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Helianth. Band 1 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene cover

Helianth. Band 1 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Chapter 55: Ferngespräch II
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About This Book

The narrative follows the intertwined lives of two contemporary people in the northern lowlands, alternating long, sensuous landscape passages with close psychological interiority. Lush, tactile depictions of heat, insect song, grasses and coastal horizons shift into reveries, memories and associative reflections that disclose longing, confusion and fragile human bonds. Episodic sections combine lyric observation, dreamlike imagery and social reminiscence to examine emotional shifts, desire and the slow movement of everyday existence. The structure unfolds in successive books that balance external atmosphere with inward contemplation.

Sie treten lustig vor die Staffelei:

Auf einem blanken Kissen schlummernd liegt

Ein feiner Mädchenkopf. Der Meister setzt

Des Blumenkranzes tiefste Knospe noch

Auf die verblichne Stirn mit leichter Hand.

— „Nach der Natur?“ — „Nach der Natur. Mein Kind. Gestern beerdigt. Herr, ich bin zu Dienst.“

‚Mit leichter Hand ...‘ Ja, begreifst Du nun schon, weshalb Du so erschrocken bist vor dem Bilde der Herzogin? Das war das Mitleidlose. Das wars, daß Du einmal gesehn hast: der Mensch — im Dichter oder Künstler — mag schaudern vor dem, was er darzustellen hat, ob es nun fremdes oder eignes Leid sein mag; der Künstler bleibt ungerührt, der kennt kein Mitleid, der ist herzlos, der malt „mit leichter Hand“. Sonst sehn wir ja immer nur das Kunstwerk und nicht die Lebenswurzel, aus der es kam; nun spürtest Du einmal den sichern Griff der Hand, die ein Unbekanntes aus Deinem eigenen Antlitz nahm, — o nein, darüber sollten wir nicht erschrecken, sondern schön ist es, rein und wunderbar, weil es diesen Sinn hat, daß es Dinge giebt, ja, daß der Mensch wie ein Gott Dinge machen kann, die so voll Unschuld und Unwissenheit sind wie der Baum, der aus einem Grabe wächst, wie der Vogel, der im Baume singt. Ach, woher denn sonst diese Magie unsrer Musik, die uns nimmt und wegführt, ganz fort, von allem fort, weit hinaus über Frohsinn und Traurigkeit, über Gut und über Böse in ein Unschuldsland, wo das Herz allein glücklich ist. Wir können uns erlösen, siehst Du, wir können es, denn wir können — ach, braucht es denn immer Kunst zu sein? — wir können reine Taten tun, die von nichts wissen, vom Schicksal, vom Blut, vom Schmerz nichts wissen, und dies sind wohl die ewigen Gebete, die bis in Gottes Herz gelangen und ihm immer wieder sagen, daß wir Menschen es doch wert sind, daß er uns gemacht hat.

Nun ist tiefer Herbst; ein goldener Tag. Ich sitze am offenen Fenster, manchmal dreht ein kleiner Lufthauch die Blätter des aufgeschlagenen Buches um, draußen im Garten sind alle jubelnden Farben versammelt, mir ist so wohl, ich wünschte von ganzem Herzen, Dir abgeben zu können! Nun, wenigstens kann ich Dir so lange schreiben, wie ich will, und da ich nicht immer schön weise Reden halten kann, will ich Dir ein bißchen was erzählen.

Da bin ich gestern nachmittag in einem Jungmädchentee gewesen, und es war nicht besonders, bis ein Menschenkind sich an das Klavier setzte, das ich schon vorher heimlich beobachtet hatte, denn sie hatte Haltung und eine äußerst liebliche Sicherheit, hatte wundervolles, dunkelrotes Haar, porzellanene Haut und die kräftigsten Brauen. Setzt sich hin und spielt die Aquarellen von Gade, Gott bewahre uns! Und wie hat sie gespielt! Wie ein Dämon. Nicht etwa „seelenvoll“, oder mit dem, was man so „Temperament“ nennt, sondern einfach mit einer unerhörten Rhythmik, die mich geradeswegs zittern machte. Dann das erste Präludium von Chopin, — wie ein Wassersturz. Hinterher sollte ich spielen, wagte aber natürlich nicht, die Tasten anzurühren. Und denke Dir, wie wir aufbrechen, kommt sie zu mir und fragt, ob wir nicht zusammen gehn wollten. Nun muß ich erst noch sagen, daß sie Ulrika Tregiorni heißt, das heißt, eigentlich heißt sie wie ihr Mann — ich hätte geschworen, sie sei unverheiratet — nämlich Hoeck, aber da sie sich beim Auftreten — sie ist Pianistin — mit beiden Namen nennt, so lassen ihre Bekannten meist den „Höcker“ fallen, wie mir die Mädchen sagten. Lange spielt sie übrigens noch nicht öffentlich, sonst würde ich sie ja auch kennen.

Nun, wir kamen denn bald vom Hundertsten ins Tausendste. Sie sagte mir einfach, sie hätte von meiner Orgel gehört, und nun werde ich ihr heut nachmittag vorspielen (auf der Orgel hab ich ja Mut!). Vielleicht arbeiten wir dann miteinander und lehren uns alle Geheimnisse. Kannst Du Dir denken, wie ich mich freue?

Nun was Romantisches!

Ich steh mit dem Gärtner heut früh im Vorgarten, da kommt eine Droschke, hält, heraus steigt ein Riese mit einem weißen Turban als Kopf, dahinter mein Vetter Josef. Wer ist der Riese? Mein Vetter Erasmus. Und der Turban ist ein Verband; ein Auge zwinkert grad heraus, selbst das völlig verschwollen! Gott bewahre mich! Josef hinter seinem Rücken will sich totlachen. Ich, brennend vor Neubegier, will ihn ausfragen, da tut er entsetzlich geheimnisvoll: das könnte er mir nur in seinem Zimmer erzählen, — also was halfs? Ich mußte mit hinauf — hatt es ihm auch schon lange versprochen — und nun gehts nicht anders, nun mußt Du erst die Beschreibung hören.

Stelle Dir vor, Du öffnest die oberste Tür in einem Treppenhaus und siehst Dich einem großen, gotischen Fenster gegenüber, das entfernt von Dir steht, und das eine einzige, spitzgewölbte Fläche von unbeschreiblich milde leuchtendem, grünlichem Glase ist, in kleine, quadratische Felder geteilt und vom Fußboden bis nahe unter die Decke steigend. Ja, da stehst Du und staunst. — Das Zimmer nun liegt der Länge nach vor Dir, das Fenster steht in einem Erker: es scheint dämmrig, obwohl es in Wirklichkeit, wenigstens an lichten Tagen wie heute, schön hell ist, und da siehst Du in Deiner Nähe eine Vitrine, angefüllt mit den köstlichsten Porzellanen, und an den langen Wänden links und rechts sind Büchergestelle mit grünseidenen Vorhängen, die bis zu Schulterhöhe etwa emporreichen, und einen Fußbreit darüber hängen nebeneinander viele japanische Holzschnitte, uralte, von den erlesensten Tönungen. Ein großer, niedriger Tisch, rund und mit grüner, langzipfeliger Decke steht noch im Zimmer, ein paar tiefe Sessel darum und im Erker ein Lehnstuhl mit hoher und steifer Rückwand, grau bespannt voll Silberstickerei. Dahinein darfst Du Dich setzen und eins von den kleinen Quadraten in der schönen Fensterwiese aufmachen, dann siehst Du weit ins Land hinein, siehst weit hinten die Stadt mit Kuppel und Türmen in ihrem Rauch, siehst unten die großen Wiesenflächen und den Bahndamm und den ganzen, großen Herbsthimmel mit allen Wolken!

Du magst aber gehn oder stehn im Zimmer, wo Du willst, immer ist das unsagbare Grün, diese weite Fläche im gotischen Rahmen um Dich her, als wärest Du in einer Wolke, und wenn Du längst wieder draußen bist unter den gewöhnlichen Dingen, merkst Du es plötzlich an Deinen Augen und mußt mit der Hand darüber fahren, und es kommt Dir vor, als wäre alles milder geworden.

Das ist dieser Josef ... Nun aber höre Erasmus dagegen — das heißt, ich muß ganz von vorn anfangen.

Ein paar Meilen von hier wohnt auf ihrem Gute die steinalte Frau Rüdiger nebst ihrer Adoptivtochter Virgo. Onkel Augustin steht mit ihr in Verbindung wegen ihrer Rosenzucht, und wir sind einmal hingefahren. Der Gutshof ist ein schönes, altes Schloß, und sie kam uns in der Torfahrt entgegen, völlig unkenntlich freilich, denn sie trug Kniehosen, einen Jägerrock, uralt wie sie selber — klein aber sehnig — ein grünes Hütlein auf dem Kopf und rauchte eine kleine Pfeife. In ihrem Wesen war von alledem nun keine Spur, sie war eine richtige alte Frau, hat aber ihr Leben lang die eigentümlichsten Marotten gepflegt, wovon die eigentümlichste wohl die sein dürfte, daß sie Waisenkinder aufzog, und zwar nicht bloß so gewöhnliche, sondern gewissermaßen exquisite, nämlich Kinder von Verbrechern, Trunkenbolden, Hingerichteten und Gottwasweißich. Das letzte Kind war Ulla Steinbrech, die wurde selber umgebracht, denn sie war mannstoll, kriegte mit sechzehn Jahren ein Kind, ihre Pflegemutter zwang sie, dessen Vater zu heiraten, da gab sie ihm ein schleichendes Gift, und die Pflegemutter bestand darauf: sie mußte auf das Schafott. Ja, so war sie, nun ist sie sanfter geworden, die alte Rüdiger. Ihr jetziges Kind, die kleine Virgo, ist ein kleines, zartes Wesen von achtzehn Jahren mit den allergrößten schwarzen Augen und einem schwarzen Tituskopf, denn die alte Rüdiger kann lange Haare nicht leiden.

Nun aber hat sie sich — Virgo — vor einiger Zeit in einen Studenten, einen Italiener, einen Conte oder Marchese, verliebt (italienischer Adel, sagt Josef, wäre ‚mau‘!), aber wie er ihre Pflegemutter um ihre Hand bittet, so sagt sie, es wäre ein Irrtum, daß sie Virgo adoptiert hätte, und sie bekäme dreitausend Mark im Jahr; worauf der Conte hinging und die Kleine zu einer Entführung überredete, aber wie sie in tiefer Nacht die Treppe zum Bahnsteig hinaufgehn, so kommt ihnen Virgos Bruder entgegen, gerade aus dem Vlissinger Schnellzug von Irland her.

Nun dieser Bruder, der hat auch seine Geschichte. Gestern brachte ihn der Erasmus, dessen Schulkamerad er ist, zum Mittagessen mit. Er erschreckte mich ein wenig, denn er ist ganz schwarz, hat eine fleischige Nase unter schweren schwarzen Brauen und eine merkwürdig schlanke und breitschultrige Figur; bald sah ich dann die tiefe Gutheit seiner Augen, und daß er einen schönen Mund mit schwingenden Rednerlippen und ein noch schöneres Kinn hat — Du weißt vielleicht, wie selten bei Männern ein gutes Kinn ist —, ein rundes, sorgfältig gedrehtes, und er ist eitel genug, sich eine schwarze Bartfräse darunter um den Hals zu hängen, was ihn merkwürdig verfinstert. Er ist mit zwölf Jahren dem Waisenhaus entsprungen, auf ein Schiff gegangen, später mit etwas Geld aus Amerika wiedergekommen, irgendwo in der Lehre gewesen, hat gleichzeitig Sprachen und Mathematik und was sonst nötig war, gelernt, um in die Sekunda des Gymnasiums zu gelangen, worauf sich wohl Erasmus’ Vater seiner angenommen hat. Nun ist er nationalökonomischer Doktor, Volksredner, Sozialdemokrat und will in den Reichstag. O, tüchtig, tüchtig!

Die alte Rüdiger liebt ihn nicht, und er darf seine Schwester nur selten sehn. — Nimmt sie also bei der Hand und will sie schön nach Hause bringen, da springt der Conte dazwischen, und — wie Josef es ausdrückte — nachdem Klemens — so heißt er — ihn wieder aufgehoben hatte, gab es eine Forderung. Heute morgen sind sie mit Säbeln aufeinander losgegangen.

Das folgende ist nun schwierig zu erklären. Du weißt, daß bei Duellen Sekundanten gebraucht werden, deren Obliegenheiten mir dunkel sind, aber Josef hat mir erklärt, daß es bei studentischen Duellen möglich ist, daß die Sekundanten sich gegenseitig erzürnen und beleidigen, und daß es ein neues Duell zwischen ihnen giebt, das schnurstracks ausgefochten werden muß. Ach, weißt Du, Kindlein, das Ganze erinnert mich so herzlich an meinen guten Neger, hab ich Dir das mal erzählt? Wie ich in Genua auf der Kaimauer saß und aquarellierte und eine ungeheure Volksmenge sich um mich versammelte, vermutlich weil ich so weiß in Schleiern und blond war? Und wie sie zudringlich wurden, und plötzlich ein ungeheurer Mohr seine Jacke auszieht und auf die Erde wirft, sich die blauen Hemdärmel aufstreift und im schauderhaftesten Italienisch erklärt, daß es eine Schande wäre, eine Lady derartig zu behandeln, und dann anfängt zu boxen, daß es gräßlich anzusehn war? Ja, daran erinnerte mich der Erasmus, denn er war der Sekundant seines Freundes Klemens, und er und der Andre, sagt Josef, wären aufeinander losgegangen wie die Teufel. O Männer, o Männer!

Nun lebe wohl, Herz, ich hab mich ganz lahm geschrieben, hoffentlich bringt all der Unsinn Dich ein klein wenig zum Lachen. Lebe tausendmal wohl! In inniger Liebe Deine

Renate

P. S. Der Brief blieb versehentlich liegen; nun muß ich ihn doch noch einmal öffnen, um meiner Begeisterung für Ulrika Tregiorni die Zügel schießen zu lassen, die eben wieder gegangen ist. Sie hat mir eine Klavierbearbeitung der Violinchiaconna von Busoni mitgebracht (viel schöner als die von Brahms!) und vorgespielt, daß es mich einfach hinweggefegt hat. Dann kam meine Orgel, und Gott sei Dank, ein klein wenig ist sie auch weg gewesen, und so wetteiferten wir denn. Zwischendurch hatten wir die herrlichsten Gespräche, von Bruckner, den ich nicht kenne, von Bach und Beethoven, den sie immer nur den Nabob nennt. Das paßt auch vortrefflich, und Du hättest sie hören müssen, wie sie das erklärte, wie Beethoven eine solche Üppigkeit sei, gewaltige Weinberge, beladen mit ungeheuren und süßen Dingen wie mit riesigen Trauben, allein — denke Dir, sie gab im Herzensgrunde Bach den Vorzug, allerdings wohl nur aus Egoismus, weil Beethoven kein Klavierkomponist war. Du wirst sie bald kennenlernen müssen. Dann wirst Du eher wissen, als ich, warum sie ein Mädchen ist und keine Frau.

Und nun adieu!

Magda an Renate

24. Oktober

Es war nichts, Herz! Ja, ich bin lustig gewesen, ich habe sogar viel mehr über Deinen lieben Brief gelacht, als mir selber begreiflich war, das rächt sich nun, und mir ist wieder elend. Bogner gehts auch schlecht, er sitzt stundenlang vor seinem Bild und raucht und sagt, es wäre die größte Schande seines Lebens, und er verstünde nicht, wie er das jemals wieder gutmachen sollte. Und wie glücklich könnte er sein, er, der doch immerfort sein Leben in Werke umsetzt, der wie kein Mensch sonst sieht, daß er etwas gemacht, daß sein Tag nicht umsonst war, nicht umsonst die Schlaflosigkeit der Nächte, und Essen und Trinken und Sichanziehn, alles nicht umsonst, weil etwas da ist, das er gemacht hat. Wir gleiten so dahin, verbrauchen das Heute, um uns Kleider für morgen zu machen, und die Stunden fallen uns nur so aus der Uhr, — kling — klang, wieder eine abgelaufen.

Dann hat mir auch der arme Jason wieder einen Schrecken eingejagt. Er schien ja wieder ganz wohlauf zu sein, nur sprach er kein Wort und ging gebückt umher, die Hände in den Taschen, und schien eigentlich nichts zu sehn. Dann merkte ich, daß er immer vor sich hinmurmelt, und heut abend — jetzt ist es Nacht —, wie Vater und Bogner und ich bei der Lampe sitzen und lesen, fängt auf einmal seine Stimme im Schatten an, und er sagt ein wundervolles Gedicht, das ich leider vergessen habe. Nach einer kleinen Pause fängt er ein andres an, und dann hört er nicht wieder auf, und es war wohl eigentlich wunderbar, er sprach nur leise, aber mit solchem Ausdruck, daß die Worte leuchteten wie Früchte und Blumen, und dann wars der sanfteste Regen, und dann warens auf einmal nur noch Worte, und es ging immer geschwinder, atemlos, unaufhörlich, ganz monoton, wie ein Uhrwerk, bis Bogner endlich aufstand, zu ihm trat, ihm die Hand auf die Schulter legte und ganz ruhig sagte: Nun ists genug. — Da wagte ich erst, zu ihm hinzusehn, und er saß da, in sich versunken, aber sein bleiches Gesicht war mit einer solchen Verzweiflung, solcher Sterbensmüdigkeit und auch mit solch kindlicher Ratlosigkeit zu Bogner emporgedreht, als ob der alles wüßte und gleich helfen könnte, — o, es war schaurig! Da sagte Bogner, er sollte ihm nun einmal ruhig erzählen, was ihm eigentlich fehlte, und er blickte ihn auch ganz gehorsam an und sagte: Das Gedächtnis, nur das Gedächtnis. — Was denn damit sei? — Ja, sagte er, es hat alles gefressen. — Ach, Renate, es ist zum Weinen, wie kindisch er das alles vorbrachte!

später

Er sagte, er sei als kleiner Knabe einmal auf den Kopf gefallen, und daher sei es wohl gekommen, daß er alles, was er lese, behalten müßte, und was er zweimal gelesen hätte, das würde er nie mehr los. O, sagte er wieder etwas muntrer, ihr müßt nicht denken, daß dieses nicht auch seine Vorzüge hatte, nichts auf der Welt ist ohne Vorzüge, und ich zum Beispiel, ich spreche alle Sprachen der Welt. Ich habe sie alle auswendig gelernt. Und er erklärte uns das, und sagte auch, er habe ja den eigentlichen Schaden erst nach Jahren bemerkt, wie das immer so gehe, wie auch mit Kindern, die alle erst herrlich gefunden würden, und später taugten sie gar nichts. Aber erst, wie er schon fast erwachsen gewesen sei — ja, denke Dir, er ist schon über dreißig und sieht kaum wie zwanzig aus — habe es sich zu einer richtigen Krankheit entwickelt, einem Katarrh, einer Cholera, und erst in Zwischenräumen von Monaten, dann immer häufiger habe er Anfälle, die manchmal wochenlang dauerten, da gefalle es dieser Charybdis von Gedächtnis, alles Eingesogene wieder auszuströmen, und damit verfahre es ja nun ganz methodisch, indem es sich immer in gewissen Grenzen halte, mit kleinen, niedlichen Variationen, und wenns einmal Gedichte wären, so wärens ein andermal Dramen, auch halte es sich streng an die Sprachen und verwechsele Englisch niemals mit Finnisch, obgleich eins so greulich wäre wie das andre. O, stöhnte er dann laut, wenn doch endlich, endlich einer käme, der mir mit einem einzigen Beilhieb diesen Schädel entzweispaltet wie eine Nuß, daß ich das Ganze herausnehmen und zerquetschen kann, — aber — und da fiel er wieder zusammen — ihr habts ja nicht gewollt.

Ja, da bin ich freilich auch zusammengefallen und konnte nur noch in mein Zimmer hinaufgehn und mich aufs Bett legen.

Ich, Renate, ich, ich bin es doch gewesen, die ihn zweimal verhindert hat, sich zu erlösen, ich, in meinem Unverstand, ich habs nicht zugelassen, daß er sich ausruhn dürfte, und nun sage mir, ja, sage mir, wenn Dus weißt, wie ich das jemals wieder gutmachen soll!

Magda

Renate an Magda

Am 24. Oktober

Auf einmal, wie ich vor der Orgel sitze, sehe ich im kleinen Spiegel über mir, daß Irene mitten in der Kapelle steht. Ich breche ab, frage: Irene? Ist er wieder gesund? — Sie steht da, hat die Augen niedergeschlagen und lacht. Dann wird sie nachdenklich und sagt: Die Wege des Himmels sind außerordentlich ... Und lacht wieder. Ich ahne sonderbare Dinge und herrsche sie an: Steh Rede, Irene! — Was meinst du, fragt sie da mit tödlichem Ernst, ob ich ihn wohl heiraten soll? — Wie kann ich das wissen, Irene, du mußt doch wissen, ob du es willst! — Ja, ich will wohl, sagt sie, wenn das genügt, er will auch. — —

Ja, ja, Magdachen, die Wege des Himmels sind außerordentlich ...

Wobei mir einfällt, daß ich ganz vergessen habe, Dir von einem Freunde zu schreiben, ja, Freunde, kann ich wohl sagen, obwohl wir uns erst drei Tage kennen. Du siehst, er ist mir schon so gewohnt, daß ich vergaß, Dir von ihm zu erzählen. Wie er aussieht? — Er wird dreißig Jahre alt sein, ist ziemlich groß, aber mager, Kopf und Gesicht sind klein, aber zart, zart auch das blonde Haar und die Nase, die im Profil mit Stirne und Kinn eine schräge Linie bildet, und die hellblauen Augen sitzen ein wenig flach und sind länglich geschnitten. All das, mit der hohen Kopfform, ist ein wenig fremdartig, wie von einem mir unbekannten Volke. Der Ausdruck ist sehr ernst, sein Gehaben still, seltsam innig sein Lächeln. Ja, so sieht er wohl aus. Im Konzert blickte er mich vom weiten an, ganz ruhig, anders als die andern Menschen, und hinterher kam er, verbeugte sich und sagte irgend etwas wie: Er hätte das Gefühl, als ob er mir dienen könne, oder so. Womit aber? fragte ich, doch einigermaßen verwundert, worauf er mir freundlich meine Garderobemarke aus der Hand nahm und sagte: Augenblicklich wohl dadurch, daß ich Ihren Mantel hole. — So hatten wir uns kennengelernt. Auf dem Wege zu meinem Wagen waren wir schon so in ein musikalisches Gespräch vertieft, daß ich den Wagen wegschickte und den ganzen Weg nach Hause — gut dreiviertel Stunden — mit ihm zu Fuß durch die Nacht ging und nachher noch eine halbe Stunde vor dem Hause auf und ab, und dann hat er noch bei mir Tee getrunken. Möglicherweise ist es mein verstorbener kleiner Bruder Albrecht. Er spielt Geige, aber sein Beruf ist das nicht. Übrigens weiß ich nicht einmal, ob er einen Beruf hat; er bemerkte nur einmal gelegentlich, er beschäftige sich mit Geschichte. — — Ja — so: er heißt Saint-Georges. Den Vornamen weiß ich nicht, und es machte sich schon so, daß ich ihn Georges nannte.

Am 26.

Dies schrieb ich vorgestern, nun ist Dein Brief da, und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wenn ich denken müßte, wenn ich fürchten müßte, daß die Dunkelheit jener Stunde, in der Du mir schriebst, anhalten sollte, so hielt ichs nicht aus vor Angst. Ich bitte Dich, schreibe mir gleich ein paar Zeilen, ob es so ist, dann komme ich sofort, es muß gehn, was nützt Schreiben! Ich muß bei Dir sein, und wenn ich Dir selbst nicht helfen könnte, so wüßte ich doch, daß Du nicht allein bist. Ich bitte Dich, schreib! In Liebe und Sorge

Renate

Viertes Kapitel: November

Magda an Renate

4. November

Was soll ich schreiben? Deine Briefe lese ich oft, das ist so gut, als wärest Du bei mir. Du bist glücklich und heiter unter lieben Menschen, was solltest Du hier? Man muß doch mit allem allein fertig werden.

Mit mir will es nicht so recht vorwärts. Der Herbst fröstelt mich so. Des Nachts wache ich oft auf und gehe ans Fenster. Es ist windig und ganz schwarz draußen, ich weiß, daß draußen alles voll Trümmer liegt. Dahinter steht das schwere Tosen der See, manchmal glimmen Sterne und erlöschen schrecklich jäh. Dann rauscht der Regen, endlos. Ich mache Licht, liege, denke. Manchmal, halb im Traum, scheint mein kleines, erleuchtetes Zimmer mir die Kajüte von einem großen Meerschiff, das unendlich fern von euch durch die schwere, nächtliche See stürzt. Manchmal sehe ich schreckliche Dinge und kann doch die Augen nicht abwenden. Ich sehe einen Menschen, der langsam in einen Sumpf versinkt. Alles ist meilenweit mit Nebel bedeckt, tödliche Öde, und er sinkt und sinkt, und ich sehe zuletzt nur noch einen Arm, der um Hülfe flehend gräßlich herausragt. Ach, so versinkt mir jeder Tag, und es giebt keine Hülfe. Und dann diese Nächte, dies verzweifelte, dumpfe Stöhnen der Natur, die ohn Unterlaß den entsetzlichen Kampf kämpft bis gegen Morgen, die ganze, schwere, verworrene Nacht. Dann weiß ich: der Tag wars, der sich daraus hervorgerungen hat. Da liegt er nun halb entseelt, sterbensmüde und hat zerbrochene Augen.

Wunderst Du Dich, daß ich dies so verstehe? Mich wunderts selbst, denn früher kannte ich die Natur ja nicht. Sie war etwas Liebes, Schönes, zum Drinherumgehn und sich Freuen. Nun ist mir alles so furchtbar verwandt geworden, und was ihr geschieht, fühl ich am eigenen Leibe.

Jason schleicht hinter Bogner her den ganzen Tag und erzählt ihm auf Schritt und Tritt. Einmal mußte ich so lachen, es kam mir so vor — der überlaufende Jason hinter Bogner — wie der aufgeschnittene Hirsebeutel in Andersens Märchen, den die Prinzessin um den Hals hat, als der große Hund sie zum Soldaten trägt. Haben wir nicht einmal Märchen gelesen? Das muß viele, viele Jahre her sein.

Abends sitzen wir alle zusammen und hören Jason zu. Vater und Bogner trinken ihren Grogk; ich sticke ein wenig. Ich glaube, ich werde den Winter lang durch die ganze Literatur kommen, Hebbels Dramen haben wir schon alle gehabt, jetzt hören wir Storm. Es geht seit einiger Zeit merkwürdig im Zickzack. Als er Frau Marie Grubbe kaum angefangen hatte, geriet er auf einmal ins Dänische, da mußte Bogner ihn abstellen, und auf einmal merkte ich, daß er in Aquis submersis war. Ich freu mich schon auf Keller, von dem ich nur das Sinngedicht kenne.

Alles nimmt mich so hin! Neulich war noch ein schöner Tag, so leicht und bläulich, daß ich mich gar nicht fürchtete vor aller Kahlheit. Da ging ich gegen Abend den Sandweg auf Lüdersens Deich gegen die Windmühle hinauf. Ach, wie mußte ich plötzlich stehenbleiben und nach den Birken sehn, an denen noch ganz wenig zitterndes Gold hing und tropfte; zwischen ihnen war der Himmel, aus reinem Purpur und ganz nah, und davor trieben leise, leise die goldenen Flocken herunter. Alle Schwere schien mir da fortgenommen, ich dachte, so müssen die Hände von Sterbenden sein, die schon erleichtert sind innerlich von der ganzen Leichtigkeit eines neuen Daseins. Ja, das war die letzte Zärtlichkeit des Jahres. Und wie ich da plötzlich den Weg vor mir steigen sah, grade in den leeren Abendhimmel hinein, als ob er jenseit des Hügels, anstatt hinabzusinken, schweben würde, — ach, wunschlos sein! riefs da in mir, so wunschlos dem Ende hingegeben! Ich breitete die Arme aus, als sollte es mich nun erfüllen mit Stille und Frieden und Dankbarkeit, — zu jedem Dienst wäre ich ja bereit gewesen!

Es kam natürlich nichts. Nur die Nacht.

Alles, alles, alles ist verändert. Was ewig stille zu stehn schien, das entgleitet mir nun leicht wie ein Kahn, — nein! Ich selber treibe mitten im Fließenden, tief drin, als sei ich schon unendlich weit hergekommen. Reifen würd ich, schriebst Du vor Ewigkeit; warum? wozu? Und wenn ichs täte — mir wäre es herzlich unwillkommen; hart scheint mirs und sehr, sehr verfrüht.

Dienstag

Heute morgen bin ich doch vor mir selber erschrocken. Mein Haar war mir so schwer geworden, ich wollte mich anders frisieren, da sehe ich plötzlich meinen Mund im Spiegel. Der war so heiß und so dunkel, ich mußte an eine Wunde denken, habe freilich noch keine gesehn. O wer hat mir die zugefügt? Kein Mensch, o nein! Solche Wunden sind ja nicht menschlich, es muß wohl das Leben selbst gewesen sein, weil es mich haßt; es hat mich ja längst aus seinem Gebiet gestoßen, und doch lebe ich noch immer. O, und ich schäme mich, unter die Andern zu gehn mit meinem Munde, mit dem Zeichen der Verstoßenen. Er sah so gierig aus. Mich graute.

Sonnabend

Wieder ein paar Tage hingebracht. Nein, Du sollst nicht kommen, auch Du wärst viel zu laut und schön; wo Du bist, ist Musik, wer möchte hier wohl tanzen? Sie müßten sich alle wundern. Jason ist mit Storm fertig, alles höre ich ja leider nicht, weil er auch tagsüber spricht, wenn ich zu tun habe, nun hören wir die Seldwyler, einen nach dem andern, es ist sehr lustig.

Auch Bogner geht es schlecht. Mein Bild kränkt ihn, an dem er nun malt, o ich weiß wohl, woher das kommt! Er will mich lebendig auf seiner Leinwand haben, und das soll ihm nicht gelingen. Ich sitze ihm fast jeden Tag ein paar Stunden, aber er malt fast gar nichts, nur der ganze Saal füllt sich allmählich mit Studien, ich weiß nicht, wann er die macht, fast denk ich, nachts im Dunkeln, er ist ja ein Zauberer. Er nimmt alles aus mir heraus, Stück für Stück. Möchte wissen, wie lange es noch dauert, bis ich leer bin. Ich fürchte, Jason mit seinen Geschichten füllt mich immer wieder ganz heimlich. Denn der sitzt immer dabei, redet und redet, manchmal lauter, manchmal leiser. Auch ist er nun oft verstört und gleitet von einem ins andre — schließlich giebt es ja kein Wort, das nicht auch wo anders stünde — und wir lassen ihn nun in Frieden.

Oft ist es in solchen Stunden doch ganz still. All das Leben, von dem Jason erzählt, braust in der Ferne wie Meeresbrandung, aber ich fühle wohl, daß ich irgendwie hinein verflochten bin, daß es auch mein Blut ist, das in diesen Menschen litt, und wenn ich recht darüber nachdenke, so erleichtert michs auch, Zusammenhang zu fühlen. Haben die Menschen früher nicht leidenschaftlicher gelebt? Und die Dichter, können sie dies alles erlebt haben? Ich glaube, ihnen erging es so wie mir, tiefer als Andre fühlen sie den Zusammenhang ihres Blutes mit allem andern; im eigenen Blut hören sie alle Stimmen, alles Schreien, alles Weinen, sehn das goldenste Lächeln und so schöne Landschaft, wie wir nie zu sehn bekommen, weil wir immer über uns hinwegsehn, nicht in unser Blut, wo alles erst wirklich wird. O, dann ist es süß, auf das Leben zu lauschen, wenn man draußen ist, es ist wie Weihnachten, wenn man durch die Ritze späht und sieht, wie drinnen die Lichter an zu brennen fangen.

Bald ist Weihnachten. Spitze Dich nicht auf ein Geschenk, gute Renate, ich hab eins angefangen, aber ich komme nicht vorwärts, und die Herzogin muß doch ihre Kleinigkeit haben wie jedes Jahr, und das geht wohl vor. Unsre Freunde können ja für uns darben.

Nun will ich diesen Brief doch abschicken, obwohl ich ihn eigentlich für mich allein geschrieben habe.

Und ich darbe. Schwesterlein, ich darbe, ich darbe sehr!

Deine Magda

Renate an Magda

12. November

Um Gottes willen, Kind, Kind, was ist das mit Dir! Ich habe wie eine Verzweifelte auf einen Brief gewartet, dann wurde ich ruhiger, nun dieser heute! Gott, weißt Du denn überhaupt, was Du schreibst? Und nun ist das Schrecklichste, daß ich selber mit Influenza daliege, schon seit vier Tagen, und acht kann es noch dauern. Könntest Du denn nicht kommen? Ich bitte Dich, komm zu mir, ich habe eine Angst um Dich, daß ich den ganzen Tag weine. Bitte, bitte, komm, Bogner kann Dich ja herbringen. Gieb um Gottes willen gleich Nachricht Deiner verzweifelten

Renate

Magda an Renate

15. November

Nein, Liebste, Du mußt nicht so in Sorge sein meinetwegen! Ich bin freilich krank geworden und hab mich ins Bett legen müssen, es spukte mir wohl schon in den Gliedern. Es ist aber nur ein Bronchialkatarrh und gar nicht gefährlich, und Du mußt nicht erschrecken, wenn ich Dich trotzdem bitte, diesen Zettel zu verbrennen, da es immerhin möglich ist, daß es Diphtheritis werden kann. Von Herzen Deine

Magda

Ferngespräch

Stimme hüben: Hier ist Fräulein von Montfort. Könnte ich wohl Fräulein Chalybäus sprechen?

Stimme drüben: Ja, unser Fräulein ist leider krank —

Hüben: Krank? Um Gottes willen, was fehlt ihr denn?

Drüben: Wie bitte?

Hüben: Was ist? Ich verstehe kein Wort! Was fehlt ihr?

Drüben: Ich weiß nicht, ich will —

Hüben: Rufen Sie doch bitte Herrn Chalybäus oder, — warten Sie! Sind Sie noch dort?

Drüben: Jawohl!

Hüben: Ist Herr Bogner vielleicht da?

Drüben: Ich will mal nachsehn.

(Lange Stille)

Drüben: Ja, hier ist Bogner.

Hüben: Hier ist Renate Montfort. Guten Tag, Herr Bogner!

Bogner: Guten Tag, gnädiges Fräulein. Ja, die kleine Magda hat sich leider hinlegen müssen. Sie schrieb Ihnen gestern einen Zettel. Es ist aber nicht bedenklich. Es ist nicht Diphthe—

Das Amt: Sprechen Sie noch?

Renate: Jawohl, ich spreche noch! Bitte, Herr Bogner, ich verstehe kein Wort! Was ist mit Magda?

Bogner: Nur Bronchitis! Es ist nicht bedenklich.

Renate: Ach Gott, es ist schon Unheil genug, daß sie überhaupt krank geworden ist, zu allem andern! Bitte, sagen Sie ihr doch tausend liebe Grüße von mir!

Bogner: Ich verstehe nicht ...

Renate: Grüßen! Vielmals grüßen! Sie wissen doch, wer ich bin?

Das Amt: Sprechen Sie noch?

Renate: Jawohl! Bitte, Fräulein, seien Sie so gut und unterbrechen Sie nicht fortwährend! Sind Sie noch dort?

Bogner: Jawohl! Und ich weiß genau, wer Sie sind!

Renate (nach einem Schweigen): Ich möchte noch — — Herr Bogner, ich werde, wenn meine Gesundheit es erlaubt, in einigen Tagen Ihre Mutter kennenlernen; in einer Gesellschaft.

Bogner: Wen? Ich kann nichts verstehn.

Renate: Ihre Mutter!

Bogner: So. Ja, bitte, grüßen Sie von mir!

Renate: Sonst darf ich ihr nichts ausrichten?

Bogner (nach einer kleinen Stille): Ja, bitte — wie meinen ...

Renate: Ich verstehe kein Wort.

Bogner: Ich verstehe Sie auch nicht, gnädiges Fräulein.

Renate: Ach, das ist abscheulich mit diesem Telephon! Also viele Grüße an Magda. Adieu!

Bogner: Wie bitte? — — — Sind Sie noch dort?

Das Amt: Sprechen Sie noch?

Stille

Ferngespräch II

Renate: Ist dort jemand?

Bogner: Hier ist Bogner. Guten Abend, gnä—

Renate: Herr Bogner? Das ist ja rätselhaft! Hier ist Renate Montfort.

Bogner: Rätselhaft? Ich finde gar nicht. Wenn ich nicht grade im Arbeitszimmer Chalybäus’ etwas im Konversationslexikon gesucht hätte, würde niemand das Telephon gehört haben.

Renate: Aber es war doch so sonderbar! Ich wollte Sie sprechen, und kaum daß ich das Amt um die Verbindung gebeten habe, kommt auch schon Ihre Stimme. Sie müssen wissen: Unser Gespräch am Montag hat mich schrecklich gewurmt. Es war eine unselige Art, unsre Bekanntschaft zu machen. Durch das Geschrei und die Zwischenfragen fortwährend kam ich mir ganz verzerrt vor; als müßten Sie mich in einem Hohlspiegel gesehn haben. Den ganzen Tag hat mich mein linkes Ohr geschmerzt, und immerzu hörte ich Sie: Ja, bitte — sagen. Kein Wort war zu verstehn. Warum geht es denn nun so herrlich?

Bogner: Sie riefen doch grade um die Börsenzeit an, wo alle Leitungen überladen sind. Jetzt, mitten in der Nacht, ist es natürlich still.

Renate: Mitten in der Nacht? Es ist kaum neun —

Das Amt: Drei Minuten! Ich breche —

Renate: Aber ich bitte Sie, Fräulein, Sie sollen durchaus nicht abbrechen, bis ich das Zeichen gebe! — — Sind Sie noch dort?

Bogner: Jawohl.

Renate: Wie schön beruhigend das heute klingt. Wir wollen unser Gespräch von neulich wieder gutmachen. Ich hätte Lust zu einem kleinen Nachtgespräch.

Bogner: Ich auch, wahrhaftig! Setzen wir uns!

Renate: Danke, ich sitze bereits. Sie stehen hoffentlich nicht an einer Wand?

Bogner: Nein, das war neulich, wo ich an den Nebenanschluß für die Dienstboten im Keller geriet. Jetzt sitze ich an einem vornehmen Schreibtisch. Und Sie?

Renate: Ich sitze auch am Schreibtisch. In meinem eignen Zimmer.

Bogner: Wie mag das wohl aussehn? Ich habe immer gern eine Vorstellung ...

Renate: Es hat ganz lichte Wände, und vor mir steht eine kleine Lampe mit gelber Stoffkuppel.

Bogner: Welch freundliche Erscheinung in der Nacht! Aber bitte, was ist ‚licht‘?

Renate: Also schilfgrün. Und kleine weiße Bilder, die Tänze von Hofmann, und auch Zeichnungen Ihres Namensvetters.

Bogner: Cellini? Der Schurke, da hat er Zeichnungen für Sie gemacht, und niemand weiß davon ...

Renate: Ach, Unsinn! Ich meine natürlich Genelli, Bonaventura! Ich verwechsele das immer. Aber nun berichten Sie mir erst von Magda! Am Telephon wird mir jeden Tag gesagt, es sei nicht schlimm ...

Bogner: Es ist auch so. Die Temperatur ist noch nie über achtunddreißig sieben oder acht gestiegen. Allerdings liegt sie ganz teilnahmslos.

Renate: Ach, es ist so schrecklich mit ihr! Wäre nur meine Influenza erst ganz vorbei! Sie wissen ja nicht, was in ihr vorgeht.

Bogner: Ich weiß, daß sie heftig erschüttert worden ist.

Renate: Sie mußtens wohl merken ... Ich wollte, Sie könnten ihre Briefe lesen. Sie selber hat an Ihren Studien erkannt, wie sehr Sie um ihr inneres Gesicht wissen. Auch das ist leider nicht gut für sie gewesen.

Bogner (nach einem Schweigen): Sie sollten das recht verstehn. Die Arbeit hat sonderbare Satzungen. Nun war das Gesicht der Kleinen jeden Tag ein andres. Das hat meinen Pinsel dermaßen erbittert, daß ich erst in diesen Tagen der Untätigkeit recht eingesehn habe, wie gewaltsam ihre Züge von innen heraus verändert worden sind.

Renate: Sie sind ein furchtbarer Mensch! Kennen Sie denn nun bloß körperliche, aber keine seelische Anatomie?

Bogner: Bisher malte ich nur Selbstporträte. Vor der seelischen Anatomie habe ich mich gehütet, seit ich einmal einen Menschen malen mußte, der im Sterben lag. Tatsächlich verhält es sich so, daß der innere seelische Aufbau sich in so klaren äußern Linien und Flächen absetzt, daß er nicht im entferntesten die Aufmerksamkeit beansprucht wie der körperliche. Die Seele geht immer unverhüllt. Wenige wissen es.

Renate: Könnte ich dann nur begreifen, woher Sie ein solches Wissen um die Menschen haben!

Bogner: Sollten Sie sich nicht täuschen? Sehende Augen sind eine Gabe, zusammenhanglos, und sind ein Gesetz, das man befolgt, widerspruchslos. Meine Augen kümmern sich nicht um meine Seele, gesetzt, ich besitze eine.

Renate: Ich hoffe doch ... (Nach einer Stille.) Es ist seltsam, wie wir unbekannte Menschen nun über die Meilen hin miteinander sprechen. Zwischen uns ist der Berg der Nacht; hier ist Schweigen, selten einmal rauscht der Nachtwind, und bei Ihnen ist das Meer.

Bogner: Wir würden, fürcht ich, weniger leichtherzig gegeneinander reden, wenn wir Auge in Auge stünden. Da wir unsichtbar sind wie zwei Götter, so halten wir uns auch für großmütig.

Renate: Sollte soviel Göttliches schon im Unsichtbaren liegen?

Bogner: Ja; im Unheimlichen. — Ich möchte Sie aber wirklich bitten, Magdas wegen keine Sorge zu haben. Im Gegenteil, meinetwegen kann diese Krankheit gar nicht schwer genug sein. Sie muß maßlos gegrübelt haben. Nun macht ihr Körper sie matt; es giebt eine Pause.

Renate: Maßlos gegrübelt, freilich! Und sich selbst beobachtet wie in einem Spiegel. Ich erinnere mich, daß sie einmal schrieb, sie habe über irgend etwas mehr gelacht, als sie selber habe begreifen können. Wer bemerkt so etwas — in ihrem Alter? Ich möchte Ihnen wirklich ihre Briefe schicken. Ich bin selber ganz ratlos, und zu Ihnen hat sie ein so rührendes Vertrauen ... Ich bin sicher, daß sie sich an Sie gewandt hätte, wenn nicht zufällig ich dagewesen wäre.

Bogner: Ich bin sehr ungewandt im Umgang mit Menschen. — — — Sprachen Sie meine Mutter?

Renate: Noch nicht — morgen.

Bogner: Mir schwant, Sie haben romantische Vorstellungen.

Renate: Vielleicht habe ich Vorstellungen, die Ihnen romantisch vorkommen mögen. Was wissen wir voneinander?

Bogner: Oho! Da muß ich sehr bitten! Ich kenne Ihre ganze Lebensbeschreibung.

Renate: Und ich die Ihre. Da kennen wir was Rechtes!

Bogner: Aber Sie haben Vorstellungen. Väterliche Verfluchung; fünfzehn Jahre; endliche Heimkehr ... Glauben Sie, daß ich verkleinern will?

Renate: Ich verstehe wohl: Sie wollen nur die Meinung — oder das Empfinden, einer Fremden abwehren, weil es — willkürlich ist.

Bogner: Ich habe nicht das Gefühl, als ob Sie sich aufdrängten ...

Renate: Ihre Mutter tut mir leid! Magda erzählte mir viel von Ihnen, da konnte Teilnahme nicht ausbleiben. Daß sie sich nun äußert, das bringt freilich ein völlig neues Moment hinein.

Bogner: Sind wir Feinde? Ich bin jedem guten Menschen gern zu Willen.

Renate (nach einem Schweigen): Was soll ich Ihrer Mutter sagen?

Bogner: Auch meine Mutter und ich sind keine Feinde.

Renate: Und Ihr Vater?

Bogner: Es kommt mir vor, als wäre ich nachts beim Schlafen an die Kette eines tiefen Brunneneimers angeschlossen, und nun muß ich ihn ganz heraufziehn. Er ist voll von eitel Gutherzigkeit.

Renate: Redensarten, Freund! Ich habe den Eindruck, an einen Starkstrom angeschlossen zu sein. Aber Sie schalten beständig Widerstände ein.

Bogner (nach einem Schweigen): Niemand war mehr im Recht als mein Vater vor fünfzehn Jahren. Er hatte einen struppigen, unmanierlichen, faulen und verlogenen Burschen vor sich und folgte seiner Pflicht, einen Bürger aus ihm zu machen. Dies nötigte mich, zu beweisen, daß er im Unrecht war gleichwohl. Nun hätte ich nach drei, nach fünf, nach zwölf Jahren zurückkommen können, und es wäre alles unverändert gewesen wie im ersten Jahr. Menschen sind nicht von Eisen, mein Vater hätte mir meinen Willen gelassen, aber ich hätte ihm nichts bewiesen. Wir haben verschiedene Wertmesser. Der meine ist das eingesetzte Leben und die Leistung vor — sagen wir vor Gott. Den seinen nennt er Bürgerwert und täglich Brot. Die Notwendigkeit, daß er leben muß, braucht er sich nicht zu beweisen, denn er hat Frau und Kinder; die Notwendigkeit meines Lebens kann ich ihm nicht beweisen, aber ich kann ihm zeigen, daß ich zu essen habe. Wenn ich heute heimginge, würde mirs geschehen wie dem Leonhardt Hagebucher ...

Renate: In Abu Telfan?

Bogner: Als er eintrat, herrschte große Freude. Dann hieß es: Was bringst du mit? Wenn ich nichts bringe, werde ich vor dem alten Mann stehn, als wäre ich siebenzehn. Ich hätte nicht gelebt inzwischen. Keinen Aufstand gäbe es deshalb, ebensowenig wie es heute noch Groll in ihm und Trotz in mir giebt. Niemand ist von Eisen. Aber er würde recht behalten haben.

Renate: Sind Sie nicht schon ganz schön berühmt?

Bogner: Freilich! Ein kleiner Federhut von Zeitungspapier.

Renate: Sie Unwahrscheinlicher! Haben Sie nie an Ihre Mutter gedacht? Haben Sie denn nie Heimweh gehabt?

Bogner: Heimweh? Nein. Mit Müttern ist das wohl seltsam und nicht zu beantworten. Sie sind so selbstverständlich. Es fühlt sich an, als könnte man, seis wo es sei, jeden Augenblick in ihr Zimmer treten. Mit einer Mutter läßt sich nicht rechten. Begreifen Sie nicht, Kind, daß ich die ersten fünf — acht Jahre wie ohne Besinnung gewesen bin? Soll ich Ihnen von der barbarischen Wut eines Zwanzigjährigen erzählen, der Jahre und Jahre hingehn sieht, und der alte Mann ist noch immer im Recht? Doppelt im Recht, denn weder vor den Leuten gilt man was, noch vor sich selber. — — Die Nacht ist schweigsam und groß — soll ich zu Ihnen hinüberrufen, wie das ist, wenn man mit dem Engel ringt und er einem auf die Hüfte schlägt? Giebt es nicht bösere Dinge als Heimweh? Als die Wut verraucht, als es klarer, stiller geworden war, hatte ich das Heimweh verloren. Seitdem sitzt es in meinen Fingern und mischt sich in alle Farben. Sagen Sie meiner Mutter, ich käme im Frühjahr.

Renate (nach einer Stille leise): Warum im Frühjahr?

Bogner: Gute Bedrängerin, dann werden die drei Freskobilder fertig sein, die der Herzog wünscht. Sein Gegengeschenk bietet mir für den Rest meines Lebens —

Renate: Würde es nicht — — würde es nicht genügen, wenn ich Sie bäte, meine Orgelkapelle auszumalen? Und Onkel hat so viele Beziehungen, er würde Ihnen sicher eine Ausstellung ermöglichen ...

Bogner: Danke tausendmal! Ich fühle, daß Sie sehr gütig sind! Aber ich möchte nichts ausstellen. Auch früher gab ich nur hier und da einmal ein Bild her, damit meine Eltern vielleicht eine Kritik läsen. Bisher habe ich nur für mich allein gemalt. Die Fresken sind nun die Probe. Ich male sie auf die Wand, da läßt sich nichts abkratzen. Wenn ich sie gelten lassen kann, ist es gut. Eher hab ich keine Sicherheit in mir selbst und kein Recht, nach Hause zu gehn. Tun Ihnen die Ohren noch nicht weh?

Renate: Ja, das linke schmerzt mich schon ein wenig.

Bogner: Das linke? Sie hören mit dem linken? Wie nett! Da sind Sie wohl auch taub auf dem rechten?

Renate: Nein, Gott bewahre! Aber Sie? Dann haben Sie wohl doch ab und an mit dem rechten Ohr hergehört? — Also ich sage Ihrer Mutter —?

Bogner: Im Frühjahr.

Renate: Und viel Liebes für Magda! Ich schicke Ihnen ihre Briefe.

Bogner: Haben Sie auch Dank! Es war eine schöne Stunde. Gute Nacht!

Renate: Gute Nacht.

Stille.

Herzog Woldemar an Georg

Trassenberg am 15. November

Mein lieber Sohn!

Wenn ich heute mit meiner alten Gewohnheit — die beiläufig aufs Haar so alt ist wie Du — keine Briefe zu schreiben, breche, so geschieht das aus keinem bestimmten, sondern vielmehr aus jenem, von verschiedenen Grundlosigkeiten gebildeten Grunde, der in seiner Unbestimmtheit um so schwerer zu wiegen pflegt, bei kleinen Taten wie bei großen. Mehr Ärgernisse am Tage als üblich, die gewöhnliche Schlafunbedürftigkeit hinterdrein, der alte Mangel, nicht auf und ab laufen zu können, das Umherflattern ungefestigt bleibender Gedanken, überdies eine kleine Sonderursache, auf die ich gleich kommen werde, schließlich doch auch die unablässigen Gedanken und Besorgnisse um Dein Ergehen, die sich einmal verdichten und sich sagen lassen wollen, — Gründe genug, sich verführen zu lassen, und der letzte soll gelten!

Nicht, als ob Deinetwegen Befürchtungen gegenständlich geworden wären. Daß Du die verabredeten, wöchentlichen Kartenberichte an Mama so pünktlich innehieltest, ist ja keine Tatsache von Belang, sei aber immerhin lobend erwähnt. Mama läßt Dir fürs erste halbe Dutzend liebevoll danken, freut sich im übrigen auf Weihnachten und begeht wieder einmal ‚Advent!‘sonntage. — Mein Empfinden gegenüber der Nachricht auf einer Deiner Karten, daß Du im Schwabenkorps aktiv geworden bist, entsprach genau der von Dir gebrauchten Wendung: „Gegen Papas zwar nicht ausdrücklichen Wunsch — Du weißt, ich habe nach wie vor keine — aber doch inneres Widerstreben.“ Da Du so freundlich warst, mich zu erwähnen, so erlaube mir heute ein Wort zur Sache.

Der Betrieb im Korps ist mir ja aus zwei Studiensemestern bekannt, wo ich Konkneipant der Preußen in Bonn war, und er wird sich, da seit Jahrhunderten ziemlich ungewandelt, auch in den seither vergangenen zwanzig Jahren kaum verändert haben. Ich habe ferner im Leben unter ehemaligen Angehörigen des S.-C. ebensoviel Unleidliche und Brauchbare gefunden, wie sie im ganzen Daseinskreise verteilt zu sein pflegen. Im übrigen schien mir das Korps da zu sein: einerseits für die ganz Windigen, deren völlige Zerblasenheit zu verhindern mir das Korps immerhin imstande zu sein schien; andrerseits als Manierenanstalt für die aus irgendeinem Grunde unerzogen gebliebenen Söhne der Oberklassen. Bleiben noch die Vereinzelten, darunter jene, die sich gedrängt fühlen, leitende Stellen einzunehmen, anzuordnen, zu herrschen, und jene, denen das Korps heute noch bedeutet, was es ursprünglich war, nämlich Gelegenheit, kameradschaftlichen Anschluß zu finden. Im ganzen also eine Zuchtanstalt, in der wie in jeder andern der Begabte — mit Lebenskraft begabte — gut besteht, der Mittelmäßige sich durchdrückt, der Verlorene sich verliert.

So ist die Frage, aus welchem Grunde Du sie aufgesucht haben magst, wohl unausbleiblich. Vielleicht beantwortest Du sie mir gelegentlich mündlich; neugierig bin ich nicht. Setze deshalb noch hinzu, daß ich mich zu erinnern glaube, Dir stets, wie auch in einem eindringlicheren Gespräch am Vortage Deines letzten Geburtstages, den Vorschlag gemacht zu haben, Du mögest Dich dorthin begeben, wo sich Menschen — oder sagte ich, reiche Menschen? — nun jedenfalls Menschen aufhielten, nicht Leute. Den Einzelnen riet ich Dir und beanstande freilich in keiner Weise die Möglichkeiten, daß auch im studentischen Korps deren zu finden sind.

Und nun zu der oben erwähnten Ursache!

Da habe ich Dir zunächst herzlich Dank zu sagen, daß Du fortfährst, wie früher durch Büchersendungen mir den Erwerb von Kenntnissen in schöner Literatur zu erleichtern und zu fördern. Nun fand ich im letzten Paket ein Buch, das vermutlich auch Du gelesen haben wirst, für dessen Bekanntschaft ich Dir ganz besonders verbunden bin, das mich während der letzten Wochen begleitete und ein reicher Quell von Freuden und Erkenntnissen für mich wurde, ich meine — vielleicht hast Du es schon erraten — die Pilgerfahrt Sebald Soekers von Knoop. Freilich ein Buch, dessen humane Werte — obgleich ich mir in litteris ja kein Urteil anmaße — die künstlerischen mir zu überwiegen scheinen, oder findest Du die Menschen darin nicht auch ein wenig bläßlich, schattenhaft, mit wenigen Ausnahmen wie dieser famose kleine Freiherr Skarpl? Auch denke ich besonders an den zweiten Teil, die Erinnerungen Sebald Soekers, deren Stil und Charakter, deren ganzes Leben und Regen mir in wundervoller Weise die Gestalt eines wahrhaft aristokratischen Menschen vor Augen stellten. Und was die erwähnte Bläßlichkeit anbelangt, so scheint dieser Schatten mir immerhin wieder auf einen Vorzug vor den meisten Büchern unserer Tage zurückzugehen, nämlich auf eine Abneigung gegen das ‚Psychologische‘, wo sich denn bei allen derartigen Erzeugnissen das Wort Psychologie mit „Seelenforschung ohne Menschenliebe“ wohl übersetzen ließe. Und mit dem Überhandnehmen des Psychologischen scheint mir auch der demokratische Zug in die Literatur eingedrungen zu sein und der, freilich lange blaß und vielfach abgeschmackt gewordene aristokratische daraus sich entfernt zu haben.

Du erinnerst Dich vielleicht eines Reisegespräches aus unsern Augustfahrten über aristokratisches und demokratisches Wesen; und erinnerst Dich auch, daß wir im Kern des Aristokraten ein Beruhen, in dem des Demokraten die Bewegung fanden. Wir einigten uns auf die demokratische Tendenz alles Geistigen und kamen zu dem Schluß, daß, wenn es den Vorzug des Aristokraten bilde, vertrauensvoll auf eine Tradition, auf das gesicherte Gewordene zurückzublicken, der des Demokraten eine unbegrenzte Gläubigkeit an das Kommende sein müsse. So könne also, meinten wir, wenn ein Charakter von annähernder Vollkommenheit sich bilden solle, eines das andre niemals ausschließen, sintemal verharrender Blick auf das Vergangene sinnlos und albern wäre ohne den Blick darüber hinweg in eine, das Aufgespeicherte nützende und fortbildende Zukunft, ebenso wie für das Zukunftsvertrauen unerläßlich sei der Glaube an einen, von Vergangenheit wohlvorbereiteten und gesicherten Boden. Aristokratischer im Kerne vielleicht — nur vorsichtiger Demokrat — glaubten wir, solle der Mensch sein unter Menschen, der Tätige; demokratischer der Geist, beweglicher, leichtherziger gegen den Boden als gegen seine Flügel und Flüge.

Ich würde mich freuen, wenn wir mit neuem Anlaß und in neuen Richtungen das alte Gespräch zu Weihnachten wieder aufleben lassen könnten. Nun, jedenfalls, die Bestätigung für alles eben Gesagte fand ich im Knoop und in ihm den wahren, inneren Aristokraten in vorzüglicher Reinheit. Da fällt mir das ausgezeichnete Wort ein: „Die eigentlichen, inneren Aristokraten werden von den Weltbegebenheiten selten zur Macht geführt; sie wünschen es auch gar nicht, halten sich zart und hochgemut beiseite.“ Wohin, mein Sohn, schreiben wir uns dieses? Hinter die Ohren schreiben wir es uns. Und dann das andre Wort — wahrhaftig, wenn ich an jenem Tage, wo ich, nach alter Väterweise, versuchte, etliche eigene Erfahrungen in nicht allzu lehrhaften Lehren für Dich zu kristallisieren, dies Buch gekannt hätte, so würde ich nicht unterlassen haben, Dir das vollkommene Wort vorn in den Cellini hineinzuschreiben, jene wahrhaft erstaunliche Erklärung des Begriffes Freiheit, als welche sei: Gebunden sein an sich selber und an die höheren Mächte; nur nicht an seinesgleichen! — Nun immerhin — was jene Stunde anlangt, so halfen da ja keine Worte, und ihre Bestandteile waren, wenn nicht der Zustand, in den sie als Ganzes Dich versetzte, Dir eine untilgbare Narbe einbrannte, sicherlich nichtswürdig.

Womit es genug sei für diese Nacht. Allein noch eins. Doktor Birnbaum stellte fest, daß Knoop in München lebt. Suche ihn auf; ich hoffe, er wird Dich nicht abweisen. Man weiß ja nicht, in welchen Verhältnissen er lebt. Vielleicht ließen sich aus der Bekanntschaft mit ihm Vorteile von hohem geistigen, oder sei es auch von tatsächlichem Werte ziehn; vielleicht gehts ihm schlecht, und ihm muß geholfen werden. Kennst Du niemand, der Dich einführte? Ich denke, auch nur ein Besuch bei ihm müßte für Dich höchst gewinnbringend sein.

Dieser Brief erheischt naturgemäß, freiwillig, wie er sich einstellt, keinerlei Erwiderung. Du wirst genug mit Dir zu tun haben. Bleibe gesund, mein Junge, vor allem gesund, in diesem Wunsche gipfeln all meine Besorgnisse auch um Deine seelische Erhaltung. Eben kommt Mama herein und will ihren Namen darunter kritzeln — der Blinde zum Lahmen! Jagt mich ins Bett und ist selber nicht drin! Gute Nacht, Junge!

Dein
Vater

Papa und Birnbaum ‚wetteifern seit einiger Zeit einmal wieder in Nokturnos‘, wie Dein Freund Morgenstern sagt. Gute Nacht, mein Freund! Deine

Helene

Georg an seinen Vater

München am 19. November

Mein guter Papa:

Die Mama setzt einen doch immer wieder in Erstaunen! Ein einziges Mal im Leben habe ich ihr nun eine halbe Stunde lang Morgenstern vorgelesen — zu ihrem höchsten Vergnügen, kannst Du Dir denken! — und wie es scheint, hat sie ihn auswendig behalten und tritt glänzend damit hervor. Lieber Gott, was seid Ihr doch für zwei Menschen! Ich weiß, Papa, ich weiß, daß derlei Ausrufe die natürlichen, den Gefühlen gesetzten Schranken durchaus überschreiten, aber mögen sie einmal!

Erlaube im übrigen, daß ich mit einer leichten Verlegenheit die Feder ergreife. Auch sie ist, wie der Grund Deines vereinsamten und um so freudiger begrüßten Schreibens, aus mannigfachen Anlässen zusammengestückt, von denen ich ein paar herzählen zu dürfen bitte: Verbundener Kopf mit 37 Nadeln und einem Knochensplitter von drei Zentimetern (innerlich gleichwohl schon wieder klar; es war am Samstag!); ferner nicht unerheblich Deine Auslassungen über Korps usw. Alsdann ein Gewisses, eben schon Erwähntes, wovon gemeinhin unter uns nicht die Rede zu sein pflegt, — ich meine — Gefühle, und zwar sowohl solche Deines Briefes selbst — in und zwischen den Zeilen — als auch solche, mit denen ich ihn las. Und von diesen gestatte noch ein Wort, das anstands- und vorsichtshalber in der Bildersprache geredet sei. Nämlich:

Zwei Erinnerungsbilder erschienen mir während des Lesens mit besonderer Deutlichkeit nacheinander. Das eine aus dem ersten Jahr meines Altenrepener Lebens und aus dem Pragerschen Hause, — kurz: Benno bekam eine Ohrfeige von seinem Vater; Obertertianer waren wir; den Grund vergaß ich. Es war die erste dergleichen, die ich sah, und ich weiß noch genau, in welche Freundschaftsängste mich die zuversichtliche Einbildung versetzte, Benno scheide mit diesem Augenblick entweder für immerdar aus dem väterlichen Hause, oder aber jedes Gefühlsband zwischen ihm und dem Alten sei unheilbar zerrissen. Freilich — keines von beiden; es war nur meine erste — nicht Bennos erste Ohrfeige. Die letzte allerdings; ich glaube, mein Gesicht, als ich sie bekam, hat der Alte nicht vergessen.

Das andere Bild stellt Caligula dar, nicht den Kaiser, sondern Oberlehrer Karlchen Müller, den wir so nannten, weil Caligula Stiefelchen bedeutet, und so sah er aus. Im übrigen ehrten wir ihn äußerst, aus weiter keinem Grunde, als weil er, wenn er einmal etwas nicht wußte, die Gewohnheit hatte, zu sagen: Tscha, das weiß ich nu mal gleich nich; das muß ich erscht nachschlo’n. — Dies Zugeständnis der Unwissenheit machte immer von neuem tiefsten Eindruck auf uns.

Guter und großherziger Papa, muß ich noch Beziehungen aufdecken? Verwandtschaften und Gegensätze? Denn nicht umsonst bist Du ja der kluge Vater eines so begabten Sohnes und weißt, daß nichts den Glanz des Wissens derart zu vertiefen imstande ist wie die gelegentlichen und spärlichen Eingeständnisse des Nichtwissens; und weißt, daß kein Kaiser seinen Nachkommen tiefer in Beschämung zusammenrütteln kann, als wenn er ihn — als Kaiser, den kommenden, behandelt; als seinesgleichen.

Nun erst zum Besten, ja zu einer der kostbarsten Stunden meines Lebens, als die ich sie immer zu bewahren hoffe. Ich war bei Knoop. Es traf sich, daß ich bereits von Dr. Bödeker, dem Redakteur des Altenrepener Kurier, eine Empfehlung an ihn bekommen hatte. Ich zögerte noch, ihn zu behelligen, da kam Dein Brief, und ich ging.

Nein, leider, ihn uns zu verbinden, wird auf keine Weise gelingen. Ich fand — in einer schönen Bürgerwohnung — einen kranken Mann mittleren Alters, klein, gebrechlich aussehend, mit einem hängenden, schwarzgerandeten Kneifer, schlichtem, dunklem Haar, — und irgend etwas an ihm mutete mich japanisch an, was, kann ich nicht sagen. In seinem Gesicht aber fand ich — wenn es in seinen Augen zu rieseln begann und die Lippen sich über den sehr schlechten Zähnen verzogen — etwas Herrliches wieder: das Lächeln Maler Bogners. Hast Dus gesehen, Papa? Du mußt es gesehen haben! Ach, es war vielleicht noch kostbarer bei Knoop, denn — es war schmerzlich, und es war, als ob der tief aus innen quellende Glanz der vollkommenen Leidensgüte mich ganz überrieselte, wenn dieser kleine, kranke Mensch hinter seiner Stuhllehne stand — er bat gleich, seines Leidens wegen stehen zu dürfen — und hin und wieder zu seinen Worten lächelte. — Ja, der kann nun wieder nicht sitzen, — und ich hockte da in meiner Gesundheit und pries mich glücklich und dachte an Mama und an Dich, und daß irgendein furchtbarer Riß von Verkehrtheit in der Welt sein muß — — ja.

Er führte mich bald ins Nebenzimmer, wo ein großer, häuslicher Tisch war mit einem Samowar und großen russischen Teegläsern in schweren Silbereinsätzen, und am Tisch seine Frau, ein junges Mädchen, deren Zugehörigkeit mir dunkel blieb, und ein Gast, wie es schien ein Kaufmann aus Rußland. Auch seine Frau war verehrungswürdig, mit fabelhaft lebensvollen, klugen und guten braunen Augen in einem blassen, nicht eben schönen Gesicht, das aber ganz leuchtend war von prachtvoller Frauenhaftigkeit und tiefem Leben, — wohl hoch in den Dreißigern alt. An irgend etwas, über das wir sprachen, kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur an sein Lächeln. Und so gewiß es ist, daß es Lebensstunden des Übermaßes giebt, des Glückes, der Freude, die unvergeßlich bleiben müssen, so gewiß glaube ich zu fühlen, daß keine sich tiefer einbrennen kann, ja vor allem keine in späteren Jahren eine so leuchtende und herztröstliche Wiederkehr feiern kann wie diese stille, in nichts faßliche, die ich neben dem armen kranken Manne Gerhard Ouckama Knoop verleben durfte.

Deine Erinnerungen an unser, mir freilich höchst gewärtiges Reisegespräch haben ein zweites zutage gefördert, das ich aus Anlaß Deiner Briefäußerungen mit einem reizenden Menschen hatte: Ernesto von Riesa, bei uns i. a. C. B. — leider bereits! — studiert Literaturgeschichte vorwiegend, vollendet eben eine dickleibige Doktorarbeit über ein Thema aus der Theatergeschichte und hat vor, Intendant zu werden. Geruhe vielleicht, Dir den Namen zu merken. Einige aphoristische, oder besser fragmentarische Auslassungen, die unser Gespräch abwarf, und die ich zu Papier brachte — ohne mehr genau sagen zu können, auf wessen Kosten von uns Beiden dieses oder jenes darin kommt — füge ich bei.

Der Eintritt ins Korps war — seis gestanden! — soweit sich das heute schon übersehen läßt, nicht viel mehr als eine Eselei. Zwar bin ich zu Ausschweifungen äußerlicher Art höchstens nur in sehr sporadischer Form geneigt, und so hat es in diesem Betracht keine Gefahr, zumal, trotz Trinkzwang, wer sich in Ausschweifungen stürzt, dies auf eignen Trieb hin tut, — allein Zeitvergeudung ist auch ein Fehler, und hier haben wir ihn. Mich bestrickte der Anschein eines gewählten Kreises von gutgewachsenen, freundlichen und gesitteten jungen Leuten, die meine Lebensneigungen — in freilich so überraschender Weise zu teilen schienen, daß es mich hätte stutzig machen sollen. Nicht daß sie logen, natürlich! Vielmehr verfügen diejenigen, die den meinen entsprechende, also vorwiegend literarische Neigungen betonten, wirklich über etwas derart. (Es giebt ja heutzutage so viel gute Bücher, daß schon etwas dazugehört, niemals einem begegnet zu sein und diese Bekanntschaft am passenden Ort zu erwähnen!) Und da sie mich keilen wollten, holten sie alles hervor, was sie hatten, dieweil sie selber und zur Zeit besonders ganz andre Bahnen wandeln. Immerhin — Menschen fehlen — siehe Ernesto Riesa — nicht völlig, und Wert oder Unwert steckt, wie ja in keiner Sache selber, so auch nicht in dieser, sondern wird sich an mir zeigen, wenn ausgelöffelt ist, das heißt — nächste Ostern.

Der Schädel aber macht sich nun doch mit ein wenig Hitze bemerkbar. Nota bene meine zweite Mensur, da ich ja schon in A. gut fechten gelernt habe, was mir nun zugute kommen wird, dieweil ich so eher C. B. werde. Die erste endigte mit Abfuhr auf Gegenseite nach dreieinviertel Minute; dafür bekam ich diesmal einen härteren Gegner, alle Hiebe glücklicherweise auf den Kopf.

Nun innige Grüße an die arme Helene! In Ehrfurcht, Begeisterung und Liebe wie stets Dein Sohn

Georg

Einige Feststellungen über den Unterschied von aristokratischem und demokratischem Wesen

Der Unterschied von aristokratischem und demokratischem Wesen liegt im Besitz.

Besitz verleiht Macht, Macht verleiht Freiheit, Freiheit Sicherheit, Sicherheit Haltung und Haltung Adel. Besitz von Ämtern, Würden, Ahnen (von Vergangenheit), von besonderen, vereinzelten oder seltenen Eigenschaften, etwa ritterlichen Tugenden, von Menschen und von Erde.

Besitz von Erde: der schlichteste, weil natürliche; der tiefste, weil voll Geheimnis; der schönste, weil unendlich reich an Pflichten. Knoops Seebald Soeker: ‚Am adeligsten aber ist Bauernadel.‘ Denn das Leben des Bauern ist Beschäftigung mit dem ‚lebendigen Kleide der Gottheit‘. Durch seine Hände fließt alljährlich das goldene, mit dem Worte Gottes tausendmal eng bestickte Band des ausgesäeten Kornes.

Gleichwohl fand Bauernadel nur selten einen Ausdruck in Vornehmheit, in adliger Erscheinung und Gehaben, und zwar dies aus unterschiedlichen Ursachen, darunter vorzüglich: Abwesenheit einer hervorragend aristokratischen Eigenschaft, des Vertrauens. Der Adlige, sicher seiner selbst, verlangt, daß man sich auf ihn, auf sein Wort, seine Ehre verläßt. Sein Wort ward Eid. Er weiß, daß der Herr, dem er dient, dies tut, bringt daher das gleiche Vertrauen auch denen entgegen, die ihm dienen, bis zur Torheit, bis zur Tollheit. Auch hier Überlieferung, Wert des Gealterten, Vererbten: wie schon seine Ahnen dem Fürsten dienten, so dienten die Väter seiner Knechte seinen Ahnen, so wäre Mißtrauen entehrend. Beschützertum und Dienstpflicht sind beide undenkbar ohne Vertrauen. (Hartmann von Siebeneichen; Volksballade vom Knecht, der den Herrn erschlug.)

Aber der Bauer — solang er leibeigen war, übrigens ohne Besitz — ist zu doppeltem Mißtrauen genötigt. Mißtrauen gegen die Natur, durch die er lebt, deren Gunst oder Ungunst er niemals sicher ist, die ihn tausendmal enttäuschte, zu hintergehen schien; und Mißtrauen gegen den Menschen, Knecht und Magd, die nicht besitzenden Unfreien, die widerwillig schaffen, weil für den Herrn, nicht für sich selber, die deshalb unablässige Überwachung, unablässiges Mißtrauen erfordern. Mißtrauen ist ein Charakterzug aller Köpfe alter Bauern.

 

Der einzige Besitz, der nie und nirgend Adel verlieh, ist Geld.

Noch hat der Mensch nicht vergessen, daß zum Begriff des Besitzes Dauer und daher Eigentum, das Persönliche, unerläßlich sind, um ihn vollkommen zu machen. Folglich ist Besitz nur möglich im Geistigen und im Gegenständlichen, Irdischen. Geld gehört jedermann und wechselt unter jedermann beständig. Patrizieradel hat in andern Besitztümern seine Ursprünge, auch er zuerst in dem von Geschlechtsalter.

 

Zum Wesen des Nichtbesitzenden, des Demokraten, gehört das Streben, das Verlangen nach Besitz, also die Ansicht von unrechter oder ungerechter Verteilung — um der eigenen Rechtfertigung willen —, also Mißtrauen. Immer haftet ein Schatten demokratischen Wesens den Allzugeistigen an, jenen, die zwar erwerben, aber nichts besitzen, weil sie nichts schaffen.

Wurzel jeglichen Denkens allerdings ist der Zweifel. Was ich glaube, brauche ich nicht zu prüfen, zu untersuchen, zu durchforschen. Jegliche geistige Durchforschung aber ist gelenkt vom Streben nach irgendeiner Handgreiflichkeit, einem Bodensatz, einem Ende, einer Verwirklichung, einer endlichen Undurchlässigkeit für den rastlos bohrenden Gedanken. Der Allzugeistige nun findet immer Möglichkeiten, immer andre Sehwinkel und Aussichten, nirgendwo ein Aufhören, einen Halt, verwickelt in ein Gewebe unendlichen Mißtrauens.

Aristokratisches Wesen ist undenkbar ohne einen festen Zug von Beschränkung (Beschränktheit). Beschränkung = das Freiwillige; ich will nicht weiter. Beschränktheit = das Unfreiwillige; ich kann nicht weiter.

Wo aber andrerseits ein Geist nach geistigen Besitztümern unablässig strebt, tief bewußt des eigentlichen Eigentumes, nämlich des Strebens, da entstehen innerhalb so demokratischen Verfließens Ruhe, Freiheit, Vertrauen, Haltung, Sicherheit, Einsamkeit und Stolz, die alle vornehme Dinge sind. Wer nun der Meinung ist: im Anfang war der Geist, — der kann hierin den adeligsten Adel erblicken.

 

Zum Wesen des Aristokraten gehört Stolz, das ist das Empfinden der eigenen Seltenheit, der Vereinzelung, der Einsamkeit oder aber der Notwendigkeit für Andre. Die Welt muß aristokratischer gewesen sein vor der Zeit der Städte, als der Menschen noch weniger waren. Die Unsicherheit, die vielfache Not des Daseins schuf gleichzeitig Mißtrauen und Vertrauen. Mißtrauen so lange, bis eine Treue sich erprobt, eine Macht sich als verläßlich erwies. Dann vertraute der Bauer seinem adeligen Schirmherrn, dieser seinem fürstlichen Oberhaupt, ein für allemal, sein Vertrauen beweisend, indem er es auch auf Nachkommen und Erben fraglos übertrug, bis etwa deren Schwächung, deren verminderte Persönlichkeit ebenso wie zunehmende Macht des freiwillig Unterworfenen zum Mißtrauen zurückführten. Freiwillig — dies war und bleibt notwendig, denn Zwang in jedem Betracht ist die Wurzel des Zweifels.

Mißtrauen ist die Ursache der politischen Demokratie, des Verlangens nach Republik und Präsidentschaft. (Abgesehen von der Entartung, vom Verfall des Adels in Frankreich, hat deshalb auch nur dessen Fehlen — wie in Amerika — zur Gründung von Republiken führen können.) Vielzahl mißtraut der Kraft des Einzelnen oder der Wenigen, der Fähigkeit des Einzelnen, das allgemeine Gute und Nützliche zu erkennen und zu wollen. Vielzahl fühlt sich als Majorität, als überlegen.

Die französische Republik endete an demselben Tage, wo Der erschien, der stärker war als die Massen, weil er ihnen die Empfindung einzuflößen verstand, es sei für sie das Beste und Nützlichste, ihm zu gehorchen, wobei es in seinem Wesen lag, daß er ihre Neigungen nach Freiheit und Gleichheit — Emporkommen des Tüchtigen — aufnahm. Das französische Kaiserreich bestünde noch heute, wenn die Nachkommen Napoleons lauter Bonapartes gewesen wären. Denn das Volk ist nur dumpf; ihm ist die Form gleich, es will den Gehalt; gleichviel wie — es will gut regiert werden.

Der Deutsche, von Natur für Treue und Vertrauen gleichermaßen veranlagt (es sei erinnert an den übermäßigen Hang romanischer Völker zur Eifersucht), Treue auch in der Neigung zum Beharren, zum Konservativismus, zur Erhaltung des Überlieferten, das er lieber fünfzig Male verändert, ehe er es vernichtet, — der Deutsche haftet noch immer ganz und gar am dynastischen Gedanken.

Zudem glaubt er wohl, an geistiger Freiheit ein zu strahlendes und alle andern überwiegendes Besitztum zu haben, um nicht auf den Schein der politischen zu verzichten zugunsten des eingeborenen Vertrauens auf den angestammten, einst von Gott eingesetzten Herrscher.

 

Humor finden wir eher als Eigenschaft des Aristokraten als des Demokraten.

Schopenhauer legte als Ursache des Lachens (nicht des Humors) einleuchtend die Inkongruenz fest; Inkongruenz einer Tatsache oder Erscheinung mit dem Begriff, den wir, ob unbegründet oder begründet, von ihr haben. (Eulenspiegels Streiche.)