mich. Er lautet: Baschkirtseff!“ Herr du meines Lebens, wie das pfiff und schmetterte! „Früher“, fuhr Herr Baschkirtseff fort, „hatte ich zwar einen andern, auch sehr guten Namen, aber den hat jetzt mein Vater.“

Was das wohl bedeute, fragte Anna, worauf Baschkirtseff melancholisch wurde und erzählte, wie er sich durch Ausziehn des schönen Beuglenburgischen Dragonerkollers den Fluch seines Vaters und den Verlust des Namens zugezogen habe. — War das Schwindel? Nein, Chalybäus selber war Königsulan und Schauspieler gewesen. Baschkirtseff wollte nunmehr zu vertrauteren Familienszenen übergehen, ließ sich jedoch vom Herzog auf kinematographisches Gebiet hinüberziehn und begann sogleich, sich, soweit es ging, zum Herzog hinüberlegend, so daß seine vereinsamte weiße Frackhemdbrust krachte, ihm zu erklären, er habe eine entzückende Idee für einen Film, das heißt, gehabt habe er sie schon lange, jetzt aber beim Anblick dieses reizvollen Landsitzes habe sie Gestalt gewonnen, — ja, ob es wohl möglich sei, vom Herzog die Erlaubnis zu erlangen, diese Gegend für den Film, der eine Vollkommenheit der Illusion gestatten ...

„No!“ schnob, weit aufrecht zurück sich lehnend, der König Saul, feurige Blicke des nicht begreifenden Staunens schießend, „Vollkommenheit der Illusion, was das schon heißen soll. Ich nenne das — verzeihen Sie meine Spracharmut — aber ich nenne das einen großen Schwindel fürs Publikum, jawohl, so nenne ich es, und ich hoffe, Sie pflichten mir bei.“ Onkel Salm hatte immer naive Vorstellungen von der Nachgiebigkeit der Menschen.

„Nanu?“ sagte Baschkirtseff, in einem Ansatz zur Perplexität verbindlich steckenbleibend.

„Soll ichs Ihnen beweisen? — Photographieren Sie doch mal ein kleines Zimmer von der Tür aus, was wirds? Ein Saal wirds. Photographieren Sie einen Platz, wird er meilenlang, und ich verpflichte mich, jawohl —“ er schoß empörte und beteuernde Blicke auf den Herzog, „ich verpflichte mich, von dem kleinen Weiher im Park zwanzig verschiedene Aufnahmen zu machen, so daß Sie denken, es wären zwanzig Seen in allen Erdteilen und die reinste Urwaldvegetation — no — ich kenn doch die Welt! Mit einem Stück Binsenwald und Artaxerxes allein erzeuge ich Ihnen ganz Australien — ich weiß doch, was ich —“

Während dem unterbrechenden Baschkirtseff erklärt wurde, was Artaxerxes sei, war Georg zusammengefahren und suchte heimlich Annas Gesicht. Richtig, sie war blaß geworden und führte mechanisch die Gabel zum Munde, vergaß dann das Kauen. Georg, für Augenblicke gedankenstarr, hörte langsam die Stimme des Mimen näher kommen und verständlich werden.

„... und das eben ist der Kniff! Mit den geringsten Mitteln die fabelhafteste Illusion, und ich sehe mich nun genötigt, meine Filmidee zu entwickeln oder vielmehr die kleine Anekdote mitzuteilen, die ich zugrunde legen möchte.“ Dann erzählte er mit angenehmer Schlichtheit:

„Dr. Young, ein englischer Geistlicher, der berühmte Verfasser der ‚Nachtgedanken‘, spielte vortrefflich auf der Flöte. Als er einmal mit einigen Damen, die er ins Vauxhall führen wollte, über die Themse fuhr, wurde er wegen seines schönen Spieles von einem andern Fahrzeug, das voller junger Offiziere war, verfolgt. Es war ihm peinlich, und er steckte seine Flöte wieder ein. Einer von den jungen Leuten fragte ihn darauf: ‚Warum hören Sie zu spielen auf?‘ — ‚Aus eben der Ursache,‘ antwortete Young, ‚warum ich zu spielen anfing.‘ — ‚Und welche war das?‘ — ‚Weil es mir so gefiel.‘ ‚Gut denn,‘ antwortete der Offizier, ‚spielen Sie fort, oder ich werfe Sie in die Themse.‘ Young gab nach, verlor seinen Beleidiger aber nicht aus den Augen, und da er ihn abends in einer Allee allein fand, so stellte er ihn in einem festen und ruhigen Tone: ‚Mein Herr, aus Furcht, Ihre und meine Gesellschaft zu beunruhigen, habe ich Ihrer Impertinenz nachgegeben; aber um Ihnen zu beweisen, daß Herzhaftigkeit ebensogut unter einem schwarzen wie unter einem roten Kleide wohnen können, ersuche ich Sie, sich morgen vormittag um zehn Uhr im Hydepark einzufinden. Sekundanten brauchen wir nicht, der Streit geht bloß uns an, und es wäre unnötig, Fremde hineinzumischen. Da wollen wir uns auf den Degen schlagen.‘ Der junge Kriegsmann nahm die Forderung an. Sie fanden sich beide zur bestimmten Stunde ein. Der Offizier zog seinen Degen und setzte sich in Positur, Young aber setzte ihm eine Pistole auf die Brust. ‚Wollen Sie mich umbringen?‘ schrie der Offizier. ‚Nein,‘ antwortete Young ganz kalt, ‚aber Sie müssen so gütig sein, Ihren Degen auf der Stelle einzustecken! Dann sollen Sie ein Menuett tanzen, oder Sie sind auf der Stelle des Todes.‘ Der Offizier machte einige Umstände, aber die Kaltblütigkeit und der Ton seines Gegners wirkten, so daß er gehorchte. Nach beendigtem Menuett sagte Young: ‚Sie zwangen mich gestern wider meinen Willen Flöte zu spielen, ich habe Sie heute wider Ihren Willen tanzen lassen, wir sind quitt. Sind Sie indessen noch nicht zufrieden, so will ich Ihnen alle Genugtuung geben, die Sie verlangen.‘ Statt aller Antwort fiel ihm der Offizier um den Hals und bat um seine Freundschaft.“

„Sehr fein!“ lobte der Herzog, „sehr amüsant und vollkommen. Darf ich auf Ihr Wohlsein —“ Auch Georg hob sein Glas, alle, sogar König Saul, wieder versöhnt, tranken dem nach allen Seiten verbindlich dankenden Erzähler zu, während Georg es endlich glückte, Annas Augen zu erhaschen. Sie nickte und winkte mit ihrem Glase, und unterweil hörte er den Mimen:

„Und daraus,“ sagte er, „daraus mache ich den Herrschaften die entzückendste Idylle. Ich verlege den Schauplatz von der Themse auf einen englischen Landsitz, das heißt — mit Erlaubnis — hierher. Nun fehlt natürlich die Hauptsache ...“

Onkel Salomon schnaubte. „Gott soll mich bewahren, Herr, wenn Sie an dieser Geschichte etwas ändern, begehen Sie ein Verbrechen. Sie hat so was — no — so was Mustergültiges möcht ich sagen, nicht wahr, Georg, nicht wahr, Magda? Diese Sparsamkeit, diese — — beinah grandios ist ja das! Ich weiß doch —“

„Natürlich fehlt etwas“, sagte Magda hinterlistig. „Eine Dame.“

„Selbstverständlich!“ schloß der Baschkirtseff kurz ab. „Das ist ja klar. Es fehlt das belebende Element. Es fehlt ein Ingredienz der Luft, ohne welches das Publikum sie nicht atmen kann. Es fehlt das erotische —“

„Die Kientoppluft“, sagte Onkel Salomon. Nach dem kleinen Gelächter der Andern setzte der Schauspieler in die Stille hinein mit Nachdruck die Worte:

„Wenn Sie glauben, daß ich eine Type bin, dann irren Sie sich.“

„Ich?“ schrie der Doktor tief empört. „Ich glaube Ihnen überhaupt nichts!“

Die Bratenteller verschwanden, die Diener reichten Butter und Käse. Der große Chalybäus sagte mit leiser sittlicher Entrüstung gegen seinen Freund gespitzt, er finde es doch zu merkwürdig, daß es nie und nirgend ohne Liebe abginge. Onkel Salomon ereiferte sich. Chalybäus läse zu viel Romane. Im wirklichen Leben spiele diese Liebe nicht im entferntesten die Rolle wie in Ullsteinbüchern und so. Es werde alles gräßlich übertrieben ...

„Lieber Doktor,“ meinte der Herzog zu Georgs Staunen, „da muß ich Ihnen widersprechen. Ich finde, grade weil die Liebe im Lebensgefüge und zumal unter den kleinen Menschen im Werkeltag das einzige Wunder ist, das Seltene, das so unbegreiflich ist und insofern nur mit dem Tode zu vergleichen und ein Gegengewicht gegen ihn, deshalb haben die Poeten sie mit Recht sich — wie soll ich sagen — als die Flamme ausgesucht, die Sonne ist wohl der richtigste Ausdruck, in deren Schein alles andre erst sichtbar wird und Schatten, Leben und Wirklichkeit bek—“

„Aber gern, gnädiger Herr, sollen sie ja, sollen sie! Bloß — in Romanen ist sie leider nicht das Einmalige, Besondere, Seltene, sondern ist das Ganze von Anfang bis Ende und — wie soll man das sagen? — No, ich meine eben: immer und immer das ewige Liebesgequassel, es ist ja zu langweilig ist es ja, seit Jahrhunderten nun schon!“

Georg suchte Annas Augen, bekam sie aber nicht. Der Baschkirtseff meinte, der Doktor sei bloß ein öder Misogyne. Der große Chalybäus stieß mit ihm an und meinte, mit einmal völlig andern Sinnes als zuvor, er sei total übergeschnappt. Magda verspottete ihn: das solle Tante Flora hören.

„Shakespeare und Dickens“, sagte er funkelnd wie ein Löwe, „behandelten sie nach Gebühr.“

„Romeo und Julia“, sagte Magda leise.

„Also no! da haben wirs, mein Kind! Als der Engländer einmal ein großes Lied von ihr singen wollte, verlegte er den Schauplatz in den Süden, in romanisches Gebiet. Das Feuer, dessen er bedurfte, gab es in England denn doch nicht. Übrigens halte ich mich nach wie vor an die Pick—“

„Nu redt er vom Feuer,“ sagte der Baschkirtseff hoch erstaunt, „und eben behauptet’ er, es wär eine Tranfunzel!“

Onkel Salomon lachte verlegen. Georg dachte: Dennoch! Wo ist das allumfassende Gefühl, das mich fühlen macht, fühlen die Sonne und die Sterne, die Ebene und die Brandung und — — Überdem fing er einen Blick Annas auf, sah sie zögernd ihr Glas heben — es war nichts darin —, ihm zulächeln und die Neige trinken, während ihre Blicke in den seinen haften blieben und sie langsam errötete. Der Herzog sagte leise: „Nun, Magda?“

Sie verstand und hob verwirrt und anmutig die Tafel auf.

Pelikan

Georg war ungestüm entschlossen, irgend etwas Einsames mit Anna zu verabreden; während sie aber in den Vogelsaal voranging, um sich dort mit dem Kaffee zu beschäftigen, mußte er als letzter zurückbleiben und betrübt, hinter seinem Vater gehend, dessen kraftlos und kümmerlich nach oben stehende Füße — wie Entenfüße — sehn, während die Stöcke sich unter der Last des schweren Mannes bogen. Die Sonne war inzwischen in Fülle hervorgekommen, die Wetterwand verschwunden, der Saal schwamm in reichem Nachmittagslicht, die hundert bunten Flügel in den Nischen glitzerten und auf den kleinen Tischen das Silber der Kannen, Likörflaschen und Kuchenkörbe. Die Diener verschwanden. Wie sie alle umherstanden — nur der Herzog saß am nächsten Fenster — in ihren Schoßröcken, fühlte Georg sich für einen Augenblick nach Somerset versetzt und wunderte sich, daß Magda umherging, um den Herren kleine Tassen zu überreichen, anstatt daß im Gegenteil sie bedient wurde. Zuletzt kam sie zu ihm, aber nun hatte er natürlich seine eigenen Pflichten vergessen, denn da stand der Maler und betrachtete die Zigarettenkästen. Baschkirtseff nahm eine lange Zigarre; in seinem, allzusehr mit seidenen Aufschlägen und Samtkragen strahlenden Frack sah er aus, als ob er etwas deklamieren sollte. Georg nahm eine Zigarre für seinen Vater, schnitt die Spitze ab und brachte sie ihm, der leise mit dem neben ihm stehenden Sekretär etwas besprach. Nun saß Anna auf einem Stuhl, und der Baschkirtseff, zierlich über die Lehne geneigt, setzte ihr auseinander, wie er die Dame in seine Filmidee hineinpraktiziere, das heißt natürlich da, wo das Menuett getanzt würde. Dazwischen hörte Georg den großen Chalybäus bedeutsam „die grüne“ sagen und sah ihn riesig über den Maler ragend, in der linken Hand eine Kristallflasche mit gelber, in der rechten eine mit grüner Chartreuse, die er mit strahlenden blauen Augen verglich.

„Und nun kommt es natürlich darauf an,“ raunte der Baschkirtseff, als ob er mit Magda über die Schlafzimmereinrichtung in ihrem demnächst zu begründenden Haushalt spräche, „ob die Geschichte komisch oder tragisch werden soll. Nehmen wir eine Frau des Pfarrers oder eine Tochter, das ist die Frage.“ Er blickte sie, prüfend ins Tiefste ihres Gewissens, von oben an.

Indem sah Georg, jetzt schläfrig vom Weingenuß und der reichlichen Mahlzeit, daß Egloffstein sich drüben ihm gegenüber in wartender Haltung aufgestellt hatte, dessen eine schwarzseidene Hosenseite, den Fenstern zugekehrt, weiß glänzte, und daneben blitzte ein silbernes Brettchen, das er nun, auf Georgs Augenwink herantretend, ihm hinhielt. Richtig, ein Brief mit Bennos Handschrift. Georg sah sich um, ob er wohl beiseitetreten dürfe, und gewahrte Anna, die in eigentümlicher Weise, aufrecht stehend, durch das Fenster nach oben blickte.

„O seht mal, was ist das?“ rief sie im nächsten Augenblick. Ein Schatten glitt von oben über das Zimmer, und Georg sah hinaus. Siehe da, auf dem weiten Rasenoval hatte sich ein weißes Ungetüm aufgestellt, es hüpfte noch vorwärts und stand, — riesenhafte Leinwandflächen in Stockwerken übereinander, zwischen denen es schattig war, viele Schnüre und Metallgestänge, vorn eine mächtige, braunhölzerne Schiffsschraube, dahinter ein gewaltiger schwarzer Stern von Motorzylindern. Eine schwarzlederne Gestalt erhob sich jetzt im schattigen Innern, und ein Arm schwenkte eine lederne Mütze. Das Ganze stand auf dünnen Beinen wie eine Wasserspinne; kleine Räder waren darunter.

„Tausend!“ sagte der Herzog in das schweigsame Staunen der andern, die sich alle den Fenstern zugewandt hatten, „tausend, das ist mein Pelikan!“ nahm seine Stöcke und humpelte, so schnell er konnte, auf die Terrasse hinaus. Georg, dicht hinter ihm, besorgt, ihn im Notfall zu stützen, verlor für Augenblicke alle Schläfrigkeit aus den Gliedern, trotz Hirn und Augen blendender Mittagsglut, die sich hinter dem Gewitter geschlossen hatte, als sei es nicht gewesen.

Während sie allesamt die Treppe hinuntergingen, kletterten zwei Lederne aus dem Flugzeug heraus, von denen der eine über die Wiese heransprang.

„Glatt gelandet, Durchlaucht!“ rief er, „wunderbare Überfahrt, einmal mitten durchs Gewitter, aber schnell wieder jetrocknet!“

Nun gab es einen Wirrwarr von Beglückwünschungen. Der Leutnant stand wie ein heruntergefallener Mondbewohner, überschlank und völlig von Leder, im Kreise der andern, lachte mit blitzenden Raffzähnen, hatte eine hakige Nase, langes Kinn und lange Oberlippe, beide schwarzblau vom Rasieren, schien also mit Onkel Salomon und doch auch wieder mit dem Herzog verwandt. Das ist so eine moderne Mischung, dachte Georg und erinnerte sich an seines Vaters „neue Legierung“. Der Leutnant führte nun die Gesellschaft um den Apparat und erklärte alles. Bescheiden, ganz still und blaß abseit, der Techniker bekam eine Handvoll Gold vom Herzog und sagte vor Schreck kein Wort.

Ja, nun sollte geflogen werden. Der Apparat war für große Lasten bestimmt, dafür aber noch nicht geprüft, doch konnte an Stelle des Monteurs jemand mitfahren. Georg zuckte, aber ein stilles Lächeln und wehmütiges Kopfschütteln seines Vaters erinnerte ihn an die Mutter und an sein eigenes Schweigen, eine Stunde zuvor im Arbeitszimmer, nachdem er gesagt hatte: „Die Menschheit?“ und bezwang sich. Der Leutnant verbürgte sich großmütig für unbedingte Sicherheit. „Überhaupt,“ sagte er, „man bindet einen Motor unter eine alte Küchentür und fliegt, gar nichts zu machen, meine Herrn!“ — Allein der Baschkirtseff fragte, ob er sich auch für das Fortkommen seiner Witwe und Waisen verbürgte, und das wollte der Leutnant nicht. Der große Chalybäus trug seinen Riesenleib staunend immer im Kreise um den Apparat. Bogner war gern bereit, wenn kein andrer sich melde. Georg sah Anna dastehn und ihren Vater mit den Augen verfolgen, die Stirn runzelnd, als ob sie erwarte, daß er ihr die Fahrt schenke. Dann entlief sie plötzlich in der Richtung des Verwalterhauses.

Der Herzog, Chalybäus und Baschkirtseff mit Onkel Salomon stiegen die Treppe wieder hinauf, um die Abfahrt von oben zu genießen; der Gärtner und ein paar Knechte, die sich in der Nähe aufgestellt hatten, wurden herangerufen und mußten helfen, den Pelikan umzudrehn und dicht an die Terrasse zu schieben, damit der Anlauf groß genug würde. Pelikan, dachte Georg faul und fast schon wieder zufrieden, unten bleiben zu müssen, Pelikan ist ein schöner Name für dies Ungetüm, — und gähnte heftig, indem er sich in den Schatten des Giganten stellte; der Leutnant holte ihm einen kleinen Koffer aus dem Magen.

Schon saß der Maler, mit Lederjoppe und Mütze des Monteurs bekleidet, hinter dem Leutnant, als Magda über die Wiese gelaufen kam, mit den Ärmeln eines Mantels kämpfend, den sie im Laufen anzog, ein Tuch fest um den Kopf gewickelt. Bogner mußte wieder heraus, sie beschwor ihn flehentlich, sie käme im ganzen Leben nicht wieder dazu, und er sollte bloß schnell machen, damit ihr Vater es nicht zu früh merkte. Der kam mit Baschkirtseff und frischen Zigarren aus dem Saal, grade als sie im Apparat verschwunden war, aber der Herzog, der auf der Terrasse saß, verriet nichts.

Der Monteur warf die Schraube an. Sie flog ein paarmal schwankend im Kreis und war verschwunden.

„Deubel,“ sagte Georg, „wo ist die Schraube hingeflogen?“ worauf der Monteur sanft lachte und von der ungeheuren Geschwindigkeit der Drehung sprach, was Georg inzwischen selber eingefallen war, auch wurde ein Glitzern sichtbar, und am Boden wehten und verbogen sich die Halme tief und in heftiger Aufregung. Da brauste der Motor stürmisch auf, die Männer sprangen weit zurück, langsam rollte der weiße Kasten über die grüne Wiese, schien ins Wäldchen zu wollen, erhob sich jedoch unvermerkt und — ein wenig nach links geneigt — schwang er sich mit plötzlichem Willen über die Wipfel empor, steuerte der Ferne zu, beschrieb einen langen Bogen, so schön und leichtgemut sich umlegend, daß Georgs Zwerchfell zitterte und er lachen mußte, nach oben blinzelnd mit geblendeten Augen, — kehrte zurück, schwebte drohend und riesenhaft über den unten Stehenden, senkte sich, zog einen Kreis von wunderbarster Ruhe und Genauigkeit über Dach und Türmen von Helenenruh, prächtig donnerte der Motor, — stieg in langen, herrlichen Schraubengängen höher, plötzlich blitzte der ganze Kasten von der Sonne getroffen auf, eine mächtige, schneeweiße Masse, schwenkte wieder herum, erlosch und zog von neuem dicht über den Parkwipfeln hin, dann in schnurgerader Bahn, schräg gegen den strahlend blauen Himmel hinan, schimmernd und seelenvoll dem Unendlichen zu. Als er über den Baumkronen fortgeglitten war, hatte es Georg geschienen, als ob eine schwarze Gestalt daraus emporgetaumelt und von der Schraube zurückgeworfen sei, ein paar Dohlen wohl.

Ja — — nun — —, da war sie fortgeflogen. An ihn, der unten bleiben mußte, hatte sie nicht gedacht, ihm nicht einmal zugenickt, oder hätte die Zeit wirklich nicht dazu gereicht? Nein, das war keine Liebe, sicherlich nicht! Ein Kind war sie, spielte bloß und tat, was ihr einfiel, und vielleicht fiel es ihr ab und zu ein, daß sie ihn liebte, das heißt, wenn sie jemand haben wollte, um ihn verführerisch anzulächeln. Und sein Gedicht, was war aus seinem Gedicht geworden? Sie machte sich wohl doch nichts daraus. Das war ein herber Schmerz, eine giftige Enttäuschung, und Georg beeilte sich, sein ganzes Wesen damit zu tränken, bis es überfloß, bis die Welt im Trüben schwamm und er ein Märtyrer wurde, der mit Wonne zu leiden begann. Sollte er auf sie warten? In dieser unangenehmen Sonnenhitze? — Nein, sagte er, ich werde Bogner Gedichte vorlesen und ihr nicht. Lieber wäre er freilich einsam gewesen, um sich ganz seiner Galle zu überlassen, — und am liebsten hätte er sich irgendwo in den Schatten gelegt, um zu schlafen — aber dies war noch herber, und also fragte er den Maler, der gern bereit war, nur noch einmal nach al Manach sehen wollte, worauf sie denn verabredeten — da Georg plötzlich Bennos Brief einfiel —, daß der Maler in einer halben Stunde auf Georgs Zimmer kommen wolle. Georg überlegte noch, ob er den Gärtner beauftragen solle, dem Pelikan aufzupassen und Anna Bescheid zu sagen, wo er wäre, unterließ es aber aus Bosheit.

Auf dem Wege in sein Zimmer tauchte wieder und wieder Annas Gesicht vor ihm auf, wie er es sah, als sie sich im Flugzeug zurechtsetzte und voraus blickte, absonderlich ernst, erregt und entschlossen. Vorher war es ihm ein süßer, goldener Spiegel gewesen; jetzt war er plötzlich daraus fort, und sie spiegelte Land und Meer selig aus der Vogelschau. Freilich, sollte er ihr das nicht gönnen? — Angst preßte jählings seinen Brustkasten zusammen —, ja, hatte er denn alles vergessen, was mit ihr war? Das Gespräch mit seinem Vater, ja, diese brennende Stunde hatte alles verzehrt, was vorher war. Und doch — war seine Liebe nicht gewachsen unterweil, sie, die keiner Zuführung bedurfte, die eigenwillig war und ... vielleicht steckte sein Gedicht doch noch im Schuh. Oder hatte sie es beim Anziehn der weißen Schuh an ihrer Brust verborgen? Welch himmlischer Gedanke! Aber wie war er doch verlassen! Wie war alles öde auf einmal und abgeblaßt! Und die Zeit — die Zeit stand entsetzlich still.

Ein Brief

In seinem zweifenstrigen kleinen Zimmer angelangt, ergriff Georg vom Schreibtisch unter den Fenstern das elfenbeinene Briefmesser und setzte sich im Winkel neben dem Schreibtisch in den alten, großväterlichen Wangenstuhl mit Roßhaarbezug und Säumen weißer Knopfreihen, nachdem er den darauf liegenden Band des Grünen Heinrich aufgenommen und auf den Schreibtisch gelegt hatte. Dann saß er minutenlang mit geschlossenen Augen, innerlich rieselnd von Schlaf, bis er sich wieder ermunterte, die Augen aufriß, sich gähnend reckte, den Brief öffnete und las: