Da er nun den Präsiden mit dem Korpsdiener flüstern und die Worte „telephoniert haben“ sowie einige Namen, darunter Schley, zu verstehen glaubte, wandte er sich an Ellerau mit der Frage, ob etwa seinetwegen etwas vorgehe — womöglich die Alten Herren behelligt würden —, und Ellerau wehrte verlegen ab. In der Tat, die Nachricht von Georgs Erscheinen sei erst so spät gekommen, — da habe er sich bei dem ohnehin geringen Bestand des Bundes erlaubt, einige alte Herren, die immer sonst kämen, noch telephonisch herbeizurufen —, worauf er, abbiegend, die Gelegenheit geschickt benutzte zu höflichem Keilen, indem er Aufklärungen gab über die hiesigen Korpsverhältnisse, die durchweg leider nur geringen Bestände an Aktiven, die Erwünschtheit des Zuwachses — wo dann eine kleine Schmeichelei über die Beziehungen zu den Münchener Schwaben seit altersher einlief —, ferner über die verhältnismäßig freie Auffassung vom Korpsleben in der norddeutschen Großstadt, wo der Student nicht, wie an den kleinen Hochschulen, alles gelte und jedem bekannt sei, — was alles Georg mit schweigsam nickender und lächelnder Höflichkeit über sich ergehn ließ, am Ende einen Augenblick still war und, dem Grafen zutrinkend, nach dem gehörten Namen Schley fragte. Ob er mit der Motorenfabrik zusammengehöre.
„Jawohl. Sein Vater ist der Besitzer. Der Adel — Schley-Schleyenburg — ist ein bißchen sehr — jung; zu jung für manchen unter uns ... ich weiß nicht, wie Durchlaucht ...“
Georg äußerte, ihm wärs egal, wenn —
„Wenns Herz nur schwarz ist, hohoho, nicht wahr, Durchlaucht?“ lachte Nordeck an seiner Seite, sich vornüber kippend, „Ihr Wohl, Durchlaucht, ich gestatte mir!“ — Also auch der zitierte was, wenn auch eben nur Rosegger, — aber Georg setzte eben sein Glas an die Lippen, als die gesamte Fuchskorona von den Stühlen schnellte und ihr Major beinahe verständlich gurgelte, das Fuchsmajorat nehme sich Freiheit — vier Ganze! — — „O, der Teufel hole eure Freiheit“, murmelte Georg, hinunterwinkend, sein Glas an den Lippen, und trank, dem Nordeck nach und, was seit langem nötig geworden war, Schwalbe vorkommend. Alsdann stand er auf, um hinauszugehn.
Durch den halb erleuchteten Kneipsaal auf die Flügeltür zugehend, gewahrte er draußen in der ovalen und rahmenlosen Spiegelscheibe an der Wand des Vorraums ein neues Gesicht, in dessen rechtem Auge ein Monokel steckte; im übrigen war es blaß, die lange Nase verlief oben in die schräge zurückfallende Stirn, deren Linie wieder weiterhin in den nackten Schädel verging unter das spärliche blonde Haar; auch hier war ganz wenig Aztekenerinnerung und nordecksche Geistesleere. — Jetzt aber, der Türe näher kommend, sah Georg eine überlange Gestalt darin erscheinen und erkannte, freudig überrascht, an ihrem oberen Ende das schmale rechteckige und rötliche Gesicht, die etwas vorquellenden blauen Augen und die breit auf den breiten, von dünnen blonden Bartzipfeln chinesenhaft umrahmten Mund gedrückte Nase von ‚Novalis‘, altem Herrn seines Schülerlesevereins, — und sein Kinn fiel genau wie damals zurück. Georg streckte heiter die Hand aus:
„Graf Hardenberg! Wie reizend, Sie hier zu sehn! Aber Sie sind doch nicht Baltenpreuße? Nun, was machen Sie? Ich habe lange nichts von Ihnen gelesen. Sie haben doch nicht aufgehört? Und was macht Ihr Pollux oder Kastor, Ihr Freund — wie hieß er doch noch? Nun, das müssen Sie mir alles drinnen erzählen, ich bin eben auf dem Weg nach draußen, ja, vielleicht zeigen Sie mirs gleich ...“
Hardenberg, verlegen, rot werdend und einsilbig wie stets zu Anfang, begnügte sich mit Verbeugungen und Händedruck. Da kam Georg, der weiter wollte, das Gesicht aus dem Spiegel entgegen, jetzt über sehr breiten Schultern und — bei etwas schlenkrig stolperndem Gang der schmalen Füße unten — so geradeswegs und mit so leerem Ausdruck auf ihn zu, daß er einen Augenblick glaubte, von dem Andern nicht gesehen und überrannt zu werden. Doch fiel jetzt, einem großen Wassertropfen gleich, das Einglas herunter, die Figur blieb stehen, verneigte sich und sagte breit:
„Schley.“
Georg schüttelte ihm die Hand und versicherte, entzückt zu sein. Der Freiherr fing an, überaus langsam und mit näselnder, nein nöliger Stimme zu sprechen:
„Durchlaucht — wollten wohl nach — draußen. Ich erlaube mir — mitzukommen.“
Also gingen sie zusammen.
Dieser hier war erstaunlich, dachte Georg über seiner Verrichtung vor der marmornen Nische, aber Hardenberg — das war wirklich eine neue Freude. Dies Haus steckte ja voll Überraschungen. O, Hardenberg schrieb die entzückendsten Dialoge, fast ein Geplapper, das sich aber zu einer fast furchtbaren Verve steigern konnte, und in dem er auf die allergeistvollste Weise meist die Daseinsberechtigung der geistlosesten Dinge verfocht. Ja — zudem war er allerdings homosexuell, allein er machte — wie es in der Schülersprache hieß — keinen Gebrauch davon, und angesichts seiner stillen Würde und unwandelbaren Vornehmheit hätte niemand es gewagt, in seinem, wie kein anderes inniges Freundschaftsverhältnis zu — — Georg konnte nicht auf den Namen kommen — etwas anderes als eben — Freundschaft zu argwöhnen. Wie sich die Kunde von seiner Anormalität verbreitet hatte, war unklar, doch die Tatsache stand fest.
Um etwas zu sagen, äußerte Georg beim gemeinsamen Händeabtrocknen zu Schley, ob noch viele Balten das Korps aufsuchten, was der langsam bejahte.
„Mein Vater allerdings“, fuhr er in seiner Nöligkeit fort, „war — Kölner. Aber ich bin ei’nlich ’n halber Franzose. Ich seh bloß nich so — aus.“ Dabei kratzte er sich ratlos den Kopf und ließ — plötzlich — das Glas aus dem aufgerissenen Auge tropfen. Als sie den Vorraum wieder betraten, machte er sich erbötig, Georg das Haus zu zeigen, und so wandelten sie denn ziemlich schweigsam von Zimmer zu Zimmers, Schley die Namen sagend, die sich ohnehin von selbst verstanden nach der Einrichtung, Georg einen Lobspruch fallen lassend. In der Bibliothek aber fand Georg ein wohlbekanntes stark violettes Buch liegen und sagte:
„Da liegt ja der ‚siebente Ring‘. Wem mag der denn gehören?“
Schley sah näher hin. „Das wird wohl meiner sein“, bemerkte er zögernd, nahm ihn langsam auf, betrachtete ihn ebenso langsam von allen Seiten und erklärte, ja, es wäre seiner.
„Ich hab’n Schwalbe geliehen, der seinen glaub ich auf seinem Gut vergessen hatte. Meine Frau — ich bin drei Tage verheiratet — hat ’n mir grad erst geschenkt.“
„Haben Sie denn schon drin gelesen?“ fragte Georg neugierig.
„O freilich! Ich kenne ihn lange! Er ist ja sehr — schwierig, aber wenn man sich ’n büschen Mühe giebt, dann — geht es. — George — — ja, das ist so ’n — großer Saturn möcht ich sagen ... So ein ganzer riesiger Weltkörper in einem goldenen Ring von Gesetzen. Nee, wissen Sie,“ fuhr er auf einmal ganz lebhaft fort, das Monokel schnell wegtropfen lassend, „wissen Sie, da is ein Gedicht in einem früheren Buch, das fängt an: ‚Die Herden trabten aus den Winterlagern ...‘ Kennen Sie das? — Ja, ich muß doch sa—gen,“ sprach er wieder langsamer, „wie ich das zuerst las — da sind mir die Tränen in die Augen getreten.“
Georg fühlte sich eigentümlich ergriffen, weil der Mensch so ernsthaft und echt sprach.
„Ja, nicht wahr,“ erwiderte er eifrig dann, „so ists mir mit manchem Gedicht ergangen, und —“
„Und er hat so was Heiliges, muß ich sagen,“ hörte er die gar nicht mehr näselnde Stimme wieder, „so etwas Götternahes wie sonst nur Hölderlin. Das ist alles wie so große eherne Platten ...“
„Ja, eingegraben, nicht wahr? So unabänderlich und unerbittlich!“
Georg ärgerte sich, daß ihm Worte und Geist versagten, wandte sich und trat an das offene Fenster, das nicht eben hoch über der Straße lag.
Plötzlich gab es einen Stillstand in Georg.
Die Bogenlampe über dem Portal verbreitete ein stark flutendes rotes Licht. Jenseits von dessen Grenze lagen die Anlagen im Dunkel, wo wenige, grünlich weiße Laternen brannten. Eine Zeile von ihnen führte unterhalb des hochübertürmten Schattenrisses der Universität vorüber; eine andere zur Linken in die Ferne, unterm schwarzen Wall der Alleebäume. Das Pflaster war schwarz, naß beregnet. In ein und dem selben Augenblick spürte Georg einen sehnsuchterregenden Atemzug aus der Mainacht und hörte er eine Stimme in seinem Innern sagen:
‚Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren —
In Liebesqual — in leerem Zeitverprassen ...‘
O mein Himmel ja, ‚wer wüßte je das Leben ...? Wer hat die Hälfte nicht davon verloren?‘
Schley hinter ihm im Zimmer sagte etwas; Georg konnte sich nicht losmachen, blickend, ohne zu sehen, doch fing er willenlos an zu zählen, als die Uhr im Turme der Universität schlug, und zählte zehn Schläge. — Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren ... Nein, das ging ein wenig zu weit ... Freilich, was kam auch heraus bei solchen Gesprächen? Nun, wenns gut ging, eine angenehme Bekanntschaft — man mußte doch Menschen kennen lernen — eine Freundschaft womöglich. Schade, daß Schwalbe, als Soldat, selten zu haben sein würde ... Aber wenn ich öfter herkäme — Verkehrsgast würde ... Öfter herkäme ... öfter herkäme ...
Ja: meine Maske ... Deshalb kam ich ja. — Georg merkte den leisen Druck der Angst auf der Brust und fuhr auf. Mit heftigem Schnarchen warf ein gewaltig großes, offenes Automobil mit blendenden Scheinwerfern sich um die nahe Hausecke zur Linken und rauschte heran; etwas Kleines, Weißgekleidetes befand sich einsam im erhöhten Rücksitz, eine junge Dame, die, gegen den Fahrtwind geneigt, mit der einen Hand, erhobenen Armes, einen helmartigen kleinen Hut aus rosafarbenem Stroh auf den Kopf drückte, und im nächsten Augenblick hielt der Wagen dicht vor Georg. Aus einem kleinen, weißen, fast dreieckig geformten Antlitz richteten sich übergroße schwarze Augen auf ihn. Dann öffnete sie den Mund und sagte:
„Guten Abend. Ach bitte, ist mein Mann vielleicht hier? Baronin Schley.“
Baronin Schley? Georg staunte. „Aber gewiß, Baronin!“ rief er, „Augenblick!“ und zu Schley zurück: „Herr von Schley, freuen Sie sich, Ihre Gemahlin ...“
Schley kam ungläubig und mit Seelenruhe ans Fenster, hatte aber kaum einen Blick hinausgeworfen, als er nur: „Virgo?“ sagte und schnurstracks hinausging. — Virgo? dachte Georg. Mein Gott, das ist hinreißend! — Und ging flugs hinterher.
Durch das offene Haustor, die Stufen hinunterblickend, sah er sie im geöffneten Wagenschlag stehn, leicht mit dem einen Fuß hin und her schlenkernd — ganz rosenfarben war der von Strumpf und Seidenschuh — emsig auf ihren Mann herunter redend und lachend, und während Georg nun hinzuging, rief sie ihm entgegen:
„So, also Sie sind dieser Prinz, dessentwegen er mir durchgegangen ist! Was gehn dich wohl fremde Prinzen an, wenn du gerade geheiratet hast! — Er telephonierte, ein Prinz wäre da und er müßte hierher.“ Sie schöpfte Atem. Ihr Mund mit gesenkten Winkeln war ein entzückendes kleines rotes Dach. Die Nasenflügel blähten sich zitternd, und wie hoffärtig war die kleine Biegung der Spitze! Tiefe, bläulich schwarze Ränder unter den Lidern machten die Augen noch größer, als sie waren.
„Und da wollten Sie ihn wegholen?“ hatte Georg gefragt.
„Nein,“ sagte sie, „nun will ich hinein. Nun will ich die akademischen Sitten kennen lernen.“
Schley, während Georg nur „Ach weh!“ äußerte, meinte, zu ihr aufsehend, langsam und ruhig: „Ach, davon verstehst du ja — gar nichts“; worauf sie aus dem Wagen kletterte.
„Los!“ sagte sie, zwischen den Beiden stehend, „Ihren Arm, Durchlaucht! und deinen, Wolf!“ Sie warf auflachend den Kopf zurück und zog die Beiden wie ein Kind mit sich; und wie bei einem Kinde — Georg sahs, als sie vor den Haustorstufen den Kopf senkte — war unter der tiefen Krempe von zartem, rosigem Stroh — eine einzige goldene Rose saß daran — das Haar, braun, kurzgeschnitten, in lockeren Büscheln durcheinanderstehend.
Augenblicke später fuhr die freudig überraschte Korona auf der Terrasse von den Stühlen, wurde vorgestellt, der Senior legte seine Würde nieder und — die Fidelität eröffnend — die des Vorsitzes zur ersten Attischen in die Hände Georgs.
Ja, nun würde es köstlich werden ... Georg drückte sich mit Behagen gegen die hohe Rücklehne des Präsidenstuhls zurück, die Tafel hinunterschauend, die kleine Fremde zur Rechten, ihren Mann zur Linken und weiterhin all die erwartungsvollen, blitzenden Augen und roten, vergnügten Gesichter, Schwalbes feste, bereitwillige Freundlichkeit und des überragenden Hardenbergs Georg zugewandtes Lächeln, das merkwürdig menschlich an dem, wie ein Zaunpfahl ungefüge zurechtgeschnittenen Haupte angebracht war.
„Entschuldigen Sie, Baronin,“ sagte Georg, „nun giebts einen Knall!“ und sie fuhr zusammen, als das Schlägereisen über die Tischplatte prallte. Dann sagte Georg schnell ein paar verehrungsvolle Begrüßungsworte auf und befahl — ihr zumurmelnd: „als erste Vorführung“ — den Salamander.
„Ad exercitium salamandri! Salamander incipitur eins, zwei, drei, eins!“
Georg spähte, während hörbar ringsum aus den angesetzten Gläsern das Schlucken gluckste und sichtbar die gelbe Flüssigkeit abnahm, nach Virgo — denn so nannte er sie. Sie sah großäugig, den Mund halb offen vor Staunen, zu ihrem Mann auf.
„Zwei, drei. Eins — — zwei — — drei.“ Die Gläserböden rumorten auf dem Tisch. „Eins! — zwei! — drei!“ Der Aufschlag sämtlicher Gläser erdröhnte tadellos. „Füchse haben nachgeklappt, in die Kanne eins, eins, Blume melden! Salamander ex, silentium ex, colloquium!“ schnurrte Georg zu Ende und setzte sich, nicht ohne Stolz.
„Wolf, was für’n — Unsinn!“ sagte sie hörbar in das allgemeine Schweigen, worauf ein Gelächterhallo folgte. Drei, viere begannen auf sie einzureden, aber sie schnitt alles ohne weiteres ab und gebot spöttisch: „Na denn weiter! nächste Nummer!“
Georg schlug vor, ein Lied zu singen. „Von Scheffel,“ sagte sie, „die sollen ja so komisch sein,“ und da mehrere Stimmen den ‚Enderle‘ beantragten, befahl Georg diesen. Das Klavier ertönte, vier, fünf Hände reichten ihr Liederbuch der Kleinen, Füchse kamen viel zu spät, aufgeregt noch blätternd, zu dem selben Zwecke herangesegelt, Georg erhob sich, das Lied begann.
Leider verzog sie, wie Georg bemerkte, bei keinem der köstlichen Verse eine Miene; selbst das ‚Jetzt weicht, jetzt flieht, jetzt weicht, jetzt flieht, mit Zittern und Zähnegefletsch!‘ entlockte ihr kein Lächeln, und das Lied war aus.
„Aus“, sagte sie seufzend und sah umher. „War das komisch?“ Sie zog ein Gesicht, als argwöhnte sie, daß man sich über sie lustig machte. „Warum singt ihr dann nicht lieber von Christian Morgenstern etwas; darin ist doch wenigstens Sinn. Na, also dann weiter, was giebts noch zu sehen?“
Also wurde ihr der Trinkkomment vorgeführt. Ein Feuerwerk von Zuprosten nach allen Seiten sprühte. Vor-, mit-, nachkommen, übers Kreuz, unter demselben, definitiv, bis keiner mehr wußte, was er wem schuldig war, während die Füchse in die Kanne steigen mußten, daß sie verreckten, in den Verruf flogen und sich verzweifelt herauspaukten, der aus dem zweiten, der aus dem dritten, ein Tohuwabohu, in dem sie immer stiller und immer blasser und immer schmaler an ihrer Stuhllehne wurde, selten matt lächelnd, wenn jemand auf ihr Spezielles mit ausgeschlossener Löfflung trank, — als wovon ihr Georg erklärte, daß es keine Beleidigung sei, sondern eine Ehre.
„Nun ists genug,“ raffte sie sich endlich auf, „ihr werdet ja alle betrunken werden.“
Schley und Georg betrachteten sich sardonisch während des Höllengelächters der Übrigen, Beide augenscheinlich das gleiche Wort auf den Lippen, das sie verschwiegen. Georg selber keuchte einigermaßen vom quellenden Bier in seinem Innern.
„Ich hab mal“, hörte er sie erst nach einer Weile leise sagen, „was von Bier — Bierjungen — heißt es nicht so? gehört. Was ist denn das? Das ist noch nicht vorgekommen“, meinte sie mit mühsamer Heiterkeit. Georg seufzte.
„Also los, Baron, zanken wir uns. Ein Bierjunge“, erklärte er ihr, „ist ein Bierduell nach vorangegangener Beleidigung. Ich muß mich doch wundern, Baron, Sie nach kaum angefangener Ehe in solcher Gesellschaft zu sehn.“
„Das geht Sie ja gar nichts an, Durchlaucht.“
„Nichts angehen! Das ist Tusch!“ schrien ein paar Stimmen.
„Bierjunge!“ sagte Georg finster.
„Doppelt!“ erwiderte Schley, „das ist hier so üblich,“ setzte er hinzu, „entschuldigen Sie.“
„Dreifach!“ versetzte Georg. „Na, nun ists aber genug. Herr von Schwalbe, bitte wollen Sie Richter sein?“ Schwalbe erhob sich bereitwillig mit einem Ruck.
Da es nun eine Pause gab, bis Schwalbe, zwischen Georg und Schley sich setzend, die herangeschleiften sechs Gläser auf ihre genau gleichmäßige Füllung verglichen hatte, meldete der Fuchsmajor gurgelnd von unten einen Solokantus der Zwillinge, die sich wankend erhoben, dann mit ungeheurer Anstrengung steif dastanden, die Mützen abnahmen und sich langsam herdrehten. Ihre kleinen, todbleichen Gesichter mit schwimmenden Augen sahen so entsetzlich aus, daß Georg Virgo kaum anzublicken wagte. Sie sah vor sich nieder. Stumm standen die Zwillinge. Aus den Anderen scholl Gelächter, aber auch Widerspruch. Dann schrie Ellerau, breit dasitzend, grausam: „Also los, Füchse, wirds bald! Euren Kantus! Baronin wartet.“ Die schluckten. Hohl, um so hohler, weil ohne Klavierbegleitung, fingen sie an zu singen:
„Ach, unsre Ju—u—geend —
Wird — so — ver—geu—eu—det —
Ja — uns—re — Jugendzeit —
Die — wird — ver—tan ...“
„Nun ists aber genug“, bemerkte Schley. „Genug!“ schrie Georg, „geschenkt, Füchse, hinsetzen! Macht, daß ihr —“, er verstummte, für sich allein ergänzend: „— hinauskommt!“ — Und die Zwillinge setzten sich verdutzt und eilig. Augenblicke später verschwanden sie. — Schwalbe erhob sich, verkündete das Bierduell mit dem Stichwort „Baltoborussia sei’s Panier!“ und Schley und Georg standen auf.
„Ergreift die Waffen, berührt die Waffen, los!“
Die ersten Gläser verschwanden schnell. Als Georg, etwas langsamer am zweiten schlang, sah er zu Virgo hinüber; die saß wie ein Steinbild mit Augen wie schwarze Löcher. Als ihr Mann das letzte Glas ergriff, erhob sie mechanisch die rechte Hand, wie um ihn zurückzuhalten.
„Borussia sei’s Panier!“ sagte Georg mühsam, das Glas hinsetzend, und Schwalbe kündigte an, daß Herr Baron von Schley als zweiter Sieger hervorgegangen sein dürfte.
Plötzlich war alles durcheinandergeraten. Georg saß irgendwo und redete ununterbrochen auf die Allerholdeste ein, aber dann riß das ab, Georg irrte umher zwischen Stehenden und Sitzenden, fühlte sich sehr unglücklich und in seiner Sehkraft beeinträchtigt. Lichter verschwammen blitzend in Qualm, Wänden und blauen Flecken; was er ansah, schwang sich kreisend zur Seite; ganz hinten stand eine weibliche, kleine, weiße Gestalt, die er auf keine Weise erreichen konnte, sie hatte ihn ja weggeschickt, obwohl er sie so glühend liebte, nun stand sie mit einem Andern dort und sprach Schlechtes von ihm, o, sie war ihm entsetzlich böse, und unglücklich war sie, Georg brach das Herz, es war im Leben nicht wieder gutzumachen, denn morgen — nein übermorgen reiste sie nach Japan. — Da, jetzt saß er wieder, hatte einen andern — Schwalbe — dicht neben sich und redete unaufhörlich auf ihn ein, steigende Rührung im Herzen und das Gefühl unermeßlichen Genusses im Ausschütten seiner geheimsten Gedanken. Hin und wieder hörte er auch den Andern sprechen, verstand ihn auch, sah seine rundliche, rote Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger auf sein eigenes Knie zu tippen, fühlte sich bekräftigt und verstanden und redete wieder. — Dann wurde ihm furchtbar übel; er bezwang sich noch, allein es ward schlimmer, der Raum, die Lampen, grüne Wipfel, ein großer, geschweifter, grauer Lampion wankten auf ihn zu, er stand auf und fand sich im selben Augenblick unter ungeheuren Qualen seiner in Stücke brechenden Brust, keuchend mit rinnenden Augen und quellendem Munde über ein Becken gehängt. Dann riß wieder alles ab, er erwachte und hörte ein ohrenbetäubendes Geheul, fühlte sich in die Lüfte erhoben, Hände tasteten an seinem Leib, er wurde getragen, hatte eine blaue Mütze in der Hand, die er schwenkte, rief: „Baltoborussia for ever!“ Plötzlich glitt er zur Erde, stand wankend, umarmte jemand und saß auf einem Stuhl, ein Glas in der Hand, während immerfort jemand kam, um ihm die Hand zu schütteln, worauf er dann einen Schluck ekelhaft bittern Zeugs in sich trank.
Und wiederum eine Weile später kämpfte Georg mit den Ärmellöchern eines Mantels, fluchte, weil jemand ihn hinten am Kragen in die Höhe reißen wollte, und dann stand er vor einer Droschke, innen und außen beladen mit Korpsbrüdern in Zivil, die sich auf Georg stürzten und ihn — durch das Fenster, wie es schien — hineinzwängten. Sie führen nach einem herrlich stinkenden Ort, sagten sie und sangen den schönen Choral: Lasset uns noch einen verlöten! während einer unendlichen Fahrt durch eine finstere Fabrikstadtgegend. Schließlich hielten sie den Wagen an und hatten noch zwei Straßen zu gehn, vornüberschießend, Georg unter jedem Arm einen Zwilling, von denen immer einer stehen bleiben wollte, um eine Rede über Moses zu halten. Dann ging es irgendwo Treppen hinauf in ein Haus, in einen kleinen Saal voller Mädchen, die in Jubelgeschrei ausbrachen. Georg wußte noch: nach dem ersten Glase Sekt bin ich hin ... Dann trank er es.
Einige Zeit später hatte Georg das Gefühl, zu erwachen, jedenfalls wurden allerhand Dinge deutlich um ihn, und er fand sich an der Wand eines Saales mit unaussprechlich öden Wänden lehnen, ein Sektglas in der Hand, das im selben Augenblick zu Boden fiel, und zum Umsinken berauscht. Im Saal, unter den vom Tabaksqualm und Staub fast blinden Glühbirnen war ein Hexentanz von einigen zwanzig Mann in Fräcken, Röcken oder Hemdsärmeln und ebensovielen splitternackten Weibern, die Georg unsäglich garstig und alle zu kurzbeinig erschienen. Einmal tat sich für Sekunden der Schwarm auseinander und durch die Gasse sah Georg drüben einen großen, hagern Menschen stehn, hektisch und ungesund, der mit theatralischer Gebärde im ausgestreckten Arm ein nacktes Mädchen lehnen hatte wie eine Harfe, auf deren Leib er mit der Rechten große Harpeggien griff; dazu deklamierte er mit hohler Stimme, deutlich vernehmbar: Vom Eise befreit sind Strom und Bäche ... Dies Bild schwand spurlos, etwas Nacktes und Weiches taumelte gegen Georg, sank, während er, selber auf einen Stuhl fallend, es schwach festhielt, in seinem Schoß zusammen und schlief ein. Eine Zeitlang betrachtete er das fleischerne, magere Bündel Schlaf und tote Freude auf seinen Knien, legte ihren Kopf behutsam an seiner Schulter fest, ließ sein Gesicht weinend darüber fallen und schlief auch.
Schütteln erweckte ihn wieder; auch das Mädchen erwachte, klammerte sich an ihn, schluchzte und wollte ihn nicht fortlassen. Georg entkam jedoch irgendwie, fand sich bald darauf allein in einer morgengrauen, nebligen Straße und ging mit dem stumpfen Entschluß, zu Fuße heimzugelangen, halb im Schlaf so lange durch unbekannte Straßen, bis ihn ein Automobil fand, in dem er sein Haus in der Morgensonne unter lebhaftem Vogelgezwitscher erreichte. O Gott! dachte Georg, als er auf sein Bett fiel, o Gott! Morgen ist Sonntag!
Kaddisch
Georg, an sich selber verzweifelt festgebissen, mit Verwünschungen beladen, entstellten Herzens voll Wut und Öde, hockte auf einer Bank im Park am Sonntagnachmittag. Seltsam schwärzlich war die, schon wie später Abend tiefe Dunkelheit in der Luft; tiefschwarz, nur durch den Fußweg und schmalen Uferstreifen von Georgs Füßen getrennt, der Teich, in dem große Stücke von kalt grauem Silber glommen. Der letzte, mehr schwere als scharfe Atemzug des abgestorbenen Winters schien in den feuchten Lüften abzustehn.
Ich habe, sagte Georg zum hundertsten Male zu sich, wie eine Canaille an mir selber gehandelt. Ich bin ein Pfuscher meines Lebens. O mein Gott, flehte er elend, sollte es wahr sein, daß seit — seit — er tastete nach einer Vorstellung und fand wieder nur, seltsam in der Luft hängend wie ein Stück kalten Mondes, diese — Maske —, seit dieser Maske also die Dinge anfangen, mir zum Unheil auszuschlagen? Ja, warum ging ich denn zu den Balten? Um die Maske zu versuchen. Dann war alles natürlich und überraschend freundlich und nun — — ich weiß zwar nicht: ist Schley wirklich auf dem Wege nach Japan? Und bilde ich mir nur ein, daß er seinen Assessor abgelegt hat? — Nun, es wird schon so sein, daß er verschwindet. Schwalbe werde ich kaum haben können, höchstens für mich allein, nicht an den Abenden, den — o diese Abende, nun kommen sie wieder, da kommen sie! Ich bin verwünscht! — Er krümmte sich, die Stirn zwischen den Fäusten. — Selbst wenn es, wie Ellerau sagte, nur drei in der Woche sein sollten und ich mich um die andern herumdrücken kann, für mich allein esse ... dann ist noch der Paukboden, und der ganze Fechttag am Sonnabend, da sind tausend Zwischenfälle, die mir Stücke aus meinem Leben schneiden — ach, es ist ja nicht auszudenken! — Ihm brach der Schweiß aus allen Poren; es war, als schwitzte er Fett aus Händen und Gesicht, sein Hirn dröhnte und kochte, die Augen brannten, der Gaumen lechzte, und im Magen polterten ekelhafte, moorige Massen. — Wenn ich, dachte er sich als letzte Rettung aus, in spätern Jahren einmal mein Leben in der Hand halten werde und nachsehen, was dies und jenes für ein Gewicht und Gesicht darin hatte — was für ein Aussehn mag dann dies Erlebnis haben?
In der Grotte von Buschwerk hinter ihm raschelte es, ein Vogel oder eine Ratte, sonst war kein Laut in der furchtsamen Abendstille. Die Stücke bleichen Himmels glommen leidenschaftlich und zuckten im düstern Teich; Gewölk rollte darüberhin, graues und schwarzes. Auf den Ufern umher standen die kaum belaubten Bäume dunkel und regungslos; schwer hangend, fahl, die Trauerweiden drüben an der kleinen Brücke, die ins Trostlose zu führen schien. Oben huschte die lautlose, verfinsterte Wolkenbewegung. Die Luft stand, nicht kalt, nicht warm, unfreundlich.
Will es nun nicht endlich bald regnen? dachte Georg erbittert. — Es regnete nicht, aber es wurde unheimlicher, als stünde etwas bevor. Bäume fingen an wie Gespenster auszusehn, wie entseelt, wie entsetzt. Aber all dies ist in mir, dachte Georg; die gute Natur, sie weiß nichts, sie nimmt die Gestalt von dieser oder jener Stunde an, wenn wir das Herz danach haben, es zu sehn. Wir sagen dann: heiter, oder: trübe, weil uns immer etwas peinigen muß oder freun. Du, Natur, schlichte, richtige, bist ohne Entweder-oder, aber du giebst nach, wenn wir uns an dich hängen, wir immer Beladenen; du hast nur dich selber zu ertragen, du entwächsest dir nie, du bist dir immer leicht und schwer genug, derweil wir stürzen oder steigen, hängen oder fliegen — ich glaube, all das Elend kommt doch allein von unsern Füßen her. Wenn wir fest stünden, würden wir vor unendlichem Staunen über all die Bewegung um uns her längst in diese milde Ergebenheit des duldenden Baumes versunken sein, der allem nachgiebt und um nichts sich bemüht. Aber diese Stunde ist wahrhaft schrecklich. Vielleicht war es doch sie allein, die sich den Nachmittag über entfalten wollte, rang und nicht konnte. Ich stand am Fenster, stundenlang, und sah, wie sichs wandelte. Nun ist es ja, als lägen überall Tote begraben; unterm Rasen dort rechts, der wie mit umdüsterten Augen herüberblickt, durch die Dunkelheit, die sich hebt und bewegt; im Teich, unter allen Bäumen — vielleicht liegen welche überall, still, mit gefalteten Händen, ohne Bewegung, aber sie haben begriffen, daß sie tot sind, und wissen nicht, was nun geschehen wird.
Ach, stünden sie auf einmal! alle, in irgendeiner Gestalt! gingen umher, streiften mich, daß doch nur einmal etwas geschähe, das entsetzte, das starr machte, das man nicht aus sich heraus erfinden müßte wie jedes Staunen, jeden Schrecken, jedes Gefühl, das tausend Jahre alte, tausend Male empfundene. Daß einmal etwas hereinbräche über einen, von draußen, von weit draußen, ein Unmeßbares, für das man nicht im Augenblick alles bereit hätte, um es festzustellen, um es zu erkennen! Ich verstehe Raskolnikoff, ich verstehe, daß er etwas tun mußte, von dem er nicht vorher wußte, was es sein würde; das sich vorher berechnen ließ bis aufs Haar, und das doch ein völlig anderes sein würde, wenn es geschehen war. Ich verstehe, wie er mit all seinen Haaren, mit zehntausend schmerzlichen Knoten an seiner Umgebung hing, an Steinen und Menschen, an Häusern und Geschäften, an Gefühlen und Plänen, an Büchern und Maschinen, und wie er den einen, einzigen Ruck haben wollte, wo alles das riß, und er so allein war im Raum, wie nur die Seele eines Mörders allein ist, die zwischen Sternen sitzt und friert.
Dummheit friert an mir. Aber ich schreibe ihnen, sie möchten entschuldigen, ich wäre gestern betrunken gewesen, und sie möchten mich gefälligst ... Heut noch schreib ichs, denn wenn ichs heut nicht tue, so fällt mir morgen ein, mich an ihre edlen Regungen zu wenden und dem Konvent eine freundliche Rede zu halten, und dann bin ich schon ihresgleichen, und sie kriegen mich doch herum. Oder am Ende ists heute doch nur der Alkohol im Leibe, und wenn morgen früh die Sonne scheint, denk ich, es wird schon gehen, oder daß ich wieder acht Tage verreisen kann, und daß sie mich auf vier Wochen hinaushängen, oder daß ich einfach versuche, zu tun, was mir paßt, zu ihnen gehe, wann mirs beliebt, und warte, was sie tun. Warum soll ich auch handeln? Wär es eine Gemeinheit, ein Verbrechen, das man bereuen könnte, Herrgott, so hätte man doch was getan! Nun ists bloß eine Dummheit, und — ist das ein Mensch, der Schatten da? Ich bin ja ganz schreckhaft geworden! —
Hinter der nackten Esche, die vom rechten Ufer her ihren riesigen Ast kahl und schweigsam über die fahle Fläche reckte, kam der Schatten hervor, trat dicht ans Wasser und stand dort, seltsam, als ob er hinge, dunkel vor der Undeutlichkeit des Parks und dem bleichen Scheinen im Wasser. Nach einer Weile glitt er fort und verschwand zur Rechten hinter Gebüsch. Georg nahm seinen Stock von der Bank, drehte sich seitwärts, legte das linke Bein über das rechte, den rechten Ellenbogen auf die Banklehne und den Kopf auf den Unterarm.
Es ist ja nicht das, lief das Rad in ihm weiter, nicht diese Eselei, wieder im Korps zu sein, und auch nicht der Alkohol. Es ist einfach die Angst, weil du nicht weißt, was werden soll. Dies ist nun der dritte Versuch. Erst sollte die Natur Klarheit schaffen; dachte natürlich nicht daran. Außerdem Benno, — nun das war wohl nur ein halbes Viertel von einem Versuch. Nun die Menschen, auf die es ja schließlich ankommt, und da merke ich nun die verfluchte Verzauberung der Relativität. Renate, schönes Licht! dachte er seufzend, aber sein Feuerzeug war wohl naß geworden, das Licht glomm nicht auf, es wurde nur dunkler umher. Woran soll ich mich denn messen, wenn alles relativ ist und ich nicht aus mir heraussteigen kann! Bin ich denn ein Lügner? Ich spiegle den Menschen etwas vor, das ich nicht bin. Schade ich damit? Bin ich nicht bereit zu allem Besten? Zahle ich nicht mit Qual? Irgend jemand sagt mir, ich sei nicht der Sohn meines Vaters, und da soll ich miteins andere Gefühle bekommen? Wie kann ich zwanzig Jahre auslöschen wie ein Talglicht? Darauf aber kommt es an, auf das Innere, und alles andre — — ich weiß nicht, sitzt da jetzt einer neben mir oder nicht?
Er wandte langsam und vorsichtig den Kopf. Ja, neben ihm saß ein Mensch, den Kopf in den Händen; schien übers Wasser hin zu sehn. Das war ja ... Georg wandte sich, beugte sich vor, sah das Profil des Dasitzenden und sagte erleichtert: „Guten Abend, Herr Birnbaum!“
Der Angeredete wandte sich um und stand hastig auf.
„Entschuldigen Sie, Prinz,“ sagte er mit mehreren Verbeugungen, „ich hatte Sie nicht erkannt. Und diese Bank“, setzte er hinzu, „ist gewissermaßen mein Eigentum, meines und meiner Schwester, wir sitzen oft darauf.“
„Aber so setzen Sie sich doch, alter Freund, und erzählen Sie! Vor zwei Jahren haben Sie Examen gemacht, oder erst vor einem? Habe ich Sie nicht im Syndikatskolleg gesehn?“
Birnbaum bejahte, sagte aber, daß er Mediziner sei.
„Daß Sie’s gleich hören, Georg: meine Mutter ist vergangene Nacht gestorben“, sagte er kurz. „Nein, sagen Sie nichts, es ist nichts zu sagen,“ fuhr er heftig fort, „sie war ja kein richtiger Mensch mehr, jahrelang schon, wir hatten uns, wenn ich so sagen darf, ihrer schon längst entwöhnt.“
Georg dachte an Bennos Mutter, fragte, ob sie denn krank gewesen sei, und bekam zur Antwort:
„Ja, geisteskrank, sechs, sieben Jahre.“
Sie saßen still beieinander. Georg suchte den verwirrten schwarzen Himmel ab — war dort nicht ein Stern? — Nacht stand um den Teich; nichts regte sich darin.
„Standen Sie vorhin dort am Wasser?“ fragte Georg. „Sehen Sie, es ist wieder jemand dort! Sehn Sie den Schatten?“
Der Andere blickte hin und sagte: „Ich glaube fast, das ist meine Schwester.“ Er schüttelte den Kopf. „So ist sie nun; geht aufs Geratewohl in die Nacht hinein und ist überzeugt, daß sie mich findet. Dafür ist sie ja nun mein Geschöpf.“
Die Gestalt kam langsam am Ufer den Weg herauf, zögerte, kam näher, stand endlich vor ihnen, schmal und dunkel, einen Schal um den Kopf.
„Bist du’s, Sigurd?“ fragte sie. Er stand auf, trat zu ihr und legte einen Arm um ihre Schulter. „Bist du böse, daß ich mitten aus dem Kaddisch weggelaufen bin?“
Georg schiens, als bewegte sie leise den Kopf hin und her, dann hörte er sie fragen — eine huschende, verhaltene Stimme —: „Mit wem sitzt du denn hier, Sigurd?“
Sigurd sagte: „Es ist Prinz Georg, Esther, du weißt, daß er eine Klasse unter mir war.“
Georg, der inzwischen aufgestanden war, reichte ihr die Hand; die ihre, in einem Zwirnhandschuh, fühlte sich hölzern an. Ihr Gesicht im Dunkel war nur ein weißer Fleck mit zwei schwarzen darin, den Augen, die allerdings absonderlich geschlitzt schienen. Sie setzte sich ans andere Ende der Bank, ihr Bruder sich zwischen den Beiden. Nach einer Weile hörte Georg ihn flüstern, dann sie, er schloß die Ohren, verstand auch nichts, aber das Flüstern dauerte an ... Nun schloß er auch die Augen, vernahm das seltsame Geräusch der Lippen in Pausen, dachte an die tote Frau und geriet an Heines Vers: ‚Keine Messe wird man singen, keinen Kaddosch wird man sagen ...‘ Kaddisch hatte Birnbaum gesagt, aber das war wohl dasselbe. ‚Dunkler Hund im dunklen Grabe ...‘ kam das nicht im selben Gedicht vor? Nein, das war ja:
Nicht gedacht soll seiner werden.
Aus dem Mund der armen, alten
Esther Wolf ...
Keine Messe wird man singen, keinen Kaddosch ... Es ließ ihn nicht wieder los. Sieh, aber nun waren Sterne da! Lieber Gott, wie das nun gleich erleichterte! Da standen sie, klein, schwach, bläulich, dort einer, dort ganz oben, fast über ihm. — Keinen Kaddosch wird man sagen ...
„Verzeihen Sie, Birnbaum, was ist Kaddisch? Sie sagten es eben. Und mir fiel ein Vers von Heine ein, da heißts —“
„Kaddosch,“ sagte Birnbaum, „es ist dasselbe. Kaddisch ist das Totenbeten; die Verwandten verrichten es, oder auch — wie bei uns, die wir keine in der Stadt haben — Freunde und angestellte Frauen. Ich bin davongegangen. Ich konnte nicht ertragen, das Klagen zu hören, wo ein Mensch endlich seine Seele wieder hat, denn das müssen die Andern doch wenigstens glauben. Komm, Esther, siehst du die Sterne? Wollen wir Mutter unsern Kaddisch sagen?“ Sie antwortete nicht. Einige Minuten später hörte Georg ihn sprechen, nicht mehr in seiner wegwerfenden, schnell fertigen Art, sondern seltsam innig und sanft. —
„Mutter,“ sagte er, „warst du denn noch ein Mensch? — Kannst du uns jetzt sagen, was du warst? Da warst du, warst so klein und noch ganz schön, saßest immer bei uns und hattest keine Augen für uns, wenn wir hinsahn. Aber wenn wir still saßen und lasen, wie oft merkten wir dann, daß deine Augen auf uns waren, wie Kinderaugen, verschüchtert, wie ein Bestraftes, das nicht sein darf wie die Andern ...
„Und so seltsame Dinge mußtest du immer tun! Wenn du allein warst, da bewegte sichs in dir, und du mußtest immer folgen, und wenn einer von uns wieder hereinkam, so warst du nicht mehr da. Dann hocktest du zwischen Sofa und Bücherschrank ganz klein, die Hände im Schoß, oder du knietest unter der Tischdecke, als wolltest du Verstecken spielen, oder du hattest ins Schlafzimmer gehn müssen, das Bett gesehn und dich halb ausgezogen und hineingelegt. Und niemals durftest du im Bett sein nachts, wenn Esther erwachte und nachsah: dann mußtest du mit kalten Füßen beim Schrank stehn, oder im Fenstervorhang, aber du warst doch immer willig, kleine Gestalt, und tatest, was man verlangte, legtest dich gleich wieder hin und decktest dich zu. Manchmal freilich war dirs verboten, mit uns zu essen, und dann mußtest du heimlich in die Speisekammer gehen und finden, was Esther dir hingesetzt hatte ...“
„Und wie war es denn, als du starbst?“ fing er leise wieder an. „Auf einmal fandest du die Korridortür nicht verschlossen und huschtest hinaus. Und als dein Sohn im Dunkel mit dem Streichholz die Treppe heraufkam, saßest du auf den Stufen, klein und weiß in deiner Nachtjacke, die Stirn ans Geländer gelehnt, und da warst du tot ...
„Ja, Esther, da war er nun wieder hinausgegangen, der törichte Geist, der ihr all das Seltsame riet, über das sie so viel den Kopf schütteln mußte. Und all das, weil eines Tages ein lieber Mensch auf der Erde lag und nicht mehr antworten wollte auf ihr Schreien und Schütteln und Schlagen, und all das, damit sie nun sein Gesicht wieder hat — ein wenig Wehmut am Mundwinkel, ein wenig Friede über Schläfen und Augen, und das Unbegreifliche ...“
Sigurd war verstummt. Georg sah nicht ohne Erleichterung viele Sterne oben in der Nacht; auch in der Schwärze des Teichs waren sie sichtbar geworden.
„Und wir,“ sagte Sigurd leise, aber wieder heftiger schon, „wir bewegen uns, wir greifen dies und jenes an und nennens Verstand. Einmal merken wir dann, daß wir immer das Verkehrte getan haben. Aber in uns saß doch einer, der wollte es so. Es war so seltsam, Esther, wie Mutter nun dalag unter der Hängelampe, und du standest neben ihrem Kopf, in deinem schwarzen Haar, mit fließenden Augen, im langen, weißen Hemd und getötet vom Schlaf. So sonderbar war das! Nun wirst du bald heiraten wollen und über das große Wasser fortgehen. Ja, meine Lehre ist nun aus. Sehen Sie,“ wandte er sich zu Georg nicht ohne ein wenig Bombast, „es ist ja nichts ohne eine gute Seite. Esther mußte die letzten vier Jahre aus der Schule fortbleiben; da hat sie viel unnützes Zeug gespart und eine Menge Gutes von mir gelernt, Buchführung und Philosophie, Sozialwissenschaften, und einen ungeheuren Stoß gute Bücher gelesen. Verloben konnte sie sich auch, und ich kann dann von dem kleinen zum großen Mütterchen zurückgehen, Mütterchen Rußland, und sehen, ob man mich dort brauchen kann.“
„Sie sind doch Balte?“ fragte Georg, um etwas zu sagen. Sigurd nickte.
„Komm, Esther, wir wollen gehn“, sagte er, und sie stand auf. — Georg ging willenlos mit.
Sie sprachen nicht mehr, bis sie am kleinen Palais anlangten. Als Georg sich hier verabschieden wollte, hörte er Esther zum ersten Male nach den wenigen Worten zu Anfang etwas sagen, indem sie erstaunt fragte, ob er hier wohne? — Leider, gab Georg zurück, sei die Einrichtung noch nicht fertig, sonst würde er sie bitten, hereinzukommen.
„Siehst du, Sigurd,“ sagte sie da ganz heiter, „nun komme ich doch hinein!“
„Sie hat es sich als kleines Kind schon gewünscht,“ erklärte ihr Bruder, „einmal in den verschlossenen Garten zu kommen, da freut sie sich nun freilich.“
Georg meinte, das Stück hinter dem Schlößchen sei nur klein, aber es würde ihn doch sehr freuen, — was nicht aufrichtig war, denn er hatte keinerlei Eindruck von ihr gehabt, und obendrein war sie verlobt. Er haßte Verlobungen. — Also schieden die Geschwister von ihm.
Im Hausflur zauderte Georg, ob er in die unfertigen Zimmer gehen sollte oder in die für die Zwischenzeit zurechtgemachten Prunkgemächer. Aber nach einem Blick in den kahlen, vom schwarzen Abend verdüsterten Raum voller Bücherkisten, Teppichballen und Möbeln in Lattenkäfigen, und einem weiteren durch die Gartentür ins Freie, ob etwa aus Bennos Fenstern Licht falle — doch alles war dunkel dort —, wanderte er schlaff und unfähig in der dunklen Zimmerflucht hin und her, bald nahe am Weinen vor Schmerzwut im Gedanken an Benno, der natürlich bei Renate war. Renate, die ihm ewig verschlossene! Denn dort war ja nun Magda im Hause, und dies — nein, dies brachte er nun doch nicht fertig, vor ihren Augen zu Renate zu beten.
Er stand wieder still, durch ein Fenster starrend auf den Rasenplatz, wo aus der Eichengruppe die Nacht wie eine schwarze Fackel aufstieg. ‚Keinen Kaddosch wird man sagen ...‘ Dieser Sigurd war gewiß ein ungewöhnlicher Mensch, in der Schule wurde ja viel von ihm gesprochen, seinen Kenntnissen, seiner Belesenheit und — ja vor allem seiner Hülfsbereitschaft. Nun, mich wird er schwerlich aus meinem Sumpf herausziehen können. Also was bleibt mir übrig?
Darauflos leben, lustig sein, wieder die Nächte durchsausen, saufen, speien, johlen, Zoten hören. Ach, wenn nur die studentische Ausgelassenheit heutzutage nicht so unendlich nichtswürdig wäre! Wenns noch Freude wäre, Überschwang, Lebensüberfülle, wahre Ausgelassenheit voll Geist und Witz. Ausgelassenheit? Ja, die Vernunft wird ausgelassen und der Stumpfsinn herein, sie betäuben sich, anstatt sich zu befreien, vernichten sich selber in Berauschung, sie sind so unfeurig, das ist es, sie brennen ja von nichts und für nichts, ja sie brennen bloß von Alkohol, von Spiritus, dünne, kraftlose Flämmchen, — o Renate, Renate!
Georg mußte sich niedersetzen vor Mattigkeit, hatte jedoch innerlich etwas Haltung gewonnen.
Was also muß ich tun? fragte er sich, so klar er konnte. Ihnen abschreiben oder nicht abschreiben? — Es durchzuckte ihn, daß er diese Last auf sich nehmen müsse, wegen der — Maske, die sich gerade im ständigen Umgang mit seinesgleichen allein probieren lasse. Lieber — dachte er — ein besonders schweres Stück Weges jetzt — und dann Freiheit so oder so, als die lange Ungewißheit, Ratlosigkeit, und so — Verschleppung.
Wenn ich, dachte er, Herzog bin, werde ich das alles abschaffen. Und damit ich das kann, fuhr er innerlich errötend fort, muß ich nun wohl dafür bluten ...
Die Augen fielen ihm zu; er öffnete sie schwer, sah die zwei grauen Rechtecke der Fenster bleich und öde im Dunkel und tastete nach seinem Herzen. Die Angst stieg darum wie Flut; er atmete mehrmals, so tief er konnte. Entschließe dich, Georg, gebot er sich, schreibe, schreibe gleich! — und schon zum Aufstehen aus dem tiefen Sessel sich vornüberbückend, die Hände auf den Knien, kam er nicht weiter aus dieser Haltung.
Wenn ichs nicht tue, fragte er sich besinnungslos, tue ich es dann aus Tapferkeit nicht oder aus Feigheit?
Zweites Kapitel: Juni
Begegnung
Georg, an einem glanzlosen Vormittage im Junianfang, ritt Unkas im langsamsten Schritt die breite Mittelstraße zwischen den Alleen in der Richtung auf Herrenhausen hinunter, vornüberhängend mit halb geschlossenen Augen, im verschwommenen Blick nahe die leise schlagende schwarze Mähne, tiefer das wechselnde Zum-Vorschein-Kommen der breiten Hufe, unter denen die staubtrockenen Erdklumpen vorspritzten. So saß er, in seiner schweren Müde, seiner Angstwut, seinem unendlichen Mißbehagen, das Hirn in Bierdünsten, das Herz in Öde; zerpreßt.
Ihm fiel ein, wie er in der Nacht zuvor halbtrunken in die Güntherstraße gelaufen war; wie er — auf ihm selber unbegreifliche Weise — zur Rückseite des Gartens gelangt war, halb bewußtlos vor Trunkenheit und Qual am Zaun gehangen und hinüber gelechzt hatte nach dem grauen, ganz dunklen Hause hinter den Bäumen.
Renate ... Wann würde er sie je wieder sehn! Magda — es geschah ihm freilich recht, daß sie ihm den Eingang verschloß, denn das tat sie ...
Dies war die Gegenwart: freudlos, dumpf, entstellt durch eigene Schuld. Das war die Zukunft: dumpf, abgeschlossen, umflügelt von Gespenstern des Grauens. Dennoch mußte er hinein, mußte, die Maske vor, versuchen, ob — — erfahren, ob es erträglich, möglich ...
Unkas stolperte träg; er riß ihn hoch und bemühte sich gewohnheitsmäßig, ihn mit Schenkelschluß und kleinen Paraden zusammenzustellen. In seine geöffneten Augen blendete das halb verhüllte Licht; Spatzenzank schrillte und überlaut Finkenschlag, dicht zu seinen Häupten. Emporblickend folgte er eine Zeitlang den fast auf ihn herunterhängenden Zweigen, deren erste, dünne Belaubung — Blätter und Blättchen, kaum entrollt, noch zerknittert, weich, weißlich behaart, kaum geborenen Tieren gleich — Verlangen erregte, danach zu greifen, eins abzupflücken und vorsichtig hineinzubeißen als in leise bitter Süßes. Aber er brachte — schon zwischen den Zähnen fühlend, wie das Trockene innen saftig sich zusammendrückte und knisterte — die Hand nicht hoch, und eine hülflose Rührung, die ihn überkam, reizte fast zu Tränen. — Nun schmerzte sein nach oben gedrehtes Genick; er senkte den Kopf wieder gerade.
Da sah er, ein paar hundert Schritte weit vor ihm, auf dem getretenen Fußpfad neben dem Hufschotter zwei Gestalten kommen, eine weibliche und eine kleinere männliche, und sofort erkannte er Magda in der weiblichen, erkannte sie mit dem Instinkt, obwohl er sich sagte, daß er, wenn sie es wirklich war, sie gar nicht erkennen konnte, so entfremdet wie sie aussah. Allein im Näherkommen blieb es untrüglich Magda, — und er dachte: Magda — warum nicht mehr Anna? Es kam so ... Magda in einem hängenden, nein schlottrigen, mattblauen Kleide, das sie mit den Achseln trug anstatt mit den Hüften. Wie weit ihr Gang war! und trug sie nicht Sandalen oder wenigstens keine Absätze unter den Schuhen? Damenschuhe ohne Absätze waren Georg unleidlich. Er konnte die Beine sich abzeichnen sehen unter dem schrittweis hin und her schlagenden Stoff, jedoch — wie reizlos! Auf dem Kopf hatte sie einen großen Panamahut mit tief gerundeter Krempe, und er sah nun schon ihr Gesicht darunter, blaß, mit undeutlichen Zügen, wie verwischt.
Und daneben, in schwarzem Anzug, den Strohhut aus der Stirn gerückt, die Hände auf dem Rücken, in unbedenklicher Haltung etwas vornüber — das war ja al Manach! Richtig wieder unter den Lebenden ...
Georg sah ihr Gesicht nun von innen sich erhitzen und ganz rosig werden; sah den Blick der alten braunen Augen und lenkte Unkas hinüber. Augenblicke später hielt er mit Herzklopfen vor ihr, sie lachte heiter, nickte ihm zu, rief: „Tag, Georg!“ und begann Unkas den Hals zu klopfen.
„Grüß Gott, Herr al Manach,“ sagte Georg, „na wie gehts denn?“
Besten Dank, äußerte Jason, es ginge ja. — Den Strohhut, den er höflich abgenommen hatte, behielt er in der Hand.
„Aber Georg, was ist das mit Unkas?“ fragte sie, bevor er etwas vom Zusammentreffen und Langenichtgesehenhaben vorbringen konnte. „Er klemmt ja die Zunge zwischen die Zähne.“
„Tut er das? So. — Ja, er wird ja auch alt ...“
„Na Georg, schon so alt? Wieviel Jahre hat er denn?“
„Ich soll wissen! — Neun oder zehn.“
„Ach, Georg, du weißt gar nichts!“ lachte sie. — Wehmütig an ihrem Gesicht vorüber auf die absatzlosen, staubgrauen Schuhe hinunterblickend — waren es nicht einmal kleine Lackschuhe gewesen, mit eingedrückter Spitze? — hörte er sie weitersprechen: ob er vergessen hätte, daß er ihn gekriegt habe, als er elf Jahre alt wurde ... „Ich bekam Terpsichore — erinnerst du dich noch? — den Schimmel, der gleich das linke Vorderbein brach — ich kriegte doch immer was mit an deinen Geburtstagen — und du Unkas, und damals war er noch nicht drei Jahre alt. Also ist er nun —?“
Georg brauchte eine Weile, bis er hinter den Zähnen hervorbrachte: „Zehneinhalb!“ mit alles vergessender Traurigkeit nun an ihren brauenlosen Augen haftend und sehr zu fragen versucht: Hast du denn so gelitten, daß du gar nicht mehr weißt, was Leid ist, und nichts empfindest bei solchen Erinnerungen? —
Dann ermannte er sich, lachte, wiederholend: „Zehneinhalb! das muß Onkel Salomons Handschuhnummer sein! Wie gehts denn dem Alten?“ und sprang ab. Er hängte die Trense hinter den Bügelriemen ein, gab Unkas einen Klaps auf die fletschende Zunge, daß er unwillig zurückfuhr, und setzte sich neben Magda in Bewegung, dem Wallach es, wie ers gewohnt war, überlassend, ob er mitkommen oder stehen bleiben wollte. Er kam ja doch immer ...
Sie gingen still. Zehn Schritte weiter hörten sie Unkas, der nachgetrabt kam, bis er mit dem Maul an Georgs Schulter stieß, zum Zeichen getreulichen Vorhandenseins. Jason sagte: „Das gute Pferd.“
Erst Augenblicke später fühlte Georg ein zartes Lächeln in sich aufquellen, wie seltsam bestimmt, sanft und bedeutungsvoll es geklungen hatte: Das gute Pferd ... Er spähte verstohlen an Magda vorüber auf Jason, der vor sich hin ging. Alles war ein wenig krumm an ihm, Genick, Rücken und Knie; die schwarzen Augen aber bewegten sich glanzvoll, lebendig und mit Gelassenheit umher.
Und währenddes hörte er sich Magda nach ihrem Vater fragen, hörte sie irgend etwas Unbestimmtes antworten, dann weitersprechen, von Krankheit, ihrem Gesangslehrer und einer Musikvorlesung, die sie in der Universität hörte, und daß sie Georg einmal von weitem dort gesehen hatte. Wie es ihm denn ginge ... Er sehe gar nicht gut aus ...
„Ach mit mir ist nichts mehr los, Anna“, sagte er gedankenlos.
„Ach Georg!“
„Ich bin wieder aktiv geworden.“ Er sah starr geradeaus. Sie blieb stumm.
Das dauerte eine Weile, bis Georg aus den Anlagen zur Rechten die Front des Schlößchens schimmern sah, worauf er sich zusammennahm und fragte, ob die Beiden nicht seine Wohnung anschauen möchten; sie sei eben fertig geworden. Und dann könnten sie ja auch Benno besuchen und sehn, wie er Glück strahlte. — Magda nickte, sie bogen ab, durchschritten die Allee und wanderten um das Rasenrund.
Dann sagte Georg aus halber Besinnungslosigkeit, ohne die Worte unterdrücken zu können:
„Nun bist du ja wie eine Taube, Anna ...“
Sie blieb stehen, so daß auch er halten mußte und sich zu ihr wenden, sah ihn sanft an und sagte:
„Anna nennst du mich? Ja, behalte nur den Namen.“
Dann ging sie weiter, dem vorausgewanderten Jason nach, indem sie anfing, von Renate zu erzählen, und daß sie nun zweimal allwöchentlich einen Quartettabend hätten; Saint-Georges spiele die Bratsche oder zweite Geige, Irene die erste, Sigurd Birnbaum Cello, „— kennst du ihn nicht von der Schule her?“ — und Georg nickte. — Benno Prager, Ulrika und Renate wechselten am Klavier. — Auch Trios spielten sie, Mittwochs würde geübt, Sonntags müßte gekonnt werden.
„Und wenn du magst, Georg, kannst du gern zuhören kommen. Ich habe mit Renate darüber gesprochen.“
Georg zuckte stark. Aber das — — nein das — — Sie wußte ja nicht, was sie tat. Aber er konnte es nicht hindern, daß ein Freudegefühl mächtig und mächtiger seine Brust aufdehnte, die Angst daraus — nein, das Bittere der Angst vertrieb und Süßes hineinflößte. Er richtete sich innerlich auf, straffte seine Haltung, und die Welt sah plötzlich sonniger aus.
Schon hatte er, den Türschlüssel in der Hand, das geheime Gefühl, eine andere als die kleine grau gestrichene Tür hier aufzuschließen; leichtfüßig, die vier Stufen überspringend, strich er voraus durch den Flur und schlug die Tür zu seinem schönen Zimmer auf, — zum blassen Egon, der hübsch in der Gartentür lehnte, hinunterrufend, daß Unkas draußen stehe.
Ja, es war schön. Magda schlug die Hände zusammen und machte nur große Augen. Zwischen den klarweißen Vorhängen der hohen Fenster, im Schatten des dunkelgrünen Wandstücks hinter ihm, saß der ernste, dunkle Pensieroso und sann nach über die Welt. Es war ganz feierlich. Von überall her schimmerten oder funkelten die erlesenen Farben der Kleinode auf den Bücherregalen, leuchteten die Farben der Frühjahrsblumen, rote und hellgelbe Tulpen, ein tiefvioletter Busch Veilchen, Narzissen, gelbe und weiße, hängende stark blaue und rote Petunien und ein riesiges Gebüsch lichtgelber Mimosenblüten. Jason stand schon unten und untersuchte aufmerksam die hölzernen braunen Apostel unter dem Treppendach.
„Nein, die Lilien!“ sagte Magda mit Andacht. Steil aufrecht, edel und großmütig erhoben sie sich über den dunklen Pensieroso.
„Nein, meine Bucharas!“ sagte Georg und sah zu seiner Freude zum erstenmal wieder rasches Leben durch Magda fluten, die nun die Stufen hinunterlief, sich auf die Teppiche bückte, ja sogar sich niederwarf, um sie zu streicheln.
„Himmlisch, Georg!“ sagte sie, „ganz himmlisch!“
Worauf er eifrig zu den Fenstern lief, ein neues Blendwerk versprach, den gewaltigen samtgrauen Vorhang niederrauschen ließ und zugleich eine Lichtkurbel drehte. Hoch oben im Raum, zwei Meter unter der Decke entfaltete sich und schwebte eine milchweiße Sphäre, wie ein großer Kürbis groß, die ein fremdes, fast beklemmendes Mondlicht durch den dämmerig bleibenden Raum ergoß.
„Nein, hier muß ich Renate herbringen!“ gestand Magda noch langer Atemlosigkeit. „Jason, was sagst du?“
Allein kein Jason war vorhanden. Nachsehend fand Georg ihn im Nebenzimmer, wo er, die Hände auf dem Rücken, den Kopf im Genick, geduldig zu dem weißen Perserteppich aufstaunte, der das Wandstück neben der gläsernen Apsis bedeckte. Auch dies Zimmer mit seiner großen Helligkeit, den Vitrinen, schwarzem Stutzflügel und Peddigrohrsesseln in der musselinverhangenen Fensternische fand Magda himmlisch; aber sie war nun wieder stiller geworden und in sich zurückgekehrt.
Wenige Minuten später geleitete Georg die Beiden den langen Flur hinunter und durch den Saal vor Bennos Tür. Drinnen sahen sie ihn in der Mitte stehen, so lang er war und aussehend, als sei er stundenlang, glücksmatt und strahlend in seinen drei Zimmern vor seinen vielen Möbeln auf und nieder geschritten, die er nun selig zeigte: vom Messingbett (es mußte eines sein!) und dem fließenden Waschtisch, an den Bücherschränken und Schreibtisch von Palisander vorüber bis zum Bösendorfer im schön getäfelten Musiksaal, glücksmatt und strahlend, als ob er sie alle geboren hätte. Auf vieles Zureden Georgs wagte er endlich, eine Taste anzuschlagen, lauschte verzückt, saß augenblicks vor der Klaviatur und ließ eine Fuge darüber hinrollen, daß die Wände bebten. Und er fing an, Kunststücke zu machen, fegte den Des-Dur-Akkord über die ganze Klaviatur und lustfunkelte beim Staunen der Andern, da sie den Akkord drinnen nachbrausen hörten, als wärs eine Orgel. Und er sang einzelne, besondere Noten in das offene Instrument und freute sich innig mit Georg, wenn nach Augenblicken aus der Tiefe das Echo sang wie ein gehorsamer Gott. — Magda kannte diese Kunststücke schon. Und so verließen sie den Beglückten.
„Du bist auch ein guter Mensch“, sagte Magda, als sie den Korridor zurückgingen, verstummte aber bei Georgs heftigem Auffahren. — Und ich betrüge sie ja doch schon wieder! dachte er wild, Renate vor brennenden Augen.
Als sie dann unter der Haustür standen, nahm Magda seine Hand und sagte, indem sie Jason nicht mehr zu beachten schien als den lieben Gott im Himmel oder vielleicht das Sims über der Tür:
„Ich wußte wohl, Georg, daß ich dir heute begegnen würde.“ Sie lächelte kindlich: „Ja, was du da nun wieder mit dir angestellt hast, das mußt du wohl ausessen. Ich, weißt du, kann mich um so etwas nicht mehr viel kümmern.“ — Schon wieder ernst geworden bei den letzten Worten, fuhr sie fort: „Ich bin sehr bös krank gewesen, Georg, aber ich habs überstanden, alles, weißt du, und ich möchte dich nicht gerne ganz verlieren. In unser Haus kannst du nicht kommen, deshalb sprach ich mit Renate. Du mußt aber still sein wie ich, willst du?“
Ganz nahe, während sie dies sagte, hatte Georg ihre Züge unter den Augen, und während er diese fest in Magdas geheftet hatte, mußten seine Blicke doch gleichzeitig in ihrem Antlitz umherwandern, mit immer beklommenerem Staunen die, nur aus dieser Nähe erkennbare Veränderung der Züge begreifend; denn diese nun blasse Haut, unter der jetzt ein anderer Stoff als Fleisch zu sein schien, war einmal rosig gewesen, und es lebten damals lebendige Gefühle lieblicher Art um die verwischten Linien des farblosen Mundes, der freilich damals schon herabgezogen war an den Winkeln, aber doch nicht so! Unter dieser glatteren Stirn lebten jetzt andere Dinge, und es war eine ganz andere Stirn; Fältchen waren im Begriff, sich an den Außenwinkeln der Augen zu bilden, und noch — nein, noch war da nichts Welkes unter den Lidern, nur etwas sehr Durchsichtiges, und das Haar — — Indem glaubte er sich eines andern Gesichts zu erinnern, das er auch in einem irgendwie bedeutenden Augenblick so wie dieses gesehn hatte, allein nun hatte er ihr dankend in die Augen zu sehn, ihre Hand zu drücken, Jason ebenfalls, und zu gehn. Ohne es gewollt zu haben, wandte er bald den Kopf nach ihr um. Da gingen sie nebeneinander die weiße, chaussierte Straße hinab, vorüber an den kleinen Kugelakazien, aus denen die Sternwarte sich erhob, dunkelrot und schwarzgrün im Efeubehang, Georgs Blicke für Sekunden emporlenkend, daß er ihren Ernst, ihr Alter, ihre bedrohliche Würde empfand —: Jason, die leeren Hände auf dem Rücken, schwarz und etwas vorgebeugt, den Strohhut wieder im Genick. An Magda war nichts zu sehn; sie ging ihres Wegs.
Kein Reiz mehr hauchte aus ihr, das wars.
Hatte sie allen Glanz der Welt von sich getan? Hatte er selber sie gelöscht wie ein Licht? Aber ihre Augen glänzten anders innerlich, es gab vielleicht Nonnen, deren Augen wie die ihren in einer sehr gewissen Flamme brannten, in der sie alle äußeren Lichter reiner und edler hatten. Dieser Jason hatte ja Augen wie ein Märchenerzähler, man müßte — aber schon, indem Jason ihm erschien, mit einem riesigen schwarzroten Turban bekleidet, ein blaues, langärmeliges indisches Hemde am Leibe, mit untergekreuzten Beinen auf einem Teppich, schob sich das Gesicht seines Vaters in dieses Bild hinein, so als wäre es dicht über Georgs Augen. Wann war —? Ach, an seinem Geburtstage wars, nicht am Geburtstage, am Tage vorher, mittags, — und schon flogen von allen Seiten Bildstücke auf Georg zu, die hellen Fenster, und draußen die Wipfel im Regen, Visionen des Trassenbergischen Landes, und schon der Saal im kleinen Palais, Benno auf einem Stuhl an der Wand, der Achattisch, Napoleons Weste, Stirn und Haar, und jählings wieder Magda an der Erde, am Abend im dunklen Wiesengrün, ihr rötliches Kleid, ihr ohnmächtiges Gesicht mit geschlossenen Augen und — — Georg merkte, daß er vor seiner Haustür stand, die in ihr Schloß gefallen war, fing an, in der rechten Hosentasche die Schlüssel zu suchen, vergaß dabei, was er aus der Tasche holen wollte, wälzte Feuerzeug, Taschentuch, Schlüsselbund durcheinander, brachte dies endlich hervor und schloß auf. Sein Zimmer in geisterhafter Mondesdämmerung erschreckte ihn, er riß den Vorhang hoch, öffnete die Glastür. Sonnenlos war draußen der Garten, er lehnte sich gegen den Türrahmen, warf den Hut irgendwohin und hing nun ganz und gar tief über dem Erinnerungsfeld jenes Tages, wo Jasons schwarzer Körper aus dem Grün der Teichoberfläche erschien, an einem Arm emporgezogen, und er sah die klebenden grünen Blattlinsen auf dem bleichen Gesicht. Unkas stand da, verzerrt, der Maler ging neben ihm, der Maler saß im Zimmer in der Fensterbank, am Tisch, schob seinen Bleistift in der Blechhülse, und da war das weiße Zeug des Vorhangs an Magdas Fenster in der Nacht, die kleinen Kronen der Obstbäume in der Dämmerung, das Spalier an der Hauswand, und nun war er im Zimmer, legte die weiße, fremde Gestalt auf das offene Bett, — diese fremde Gestalt, fremde, fremde, fremde — wiederholte er immerfort, und die Kälte des Augenblicks fühlte er, und fragte sich, ob das immer so sei, wenn man eine Frau —, dies — Sichentkleiden, dieser schaurige Stillstand in den erst glühenden Empfindungen, und dies — Sichzurechtlegen und Rücken und — Gepeinigt von diesen Empfindungen mußte er sie um so hartnäckiger verfolgen, erinnerte sich des wilden kleinen Wesens in München, Fliddridd — ja, das war freilich ganz anders, viel natürlicher, denn die war selber äußerst bei der Sache gewesen — — aber wenn eine Frau selber nichts — — du mein Gott, ja — das Blut schoß ihm siedendheiß in den Kopf — was ging denn während dieser Zeit in ihr vor, die da vor ihm lag und still hielt, was dachte sie denn, was fühlte sie denn? und war sie nicht weiter von ihm weg als der Sirius von der Sonne? Und was war denn das, was er tat an ihr? Hatte er sie nicht einfach vergewaltigt?
Georg schüttelte aufgeregt diese Vorstellungen ab, seufzte, fühlte das Metall seiner Zigarettendose glühend heiß und feucht in der linken Hand in der Hosentasche, zog es hervor, zündete mit flackernden Händen eine Zigarette an und zog mit heftigem Genießen den Rauch in die schwellende Lunge hinunter. Das abgeglühte Streichholz in die Aschenschale auf dem Schreibtisch legend, dachte er: Ich wußte es ja, man liebt eine Frau niemals weniger als in dem Augenblick, wo man sie — liebt, denn im glühendsten Momente dann — ist sie ja auch nicht mehr vorhanden, sondern bloß — das Feuer, in dem man selber schon vergeht, und ein minuten-, ein sekundenlanger Blick Auge in Auge enthält ein tausendfaches Mehr an Glut und Unauslöschlichkeit. Liebend besitzen kann ich jede, liebend anschauen — wie wenige! Aber Magda? — Magda? —
Er merkte, daß er unbewußt nach seiner Brust getastet hatte, denn dort hatte sich wieder der Druck gezeigt, das Angstgefühl, das lange bekannte, das im Augenblick schon da war, wenn er allein war, und das ihn lähmte, das Morgen verschleierte, das Gestern verhüllte, das Heute entfärbte. Doch fand er, es sei leichter geworden, loser ...
Es zuckte in ihm, aufzuspringen und in das geheime Zimmer hinüberzulaufen, das Zimmer der Königin ... Allein in dem Sessel, in den er gesunken war, saß er unbeweglich fest, bald nichts mehr spürend als unerkennbare Gedanken und Vorstellungen, die an ihm zehrten.
Erasmus
Renate vernahm, als die Quartettgesellschaft — Irene, Ulrika, Benno Prager, Saint-Georges, Sigurd nebst Schwester und Magda — an einem Sonntagnachmittag auf dem Rasenplatz im Montfortschen Garten buntgestreifte Reifen warf, plötzlich aus dem Gang zur Straße neben dem Haus einen hitzig prasselnden und knatternden Lärm, und kaum daß sie hinsah, sauste mitten in die schreiend auseinander Stiebenden ein rädriges Ungetüm, schnaubend und zischend, mit einem ganz ledernen Kerl darauf. Da hielts stille, und da wars Bogner, von dessen Gesicht eine Brille fiel, und der lautlos lachte auf seine Art, während sie ringsherum wie angewachsene Daphnes, wenigstens was die Frauen anlangt, in mehr oder minder zierlichen Posen verharrten. Aber nun umdrängten sie ihn und beschimpften ihn wie die Sperlinge, wie die Krähen eine muntre Eule, und er berichtete, daß er schon wochenlang auf diese Weise unter die Dörfer über die Haide fliege, — „jedoch“, sagte er, „nicht jede vernichtete Gans wird ein Stilleben.“ Nun habe er allerlei Dinge gesammelt, wolle gleich anfangen, und zwar, mit Renates Erlaubnis, in der Kapelle, die er mit sechs schönen Engeln schmücken wolle.
„Was kostet ein Engel?“ fragte Irene, fragten sie Alle. Alle wollten möglichst einen Engel haben. Bogner sagte, er verkaufe nur an fremde Leute und an Herzöge, und da waren sie tief niedergeschlagen, denn keiner wollte ein fremder Mensch sein, und keiner war ein Herzog, und schenken lassen konnten sie sich doch auch nichts, woran der Maler ja nun auch keineswegs dachte. Sie sollten nicht böse sein, sagte er begütigend, er wollte später jeden von ihnen in schwarzem Papier ausschneiden, dann könnten sie sich gegenseitig mit ihren Konterfeis beschenken und dann hätten sie jeder einen Engel. — Dies, meinten sie, wäre nicht ganz das Richtige. —
Bogner, der sein Rad gegen das Postament der Sonnenuhr gelehnt hatte, fragte Renate, ob Erasmus im Hause sei, denn mit ihm müßte geredet werden. Er wäre ein Sonderling und möchte am Ende nicht zugeben, daß er, Bogner, Renate Bilder schenkte. —
Ja, ob er denn wirklich nichts dafür haben wollte? —
Nein, es wäre doch seine Angelegenheit und ein Geschenk für sie. —
„Bogner,“ sagte sie, „das kann ich nicht annehmen.“
„Schnickschnack,“ sagte er, „Renate Montfort kann alles annehmen. Der Bauer schenkt dem König Wurst, — sind Bognersche Engel nicht ebensoviel wert?“
Renate war überwunden, mußte aber nun fragen, warum Erasmus gefragt werden mußte.
„Es ist höflicher“, sagte Bogner.
„Bogner,“ sagte sie, „Sie haben einen schönen Charakter.“
Renate war plötzlich verstummt, während sie durch das Haus gingen. Warum sagte ich das? grübelte sie nach, einen schönen Charakter? Woher sind die Worte? Ein gutes Herz wollte ich sagen ... Da fiel ihr ein, daß es Worte Bogners waren, aus einem seiner Briefe; ihr Herz zog sich zusammen; als ob er alles wissen müßte, errötete sie langsam und fing eilig an, über Erasmus zu klagen. Sie bekomme ihn kaum noch zu Gesicht, er arbeite Tag und Nacht und komme nicht einmal zu den Mahlzeiten heraus, sondern esse in der Stadt. Der Onkel sei so still geworden und arbeite auch unaufhörlich, wenn nicht in der Fabrik, in seinem Zimmer. Die Aktiengesellschaft war ja längst vollkommen, und nun waren Onkel und Erasmus Angestellte im eigenen Betriebe, pekuniär war freilich alles fast wie früher. — Renate verstummte, da sie inzwischen im Obergeschoß und vor Erasmus’ Tür angelangt waren. Sie klopfte, hörte ihn laut Herein rufen und öffnete.
Sie hatte erwartet, daß er am Schreibtisch sitzen werde, aber er stand mitten im Zimmer, halb den Rücken zur Tür, das Gesicht über die Achsel hergewandt, die linke Hand auf dem Rücken. Süßlicher Qualm erfüllte den Raum, und als er sich zur Türe umdrehte, wurde in seiner linken Hand eine halblange Jägerpfeife mit Troddeln sichtbar. So schien er umhergewandert zu sein, und die Schreibunterlage auf dem Schreibtisch war leer. Dieweil er Bogner freundlich die Hand gab und mit seiner tiefen Stimme ein paar Bemerkungen über seine Belederung machte, sah Renate sich verstohlen um, da sie noch nie hier oben gewesen war.
Es sah wie in einer Studentenbude aus; ein schiefes Bücherregal hing an der Wand, Stapel und Stöße von wissenschaftlichen Zeitschriften lagen auf Stühlen und Teppich, ein Schrank stand halb offen, ein Mantel hing vom Sofa an den Boden, alle Bilder hingen schief. Unbewußt rieb sie die Knöchel der rechten Hand in der Linken, als ob sie fröre. Erasmus’ „Wollt ihr euch nicht setzen?“ klang steif genug zur übrigen Unwohnlichkeit. Bogner, in seiner Lederjoppe breiter aussehend als früher, lehnte sich gegen den Schreibtisch, sprach von seinen Malplänen; Erasmus nickte dazu und sagte am Ende nur, wenn es ihm, Bogner, gerade darauf ankäme, seine Engel in Renates Kapelle unterzubringen, so solle ers gewiß tun, bezahlt kriegte er ebenso gewiß nichts dafür, und Renate fragte sich mitleidig und unwillig, ob er Bogners Andeutung vom Schenken nicht verstanden habe oder absichtlich alles ins Geschäftliche zöge.
Sie hätten nichts übrig, sagte Erasmus, alles würde auf die hohe Kante gelegt, „aber“, sagte er, nach seiner Art plötzlich in Wut ausbrechend, „der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht alle Lust verliere, wenn ich dich jeden Tag in dieser weißen Fahne herumlaufen sehe! Meinst du, wir sind Bettelleute geworden? Etwas mehr Takt, das möchte ich denn doch bitten, meine Liebe!“
Renate fing unwillkürlich an zu zittern, fand aber einen Ausweg. „Wo hast du mich denn gehen sehn, Erasmus?“ fragte sie.
Er wandte sich weg und murrte, sie habe wohl vergessen, daß sein Schlafzimmerfenster auf den Garten hinausgehe, und das schien Renate eine so dumme Ausrede, daß sie lachte und sagte: „Es ist doch Sommer, Erasmus, da trage ich nur Weiß und doch nicht immer dasselbe Kleid!“
Auf einmal war sie mutig geworden und wagte die Bitte, ob er nicht auch in den Garten kommen wolle, Herzbruch komme nachher, um seine Frau zu holen, der sei doch ein alter Freund von ihm, was der denn denken solle.
„Sag, daß ich arbeite!“ schnob er, jedoch nicht unsanft.
„Erasmus,“ sagte sie, „das ist nicht wahr.“
Er stand am Papierkorb, hatte den Pfeifendeckel aufgeklappt und rührte mit Irgendetwas in der Asche, die herausfiel. So gut und dumm ist er, dachte Renate, nun fällt ihm wahrhaftig nichts ein, seine Stirn ist ganz runzlig vom Nachdenken, und die Augen quellen heraus.