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Helianth. Band 1 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene cover

Helianth. Band 1 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Chapter 93: Abteil
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About This Book

The narrative follows the intertwined lives of two contemporary people in the northern lowlands, alternating long, sensuous landscape passages with close psychological interiority. Lush, tactile depictions of heat, insect song, grasses and coastal horizons shift into reveries, memories and associative reflections that disclose longing, confusion and fragile human bonds. Episodic sections combine lyric observation, dreamlike imagery and social reminiscence to examine emotional shifts, desire and the slow movement of everyday existence. The structure unfolds in successive books that balance external atmosphere with inward contemplation.

Gewiß, Kind, dein ‚Sohn‘ sagte sie.

Ich bin auf ihn zugegangen, habe nach seinen Händen gefaßt und glaube wohl gesagt zu haben, was ich sagen wollte: Verzeih mir, Vater. Er sagte: Benvenuto. Und da ist es wohl dies Wort gewesen, das er sich einmal an einem glücklichen Tage ausgedacht hatte, das ihn jetzt übermannte, so daß er den Stock fallen ließ und den umfaßte, der da vor ihm stand, und den Kopf an seine Schulter legte und so krampfhaft schluchzte, daß meine Mutter hastig ihre Augen trocknete und sich erstaunt umsah. Als er ruhig wurde und die Brille abnahm, ergriff sie sie sogleich und trocknete sie im Taschentuch, während ich ihn um den Tisch führte und er sich setzte.

Dann saßen wir alle Drei beisammen und unterhielten uns. Später fing meine Mutter an zu gähnen und ging in ihr Schlafzimmer, um sich für die Nacht zurecht zu machen. Eine Viertelstunde später holte sie meinen Vater.

Nun, wir sprachen diesen Abend wie alte Freunde und Schlachtkameraden miteinander, die vor langer Zeit zusammen Gefechte, Märsche und Strapazen durchgemacht haben, jeden Wink verstehen und alles aus eigener Erinnerung ergänzen. Er ging auf alles ein, fragte, bejahte fand für alles eine Erklärung, fand alles richtig, erzählt kleine Anekdoten und Züge von Bekannten, erinnerte an historische Männer, die ähnliches durchgemacht, — am Ende wurde er stiller, fast bescheiden, tat noch ein paar Fragen, und dann ging er. Nur einmal kam die alte Sorge zum Vorschein, als er fragte, ob ich auch ordentlich verdiente und zu leben hätte. Ich mußte wohl an meine vier Hungerjahre denken, aber die Summen, die mir bevorstehn, konnte ich ihm doch nicht nennen. Der Name des Herzogs genügte auch, um ihn zu beruhigen. Ja, ja, mein Sohn, sagte er, dafür hast du denn auch jahrelang nichts zu brechen und zu beißen gehabt. Dem Verdienste seine Kronen. Ja, mein Junge, dann können wir wohl schlafen gehn. —

Nun sitze ich an seinem Schreibtisch. — Wenn es gar nicht gehen wollte, dann mußte ich hier meine Aufsätze machen, er stand hinter mir und diktierte, und meine Hand zitterte schon, wenn ich mich hinsetzte, und die Gedanken waren wie weggeblasen.

Was aber ist nun die reinliche Summe? Weib und Kind, das kenne ich nicht, ein Haus brauche ich nicht, kaum daß ich einen Freund habe; ich kann hier oder dort schlafen gehn, ich schlafe gut oder schlecht, und es hängt allein von mir ab. Das Geld liegt dann da, mit dem ich als Siebenzehnjähriger klirren wollte. Die Eltern brauchen es nicht, ich brauche es auch nicht. Und alles das, um hundert oder fünfhundert Jahre länger bei Namen genannt zu werden, als die Andern? Sehen Sie, da fiel mir eine Stelle vom Ruhm ein in Platons Gastmahl; ich fand auch eines zwischen den Büchern meines Vaters, aber es war ein griechisches, und ich konnte es nicht mehr lesen. Ja, so verhält es sich mit dem Ruhm.

Es kommt darauf an, daß einer die gegebenen Kräfte verbraucht, wie es in den soldatischen Befehlen heißt: Es wird verfolgt bis zum letzten Hauch von Mann und Roß. Wer das tut, hat meinen Ruhm und kann überall getröstet schlafen gehn.

Meine Mutter ist nun getröstet, und das macht mir Freude, oh, das macht mir Freude. Fünfzehn Jahre zurück höre ich die Stimme meines Vaters, aufgebracht und zornig: Hast du denn gar keinen Ehrgeiz, Junge? — Nein, Vater, kann ich noch heute sagen, und somit wäre alles in Ordnung.

Trassenberg, am 9. April

Als ich so weit geschrieben hatte, ereignete sich etwas, das ich Ihnen vielleicht mündlich einmal erzähle. Zum Schreiben ist nun keine Zeit mehr, auch möchte ich, daß das Geschriebene vorläufig für Sie so bleibt, wie es ist. In vierzehn Tagen hoffe ich, fertig zu sein und Sie in Altenrepen sehen zu dürfen. Nehmen Sie diese Blätter als ein Zeichen der Dankbarkeit und der Ehrfurcht, die Ihnen immer bewahren wird Ihr

Bogner

Hier enden des zweiten Buches neun Kapitel oder ebenso viele Monate.

Drittes Buch.
Apriltag
oder
Verwirrung

Da am weg bricht ein schein fliegt ein bild

Und der rausch mit der qual schüttelt wild.

Der gebot weint und sinnt beugt sich gern

„Du mir heil du mir ruhm du mir stern.“

Erstes Kapitel

Speisewagen

Unaufhörlich stampften die Achsen.

Georg, ein Stockwerk gleichsam über dem Rasseln, Klirren und Stoßen, hörte die Ringe zum Festhalten der Gläser und Flaschen unter den Fenstern des Speisewagens klappern, deutlich durch das übrige Getöse. Der Zug jagte mit allen Bremsen talwärts. Jedesmal wenn die offenen Flügeltüren fern drüben in ihrer Langmut hin und her wankten, so wurde das sachte Dehnen und Knirschen in den Lederfalten der Harmonikas vernehmlich, und da sich die Täler nun erleichtert öffneten nach dem Durchstoß des zornigen Kolosses von verketteten Wagen, der sich in die Ferne stürzte, so blickte Georg in die tiefe, grüne Heiterkeit der schon abendlichen Landschaft, vor deren Wiesen und Äckern und Wäldchen durchsichtige Stücke des Wagens schwammen, gläsern gespiegelt, auch die linke Hälfte von Maler Bogner, der ihm gegenüber saß, die Unterarme auf der Tischplatte, und manchmal erschien eine Andeutung seines Profils, sonderbar fremd wie eines Unbekannten, dort draußen.

Auf dieser Seite des Zuges war es hell; auf der andern waren die wachstuchenen Vorhänge gegen die tief stehende Abendsonne herabgelassen, und immer sah Georg beim Hinausblicken den Schatten des Zuges in rasender Eile mitgeschleift, in fegenden Wellenlinien über Böschungen oder Plankenzäune, über die Telegraphenpfähle, in Gräben tief hinunter, Anhöhen hinauf und in ungeheurem Sturze wieder hinunter in tiefes Wiesenland, über das der Bahndamm hoch oben den Zug hinwegführte wie einen fortsprengenden Hippogryph. Es war ein wenig aufregend anzusehn auf die Dauer. Georg erholte sich an der Dämmerung hinter den Wachstuchvorhängen, deren Stäbe unten hin und wieder mit leichtem Klappen gegen die Fensterleisten schlugen; sekundenlang hingen sie leblos, je nach der Neigung des Wagens. Alle Tische waren von Gästen leer; ein Kellner, lautlos, kam ab und zu heran, ordnete auf den weißen Tafeltüchern die Gläser in Gruppen, setzte Teller mit Nienburger Bärentatzen, in Pergament gewickelt, und kleine bunte Pakete mit Kakes darauf.

Es war so wohltuend alles; anzusehn alles und nichts dabei zu denken. Der Zug beruhigte sich ein wenig. Das dumpf donnernde Rollen der Räder sank langsam tiefer unter Georg, ein musikalisches Getöse, das die Fahrt eher zu begleiten schien, als daß es durch sie entstand, und der Zug wiegte sich gleichmäßig und zufrieden. Draußen zog die Landschaft, schön in weiten Tiefen zur Ansicht ausgebreitet, stark leuchtend, mit vielen und langen Schatten, Felder, Haidestrecken, kleine schwarze Baumschläge mit rot glühenden Stämmen, nahe Tümpel, Bachläufe, Rinder, schwarze und weiße, glühend in der Abendsonne mit ihren Schatten im glühenden Wiesengrün, ein Bahnwärterhäuschen, rot wie lebendige Glut, mit Gärtchen, Hund, Kind und Mann an der Fahne, grell beleuchtet über und über. Rosige Landstraßen mit ihren Reihen Obstbäumen oder Pappeln hielten sich lange Zeit unveränderlich in der Ferne, bogen sich langsam, näherten sich, schweiften plötzlich wie auf einen Wink in die Weite, oder sie kamen unvorsichtig heran und wurden jählings abgeschnitten. Dann war da ein kleines Bild zusammengestellt im Schatten des Zuges: eine Schranke, zu der Kinder heranliefen, oder es wartete ein bäuerliches Leiterwagengespann, und all das wiederholte sich mühelos, immer ein wenig anders. Einmal erschienen die weißen Rauchballen aus der Lokomotive, wie sie munter und sorglos über hellgrüne Saatfelder dahinsprangen, nun langsamer schwebten, zurückblieben, sich gestalten wollten, aber eh sie’s gedacht sich auflösten, erstaunt über ihr frühes Ende.

Georg, alles wahrnehmend obenhin — auch den richtigen Maler zuweilen gegenüber, nicht den gespiegelten, der wie er selber hinausschaute, als wärs eine Aufgabe; auch den grün und gelben Kopf Dostojewskis auf dem dicken Bande, der vor ihm lag, und noch dies und jenes —, hörte und sah es doch kaum, nach innen träumend, wo aus einer selbst handelnden Tiefe der haltlos schwebende Filmstreifen des Gedächtnisses Bilder emporschickte, so unordentlich und schlecht aneinandergereiht wie die von Träumen, immerfort auseinanderreißend wie aus Seidenpapier, dann unterbrochen von den gegenwärtigen Erscheinungen, erhellt, verdunkelt, beleuchtet, beschattet, Gesichter, Straßenteile, Bewegungen, Gruppen, Zimmer, Restaurants, Marmortische, rote Samtsofas, Säle, Galeriestücke und Gärten, — und die Augenlider senkten sich zuweilen, dem Unterdrücken von diesem oder jenem mit äußerlicher Bewegung nachzuhelfen; oder er wurde sich der Härte der Stuhllehne im Rücken bewußt und rutschte tiefer; oder er zog die weit ausgestreckten Beine an sich und legte das linke über das rechte, oder umgekehrt.

Georg hatte das dünne Gefühl einer unsicheren Behaglichkeit. Er sagte sichs mit diesen Worten und fragte sich daraufhin: Warum dünn? warum unsicher? Dünn ließ er fallen und untersuchte das Unsicher. Da fand er denn, es sei wie an einem dieser öden Sonntagnachmittage letzter Zeit in München, wenn in der Ferne die Glocken läuteten. Es ist still, es ist beunruhigend ruhig, es fehlen alle Wochentagsgeräusche, es ist warm und friedlich, aber die Öde, oh die Öde, wie sie mit lautloser Woge an den Wänden hochgeht und niederrieselt von oben! Daran schuld aber scheinen die Glocken. — Es läutet in meiner Tiefe, dachte Georg, meine Behaglichkeit ist bloß äußerlich, ich bin wohl schon entronnen — gottlob, ich bin entronnen! — aber irgendwo läuten noch immer diese beklemmenden Sonntagnachmittagglocken. Sind das wohl diese Erinnerungen? Ja, sie sind es. Sie taugen wohl nichts? Nein, sie taugen nicht das geringste! Allesamt? — Aber vor allem ist es das, daß sie bloß da sind, weiter nichts; sie sind so wertlos und so kraftlos wie jenes Geläut, das für irgendwelche Leute Bedeutung haben mochte, aber nicht für mich. Ich erinnere mich — und kann mich doch nicht erinnern. Der Saft ist heraus. Wie geisterhaft ist doch alles Gewesene! Kann man überhaupt etwas hören in der Erinnerung? —

Georg horchte. Um eine lange Tafel unter umqualmten Lampen saßen Gestalten, Mützen, blaue, auf den Köpfen und blau-weiß-schwarze Bänder um die Brust unterm Rock; am obern Ende stand einer, in schwarzer Pekesche, blauweißschwarzer Schärpe und Cerevis, der mit einem farbigen Schläger auf den Tisch hieb; aber Georg hörte den Knall nicht und hörte das Lied nicht — obgleich die Melodie —, das aber zweifellos rauh und mit Klavierbegleitung gesungen wurde. Eher vernehmbar schon war die kontormäßige Stille des riesigen Billardsaals, mit dem leis knackenden Aneinanderprallen der Bälle, den grünen, sanften und leuchtenden Rechteckflächen unter tief hängenden, dicht umschatteten Lampen. Daraus entfaltete sich alsbald, wie eine Handvoll Spielkarten gefächert, eine Bilderwand der Schackgalerie, Hafis am Brunnen ... und jene Römerin Feuerbachs mit der unbeschreiblichen Hand, und die kleinen, dämmerigen, klösterlichen Gewölbe mit Schwinds liebevollen, bezaubernden Bildchen. Nun, das war doch eine angenehme, eine fühlbare und eine wertvolle Erinnerung, — möglicherweise aber war es doch die einzige ihrer Art, das fiel ihm aufs Herz! Nein, siehe da, wie zart, wie unirdisch, diese rosenleichte und sanfte Alpenkette! Er selber freilich war unversehens auf jene brüllende Terrasse voller Menschen im Isartal geraten und ins Gedränge von langen Biertischen mit grauen Maßkrügen und gehäuften Brotkörben, von Münchener Spießern, Studenten und Kellnerinnen, alt und stämmig, — Pullach hieß es, und war eine Exkneipe in Zivil am Sonntag. Die Alpenkette schwebte unsäglich ferne darüber und lächelte abgewandt. Da kam sie ein wenig näher, da war der Starnberger See, der Herbstpark, an dieser Stelle brachten sie den toten König ans Land, und dort drüben war die Bretterwand vom Wellenbade. Weiter, — was noch? Nachtstunden, oh schauerliche Nachtstunden! Prostgeschrei, Lieder, Anödereien, Bierjungen und tiefe Betrunkenheit. Endlich die mitternächtigen Heimwege in künstlicher Haltung, wenn durch die halbe Bewußtlosigkeit plötzlich der Riesenschatten der Frauenkirche dunkelte, — und Schlaf, Schlaf und stumpfes, besinnungsloses Erwachen, halbes Ankleiden, schweißige Stunde auf dem Paukboden ... „Die Faust nach links! Höher! Noch höher! Links heraus! so! links heraus!“ Und es prasselte, klirrte und klappte dumpf von zwanzig Stellen des Schuppens, und irgendwo sprang gellend eine Klinge ... Jetzt der erste, eisig kalte Schluck beim Frühschoppen, die Promenade, Musik und auffliegende Taubenschwärme ums mistbesudelte Gesims der Theatinerkirche, und ach nun jene ödesten Stunden der niemals endenden Samstage auf dem Mensurboden — — entronnen, oh gottlob endlich entronnen.

Georg schlug zum Abschluß Dostojewskis ‚Jüngling‘ auf und las mit den Augen, innerlich unaufhaltsam weiterdenkend: Da bin ich doch auch in Nymphenburg gewesen, das war schön, der letzte Farbentag im November, die langen, schlichten Fronten, die großen, gemauerten Becken und der kleine wilde Teich im Park mit der einsamen bunten Ente. Dann war Cora, dies Wesen ... und Fliddridd, dies — ja, dies Wesen ...

Und Annas Briefe, ach mein Gott, hätte ich ihr doch nie geantwortet ...

Und der Karneval, eine lichterdurchblitzte Wolke von Staub und Konfettigestöber und Patschuligeruch, durchtobt von rosigen Beinen, nackten Schultern und Rücken, Fräcken, Hemdbrüsten, Riesenhüten und diesen entsetzlichen Pailettenkleidern, ein tanzendes Geheul, immer rundum, rundum um ein großes Himmelbett, in das sich ein ununterbrochener Regen von Gold- und Silberstücken senkt, während im Hintergrunde durchdringend ein uneheliches Kindergeschrei ertönt, — von wem stammte dies Wort? — Georg sah auf.

Ah, die Sonne! Der Zug fuhr mitten hinein. Georg sah ein Stück scharfen Goldes der gewaltigen Scheibe, der offene, gläserne Wagen glühte rot übergossen, der Maler gegenüber war farblos, doch sein Hinterhaar schön vergoldet. Wie alles blitzte! und der Zug schien freudiger und ruhmvoller dahinzurauschen.

Einen Augenblick versuchte Georg, im Gedanken an die Vergeudung eines halben Lebensjahres sich großartig vorzukommen. Einen Augenblick überlegte er, ob herzhafte Reue nicht angemessener sei. Aber das ist es nicht wert, dachte er wiederum und ertappte sich über dem Widerspruch, daß er die selbe Sache, auf deren Vergeudung er hatte stolz sein wollen, der Reue nicht für wert hielt. Flugs erschien ihm die Anna; sie stand vor einem Rosenstrauch und hielt ihm den Finger hin, an dem ein Blutstropfen hing, worauf er mit dem Verwischen des Tropfens die ganze Erscheinung auslöschte und bekümmert zu sich sagte: Das wird es sein, ja, daß all dieses, dies Biertrinken, Nichtstun, Tanzen, Fechten und die Herzensschlamperein — daß ich all das nicht mit Willen unternommen habe, nicht aus Lust, sondern nur, weil ich so hineingeriet, und ebensogut hätte ich es lassen können. Gelegenheit machte es, nicht ich, und darum kann ichs nicht bereun, noch überhaupt richtig empfinden, weil Tat so wertlos ist wie Traum, wenn Willen und Meinung fehlten. Ja, ist es nicht so: wenn ich nachtwandelnd vom Dachesrand stürze — wäre das Selbstmord? Wenn ich im Traum meinen Schlafgenossen erwürge, — wäre das Mord? Der Gedanke macht die Tat, — wie eigen, da doch ebenso gewiß der Gedanke die Tat nicht ist! Ja, und nun? Nun kann ich all das nur als geschehen betrachten, und das glaube ich, das ist an allem, was je war, das Häßlichste, wenn man hinterdrein sagen muß: Es kam so ...

Nun also eine andre Stadt, ein andres Leben. Jenes laß ich fallen, und was ich jetzt anfange — — ach, du lieber Gott, warum muß man sich denn nur über alles so entsetzlich klar sein! Zumal, setzte er beschwichtigend hinzu, da diese Klarheit immer bloß nachträglich ist, nichts bessert, gar nichts ändert, noch auslöscht, sondern höchstens den schwachen Bodensatz der Erinnerung ... Er verlor das Ende des Gedankens, indem er sich gezwungen fühlte, Maler Bogner zu fragen, ob er Dostojewski kenne.

„Übrigens, wie spät mags sein?“ setzte er hinzu.

Während der Maler seine Haltung löste, die Uhr zog und langsam sagte: „Bald acht, — noch eine Stunde ...“, sah Georg ihn mit einem Male im Billardzimmer in Trassenberg und mußte sich Gewalt antun, das an allen Gesichtsmuskeln zerrende Lachen zurückzuhalten, indem er sich erinnerte, wie dieser Bogner sich mitunter stundenlang mit dem Billard unterhielt. Er hatte keine Ahnung vom Spiel, wußte aber ungefähr, worauf es ankam, und so machte er hier und da einen nachdenklichen Stoß und verbrachte lange Minuten in tiefer Betrachtung darüber, wie das nun wohl zugegangen sei, daß die Bälle sich nicht so gelegt hatten, wie er sich das gedacht hatte. Dies sei fabelhaft fesselnd, hatte er gemeint. — Georg gelang es endlich, sich von diesem Bilde ab und zu den richtigen des Malers zu wenden, die er in Trassenberg gemalt hatte. Ja, welch ein Glanz im Schweigen, welch eine Riesenanspannung legendenhafter Kräfte, jedoch am Ende geäußert in so schlichter Form, wie wenn am letzten Kraftende eines Katarakts fünf dünne Sägen, langsam und sorgfältig, eine Fichte in Bretter zerlegen. — Das gelbe, traurige Bild seiner Mutter erschien, so überströmend von ihrem ganzen Lebensleid, eingeschlossen in ungeheure Stille, — o diese nun ewige, betrübte Vision gelber, verschwiegener Landschaft, in die der Frauenkopf sich hineinhob; verlangend und ergebungsvoll ... Ja, und — ach ja, Annas Bild, Annas, die er einen Sommertag lang geliebt hatte und ...

Der Maler sagte, ordentlich antwortend wie stets, er habe die Karamasoffs, Raskolnikoff und das Totenhaus gelesen.

Georg blickte insgeheim in diese hellen Augen, die vor kristallisiertem Licht die Farbe entbehren zu können schienen. Und darin wars gewesen, diese tiefe, grüne Wiese, die das ganze Bild zudeckte von oben bis unten wie ein vom Himmel hängender Teppich, und davor das schwebende maihimmelblaue Kleid mit tanzenden, geschweiften Rocksäumen, und die schneeweißen, ausgestreckten Arme, und das flüchtige, vergehende, nach oben fort verlangende Antlitz unter der Last von gelben Rosen, die das Haar unsichtbar machten, — und im Gesicht die Stille der großen Augen, und elysische Vergessenheit im Blick ... Ich aber — habe ich diese Anna je gekannt? Geliebt habe ich sie nie, dachte Georg tief seufzend und folgte mit Augen dem Kellner, der die Rulos eines nach dem andern emporschnellen ließ, — bis auf eines, das durchaus nicht wollte, worauf der Kellner ab von ihm ließ, als wäre es ungezogen. Plötzlich befanden sie sich, der verschwindenden Sonne groß ausgesetzt, in dem offenen Glaskasten mitten in der Landschaft, durch die sie flogen.

Georg warf sich mit Heftigkeit ins Gespräch.

„Er schreibt den geschwindesten Stil in der Welt, nicht wahr?“ sagte er.

Der Maler nickte.

„Es ist wie Stromschnellen,“ fuhr Georg fort, „beiläufig, haben Sie je eine Stromschnelle gesehn? — Man wirbelt dahin, und diese Lebendigkeit, dies tausendfach atemlose, leidenschaftliche Leben, mit dem sie samt und sonders durcheinander taumeln, diese Figuren! Im Augenblick — nicht wahr — ist man mitten darunter.“

Der Maler lächelte beipflichtend.

„Dabei,“ sagte Georg, „fehlt eigentlich alle Glut, etwa jene Balzacs, sondern alles ist auf eine Weise nüchtern und — unabänderlich und notwendig, die es gleichsam abkühlt. Dann sind es ja auch Russen ...“

„Mir,“ sagte Bogner aus dem Fenster blickend bedächtig, „mir kam es, als ich den Raskolnikoff las, vor, als säße ich festgebunden auf einem Stuhl in einem dieser grausamen Zimmer ... Eine Kerze am Rand eines dünnen Tisches, und kein Fenster. Der Kalk fällt von den Wänden, und irgendwo raschelt Ungeziefer. Da kommen sie denn einer nach dem andern herein und sagen ihr Leben auf.“

„So ists! Und sie haben gar nichts Gemeinsames! Jeder ist wie mit Wänden abgeschlossen von den Andern, und sie stoßen nur aufeinander, nicht wahr, umschlingen sich, taumeln anderswohin, und es will ein jeder nur das Seine. Sie reißen sich ineinander herein, jetzt aus Haß, und jetzt in Anbetung, — und sie stoßen sich von sich, — es sind Tataren!“

„Ja den Städten!“ sagte Bogner und setzte langsam hinzu: „In den Dörfern hausen lauter Dienende und haben tiefe Gebärden. Seltsame Kinder Gottes ...“ Georg zuckte leicht zusammen, da der Maler ihn plötzlich ins Auge faßte, und hörte ihn sagen: „Übrigens ... sagte nicht Oscar Wilde, daß Hekuba einen so unübertrefflichen Gegenstand der Kunst abgebe, weil ihre Leiden niemanden etwas angingen? Mir sind diese Russen immer fremd geblieben — Dostojewskis —, und daher war das Lesen so angenehm. Auch moralisch steht man völlig abseit, man erstaunt wohl im Miterleben, aber da die moralische Beteiligung fehlt, so wird man auch nicht zum Urteilen, zum Bejahen oder Verneinen, zum Loben oder Tadeln gezwungen.“

Georg, während er Balzac erwähnte, der hingegen stets moralisch sei und noch mehr den Leser nötige, es zu sein, hörte den Maler seinen eigenen Worten hinzufügen, es sei im Grunde nur ein Irrtum ...

„Was?“

„Diese Fremdheit des russischen Charakters. Ursächlich sind wir nicht anders. Die Menschen hierzuland, aus Büchern geschaut — und wir kennen sie ja nur aus Büchern, im Leben haben wir doch nur Freunde oder solche, die wir verachten —, scheinen uns bloß entweder gut, oder aber — nicht böse meinetwegen, tätig schlecht, Böses ersinnend, und betreibend, sondern — nichtswürdig, unedel, niedrig denkend. So scheinen sie uns; der Russe dagegen scheint ein Gemisch von beidem, Engel und Teufel in eins, im Augenblick tiefedel, im Augenblick von lustmörderischer Niedertracht, weil er nämlich jedem Reiz zu diesem und jenem nachgibt. Wir aber —“

„Wir haben Hemmungen!“ fuhr Georg hinein. Bogner lächelte.

„Das ist das neue Wort. Schlagworte passen für den Augenblick.“

„Nun, und etwas noch vor allem,“ fuhr Georg eilfertig fort, um den Anschein der Oberflächlichkeit auszutilgen, „ein Wort, das der Held dieses Buches hier sagt: ‚Ich liebe es, mich vor mir selber schuldig zu fühlen.‘ Ist es nicht grauenhaft? Und das ist das Russische. Aus diesem Grunde begehen sie ihre Schändlichkeiten. Sie sind Lüstlinge der Reue, nicht wahr? — aber was wollten Sie sagen?“

„Ich wollte sagen ...“ Während dieser Worte sah Georg neben dem Hinterkopf des Zahlkellners in dem Spiegel der Tür die Gesichter von zwei Damen dicht übereinander, ein ältliches, schiefes und kränkliches unter einem schwarzen Hut, und ein sehr zartes, junges unter einem grünen Jagdhut, und irgend etwas war rot daran. Auch Bogner blickte dorthin, an Georg vorüber, der selber stracks unfrei geworden war, sich genötigt fühlte, im Stuhl aufzusitzen, unauffällig die Weste abzuklopfen und sie straff zu ziehn. Er hörte weibliche Stimmen hinter sich, der Spiegel war jetzt leer, — warum kommen sie nicht vorüber? Sie schienen in der Hälfte des Wagens hinter ihm sich niedergelassen zu haben. Georg sah den Blick des Malers von ihnen ab und zum Fenster hinaus gleiten, während er sagte:

„Ich wollte sagen, daß all das auch in uns sei als Keim, als Trieb, als Gedanke; wir können ja nichts denken, wir können immer nur wünschen oder befürchten, und so sind jene Art Russen Zerrbilder von uns, die das Unsrige übertrieben darstellen, — doch eigentlich nicht unwahrhaftig,“ schloß er.

Nein, wollte Georg sagen und widersprechen in der Erinnerung an seine eigene Überlegung vorhin über den Unterschied von Tat und Gedanke, aber da hörte er den Maler halblaut und wie zu sich selber sagen:

„Die Menschen sind alle gut. Es will sich nur niemand hindern lassen.“

Das Wort fuhr durch Georg hin mit großem Erschrecken, wie wenn ein Tier im Weg aufspringt und die Augen hineinreißt in seine vielgliedrige Flucht. Indem brauste der Zug, lärmte, die Bremsen schrien überlaut, und sie hielten gleich darauf in einem kleinen, offenen Bahnhof.

„Ungütig sind sie, Bogner,“ sagte Georg entschlossen. „Sie tun, diese Russen, das Edle nicht aus Güte — denn dann würden sie das Gemeine verachten und lassen — sondern weil es sie gerade dazu treibt, es zu tun, oder auch, um übles Tun wettzumachen. Güte aber,“ setzte er triumphierend hinzu, „Güte ist der Orgelpunkt der Kultur.“

Hiernach gab die Leistung seiner Rede ihm die Berechtigung, sich umzuwenden, und er traf mit seinen Augen voll gegen das jüngere Gesicht — sie saß in der gleichen Richtung wie er, nur einen Tisch zurück, an der andern Wagenseite — in dessen ungemein schönen und klaren Augen er las, daß sie ihn erkannte, — vermutlich nach einer seiner Photographien. Zudem hatte er nun die, aus Grün und dunklem Rot gemischte Aureole von Haar und grünen Falten des über die Stirne hochgeschobenen Schleiers gesehn, die ihm zuvor rätselhaft erschienen war. — Jetzt sich erinnernd, daß er ja einen Spiegel im Wagenfenster neben sich hatte, vollführte er einige Manöver, um darzutun, daß er unbequem säße, drehte seinen Stuhl gegen das Fenster und hatte zuerst den ärgerlichen Anblick seiner eigenen Person im Glase, dieweil er noch immer die verwünschte schwarze Wickelmütze über der Wundenkompresse auf dem Kopfe trug. Alsbald aber erschien in der blassen, von Abendhimmel und dämmriger Landschaft verworrenen Spiegelung der Hauch eines Widerscheins von Wangen, Hut und grünseidener Bluse, Bruchstücke, die sich hin und wieder lieblich veränderten, schwebten, hinter dunklem Wald, hinter einem Hause verschwanden, wieder näher kamen und greifbar wurden.

Schöne Frauen, dachte Georg, ziehen mich doch eigentümlich an, — aber Cora — trug sie nicht auch einen grünen Schleier — grüne Schleier sind selten —, als ich sie das erste Mal sah? Gute Cora!

Es dämmerte tiefer draußen, die Felder lagen schon schwarz; der schnurgerade, schwarze Himmelsrand war dunkel gerötet, schwarze Dächer, ein spitzer Turm und Baumkuppeln ragten in sanftes Gelb, und darin schwammen drei kleine, rosige Wolken mit Silberrändern und holden Schatten still und emsig hintereinander her. Gerade wollte Georg es dem Maler zeigen — wie Legendenengel auf der Reise fand ers —, als im Wagen die Lampen aufflammten, und statt der Dämmerung wurde nun draußen das ganze, hellerleuchtete Wageninnere sichtbar, die Fenster, Tische, der wartende Kellner unter der Gasflamme und die beiden Damen, die einander gegenüber saßen und Kaffeetassen und Kännchen vor sich stehen hatten. Allmählich jedoch wurden über dem stark leuchtenden Grün der Bluse hinter dem durchsichtig gewordenen Antlitz die drei Abendwölkchen wieder sichtbar, die sich langsam von ihm entfernten.

Georg blickte auf und sah in diesem Augenblick die junge Dame herantreten. Sie errötete leicht, nickte und sagte zu Bogner, er möchte verzeihen, aber sie hätten von drüben den Namen Bogner gehört, und da hätten ihre Mutter und sie sich gestritten, ob er der Sohn von Charlotte Bogner und dem Sanitätsrat wäre. „Nun will ich wissen, ob ich recht habe,“ sagte sie ruhig, während im Hintergrund ihre Mutter sich in Qualen der Beschämung und Entrüstung zu winden schien.

Der Maler sagte, er wäre es, glaubte sogar, die Mutter des gnädigen Fräuleins als eine Freundin seiner Mutter erkannt zu haben.

„Und mich?“ sagte sie fest und mit Laune, „wollen Sie mich nie haben Klavier spielen hören?“

Nun lachte der Maler und versicherte wie ein Weltmann, er erinnere sich an alles und würde untröstlich sein, wenn er nicht der Mutter des gnädigen Fräuleins vorgestellt würde.

„Frau, nicht Fräulein,“ sagte sie freundlich, nickte Georg zu und ging mit Bogner hinüber.

Frau, nicht Fräulein? dachte Georg, sich wieder hinsetzend, verwundert. Das werde ich nie im Leben glauben. Hierauf nahm er, sich verpflichtet fühlend, irgend etwas zu tun, Coras zwei letzte Briefe hervor, blätterte die, mit etwas kindlicher Lateinschrift auf mattlila Papier geschriebenen unlustig auf und zu, nachdenklich, weshalb er den letzten unbeantwortet gelassen hatte. Das Häuflein lila Papier zusammenraffend und wieder wegsteckend, dachte er dann: Solche Briefe — oder solch ein Menschengewächs — sind sie nun eigentlich abscheulich oder nicht? Ich glaube, unsereiner, ja die meisten Menschen überhaupt, werden durch Erziehung, schon von Vorfahren her, auf einen Grund von Menschentum gestellt, wo man vieles gar nicht empfindet; einen Grund, oder besser, in eine Luft, wo Gemeines nicht gemein, Gutes nicht gut ist, sondern nur eine gewisse Lässigkeit herrscht, die sich alles erlaubt und nichts für bedeutend hält. Eigentlich — ja nun! Wer hat das Wort eigentlich erfunden? Ein Teufelsmensch, denn dies ist das Wort des Nicht-tuns und doch nicht Lassens, das Wort, in dem eigentlich alles steckt. Eigentlich, sagt man, sollte ich das ja nicht sagen, — und dann sagt mans. Ja, also: eigentlich müßte ich dies alles greulich finden, aber ich — ja, ich tue es auch eigentlich, bloß ... es ist zu dumm! Wie entsetzlich schamlos doch eine Frau geworden ist, sobald sie nur vier Jahr verheiratet war. Die Ehe ist so eine Art Sinekure für seelische Schamlosigkeit ... dachte er noch und wandte sich leicht um, hörte sich von Bogner angerufen, ging hin, wurde vorgestellt und konnte sich nun vergewissern lassen, daß die Tochter ihn wirklich nach einer Photographie erkannt hatte. Die Mutter hörte er Frau Tregiorni nennen, den Namen der Tochter schien der Maler selbst nicht zu wissen.

Fahrtgespräche

Sie hatte die zarte Schönheit der Frauen mit rotem Haar, einen unberührten Mund von der schönsten Form mit weicher Unter-, voll gewölbter Oberlippe und herabgesenkten Winkeln. Das Paar der dunkelbraunen Brauen schwebte wie ein flügelhebender Sperber über Augen von undeutlicher Färbung und großer Klarheit. Georg war entzückt, und obendrein stellte sich nun heraus, daß sie schon von ihm gehört hatte, daß sie Magda Chalybäus kenne und eine Freundin von Renate Montfort sei. Die Anna nannte sie eine entzückende Libelle, — warum, wußte sie nicht zu sagen, aber Georg erklärte es ihr gleich. Deshalb nämlich, weil Annas innere Lebendigkeit, obgleich sie selber sich stille verhielt, ein glänzendes Zittern um sie wöbe gleich dem unsichtbaren Schwirren der vielen Flügel, wenn der Libellenleib unbeweglich in der Sommerluft schwebt, — ein beflügeltes Wesen sei sie, o ja. — Dies fand sie so hübsch, daß sie es flugs ihrer Mutter mitteilen mußte, die es auch hübsch fand und nunmehr begann, Georg alles zu erzählen. Nämlich, daß sie aus Graz kamen, wo sie Verwandte ihres verstorbenen Mannes besucht hätten, der in Altenrepen Kapellmeister gewesen sei, und sie selber war am Theater Sängerin gewesen, übrigens gebürtige Altenreperin und aus sehr guter Familie, während ihr Mann italienischer Österreicher aus dem Görzischen gewesen war. — Ihr Gesicht war ganz gelb und wirklich so schief wie der abnehmende Mond; sie fing nicht einen einzigen Satz an, ohne einen hülflosen, um Erlaubnis oder Beistimmung flehenden Blick auf ihre Tochter zu werfen. Diese aber schnitt ihr nun sachte aber bestimmt den Faden ab und sagte:

„Ich selber spiele Klavier, wie Sie gehört haben, und war beinahe ein Wunderkind; es ging aber vorüber. Wir waren also keine zufällige Familie.“

Georg stutzte, zauderte, riet in ihren Augen und fragte endlich: „Sind Sie Sherlock Holmes?“ Und da sie lachend verneinte: „Aber Sie zitieren doch ein Wort Dostojewskis aus seiner Vorrede zum ‚Jüngling‘, den ich da drüben liegen habe?“

Das hätte sie erstens nicht gesehn, und zweitens hätte sie den Ausdruck ‚zufällige Familie‘ ganz selbständig gemacht, — sie möchte aber nun wissen, was er bedeute.

Georg holte den Dostojewski, las nach und meinte: „Er spricht von russischen Familien, und ich verstehe kein Wort davon.“

Sie sah mit in das Buch, las ein wenig und sagte, sie verstünde es auch nicht. Georg, der es nun selber erklären sollte, fand keine Worte, fing aber schließlich an: „Ich kenne eigentlich gar keine Familien, nur in Altenrepen eine, die mir allerdings sehr zufällig vorkommt. Ich war dort in Pension, der Vater ist Oberlehrer, die Mutter stammt aus ganz kleinen Verhältnissen, ein Sohn ist Komponist ...“

„Ach, Benno Prager,“ meinte sie, „warum haben Sie das nicht gleich gesagt! Das ist eine zufällige Familie?“

„Jedenfalls zankten sie sich immer. Also Sie kennen den guten Benno? Ach, dann sind Sie wohl die dritte von den drei edlen Frauen, die zur Tür hereinkamen, nachdem er zwei Stunden im Dunkeln gewartet ...“

„Das scheine ich zu sein.“

„Nun kommen wir der Sache näher,“ meinte Georg. „Also eine Familie ohne Bindungen, nicht wahr, ohne Zusammenhang, — aber ich glaube, die giebt es erst seit kurzem und gabs in früheren Zeiten nicht, wie, Bogner?“

Bogner sagte, er seinerseits kenne nur holländische Familien, die auf alten Bildern dargestellt wären. Darauf seien eine Menge durchweg blasser oder durchweg rötlicher Gesichter zu sehn, die den Beschauer sämtlich anblicken. Links sitze der Vater, rechts die Mutter, und um einen Tisch zwischen ihnen seien viele Söhne und Töchter verteilt, alle mit dem gleichen Mühlsteinkragen über den schwarzbekleideten Schultern und alle mit dem gleichen Ausdruck in den dunklen Beerenaugen. Nein, das seien schlechterdings keine zufälligen Familien, schloß er.

„Ich glaube,“ sagte die Tochter — Georg, der sie hatte Ulle nennen hören, erwog, ob sie wohl Ulrike heiße, was ihm paßlicher schien —, „ich glaube, es war schöner, als es so aussieht, wie Sie es malen. Der Vater war das Oberhaupt, und die Familie bildete eine wohlgeordnete Gruppe der Ehrfurcht umher. So sollte es immer sein.“

„Wenn das Oberhaupt nur danach wäre,“ ließ Georg einfließen, während sie unbeirrt weitersprach:

„Er hatte sie ja gegründet, widmete ihr sein Leben, sorgte für sie und war stets ein Vorbild in Sitte und auch in Gesinnung.“

„Wenn er aber nun brüllt, tobt, ohrfeigt und die Türen knallt?“

„Wer tut denn so etwas?“ fragte sie spitz.

„Bennos Vater. Dabei ist er ein Gelehrter und ziemlich gebildet, nicht wahr? Im ganzen, scheint mir, ist er nur auf lärmigere Weise Tyrann als Ihr vorbildliches Oberhaupt. Und zudem, scheint mir, hatte Ihr Oberhaupt mehr Ehrfurcht vor seiner Frau, vor der Mutter seiner Kinder und dem Vorstand des Hauswesens, wie er andrerseits ihr Eheherr war, wie es hieß, dem sie Gehorsam schuldete, wie zuvor ihrem Vater. Es war jedenfalls ziemlich beschränkt.“

„Ach, Ulle, und so kalt kommt es mir vor!“ klagte die Mutter ängstlich und schaudernd. „Diese gräßlichen Mühlsteinkragen! Warum heirateten sie denn überhaupt?“

„Es war nicht kalt, Mutter, nicht kälter als heute, im Gegenteil, denn es herrschte eben die Gemeinsamkeit, von der wir sprachen. Es war eine Gemeinde, es gab Zucht und Gottesfurcht. Heute heiraten die Menschen, weil sie sich einbilden, sie hätten sich lieb, und weil es gerade so paßt, diesmal, denn jeder hat schon früher diesen oder diese liebgehabt, und da paßte es nicht und wurde nichts daraus, und das ist eben das Zufällige. Nachher sitzen sie dann wie eine Lerche und eine Krähe auf derselben Stange.“ Errötend, als habe sie in irgendeinem Betracht zu deutlich gesprochen, fuhr sie eilfertig fort: „Vielleicht liegt es an der Religion, die heute auch fehlt, und die damals alles war, Weltanschauung und —“

„Ach, Ulle, die Religion! Und dein Papa war solch ein frommer —“

„Liebste Mama, du gehst alle vierzehn Tage einmal zur Messe, Ostern zum Abendmahl und zur Beichte, und du bist noch katholisch obendrein. Früher war die Religion das goldne Seil, an dem jeder Tag ablief, nichts geschah ohne Gebet vorher, das Kleinste und das Größte war von Gott abhängig, — ist das kein Unterschied?“

Georg sagte: „Um es ganz einfach darzustellen: Adel — nicht wahr? — heiratete Adel und Handwerk Handwerk. Ferner hatte der Mann die Kenntnisse, war der Ernährer und galt deshalb als überlegen. Ferner wußte die Frau, die vom selben Stande war, was dazu nötig war, um seinen Beruf zu verstehn, während eine Kaufmannstochter, die einen Gelehrten heiratet, nur aus großer Liebe ein blindes Verständnis schöpfen kann. Ferner hatte auch sie ihre Überlegenheit, im Hauswesen, in der Erziehung der Kinder. So waren sie in allen gemeinsamen Angelegenheiten — nicht wahr? — einander gleich; wenn er überragte, so tat ers für sich allein, außer dem Hause gleichsam.“

Frau Tregiorni bestritt alles, denn alles sei heute genau so! Wenn sie an ihre Ehe denke, du lieber Gott! — und Georg pries sie glücklich.

„Ja, und warum brüllt er denn so?“ erkundigte sie sich zaghaft nach Bennos Vater.

„Das fragen wir uns ja auch, gnädigste Frau. Nun, Ursachen gab es natürlich. Schlechte Schulzeugnisse, Bennos ewige Verträumtheit und Vergeßlichkeit, dann vor allem das Essen, nicht wahr? und die Krankheit seiner Frau, — ja, nun ist sie ja tot.“

„Ist sie tot? Nein, so was lebt nicht!“ beteuerte die alte Dame unschuldig, während Ulrika: „Ach! also doch!“ sagte.

„Vor acht Tagen bekam ich die Anzeige,“ sagte Georg. „Mich wundert, was der Alte nun sagen wird; bisher war er überzeugt, daß sie nur so tat. Sehen Sie: Bennos Vater stammte aus nicht bessern Verhältnissen als sie, hatte aber studiert, war ein Gelehrter und vermutlich der Stolz der Familie gewesen, der es später dann zu nichts Rechtem brachte. Sie war, soviel ich weiß, seine filia hospitalis gewesen, in die er sich verliebte, nicht wahr? Nun dazu der gute Benno, dies Kuckucksei, mit seinem Komponieren. Keiner konnte ihn begreifen, keiner konnte ja vom andern begreifen, was er war, noch die Gegend schätzen, aus der er kam. So fehlte die Zuneigung.“

Das verstehe sie nicht, erklärte Frau Tregiorni.

„Die pflichtmäßige Zuneigung, gnädige Frau. Ehen wurden früher geschlossen, weil eine Familie zu gründen war. Es mußte alles stimmen, Stand, beiderseitiges Vermögen, nicht wahr? und es heiratete nicht ohne weiteres ein Mann ein Mädchen, sondern Familie in Familie, Anhang in Anhang. Es konnte nicht vorkommen, daß der Mann die Verwandten seiner Frau mißachtete, oder umgekehrt, und es schien jegliche Grundlage des Glücks ausgeschlossen bei einer Ehe, die mit der geringsten Gegensätzlichkeit begann, irgendwelcher Feindschaft womöglich, gar nicht zu reden von väterlichem Fluch.“ Mit dem Gedanken an Cora und ihren Mann sprach er weiter: „Es mußte ein Akkord sein, nicht wahr, von vielfältig abgestimmten Noten. Und dann eben, mit dem Augenblick des Eheschlusses, begann das Eingeborene zu wirken, nämlich diese pflichtmäßige Zuneigung der Gatten; des Mannes zur Mutter der kommenden Kinder, der Frau zum Eheherrn, auf den sie sich verließ. Pflichtmäßige Zuneigung, die sich ein Leben lang durchhalten ließ — vermöge natürlich der des Herzens — und die sich spontan auf die Kinder übertrug als Ehrfurcht, vor dem väterlichen Vorbilde, dem elterlichen Beispiel — nicht wahr — eines Wandels in Einmütigkeit; Zuneigung um des Bundes willen.“

Ulrika warf den Kopf auf, erklärte, er habe gut gesprochen, und es beweise gar nichts. „Benno Prager muß da unter den Seinen in der Verbannung von sich selber leben, und früher wurden die jüngeren Söhne aus dem Hause gejagt, wenn sie nicht freiwillig gingen, und konnten mit dem Schwert ihr Brot verdienen —“

„Beim Adel, gewiß, und es hatte wirtschaftliche Ursachen, und es schadete auch gar nichts, und außerdem wären wir ja froh, wenn Benno fortgejagt wäre, anstatt daß er nun in die Bank gehen muß.“

Sie blickte ihn an, lächelte und meinte, er habe freilich recht, sie möchte es nur nicht leiden, wenn von früher und heute geredet würde, als wäre die jetzige Zeit verdorben. „Du wirst unruhig, Mama, wollen wir gehn?“

Die Mutter, die nach der Uhr gesehn hatte, versicherte, es sei hohe Zeit, nur noch zwanzig Minuten bis zur Ankunft. So verabschiedeten sich die Damen, auch Bogner und Georg suchten ihr Abteil auf, wo sie allein waren.

Abteil

Georg, in der tiefen Dämmerung des von oben matt erhellten, dunkelroten Raumes sich in die Ecke neben der Gangtür niederlassend, betrachtete auf dem gesenkten Gesicht des Malers, der unter der Lampe stand, die Schattenschluchten und Lichtflächen, während er seine Pfeife aus dem Gummibeutel nachdenksam stopfte und in Brand setzte, worauf er eine Fensterecke Georg gegenüber einnahm. Der blasse Egon, sein kleiner Diener, erschien, in Zivil mit seinem schwarzen Haartuff in der Stirn wie ein Sekundaner aussehend, um höflich den Maler zu fragen, ob er am Bahnhof irgend etwas befehle, doch befahl er nichts, saß und rauchte und sog mit einem wunderlichen Ausdruck des Behagens am Kinn. Nach einer Weile blickte er Georg ernsthaft an, und schließlich sagte er etwas, zu Georgs Staunen ganz aus eigenem Antrieb; er sagte:

„Ein schönes Mädchen!“

Und:

„Ein kluges Mädchen.“

„Sie ist verheiratet,“ sagte Georg.

„Keine Spur,“ sagte Bogner, „das sieht man doch.“

„Mit einem Marineoffizier,“ trumpfte Georg auf.

Woher er das wisse.

„Sie hatte vergoldete Ankerknöpfe in den Ärmelaufschlägen.“

Da freute sich der Maler und meinte, er möchte Georgs Augen haben.

„Nun sagen Sie mir eins,“ platzte Georg unvermutet heraus, „können Sie mir das sagen: wann fühlen die Menschen eigentlich? Da haben wir unendlich tiefe Dinge geredet. Wir haben gedacht, nicht wahr. Sie hat gedacht, ich habe gedacht, Sie haben nichts gesagt, aber Sie haben auch gedacht, wir denken alle. Fortwährend denken wir. Den ganzen Tag ist der Mensch beschäftigt, im Beruf oder mit Zeitunglesen und so. Wann fühlen die Menschen? Vielleicht im Theater? Da kritisieren sie. Im Konzert? beim Spazierengehn? vor dem Einschlafen? Ich glaube, sie kritisieren auch da noch. Am Ende fühlen sie nur, wenn sie in Büchern von den Gefühlen andrer Menschen lesen. Oder tun sie’s, wenn sie unglücklich sind?“

Der Maler zog seinen kleinen Bleistift aus der Westentasche und rührte damit in seiner Pfeife wie in einem Milchtopf; dann ließ er etwas Asche in den Aschenbecher fließen.

„Ich weiß es nicht,“ bekannte er schließlich.

„Sie wissen gar nichts!“ rief Georg strahlend, „Bogner, Sie sind ein unbewußter Mensch! Ich möchte das auch können!“

Der Maler schob die Hand in die breite Lederschlinge, die neben ihm hing, und lachte freundlich mit. Georg holte Coras Briefe wieder hervor, um dem Maler eine Stelle zu zeigen. Als er sie gefunden hatte und aufsah, begegnete er Bogners Blick, der aus den großen Augenhöhlen — wie äffisch und vergrämt sie auf einmal aussahen — unbestimmt auf ihn gerichtet schien, so daß er zögerte, etwas zu sagen. Bogner sah wieder fort und zum Fenster hinaus in das Dunkel. Sein Gesicht wurde immer schwerer und ernster, während Georg das Getöse des Zuges plötzlich wieder wahrnahm, das gleichmäßig wiegende Stoßen und Schnaufen. Auf einmal hörte er den Maler sagen:

„Ich bewundere Sie, Georg! Sie haben eine so unerhörte Munterkeit und Willigkeit der Jugend, eine so wunderbare Teilnahme für jeden Menschen, daß Sie sofort bereit sind, sich in jede Unterhaltung über jeden Gegenstand zu werfen, nur um mit dem Andern ins Gemenge zu geraten. Ich kann da gar nicht mitkommen. Sie denken so rapid. Sie sind eine Stromschnelle.“

Er sah ihn an und lächelte kostbar. Georg sagte: „Da hab ichs!“

„Wie machen Sie das eigentlich?“ fuhr der Maler ganz ernst fort. „Ich glaube, Sie lesen in drei oder fünf Büchern von russischen Menschen, und schon haben Sie ‚den‘ Russen im Glashafen und lassen ihn steigen und sinken wie ein kartesianisches Männchen. Und —“

„Hab ichs denn falsch gemacht?“ unterbrach ihn Georg, nicht durchaus geschmeichelt.

„Und es scheint ganz unwiderleglich, wollte ich sagen. Ich kann da gar nichts bestreiten. Wer kann all das wissen?“

Wieder verstummend, blickte er zum Fenster hinaus, fing aber nach einer Weile abermals an:

„Ja, eins fiel mir noch ein, — während Sie da über die zufällige Familie redeten. Ich sagte Ihnen ja, daß meiner Meinung nach wir Menschen nicht denken, sondern wünschen oder befürchten. Und nun nehmen Sie einmal an, da ist ein Mensch, der immerfort üble Dinge denkt — nur denkt, wie Sie es meinen —, also sagen wir: diebisch oder lüstern; irgendwie Boshaftes. Werden diese Gedanken sich niemals und in nichts äußern? Sich nie zu einer Handlung kristallisieren, oder jedenfalls einen Niederschlag finden in seinem Gehaben, seinem Verhalten gegen Andre? Oder stellen Sie sich einen guten Mann vor, einen, der nur Rechtliches denkt und Gütiges. Sollte daraus niemals eine gute Tat, die dann fortwirkt, sollte kein schönes und edles Gebahren daraus hervorgehn?“

„Das scheint mir so zu sein,“ sagte Georg, sich vorbeugend, um ihn besser verstehen zu können.

„Ja, und nun der Russe. Vielleicht ist er weniger zivilisiert, läßt sich eher — unter der Brücke des Gedankens gleichsam — vom Gefühl zur Handlung hinreißen, — mag alles sein, aber ...“

Er schwieg.

Georg saß lange Zeit in Gedanken verwickelt, die zu unbestimmt waren, um sich fassen zu lassen. Da hörte er wieder die Stimme Bogners und fand sich ernsthaft angesehn, während der Maler sagte:

„Und Sie, Prinz, Sie denken viel ...“

„Ja, gewiß ...“ sagte Georg zögernd. „Ja — und —?“

„Ja, und gesetzt, Sie dächten wirklich nur, immer so, wie Sie’s meinten —“

„Ich meine,“ fiel Georg ein, „wenn ich ein Mensch mit lebhafter Phantasie bin und mit beweglichen Gedanken, so muß ich eben hundert Dinge denken, einfach assoziativ, nicht wahr? weil ein Gedankenbild das andre hervorruft, ohne jedoch mich ernstlich zu beschäftigen, mein Wesen zu berühren.“

„Ja, jawohl. Ich meinte eben auch nur das Denken, das viele Denken. Jener Übeldenkende, von dem wir sprachen, unterläßt das Gute vielleicht. Und wer viel denkt, was unterläßt vielleicht der?“

Georg, die Antwort „das Handeln“ nur mit den Augen sagend, wollte eifrig widersprechen mit der Behauptung, daß eben die Gedankenarbeit die Vorbereitung und Schule des Handelns sein müsse, allein Bogner ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Und jetzt,“ sagte er, „sehen Sie wohl, jetzt denken Sie nicht, was ich gesagt habe, sondern nur, wie Sie mich widerlegen können, und daß Sie mich widerlegen müssen. Denken Sie also ohne Wunsch noch Befürchtung? Denken Sie, sagen wir, ungefärbt? in Reinkontur?“ Er lachte leicht vor sich hin. „Aber lassen wirs doch, es ist ja wunderschön. Da kommt so ein schönes Mädchen, und, gleichviel wo’s ist, im Eisenbahnwaggon, im Kaufladen, im Salon, im Lift, Sie werfen Ihre ganze Seele in die Wagschale, damit das schöne Mädchen die ihre hervorholt und dagegensetzt. Ich möchte das —“

— auch können, glaubte Georg zu verstehn, doch kreischten in diesem Augenblick die Bremsen, der Zug, laut brausend, fiel in langsamere Fahrt, immer langsamere, und am Ende blieben sie stehn. Der Maler wischte an der beschlagenen Scheibe, sah in die Dämmrung hinaus und sagte: „Warne.“ Es war die letzte kleine Station.

Georg, seine Briefe vom Sitz neben sich aufnehmend, hörte den Maler in die Stille hinein plötzlich mit beinahe dröhnender Stimme sagen: „Der Teufel hole alles mattlila Briefpapier!“

„Ja, warum denn?“ fragte Georg erschrocken.

„Ich kanns nicht leiden,“ versetzte er. Und über ein kleines wiederholte er: „Ich kanns nicht leiden!“

„Dies Briefpapier,“ sagte Georg, „ist von Ihrer Schwägerin Corinna, und da Sie sie nicht kennen, dachte ich, nicht wahr, eine Stelle daraus würde Sie interessieren. Es ist von ihrem Vater die Rede. Nein, sehen Sie mal —“ Georgs Blick war auf eine Seite in dem andern Brief gefallen — „sie hat manchmal eine nicht unwitzige Art, Situationen wiederzugeben. Der Umzug, schreibt sie, war fürchterlich. Jetzt sitze ich zwischen lauter Scherben, mehrere Fensterscheiben, die große Marmorplatte vom Waschtisch, die halbe venezianische Krone, Glaskannen liegen in Trümmern um mich herum. Und ich dazwischen mit dem vernichtenden Blick — wie in Karthago. Und meine goldene Hutnadel aus Brüssel und der weiße Gürtel mit dem Emailschloß — weg — verschwunden! Jetzt wird sich wohl die Braut von meinem Ziehkerl damit schmücken. Ich heule schon beinah.“

Georg reichte nun den Brief, den er Bogner zeigen wollte, ihm hinüber, die Stelle mit dem Finger bezeichnend; er selber las ein wenig im andern.