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Helianth. Band 2 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene cover

Helianth. Band 2 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Chapter 12: Mensur
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About This Book

A sequence of nine linked books follows the interior and outward lives of two contemporary inhabitants of the North German plain, blending realistic domestic scenes with hallucinatory dreams, fragments of letters and artistic creation. Episodes move between sleepless nights, remembered landscapes and rehearsed performances, revealing recurrent motifs of longing, solitude, memory and erotic yearning. The structure favors fragmentary impressions and shifting perspectives that blur waking consciousness and imaginative projection.

„Wo ist dein Onkel?“ knurrte er endlich, ohne aufzusehen, blies in die Pfeife und schüttete den Rest heraus.

„Erasmus, müssen die Dinge denn mit Gewalt immer noch schärfer und eckiger gemacht werden?“

Er klappte die Pfeife zu, legte sie auf die Tischplatte, sah auf und sagte ruhig:

„Geht nur, geht, es nützt ja nichts.“

„Erasmus!“ — bat sie, aber es war nichts mehr mit ihm anzufangen, er schob Bogner zur Tür, und sie ging mit gesenktem Kopf und rasch an Beiden vorüber hinaus.

„Bogner, bin ich so ungeschickt gewesen?“ klagte sie draußen. „Wenn ich nur Saint-Georges gefragt hätte, der weiß immer alles. Sie zucken natürlich die Achseln.“

„Ich,“ meinte der Maler, „wenn ich er wäre ...“

Renate hob die Schultern, machte ein feindliches Gesicht und stieg schnell und mit möglichster Ruhe vor ihm treppab.

Unten aber zwang etwas sie, stehen zu bleiben, sich nach ihm umzuwenden und zu fragen: „Wollten Sie mir nicht noch etwas erzählen? In Ihrem letzten Brief ...“ Der Maler nickte, meinte aber, es fände sich wohl einmal eine Zeit, wenn er erst am Malen sei und nicht könnte.

„Ach, ihr seid eine Horde von Egoisten!“ lachte Renate, „wie soll das überhaupt mit der Malerei werden, Sie malen womöglich den ganzen Tag?“

Kohleaufrisse, sagte er, könne er auch nachts machen, aber die Musik würde ihn gewiß nicht stören, nein, Musik sei sogar ein ganz ungemeines Geräusch.

„Himmel, Maler!“ brach sie aus, „denken Sie denn nun wahrhaftig nicht daran, daß Sie uns stören könnten?“

Sie lachten Beide; nein, er hatte nicht daran gedacht, versicherte aber nun, daß er ganz wenig Platz brauche, und versprach, immer nur an einem Fenster zu malen.

„Sie waren doch auf der Schule mit Erasmus,“ sagte sie plötzlich, „wie machten Sie es denn da, wenn er nicht wollte wie die Andern?“

Sie standen in der Veranda. Der Rasenplatz war leer, von der Kapelle her tönten Orgelklänge gedämpft, nur Irene stand neben Bogners Rad, sanfthüftig und anmutig in ihrem, gegen die Füße leicht verjüngten weißen Kleid, und drückte vergeblich an Bogners Huppe herum, ohne einen Ton herauszubekommen. Die schöne Nachmittagsglut fiel in breiten Streifen durch das Gartengrün, und darüber standen sie schweigend. Im Rasen erglänzte hier und da ein Stück von einem bunten Reifen. Der Maler sagte laut: „Beide Hände! Mit beiden Händen gehts!“

Irene, hochrot im Gesicht, flog herum, blitzte ihn an und entfloh über den Rasen nach der Kapelle hin.

„Damals“, sagte der Maler, „blieb jeder sich selbst überlassen; wer sich abgesondert hatte, mußte sich freiwillig wieder herzufinden. Oder es wurde geboxt; das geht nun nicht mehr. Erasmus war immer ein Topf ohne Henkel.“ Er hob die Achseln. „Das sind wir Alle im Grunde. Ihr Frauen solltet wohl eigentlich diejenigen sein, die immer noch eine Handhabe entdecken. Leiden machen unbeweglich, ich weiß das. Wenn dann kein Gott zugreift, steht solch einer ewig am Feuer und brennt.“

„Und da soll man warten, bis sie ausgekocht haben?“ fragte Renate, „o Bogner!“

„Wir reden in Gleichnissen“, sagte er beinah ungeduldig „Steht der Topf denn an Ihrem Feuer?“

Sie stand, ihre lange Kette von rosenroten Korallen in den Händen, und zog die straffgespannte langsam an den Lippen hin und her. „Ja, in meinem Hause jedenfalls,“ sagte sie endlich leise, „und doch scheint mir: es ist alles verzaubert, und ich kann den Spruch nicht finden. Glauben Sie, Bogner,“ fragte sie ratlos, „daß ich Josef schreiben soll, daß er wiederkommt? Ach Gott, ich habe ja keine Ahnung, wo er ist!“ klagte sie mutlos und ließ den Kopf hängen.

Sie sah Bogners Rechte, die er ihr reichte, legte die ihre hinein, sah ihn gehn und blieb, wo sie stand, ohne zu denken, ohne sich zu bewegen, bis wieder Schritte laut wurden und Herzbruchs breite Kaufmannsgestalt und sein gelehrtes Gesicht hinter der runden Hornbrille in der Tür erschienen.

Mensur

Georg, am Leibe weiter nichts als das einärmelige Mensurhemd und die oftgewaschene alte Leinenhose, setzte sich rittlings auf den alten Bandagierstuhl, kreuzte die Arme auf der Lehne und ließ sich von Tastozzi eine nach der andern die viele Meter langen, fast handbreiten schwarzen Halsbinden umwickeln, die, glitschig vom Blut und Schweiß vieler Wunden des Mensurtages, stanken wie der Teufel. Aber wundervoll war wieder die unendliche Sorgsamkeit, mit der Tastozzi wickelte, sanft legend die klebrigen Riemen wie Wundbinden von weicher Gaze, nachtastend mit der Linken und immer wieder fragend: „Ists so recht, Georg? Drückts auch nicht?“ Nichts drückte, im Handumdrehn steckte der Hals in einer weichumschließenden Wand, um die noch die handhohe wattierte Manchette leicht umgeschnallt wurde. „Sitzts?“ „Danke, glänzend!“ O Tastozzi war dunkel, aber eine Seele! Das wußte, wenn kein Andrer, Georg. Er sah dankbar auf, allein Tastozzi hatte sich schon zur Fensterbank hinter ihm abgewandt, wo die Armbinden aufgehäuft lagen.

Von diesen sanfteren Empfindungen abgesehn, befand Georg sich nicht in der bänglich freudigen Laune seiner früheren Waffengänge. Früh erwacht, nach wenig Schlaf, endlos wachen Stunden übler Peinigungen des Geschlechts, Halbtraumvisionen in endlos hartnäckiger Jagd, hatte gleich der Gedanke an seine noch immer nicht restlos vernarbten Kopfwunden sich festgesetzt: beim Betrachten der kaum behaarten Stelle im Spiegel zeigte sichs, daß sie wieder geschwitzt hatten. — Ekelhaft, so mit offenem Kopf zu fechten!

Georg blickte finster gegen die blaugetünchte Wand des kahlen kleinen Raums, der leer war — Tastozzi setzte seine Eigenart durch, beim Anbandagieren keinen Zuschauer zu dulden — leer, bis auf die Tische, die drüben gehäuft voller Bandagen, Schurze, Drahtmasken und Sekundantenspeere mit farbigen Körben, an den Wänden links und rechts dagegen bedeckt waren mit dem ganzen Rüstzeug der Ärzte, auf Wattelagern ausgebreiteten Scheren, Zangen und Nadeln, flachen Schalen voll rosiger Sublimatlösung und Bergen von Watte. Georgs Blick schweifte abweisend drüber hin und heftete sich auf den eigenen nackten Unterarm, den er hochhielt, die Faust schon im gepolsterten Handschuh, während Tastozzi die Handgelenkbinde von dünnem gelbgrünem Flanell zart und fest umlegte: der Arm gefiel ihm, wie er war: glänzend weiß, kräftig und harmonisch gebaut, und „Schöner Arm, nicht?“ brummte er halbfragend. Der Andere schwieg, die grauen Augen im gelblichen, dunklen und eckigen Gesicht mit voller Aufmerksamkeit auf die Schleife gerichtet, die seine Finger knüpften, worauf er, ohne hinzusehn, die erste Armbinde von der Fensterbank griff und die zu Boden hängende geschickt aufrollte, dann den Ballen um Georgs Arm abzuwickeln begann. Georg folgte gedankenlos mit den Augen, immer wieder das leise: „Sitzts, Georg? Drückts auch nicht?“ hörend und die linke Hand Tastozzis sehend, deren Finger er auf jede neue Lage prüfend aufsetzte; und er wickelte bereitwillig wieder und wieder zurück, schon auf Georgs leisestes Antwortzaudern hin. Es war eine Lust, von Tozzi bandagiert zu werden!

Die beiden krassen Füchse, der jüngere Ellerau und von Germersheim, kamen hereingeschlendert und fragten Georg zum siebenten Male, wie er sich fühle.

„Ich habs euch schon sechs Mal gesagt: glänzend! Macht bloß, daß ihr weg kommt; nicht wahr!“ schnob Georg und bewegte das Handgelenk noch einmal prüfend, ehe er Tozzi den dünn wattierten schwarzen Seidenärmel über das Ganze ziehen ließ.

„Gib mal Speere her, Rudi!“ befahl er dann. „Ellerau, geh mal fragen, wer auf Gegenseite sekundiert. Hoffentlich nicht Everdingen, der fällt immer — was ist, Tozzi?“

„Nichts. Du kannst aufstehn.“

Georg erhob sich. „Die ekelhafte Hose klemmt immer so!“

„Man sollte nackt fechten“, hörte er Tozzi hinter sich. — Rudi, mit zwei Mensurspeeren in den Händen vor ihn tretend, meinte lachend: „Baden muß man ja sowieso hinterher.“

„Hol einen Schurz, Rudi, und red nicht, eh du gefragt wirst.“ Georg führte abwechselnd mit jeder der beiden Klingen in den kürbisgroßen, blauweißschwarzen Blechkörben ein paar Lufthiebe, und trat zurück, da sein Gegner, fix und fertig gerüstet, den Arm auf der Schulter eines Korpsbruders hereinkam und sich verbeugte, ein mittelgroßer, schwerer Mensch mit gedunsenem Gesicht, aber friedlichen kleinen Augen.

Während Tozzi ihm dann den von Germersheim gebrachten großen Lederschurz vorhängte, der, steif wie ein Panzer, eine neue Wolke beißenden Schweiß- und Blutgeruch ausströmte, fragte er, in Georgs Rücken festschnallend: „Hast du noch irgendeinen Wunsch? Fürs Sekundieren mein’ ich?“

„Ich wüßte nicht ...“ Da kam Ellerau zur Tür herein. „Also wer sekundiert drüben?“ fragte Georg halblaut.

„Altenburg soll er heißen.“

„Gott sei dank. Also dann, Tozzi,“ fuhr Georg leise fort, „nur eins, nicht wahr, was ich immer schon sagte: nie einfallen, wenns nicht unbedingt notwendig ist, — Abfuhr oder so. Ich — ja um Gottes willen, Rudi, bring mir bloß die Speere nicht durcheinander, nicht wahr! Ja, welchen hab ich denn nun eigentlich ausgesucht? Gieb den noch mal her! den, wo du grad — — nicht den! den andern! Sakrament noch mal, ihr Füchse seid eine Gesellschaft, nicht wahr!“

Bei dem Lufthieb aber, den er mit dem empfangenen Speer ausführte, hätte er sich ums Haar das Handgelenk verrenkt; es schmerzte, und das war ein Omen. Georg fluchte leise und sagte, er nähme den andern, Ellerau sollte ihn in der Hand behalten. — Der erklärte hochherzig, er testierte Georg ja sowieso, worüber sein großer Bruder hereinkam und sich wunderte, daß Georg noch nicht fertig war.

„Die Brille, Tozzi“, sagte Georg beklommen. Der Augenblick, wo das blindmachende, tränenerregende Eisengestell mit Drahtvergitterung um den Schädel geschnallt wurde, war jedesmal der schlimmste.

„Was wolltest du mir denn noch sagen?“ hörte er Tozzi fragen, der gleichzeitig sanft den Brillenbügel — der Gute hatte ihn zuvor mit Watte umwickelt — auf Georgs Nasenwurzel legte. Es ward dämmrig vor Georgs Augen, dann fühlte er, wie unendlich behutsam die Schnalle am Hinterkopf zugezogen wurde und — nicht ohne leise Rührung, daß Tozzis Linke die kurzen Haare, um sie nicht einzuklemmen, nach oben strich. Die Riemen zogen sich zusammen, langsam, weich, dann ein kleiner Ruck; die Brille saß. Wundervoll!

„Ja — also du weißt ja, nicht wahr! Ich ziehe beim ersten Hiebe immer nur an, nicht wahr, komme also erst beim dritten, nicht wahr, auf Terz heraus und dann mit der Hakenquart. Von der Uhlenburg bolzt zwar sicher, aber für alle Fälle, nicht wahr — nicht einfallen! auch wenn du mal Blut — — Also kanns losgehn?“

Der Raum war jetzt gedrängt voll stehender Korpsleute aller Farben; Georg wurde durch die Mauer geschoben und geführt, fand sich plötzlich — was ihm ein leichtes Leeregefühl in der Magengegend versetzte — vor der leeren Saalmitte voll blutfleckiger Sägespäne, fünf Schritt gegenüber seinem Gegner, der puppensteif auf einem Stuhl hockte, das Gesicht halb verdeckt von der eisernen Brille, an der noch ein Nasenblech saß, den rechten Ellbogen auf dem hochgestützten Knie seines Testanten, so daß die Schlägerklinge senkrecht emporstand. Und indem Georg merkte, daß ihm von hinten ein Stuhl untergeschoben wurde, hörte er durch das gedämpfte Stimmengemurmel ruhig und vernehmlich sagen: „Silentium für die Mensur.“

Mein Leder! dachte Georg und vernahm, sich nach links wendend, gleichzeitig Tozzis tiefe Stimme: „Mein Paukant ist noch nicht fertig. Das Leder fehlt. — Ist es groß genug?“ fragte er, Georg die handtellergroße, lederbezogene Platte von Eisenblech an ihren schwarzen Bändern vorhaltend. „Ich denke“, erwiderte er, aber nun gabs erst Aufenthalt. Der Unparteiische trat herzu. Andere von beiden Seiten steckten die Köpfe vor, alle wollten das „überlebensgroße Leder“ sehen, das „Geburtstagsleder“, wie eine Stimme sagte, bis der Arzt kam, Georg den Kopf senken ließ, kaltfingrig auf der nackten Stelle tastete und das Leder für ordentlich erklärte. Bis es über den noch unvernarbten Wunden festgebunden war, verging noch eine Minute, und Georgs Arm mit der Waffe auf der Schulter des Fuchsen war unterweil lahm geworden.

Endlich trat gegenüber der Sekundant vor seinen Fechter und erklärte, die Drahtmaske vom Gesicht lüftend, sein Paukant trete mit Nasenblech an wegen Nasenoperation; worauf Tastozzi — plötzlich überaus schlank und kraftvoll erscheinend, die Drahtmaske ritterlich im Arm, die Klinge schräg nach unten — das Leder verkündete.

Georg schöpfte tief Atem; gleichwohl haftete die Bedrängnis in seiner Brust.

„Silentium für die Mensur.“

Georg trat zugleich mit seinem Gegner vor, so daß sie wenig mehr über einen Meter voneinander entfernt standen. Dann erstarrte in ihm die letzte Beängstigung, während die Sekundanten mit ihren Schlägern den Abstand von Brust zu Brust maßen, und Georg, noch auf seine Münchener Art die Faust im Korbe dicht überm Hinterkopf haltend, so daß die Klinge hinten herunterhing wie ein Zopf, biß die Zähne zusammen. Das letzte, was er deutlich hörte, war drüben das gellende: „Auf die Mensur!“ Zwei Sekunden später sah er die schräg vorragende Speerspitze des Gegners sich bewegen und hieb selber zu. Dann kam eine längere Zeit blinden verbissenen Dreinhauens, kurzes Pausieren, wieder Dreinhauen; er fühlte — gar nicht wie etwas Dazugehöriges — keulenschwere Schläge auf seinen Schlägerkorb und den Arm fallen und sah endlich aus der, vom Brillenriemen eingeschnürten Stirn dadrüben einen Blutstropfen quellen, dann einen kleinen roten Riß. Alsbald gab es eine Pause. Ein Mensch in weißem Kittel, Arzt, erschien und verdeckte für Augenblicke den Gegner.

Georg, keuchend und schwitzend, atmete erleichtert auf, augenblicks — wie immer — ruhiger geworden beim ersten Blut, und konnte sogar lächeln, da er mit einem Blick nach links unten Tozzi sich nach seiner Gewohnheit auf beide Absätze hocken sah, statt nur sich über das durchgedrückte linke Knie nach hinten zu beugen, — um aus dieser Stellung schneller hochfliegen zu können, wenns not war.

„Silentium für den Fortgang der Mensur.“ Durch die Drahtmaske Tozzis glaubte Georg ein ganz kleines Augenlächeln aufblinken zu sehen. Als zeige er eine kleine Blume dahinter, dachte Georg dankbar.

Er hatte aber noch kaum zum ersten Hieb wieder ausgeholt, als er einen schmetternden und so wütend schmerzhaften Keulenschlag langhin über den Kopf erhielt, daß er zusammenzuckte und taumelte. Zum Hiebe kam er nicht, seine Klinge wurde aufgefangen, er hörte Halt schrein, hörte Tozzis Stimme, dann wieder den Gegensekundanten: „Auf Gegenseite wurde zurückgegangen?“

„Infolge der Wucht der Hiebe?“ Tozzi.

„Ich habe nichts bemerkt“, erklärte der kleine Unparteiische, auf seine Notizkarte blickend.

Georg, noch halbblind vor Schmerz, wollte „bitte Pause!“ sagen, verhinderte sich jedoch noch rechtzeitig, da das wie ein Zugeständnis ausgesehen hätte, auch war da plötzlich, von der Maske verdunkelt, Tozzis Gesicht mit blitzenden Augen vor ihm, aus dem es zischte: „Nimm dich zusammen, Georg, du zuckst ja!“

Georg schwieg. Einen Augenblick danach war er im heißen Kampf. Zweimal, dreimal riß es wie Feuer über seinen Kopf hin, er schäumte vor Wut, mußte warten, da es wieder Anfragen gab wegen seines Taumelns und Zurücktretens, — ich zucke nicht, dachte er weinend und hieb mit blinden Augen auf eine kaum sichtbare rote Kugel los, dann hörte er ein Geschrei: „Leder weg!“ und wieder die Frage: „Wurde zurückgegangen?“ Er lauerte auf die Antwort nach Tozzis augenblicklichem: „Infolge der Wucht der Hiebe?“ und hörte erst nach Sekunden ein trockenes: „Nein.“

Georg saß und fühlte Hände an seinem Kopf beschäftigt. Besorgt und mit einem tiefen Ausdruck von Güte beugte Tozzis Gesicht ohne Maske zwischen Andern sich über ihn; er fragte ängstlich: „Habe ich noch gezuckt, Tozzi?“ Der bewegte verneinend den Kopf und lächelte. Indem hörte Georg die Stimme des Arztes über sich, der ruhig bemerkte, die alten Schmisse seien aufgeplatzt, er verbürge sich nicht für weiteres ... Eine große Hand umspannte Georgs Schädel, Elleraus gutherzige Augen erschienen über ihm, bevor er den Kopf senkte. Als er wieder aufsah, stand Tozzi zwei Schritte vor dem Unparteiischen, verbeugte sich genau wie zu Anfang und sagte: „Herr Unparteiischer, wir führen ab“, worauf er sich schlank umdrehte, seinen Speer wütend auf die Erde schleuderte, den Handschuh von der Hand zerrte und hinterdrein schmiß und ganz bleich flammenden Gesichts Ellerau mit halber Stimme anfuhr: „Ich habs euch vorher gesagt, ich! Das war eine Roheit!“ dann sich wegdrehte und hinausging.

Wieder rittlings auf einem Stuhl, jetzt die Stirn auf den Armen, von der heißen Bandagenrüstung erleichtert, den schrecklich schmerzenden Kopf von kühlenden Wattebäuschen betupft, fragte Georg den Arzt, ob wieder genäht werden müßte. — Das sei leider unmöglich; man müßte es so zu heilen versuchen. Eine böse Geschichte. — Wie lange es denn dauern könne? — Nicht unter sechs Wochen.

Georg sank das Herz. Daß die Mensur zu alledem schlecht gefochten war, stand fest; er mußte Reinigung fechten, dazu kam es vielleicht nicht einmal mehr in diesem Semester, so war er gezwungen, auch im nächsten noch aktiv zu bleiben. Sein ganzer Kopf schwamm in Schweiß und Feuer; er glaubte ohnmächtig zu werden, hob den Kopf schwankend und sah noch Tastozzis Gesicht und Gestalt, der mit einem Glase Wasser zur Tür hereinkam. Trinkend kam er rasch zu sich, fröstelte, nahm sich zusammen und sagte, mühsam scherzend: „Bei der nächsten wetzen wirs aus, Tozzi, was?“

Der fragte unbeweglich blickend: „Wann?“

„In sechs Wochen, sagt der Arzt.“

Drei Sekunden lang sah Georg Tastozzis Augen fest und seltsam stille gegen die seinen eingestellt, dann bewegte er stumm den Kopf auf und nieder und wandte sich ab, sein Glas auf den Tisch zu setzen. Der Arzt hob die rotgewaschenen Hände voll Watte über Georg, der den Kopf senkte und sich verbinden ließ.

Esther

Georg, den Kopf mit erhitzenden Binden umwickelt, dampfend von Angst, Öde und Jammer, saß im tiefsten Sessel dicht vor der Glastür zum Garten und sah den Regen in massig fallendem Strom durch den dämmernden Abend niederstürzen, laut rauschend im Blätterwerk der Gebüsche, aus denen überall weißliche Blüten, zerrissenen Nachtschmetterlingen gleich, hervortrieben und umhertaumelten. Ein Türgeräusch weckte ihn aus halbem Schlaf, er hörte Egons Stimme hinter sich und drehte sich langsam um. In der Kaminecke schwebte, erleuchtet, der grüne Lampenumhang, zwei Gestalten kamen den Flur herab auf die offene Tür zu, dann erkannte er Esther und Sigurd und sprang erleichtert auf.

Herr du meines Lebens, wie sie trieften! Das war ja unerhört! — Sigurd — noch über den Stufen oben — zog mit zwei Fingern den Stoff seiner Hose vom Bein ab, um zu zeigen, wie er klebte, Esther schwenkte ihren Hut, daß es spritzte, und schüttelte den Kopf. Da flogen alle Kämme und Nadeln aus dem Haar, und der schwarze Schopf schlug ihr ums Gesicht; vorn senkten sich die Bögen des Scheitels, und sie drückte die gewölbten Hände dagegen, hob das Gesicht und lachte innig, während Georg erstaunte, denn sie war ja unbeschreiblich kostbar und chinesisch anzusehen! Diese feinen, halbkreisrunden Brauen unter dem weißen Dreieck der Stirn — wie ein marmorner Giebel —, die geschlitzten, glitzernden Augen, und der Mund, ah, er war erstaunlich süß, denn er hatte einen Bart, einen entzückenden, verführenden Flaum von Bart über den Mundwinkeln! Esther hieß sie? Sie war ein wenig klein, Rebekka hätte besser gepaßt, wie sie dem langen Jakob auf den Zehen den Krug zum Munde reichte und alle Kamele mit himmlischem Wasser tränkte, — aber was nun? Kleider mußten herbeigeschafft werden, dies war ja ein gottvolles Unwetter!

Georg hob den Deckel der Truhe in der Kaminecke.

„Dies“, sagte er, „ist ein völlig ungetragener Bademantel, dunkelrot mit handbreiter blauer Kante, der steht Ihnen fabelhaft, Sigurd, ziehen Sie ihn schleunig an! Und hier, aus diesen Seidenpapierhüllen schält sich — aha! aha! ein Morgenkleid der Weimarer Werkstätten in ungefährer Form eines japanischen Kimonos!“ Und er machte wollüstig verlockende Augen zu Esther, welche die Hände zusammenschlug über der breit entfalteten braungoldenen Seide, bestickt mit schwarzgestielten und kupferfarbenen Mohnblumen, vom Saum nach oben steigend. Augenblicks öffnete Georg sein Schlafzimmer, machte Licht, warf das Kleid über sein Bett, schob das Mädchen hinein und machte die Tür zu. Dann half er Sigurd die klebenden Hosen vom Leibe, wobei der erzählte, wie sie jählings im Park von dem Unwetter überrascht und hergeflüchtet seien, natürlich Esthers wegen, die behauptete, es wäre näher hierher als bis zur elektrischen Bahn, und das freute Georg über die Maßen. Der blasse Egon half lächelnd bei den Stiefeln und stürzte davon, um den Tee zu beschleunigen. Esther steckte den Kopf aus der Tür und rief: „Schuhe! ich habe alles ausgezogen!“ Aber da war nur ein Paar japanischer Holzschuhe in der Truhe mit zwei Zoll hohen Sohlen, die reichte Georg hinein, und nach einer Weile ging die Tür auf, und sie kam herein, o wunderbar! auf ganz kleinen, vorsichtigen Schritten, so daß sich kaum das Kleid bewegte, das sie weit und mächtig umfloß, die Unterarme vor der Brust gekreuzt, das Haar hochaufgesteckt und mit einer sehr lieblichen Königinnenhaltung des kleinen Hauptes. Ja, da stand nun Sigurd und sah wie ein Hoherpriester aus mit seinem langen, ernsten Gesicht, schweren Augen und dunklem Haarbusch in dem langen roten Kleid. Egon räumte die Bücher vom niedrigen Tisch, setzte das Teegeschirr auf, Georg zog die Lampe mit dem grünen Umhang tiefer und konnte sich nicht satt sehn. Esther drehte sich um und um, und überdem zirpte das Telephon vom Schreibtisch. Georg nahm den Hörer auf und vernahm drüben Bennos Stimme, der mit unzählbaren Entschuldigungen vortrug, Frau Tregiorni, Herr Bogner und Herr Saint-Georges seien schon den halben Nachmittag bei ihm und säßen nun fest, und nun wollten sie Tee trinken, — worauf nach einem unverständlichen Gemurmel Ulrika Tregiornis Stimme erschien, die Georg beglückwünschte, daß er da sei, denn Jason al Manach fehle, um Geschichten zu erzählen, und er hätte sicherlich was vorzulesen. Georg freute sich heftig, bat sie aber, zu ihm herüberzukommen, da sie etwas Erstaunliches zu sehen bekommen würden. Das versprach sie gerne.

Unterweil hatte Esther Tee eingeschenkt und saß auf den Knien ihres Bruders, der in einen Ledersessel versunken war und sie umschlungen hielt, während sie vorsichtig die dünne Tasse an seine Lippen setzte, aber er schüttelte heftig den Kopf, es sei viel zu heiß! worauf sie ihm gut zuredete, und dann trank er wieder einen Schluck, und sie schwätzte erstaunlich dummes Zeug dazu. Auf dem Flur draußen aber entstand ein Getöse von schlürfenden Schritten und Stimmen und unmäßiges Gelächter, und dann flog die Türe auf mit einem heftigen Ruck, und — ja da standen sie!

Esther nämlich war entsetzt aufgesprungen und stand nun, mit den Füßen heimlich ihre halbverlorenen Schuhe angelnd, etwas gekrümmt, die Hände auf den Knien, mit den Armen ihr Kleid am Leibe festdrückend, lächelnd und errötend —, ja so stand sie dicht neben dem großen grünen Lampenumhang ihr zu Häupten. Georg stellte vor, aber darauf hörte niemand; endlich fragte Ulrika: „Georg, was ist dies? Ein Märchenfisch?“

„Es ist Esther“, sagte er.

„Aus der Bibel?“

„Freilich, freilich!“ — Und da gingen sie Alle herum um Esther und verneigten sich, sogar Bogner, auch Benno, aber schrecklich verlegen. Saint-Georges schlug vor, daß sie es vormachen sollte. Was? — Nun, das aus den Stücken in Esther, ob sie die Stelle nicht kennten? — Nein! — Also mußte Georg eine Bibel herbeischaffen, und er hatte wirklich eine, eine Kunstbibel, so groß wie der Tod. Saint-Georges schlug auf und las:

„Und am dritten Tage legte sie ihre täglichen Kleider ab und zog ihren königlichen Schmuck an.

„Und war sehr schön, und rief Gott den Heiland an, der alles siehet, und nahm zwo Mägde mit sich, und lehnete sich zierlich auf die eine, die andre aber folgete ihr und trug ihr den Schwanz am Rocke.

„Und ihr Angesicht war sehr schön, lieblich und fröhlich gestalt; aber ihr Herz war voll Angst und Sorge.

„Und da sie durch alle Türen hinein kam, trat sie gegen den König, da er saß auf seinem königlichen Stuhl in seinen königlichen Kleidern, die von Gold und Edelsteinen waren, und war schrecklich anzusehen.

„Da er nun die Augen aufhub, und sahe sie zorniglich an, erblassete die Königin und sank in eine Ohnmacht und legte das Haupt auf die Magd.“

„Da wandelte Gott dem Könige sein Herz zur Güte ...“

Ja, so wollten sie es machen! „Lieblich und fröhlich gestalt“, sagte Georg, es paßte alles genau, und er wollte die eine Magd machen, Sigurd sollte König sein, aber der wollte nicht, denn er wäre nicht schrecklich anzusehen, was Esther auch fand, aber das tat sie nur, um davon zu kommen, und sie protestierte auch gegen Georgs Magdtum, und Ulrika fand wieder, daß sie zu schlecht angezogen sei als eine königliche Magd, aber Georg hatte schon einen anderen Kimono aus seiner Truhe geschöpft, der war so blaßgrün wie ein Morgenhimmel und war zu vielen Teilen bedeckt mit einem Gewimmel von ganz rosa Wölkchen, silbergerandet, echt japanische Stickerei, also verschwand sie mit ihm und Esther strahlend im Speisezimmer, um sich anzuziehn, denn von dort wollten sie hereinkommen, und sie wollte beide Mägde zusammen darstellen.

Unterweil tranken sie ihren Tee, und Benno berichtete nachträglich sehr errötend, daß er auf dem Wege von seiner Wohnung hierher nirgend die Kurbeln für das Licht habe finden können, und so seien sie entsetzlich furchtsam den Korridor herangetappt, denn Ulrika hätte geschworen, es seien überall Schächte und Wolfsgruben in diesem alten Palais, Saint-Georges aber hatte versichert — Benno krümmte sich vor Schamhaftigkeit und Gelächter —, die Wege zu den Dichtern wären immer dunkel, und dann hatte er einen Schüttelreim gemacht zum Totlachen, und Ulrika, die alles durch die offene Tür hörte, lachte schon und schrie: „Nein, wie dumm! Aber herrlich war er! Sagen Sie ihn, Benno!“ Und Benno brachte wirklich den Schüttelreim heraus, und er hieß:

Ein Dichter bei den Milben saß

Und lernte sie das Silbenmaß.

Herr du meines Lebens! Georg wollte sterben vor Lachen. Er fiel auf seinen Stuhl am Schreibtisch, spreizte die Beine von sich, hob den linken Arm hoch und ließ die Hand wie eine Traube auf seinen Kopf hängen. „Und lernte sie das Silbenmaß!“ rief er, „das ist großartig! Das ist ganz großartig! Das ist sogar keß!“

Im nächsten Augenblick schrie Ulrika: „Fertig! Ist der König auch fertig?“ Flugs wurde der Schreibtisch beiseite geschoben, ein Sessel vor die Treppe gerollt, der Vorhang vor die Fenster gelassen, — die große Mondkugel schwebte milchbleich in Lüften auf und verwandelte den Raum in eine geheimnisvolle Palastgegend voll feenhafter Dämmerung, Sigurd setzte sich majestätisch zurecht und rollte die Augen, und da kamen sie nun herein, Esther wie zuvor, die Stirn süß gesenkt, ängstlich genug, Stirn und Wangen überflogen von Erröten, hinter ihr Ulrika in fließenden Himmelsmorgenfarben, weit zurückgelehnt, die Schleppe in ausgestreckten Händen, die Augenlider tief gesenkt, das dunkelrote Haar in zwei dicken langen Zöpfen neben den, im grünlichen Licht durchscheinenden zarten Wangen herabhangend. Ja, das war ein bezaubernder Anblick, die Männer zu beiden Seiten sanken mit flach zusammengelegten Händen auf die Knie und sangen nach der schönen Melodie: ‚Reich mir deine Hand! deine weiße Hand!‘ die Worte: „Schenk mir einen Kuß! schenk mir ei—nen Kuß!“ Esther aber sah den König angstvoll an, wankte zierlich und wurde auf das anmutigste aufgefangen. Dann stand sie wieder, schleuderte aber plötzlich wider alle Verabredung ihre Holzschuhe links und rechts den Männern an die Köpfe und stürzte sich, dunkelgoldumwogt und nacktfüßig in die Arme ihres königlichen Bruders. Georg sagte: „Das ist ein duftender Abend!“

Drittes Kapitel: Juli

Die Friedliebende Gesellschaft

Renate saß am Abend des ersten Juli, ihres Geburtstages, am Schreibtisch und schrieb im letzten Licht des Sommerhimmels:

„Mein lieber Josef:

Hiermit schenke ich dir zu meinem Geburtstage eine Stunde von ihm. Eine sehr kostbare Stunde, denn unten sitzen sie Alle um Jason in der dämmerigen Veranda und hören ihn kleine Geschichten erzählen. Du kennst Jason ein wenig durch meine Berichte. Wirklich ist er zu den Lebendigen zurückgekehrt. Nun erzählt er Geschichten. Geschichten, die er augenscheinlich selbst macht. Dann sitzen wir Alle um ihn herum, und er erzählt, halblaut, leise plätschernd, den blassen Mund immer ganz leicht gekräuselt, beinah möchte man sagen: kaustisch, aber das ists nicht, es ist bloße Freundlichkeit, immer geruht er ganz leicht, und seine Langmut ist ja nun unendlich. Die schwarzen Augen wandern unaufhörlich umher, vom Einen zum Andern, und immer muß man sich freuen, wenn man angesehn wird. Er weiß auch immer eine Antwort, nicht wie Georges, der Aufschluß erteilt und Dinge klarlegt, sondern da ist irgendwie eine sanfte, ganz sanfte Unabänderlichkeit in seinen Worten, sie sind so da wie eine kleine Wiese, sie stehen da wie ein Büschel Blumen, — was ließe sich dagegen einwenden? Aber er spricht niemals von selber, man muß ihn immer anreden, und dann weiß er immer etwas, ach, ich könnte stundenlang davon schreiben! Niemals widersteht er; wenn einer spazieren gehen will, Jason geht mit; wenn einer im Garten sitzen möchte, Jason sitzt mit im Garten; wenn einer was erzählt haben will, Jason erzählt gleich was. Aufschreiben wollte er nichts, sagte er, er wäre kein Literat, aber nachdem ich ihn gebeten habe, hat er mir schon dies und das Stück Papier gebracht, darauf war mit ganz kleiner, zierlicher Schrift eine seiner Geschichten aufgeschrieben, und wenn der Bogen zu Ende war, war die Geschichte auch aus; das nehme er sich so vor, sagte er.

Aber weiter zu den übrigen ‚Allen‘, die ich erwähnte. Da ist:

Magda, die Du kennst, doch wurde sie freilich durch Krankheit und Schicksal recht verändert. Wenn Du Dir eine sehr mädchenhafte und sehr deutsche Madonna vorstellen kannst, eine Madonna, die nicht geboren hat —, dann kannst Du sie sehn, wie sie jetzt ist. Siehe, es giebt Menschen, die werden durch vieles Leiden — wie der Stahl durch Bestreichen mit dem Magnetstein — magnetisch für anderes Leid, und wer das seine mit ihr in Berührung bringt, dem weiß sie es sanft zu entziehen. — Glück, hörte ich Dich einmal sagen, ist eines der häufigsten Fremdworte in der Erdensprache. Nun — dann hat meine Magda jene Sprache verstehen gelernt, aus der es stammen mag.

Ulrika kennst Du, und sie ist dieselbe; mir nicht ganz nah wie bisher, so sehr ich sie liebe. Sie muß einen seltsamen, mir unbekannten Geist mit sich herumtragen, den vielleicht verstehen mag

Bogner, doch will ichs nicht beschwören. Sie sind viel zusammen, soweit er nicht, wie zurzeit, vor einem Wandstück in der Kapelle sitzt, die er mit musizierenden Engeln auszuschmücken beschäftigt ist. Um es gleich zu sagen: Was Bogner sich unter Engel vorstellt, ist nicht mehr und nicht weniger als ein heroisches Wesen, dem er diesen Namen giebt. Er hat einen Haufen Studien um sich herstehen und malt. Nein, mit ihm ist nichts anzufangen, obwohl er nicht ohne Bereitwilligkeit ist; jedenfalls wenn er nicht malt.

Irene kennst Du. Mit ihr, Georges, dem gleichfalls Dir bekannten Benno — dessen Namen ich nur anzuschlagen brauche, um Dich den ganzen rührenden Akkord mit allen Ober- und Unterstimmen seines Wesens hören zu lassen — und einem Dir Unbekannten, der das Cello spielt, haben Ulrika und ich eine Quartett- und Triovereinigung an Mittwoch- und Sonntagabenden. Was das Cello angeht, so bist Du vollkommen ersetzt. Er heißt

Sigurd Birnbaum, studiert Medizin und ist neunzehn Jahre alt. Menschen beschreiben kann ich nicht gut, so mußt Du Dich mit der Versicherung begnügen, daß ich ihn schön finde und so aussehend, daß ich ihn Unkas getauft habe nach dem letzten Mohikaner. So sieht er aus; so geht er — schwer und mit den Füßen etwas einwärts, wie diese, noch ein wenig tierhaften Menschen sich den Gang auf langen Wanderungen erleichtern sollen; so einfältig ist sein Gemüt, kampfbereit sein Geist — und im übrigen habe ich einen Vers darauf gemacht, der später kommt. Seine Schwester heißt

Esther, ist das Lieblichste von der Welt, gleicht aufs Haar einer kleinen Chinesin, wird von allen liebgehabt und kann sonst auch gar nichts, obwohl sie sehr klug ist. Da sie aber etwas tun muß, so haben wir einen Fond gegründet für Handarbeiten, denn darauf versteht sie sich. Was kann das Mädchen himmlische Sachen sticken! Wie ich gestern in Dein Zimmer komme, sitzt sie da mutterseelallein über einem großen Stück schwarzer Seide und näht an einer handtellergroßen Scheibe in der Mitte aus kleinen Rosen, von kunstvoll zusammengefalteten, lichten Seidenläppchen; in handbreiter Entfernung soll ein dichter Doppelkranz von gleichen Rosen herum, und das Ganze bekommt eine altgoldene Spitzenborte, die ich hergeben werde. Leider ist sie ganz arm. Also hat sich der wohlhabende Teil unserer Gesellschaft zusammengetan und einen schönen Fond gegründet zum Einkauf von unermeßlichen Seidenstoffen, Kanevas, Wolle, Seidenfäden und so weiter, und die gute Esther wird die ganze Gesellschaft mit Kissen und Morgengewändern, Fenstervorhängen und Tischdecken versorgen. Außerdem ists unendlich behaglich, wenn einer vorliest und jemand dabei sitzt und stickt. Jason kann ihr Geschichten erzählen, wenn sie allein ist.

Prinz Georg wäre dann der letzte zu erwähnende, und Du kennst ihn. Nicht wahr: immer freundlich, gutherzig, ehrlich, immer gern literarisch — oder muß es in diesem Fall literatisch heißen? — und im übrigen so wie der Vers, den ich auf ihn gemacht habe. (Kommt später!) Allzuhäufig sieht man ihn nicht, denn er ist in einen ‚Geheimbund‘, wie er das nennt, eingetreten, wo er ‚sich in den Sitten wilder Völkerschaften übt‘.

Ein Name — sagte Josef einmal — ist was der Henkel am Topf; also nennen wir uns die Friedliebende Gesellschaft. Wir kommen und gehen in diesem Hause, wie es uns beliebt, und unser einziges Statut ist, uns nur einmal am Tage zu begrüßen.

Ich — ja was kann ich zurzeit andres tun, als gute Menschen zu versammeln und zu denken, daß sie sich nichts zuleide tun und, solange sie beisammen sind, sich des Lebens freun. Sie haben ein jeder ihre Arbeit, draußen; also werden sie auch alle ihre Leidenschaften und ihre Leiden, ihre Feindschaften, ihre Seufzer und ihre Plagen haben, so wie ich die meinen, aber sobald sie hier sind, das weiß ich, herrscht Wohlsein, und unsere Gemeinsamkeit ergeht sich auf dem Boden guter Arbeit erholenderweise, wie der Bauerntanz auf der Tenne. Dazu ist Sommer, alles blüht, die Farbe herrscht, in der Natur und an den leichten Kleidern von uns Frauen. Nach der Hitze des Tages leben sie Alle bei Dunkelwerden vollends auf, wandern umher, hören von fern irgendeine Musik, gehen über die Wiesen hinaus, an den Fluß, singen unter den Sternen und hinüber zu den Lebensbäumen des Friedhofs; wir leben gegenwärtig, gedankenleicht, unbedacht, geschwisterlich. Kommt die Nacht, steht Schlaf bevor, sind wir jeder wieder allein. Dann herrscht das Unsrige, — das Eigentliche wohl. Mag es.

Und so ist es schön. Wer ins Haus kommt, der weiß als Gewissestes den Maler in der Kapelle; der findet Esther, von buntem Zeug umgeben, im gotischen Fenster, findet Jason im Hintergrund, findet Georg, eine Seidensträhne durch die Finger ziehend neben Esther, findet Benno am Klavier phantasierend, findet Irene, Arme voll Blumen zusammentragend, die sie ihrem arbeitsamen Mann heimschleppt, damit er auch was hat, findet Magda unter den sechs Linden, unserer ‚kleinen Allee‘ hinter der Kapelle hin- und herschlendernd, als ob sie innen sänge, der armen Frau Marie Grubbe gleich, als sie noch ein Mädchen war und sehnsüchtiger als mein Kind Magda, und findet uns schließlich Alle beisammen in der Kapelle unterm Gewölk von Klängen voller Sterne, Blumen, Blitze und Engelsgesichter.“

Renate merkte, daß es so dunkel geworden war, daß sie ihre eigenen Schriftzüge kaum noch erkennen konnte. Sie streckte die Hand nach der Lampe, die Glühbirne im kleinen gelben Schirm flammte auf, sie blickte einen Augenblick geblendet nach oben, erkannte das weiße Gesicht Ech-en-Atons über ihr, lächelte und schrieb weiter.

„Zum Beschluß eine kleine Szene von der heutigen Geburtstagsfeier. Zu diesem Zweck wurde Renate in ihrem allergrößten, dem glühroten Kleide mit blauem Moireemuster, das Du kennst, nebst der grünen Halskette von Dir, vor der Orgel aufgestellt, und die ganze Gesellschaft kam im langen Zuge zur Kapellentür herein, indem sie nach der Melodie: ‚Mariechen sitzt auf einem Stein, einem Stein, einem Stein‘ den schönen Choral sangen: ‚Renate hat Geburtstag heut, -burtstag heut, -burtstag heut!‘ Als sie, Georg als der Durchlauchtigste voran, am Podium angelangt waren, setzte Benno sich an die Orgel und spielte ganz leise den Jungfernkranz in Fis-Moll, während Einer nach dem Anderen das Podium bestieg und seine Gabe überreichte. Herrliche Dinge gab es da. Georg schleppte eine große, chinesische Göttin der Barmherzigkeit aus mattgetöntem Porzellan, die wie eine Muttergottes aussieht und lieblich lächelnd segnet. Hinter ihm kam Irene mit einem halben Dutzend langhängender Seidenstrümpfe in allen Farben an jeder Hand. Ulrika trug einen Stoß Noten auf dem Kopf wie ein Negersklave. Sigurd hatte alles und Alle photographiert, Menschen, Haus und Garten, und trugs in einem schönen Album unter dem Arm herbei. Magda hatte Spitzen geklöppelt, dünn wie Spinnweb, der Himmel mag wissen, wo sie die Zeit hernahm, die immer nur für Andere da ist! Saint-Georges brachte eine ererbte Kostbarkeit herbei, einen grünen Porzellanmops, den ich schon immer hatte haben wollen, und Esther kam, in ausgebreiteten Händen einen grauen Florschal, den sie mit silbernen Vögeln bestickt hatte, ein Wunderwerk der Kunst. Zuletzt kam Bogner und hatte Stiefel gekauft. Das war zum Totlachen! Das heißt, Stiefel nannte es Irene, die vor Gelächter sterben wollte, aber es waren ganz schlichte, kleine, gelbe Schuhe, und der Maler versicherte, er hätte tagelang nachgedacht, bis ihm beim Anblick der Schuhe in einem Schaufenster die Erleuchtung gekommen sei, und er hatte es gut gemacht, denn als Renate ihren linken Schuh abstreifte, saß der neue wie angegossen. Bogner hatte wirklich einen schönen Charakter, obgleich Renate im Herzen zitterte und knirschte, nachdem sie eine Woche lang sich vorgestellt hatte, was er ihr wohl malen würde. Darum, als durch das Gedränge der Übrigen auf dem Podium, die gegenseitig ihre Geschenke bewunderten und anpriesen, der gute Benno sich endlich durchgewunden hatte und mit unzähligen Verbeugungen, Erröten und Stammeln eine zierlich geschriebene Kantate auf den 133. Psalm geschrieben: ‚Siehe, wie fein und lieblich ists, daß Brüder einträchtig beieinander wohnen‘ überreichte, wäre sie mit Freuden in Tränen ausgebrochen. — Stiefel! jauchzte Irene, der Maler hat Stiefel gekauft! — Aber nun, wo war Jason al Manach? Siehe, da kam er herein, wie stets, wenn er verlangt wurde, nickte Allen herzlich zu, gab Renate die Hand und seinem Wohlgefallen Ausdruck, daß wieder einmal Alle da wären. Ja, ob er nicht wisse, was heute sei? Richtig, da fiel ihm ein, daß Geburtstag war. Er hatte es vollständig vergessen. O Jason, wie wurdest du da verhöhnt! Sein berühmtes Gedächtnis! — „Saint-Georges, was sagen Sie dazu?“ fragte ich geknickt. Er aber, der alles weiß, fand das erlösende Wort: „Was hielte stand vor Renate?“ sagte er. „Sogar Jasons Gedächtnis versagt.“

Renate aber ergriff eine perlgestickte Tasche, holte eine Handvoll gekniffter Zettel hervor und verteilte sie, befahl darauf, daß jeder, in der Folge, die sie bestimmte, den Inhalt laut und deutlich vorlese. — Renate hatte nämlich die ganze Gesellschaft mit Ritornellen beschenkt. Sie selber begann, Magdas Hand, die neben ihr stand, ergreifend:

Magda, — vom Leide

Geführt, in unserm Kreis der kleinen Freuden,

Ist unser Aller Trost und Herzensweide.

Georg mußte lesen:

Georg, der Trasse,

Stürzt sich ins Leben wie ins Meer der Schwimmer,

Drum sieht er rings — nur Masse, Masse, Masse.

Ulrika las, nicht ohne Erröten:

Ulrika, holde!

Gott segne deine immer klaren Augen

Und fülle sie mit immer tieferm Golde!

Irene las und dankte mit Knicks und Lächeln:

Irene, hell,

Beschwingt und tönend wie die schwarze Amsel,

Ist nur vergleichbar einem — Ritornell.

Maler Bogner las, nachdem er mit einem Blick auf seinen Zettel: Eiweih! gemurmelt hatte:

Der Maler Bogner

Ist unsres Hauses festgefügte Säule,

Ein Selbsterzeugter und ein Selbsterzogner.

Esther Birnbaum las ganz leise und tief errötend:

Die kleine Esther

Ist eine Königin ganz im geheimen.

Wie schön ist das! Nun nennen wir sie Schwester.

Sigurd las ein wenig ernst und scheinbar betroffen:

Sigurd. — Ein Mahner

An Gideon, der Makkabäer Nachfahr,

Im Adlerschmuck vom — letzten Mohikaner.

Saint-Georges beschloß:

Saint-Georges, der Stille

Im Hintergrund, ist regsam wie im Fachwerk

Die niemals ruhende, geschäftge Grille.

Und nun hob Jason ein ganz furchtbares Lamentieren an, weil er keins bekommen hatte. Die Anderen verhöhnten ihn maßlos, weil das die Strafe für seine Vergeßlichkeit sei, Renate aber entschuldigte sich, sie hätte wohl an ihn gedacht, aber keinen Reim weder auf Jason noch auf al Manach gefunden, und davon habe sie nicht loskommen können. „Ach, du lieber Gott,“ sagte er, „es ist doch so leicht wie Wattepusten:

Jason al Manach.

Zu nichts zu brauchen als zum Märchenplappern,

Vielleicht zu einem Reim auf Lukas —“

Statt des letzten Wortes ließ er den Mund erschreckt und kindlich halb offen stehen, als habe er nun auch das Reimwort vergessen.

Eine Weile später fand Renate sich von Saint-Georges gefragt, warum sie selber sich vergessen habe. „Ach, Georges,“ sagte sie, „Sie können gern noch eins haben, obwohl nur die Hälfte von mir selber ist und die andere Hälfte von Mörike: