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Helianth. Band 1 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene cover

Helianth. Band 1 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Chapter 27: Musik
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About This Book

The narrative follows the intertwined lives of two contemporary people in the northern lowlands, alternating long, sensuous landscape passages with close psychological interiority. Lush, tactile depictions of heat, insect song, grasses and coastal horizons shift into reveries, memories and associative reflections that disclose longing, confusion and fragile human bonds. Episodic sections combine lyric observation, dreamlike imagery and social reminiscence to examine emotional shifts, desire and the slow movement of everyday existence. The structure unfolds in successive books that balance external atmosphere with inward contemplation.

Altenrepen, am 29. Juli

Mein lieber Georg:

Die drei Wochen Frist, die Deine liebevolle Weisheit mir ließ, sind verstrichen, und ich zweifle fast, daß ich Dir geschrieben hätte, wenn nicht —

Also nichts! schnob Georg. Es ist ein Elend, ein Elend! — Die rechte Hand geballt, las er verbissen weiter:

— wenn nicht heute auf dem Mittagsheimweg Iris Runge mir in der Langenlaube begegnet wäre und sich sofort — hocherrötend, des darfst Du gewiß sein! —

Georg, inmitten seiner Erzürntheit leise geschmeichelt, dachte unwirsch: Ach, was geht mich Iris Runge und die ganze Altenrepener Sippschaft an! —

— gewiß sein! — auf mich gestürzt hätte mit Fragen: „Wo ist Georg? Ist er wieder in Deutschland? Haben Sie Nachricht? Wann?“ usw. — Ja, Georg, Du hasts doch gut! Hätte sichs um einen von uns gehandelt, da würde ihre Mädchenscheu sich wohl gehütet haben, nur eine Andeutung von Wißbegier sichtbar werden zu lassen, Du aber genießest diese schöne Vogelfreiheit, daß jeder sich von Herzen mit Dir beschäftigen darf, und ich sonne mich bescheiden in diesem Glanz, der oft genug die Menschen mit ihren zutraulichen und unschuldigen Fragen an mich lockt ...

Guter Benno, welch holde Seele bist du doch!

Und nun — muß ich nach diesem Eingang erst wirklich noch von mir sprechen, Gründe, die alten Gründe — denn was sollte sich verändert haben in diesem halben Jahr? — von neuem aufzählen? Ich bin doch recht müde von diesem letzten Kampf, er war schlimm. Nicht, daß ich zu meinen Eltern noch einmal ein Wort geäußert hätte, wozu? Der letzte Kampf war der, ob ich gegen ihren Willen handeln sollte und — ich habe gesiegt. Nun bin ich freilich müde.

Wir müssen die Menschen verstehen, Georg. Wenn Vater selber das Geld hätte, glaubst Du, er würde mir nicht meine Musik lassen? Ja, wenn ers mit doppelter Arbeit und mit noch mehr Entbehrung schaffen könnte, daß er nicht alles auf sich nehmen würde? Er hat einmal in seinem Leben ein Opfer gebracht, einmal im Leben gezeigt, daß Stolz und Festigkeit ihm mehr galten als Vorgesetzte, Amt und Brot. Die Folge war das jahrzehntelange Elend des kleinen Beamten, Sorgen und Sorgen, dann Zerwürfnisse mit Mama, Feindschaft und all die Unerträglichkeit, die Du zum Teil mit erlebtest, dazu die langsame Verknöcherung, Verbitterung, und nun, von aller einstigen Mannhaftigkeit nun als letzter Rest der Stolz, daß der Sohn eines beuglenburgschen Beamten nicht auf fremder Menschen Kosten, nein, warum den Ton auf Kosten legen? — durch fremder Menschen Güte das bekommen soll, was er selber ihm nicht schaffen kann. Er glaubt ja an nichts mehr, wie soll er an die Zukunft einer so unsicheren und obendrein ihm innerst so fremden Sache wie meine musikalische Begabung glauben? Er denkt, Dein Vater wird sein Geld an mich wegwerfen, und auch das läßt sein Stolz nicht zu ...

Georg knirschte. Stolz und immer Stolz, und der demütige Benno, der ihn und alles immer begreift! Daß die Dummheit der Aufgeblasenen auch immer die Dummheit der Edelmütigen neben sich haben muß, an der sie sich auslassen können! Ja, wenns sich doch um Vernageltheit handelte, um pure Boshaftigkeit eines verrückten und vertrockneten Alten, dann solltest du mir mal kommen, mein Benno! Aber überall nur Schwachheit und Schwächlichkeit hüben und drüben, die zu einem elenden Brei zusammenfließt. Der eine läßt aus Schwächlichkeit das Böse zu, der andre unterläßt aus Schwäche das Gute. Nun wird er mir noch einen langen Sermon schreiben über seine arme Mama, die natürlich auch liebend gerne den größten Kapellmeister in ihm sehn würde, die aber keinen eigenen Willen hat, und die krank ist, so daß er ihr nicht das Leid antun darf, gegen ihren vermeintlichen, das heißt gegen den Willen ihres Mannes zu handeln. Und daß dieser ein elender Tyrann ist, der jenes einstige Opfer längst durch Knechtung und Erstickung alles Blühenden und Zarten und Liebevollen um sich herum längst doppelt und dreifach wettgemacht hat, davon natürlich kein Wort! Ja, was hilft mir denn nun mein riesenhaftes Erbe und alle Ahnen und alle Fabriken des Herzogtums, was hilft einem denn das Geld, wenn man der Dummheit nicht mit ihm den Schlund stopfen kann! Es ist nicht zu sagen, nicht zu sagen ist es ja!

Georg war aufgesprungen, lief mit schwingenden Armen und mächtigen Schritten im Zimmer hin und her und blieb mit plötzlicher Rührung vor der, über dem Lehnstuhl schwebenden kleinen Alabasterschale mit goldgrünem Mispelkranz, an einem Dreieck von Ketten hängend, stehen. Armer Benno, dachte er, so schwebt deine zarte, blasse, durchscheinende Seele mit ihrem immer grünen Kranz in ... Die Fortsetzung des Gleichnisses blieb ihm aus, er bückte sich, hob den zu Boden gefallenen Brief auf, zauderte, ob er weiterlesen solle, legte den ersten Bogen auf den Schreibtisch und begann den zweiten.

So hab Dank, Georg, noch einmal innigsten Dank Dir und Deinem edlen Vater für diesen letzten Versuch, und haltet mich nicht für undankbar, bitte nur das nicht!

Ja, auch das noch! murrte Georg. Er trieft natürlich von Seele und Edelmut. Immer am unrechten Platze. Undankbarkeit! Der Alte ist ein undankbarer Schurke! Warum hab ich denn vier Jahre das Gejammer und Geunke und die Nörgeleien und Streitereien ausgehalten? Laß sehen, schrieb er nicht davon auch was? — Georg nahm den ersten Bogen wieder vor, suchte und fand die noch nicht gelesene Stelle:

Für ihn wars nur ein Zeichen seiner Verlorenheit vorm Schicksal, daß mit dem Augenblick, wo durch Dich endlich ein wenig Erleichterung des Lebens und Aufhören der schlimmsten Geldsorgen ins Haus kommen sollte, Mama sich mit der Krankheit niederlegen mußte, die alles Überschüssige wieder einschlang, — ach auch das weißt Du ja alles, aber weil ich Dich bitten möchte, gerecht zu sein, sage ich es Dir noch einmal.

Freilich weiß ichs, knurrte Georg, und ich habe durch die Wand und halbe Türen oft genug die Vorwürfe und die schlecht unterdrückten Anspielungen auf die Last dieser offenbar halb geheuchelten Krankheit gehört, — ach, was für Menschen es giebt, was für Menschen! — Seufzend griff Georg wieder nach dem zweiten Bogen und las weiter:

Es ist ja auch noch nicht alles verloren. Sowie ich ausgelernt hab in der Bank — zu studieren in Altenrepen hatte ja wirklich keinen Zweck, da mir an keiner Art Studien etwas liegt, und ich so auf die erste Weise zur Brotstellung komme — dann darf ich ja wohl wieder auf die Güte Deines Vaters rechnen, der mir eine Stellung wird verschaffen können, die mir Zeit für mich läßt. Daran laß uns denken und hoffen.

Schöne Hoffnungen! Bis mittags um drei Diskonto- und Lombardgeschäft und dann Kontrapunkt und Harmonielehre und was weiß ich in der Hochschule, und außerdem vier bis sieben Stunden Klavierüben am Tag und die halbe Nacht Komponieren, — ja, es wird reizend werden!

Die Tage sind ja nun so wunderbar, und für was tröstet nicht die Natur zumal im Sommer! Leider bin ich ja kein guter Mensch, ich bin voll von gemeinen und schwarzen Gedanken, und Blume, Wolke und Vogel müssen ihre ganze übernatürliche Langmut und Süße manchmal aufwenden, um nur einen Tropfen Honig in die Galle gelangen zu lassen. Ich bin viel gewandert an allen freien Tagen, in die Haide hinaus, die schon linde anfängt, sich zu färben, in die grüne und gelbe Ebene, und ich glaube, ich habe ihn gesehn, den alten Atlas, wie er mit riesigen, erdenen Schultern das Himmelsgewölbe trägt. O die Ebene, Georg, die Ebene! Sie ist doch der Inbegriff, die große Mütterlichkeit, Schoß und Reichtum, und o ich liebe sie, diese norddeutsche Tiefebene, so daß schon diese beiden Worte einen delphischen Brodem um mich aushauchen können, ich fange an, Noten zu lallen, es tönt ... Eine Symphonie soll es werden, Georg — da ist es verraten! — und sie wird: die Ebene heißen, — keine Programmusik natürlich mit Waldesrauschen und Grillengezirp, sondern es wird die Ebene sein, wie — sit venia verbo! — die Eroica ein Heldenleben ist. Ja, der schönen Pläne sind viel! Ich habe die alte F-Dur-Sonate wieder vorgenommen — erinnerst Du das langsame Thema mit dem Schluchzen? und die alten Bruchstücke klirrten metallisch süß und leise, — bald sollen sie mir wieder schmelzen. Dann sind auch Deine Lieder, ich höre oft die allerzartesten Stimmen wie ein Geflüster von Wolken in unendlicher Bläue einsam, — halten ließ sich noch nichts. Genug davon!

Die Jungens sind nun alle in den ersten Ferien wieder hier, Löbell schon mit Schmissen, Barkhausen, Veit, Spiegelberg, Haman, alle fragten nach Dir, und ob Du nicht zum Schulfest im August herüber kämest. Auch Fräulein Runge fragte natürlich!

Ich schließe, meine Grüße durch die ihren beflügelnd. Empfiehl mich von Herzen Deinem Vater! Das Beste in meinem Leben war und wird doch immer die Freundschaft mit Dir bleiben, und ihrer gedenkend fühlt sich — wie wäre er sonst schlecht! — beglückt und im Frieden Dein alter

Benno Prager.

Das Ende klingt wie Abschied vom Leben, seufzte Georg gerührt, legte den Bogen zusammen, saß einen Augenblick trübsinnig nach vorn gebeugt, erhob sich und legte den Brief auf den Schreibtisch, der auf seiner grünüberzogenen Fläche nur eine Schreibunterlage mit Löschpapier, ein altes messingnes Tintenzeug, eine viereckige Aschenschale aus Kristall und ein gerahmtes Bild von Stefan George trug. Dastehend, die Hände auf der Platte, sah Georg zum linken Fenster hinaus, und der Anblick des Himmels erinnerte ihn mit leisem Schmerz an eine Entflogene.

Ganz rein war der Himmel und leuchtete. Das tiefe und starke Nachmittagslicht ergoß sich nun schräg von oben; stärker grünte der erfrischte Rasen, von dessen gewaltigem Oval Georg nicht mehr als den letzten Rundabschnitt sehen konnte. Gegenüber schimmerte mit Läden und Fensterreihen die weiße Wand des Nordflügels, altersschwarzes Dach und die flachen Vorwölbungen der Ochsenaugen, links daneben die Gesträuche und Bäume, die das Verwalterhaus teilweise verdeckten. Aber nun wurde von rechts, von der unsichtbaren Terrasse her, die Rückseite des, wie ein Schirm hochaufgespannten weißen Pfauenschweifs sichtbar, die Beinkeulen darunter, aufgeregt hoch und nieder und rückwärts tretend, und Georg gewahrte, sich vorbeugend, oben auf der Treppenbreite eine kleine schwarze Katze, in sich zusammengeduckt, den Kopf hin und her wendend, als sei der Vogel unten gar nicht vorhanden. Georg hörte ihn aufschreien, während er das Fenster öffnete, — die langen und biegsamen Federn schwankten, die Katze war plötzlich auf der Brüstung, strich flachangedrückt darüberhin, verschwand hinterm grünen und roten Gerank einer Urne und kam nicht wieder zum Vorschein. Alsbald drehte der Pfau sich langsam um und zeigte, über den Rasen davongehend, die kostbare Majestät seiner Vorderseite, schön verjüngten Hals und gekrönten kleinen Kopf im Riesenrad der schimmernd weißen Augen, darauf in eleganter Verwandlung mit dem langsamen Sinkenlassen des zusammenrauschenden Schweifs das neue Bild des ruhigen Vogels, der, ein wenig töricht, mit kleinen pickenden Schrittrucken, die wagerecht hingestreckte Schleppe zierlich und würdig davontrug.

Lau und süß und weich in die Lungen flutete die Nachmittagsluft. Weißes blitzte oben in der Bläue, eine weiße Taube schwang sich ausgebreitet zum First des Daches und nahm hastig ihr rundliches und albumhaftes Taubenaussehen an, während sie auf den scharfumrissenen, mit langer schwarzer Spitze auf der Ecke des Gebäudes stehenden weißgetünchten Turm zuschritt. Das goldene Licht triefte, alles war still und leer, ein wenig öde wie Sonntagnachmittag und mit einem Hauch von Bangigkeit. Georg fielen plötzlich die Augen zu. Er zog die Mittellade auf, nahm sein, in schweres, schöngemasertes Leder gebundenes Versbuch heraus, blätterte eine Weile darin, ließ es, da die Lider wieder sanken, offen liegen und sich selbst mit einer trägen Drehung wieder in den Ohrensessel fallen.

Sechstes Kapitel

Al Manach

Georg erwachte. Ohne gleich zu wissen, was war, konnte er doch stracks und munter die Augen öffnen, fand sich erquickt vom kurzen Trunk traumlosen Schlafs, erinnerte sich aber jetzt, daß es geklopft hatte. Indem ertönte das Pochen wieder von der Tür her, Georg, sich erhebend, rief: „Herein!“ die Tür öffnete sich, und es stand eine Gestalt von eben mittlerer Größe unerwartet darin, in einem feinen schwarzen Anzug; fast erschreckend aber war im ungemein zarten und weißen kleinen Antlitz die Erscheinung zweier Augen von tiefstem Kohlschwarz, deren Blick Georg erst Sekunden später auf sich ruhen fühlte, — linde, kam es ihm vor, überaus linde. Dahinter sah er nun auch den Maler.

„Ah Herr al Manach,“ rief Georg erfreut und verwirrt, „wie schön von Ihnen! Treten Sie näher!“

Selber vorgehend, streckte er die Hand aus, fühlte sie von einer merklich kleinen, sehr glatten und weichen Hand kaum einen Augenblick ergriffen und fest umschlossen, und im nächsten schon sich selbst zurückgedrängt, ganz wie er war, auf fast unbegreifliche Weise unkörperlich, gleich als habe sein Wesen vom ganzen Wesen des Fremden einen magischen Druck erhalten, der ihn zurückwies.

„Welch angenehmer Aufenthalt!“ erklang es jetzt melodisch. Der al Manach blickte sich freundlich um. „So schöne Gegenstände!“ sagte er und umfaßte mit rundem, gleitendem Blick alles umher von der Alabasterschale hinter Georg über den grauen Rupfenvorhang der Bücherwand rechts zum kleinen Rundtisch, dicht neben dem Eingetretenen, — von gelber Kirsche mit eingelegtem Stern — vor dem breiten Mahagonisofa mit grüner Ripsbespannung, und wieder links hinüber zur Servante zwischen den beiden schwarzgoldenen, mit rötlichen Stricken umknoteten japanischen Reisekoffern am Boden. Und diese Dinge — Georg zu gewohnt, als daß er sie noch zu sehen pflegte — richteten sich nacheinander vor ihm auf und präsentierten sich freundlich und frisch.

„Nehmen Sie doch Platz“, bat Georg ein wenig verlegen, und der Fremdling ging mit leichter Bewegung durch die leere Zimmermitte zum Schreibtisch, wo er einen Augenblick durch das Fenster blickte, sagte: „Auch draußen, alles freundlich! Ein roter Hund kommt die Treppe hinab und geht über die Wiese ...“ und begann, einen Arm auf die Platte gestützt, in dem offen daliegenden Handschriftbuche zu lesen. — Ja, Verse waren wohl Allgemeingut ...

Der Maler trat unterweil näher zur Servante und besah stillschweigend die schwarzen Widderköpfe mit vergoldeten Hörnern an den oberen Ecken, danach auf den zwei Brettern übereinander die kleine Sammlung von ein paar Frankenthaler und Höchster Gruppen, römischen Perlmuttgläsern, Ludwigsburger und Meißener Figuren, einer Mündener Terrine und einer großen himmelblauen Perlbörse mit Silberfransen, dieweil Georg erklärte, das wären so Dinge, die er im Hause zusammengeräubert habe. Nachdem er dem Maler eine kleine Gemüseverkäuferin mit buntgeblümtem Rock in die Hand gegeben hatte, zog der sich in das Sofa zurück, die Figur vor sich auf die blanke Tischplatte stellend.

Georg holte eine Zigarettenschachtel hinter dem Rupfen hervor nebst Streichhölzern; er und Bogner begannen zu rauchen, der al Manach winkte lächelnd ab.

Noch immer war es still.

Um etwas zu äußern, sagte endlich Georg, an den Büchervorhang gelehnt mit dem Gefühl, al Manach sei nun der Eigentümer dieses Zimmers und er selber nur Gast darin, — sagte, gleichsam vor sich hin, in bezug auf die Sachen umher: „Es ist ja nichts Besonderes, gar nichts Besonderes.“

„Ererbte Dinge sind schön“, hörte er einen Augenblick später die sehr melodische Stimme. „Ist es nicht so? Die Gegenstände, solange sie jung sind, haben alle den mehr leiblichen Glanz des Gemachten, und Jahrzehnte des Gebrauches erst, des Geliebtseins und liebenden Betrachtetwerdens fördern langsam die liebliche Seele an die Oberfläche und breiten ihr edles Leuchten darüber aus. Sehr arm ist die alterslose Marktware; ihre Seele stirbt, ehe sie sich auswuchs, und oft ist die beklagenswerte in ihrer Gebrochenheit traurig zu sehn.“

So ruhig und völlig zufriedenstellend klang das Gesagte, daß Georg kein Wort darauf wußte.

„Und dann,“ fuhr die sachte Stimme fort, „dann giebt es wohl solche Augenblicke, wie den des Hereinkommens für mich, wo einem unvermutet und schön die Idee aufgeht und zuwinkt. Das schöne Wunder des Seins an sich — an all unsern Dingen —, das wir niemals ausbegreifen, und die einzelnen selber, die Ideen der Sachen, — auch Seelen dürfen Sie sagen —, stellen sich gern einmal dar, durchaus nicht zu reden von Kostbarkeiten, nein vom Gewöhnlichsten, von Fenster und Tisch, Sofa, Schrank und dem Bett. Von alledem wird ja niemals gesprochen, wer hätte es je bedacht, — und doch würde eine Naturgeschichte der Gegenstände soviel liebenswürdiger zu lesen sein als ein Cuvier oder Brehm. Das Wunder des Naturgewachsenen, nicht wahr, erklärt sich immer wieder als Wunder eben aus sich selbst, — die Dinge jedoch —, bedenken Sie gütigst: ein Tisch ... was mochte nötig sein vom ersten Beginn bis zu dem dort! War es nicht ein Baumstumpf zuerst, vom Blitz zersplittert, mühsam mit der Steinaxt geglättet? Und dann war es ein Klotz, ein plumper Würfel endlich, aber wo, ja wo war der edle Erfinder, der — wie jener andre aus der Scheibe des Rades die Speichen schnitt — den unsterblichen Gedanken erfaßte, das ganze Innere einfach wegzunehmen, die Beine der Herumsitzenden bequem und traulich unterhalb zu vereinen und deshalb den ganzen Tisch gleichsam fortzunehmen bis auf sein Äußerstes, Gehöhltes, die vierbeinige Platte! Bis dann ein feiner Spätling am Ende das Ganze verdrehte und jene glänzende Blume mit flach entfaltetem Kelch auf ihrem einzigen Stiel bildete ...“

„Ach“, sagte Georg und blickte betroffen seinen Tisch an. — Unangelehnt vor der graden Rückwand seines Sessels aufrecht sitzend, machte der Sprecher eine Pause, die Hände gefaltet um das eine, übergelegte Knie. Er hatte, dieweil er sprach, unablässig dahin und dorthin geschaut, auf die Wände, ein Bild, auf Georg und den Maler, ein wenig unruhvoll und doch unruhig eigentlich nicht, und Georg, der die Augen nicht von ihm wenden konnte, nicht von diesem verschwindend schmalen und zarten blaßroten Mund, der sich bewegte, — Georg hatte nun bemerkt, daß die außerordentliche Schwärze seiner Augen vor allem daher rührte, daß die Pupillen, fast wie bei Tieren übergroß, das Weiße im Auge nahezu verdeckten. Die sehr weiße Haut des Gesichts war gleichwohl nicht bleich, sondern in der, dem Licht zugewandten Wange schimmerte innerlich ein zartes Blut. Fein wie Seide war das schwarze, gescheitelte Haar über der schrecklich schweren, rund gebuckelten Stirn, wie nach vorn gehöhlt vom unablässigen Nagen anwogender Gedanken. Georg bemerkte noch, daß die schwarzen Beinkleider nicht wie sein eignes sich zum Knöchel hinunter verengten, sondern im Gegenteil weit auseinander fielen, vom Knie erst ab — Georg hatte es entdeckt, als al Manach durchs Zimmer ging —, so daß nun die weiten Trichter über den feinen Knöcheln und schwarzlackenen Halbschuhn sich wölbten. Unsommerlich war das alles und ging doch ein Hauch von Kühle fast erfrischend davon aus.

„Fahren Sie doch fort“, hörte er sich selber unbewußt sagen.

„Gewiß, gern“, war die lächelnde Antwort. „Von den Sachen, ja? wovon mögen Sie hören? Allein ich glaube, der Herr Maler kam, um Gedichte zu hören? Nun, wie Sie wollen, denn da ließe sich ja manches vom Fenster erzählen, oder wäre es nicht verwunderlich, daß höchste Kulturen kamen und gingen, die babylonische und ägyptische, die jüdische, griechische und die römische, ohne gewußt zu haben, daß man Öffnungen ins Haus zu anderm Zweck schneiden könne, als um das Licht hereinzulassen und Rauch hinaus? Und er sogar, der das gläserne Fenster, der das Geheimnis des Aus- und Einsehens entdeckte, was bewog ihn, warum trübte er künstlich die seelenvolle Scheidewand, als sei es verwehrt, das traute Heiligtum der Familie fremdem Außenblick auszusetzen oder die Vorübergehenden auf der Straße der Belästigung geheimer Augen im Haus? Wann lebte er, wo ward er geboren, der den Traum vom gläsernen Glase träumte, den Menschen die gebrechliche Wand vor das Antlitz setzte, die doch keine war für den Blick, er, der Augen gab, ja ein ganzes Antlitz dem blicklos umdüsterten Haus? Welch ein Beglücker, nicht wahr? — Und nun könnten wir ja vom Bett reden, auf das noch niemand die erhabene Epopöe dichtete, von jener sichersten aller Galeeren, jenem vorzüglich bewährten Tauchboot im gewaltigen Atlant unsrer Träume. Warum befragte noch niemand das Wunder dieser einzigen und wahren Herberge auf Erden, wo die einzig göttlichen Gäste uns aufsuchen, in Händen die drei Gastgaben tiefster Lebensvorgänge: Geburt, verhüllt und blutig und schön mit der noch unangezündeten Fackel, Tod, verhüllt und ernst mit der erloschenen, und Liebe, hüllenlos mit der brennenden neben dem Vorhang?“

„Ja, nun ist es wohl an der Zeit, in Versen zu reden“, sagte er nach einer kleinen Pause und begann zu des staunenden Georg erschrockenerem Staunen eines seiner Gedichte, das im Buch aufgeschlagene vermutlich, auswendig herzusagen:

Der Heilige

Er war schon der Vollendung fast ganz nah,

Sein Blick entrückt und schon wie abgetan;

Schon trugen Fluten ihn, und er war Schwan.

Sie lauschten, wann sein Sterbesang geschah.

Fast war er nur noch Lied. Sein Körper glich

Der Fackel, die von innen sich verzehrt;

Und sichtlich war er auch von Gott geehrt,

Der Nägel Male duldend und den Stich.

Dann, sagt man, sei sein Leib hinweggenommen

Von Gott, denn daß ein Weib ihn nächtig stieß

Von Ihrer Pforte, keiner wußte dies,

Und daß sein Leichnam nach dem Meer geschwommen.

Keiner gewahrte ja das rote Glühen

Am letzten Tag im dunklen Fensterglas.

Er sah allein im heiligen Gelaß

In der Madonna Bild die Lippen blühen.

Georg war hingerissen, so wundervoll klang es, — nicht das Gedicht — Georg verstand, ja hörte nicht einmal ein einziges Wort, — sondern der Strom der Sprache, der unsäglich mühelos, ohne die leisesten Erhebungen, von zartester Melodik in sich selbst, dahinfloß und verhallte.

„Ja, aber,“ fragte er nun verstört, „woher können Sie das?“

„Mein Gedächtnis wünscht es so“, sagte al Manach ein wenig entschuldigend. „Ich las es vorhin, und nun — was ich auch lese, ich behalte es immer gleich auswendig, wenn Sie wollen auch andersherum,“ und er fing an: „Blühen Lippen die Bild Madonne der in Gelaß heiligen —“

„Um Gottes willen,“ schrie Georg, „das ist ja entsetzlich!“

„Nicht wahr? Und nun werde ich Ihren verwirrten Anmutston nicht eher wieder los als im Grabe.“

„Sie Ärmster!“ klagte Georg, „aber was heißt verwirrter Anmutston?“

„Das ist der Ton, in dem Sie dichten. Ihre Gedichte sind köstlich, allein man versteht sie nicht.“

Die Selbstverständlichkeit, mit der das gesagt wurde, verhinderte Georg, sich gekränkt zu fühlen; immerhin fragte er: „Verstehen Sies auch nicht, Herr Bogner?“

Ehe aber der in seiner wüsten Schweigsamkeit die Oase eines Sprüchleins entdeckt hatte, hörte Georg den al Manach wieder:

„Gewiß, Sie und ich, wir verstehens, aber — das ist ja nicht: man.“

Georg lächelte schwach. Dieser sanfte Türke war scharf wie die Damaszenerklinge Sultan Aladdins, mit der er vor den Augen des löwenherzigen Richard ein seidenes Kissen spaltete.

„Ich will ja gern zugeben,“ sagte er, „daß manches in diesem Gedicht anfangs dunkel bleibt, aber ...“

„Dunkel? Sollten Sie nicht: unklar meinen oder deutlicher: konfus? Sie können ja soviel! Die schmeichelnde Rilkeweis’, Hofmannsthals Schwermutston, und Georges Tempelton haben Sie auch gut gehört.“

„Ja, das Gedächtnis!“ seufzte Georg beschämt, „aber davon wissen Sie ja mehr als ich! Nein, sagen Sie mir, was verstehen denn Sie unter poetischer Dunkelheit, denn die ich meine, deckt sich eigentlich nicht mit Konfusion. Aber ich fürchte, Herrn Bogner wird das Theoretisieren kaum gefallen?“

„Theoretisieren ist schön“, sagte al Manach. „Theorien, nicht aufgestellt als richtende Götzen, sondern gezogen als Essenzen, formulierte Erfahrungen ...“

„Sie haben es gut ausgedrückt,“ sagte Georg eifrig, „ich meinte immer —“ Ein Blick der sanften Augen ließ ihn schweigen.

„Ich drücke alles gut aus“, sagte al Manach.

König, Dame, Aß und Bube

Es klopfte leise, Georg rief: „Herein!“ Anna stand in du Tür. Er hatte sie vergessen.

Mein Gott, wie sah sie aus! Sie hatte sich umgezogen, trug ein Kleid aus schilfgrünem Tüllüberwurf über Weißem, ein weißes Fichu über der Brust gekreuzt, und ihr rosiges Gesicht mit den dunkelbraunen Augen war erleuchtet von innerer Seligkeit.

„Verzeihen Sie, wenn ich störe“, sagte sie, zog dann ein wenig kurzsichtig die Augen zusammen und erkannte al Manach, der sich erhoben hatte. Da lächelte sie, tief errötend, und ging mit leicht befangenen Bewegungen der Arme auf ihn zu. Als sie vor ihm stand, fast größer als er, sah Georg, daß er ihre Augen mit den seinen ergriffen hatte, daß er durch die Augen mit ihr redete, überaus leise, ganz ernst. Sie legte beide Arme um seinen Nacken und die Stirn auf seine Schulter. Er lächelte still vor sich hin. Georg mußte sich räuspern und empfand Scheu.

„Nun,“ sagte al Manach, als sie sich sacht wieder von ihm entfernt hatte, von einem zum andern blickend, „da sind wir ja alle vier wie König, Dame, Aß und Bube im Kartenspiel.“

Georg zerbrach sich einen Augenblick den Kopf, wer nun hier König und wer der Bube war, denn al Manach — kein Zweifel — war das Aß, und zwar Treff, wie es Georg vorkam.

„Nun?“ wiederholte al Manach indessen schon, Magda anblickend, „wie war es denn?“

„Ach, himmlisch!“ Sie ging und lehnte sich wie Georg, der von seinem Rupfen nicht loskam, an den Vorhang. „Nein, Georg, das kann man nicht sagen! Nur mußte ich immer denken, daß du unten bleiben mußtest! (Georg hatte es ja immer gewußt, sie war ein Seraph!) und denk dir nur, als wir überm Wäldchen hinflogen, fuhr auf einmal der arme Artaxerxes daraus hervor, — er war doch nicht fortgekommen — und da traf ihn die Schraube und —“

„Also hatte ich doch recht gesehn!“ rief Georg, „was ist aus ihm geworden?“

„Ich weiß nicht; er stürzte, mehr konnt ich nicht sehn, und ich war so traurig, daß ich gar keine Lust mehr hatte, aber dann wars doch zu schön, und wir sind aufs Meer hinausgewesen, aber dann bat ich den Leutnant, zu landen. In der Nähe des Wäldchens in den Wiesen gingen wir nieder, ach das war eigentlich greulich, wie im Lift, weißt du, wenn man so durch seinen eigenen Leib herunterfällt ... Und dann hat er mir noch geholfen, Artaxerxes zu suchen, aber wir haben ihn nirgend mehr gesehn. Gewiß ist ein Flügel gebrochen, und Papa wird ihn erschießen, er kann ja nichts Krankes leiden ...“

Georg versprach, sich ins Mittel legen zu wollen. Wie hübsch sie nun in seiner Nähe stand, die Hände hinterm Rücken, genau wie er.

„Oh,“ sagte sie jetzt, das offene Gedichtbuch entdeckend, „hast du Gedichte gelesen? Und ich war nicht dabei ...“

Ihr Blick fiel ab, irrte am Boden, da schob sie den linken Fuß im weißen Schuh vor und rief: „Ach, Georg, mein Schuhband ist auf!“

Georg, jeden Zusammenhang glückselig erratend, war froh, für sein dunkles Erröten das lange Bücken beim Zubinden verschieben zu können, als er aber schließlich aufsah, stand die Anna und blickte dem wieder sitzenden al Manach tief und süß in die Augen. War sie nicht eine Teufelin?

Sie fragte al Manach, ob die Gedichte ihm gefallen hätten. — Eins, sagte er, könnte er auswendig, und das wäre herrlich schön. Ja, jedes Wort wäre ganz ausgezeichnet, und wie sie so alle zusammengeraten wären, das sei nun gar fabelhaft. — Jetzt mache er sich lustig über ihn, schalt Georg, er aber widersprach. Da sei Gott vor, er habe sich in seinem ganzen Leben noch niemals lustig gemacht, und Georg sah es ein.

„Ach,“ sagte er, „da fällt mir unser Tischgespräch ein, um von etwas andrem zu reden, — Sie können mich gewiß aufklären über etwas, worüber ...“

„Ja, das kann ich.“

„Reizend!“ lachte Georg bei solch engelhafter Zuversicht. „Wir sprachen nämlich von der Liebe, und Onkel Salm, unser, Annas und mein Kindheitsonkel, Papas Sekretär, war so ungehalten, daß die ganze Literatur bloß von ihr handle, was Papa — und auch ich — wieder für ganz berechtigt hielt, — nur weiß ich im Grunde nicht recht, warum.“

Der al Manach hub an.

„Giebt es denn etwas Andres als Liebe? Zwei Irrtümer, Durchlaucht. Ihr Hintergrund — wäre unser dualistisches Wesen, allein das führt zu weit. Die lesende Bevölkerung nun ist des Glaubens, der Dichter, der ihr etwas erzählen wolle, nehme einen Stoff, tue ihn als Inhalt in eine Form, die er sich herlange, und sie trinke ihn — lesend — wieder heraus. Dem Dichter dagegen handelt es sich um die Form allein, die nicht er hat, sondern von der er weiß, daß sie dem Stoff innewohnt, wie die Wärme etwa in der Kerze. Der Stoffe wiederum giebt es nicht soviel, dieweil sie alle beim Durchforschen in einen Grundstoff übergehen, nämlich das Leid, das die Erde ist. Die Glut endlich, die Flammenkraft, welche den Stoff verzehrt und im Verzehren schmilzt und seine Form herausschmilzt, die ist das Liebesempfinden. Ein Liebesempfinden, das im Daseinsganzen so ist wie das Blut in Ihrem Körper: wo Sie ihn auch ritzen mögen, tritt es hervor; als Kraft und im Wesen einzig, in Erscheinungen tausendfältig, ist es das Ursprüngliche, alles Erfüllende, bei allem Mitwirkende, alles Beherrschende, immer und immer wieder aber am wundervollsten kenntlich, wie die Winternacht am Orion, an den wandellosen Gestalten des Liebenden und der Geliebten.“

Er schien eine Pause zu machen. Georg sah Anna — und es verwunderte ihn — nicht mit Augen an dem redenden Munde haften, sondern still vor ihre Füße niederblicken, mit so gesammelten Zügen jedoch, daß sie ihm so von oben und von der Seite — da sie den Kopf gesenkt hielt — wie zusammengezogen schienen von innerer Gespanntheit.

Al Manach fuhr fort, von neuem, wie ein Zauberkünstler ein meilenlanges Band aus dem Ärmel, den unendlich scheinenden Faden sanft gleitender Rede aus der Brust hervorzuziehen.

„Sie, Durchlaucht, haben alles gelesen, haben daher, wenn Sie ‚die Welt‘, wie man zu sagen pflegt, betrachten, nicht die wirkliche vor sich, sondern die in der Literatur beschriebene, und zwar die Europas. Da leuchtet Ihnen nun die romanische Art oder Form besonders ins Auge, weil sie die der Sensation und Affekte, oder sagen wir, der Schreckungen und Erregtheiten ist, die der Gipfelungen, die theatralische, die in nichts einen so flammenden Ausdruck finden kann als in Liebesleidenschaft. Ja, da ist alles einmalig und abgeschlossen, diesseits nichts noch jenseits, das Leben spült nicht hindurch, sondern fängt damit an und endet. Romeo und Julia; Tristan und Isolde. Ja, wäre der Deutsche aber nicht der große Mannigfaltige? Dann könnte auch ihm die einzige Gestalt des Paolo-und-Francescischen, ewig umschlungen dahinwirbelnden Liebespaares genügen, aber das tut es freilich nicht, denn er weiß, dieser hundertfältige Deutsche, was ich bereits sagte: die Einzigkeit, aber Tausendförmigkeit unserer Liebe. Darum hat er auch die epische Art — wo nicht die lyrische — hat die Ebene, das Schweigen, das Unendliche. Dieser seltsame Hebbel, nicht wahr, dieser Ebenensohn, da mußte er nun seine gesteigerten Ideen in Griechen und Juden verkörpern, wir aber leben ja wohl wie die Menschen des geliebten Theodor Storm, einsam, schweigsam, immer unterdrückend, was uns am feurigsten zur Eröffnung treibt, nicht aufbrausend, sondern alternd, nicht erkämpfend, sondern verzichtend, — und immer geht es weiter, keine Welle erstarrt zur bleibenden Form, es sei denn Erinnerung, — ja, wir sind die Menschen der Erinnerung, das breite Volk, das wie ein Meergreis aus ungeheurer Sage stieg. Nun wächst es in der Ewigkeit langsam und blüht wie die Aloe einmal alle hundert Jahr. Ach, nichts hör ich doch so gern wie die einzigen süßen Zeilen des armen Schlemihl, der ein Deutscher sein wollte und nicht durfte: „Ich denk als Kind mich zurücke — Und schüttle mein greises Haupt ...“

Er schloß verhallend, ein wenig verwirrt, schien es Georg, schon gegen Ende seiner Rede, aber jetzt, während Georg innerlich an die Stelle von der Ebene in Bennos Brief geraten war, hörte er den al Manach wieder sprechen, hörte eine Weile zu und erschrak. Es war ein sinnloses Durcheinander von halben Sätzen und Worten, und er selbst saß schief da, der Kopf hing, die Augen starrten schräg an den Boden, die Lippen bewegten sich unaufhörlich. Anna trat vor und streckte die Arme aus. Er schien dies zu bemerken, fuhr mit einem Ruck in sich zusammen und empor, lallte etwas, sah lächelnd umher und sagte leise und ganz schnell, als ob es eile:

„Es war sehr töricht von mir, Gedichte zu lesen und Verse zu sagen, nun kommt das Zitieren, ja, ich habe das so, es kommt vom Gedächtnis, es ist ein Anfall, ein Katarrh, eine Cholera, es ist nicht so schlimm, es kommt zuweilen, dann will alles wieder heraus, wo soll es auch alles bleiben, bitte, haben Sie wohl ein Lexikon?“

Aussehend, als ob er niesen oder sich übergeben müsse, stand er auf, trat zur Bücherwand, raffte den Vorhang auf, nahm ein großes Buch unten heraus und sagte: „Das Homerlexikon von Seiler-Kapelle für den Schulgebrauch, das ist sehr gut, ich lerne es auswendig, wenden Sie sich später bitte an mich, wenn Sie es verlieren sollten“, und lief zur Tür. Klein, schwarz und geduckt stand er dort einen Augenblick, den Türgriff in der Hand, drehte sich um, kam auf Georg zu, krampfhaft beflissen, ohne aufzuschaun, faßte seinen obersten Westenknopf, und es war, als ob seine Augen aus ihren Höhlen kriechen und dort hinein wollten, während er eilfertig flüsterte:

„Poetische Dunkelheit, daß ichs nicht zu sagen unterlasse, sonst plagt es mich in die Ewigkeit, wird auch von sonst klugen Köpfen häufig mißverstanden, nämlich sie, die wirkliche, ruht hinter den dargestellten Dingen als der mystische Grund, die mißverstandene dagegen ist vor sie gehängt als verwirrender Schleier. Unter poetischer Dunkelheit also verstehe ich die Kunst, ahnen zu lassen, anstatt zu sagen, die Andeutung des Tieferen, Eigentlichen, die Kunst, den Schein zu setzen an Stelle —“

Georg, recht verzweifelt, suchte den Strom zu unterbrechen, indem er sagte: „Natürlich, natürlich, ich verstehe Sie recht gut, nur meine ich, grade das auch erreicht, ich meine bezweckt —“

„Nein, dann haben Sie mich nicht verstanden“, ging es unaufhaltsam weiter. „Sie haben die Absicht gehabt, den Leser im Ungewissen, im Halbklaren zu lassen, ihn selbst erraten zu lassen, was mit Ihren Heiligen geschieht, Sie mochten das nicht deutlich sagen, und das ist das Konfuse, denn das hätten Sie eben grade einfach erzählen sollen, und das wäre hier die Sache selbst gewesen, hinter der Sie das Geheimnis, das Mystische, die Seelenzustände, die Metaphysik, die Symbolik, die poetischen Schauer, die Ahnungen, die Ahnfrau und das Kloster von Sendomir hintenrum, postume, eheu fugaces!“ Er schluchzte jammervoll und schlich, die Knie gekrümmt, mit hängenden Armen und Kopf, das schwere Buch unten an der linken Hand hangen lassend, hinaus.

Magda stand und sah ihm nach. Einen Augenblick später begann sie heftig zu zittern, wandte sich von Georg, der die Arme hob, ab, warf die ihren hoch und gegen den Büchervorhang und legte das Gesicht dagegen. Selbst Bogner saß und betrachtete das bunte Figürchen in seiner Hand überm Tisch auf absonderlich vertiefte Art. Georg drehte sich um, trat an den Schreibtisch und sah hinaus. Niemand sprach.

Auf einmal sah er, zufällig sich überbeugend, den kleinen schwarzen Jason ganz rechts aus der hohen Glastür des Speisesaals im Winkel der Terrasse heraustreten, die Tür sorglich hinter sich schließen und — nicht anders zusammengesunken und hangend als eben durchs Zimmer — über die Steinfliesen zur Treppe und schräge hinunterschlürfen. Wie ein großer Affe sah er aus, ja, so grauenvoll war er, der wie ein zarter Cherub ins Zimmer getreten war, zurückverwandelt worden. Da war er ein Stück in den Rasen hineingelaufen, blieb, als dürfe er das nicht, plötzlich stehn, drehte um, ging zum Wege zurück und mitsamt seinem Schatten im Bogen unter dem Nordflügel her bis ans Ende, wo er um die Ecke verschwand.

Georg hörte Magdas Stimme hinter sich, sehr leise und innig verzweifelt:

„Wie ist das wohl zu verstehn? Als ich vor seinem Bett stand am Mittag, da dacht ich, es wäre ein Kind. Als ich vorhin hereinkam und er mich ansah, das war — als wenn er vor Jahrhunderten schon gelebt hätte ... Und — nun ist es aus ...“

Überdem war Jason die Wendeltreppe heraufgestiegen — Georg hatte seinen Schatten in der Fensterscharte wohl gesehn — und erschien nun, hinter dem ersten Fenster vorüberschleichend, hinter dem zweiten — — Georg atmete auf. Er hatte in sein Zimmer gefunden.

Musik

Georg zerbrach sich vergebens den Kopf, gleichzeitig um zu erfahren, was alles jetzt in Annas Innern vor sich gehn mochte, und etwas zu erfinden, um sie davon abzulösen und zu erleichtern. Alles mögliche kreuzte durch sein Hirn hin und her. Wie dichterisch dieser seltsame Eindringling doch zu Anfang gesprochen hatte und wie lehrhaft am Ende, Bennos Brief und die Worte vom himmeltragenden Atlas, Iris Runges überschlanke Erscheinung im Tanzkleid, Ballgetümmel, und auf einmal der Name Angelika, fern, fremdartig, dann der andre Jason al Manach, diese merkwürdige Mischung von türkisch und griechisch — während er selber doch von sich als Norddeutschem gesprochen hatte —, war es ein Pseudonym? — und jetzt sah er den Umschlag des dicken Romans Jettchen Gebert mit der Biedermeiergestalt der Henriette — ihr Onkel hieß ja doch Jason ... Ja, konnte denn Bogner nicht etwas sagen?

Als Georg endlich wagte, sich umzudrehn, sah er Anna erst gar nicht, dann hinter der Bücherwand einen Streif des lichtgrünen Kleiderrocks; sie war in den Rahmen der Tür zum Schlafzimmer zurückgewichen und blickte unbestimmt auf das Porzellanfigürchen, das Bogner noch immer in der Hand drehte und betrachtete.

Er sah aber jetzt auf, räusperte sich, stellte die Figur nieder, klopfte mit der rechten Hand gegen die Brusttasche und sagte:

„Ich möchte wohl, wenn es Ihnen recht wäre, Ihnen etwas vorlesen.“ Er lächelte. „Keine Gedichte, nein, nur einen —“ er holte seine Brieftasche hervor und schlug sie auf, „— einen Brief.“ Und er nahm einige bläuliche, zusammengelegte Bogen hervor, öffnete, sah hinein und legte sie vor sich.

Magda glitt in die andre Ecke des Sofas neben der Tür, legte die Hände zwischen den Knien zusammen, die Arme fest andrückend, und sagte mit zusammengezogenem Munde leise: „Ach bitte!“

Georg hatte sich kaum in dem Lehnstuhl niedergelassen, als Bogner, Erklärungen augenscheinlich vergessend, zu lesen begann.

„Ich denke oft, für die Menschen, die keine Kunst hervorbringen, sondern nur empfangen können, ist die Musik soviel, wie der Himmel mit Wolken und Sternen, ein Vergleich, den ich heut einmal weiter ausführen möchte.

„Die verschiedenen Künste bauen uns, möcht ich sagen, eine wunderbare Stadt. Architektur natürlich baut die Häuser darin, legt Brücken, Alleen, die Plätze und Kanäle an. Der Bildhauer schmückt die Fassaden, die Plätze mit springenden Brunnen und nackten Statuen, fahrende Sänger ziehn durch die Tore ein und versammeln das Volk auf den Plätzen, in den Theatern dröhnen die Stimmen des tragischen Chors, die Malerei ziert Säle und Gemächer, und es ist Handel und Wandel, Schiffe legen an den Kais an, ein unaufhörliches, fruchtbares und eiferndes Getriebe herrscht, soviel Leben, köstliche Unrast, Genuß, Arbeit und tausend Freuden. Länder dienen der Stadt wie Fürsten, an den fernsten Küsten denkt man an sie, sehnt sich nach ihr, sie ist die Heimat. Sie ist im Ganzen eine richtige Menschenstadt, eine schöne wie Hamburg oder Kopenhagen oder Budapest. Eine Stadt aber ohne Himmel.

„Ach, es giebt keinen Himmel in Berlin, lieber Freund! Jetzt, wo ich ein paar Wochen heraus bin, weiß ich es ganz. Liebster, haben Sie je, wenn Sie in eine kleine Stadt irgendwo tief im Land gewandert waren, Lüneburg oder Braunschweig oder auch Maulbronn, haben Sie auch bemerkt, wie wundervoll es ist, in allen Fenstern den verdunkelten Widerschein des Himmels mit den Wolken zu sehn, entzückend, wie sie sich durch die Gardinen bewegen? weil die Häuser niedrig sind, die Straßen breiter scheinen. Und über allen Dächern sehn wir ihn ja stehn, den Himmel, und die Wolken sieht man, ohne erst den Kopf danach verdrehen zu müssen. Und bei Nacht, die kein Lichtergewimmel zu einem lügnerischen Tage macht, hat man in den Bäumen seines Gartens die wirklichen Sterne, die im Gezweige stehn und einem so gut gehören wie der liebe Baum. Dann geht man nur auf die Straße, so steht der Sternenhimmel mit allen vier Ecken auf der Erde — das ist die einzig wunderbare Kuppel der Musik, der göttliche Bau in ewig unbegreiflichen, in unbegreiflich ewigen Gesetzen.

„In einer solchen Stadt atmet sichs! Das Bewußtsein, daß der Himmel da ist, erwärmt das Blut, wir werden leicht. Ach, ich habe nie begriffen, was Kant damit will: die Gestirne über sich und — —. Nun, was kann da noch für irgendein Und kommen, wenn er schon das über sich hat!

„Schön, schön ist ja auch das Andre, Bilder — weiß ichs nicht, mein Freund? —, die uns nur staunen lassen, daß ein Mensch dies gemacht hat, aber dennoch meine ich — zürnen Sie mir nicht, es ist ja doch nur Armut, die das meint — die Musik macht uns schweben. Nicht schweben, es ist mehr, es ist — — denken Sie einmal an das, was sogar Sie rührte, an die ersten, aus der Ewigkeit fallenden Tropfen der letzten Symphonie! — sie sind ja wie der Beginn der Schöpfung. Nicht das: Es werde Licht! nein, viel früher, das erste, verträumte Aufwachen Gottes aus dem langen Schlaf, in dem er alles träumte, was werden sollte. Denken Sie daran, und sogar Sie werden fühlen: es ist, als ob die Erde unter uns wegsinkt, als würde der Boden sanft unter uns —“

„Ja, ja, um Gottes willen!“ schrie Magda auf, sich vorwerfend, „so wars! so war es, als wir flogen, ich konnt es ja nicht beschreiben! Bitte, lesen Sie weiter!“

„— als würde der Boden sanft unter uns, es weicht und giebt sich uns zugleich hin wie ein Frühling, es ist, als ob die alte harte Erde die Anziehungskraft leise wegnähme, so daß wir leicht werden wie die Tauben, als hätten wir Luft um alle Glieder gehüllt, und wir denken doch nicht an Fliegen, eher wir sinken, und alles, alles schmilzt.“

Magda saß mit gefalteten Händen, tief atmend, mit den Augen erregte Kreise ziehend auf der Platte des Tisches.

„Die beseligende Leichtigkeit verbreitet wunderbare Heiterkeit, in Unendlichkeit mögen Gut und Böse liegen und alle moralischen Begriffe, wir sehn unter uns ewige Länder in der Tiefe hinschwimmen, die schöne Stadt vielleicht in der Sonne, mit wandelnden Wolkenschatten bedeckt, das blaue Meer in Meilentiefe mit winzigen Segeln, bald nur noch marmornes Blau und der Gesang der Engel, die in Scharen durch alle Fernen ziehn.

„Verstehen Sie mich, lieber Freund: unendlichen Reichtum geben uns alle Künste, doch ist er noch schwer; wir müssen ihn tragen, wie der Herbst, wie alles Irdische getragen sein will. Der Himmel läßt sich nicht tragen, er hebt, er trägt uns. Leicht sein ist alles.“

„So weit“, sagte Bogner, faltete seine Briefblätter zusammen, nahm die Brieftasche wieder hervor, legte die Blätter hinein und steckte sie fort. Magda sah ihn dankbar an und wagte zu fragen, wer das geschrieben habe.

„Die mit dem Schatten des Falters — dort!“ sagte er, in der Richtung des Klaviersaals deutend. Dabei schien Magda, die eben den Mund öffnete, etwas einzufallen, sie erschrak leicht und fragte: „Bitte, wie spät ists, Georg! Deine Mama bat mich, gegen fünf etwas Harmonium zu spielen.“

Es sei eben fünf Uhr gewesen, sagte Georg, und sie stand auf und ging, jedem der beiden zulächelnd, schneller hinaus, als daß Georg hätte fragen können, ob sie nicht mitkommen dürften.

Nun war es noch stiller geworden. — Eine Frau hatte das geschrieben? Welch sonderbarer Geist! Nun saß sie für ewig dort und sah empor, wo der unsichtbare Falter flog. Aber wie dieser Bogner das wieder heilsam getroffen hatte mit seinem Vorlesen! — Überdem sah Georg, der sich im Sitzen nach dem Fenster, nach dem Klaviersaal hinübergewandt hatte, wo alle Vorhänge gegen die Sonne geschlossen waren, den äußersten linken sich bewegen, er teilte sich und glitt auseinander, Anna erschien, das Fenster aufriegelnd und draußen einhakend. Sie schwand, und gleich darauf wurde das Brausen des Harmoniums in der stillen Leere hörbar.

„Sie sind wohl nicht musikalisch?“ fragte Georg den Maler. Der verneinte, erklärte aber, Musik gern zu hören.

„Dann“, sagte Georg erleichtert, „können wir ja auch hinübergehn. Anna hat viel gelernt, und voraussichtlich wird es Bach sein; Mama liebt ihn besonders, er ordne ihre Gedanken, sagt sie, Sie wissen ja, wie krank sie ist.“

Bogner erwiderte nichts, und so gingen sie stillschweigend über Flure und Billardzimmer hinüber.

Siebentes Kapitel

Erzählung

Magda wandte, als sie den Saal betraten, den Kopf nach ihnen, lächelte und spielte weiter. Bogner setzte sich auf den Klaviersessel vor dem mittleren der drei Flügel drüben. Alle Türen zur Herzogin standen offen wie stets; in den verhangenen Gemächern herrschte goldener Schatten mit etwas einfallendem Sonnenlicht am Boden hier und da und güldenen Streifen Sonnenstaubes. Georg nahm einen Stuhl und setzte sich neben das geöffnete Fenster, wo es hell war, während die jenseitige Hälfte des Saals mit den Klavieren in der Dämmerung der goldgelben Vorhänge blieb.

Magda spielte eine kleine halbe Stunde mit geringen Pausen zwischen den einzelnen, sehr einfachen alten Stücken. Endlich nahm sie die Hände von den Tasten, und eine Weile herrschte Stille. Fern wurde eine Tür geschlossen.

Georg, Annas Augen folgend, die zu dem Bilde über ihr emporblickten, fragte, in unbestimmte Gedanken verloren, zum Maler hinüber:

„Warum sind Sie eigentlich nicht musikalisch?“

Eine törichte Frage! — Allein der Maler öffnete nach einer Weile den Mund und gab, ebenfalls zu seinem Bilde schauend, eine ganz richtige Antwort.

„Sie“, sagte er, „hat mich einmal genau so gefragt. Ich wußte es natürlich nicht, aber sie hat es mir dann selbst erklärt. Ich wäre zentripetal, sagte sie, und das wären alle Dichter. Die Musik und die Tondichter dagegen wären zentrifugal (Zentrifugalisch, verbesserte Georg im stillen.) Nämlich die andern Künste drängten den Menschen auf seinen Kern zusammen, die Musik dagegen löste auf. Sie fand es ja nun schön, daß ich unmusikalisch bin. Es wäre so reinlich, sagte sie. Dann klagte sie über sich selbst, daß sie von allen Künsten was verstehe, aber von keiner was Rechtes, und keine ausüben könne, abgesehn von ihrem bißchen Klavierspiel. Ihre Fertigkeit war ja nun glänzend, aber ihr Spiel ließ kalt. Die Leute sagten, es wäre sehr geistreich, aber sie hätte kein Gefühl. Sie hatte schon Gefühl, aber sie konnte es nicht anbringen, das wars.“

Bogner legte langsam ein Bein über das andre, faltete die Hände und stützte einen Ellbogen auf den Klavierdeckel, doch erwies sich der als zu hoch, da das alte Klavier bis vorn geschlossen war; er öffnete es, legte den Deckel leise zurück und nun den Ellbogen auf den vorderen Rand vor die vergilbten Tasten.

„Sah sie so aus wie auf diesem Bilde?“ fragte Magda, die sich mit dem Drehsessel umgewandt hatte.

Nein, die Ähnlichkeit wäre sehr gering, entgegnete der Maler zerstreut.

Eine Minute verging mit Schweigen. Im Augenblick dann, wo Georg dachte, nun würde er wohl anfangen, etwas zu erzählen, begann Bogner.

„Judith Österreicher hieß sie und war das einzige Kind eines verwitweten Bankiers in Berlin. Sie war schmal und mager, ihre Hand empfindsam und beweglich, nicht schön, zu dünn. Ihr Kinn stand vor. Es und die Stirn und die flach aufliegende Nase bildeten eine schräge Fläche. Im Profil sah sie besonders jüdisch aus. Die Augen lagen tief und waren grau, die Haut gelblich, die Brauen schwarz und hart, das Haar orientalisch schön, schwarz, fest und reich. So sah sie aus. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt, als ich sie kennen lernte. Ich war etwas über zwanzig.

„Ihren Charakter kennen Sie ein wenig aus dem Brief. Sie hatte alles mögliche studiert, Kunstgeschichte, Bibliothekswissenschaft, Literatur, auch Sozialistisches, und Musik. Immer hörte sie Vorträge und Vorlesungen. Ins Theater ging sie nicht, außer zur großen Oper. Sie haßte das Theater. Sie haßte stark, zu lieben hatte sie nie viel. Dann wurde sie weicher, später. Ihr Verstand war unmäßig scharf, sie sagte nie etwas Unlogisches, im Gespräch blieb sie bei der Stange wie ein Mann, ihr Geist wurde durch nichts Weibliches beeinträchtigt. Oder gemildert. Sie war unweiblich. Zum Beispiel las sie nie Aufsätze und dergleichen, was über etwas handelt. Sie haßte Briefsammlungen und Biographien. Das läsen die Menschen nur aus einem idealischen Klatschbedürfnis. Ein Künstler war für sie kein Mensch. Der Mann ist tot, sagte sie, ihm ist nicht mehr zu helfen. Sein Leben war natürlich schwer, alle sind schwer, und großes Wachstum will harte Arbeit. Aber die innern Kämpfe waren schwerer als die äußern, sagte sie, und die lerne ich aus den Werken besser kennen, wo Schönheit und Klarheit daraus geworden ist. So etwas klang aber sanfter, wenn sie es sagte. Sie hatte eine schöne, melodische und tiefe Stimme. Am liebsten waren ihr Radierungen, Stiche, Schwarzweißsachen und Holzschnitte, in die sie sich mit der Lupe stundenlang, unermüdlich vertiefte. Dann die Japaner, die festen, gesparten Linien und die genährten, unumstößlichen Farben. Über einen schwarzen Flecken, ein schwarzes Kleid mitten in einer Teehausszene von Hieroshige oder Utamaro geriet sie außer sich vor Wonnen. Dann war sie wohl wie ein Kind, ganz ausgelassen. Sie beherrschte alle Fachausdrücke, sah einer Radierung von Vogeler an, der wievielte Abzug es sei, und einem Buch, wer die Type gezeichnet hatte. Ihre Kleider machte eine Schneiderin, und sie saßen, das war alles. Mit sich selbst wußte sie nichts anzufangen. Ihr Gehaben war so weiblich, wie der Verstand männisch. Sie war launisch, oft mißgelaunt, überschwänglich bald und bald kalt. Vor allem aber wußte sie selber immer und jeden Augenblick, wie sie war und was sie war, also, was sie nicht war. Immer sah sie sich im Spiegel und gefiel sich durchaus nicht. Von sich selber beobachtet Tag und Nacht, alles verstehend, alles zersetzend, auflösend, immer unzufrieden mit sich selbst, weil alles in Fetzen ging, zu weiblich, um es sammeln zu können, immer das Fehlende, das Negative sehend, sich selbst verachtend und doch sich selber liebend — das Leben ist ihr eine böse Qual gewesen.“

Bogner schwieg. Georg, ins Hören emsig verloren, die Augen auf den Wandstreifen zwischen den beiden Klavieren rechts geheftet, sah dort undeutlich die Gestalt der Fremden erscheinen; wie ihm schien, war es ein Samtkleid, was sie anhatte und das ihm sonderlicherweise deutlicher war als ihr Gesicht, denn da störten ihn die hellen Farben und die Undeutlichkeit der Züge auf dem Bilde. Die langsamen Worte des Malers, der eine Pause ließ hinter jedem seiner kurzen Sätze, banden ihn seltsam. Nun, da er schwieg, seinen Bleistift wieder aus der Westentasche holte und darauf niedersah, wie er ihn vorm Schoß in seiner Hülse hin und her schob, merkte Georg, daß er sprach, wie wenn er malte oder zeichnete: eine Linie zog — und einen Bogen daran setzte, eine andre Linie an ganz andrer Stelle des Blattes, und ganz von unten herauf eine dritte, langsam hin und her gebogene, und plötzlich alle drei noch zusammenhanglosen und unkenntlichen zusammengriff mit einer vierten, und absonderlich war aus drei und vier Unverständlichkeiten eine Klarheit, ein Bild und ein Sinn geworden; ja, ein Gesicht — auf einen Augenblitz erschien es Georg in seiner dunklen Abgeschlossenheit — ein Leben, Blick und Gebärde, und Erinnerung schon, Gewordensein und Vergangenheit. Georg sah deutlich das Blatt, auf dem der Maler zeichnete; es lag auf seinem rechten Knie, er sah darauf nieder und sprach und zeichnete gleichzeitig, und das war nun merkwürdig, daß seine Worte und seine Zeichnung aneinander hinliefen, unverbunden ... Georg, da der Maler noch immer schwieg, hätte gern den Mund geöffnet und gesagt, wenn er es hätte sagen können, wie ihm soeben klar geworden sei, daß alles Gedachte, aller Sinn gar nicht in den Worten bestehe, in denen er gefaßt wurde, sondern ganz fern dahinter sich selbst gestalte — denn diese Wahrnehmung schien ihm bedeutsam zu dem zu passen, was er vor Stunden mit dem Maler gesprochen hatte, weil das Bild, das der Maler im Innern hatte, und das, welches Georg sich selber herstellte aus des Malers Worten, gewiß einander ungemein fremd waren, lose zusammenhangend, o so lose nur in der Schilderung ...

In diesem Augenblick hob Bogner das Gesicht, sein Blick traf auf Georgs Gesicht von ferne, glitt wie von einer leeren Fläche davon ab und zu dem Gemälde überm Harmonium, wo er einen Augenblick anhielt, und der Maler sprach weiter.

„Nun muß ich sagen, wie ich sie kennenlernte. Irgendwie war ich von Paris nach Berlin verschlagen — so — mein Vater war Sanitätsrat und ist es wohl noch; ich mußte mit siebzehn Jahren das Haus verlassen. Ein Freund unterstützte mich eine Weile, nun — das tut nichts zur Sache, jedenfalls — — es kam jener Winter in Berlin, wo ich Schnee geschippt habe. Ein gefallenes Pferd, dem wir aufhalfen, warf mich gegen einen Laternenpfahl. Mit Frühlingsanfang kam ich aus der Klinik und hatte nun nichts mehr. Nun ... Nun war ich sehr schwach, irgendwie vergingen noch ein paar Tage, an die ich mich nicht erinnern kann. Eines Tages bekam ich auf einer Bank im Tiergarten einen Schwächeanfall, und als ich erwachte, hatte ich zwei Taler in der Tasche. Der eine reichte eine Zeitlang für Essen, für den andern gab ich eine Anzeige auf, ganz dumm, eine Heiratsannonce. Junger Künstler, dicht am Verhungern. Wie man so ist. Ich bekam drei Briefe. Einer war Ulk, in einem war ein Hundertmarkschein, den dritten bringe ich wohl noch zusammen ... Ihre Annonce im Anzeiger ist so eigenartig, daß ich nicht weiß, ob ich mehr über sie staune oder über mich, die sie beantwortet. Sollte sie die Wahrheit enthalten, so scheint mir Eile das Notwendigste zu sein, das heißt, Ihnen muß geholfen werden. Ich bitte Sie deshalb, mir zu schreiben ... hier kam ein Postamt und eine Chiffre ... wo ich Sie kennenlernen kann. Drunten standen die Initialen Jot O und eine Nachschrift: Vielleicht eilt es wirklich, ich werde deshalb morgen vormittag um elf Uhr in der Nähe des Luisendenkmals im Tiergarten sein. Ich zweifle nicht, daß wir uns erkennen werden.

„Sie erkennen Judith Österreicher. Ich war ja nun ein Stockfisch, ich wollte mir nicht helfen lassen, ich wollte heiraten und das Vermögen der Frau mit Ruhm bezahlen, und nun hatte ich doch hundert Mark. Aber ich ging hin. Sie hatte ein braunes Samtkleid an, und ich erkannte sie gleich. Sie stand, auf ihren Sonnenschirm gestützt, vor einem Rhododendrongebüsch mit dicken Knospen. Welches Mädchen stellt sich wohl auf, wenn es bei einem Stelldichein wartet! Nun ging ich auf sie zu, nahm den Hut ab und sagte steif, ich wäre es, es wäre aber ein Irrtum, und ich wollte nun nicht mehr heiraten, wobei sie mich entgeistert anstarrte. Sie können sich ja vielleicht vorstellen, wie ich ausgesehn haben mag. Dann wurde sie aber wütend und sagte, ich sollte sofort still sein, sonst liefen die Leute zusammen, packte mich beim Schlafittchen, zog mich in eine Allee und fing an, dergestalt auf mich einzureden, daß ich weinte. Da tröstete sie mich.

„Ihr Vater war reich und sehr kunstliebend, ein kleiner, dicker, jüdischer Mann mit einer schönen hohen Stirn und schwermütigen Augen. Er besaß eine kleine Galerie mit damals unbeachteten Sachen von Leibl, Schuch und Hagemeister. Nun wurde mir ein Atelier eingerichtet, und sie erzog mich. Immer hatte ich übers Handwerk gegrübelt, über die neuen Wege, wie man tut, wenn man ganz jung ist. Nun bekam ich Bücher zu lesen, mußte meine Meinung von ihnen ausformen, womöglich schriftlich, wurde im allgemeinen wie ein Genesender und im besondern wie ein gutes Kind behandelt, das durch Krankheit geistig zurückgeblieben ist.

„Sie war nur gütig zu mir, hartnäckig im Verfolgen ihres Planes, aber milde und freundlich. Sie lehrte mich Erfahrungen erkennen und schrieb jeden Tag das große Warum auf die Tafel. Schwerfällig war ich sehr, ich konnte begreifen, aber nur langsam. Was ich dann hatte, hielt ich fest. Zum Beispiel Manieren, daraus machte ich mir gar nichts, aber sie bewies mir, daß jede einen kleinen feinen Sinn hatte, und das gefiel mir. Gemalt hab ich lange Zeit gar nicht. Also ich wurde gereinigt, gelüftet, leer geblasen und ordentlich ‚renoviert‘. Judith durchschaute mich vollständig, und alles, was sie tat, war richtig. So bin ich wohl einigermaßen ein Mensch geworden.

„Nun ... Nun, das übrige ist gleichgültig.

„Nun der Schluß.

„Ich weiß nicht, wer von uns dem Andern damals mehr gewesen ist. Da ich weniger war, werde ich ihr wohl mehr gewesen sein. Dies ist so. Früher war sie ein Mädchen gewesen, ihr Vater war ihr alles, hatte sie unterrichtet, erzogen und gebildet, sie hatte nie einen andern Freund gehabt als ihn. Ihm zuliebe wahrte sie die alten Gebräuche und liebte sie. An den Freitag Abenden brannten die Kerzen, lag das weiße Brot unter der roten Samtdecke, das Glas Wein ging herum, und ich habe keinen Freitag erlebt, an dem sie nicht zu Hause gewesen wäre.

„Nun bekam sie mich, wie einen Sohn, gewiß. Sie war ein weiblicher Hieronymus. Das dacht ich oft, wenn ich in ihr Zimmer kam, abends, wenn sie bei der Stehlampe saß, umschlossen von den beschatteten Wänden hoher Bücherregale. Ihr Leben war ohne Schmerz und ohne Sorge verlaufen, nie hatte es fremde Willkür gelenkt, sondern väterliche Zartheit und die eigne klare Absicht. Sie liebte es wie ein hübsches Kunstwerk, und sie haßte es, weil es unfruchtbar sei. Eine Zeitlang täuschte ich sie darüber hinweg, ich meine, es tröstete sie, mir geben zu können. Dann wurde sie mißtrauisch und fing davon zu reden an, daß ich über kurz oder lang meiner Wege gehn werde. Das war richtig, daran war nichts zu ändern. Der Tag mußte kommen, wo sie mir alles gegeben hatte. Sie hatte ja nur Wissen für mich. Freilich auch Güte, wie Mütter, aber immer wollen die Söhne allein gehn und suchen sich ihre Wege.

„Nun, vorläufig lebten wir miteinander wie Pallas Athene und Odysseus, und wenn sie einmal schlechte Reden führte, versprach ich ihr, sie zu malen als jenes Mädchen, das der Dulder im Phäakenlande am Brunnen traf und das ihm den Weg zeigte. Es war ein schöner Abend in den Wiesen, und sie trug den vollen Krug auf der Achsel, gab ihm zu trinken und wies ihm den Weg in die Stadt und zu den Männern, die ihn heimbrachten. — Ja, so wäre es, sagte sie, sie könnte mir den Weg nach Hause zeigen, aber sie käme nicht hinein.

„Ach, Kinder, sie war gut, sie war gut. Sie war bescheiden, sie lehrte mich und ließ es mich nicht merken, sie wußte es immer so darzustellen, als ob sie beschenkt würde, als ob sie alles erst durch mich recht von Grunde kennenlernte. Ich erinnere mich an schöne Abende bei der Lampe. Schon als Junge hatte ich Silhouettenschneiden geliebt, und sie stellte mir Aufgaben. Sie trennte beliebige Stücke, große und kleine, aus dem schwarzen Bogen, dachte sich etwas aus, und dann mußte ich es herausschneiden, damit ich lernte den Raum ausnutzen wie ein Japaner.

„Nun das Malen ...“

Bogner war still. Er schien nachzudenken; auf einmal holte er, vor sich hinblickend, seine Pfeife aus der Tasche, dazu einen Beutel aus rotem Gummi, stopfte sie langsam, tat den Beutel fort, nahm Streichhölzer und rauchte. Schließlich fing er an:

„Also ich wollte sie malen ...“

Georg kam es vor, als ob er etwas ganz andres, das er sich unterweil im stillen vorgesagt und das von ihm selber und der Malkunst handelte, verschwiege.

„Als wir eines Tages“, sagte er, „am geöffneten Fenster saßen — sie hatte einen Arm auf der Fensterbank und sprach zu mir ins Zimmer hinein und dann wieder zum Fenster hinaus —, hielt sie auf einmal inne und sagte: Da! indem sie den Kopf wandte, nach oben, so wie dort. Ich sah aber nur den Schatten des Schmetterlings auf der Fensterbank, ihn selber erst später, wie er im Garten herumschaukelte, ein weißes Stückchen. Ich weiß nun nicht, wie sehr ihr Wesen in dem gewesen sein muß, was sie grade sagte, so daß es dann plötzlich ganz in diese Bewegung hineinschlug, mit der sie sich unterbrach. Jedenfalls — dies blieb aber hängen, nur wurde lange Zeit gar nichts daraus. Es kam der Sommer, der zweite, seit wir uns kannten. Judith verreiste, sie mußte eine erkrankte Schwester ihres Vaters nach der Riviera bringen. Ich war einige Wochen auf Sylt, aber lange vor ihr wieder in Berlin.“

Der Maler hatte ein paar neue Briefbogen hervorgenommen. „In jener Zeit“, sagte er, „bekam ich den Brief, den ich Ihnen vorlas, und unter andern auch den folgenden:

„Heute möchte ich einen Rat von Ihnen, lieber Freund. Das heißt, es wird wohl darauf hinauskommen, daß ich mir Rat schreibe, statt ihn zu bekommen. Ich habe einen Brief erhalten von einem Mann in Transvaal, der mich zur Frau haben will. Schon vor einem Jahr, als er fortging, fragte er an, ich habe aber um Bedenkzeit gebeten bis jetzt. Er schreibt nun, seine Aufgabe — er ist Ingenieur — sei beendet, er habe es in der Hand, nach Europa zurückzukehren oder einen Bau in einem andern Weltteil zu leiten, was er von mir abhängig macht. Was schreibe ich ihm?

„Nein, Sie können mir natürlich nicht helfen. O wie traurig das macht, nicht zu wissen, was gut für uns sein wird! Wissen Sie, was mein Leben bisher gewesen ist? Gut war es, reich, liebevoll und angefüllt mit tausend schönen Dingen. Klingt es nicht lächerlich, zu sagen, daß ich oft sehr unglücklich bin und darbe? Mein Leben ist wie ein blaues Wässerlein hingeflossen, wohin rinnt es? Muß es nicht irgendwo hinlaufen, all seine kleinen Schätze zusammenraffen und sagen: Da!? — Niemals wird es das können. Ich habe ja nichts, ich habe alles ja nur für mich, es bleibt in mir und bringt weiter nichts hervor. Das bißchen Gutsein mit Uto (das bin ich) meinen Sie, das gilt? Nichts kann ich ordentlich. Ein bißchen zeichnen, ein bißchen malen, ein bißchen schreiben und ein bißchen Klavier spielen. Dafür weiß ich freilich entsetzlich viel, was hilft mir das? Ich bin doch eine Frau, und die will, was sie auch habe, immer nur drei Dinge, das Allereinfachste: einen Menschen liebhaben, für ihn sorgen — da hab ich ja nun Uto — und so viel Kinder haben, wie sie kriegen kann. Ich werde niemals Kinder haben können, weil ich als Mädchen einmal krank gewesen bin und operiert werden mußte. So hab ich denn mein Leben nur für mich allein. Mit keinem andern Leben kann ich es verbinden und weitergeben, ich kann hier nicht bleiben, wenn meine Zeit um ist, ich gehe ganz fort, wie ich allein gewesen bin. Nur die Erinnerung bleibt vielleicht eine Weile.

„Hier,“ sagte der Maler, „legte ich damals den Brief fort. Ich hatte inzwischen das Bild dort angefangen und saß davor, als ich den Brief las, und an dieser Stelle fing ich wieder an zu malen, als ob irgend etwas mich antriebe, fertigzumachen. Ich arbeitete auch einige Tage, mußte aber wieder aufhören, weil ...“

Er unterbrach sich: „Ich will eben zu Ende lesen.“

„Nun, schreibt sie, bin ich also bei diesem Briefe aus Afrika angelangt. Mein Vater ist ja so reich, daß schon früher, so unglaublich es scheint, Leute gekommen sind, die mich mit in Kauf nehmen wollten. Als Juden waren sie aber patriarchalisch gesinnt, wollten also Erben haben, und wenn mein Vater ihnen in meinem Auftrage sagte, daß sie darauf bei mir nicht zu hoffen hätten, gingen sie wieder. Ich glaube auch, daß kein ordentlicher Mann, der eben nicht eine Frau über alles liebt, sie heiraten wird bei der Gewißheit, daß die Ehe kinderlos bleiben wird. Nur dieser Christ hier ist standhaft geblieben. Er ist ein guter, ernster, tüchtiger Mensch, er teilt auch meine Neigungen in seiner Art, wir würden uns gewiß vertragen.

„Denken Sie, mein guter Junge, das ist nun das erstemal, daß man mich vor einen Entschluß gestellt hat. Ja, und hier, wo es einmal aufs Leben ankommt, habe ich also nichts gelernt. Was werde ich ihm schreiben? Noch nie habe ich einem Menschen etwas geschrieben, das ihn traurig machen konnte. Es muß aber wohl sein ... Nun und so weiter.“

Der Maler faltete den Brief, steckte ihn ein und schwieg.

Überdem ward Georg inne, daß seine Gedanken, wie seine Augen, schon seit geraumer Zeit an Anna hafteten. Ob sie wohl ganz verstand, was der Maler gelesen hatte, ob sie es empfunden hatte? — Er sah ihren am Boden stehenden linken Fuß im weißen Schuh und das sichtbare Stück des sanft gerundeten weißen Beins, wie es im hellen Schatten des Rockes verschwand, und er fröstelte leicht, auf einmal, da seine Augen höher gingen, im Unsichtbaren, denn er konnte sich keine rechte Vorstellung machen von dem Bein und seiner Bekleidung, nur daß dort alles süß und süßer und atembeklemmend wurde, empfand er. Abgleitend, verwirrt, sah er mit kälterem Schauder ihr liebliches Gesicht, gesenkt, Schatten der Lider unter den unsichtbaren Augen, den blassen, zarten Mund und das seltsam lebendige Haar, in dem ein Hauch, ein Gold und ein Wesen war, das Sehnsucht erregte, das es so anders machte als jedes andre Haar, als sein eignes vor allem, dergestalt daß es sinnlos schien, es mit ein und demselben Namen zu nennen. War nicht — ja, war nicht seines nur gewachsen, um den Kopf zu bedecken, — aber das ihre war Verlockung über und über. Seine Haut im Nacken krauste sich, es durchloderte ihn, sie an sich zu drücken, ganz und gar, ihren Leib zusammenzudrücken, alles zu wissen, alles ... Und sie? dachte er, dies abschüttelnd. Ach, was dachte sie, was dachte sie nun? Flog sie vielleicht — nur scheinbar, nur mit ihrer Haltung lauschend — über Meer und Inseln, Wolken zu, von Wolken beschattet, unbegreiflich hoch über der festen Erde? Dachte sie an ihn? fühlte sie ihn? —

Magda hob langsam die Lider, langsam das Gesicht, und plötzlich waren da ihre Augen, dunkel und fremd, auf ihn gerichtet — und dann lächelte sie — und wurde wieder ernst — und jetzt — jetzt errötete sie ganz langsam, aber immer tiefer ...

Georg hörte die Stimme des Malers, zwang sich fortzusehn und zu hören, erinnerte sich der Judith, sah einen fernen, unbestimmten Frauenkopf in einer Dämmrung, — was hatte sie geschrieben? „... mich in Kauf nehmen wollten, so unglaublich es scheint ...“ O, das war hart wie eine Stahlfeder! — Der Maler sagte:

„Nun also das Ende. Ende September ... So, ich muß erst noch sagen, daß ich inzwischen ein Atelier in der Nähe von Judiths Wohnung bezogen hatte. Ende September also schrieb sie mir den Tag ihrer Ankunft aus München. Am Tage vor dem für ihr Kommen angesetzten wurde ich durch einen Boten zu ihr gerufen. Sie war schon da, war zwei Tage eher gekommen. Nun war ein Unglück geschehn, sie war überfahren worden, sie lag im Sterben.

„Wie das zugegangen war, klärte sich eigentümlich auf. Ein Augenzeuge des Unfalls war ein Bekannter des Hauses. Er hatte, besonders von weitem, eine gewisse Ähnlichkeit mit mir in Gang und Haltung. Judith war kurzsichtig. Nun hatte dieser Herr Judith an einer Straßenkreuzung auf dem jenseitigen Gehsteig herankommen sehn — zwischen ihrer und meiner Wohnung. Er hatte gesehn, daß sie ihn bemerkte und ihm lebhaft zuwinkte, was ihn verwunderte — es galt aber mir —, und sie war dann, ohne achtzugeben, über den Damm gelaufen und von einer Straßenbahn zu Boden geschleudert.

„Sie konnte noch ein paar Tage leben. Am Morgen des folgenden Tages kam sie zu Bewußtsein, sprach mit ihrem Vater, schickte ihn hinaus und blieb mit mir allein. Sie wußte, wie es mit ihr stand, und sprach ruhig davon. Ich habe Papa beauftragt, dafür zu sorgen, daß du nie wieder Mangel leidest, sagte sie. Es fiel uns nicht auf, daß sie mich du nannte. Dann kam ein Augenblick der Schwäche, wo sie die Hand über die Augen legte, etwas weinte und gestand, das Sterben sei so bitter. Nun sterbe ich aber doch durch eine gute Torheit, sagte sie, ich, die ich so viel nichtsnutzige Klugheiten konnte. Um deinetwillen bin ich auf einen fremden Menschen zugelaufen, aber wir laufen immer auf fremde Menschen zu, und dann liegen wir unter den Rädern. Sonderbar geht es zu im Leben ... Und sie fand es sehr gut, daß ich noch viel törichter gewesen sei und nicht gemerkt hatte, daß eine Frau einen Mann über alles lieben muß, für den sie das tut, was sie für mich getan hatte. Sie wußte alles, und alles —“ Bogner lächelte fremdartig vor sich hin — „alles konnte sie ausdrücken wie der al Manach. — —

„Was sie sonst sagte, war nur für mich.

„Nun fragte sie nach ihrem Bilde. Als ich sagte, es sei unterlegt, verlangte sie, daß ich es fertig machte. Sie wollte vor ihrem Tode noch wissen, sagte sie, daß doch ein Hauch von ihr hier oben bliebe, wo es hell und warm sei. — Ihr Schlafzimmer war groß und licht, das Bild wurde hereingeschafft, ich fing auch gleich an ...