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Helianth. Band 2 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene cover

Helianth. Band 2 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Chapter 17: Drei Gespräche: Das erste
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About This Book

A sequence of nine linked books follows the interior and outward lives of two contemporary inhabitants of the North German plain, blending realistic domestic scenes with hallucinatory dreams, fragments of letters and artistic creation. Episodes move between sleepless nights, remembered landscapes and rehearsed performances, revealing recurrent motifs of longing, solitude, memory and erotic yearning. The structure favors fragmentary impressions and shifting perspectives that blur waking consciousness and imaginative projection.

Des Freundes Achtung

Ist vor Renates Versen sehr gesunken:

Sie stieg hinab ‚zum Abgrund der Betrachtung‘.“

„Warum so giftig?“ sagte er freundlich.

Von zwei Menschen, die zur Vervollständigung meines derzeitigen Lebensbildes gehören würden, habe ich bislang geschwiegen und — will es nun bis ans Ende tun.

Dein Auftrag ist ausgeführt. Cornelia Ring lernte ich schon vor längerer Zeit durch einen Zufall kennen und denke seitdem nicht an sie, ohne zu bedauern, daß sie nicht unter uns sein kann. Übrigens befindet sie sich in meinem ‚Weichbild‘, denn Maler Bogner hat sie zu sich genommen, und sie hält ihm alles instand, von den Strümpfen bis zu den Pinseln.

Ja, Josef, was fange ich mit dem Brief an, den Du mir da geschrieben hast? Ein Feuilleton über ‚den Unfug der Vereinigten Staaten‘. Du hättest es an die Frankfurter Zeitung schicken sollen. Darf ichs nachträglich für Dich tun?

Gott befohlen, Josef!

Renate.“

Ohne das Geschriebene noch einmal zu überlesen, legte sie die Bogen zusammen, faltete, kuvertierte sie und schrieb die Adresse. Danach löschte sie das Licht, trat einen Augenblick ans Fenster, ließ sich von der lauen Nachtluft an die Gesellschaft in der Veranda erinnern und ging treppunter.

 

Als Renate die dunkle Halle betrat, war von der Veranda her so kein Laut hörbar, daß sie glaubte, es sei niemand dort; doch gewahrte sie gleich darauf im linken Fenster den Schatten eines Menschen, der wohl draußen auf der Fensterbank saß, und nun auch im grauen Rechteck der Mitteltür einen weiblichen Schattenriß, undeutlich, der draußen stand. Auf dem weichen Teppich kam sie wider Willen unhörbar bis zur Tür und sah nun, daß doch wohl Alle da waren, aber so still wie die Büsche im Garten und kaum zu erkennen im Finstern.

Der weibliche Schatten war Magda, die dicht an der Treppe zum Garten an der Brüstung lehnte, halb verhangen von dem schwarzen Rankenwerk des Weins und Jelängerjeliebers, das vom Verandadach herabhing. An der andern Seite des Eingangs stand, fast wie sie, Ulrika. Ganz ferne links in der äußersten Ecke war der weiße Schein von Jasons Gesicht tief unten zu erkennen: er mußte auf einem Taburett, fast am Boden sitzen. In seiner Nähe saß, kaum zu unterscheiden von der Brüstung und den Blumen darauf hinter ihr, Esther; an der Wand Saint-Georges, am roten Glühpunkt seiner Zigarette zu erraten. Der im Fenster hockte, war Sigurd, und neben ihm, als Einziger bescheidentlich auf einem graden Stuhl aufrecht, saß Benno, wie er pflegte: ein Knie überm andern, die Hände darauf, den Rücken gebogen, das Gesicht ein wenig emporgerichtet. Und Irene? — Sie saß wohl verborgen hinter der Rückenlehne des Sessels, ganz in Renates Nähe. So war nur Bogner abwesend, — und Georg — in seinem Geheimbund vermutlich.

„Erschreckt nicht,“ sagte Renate behutsam, „ich bin es.“

Ein Schimmer — Irenes Auge — erschien über dem Sesselrücken. Die Übrigen bewegten sich Alle ein wenig, doch keiner sprach.

„Ich habe,“ bemerkte dann Jasons Stimme fein aus dem Hintergrund, „wie man von feindlichen Batterien sagt, sie sämtlich zum Schweigen gebracht.“

„Wie denn?“ fragte Renate.

Für Jason antwortete Irene nach einer Weile tief: „Er erzählte so seltsam ...“

„Darf ich wissen was?“ fragte Renate, in einen leeren Sessel gleitend.

„Ach,“ hörte sie Esther aufatmen, „wie kann man das sagen? Es sind ja keine Geschichten. Nur ein Stück Leben, das er erscheinen läßt, wie — wie in einer Laterna magica, so farbig und so leise.“

„Wenn Sie“, ertönte Saint-Georges’ Stimme nach einer Zeit, „den Inhalt wissen wollen: Da war ein Buchbinder. Der stand von früh sieben Uhr bis abends zehn am Arbeitstisch. Er hatte einen sehr alten, weißbärtigen Vater, der noch helfen konnte, eine große, üppige Frau, die an besonders arbeitsreichen Tagen zugriff, und einen zehnjährigen Jungen, der ins Realgymnasium ging, aber albern war, nur herumlief und lachte, nichts lernen konnte; ein halber Idiot. Damit der einmal zu leben habe, mühte sein Vater sich tagein tagaus, ohne Festtag, ohne Freude als eben diese.

„Eines Tages fing er an, sonderbare Reden zu führen. Dann verschwand er. Dann kam er wieder, redete irre, tobte. Dann kam er ins Irrenhaus, und dort starb er bald darauf. Fast das ganze Guthaben des Sparkassenbuches hatte er vergeudet.

„Nun stellte die Frau sich an seinen Platz. Sie hatte alle Fertigkeit gut begriffen, nur die feineren Einbände machte der Schwiegervater, aber bald konnte sie das Vergolden der Titelschriften und dergleichen besser als der Alte, ja mit Frauengewissenhaftigkeit machte sie’s sogar akkurater als der Tote, in freilich längerer Zeit. Und dann starb plötzlich der Schwiegervater. Ja — und dann fand man sie eines Morgens am Bett des Knaben, sitzend, über ihn gebeugt, und das Zimmer war gefüllt mit Leuchtgas.“

„Ja,“ setzte Saint-Georges nach einer Weile hinzu, „das wars.“

„O nein, das wars nicht!“ sagte Ulrikas Stimme hinter Renate. „Wir haben es doch alles gesehen! Die lange Werkstatt mit den blinden, verklebten Fensterscheiben voll rostiger Eisenquadrate, und den langen Arbeitstisch, darunter das Werkzeug, — und wie der Mann mit seinen dunklen Augen und dem zurückfallenden schwarzen Kinn und den wehmütig hängenden Mundwinkeln soviel plappert, immer seine kurzen: Ja, ja, — jawohl, jawohl, — ja ... Und dann der Geruch ... der Leim auf dem Herd, der Kleister, Druckerschwärze und gekleistertes Papier, und Leder, und Kaliko, jedes ...“

Benno räusperte sich. „Ach,“ sagte er, „und draußen der schmale Hofraum, das alte Pflaster voll Gras, und in der Ecke der alte Leierkasten, der herrenlos war ...“

„Und gegenüber den Fenstern“, redete Sigurd, „die vier braun gestrichenen Türen der Klosette mit dem Herzloch oben, nicht wahr, und dahinter die alten Fachwerkwände, die Fenster und Gardinen, und die Geraniumstöcke im Sommer ...“

Nun schwiegen sie wieder. Renate, schon — wie den Geruch der Blumen, des Rasens, des ganzen Atems der Sommernacht — den Duft des Erzählten aufsteigen fühlend, bat innerlich: nur weiter! so bekomm ich vielleicht doch noch das Ganze ...

Und überdem hörte sie Esther wieder:

„Es war so traurig! Am traurigsten war, wie die große, dunkle Frau da am Bett sitzt und nicht mehr lebt. Nein,“ überbot sie sich, „das Traurigste war wohl doch, wie der Mann da die Dirnenbekanntschaft gemacht hat, und er nimmt seine Frau mit zum Stelldichein —“

„Ich glaube,“ fiel Magda leise ein, „am schrecklichsten fand ich, wie er dann seine Frau auf den Rücken klopft und sagt, sie wäre aber doch die Beste und —“

„Nein, Magda,“ raffte Esther sich erregter auf, „das wars doch nicht! nicht das, sondern — wie sie selber Jason das alles erzählte und dabei Zeitschriften heftet und weint und alles zwei und dreimal wiederholt und ‚du bist doch die Beste‘, wie er das gesagt habe, und sie sagt, daß sie das ja auch immer gewußt hätte, er wäre nur bloß eben ... Und wie sie eigentlich gar nichts Besonderes drin fand und — — sags doch, Sigurd!“

„Keinen Namen, keine Bezeichnung dafür, nicht wahr? Nur ein Unglück, ein furchtbares Unglück; so furchtbar, daß es sich nur hinnehmen ließ ...“

Sie waren verstummt. Renate konnte, da es heller vor ihren Augen geworden war, nun von Allen die Helligkeit der Gesichtszüge und die dunklen Flecken der Augen erkennen, in denen es glänzte. Plötzlich tat sich neben ihr, fast laut, entrüstet und verwirrt, Irenes Stimme auf:

„Und das Ganze kommt nur von der fehlenden Anzeigepflicht der Geschlechtskrankheiten.“

Ein Lächeln, kaum hörbar rauschend, wehte im Kreise umher. Und Saint-Georges sagte: „Bravo! Die Frau ihres Mannes.“

Bevor Irene auffahren konnte, wurde jetzt Jasons melodische Stimme hörbar, der langsam sagte:

„Ihr Kinder! ihr Kinder! Wie seid ihr doch sonderbar! Meint ihr denn nun eigentlich, die Menschen in meinen ‚Geschichten‘ seien andre als ihr selber, daß ihr von alledem sprecht, als ob ihr nie dergleichen gesehn hättet? — Und in meiner letzten Geschichte, von dem Buchbinder, da waren sie wohl euch wieder nicht gütig genug bei all ihrem Unglück, denn war die Mutter nicht öfters hart zu dem albernen Jungen, und es gab auch wohl Schläge, und der Alte erst, der immer schlechter Laune war und brummte, obwohl er tun und lassen konnte, was er wollte, um sechs Uhr Feierabend machte und sein Bier trank, und als der Sohn tot war, sprach er obendrein schlecht von ihm. Denn über ihnen Allen war das Unsichtbare, das, was Irene andeutete, was sie alle Drei wußten und nicht wissen wollten, das Verschulden, das doch keines war, sondern in Wahrheit — Verhängnis. Verhängnis? Sie waren es doch selber, in ihnen wirkte es, ihr Leben wars, das, wonach sie sich eingerichtet hatten, und sonst nichts.“

„Ja,“ fing Esther an, „ich weiß nicht, Jason, — deine Menschen sind doch sonderbar. Irgendwas — glaub ich — fehlt. Sie sind nicht gütig und nicht schlecht, nicht tugendhaft und nicht edel, und auch nicht gemein. Eigentlich sind sie gar nichts.“

„Sind sie nicht vielleicht — leidend?“

„Oh freilich, Jason ...“

„Und das, kleine Esther, ist zu wenig, wie? Außerdem, meint ihr, muß jemand noch etwas sein, wie? Nicht nur so — leben, das Leben verrichten, sondern auch gewissermaßen eine Vorstellung davon haben. Sage mal — seid ihr denn wohl anders? Seid ihr auch so etwas Bestimmtes, so ein Bild mit was Gutem oder was Schlechtem darauf?“

„Nein, Jason! aber —“

„Aber die Menschen in Geschichten, das habt ihr so gelernt aus den Geschichten, die müssen außerdem noch etwas bedeuten, nicht wahr? Nämlich: Charaktere; dann: Frömmigkeit, Festigkeit, Güte, Heimtücke, Verwahrlosung, Verkommensein und dergleichen schöne Dinge mehr, die es gar nicht giebt.“

„Aber Jason!“

„Weil es eben nur Menschen giebt, und jeder Mensch die Bewegungen, die Handlungen und all das, was sein Leben ist, tut, wie sie aus ihm kommen, weil er so ist, aus allen seinen bunten Eigenschaften, die über jeden in Menge, ganz gleichmäßig von der verschiedensten Art und immer nur teilweise freilich, niemals ganz, ganze Eigenschaften, abgewogen und ausgeteilt sind, und bloß ihr, ihr habt daraus die Begriffe gemacht, und wieder aus jedem Begriff einen ganzen Menschen, und darum verlangt ihr dann, daß die Menschen — die Andern! euch selber seht ihr ja niemals — sich nach den Begriffen richten, danach wachsen und nach ihnen sich gebärden sollen, nicht nach sich selber. Dann fehlt euch an jedem etwas, darum scheint euch alles so unzulänglich, es könnte noch so bitter und zerlitten sein, darum kommt ihr immer höchstens zu eurem: er hat doch auch so viele gute Seiten ... darum seid ihr nie zufrieden miteinander, und Großmut und Wahrheit, Glaube, Liebe und Hoffnung, die gehen ihrer Wege.“

Da waren sie auf einmal Alle aufgestanden. Auch Renate erhob sich, betroffen, und bewegte sich mit den Übrigen auf Jason zu, sie waren Alle um ihn herum, und mehrere Stimmen fragten: Was ist es denn, Jason, du weißt es doch, was fehlt uns Menschen, wie sollten wir sein, wie uns halten, wie uns helfen? —

Er hatte aber die Augen geschlossen und sah fast unwillig aus und kränklich, und sie wollten sich schon abwenden — denn war er nicht selber vor kurzem erst von den Toten auferstanden? — als er die Augen wieder aufschlug, und sie erschraken wohl Alle wie Renate vor diesen schwarzen Augen, die plötzlich im Dunkel waren, viel schwärzer als alles Schwarze, so glanzlos, als ginge es dort in die schwarze Ewigkeit hinunter. Dennoch, obgleich er die Augen nun langsam von Einem zum Andern bewegte, schien er durchaus keinen wirklich zu sehn, sondern etwas ganz andres. Sie selber aber fühlten nicht ohne Schauder an seinen Augen: da war es, wonach sie gefragt hatten. Nennen ließ es sich nicht, aber — es war da. Es glänzte aus dem Schwarzen herauf, es — nein, Jason lächelte, das war das Ganze.

Sie gingen aber schweigsam auseinander danach, kaum mehr als stumm sich die Hände reichend und zunickend beim Abschied; nicht Zwei blieben beisammen.

Schatten

Georg, am letzten Spielabend vor Semesterende in die Terrassentür tretend, sah, daß er wieder, wenn auch gegen jede Absicht seinerseits, zu spät gekommen war: um die kleine Tafel zur Rechten vor der Hauswand saßen die wenigen Korpsbrüder, wie stets in zwei Gruppen am Kopf- und Fußende; ein hellrot beschirmtes Windlicht in der Nähe jeder Gruppe malte ihre Schatten beweglich an der Wand empor. Eigentümlich still schienen sie Alle, — die Füchse unten mit einer Bowle beschäftigt, schweigsam, ganz ohne den gewöhnlichen Lärm bei dergleichen; oben die Zwillinge, Nordeck, Sousa — ah auch Schwalbe saß da und in Zivil! — Ellerau hatte die Uhr gezogen, sah jetzt Georg unbestimmt entgegen, dann vor sich hin, indem er, ein Lächeln unterdrückend, mit vorgeschobenem Kinn die Oberzähne auf die unteren setzte, einen Augenblick, — worauf er seine Haltung löste; und Georg wußte wohl, das hieß mit Worten: Auch heute wieder verspätet; da es aber der letzte Abend vor Semesterschluß ist — Schwamm drüber! —

Georg, innerlich aufatmend, trat näher, in dem er „Guten Abend“ sagte und „Na, so still heut?“

Ellerau sagte: „Ja.“ Er griff mit der Hand in die innere Brusttasche und zog einen Brief heraus, sah darauf, streckte dann die Hand mit ihm gegen Georg und sprach:

„Diesen Brief hat Tastozzi für dich hinterlassen. Er ist tot.“

„Tot?“ fragte Georg erschreckt. „Tozzi? Tastozzi?“ verbesserte er sich verwirrt. „Mein Gott ...“

„Leider. Er hat sich heute nachmittag in seiner Wohnung erschossen. Bisher weiß niemand warum. Er war uns ja immer völlig verschlossen. Vielleicht giebt er dir Aufschluß.“

Georg, den Brief mit winzig kleiner Aufschrift am oberen Rande in der Hand hin und her drehend, ruckte sich zusammen, trat an die leere Stelle des Tisches, riß den Umschlag auf und hielt die herausgezogene längliche Karte in die Nähe des Lichts. — Kleine, kaum leserliche, verschnörkelte Schriftzeichen ... Er entzifferte mühsam allmählich:

„Lieber Georg:

Fremd allen Andern, hatte ich Deine Augen immer lieb. Nun, indem ich fortzugehen bereit bin, sehe ich, daß niemand da ist, von dem zu scheiden wäre, also auch niemand, den der Grund meines Fortgangs etwas anginge, zumal ihn nennen, das teuer gehütete Geheimnis meines Daseins preisgeben hieße. Da sehe ich Deine Augen vor mir in jener Sekunde, wo man Dir mein Fortgehen berichtet, und mir scheint, daß sie verstehen möchten — und nicht so wie die Andern. So reiche ich Beides — Grund und Geheimnis — Dir, schon abgewandt, ohne mehr wissen zu wollen, ob Du trauern wirst oder richten.

In beiden Fällen: Beklage mich nicht. Es ist gut so.

Aber ich erhoffe ein wenig Trauer.

Tastozzi.“

Georg, nichts begreifend, bemerkte jetzt ein kleines Zeichen, einen schrägen Strich zwischen zwei Punkten in der rechten Ecke unten, das ‚wenden‘ zu bedeuten schien, und drehte scheu die Karte herum.

„Es geschah aus Liebe zu einem Knaben“, las er.

Er zuckte leise zusammen. Langsam erschienen hinter dem Licht die Köpfe der Sitzendem von denen keiner ihn ansah. Schwalbe blickte nach oben; die Andern sahen vor sich hin. Viele Sekunden lang blicklos dies vor Augen, merkte Georg, daß er etwas in sich niederkämpfte, merkte, daß es — Widerwille war, und drückte es entschlossen hinunter. Sich aufrichtend, sagte er leise:

„Ja. Es steht hier. Er wünscht aber, daß ich es für mich behalte.“

„So.“ Ellerau streifte mit einem Blick über Georg hin; die Andern lösten ihre Haltung und bewegten sich. Keiner sah Georg an.

Da spürte er im Augenblick klar, daß er und der Tote für diese zusammengehören. Keine Feindschaft — doch auch nicht Freundschaft. Sie hatten ihn — außer vielleicht Schwalbe — nie begriffen. Wie war er zu ihnen geraten?

In einem leichten Hochmutsgefühl neigte er den Kopf und ging stumm hinaus.

Die Haustür öffnend empfand er jählings eine so übermächtige Sehnsucht nach Renate, daß er sich geblendet fühlte und blindlings die Richtung nach ihr einschlug, bis er Schritte beharrlich neben sich bleiben merkte und seitwärts blickend Schwalbe erkannte, der lächelte und sagte: „Ich komme mit dir, wenn du erlaubst.“

„Du weißt, weshalb er starb?“

„Ich weiß es nicht,“ sagte Schwalbe, „aber — ich ahnte es immer.“

War es zu ahnen? fragte Georg sich. War ich so arglos?

„Und was denkst du davon?“

„Was soll ich davon denken?“ fragte Schwalbe frisch und fest. „Wenn sie Jugendliche verführen, sind sie Verbrecher, und wenn sie das nicht tun, sind sie zu beklagen. Und ich weiß nicht, ob man sie beklagen — kann. Es sind Menschen mit einem andern Weltbild. Ihre Leiden und ihre Freuden — abgesehn von der Verbanntheit — sind keine andern als die unsern.“ Das klang sehr klar und schön in der singenden Mundart.

Eine Weile, rasch vorwärtsgehend durch die sommerwarmen, dunstigen Straßen im Licht der Bogenlampen, dann der Laternen in kleineren Gassen, blieben sie still, bis Georg sich Hardenbergs erinnerte und halblaut sagte: „Auch Hardenberg ...“

„Hardenberg war homosexuell“, versetzte Schwalbe hurtig.

„Man sollte“, fing Georg bald darauf wieder an, „eine Stadt für sie gründen, wo sie leben könnten und zufrieden sein ...“

„Ja! Das sollte man tun. Das erinnert mich daran, daß ich Hardenberg einmal über das Mönchtum sprechen hörte — du kennst ja seine Weise —, und zwar kam er bald auf den Trappistenorden, der, wie er sagte, der einzig mögliche sei. Und dann schilderte er uns das Schweigen dort. Er machte es wunderbar. Er zog gleichsam mit vollen Händen das Schweigen aus den Dingen dort, aus den Mauern, den Zellen, aus jedem Gerät, aus Gießkanne und Gebetpult, aus Spaten und Egge, aus den Blumen im Garten, den Bäumen. Wir waren ganz eingehüllt in das Schweigen, obwohl er selber unausgesetzt sprach. Und ich muß sagen, ich war ganz erschrocken, als er — nach seinem wunderschönen — Gesang auf dies Schweigen — plötzlich von den Vögeln sprach, die auch stumm geworden waren und nicht mehr sangen im Klostergarten.“

Ergriffen sagte Georg leise: „Wie schön!“ — und blieb stehn.

Sie waren auf der kleinen Brücke zwischen alten Häusern, die zur Insel hinüber führte. Rechts unten strömte der schnelle, dunkle Fluß zwischen alten Mauern, am Ufer drüben blinkten Lichter aus winzigen Fenstern, aus dem Grün und Blumenrot der Dachgärten, deren Silberkugeln und weiße Geländer in der Dämmerung schimmerten. — Still sahen sie eine Weile dorthin, dann legte Georg die Arme auf die Brüstung, und in der dunklen Wasserfläche unten erschien ihm das Gesicht des Toten mit jenem besorgten Ausdruck, den es bei Georgs letzter Mensur gehabt hatte.

Ach, wußte er nun, was hat denn auch er andres getan und gewollt als — Lieben. Seine Natur schrieb ihm diese furchtbare, angstvolle Stille vor, aus der er niemals heraustrat, er, der mit keinem sprach, bevor er gefragt oder angeredet wäre. Sich um Andre bemühn, dienen, gütig sein, war sein Wunsch, und da fand er denn dies heraus ... Georg mußte sprechen; er sagte, Schwalbe auf dem Geländer lehnen sehend wie er selber, breitbrüstig und ruhig:

„Es war doch schön, wie er um uns Alle besorgt war beim Fechten. Bist du je von ihm anbandagiert worden? Erinnerst du dich, wie er die Brille zuzog? Diese Sanftheit des Ziehens, bis mit einem kleinen Ruck die Brille saß, wie sie nicht besser sitzen konnte?“

„Jawohl. Wie du das sagst, scheint mir, es war doch etwas Hellenisches um ihn. Nicht nur, daß er einen wundervollen Körper hatte —“

„Ja, hast du ihn gesehn? Ich kam zufällig einmal dazu, wie er sich eben ausgezogen hatte zur Mensur und dastand, ganz grade, das Mensurhemd in erhobenen Armen überm Kopf, wie ein gelber Marmor.“

„Hellenisch war, scheint mir, vor allem seine Art, uns zum Kampfe zu rüsten. Der Kampf war ihm mehr als uns, war ihm eine schöne Sache, und einmal — ja einmal habe ich ihn richtig reden gehört. Da sprach er ein paar Worte über italienisches Fechten, das so viel beweglicher sei als unser stumpfes Dreinhaun und den ganzen Körper erziehe und durchbilde ...“

Man sollte nackt fechten ... Tastozzis leise Worte, irgendwann gehört, zogen durch Georgs Erinnerung.

Sie schwiegen und sahn auf das endlose dunkle Fließen unter ihren Füßen. Georg dachte:

Aber warum hellenisch? Er wollte im Grunde doch nur dienen. Oh der arme stumme Trappist mußte eine Leidenschaft haben, mit Handlung, mit der sorgsamen Dienstleistung auszudrücken, was ihn beseelte. Aber ... Nun, auch wenn es ein körperlicher Reiz und ein sinnliches Verlangen war, zu den Gliedern der jungen, geschmeidigen Menschen eine Begierde: die Begierde war es doch nicht, die seinen schönen stummen Händen diese Sanftheit gab, diese Behutsamkeit, diese Freude am verständnisvollen Behandeln; die kam aus seiner ganzen Natur, von der das andre nur ein kleiner Teil war, und so fand er denn in seinem Leben diese vorsichtige kleine Stelle, wo er ein wenig geben konnte und — ein wenig nehmen ...

Schwalbe richtete sich auf.

„Ich muß leider nach Hause“, sagte er. „Es war schön hier, mit dir zu stehn und an Tozzi zu denken.“ Er streckte seine breite Hand aus. „Auf Wiedersehn am Grabe, Georg. Übermorgen ist die Beerdigung. Gute Nacht.“

Georg, der noch gern ein Wort gefunden hätte auf das zugetane „es war schön hier, mit dir ...“ fand nichts als stummes Zunicken und Lächeln beim Händedruck, mit dem sie sich trennten. Gleich darauf befand er sich außerhalb der Stadt, mitten in den dunklen Wiesen.

Auf Wiedersehn am Grabe ... klang es ihm da im Ohr. Merkwürdig, sagte man so? Das habe ich noch nie gehört, — und es ist ja auch der erste Tote, den ich kenne. Auf Wiedersehn im Grabe ... das klang fast genau so. Armer Tozzi! — Sonderbar, da war er uns Allen ganz fremd, und doch nannten wir ihn mit der liebevollen kleinen Abkürzung. So muß doch bei allem Abgekehrtsein von ihm in jedem geheim ein kleines Gefühl für ihn gehaust haben, das sich, für Alle unhörbar, ganz laut mit diesem Namen nannte ...

Hineilend auf dem vor ihm dämmernden, hellen Streifen des Fußpfades am Ufer über dem hastig mitkommenden, glucksend sich manchmal überstürzenden Fluß, sah Georg jetzt wieder Renates einzig schöne Gestalt in der Ferne, und heiß schwoll ihm die Brust. Nie noch fühlt ich solche Sehnsucht nach ihr, dachte er, ja ist nicht dies das allerseltsamste, daß sie mich betäubt, wenn ich vor ihr stehe, und daß ich sie — vergessen hatte, wenn ich allein war? Überseltsames Wesen, Renate! — Er lief und lief. Fast feurig aus den dunklen Gründen der Wiesen strömte erdiger und grasiger Geruch und der Nachdampf von Regen. Jenseits des Flusses fern zackten Schattenrisse von Türmen sich über schwarzem Gewipfel in das glühende Nachtrot des Städtehimmels. — Seliger sich fühlend, befreiter, zuversichtlicher erklomm Georg den Hügel der Bismarcksäule, überschritt langsam die Plattform, faßte mit schweifendem Blick die schwarze Gegend in sich, ein Erglänzen in der hochgewölbten Fläche des Stroms, eine lose Schar Sterne, leis blinkend im Finstern, und stürzte sich mit einem schweren, beklommenen Lustgefühl die Böschung hinunter in die Wiesen.

Weißlich leuchteten von drüben die Grabhäuser zwischen den Lebensbäumen. Jetzt dämmerte ein Lichtschein darüber, seltsam unwirklich und groß. Langsam erschien eine fleckige Scheibe, der Mond, rot wie neues Kupfer im grauen Himmel; eine schwarze Spitze reckte sich vor ihm, die er bald mühelos überklomm. Georg stand und hatte das Gefühl, als ob er nicht weitergehen könne, ehe es Tag wurde. Schon hing der Mond dort, mächtig groß, voll und nun bernsteingelb, rauchig; schieferblau der Himmel, — und Georg ging langsam weiter im Finstern, vorsichtig die sumpfigen Stellen umgehend, und das einzige Geräusch weit und breit war das Rascheln der Halme und Blumen, die um seine Füße schlugen. Da bewegte sich ein Schatten links vor ihm, ein weißer Fleck erschien im Dunkel, — ah, das waren die alten Omnibuspferde, die hier einen Sommer lang Erholung genießen durften. Er kam ihnen näher, er kannte sie ja, da stand das schwarze ganz nah als ein dickes Schattenpferd, er hörte, wie es emsig Gras abrupfte, hörte es schnurpsen; und da war auch der Schecke mit den großen weißen und dunklen Placken; der stand still, schnoberte und trabte heran; er liebte die Menschen. Georg tastete mit der Hand zwischen den Drähten der Einfriedigung hindurch und empfand mit freundlichem Schauer das gewaltig Lebendige, die weiche, samtige Tierschnauze, die aus der Nacht kam und sich befühlen ließ, empfand das sonderbare Geström der Fremdheit aus diesem großen, stummen Wesen, das mit Fell bekleidet war und ein großes, weiches Maul hatte. — Armer Tozzi! murmelte er leise. — Still stand das alte Pferd und atmete tief und laut.

Im Weitergehen war es Georg, als schluchzte etwas in der Dunkelheit. War ihm selber danach zumute? — Auf einmal hörte er eine Melodie, ein paar lange, süß hinzitternde Noten, eine Stimme, Worte dazu, aber all das war in ihm selbst, die Nacht umher totenstill, doch erkannte er jene schöne Kirchenarie von Stradella, die ihm Magda vorgespielt hatte, weil sie sie singen wollte, und er hatte ihr auf ihre Bitte einen deutschen Text dazugeschrieben, der sich in der Kirche singen ließ. Jetzt hörte er die Worte deutlich, hörte die kleinen Tonreihen, die langen Pausen dazwischen, hörte, niederschwebend von den Sternen, die sanfte, melodische Frage:

Wer weint in Finsternis?

Und wieder, nach einer Pause:

Wer schluchzt im Dunkel?

Begütigend nun eine milde Stimme:

O du, sei still!

Chorstimmen, begütigend, hallten daher:

Siehe doch funkeln

Sternenschein gewiß!

Siehe doch funkeln

Sternenschein gewiß!

Holder, gesteigerter, entzückter schwoll die Melodie:

Lasse das Weinen,

Gott hilft den Seinen,

Gott, der die Gepeinigten

Aufrichten will ...

Jetzt? Im helleren Mondlicht deutlich sichtbar stand ein neuer Schatten ferne auf Georgs Weg; ein menschlicher wars. Mystische Schauder schweiften im Dunkel. Es konnte der Tod sein, der dort stand, zwischen ihm und dem Friedhof, einen schwarzen Arm gegen die goldene Mondscheibe emporstreckend. Hoch oben im Nachtwind verhallten die zarteren Stimmen ...

Georg schritt weiter, behutsam, beklommen; gleichzeitig glitt der Schatten vor ihm davon; war es eine Frau? trug er antikes Gewand? — Nun verschwand er vom Weg, und als Georg die Stelle erreichte, wo er abgebogen sein mußte, wars dort, wo auch Georg abzubiegen hatte, wenn er zum Montfortschen Hause gelangen wollte. — Wie still es war! Wer ging dort und führte ihn ungerufen? Da war schon das Gittertor, da der Graben. Der Schatten, unhörbar, glitt zwischen den, von weitem verschlossen scheinenden Stäben hindurch, erschien an etwas höher gelegener Stelle im vollen Licht; es war Renate.

Renates Haltung war es, obgleich sonst nichts an der Schattenfigur Renate zu erkennen gab. Georg folgte ihr leise von fern, süßliche Angst im Herzen, andächtig, sie nicht zu stören, zitternd, voll Melodien. Er sah sie die schräge Ebene emporgleiten, unter den Bäumen schwinden, wo Finsternis stand, eine Uhr schlug nicht fern zweimal hell und zuversichtlich. Er hörte die Gartentür zufallen, trat leise hin und sah Renates Schattenriß im Lichtschein zur Rechten, der die offene Kapellentür ausfüllte. Es trieb ihn näher, er versuchte, lautlos durch das Pförtchen zu kommen, es gelang, er schlich unterm Buschwerk über den Rasen bis zur Tür, trat rechts neben die Stufen und hatte den Raum vor sich, der von einer unsichtbaren Lichtquelle erleuchtet war. Renate stand mitten darin; sie trug eine lose grüne Tunika mit kurzen Ärmeln, die bis in die Nähe der Knie hinabreichte; die Farbe des am Boden schleppenden Untergewandes war nicht zu erkennen, aber das Grün leuchtete an ihrer Brust, wie sie sich jetzt zur Seite drehte, ihm halb den Rücken wendend, auch der weiße Nacken, — und nun erschien sie Georg draußen im nächtlichen Wiesenland, hinter ihr der Mond, — er ging auf dem Grassteig auf sie zu, an ihr vorüber, sah ihr weißes Gesicht und die Augen ohne Blick wie eines sinnenden Gottes, und das fremde Gewand. — Wo kommt sie her? wie kommt sie zu uns? in dies Land? dachte er. Sie ist ja fremd hierzuland.

Georg sah, daß sie mit leicht geneigter Stirn zu jemand sprach, den er nicht gewahren konnte; das mußte wohl Bogner sein. Georg gab es einen Stich, er wollte davon, blieb aber und sah hin. Ach, ihr gesenkter Scheitel, der gewellte Bogen von der Stirn zum Ohr, ähnlich, doch nicht ganz so tief wie bei Esther, und dies seltsame lichte Braun des Haars ...

Sie sprach: „Noch nicht fertig, Bogner?“ „Morgen früh“, hörte Georg die Stimme des unsichtbaren Malers. „Will es nicht gehn?“ Sie sprach ruhig, mit verdunkelter Stimme. Die Antwort des Malers blieb unverständlich; nach einer Weile kam wieder Renates Stimme: „Sie sollten schlafen.“ Wie schön verhallte das im leeren Raum!

Nun wars still. Renate stieg auf das Podium, setzte das Windwerk in Gang, öffnete das Manual und spielte bei geschlossenen Registern ganz leise den Choral: ‚Nun ruhen alle Wälder‘ mehrere Male.

Schweigen. Georg, im Dunkel an die Mauer gepreßt, durch die Zweige über ihm emporblickend, sah einen und zwei kleine Sterne, zitternd im Ewigen. Er vernahm das sanfte, melodische Brausen in der Nachtstille und wünschte, nur Herz zu sein, in diesem beweglichen Rauschen ruhend, atmend darin, wie der still im ziehenden Gewässer schwebende Fisch ... Er zuckte leise; seitwärts in der Tür über ihm stand jemand, Renate; sie stieg nieder, verschwand im Gebüsch und kam nicht wieder zum Vorschein; nach langer Zeit hörte er unendlich leise das Geräusch ihrer Füße auf dem Steinboden der Veranda. Sie war im Haus. Georg trat auf die Stufen und ging in die Kapelle.

Bogner nickte bloß, als er ihn begrüßte. Nein, der wunderte sich ja wohl über nichts. Er saß da in der Nähe der Orgelempore, hatte die Fäuste auf den Oberschenkeln und sah nach oben gegen sein Gemaltes. Da er nicht rauchte, steckte Georg ihm eine Zigarette zwischen die Finger, zündete sie ihm an und rauchte selbst eine. So, die Hände in den Hosentaschen, ging er hin und her, die fertigen Gemälde betrachtend, drei an der Zahl, zwischen den Fenstern gegenüber dem Eingang. Es war wohl geplant, daß die Wand oben zwischen den gotischen Spitzbögen über den drei Meter breiten und zwischen fünf und sechs Meter hohen Gemälden mit ihrem Himmel bemalt werden sollte bis zum Beginn der Wölbung, denn die Bemalung endete oben nicht rechteckig, sondern zerfloß in dünnes Gewölk und Grau, ähnlich dem Stein. Georg stand vor dem äußersten Engel.

Engel? freilich nur, weil er faltiges Gewand trug und ein Instrument in Händen. Georg trat zurück und betrachtete sie alle drei. Oh, sie waren groß! Obgleich sie alle in der Ferne sich durch ihre Landschaft bewegten, erschienen sie riesenhaft und übermenschlich; die Haltung ihres Schreitens war in Formen von Eisen gepreßt, die Luft mußte scharf und bitter schmecken, mit solcher Schnelle wurde sie von diesem riesigen Pilger durchschnitten. Es war keine Beleuchtung da, Licht lag in der Luft. Ja, da schritt er, der engelhafte Bote, in grauviolettem, wehendem Gewand, heroisch von Zügen, eine kleine Harfe in ausgestreckten Händen, vor einem kleinen dunkelgrünen Föhrenwald mit grauen Stämmen; gelbe und schwarze Haidelandschaft ringsum, aber unendliche Stille herrschte; nur der Engel ging, ausgreifend vollen Vorderfußes wie ein Löwe, emporfedernd den Hacken des andern. Oh, siehe daneben den andern in Mattrot, wandelnd mit der Gitarre um einen kleinen grauen Teich unter einigen Zedern! Und hier, der Schwefelgelbe blies die gegen Himmel gerichtete lange Lure auf violettem Haidehügel mit kleinen Wacholderstauden, schwarzgrün. Georg wanderte vom einen zum andern; sie blieben, um sie herum schien sich die Landschaft zu wandeln im Vorbeifliehn, es wehte von ihren Kleidern, sie bewegten sich und holten aus, sie fegten dahin, — nein, aber dies war nur der eine, der Violettgraue mit der Harfe, der so hinjagte über die runde Welt; um die andern wars still, sie standen.

Georg wandte sich und trat hinter den Maler. Da saß er in seinem buntgescheckten Kittel unter der tief hängenden, eigens für ihn angebrachten Osramlampe, die scharf strahlte, umgeben von Töpfen und Pinseln. — Ah, das war unglaublich! Dolomitisches Geklüft, rosengrau, Felswände, Terrassen, übereinander gesteigert, immer ferner, immer tiefer, bis sie ganz ferne mit wagrechtem Kamm gegen den mattblauen Himmel abschlossen, und dort, hoch oben, weit fern, saß der weiße Engel, so groß und deutlich, daß er noch überm ungeheuerlichen Geklüfte ein Riese schien, aber er war doch schmaler, doch zarter als die andern; es war eine Frau, sie hatte kein Instrument, sie lauschte und zeigte die zarten Züge und das dunkelrote Haar der Ulrika Tregiorni.

Georg blickte näher hin, ob sie es wirklich sei, — nun, die Ähnlichkeit war schwach und bestand hauptsächlich im Haar, aber er bemerkte bei dieser Gelegenheit nun, welch eine simple Malerei dies war, — aber welche Kunst! Was mußte das gekostet haben, bis die Sparsamkeit dieser zarten Kontraste, dieser Flächen, dieser Linien herausgepreßt war aus der Zahllosigkeit der Möglichkeiten. Was aber diesen Engel anging — er war kaum zwei Schuh groß und hielt das Kinn in der Hand des aufgestützten linken Arms —, so hatte er keinen rechten Arm, und dieses schien es zu sein, worüber Bogner sich den Kopf zerbrach, denn da standen auf der Erde unterschiedliche Arme um ihn herum, die Hand nach unten, als sollte der Engel seinen rechten Arm ein wenig hinter sich aufstützen.

Bogner sah auf zu ihm, hatte rote Flecken im grauen Gesicht und schien verwirrt.

„Ganz schön, nicht?“ sagte er. — Georg legte ihm eine Hand auf jede Schulter und sagte feierlich: „Bogner, Sie sind ein edler Mensch.“

Bogner ergriff einen der Kartons mit der Kohlezeichnung eines nackten Frauenarms, Ulrikas Arm, wie es schien, nicht sonderlich schön, aber durcharbeitet, durchseelt; auch eine Hand, locker ausgestreckt, war noch auf dem Karton. Ja, das war diese seltsame Klavierhand, hager und mit unzähligen Runzeln auf den Fingergelenken in der locker gewordenen Haut. Da fiel Georg Renate ein, und es kam ihm, Bogner geradeswegs zu fragen: „Warum lieben Sie nicht Renate Montfort?“

„Ach, ich!“ wehrte der Maler unbetroffen ab, wandte sich aber nach einer Weile ein wenig um und fragte, ob Georg glaube, daß sie ihn lieben könne. —

„Lieber Gott, Bogner,“ sagte Georg, „danach sollte der Mensch doch zuletzt fragen! Ich glaube, Maler, Sie sind ein Individuum gänzlich ohne Leidenschaft.“

„Muß denn bloß so heißen, was sich sexualiter äußert, Prinz?“ fragte Bogner, stand auf, setzte seine Kohlezeichnung an die Erde, reckte sich und fing an, hin und her zu gehn.

„Übrigens“, sagte er, „könnte ich auch wie der Tobias — wie heißt er, in der Komödie?“

„Bleichenwang?“

„Ja, wie der Tobias Bleichenwang sagen: Mich hat auch mal eine lieb gehabt. Zärtlichkeit ist wunderschön, ja, das weiß man ja schließlich, ja, man entbehrt sie sogar manchmal, — nun, das kann ja alles noch kommen. Warum fragen Sie überhaupt immer so aufdringlich?“

Georg lachte: „Sie brauchen ja nicht zu antworten! Setzen Sie übrigens Zärtlichkeit mit Liebe gleich?“

„Das nicht“, meinte der Maler.

„Zärtlichkeit, Wollust und Liebe, das sind die drei unterschiedlichen Liebesempfindungen,“ sagte Georg, „nur wo alle drei vorhanden sind, ist das Gefühl vollkommen.“

Ob er das meinte, fragte Bogner. Ja, also Liebe ... Nach einer Weile, vor dem posaunenden Engel stehend, fuhr er fort, daß er auch die Liebe ganz gut zu kennen glaube; er habe sich darin versucht gewissermaßen und sie immer verschieden gefunden, auch sehr angenehm, besonders im Anfang: März. Aber es sei ihm zuletzt doch immer nur vorgekommen wie ein Absud von männlichem und weiblichem Geschlecht, im Tiegel so lange gemischt und geschüttelt, bis er einfach erschien; in Ruhe gelassen sonderte sich beides alsbald, männliches sank, weibliches schwamm oben, es habe wohl irgendein wirklich bindendes Element gefehlt. Er sprach undeutlich, da er abgewandt stand. Georg sagte, eben das wäre es, darauf käme es an, das Element sei zu finden, sei zu suchen.

Suchen? meinte der Maler. Wer denn dazu Zeit habe? Auch sei’s wohl klar, daß, wenn es dies Element wirklich gäbe, es einzig sei, wirkbar nur bei einzigartigen Menschen, immer zwei auf zwanzigtausend.

„Ja, ja!“ rief Georg entzündet, „Sie bringen mich auf einen Gedanken! Zum Beispiel Romeo und Julia. Was sind die Beiden? Ein liebender Geliebter, eine liebende Geliebte; sonst nichts. Womit beschäftigten sie sich? Mit ihrer Liebe. Hatte Romeo einen Beruf? Kümmerte ihn die Geschlechterfehde? Er und sie hatten nicht Eltern, nicht Geschlecht, nicht Volk, nicht Stadt noch Heimat; alles dieses war belanglos wie Tisch, Bett und Gartenbank, von denen nichts vorhanden war, solange nicht ihre Gemeinsamkeit ihrer bedurfte. Nichts gab es außer ihnen als die Freunde, die ihrer Liebe beistanden, und den Tod, der das Gift in Adeptengestalt verkaufte. Aufgelöst waren sie in jenes Element, in dem sich alles mischen mußte zu einer einzigen Riesenempfindung. Ja —“ setzte er zögernd hinzu, denn Tozzis Gesicht erschien ihm: „vielleicht ist es also — der Tod?“

Der Maler war von ihm fortgegangen und stand bei der Tür, einen ausgestreckten Arm gegen den Rahmen gestemmt, in den Raum hereinblickend zu seinen Engeln.

„Wirklich,“ fuhr Georg fort, „die allgemeine Liebe empfindet und wünscht nichts als gesteigerte Freude, gesteigertes Dasein; jene Beiden aber fühlten die letzte, höchste Steigerung, überlebensgroß, in den Tod, unbewußt schon in der ersten Umschlingung, und so erreichten sie die Dauer.“

„Im Tod?“ fragte der Maler von fern. „Nein, das ist vorläufig noch nichts für mich.“

Ja, wo aber die Leidenschaft bleibe? hielt Georg hartnäckig fest. Bogner streckte die Hand aus und deutete auf seine Engel, einen und den andern, den posaunenden, den wandelnden mit der Gitarre, den reisigen mit der Harfe. Georg senkte niedergeschlagen den Kopf.

„Unbewußt in der ersten Umschlingung?“ fragte der Maler, gutgelaunt, wie es schien. „Wie Sie das so wissen können! Ich will Ihnen aber etwas erzählen. Nämlich, als ich siebzehn Jahre alt war, also mitten in der schönsten Erstlingsglut, liebte ich ein Mädchen, etwas älter als ich, für mich wunderschön, klüger, tapferer und sanfter als ihre Schwestern.“

„Die Frauen,“ sagte Georg, da der Maler innehielt, „die Frauen, das glaube ich nun, sind an und für sich nichts; aber es kann alles aus ihnen werden. Jeder, möchte ich sagen, jeder Mann findet zur Zeit diejenige, aus der er machen kann, was er im Augenblick braucht. Sehr gut sind sie. Und so unendlich geduldig!“

Georg, Magdas arme Gestalt mit wehmütigem Gedenken umfassend, hörte den Maler weitersprechen:

„Zur selben Zeit geriet ich an den Scheideweg. Dort mein Vater und sein, hier ich und mein Wille. Entschied ich gegen ihn, so wars auch gegen sie, denn dann ging ich fort, und sie mußte bleiben. Sie half mir beim Fortgehn, ja, das tat sie. Dafür bin ich ihr dann treu gewesen, so gut ich es konnte, und habe auch jedes spätere Mal für mich und gegen die Liebe entschieden, denn, sehen Sie, das wollte ich sagen: damals, ein für allemal, entschied sich für mich diese Angelegenheit.“

„Was ist aus ihr geworden?“ fragte Georg.

„Danke. Sie hat es gut überstanden. Sie war, wie gesagt, tapfer. Sie ist mit einem Kaufmann verheiratet, hat vier Kinder, und alle sind gesund. Ich sehe sie zuweilen. Stattlich sieht sie aus, gewiß nicht, als ob sie jemals vor einem Menschen auf den Knien gelegen und gefleht hätte: Um Gottes willen, geh! geh, ehe ich dich halte! —“

„So sind Sie wohl Beide Ihrer Bestimmung treu geblieben“, mußte Georg, wie ihm schien nicht sehr tiefsinnig, bemerken, und der Maler erwiderte nur zerstreut, ja, ja, er habe ja auch gar nichts dagegen einzuwenden, und griff nach seiner Pfeife.

„Gehn wir schlafen“, sagte er, als er sie gestopft und angezündet hatte. So verließen sie die Kapelle, der Maler schloß sorglich zu, und sie gelangten durch den Garten, am dunklen, schlafenden Haus vorüber auf die Straße.

Viele und seltsame Pferde liefen durch Georgs Träume in dieser Nacht, gelenkt und vorgeführt von Bogner mit langem Pinsel wie von einem Zirkusdirektor, aber Renate erschien nicht darunter. Gesang schlug an, engelstimmig und süß, Georg erwachte, und es war Morgengrauen. In abgeklärten Pausen sang draußen die schwarze Amsel, laut und friedevoll in der Morgenstille.

Drei Gespräche: Das erste

Esther und Georg saßen am Wassergraben im Park auf der Bank, und sie hatte den ganzen Schoß voll großer Zentifolien in allen schönen Farben. Da kam Jason al Manach, setzte sich, ließ sich fragen, woher er komme, und erzählte:

„Gestern abend, als es schon dunkelte, trat ich irgendwo aus dem Walde. Wiesen und Äcker waren voll Nebel, darin stand ein einsames, schlechtes Haus mit einem Stockwerk, ich strich an einer fensterlosen Mauer hinunter, und wie ich in eins der Fenster nahe über dem Erdboden an der, auf die Felder hinaus gewandten Seite des Hauses hineinsehe, sitzt da Maler Bogner in einem Liegestuhl und raucht eine Pfeife in Hemdärmeln, denn der Abend war milde. Ich grüßte: Guten Abend! Ich störe gewiß. — Ja, sagte er, wenn Sie stehen bleiben und mir die Aussicht zudecken. Kommen Sie herein.

Ich wandte mich wieder, und sieh, da wars eine jener Stunden, wo einem die Augen für das Wunderbare der Erde aufgehn. Als hätte der Maler gewinkt, so sah ich nun in eine Landschaft von seltsam wilder Feierlichkeit. Jenseits der braunen Äcker voll stehender weißer Nebel blinkte ein Stück des abendklaren Flusses aus der unteren Dämmerung, voll von gespiegeltem Licht und Baumsilhouetten; die wirklichen Wipfel darüber hoben eine mächtige schwarze, von einigen scharfen Fabrikessen überstiegene Mauer in das lohende Gelb und Rosa des Himmels. Darüber flossen zerblasene, graue, schwärzliche und violette Wolken in trübes Rot; zur Linken aber, hoch über dem graugrünen Dunkel der Wiesen jenseits des Stromes stand im blaßblauen, leeren Äther ein einzelner blitzender Stern; der war gleich einem silbergestählten Sankt Georg und die schweigsame, blutende Landschaft wie ein verendendes wildes Untier zu seinen Füßen.

O, aber als ich mich zur Rechten wandte, drohte da die Stadt, schwarz, eine ungefüge Masse von Dächern, Kuppeln, Türmen; ein stummes Meer, brandete hinter ihr der Himmel, überwölbte sie mit durchsichtiger Woge von offener Scharlachglut, in der sich ein Getümmel von zerrissenen Wolken umhertrieb und verzehrte, glorreich und ungestüm, in einem Wirbel triumphierender Farben, blutig, traurig, drohend und lechzend von Gelb und ungesättigtem Purpur. Von allen Richtungen liefen Schnüre und Reihen von Lichtern, opalenen, grünlichen und goldenen, in den schwarzen Berg der Stadt hinein.

Solche Dinge hatte dieser einfache Maler vor sich, wenn er abends in Hemdärmeln seine Pfeife rauchte. Es war so viel, daß er manche gar nicht beachten konnte, denn als ich nun um das Haus herumging, sah ich über ein verdunkeltes, undeutliches Gelände von Feldern und Lichtern hinweg den Mond, eine Scheibe von goldenem Kupfer, der sich mitten aus einer stumpfen bleifarbenen Wand heraushob.

Das Zimmer, in das mich der Maler führte, war folgendermaßen: Es hatte tapezierte, zerfetzte Wände, einen von herausquellendem Pferdehaar wie von Geschwüren strotzenden Diwan und zwei hölzerne Stühle, außerdem den Liegestuhl und am Boden eine trübe Pfütze von einem alten Gebetsteppich. In einer Ecke aber stand ein Bananenast, rundum mit gelben und schwärzlichen Früchten besetzt, einem Bienenkorb ähnlich. Ja, und in einer andern Ecke stand ein Spucknapf, der war mittendurch gesprungen. Eigentlich war es kein Zimmer, es war ein Durchgang von Abend zu Morgen, weil es nachts regnen könnte.

Als aber nun der Maler aus einem Nebenzimmer zwei in Porzellanfüßen stehende Paraffinkerzen holte, anzündete und auf den Gebetsteppich stellte, so offenbarten sie dessen ganzes Elend. Mich ergriff wohl Sympathie mit dem Spucknapf, denn in seine Nähe zog ich mir den Liegestuhl. Mich rühren so die zersprungenen Dinge, die sich gar nicht zu helfen wissen. Der Maler legte sich auf den Diwan und lag so still, als ob er schlafe. Die Kerzen zuckten zuweilen und störten mich in der Betrachtung meines Schattens ein wenig, der neben mir an der zerlöcherten Mauer saß. Drüben, vom fast unsichtbaren Maler her, glimmte zuweilen ein Manschettenknopf rot und golden.“

Jason schwieg so lange, daß Esther fragte: „Nun, sprachet ihr gar nichts miteinander?“

„Doch,“ erwiderte Jason, „aber wir schwiegen viel länger, als ich eben geschwiegen habe. Dann fragte ich den Maler, ob wir uns nicht unterhalten wollten, und er fragte wieder: Ja, wovon? — Ich schlug vor, wir wollten Aphorismen sagen, — aber nun, er redete sich aus, er könnte das nicht.“

„Ja,“ sagte Esther erstaunt, „kann man denn das so?“

„Oh, gewiß. Falls du mich nicht mißverstanden und gemeint hast, ich hätte gesagt, Aphorismen machen statt Aphorismen sagen. Ich bin angefüllt mit Aphorismen.“

„Zum Beispiel?“ fragte Georg.

„Dies“, erwiderte Jason, „ist eigentlich mehr ein Kalenderspruch: Nichts ist so imaginär wie der beständig geküßte Hund einer jungen Dame.“

Esther dachte angestrengt nach und brachte schließlich heraus, sie verstünde das nicht.

„Oh kleine Esther,“ erklärte ihr Georg, „es befinden sich doch lauter imaginäre Liebhaber in dem Hund.“

„Nun ein andres“, sagte Esther.

Jason, der schon längere Zeit mit einem von Esthers dänischen Handschuhn spielte, die neben ihr auf der Bank lagen, hob ihn jetzt ans Gesicht, roch daran und sagte, es wären gleich zwei auf einmal in dem Handschuh. „Wißt ihr,“ fragte er, „was die traurigste Freude ist? Das ist der Parfümduft aus Frauenbriefen, die man spät in einer Schieblade findet. — Und nun, Esther, wenn ich dich liebte, würde ich zu dir sprechen: Deine Hand im Handschuh ist nur ein Körper, aber der Duft aus dem leeren ist Wesen.“

„Ach,“ sagte Georg, während Esther rot wurde und lachte, „Sie können mir gewiß einen Unterschied formulieren, über den ich neulich nachdenken mußte, nämlich den eigentlichen zwischen einem Dichter und einem Schriftsteller.“

Nein, Jason bedauerte. „Das würde auf etwas Moralisches hinauslaufen, und moralisch kann ich nun einmal nicht sein.“

„Ja,“ sagte Esther, „das ist auch langweilig, erzähle mir lieber, worüber du dich mit dem Maler unterhalten hast.“

„Richtig,“ sagte Jason, „du erinnerst mich an einige sehr gute Dinge, über die der Maler mich belehrt hat. Ich sagte ihm nämlich, ich hätte verschiedentlich von Menschen sagen hören, daß der Künstler oder Dichter, um einer von Bedeutung zu werden, ganz außerordentlich viel leiden müßte. Andre dagegen hätte ich wiederum sagen hören, daß es auf der ganzen Welt nichts Grausameres gäbe als Künstler, und dies beides schiene mir doch zu widersprechen. Da sagte der Maler, was die Menschen anginge, so würden sie sich über derlei Dinge kaum aufklären lassen, weil, so sagte er, sie diese Dinge nicht aus der richtigen Sehrichtung betrachten könnten, nämlich aus der des Genius. Und das ist richtig, denn mit dem Genius verhält es sich so wie mit dem, was der reiche Mann zum armen Lazarus sagte, als der in Abrahams Schoße saß. Wenn Moses oder einer der Propheten zu ihnen käme, so würden sie nicht hören, aber wenn Lazarus von den Toten auferstünde, so würden sie. Denn immer unsichtbar bleibt den Menschen der Genius, wahrnehmen können sie nur seine Kraft, nämlich im Werk, — und nun sagte der Maler, grausam sei allerdings der Genius, mitleidlos, weil er vollkommen sachlich sei und alles Menschliche und Natürliche einfach als Stoff ansehe. Hier mußte ich auch wieder eine Wahrheit finden,“ sagte Jason, „nämlich die, daß die Menschen wohl imstande sind, einen Dichter grausam zu finden, der sich einen Menschen mit all dessen Eigentum an Leiden und Lüsten zur Darstellung nimmt, nicht aber, wenn er so mit einer Landschaft verfährt oder einem Baum oder sonst einem Gegenstand, und dies bedenken sie nicht, nur weil sie von solchen Dingen weniger wissen oder gar nichts, wovon der Dichter vielleicht sehr viel weiß. — Wenn der Genius nun“, sagte der Maler weiter, „sich vollkommen sachlich verhält, so tut er das doch auch gegen das Leiden des Menschen, in dem er wohnt, das heißt also, daß ihn des Menschen Gefühl und Meinung von diesem Leiden gar nichts angeht, sondern er würde lachen, wenn der Mensch sie ihm vorhielte, und sagen: Da sorge du! Mach das mit dir allein ab! — Gefällt es ihm aber wiederum, so sagt er vielleicht: Zeig her! das da scheint mir brauchbar, ein Funken, nicht viel wert, aber ich wills versuchen und ihn anblasen. — Ja, da bläst nun dieser Gott,“ sagte Jason, auf seine Knie herunterblickend, „und was ist nun wohl der Mensch, dieser Wurm, in einer solchen Lohe, die ihm Knochen und Mark verzehrt, freilich, Lohe einfach, schmerzlos wie lustlos, nur bloß verzehrend, was dann andern Augen gemeinhin erst an der Asche sichtbar wird, und dann staunen sie nun über Beethovens Totenmaske. Er aber, am ganzen Leibe brennend, schaffte in der Himmelsglut das Werk, blinden Auges, tauben Ohrs, denn der Genius sieht, der Genius hört; mit flatternden Händen, denn der Genius lenkt, und dieses, dies ist das Leiden und dies die Grausamkeit, dies darf Leiden und Grausamkeit genannt werden, weil aus ihnen Leben entsteht, ewiges, so Gott will, dieweil das andre nur zum Sterben gut ist; doch reinigt der Tod.“

„Hat das der Maler gesagt?“ fragte Esther nach einem Schweigen leichthin.

Georg sah, daß Jason, wenn das bei ihm möglich war, verlegen schien.

„Es kommt ja nicht darauf an,“ sagte er, „die Menschen sagen so vieles nicht, das meiste sagen sie nicht, und du kennst ja mein Gedächtnis, es muß sich an so vieles erinnern, und gedacht hat er es jedenfalls, davon seid ihr doch wohl überzeugt. Übrigens“, fuhr er fort, „sind wir bald auf das Meer und die Berge zu sprechen gekommen, und nachdem wir uns darüber geeinigt hatten, daß das Meer groß sei, groß, sonst nichts, indem nichts von seiner Größe sei, so fragte ich ihn, wie das wohl zugehe, daß manche Menschen sagten, das Meer drücke sie nieder; es mache sie melancholisch, sagen sie. Er vermutete, eben deshalb, weil es ihnen zu groß erscheine, sie selber daher zu klein. Berge dagegen, ich erinnere mich genau, daß er dieses sagte, weil darauf ich an zu sprechen fing, Berge verhielten sich menschlich, und gewiß ist das so, was ihr beurteilen könnt, wenn ihr euch solch ein einzelnes, weißes Schneehaupt vorstellt. Denkt ihr euch nun daneben die Erhabenheit eines wunderbaren Menschen, Dantes oder Bachs, Rembrandts oder Michelangelos oder Homers, so habt ihr gleich eine Kette einsamer, strahlender Bergeshäupter. Halbgötter sind die Berge, dem Himmel nah und doch furchtbar irdisch verankert, und sie stimmen den Beschauer zur Andacht, unvermindert seine eigene Person, eben wegen des göttlichen Eindrucks, der aus Kleinheit hinaufziehend, nicht aber niederdrückend ist: Gott läßt immer viele Möglichkeiten offen, um so strahlender, wenn er sich menschenhaft offenbart. Blickt ihr aber von der Höhe über ganze Ketten und Felder andrer Gipfel und Gebirgszüge hin, so habt ihr auch hier ein Meer von Wellen, von erstarrten jedoch, von gebändigten, innerlich unfreien, ihre Verdammung zur Schweigsamkeit mit Größe und Heldensinn ertragenden, gleich einem Volk gefesselter Könige; ihr aber, ihnen gegenüber, von Beweglichkeit, von eurer ganzen rühmlichen Freiheit ringsum strotzend, ihr fühlt die Majestät solcher Versammlung mit Andacht und angenehmer Demut. Dies alles“, sagte Jason lächelnd, „erklärte der Maler nicht wie ich, sondern mit einem einzigen Worte, und danach fingen wir an, von den Wolken zu reden. Von ihnen sagte Bogner gleich, daß er sie liebe, nämlich die vereinzelten, geballten, weißen, mittäglichen, und er sagte, daß sie wie Götter seien, schweigend und leuchtend, nur ihr Wesen ausstrahlend unbeeinflußbar, — und ich dachte wieder, wie richtig das sei, da eben solche Wolken diejenigen Eigenschaften haben, die wir uns wünschen, die uns fehlen: die Ruhe, die Unberührbarkeit, dies leuchtende Dulden der Vereinsamung, das Schweigen, und so sind sie, wie alle Gottheiten, vergottete Menschen, uns ähnlich, daher noch zu erfassen, noch in uns, wie die übrige Natur, und indem ich dies bedachte, fiel mir ein, ob der immer sonderbare und rätselhafte Eindruck des Ozeans wohl darauf beruhe, daß er nicht in uns sei wie die übrige Natur, und dies sagte ich dem Maler. Da erzählte er mir ein Erlebnis aus seiner Kindheit.

Er beschrieb mir, wie er an einem Sommerabend als Knabe in einem Kahn gelegen habe. Wie er da mit sich allein war in der unsichtbaren Dämmerung und eine Hand ins Wasser hängen ließ, da sei nun aus dem Abgrund des Meeres der Mond heraufgestiegen, ganz wie ein schweigender Gott. Das Herz habe ihm da zum Zerspringen geklopft; er habe gemeint, der Mond komme aus seiner Brust. —

Dies ist nun freilich ein schöner Irrtum gewesen, denn das Unsichtbare war es, das seine Brust so weit zu machen wußte, daß sie auch die Nacht, das Dunkel, alles in sich aufnahm, das Meer spielte eigentlich keine Rolle in seinem Erlebnis, und ich sagte ihm dies, indem ich ihm nachwies, daß damals, als das einfachste Tier, unser Vorfahr, die Noctiluca, aus dem Meere das Land erstieg, das Meer von uns abzufallen begann, durch die Jahrmillionen, durch unzählbare Geschlechter von Verwandlungen, und das Leben auf dem Trocknen ward anders als im Gewässer, fremd ward uns das Meer, aber es war unsre älteste Heimat, und darum, wenn wir darüber hinsehn, so meinen wir, daß dort drüben, an einem andern Ufer, unsere Heimat liegen müsse; wie Odysseus sich vorstellte, daß gleich drüben der Rauch aus seinem Dache steigen müßte; aber die Heimat eigentlich ist in dem Meer, ist es selbst, und deshalb macht es uns wehmütig, heimschmerzlich, und das drückt uns wohl nieder, um so geringer unser Glaube, um so tiefer unser Verlangen nach Heimat ist. Da kamen wir nun auf die Sterne zu reden, und ich glaubte schon, davon würden wir die ganze Nacht nicht wegkommen. Aber die größten Dinge sind auch wieder die einfachsten, und so verhält es sich auch mit den Sternen, daß von ihnen schon alles gesagt ist, wenn man nur an sie denkt. Dann genügt ein zufälliges Wort, und so fiel es dem Maler ein, zu sagen, daß die Sterne jenseits wären. Wie wahr ist das, denn sind sie nicht außerhalb unsrer Erde? Was aber reicht über unsre Erde hinaus? Wir? Unser Gefühl? Gegen das unzerreißliche, metallene Gewebe des Firmaments prallt unsre Seele an wie ein Federball; nichts dringt dort ein, es sei denn — das Gefühl, nicht eindringen zu können, das uns so wunderbar anmutet. — Übermenschlich, seht ihr, das sind Wolken und Berge; überirdisch, das sind die Sterne. Mit ihnen ist uns nichts gemeinsam, nicht einmal das Gefühl der Fremde. Das Meer jedoch, es ist unmenschlich, eine Natur außer uns, eine Leidenschaft außer uns, eine donnernde Unbegreiflichkeit.

Ja, so sprachen wir miteinander,“ sagte Jason nachdenklich, „und inzwischen hatte der Maler seinen Bananenast aus der Ecke geholt, stellte ihn auf den Teppich, setzte sich auf die Erde davor mit dem Rücken gegen die Fenster und ermunterte mich zu essen, indem er eine Frucht abriß, hurtig schälte und die Schale über seine rechte Achsel zum Fenster hinauswarf. Wie das aber so geht mit mir, — ich stand auf einmal in der Tür, und da sehe ich ihn noch so sitzen in dem leeren Raum bei seinen rötlichen Kerzen und seinem schattenwerfenden Bananenast, und die Schalen zum Fenster hinauswerfen. Auf einmal stand ich dann und blickte gegen den wunderbarsten Nachthimmel, und es war kühl und vieler Atem im Finstern um mich her. Der Himmel aber, der vor mir niederhing, war ein wundersamer Gobelin mit einem silbernen Wolkenmeer, in dem, dicht aneinandergedrängt, andre, schwärzliche Wolken gleich riesenhaften Delfinen und Seeungetümen sich bewegten, und dies alles durchglitt der Mond, klar und sanft und sich schaukelnd, eine silberne Schale von einem Götterboot.“

Jason schwieg, rückte ein wenig und schien ans Fortgehn zu denken.

„Sage, Jason,“ fragte Esther, „hast du nun wirklich gar nicht daran gedacht, dir von dem Maler Bilder zeigen zu lassen, da du einmal dawarst und doch kein Mensch herausbekommt, wo er wohnt?“

Nein, Jason hatte nicht daran gedacht. Er schien geistesabwesend.

„Es waren so viele Bilder da,“ sagte er, „ringsherum, der ganze Himmel voll. Vielleicht“, sagte er aufstehend, „habe ich mir eingebildet, er hätte sie alle selber gemalt.“

Sprachs, nickte ihnen leutselig zu und ging davon. Sie mußten ihm nachsehn, wie er an den Gebüschen hinstreifte, ein wenig geduckt, die Knie leicht eingedrückt, den Strohhut im Nacken, die Hände auf dem Rücken, schmal in seinem feinen Rock von schwarzem Tuch, und so schwand er den Weg hinunter um die Ecke, und es war nicht ersichtlich, ob er nicht nur das äußere Verschwinden abgewartet hatte, um gänzlich fort zu sein, weg, nicht mehr vorhanden oder vielleicht schon in Südamerika. Esther und Georg aber taten ihre Augen zusammen, nickten sich zu und sagten, daß es ab und an gut sei, Jason zu hören.

Drei Gespräche: Das zweite

Georg, Sigurd und Benno saßen spät abends beisammen; Georg, wie er es gern tat, in seinem Armstuhl, den er mit der Rücklehne gegen den Schreibtisch gedreht hatte, so daß er zur Kaminecke hinüber sah gegen den grünen Lampenumhang, — und rechts dort saß Benno, in seinem Sessel so tief, daß er Georg unsichtbar war hinter den dunklen Figuren und dem breiten Dach des Treppengeländers: nur sein obenliegendes Knie war zu sehn, hell glänzend dicht unter der grünen Tischdecke im nach unten fallenden Licht. An der anderen Seite hatte Sigurd sich in den breiten Ledersessel zurückgelegt, das Gesicht nach oben gewandt, das linke Knie so hoch gegen die Schulter gezogen, daß er die Hände dicht überm Fußgelenk falten konnte, das auf dem rechten Knie lag. Georg hatte, da sie eben damit beschäftigt waren, sich nach Kräften an- und auszuschweigen, Muße genug, ihn zu betrachten, diesen erstaunlich Schönen; sein dunkelhäutiges langes Gesicht glänzte leise aus der Dämmerung wie etwas Gegossenes; ein Lichtfunke, in jedem Auge hängend, machte sie starr in aller düstern Lebendigkeit. Schön im Schweigen formte sich der volle Mund.

Georg dachte in behaglicher Zufriedenheit über ihn nach. Sich erinnernd, wie er in dem dunkelroten Mantel hohepriesterlich bei so viel Jugendlichkeit erschienen war, dachte er, daß noch kaum ein Mensch — und am seltensten eine Frau — so das Empfinden ihm bekräftigt habe, es müsse im schönen Leibe auch eine schöne Seele wohnen. Renate — ja — eigentümlich: ihr Glanz war so außerordentlich, so vollkommen, so nichts mehr zu wünschen lassend, daß man nichts begehrte außer eben ihn, — und doch nein; war es nicht seelisches Feuer allein, das, ihre Züge und Farben durchglühend, sie in solche Harmonie und solches Leuchten versammelte? Also war vielmehr dies das Absonderliche, daß aus Renate Einheit strahlte; hier, aus dem Manne dagegen nur Eines, das ein Zweites ahnen und wünschen ließ, — und so sehr, dachte er, ist also Schönheit etwas Nebensächliches, etwas Störendes fast beim Manne, dessen Geist und Seele allein es sein sollten, die Licht verbreiten. Ja, und Esther, wie war es mit der? Hatte sie wohl eine Seele überhaupt, oder war da alles — nur süß; bis hinab in das Innerste? Ach, kleine Esther, kleine Chinesin, bin ich nun eigentlich verliebt in dich? und wenn wirklich, wie wäre das möglich in Anbetracht Renates? — —

„Wie doch das Schweigen tönt!“ hörte er da Benno träumerisch sagen. „Wir sind ja ein Dreiklang.“

„Dur oder Moll, Benno?“

„Ich weiß nicht, Georg. Musik der Seelen — und die ist es doch, die ich höre — weiß wohl von irdischen Tonarten nichts, und dort ist das innerlich Selige von Dur und Moll ein unirdisches Gemisch.“

„Ja — dort, Benno, nicht wahr? Aber wir sind hier und müssen immer heiter oder traurig sein. Es ist aber schön zu denken, was du sagst.“ Georg schwieg.

Nach einer Weile zogen ihm sanfte Verszeilen durch die Erinnerung, und er sagte langsam auf: