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Helianth. Band 2 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene cover

Helianth. Band 2 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Chapter 26: Sonnenblume
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About This Book

A sequence of nine linked books follows the interior and outward lives of two contemporary inhabitants of the North German plain, blending realistic domestic scenes with hallucinatory dreams, fragments of letters and artistic creation. Episodes move between sleepless nights, remembered landscapes and rehearsed performances, revealing recurrent motifs of longing, solitude, memory and erotic yearning. The structure favors fragmentary impressions and shifting perspectives that blur waking consciousness and imaginative projection.

Kai tote dä Kronidäs afiei psoloenta keraunon,

Ka d’epese prosthe glaukoopidos obrimopatras;

Dä tot’ Odysäa prosefä glaukoopis Athänä ...

Halblaut übersetzte er:

Nieder warf der Kronide den funkelnden Blitz, daß er hinschoß vor der strahlengeäugten, der Tochter des obersten Vaters. Und zu Odysseus sprach die strahlengeäugte Athene ...

Das war sie. Eine Göttin in Menschengestalt, Fürstin, Herrscherin, kluge Beraterin, ein Kunstwerk. — Er schloß das Buch, legte es hin, und nun erschien ihm Renate in ihrem weißen, sommerlichen Faltenkleid mit viereckigem Ausschnitt, eine Kette von rosigweißen Korallen, die tief herunterhing, um den Hals, ohne Gürtel und mit weit offenen Ärmeln. So stand sie in der Kapellentür wie ein Legendenwesen, so saß sie an der Orgel, ausgebreitet, schwebende und gewaltige Stimmen entfesselnd, so war sie, stets würdig, stets Anmut, stets Kühle, eine schöne Weisheit in Frauengestalt. An wen erinnerte sie nur? Lange grübelte er in Büchern herum, endlich begann es ihm zu dämmern, seine Kinderstube erschien, und ein altes Buch, quadratisch, braun, abgegriffen, mit Vignetten, — von Richter? Richilde — stand in verschnörkelter Schrift auf einer Seite, ein Ritter ritt durch eine Landschaft, ein spitzbärtiger Ritter kniete vor einem Walfisch, aus der Kelchblüte einer großblättrigen, stilisierten Pflanze winkte ein elfenartiges Wesen mit einem Schleier nach einem Jüngling, der hinter einem Paar schöner, weißer Stiere schritt, — Libussa. — Flugs stieß Georg einen Sessel zur Seite und langte das Buch tief unten aus einem Regal, wiedererkannte es freudig, schlug es auf und fand nach einigem Blättern und Verweilen die Geschichte Libussas, der Elfentochter, der späteren Herzogin von Böhmen, welche die drei höchsten Güter in sich vereinte, nämlich Weisheit, Schönheit und Reichtum; und Libussa hatte in ihm als Knaben jenes Gefühl erweckt, das ihm jetzt von Renate auszugehn schien: sie war ihm zu makellos und wandellos, zu hoheitsvoll, zu leidenschaftslos erschienen, zumal gegenüber den kriegerischen Werbern, — ja, wollte Esther denn noch immer nicht kommen? Wenn ich lese, dachte er, wird sie gleich hier sein, setzte sich und las, und es stellte sich heraus, daß jenes Knabengefühl ganz ungerechtfertigt gewesen war, denn liebte Libussa nicht den Primislav, sieben Jahre getreu, und sandte ihm endlich ihr weißes Leibroß, um ihn zu holen und zu ihrem Herzog zu machen? — Ein rechtes Märchen, aber bei Renate und mir ists ja umgekehrt. — Folgende Stelle las er mit Vergnügen:

‚Libussa hatte nicht den stolzen, eiteln Sinn ihrer Schwestern. Ob sie gleich die nämlichen Fähigkeiten besaß, in die Geheimnisse der Natur einzudringen und sich ihrer verborgenen Kräfte zu bedienen: so genügte ihr dennoch an dem Anteil der wunderbaren Gaben aus der mütterlichen Erbschaft, ohne solche höher zu treiben, um damit zu wuchern. Ihre Eitelkeit erstreckte sich nicht weiter, als auf das Bewußtsein ihrer Wohlgestalt, sie geizte nicht nach Reichtum, wollte weder geehrt noch gefürchtet sein wie ihre Schwestern. Wenn diese auf ihren Landhäusern herumtoseten, von einer rauschenden Freude zur andern eilten und den Kern der böhmischen Ritterschaft an ihren Triumphwagen fesselten, blieb sie daheim in der väterlichen Wohnung, führte das Hausregiment, erteilte den Ratfragenden Bescheid, leistete den Bedrückten und Preßhaften freundlichen Beistand, und das alles aus gutem Willen ohne Entgelt. Ihre Gemütsart war sanft und bescheiden und ihr Wandel tugendsam und züchtig, wie es einer edeln Jungfrau ziemt.‘

Auch dieser Satz gefiel ihm sonderlich: ‚Sie nahm mit bescheidenem Erröten die Herrschaft über das Volk an, und der Zauber ihres wonniglichen Anblicks machte jedes Herz ihr untertan.‘

O Himmel! dachte er aufseufzend, wenn ich Herzog bin, wird dann alles anders sein? Wer ist denn zur Herzogin hier geeignet, sie oder Esther? — Er lachte fast, hielt kaum rechtzeitig inne.

Das Licht hatte sich verändert draußen, die Schatten waren tiefer und länger geworden, Esther kam nicht. Georg, immer angstbeklommener vor dem, was kommen sollte oder könnte, trat wieder in die Tür zum Garten, der windstill, tief beschattet bei sinkender Sonne, tiefgrün mit schönen großen Farbflecken, gelben, roten, glattbraunen, von Birke, Platane und Roteiche, unter dem reinen, erlösten Himmel ruhte. Darin sollte sie nun nicht mehr umhergehn mit ihren kleinen, ein wenig breiten Füßen, kleinschrittig, von denen der rechte bei jedem vierten oder fünften Schritt leicht nach innen schlug.

Indem hörte er hinter sich die Tür, Esther stand drin, sehr blaß, in dem Kleid, das er liebte, von rotvioletter Seide mit Goldborte an Hals und Ärmeln. Sie kam auf ihn zu und gab ihm die Hand, wie sie pflegte, mit ein wenig vorgeschobenem Leib ganz nah herankommend, und murmelte etwas wie: Sigurd hätte ihm wohl alles gesagt.

„Wann geht dann das Schiff?“ fragte Georg.

„Mittwoch.“

„Und Sie bleiben erst ein paar Tage in Hamburg?“

„Ja, ich fahre am Sonntag.“ „Und morgen“, sagte Georg trübe, „muß ich wieder auf Mensur.“

„Schon wieder?“

Sie hatten sich unterweil in Bewegung gesetzt und schritten langsam den Weg hinunter. Georg hob eine in den Weg hängende Hopfenranke über Esthers Kopf, dachte: Wenn Sigurd gesagt hat, daß sie immer irgend jemand liebte, so heißt das wohl auch, daß sie mich alsbald vergessen wird, — und verstrickte sich derweil in umständliche Erklärungen: daß er seine letzte Mensur im vergangenen Semester schlecht gefochten habe —

„Ach, als Sie so lange mit dem Kopfkissen herumliefen?“ fragte sie lächelnd. Sie meinte das schwarze Stück über der Gazekompresse, das er zum heimlichen Gespött aller Freunde wochenlang nicht vom Mittelkopf los geworden war. Er bejahte und fuhr fort: daß die Mensur ungenügend beurteilt worden sei; daß er Reinigung fechten müsse, und nun habe es sich über die Ferien hingezogen, während er doch für dies Semester seinen Austritt geplant hatte, und schließlich würde er morgen einen so scharfen Gegner bekommen, daß — ja also daß sie sich heute wohl zum letzten Male sähen ... Dies schien sie gewußt zu haben, denn sie antwortete nichts.

Sie standen jetzt am dunklen Wassergraben; ringsum loderte der Herbst, das unbeschreiblichste Grün, mit Gelb gemischt, lohendes Rot, prangendes Kaisergelb flatterte hoch oben vor der vergoldeten Bläue der Luft; noch höher wehten weißliche Geister aufgelöst durch den Oktoberhimmel. Ach, wie lieblich war ihre verschleierte, huschende Stimme! — Sie sagte, es würde ihr wohl sehr schwer fallen, nicht mehr des Morgens in diesen Garten gehen zu können, und Georg murmelte etwas Unklares von Kalifornien, Palmen und: auch sehr schön ... Dann setzten sie sich auf die Bank, die hinter ihnen stand. Esthers Hände lagen im Schoß.

Georg dachte daran, wie er ihre Hand zuerst im Handschuh gefühlt, halb leblos, und wie sie hier mit Jason gesessen hatten, der ihren Handschuh von der Bank nahm und davon sprach. Sie schwiegen. Kein Blatt fiel. Etwas simmte an Georgs Ohr, und eine verspätete Mücke setzte sich auf seine Hand, aber sie sog nicht. Da vertrieb Esthers Linke sie mit einer flatternden Bewegung, die an ihrem Haar endete, und Georg sagte mit einem Versuch zu scherzen:

„Und nun will so ein kleines Mädchen ganz allein über das große Wasser fahren?“

„Der gute Jason“, sagte sie — dies war ihr letztes Lächeln! — „wird mich bringen. Merkwürdig, nicht: Eben traf ich ihn, und er brachte mich hierher. Als ich ihn scherzend fragte, war er gleich bereit, und im vollsten Ernst. Er hätte längst mal nach Amerika gewollt, sagte er.“

Jetzt wird sie in Tränen ausbrechen, dachte Georg und vermied den Anblick ihres Gesichts, sah aber doch, geradeaus blickend, neben sich ihr Profil, ein wenig vorgeneigt, unterm straff zurückgespannten Haar, die Stirn glatt, ganz wenig gerunzelt, das fremdgeschnittene, bewegungslose Auge, den unbeweglichen Mund. — Um nur etwas zu sagen, fragte er: „Warum der gute Jason?“

„Ich weiß nicht“, meinte sie nach einer Weile. „Einmal, das fällt mir ein, wollte er ein Buch auf den Tisch legen, und es fiel daneben. Da sagte er ganz erschrocken: O entschuldige, Buch! — Ich mußte so lachen.“

„Ja, er ist mit allen Dingen, die sich nicht selber helfen können, wie mit kleinen Kindern. Wissen Sie eigentlich etwas aus seinem Leben?“

„Nein, gar nichts.“

„Ich war dabei,“ sagte Georg leiser, „als er sich das Leben nehmen wollte, zweimal, und doch glaube ich, daß dies nicht das Schlimmste in seinem Leben war. So wie er jetzt ist, ist er noch gar nicht sehr lange.“

Hörte sie eigentlich, was er sagte?

„Wissen Sie,“ begann sie nach einer Weile, — „aber Sie dürfen nicht lachen, — nein, ich meine — — Sie dürfens nicht zu ernst nehmen — —“

„Immer was Sie gern wollen, Esther.“

Sie schwieg.

„Wollen Sie es für sich behalten, dann —“ er zögerte — „nehmen Sie es mit nach Amerika.“

„Oh!“ stieß sie schmerzlich hervor, beugte sich vor und sah nach oben.

„Schön ist doch der Herbst,“ sagte sie dann wie beruhigt, „das sanfte Scheiden.“

„Ja, es wird gut mit uns gemeint.“

Auf einmal schnürte sich ihm das Herz zusammen, er suchte nach gleichgültigen Dingen, fand nichts und bat:

„Was wollten Sie denn eben sagen?“ Sich vorneigend wie sie, sah er sie nun an und merkte, daß ihr Gesicht von innen kalt und bleich geworden war.

„Ich wollte sagen,“ sprach sie sehr langsam und ohne Betonung, „es muß gut sein, zur rechten Zeit sterben zu können. Ich glaube, der Tod —, ich meine: das Sterben, der letzte Augenblick giebt dem Menschen eine Klarheit, eine Kenntnis, ganz sichere, über Leben und Tod. Gut kann die sein oder sehr schmerzlich. Und die gute wäre, daß man zur rechten Zeit stirbt.“

Sie hatte nun ganz leise und mit rauher, verhauchender Stimme gesprochen, und Georg, obgleich er kämpfte, konnte es nicht lassen, tiefer zu gehn und zu fragen: „Esther, sind wir denn so traurig, daß wir statt vom Scheiden vom Sterben reden müssen?“

Sie stand auf, zuckte mit den Schultern, wie um etwas abzuwerfen, und sagte: „Ich muß gehn.“

Jenseit des Grabens stand eine junge Roteiche, reich mit großen, heftig gezackten Blättern überhangen, rot wie neues Kupfer und so einzeln, daß sie sich zählen ließen; im bläulichen dunklen Wasser unten hing ihr Spiegelbild, umgekehrt, verdunkelt. Uns, dachte Georg mit seltsamer Empfindung, uns und unsre Spiegelbilder sieht von drüben der stille Baum, und nun war ihm, als sähe er selber sich und sie — in dem schön violetten Kleide mit goldenen Borten sie und sich in dem dunkelgrünen Anzug — wie zwei geschmückte Geister in einer elysischen Gegend, weltferne Zwiesprache haltend. Aber, sich umwendend, fand er Esther nicht mehr neben sich und sah sie schon fern zwischen den grünen Büschen den Weg hinunter auf einen Trupp hoher, verdorrter Sonnenblumen und schwarzroter Dahlien zugehn; ihr Gang war nichts als ein notwendiges Bewegen der Füße, aber daran, daß der rechte nicht nach innen —, doch, da schlug er nach innen, und nachdem Georg eben gedacht hatte, er müsse sie so weiter und weiter und fortgehen lassen, eilte er ihr jetzt nach, holte sie aber erst im Zimmer ein, wo sie stand und sich umsah.

Eiskalt war ihm am ganzen Leibe, er zitterte, wußte aber gleichwohl, daß er imstande sei, die simpelsten Höflichkeiten zu sagen, redete auch ganz bedeutungslos draufzu, indem er sie bat, sich doch etwas zum Andenken mitzunehmen. Sie bewegte den Kopf langsam hin und her. Gleich darauf sank er tief herunter, ihre Brauen zogen sich wie grüblerisch fest zusammen, doch war es wohl etwas andres, und er konnte es nicht mit ansehn und trat an den Schreibtisch. Mit dem Rücken gegen die Platte gelehnt, sah er, wie sich ihr Kopf langsam wieder hob; sie stand aufrecht und sah ihn an, ohne zu lächeln. Jetzt kommt es! dachte er im Frost, was soll ich jetzt tun? was fragt sie jetzt hinter ihrer Stirn?

Indem fiel ihm ein: Wenn aber nun alles Einbildung ist? Ja, wie, wenn sie nicht meinetwegen so verzagt ist, sondern Sigurds wegen? Sollt’ ich so närrisch sein? — Fast ward ihm da leichter; er dachte: also muß es geschehn ...

„Esther“, sagte er, nur um nicht zu schweigen, um nicht — —

Und sie kam. Er nahm ihre erfrorenen Hände und legte sie auf seine Brust. Sie blieb, sie würde bleiben, sie mußte, er konnte sie nicht entbehren. — So blickte er in ihre Augen, sah ganz nah die schönen Brauen, sah winzig sein eigenes Gesicht, ganz wenig verschwollen in dieser, in jener schwärzlichen Pupille, und die Reflexe vom Licht, sah die kleinen schwärzlichen Härchen neben den Mundwinkeln und mußte die Lippen darauf drücken. Seine Augen schlossen sich. O, wie süß war dieser Mund! O nicht fremd wie — wie — —

Da öffneten seine Augen sich wieder, sie war zurückgetreten, er sah sie zum Stuhl gehn, ein flacher, grauer Hut lag darauf mit grünen Blättern und schwarzen Rosen, den hob sie auf. Ja, mußte denn noch etwas — —, mußte er noch etwas — —? — Er sah sie den Hut aufsetzen, die Nadeln festmachen, und da lag auch eine Jacke, die sie nun anziehen wollte, und er hätte fast vergessen, ihr zu helfen. Noch einmal, während er den Kragen ihres Kleides in die Jacke hineinglättete, ihren Hals berührte, sah er ihren Haarknoten, weich geschlungen, ganz nah, aber dies galt schon nicht mehr, und sie wandte sich und gab ihm die Hand, und er sagte: „Leb wohl!“

Das Schluchzen stieg ihm in die Kehle, sie sagte nichts, ging zur Treppe, der Raum kreiste, etwas klang hart, Esther war nicht mehr im Zimmer.

An einem Eisenbahnfenster über vorbeisausender Felderlandschaft erschien Esthers Gesicht; darauf stand geschrieben: Trostlos. — Georg näherte die Hände dem Gesicht, ermannte sich, schüttelte den Kopf, nahm eine Zigarette vom Rauchtisch, zerbrach ein Streichholz, noch eines, noch eines, tat endlich den ersten Zug und setzte sich.

Ja, sagte er, ja, ja ...

 

Nicht mit Absicht berauschte Georg sich an diesem Abend sinnlos, das heißt, er setzte sich nicht in der Absicht, sich zu betrinken, zum Trinken nieder, sondern es kam so. Quid quod, sagte er in der letzten hellen Minute, das ist eine lateinische Redensart und heißt ungefähr: Was soll man dazu sagen? — Einige Zeit später weinte er sehr am Halse seines Leibfuchsen, der auch weinte, und abermals eine Zeit später wachte er mit riesigem Schädel und ohne Denkvermögen in seinem Bette auf, tat unbewußt das am Morgen Nötige des Badens und Ankleidens, saß ein paar Stunden, bloß eine kahle Bouillon im Magen, bei den Mensuren herum, übrigens ein wenig voll Ekel, ein wenig voll Wut und ein wenig voll Beschämung, worauf er sich anbandagieren ließ, heftig angewidert von den nassen, warmen, nach Blut, Schweiß und Äther stinkenden Binden am Halse. Armer Tozzi, heut gehts mir schlecht, dachte er, die Zähne zusammenbeißend, als die eiserne Brille auf seine Nase gepreßt wurde, und nieste. Dann stand er da und arbeitete schwerfällig mit dem Schläger, fühlte bald, wie ihm das Blut vom Kopf rieselte, es gab Pause, er saß, stand wieder, es gab endlose Pausen, um ihn schwirrte und rannte es, er hörte ein Flüstern: laß dich lieber abführen! — aber das wollte er nicht. Der Speer ward ihm fortgeschlagen, noch einmal fortgeschlagen, er wankte und taumelte bei jedem Hiebe und stand dann, den Kopf gesenkt, von dem das Blut herunterlief, wie Spülwasser so dünn vom Alkohol. Dumpfe Wut hielt ihn aufrecht, aber er ermattete immer mehr, nach jedem Gang schien eine Pause zu kommen, er trank Wasser, trank Kognak, ihm ward zum Erbrechen elend, und dann merkte er noch, auf dem Stuhl sitzend, daß sein Blut nicht mehr lief. Und was war das mit seinem Herzen? Das machte ja Sprünge! Von allen Seiten beugten sich höfliche, neugierige, ein wenig mitleidige Gesichter, er hörte wieder die Stimme des Sekundanten von weit fern her: Also noch einen Gang, weiter! Stand auf, schwankte, hörte hoch über sich die Worte verhallen: Baltoborussia führt ab nach dreizehn Minuten, und verlor die Besinnung.

Sonnenblume

Renate, in der Hand die Gartenschere, trat am frühen Morgen auf die Terrasse hinaus und blieb über den Stufen stehn. Warm schien die Sonne, aber es wehte so heftig, daß sie mit den Händen in den Falten ihres dunkelgrünen Kleides hinunterfuhr, um sie gegen den Leib zu drücken; sie bauschten sich schwer hinter ihr, und die langen Enden der dicken, silbernen Kordel, die sie unter der Brust um den Leib geschlungen hatte, flatterten wie ihr Haar. Der Garten, schon sehr entblößt, war ein flatterndes Gewimmel von Blättern und kleinen Zweigen, gelb und lockrig ließen die Wipfel überall den hellen, dunstigen Himmel durchscheinen, aufgelöst ins Trinken des reichen goldenen Lichts. Vollhängende Fuchsiensträucher schwankten unter der Veranda. Wege und Rasen waren mit Blütenblättern bestreut; der Gärtner hatte den mit Laub verschütteten Rasenplatz zur Hälfte gekehrt und war zum Frühstücken gegangen; nun rollte der Wind die braungelbe Masse von einer Seite auf die andre mit einem kindischen Vergnügen. — Renate kämpfte sich gegen den Wind die Stufen hinab, ging auf dem Wege zur Linken weiter, durch die Büsche und rechtsum unter den sechs Linden am Gemüsegarten hin auf die Rückseite der Kapelle zu. Dort flammte, gegen den Wind geschützt, die ganze Schar farbiger Georginen und Dahlien, schwarze, rote, scharlachne, weiße und gelbe. Renate schnitt von ihnen, langsam auswählend, einen Arm voll. Da hörte sie ihren Namen, fern von Magdas Stimme gerufen, antwortete: Hier! und sah bald darauf, sich wendend, Magda den Weg unter den Linden herbeieilen, ein Zeitungsblatt in der Hand, heftig atmend und mit schreckerfüllten Augen.

„Du weißt noch nichts?“ fragte sie atemlos. „Das Schiff —“

„Was für ein Schiff?“

„Mit Esther! Es ist untergegangen.“

Renate schrie: „Magda!“ ließ die Schere fallen, preßte die Blumen an sich, griff nach der Zeitung und las unter strömenden Tränen entsetzliche Dinge von einem Eisberg, bei Nacht, und Hunderten von Toten.

„Vielleicht ist sie doch gerettet“, weinte sie. Der Wind riß an dem großen Zeitungsblatt, sie kämpfte, um es zusammenzulegen, packte dann ihr Blumenbündel hinein und suchte nach ihrem Taschentuch im Gürtel. Da sah sie es nicht weit von ihr auf dem Wege liegen und eilte daraufzu, damit es nicht wegfliege.

„Weiß Sigurd es denn?“ rief sie Magda zu, die mit zusammengelegten Händen dastand. Die fuhr aus ihrer Versunkenheit auf, sagte, ja, sie sei ja gekommen, um mit Sigurd zu telephonieren, und eilte eifrig an Renate vorüber nach dem Hause.

Mit ihrem großen, bunten Blumenbündel im Arm, heftig weinend und an Nase und Augen wischend, schwankte Renate den Weg zurück, über den Rasen und bis zur Sonnenuhr, blickte lange darauf, als wollte sie die Zeit enträtseln, und legte dann, heftiger aufschluchzend, mit einer wilden Gebärde die Last auf das Zifferblatt; das Zeitungsblatt öffnete sich und flatterte. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen das Postament, wurde langsam ruhiger, blickte wartend in die Veranda. Schritte wurden hörbar, Sigurds lange Gestalt erschien, er kam herunter, rote Flecken im Gesicht, die Augen geschwollen. Er blieb dicht vor ihr stehn und ließ den Kopf hängen.

„Ja, hier ist es immer schön“, sagte er nach einer Weile, umhersehend.

„Sigurd,“ bat sie leise, „ich —, ist es denn — ist es — ist es denn gewiß?“

Er zuckte die Achseln.

„Für mich ist sie tot“, sagte er nach einer Weile abweisend.

Renate wußte nichts zu sagen, legte ihm nach einer Weile eine Hand auf die Schulter, in der sie ihr kleines Taschentuch zusammengedrückt hatte. Sigurd, den Kopf senkend, blickte darauf und sagte: „Ganz naß ...“

Seine Lippen zuckten, er begann: „Esther —“ Dann: „Was war sie nur? Ja, was hat sie euch viel bedeutet! Ein kleines Gartenland, — ausgerauft.“ Er stockte. „Esther, mein Gott!“ sagte er, faltete die Hände, blickte irr und schrie auf einmal: „Ich dachte, sie wäre hier! Ich dachte, sie wäre hier, und nun ist sie ja nicht da!“

Über den Stufen der Veranda erschien Magda in ihrem mattblauen Kleid und blieb da stehn, an einer Weinranke zupfend. Sigurd wand sich verzweifelter.

„Helfen Sie mir doch,“ sagte er, „wie soll ich denn das verstehn, daß sie auf einmal tausend Meter tief im Wasser liegt, und die Fische schwimmen drüber weg, und man kann sie nicht heraufholen. O ich Mensch! o ich Mensch!“ stöhnte er, die Finger in den Haaren, „daß ich sie habe allein fahren lassen! Aus Trotz ließ ich sie weg und hetzte diesen Prinzen, diesen Literaten, diesen Hanswurst —“

Magda blickte langsam nach ihm hin; Renate sagte leise: „Sigurd! Wir können uns doch beherrschen.“

Er hielt mitten in seiner Wutgebärde inne, blickte sie erstaunt an, schien ihr Gesicht zu erkennen und stürzte zu ihren Füßen hin, laut schluchzend, röchelnd und sich schüttelnd. Das Gesicht auf ihren Schuhn, umschlang er ihre Knie und riß daran, — Renate schwankte und griff nach dem Zeiger der Sonnenuhr hinter sich, um sich daran zu halten. „O, ich liebe dich doch,“ jammerte er laut, „ich liebe dich, und nun ist alles aus!“

O das war schrecklich. Da er wieder ruhiger wurde, gelang es Renate, seinen Kopf zu fassen, zu heben und an ihre Knie zu drücken. Da stand er schwerfällig auf, zog sein Taschentuch und brachte Gesicht und Haar in Ordnung.

„Eins zieht das andre nach sich“, sagte er trocken. „Daß man sich in Sie verliebt, ist freilich natürlich. Ich wußte ja, wenn sie den Prinzen näher kennen lernte, so konnte sie nicht widerstehn, niemals konnte sie’s. Dann ging alles seinen Gang. Eines Tages war die heillose Verwirrung da, und sie wußte nicht mehr, wohin sie sollte, nach Amerika, zum Prinzen, oder zu mir. Da dachte ich, wir müßten es probieren, und wenn wirklich ich die Hauptperson in ihrem Leben war, so würde sie sich ja auch aus Amerika zurückfinden. Nein, Gott, nein, wie hätte ich allein bleiben können! Mein Dasein hatte seinen Glanz und seine Freude doch bloß von ihr, und ohne das ist man doch in einer steinernen Öde und friert. Aber da hatte ich mich ja selbst von ihr abgewandt und zu Ihnen. Nun, freilich, was das schon hieß, aber mein Gefühl, ja, mein Gefühl war doch dadurch schwächer geworden gegen sie, und dafür bin ich nun gestraft. Ihm aber, bei Gott, Renate, ihm aber werde ichs einmal heimzahlen, daß er sie zu sich herüberbog so weit und dann wieder fahren ließ, dieser Bastard von einem Literaten! Konfus hat er sie gemacht,“ schrie er aufgebracht, „und da zeigte der Tod ihr einen Mittelweg, und sie folgte natürlich wie immer. Meinen Sie denn etwa,“ fragte er mit zornigen Augen, „ich wüßte nicht, wie sie gestorben ist! Meinen Sie, ich hätte —, ja, glauben Sie etwa, Jason wäre auch ertrunken?“

Da er einen Augenblick schwieg, um Atem zu schöpfen, murmelte Renate: „Der gute Jason ...“ Auch sie konnte sich nicht denken, daß er tot sei.

„O Gott,“ stöhnte er nun wieder vor sich hin, „ich seh ihn ja immer und immer herumlaufen, über alle Verdecke, durchs ganze Schiff, oben, unten, in alle dümmsten Winkel spähn, und die Angst ... Und ich bin mit ihm herumgerast und hab geschrien: Esther! Esther! Esther! — Aber sie“, schloß er leise und verwirrt, „lag wohl schon lange unten und war auch — wohl ganz froh ...“

Nach diesen Worten drehte er sich langsam und vergrämt um und ging fort, die Stufen empor, wo Magda einen Arm um ihn legte und mit ihm weiterging. Sie waren verschwunden, aber nach einer Weile erschien er wieder allein, blieb über den Stufen stehn, hob die Hand winkend und rief: „Machen Sie sich keine Sorge um mich!“

Renate lief auf ihn zu, wollte ihn fragen, was er denn vorhabe, da kam er herunter zu ihr und erklärte ihr ruhig und zurückhaltend, er könne natürlich nicht hier bleiben, wo an jeder Straßenecke und in jedem Zimmerwinkel Esthers Schatten stünde, sondern ginge nach Berlin, wo er noch gerade rechtzeitig zur Immatrikulation kommen würde.

„Geld,“ sagte er, „habe ich ja nun mehr als früher. Dann, wenn ich die Examina gemacht habe, — das muß schnell gehn, höchstens in einem Jahr geh ich nach Rußland zurück. Da können sie mich vielleicht brauchen. Jedenfalls bewegt sich das Leben dort in den Kreisen, die mir nahe sind, so, daß ich hineinpacken kann; ich muß mich ja nun wohl an das Allerreellste halten, was man so ‚Taten‘ nennt, und — und vielleicht kann man die Dinge doch fühlen; ich will versuchen, sie wieder anzuwärmen; der Tod pflegt ja alles erst mal kalt zu machen. Sie werden wohl zuweilen an den letzten Mohikaner denken.“

Renate nickte nur und sah ihm liebevoll in die Augen; er ergriff ihre Hand, küßte sie ungeschickt, ging ruhig und kehrte nicht zurück.

Renate, noch hinter ihm her sehend, erinnerte sich, daß Josef der letzte war, der ihr die Hand geküßt hatte. Dem einen war alles genommen, der andre wollte nichts mehr haben. Sie sah über das Dach des Hauses hinauf, wo die kleinen grauen Steinfiguren sich vor dem leichten Gewebe von Wolkenweiß und Himmelsblau zu bewegen schienen; die Sonne brach kräftiger hervor. Seltsam war mit dem Ende von Sigurds heftigem Ausbruch auch der Wind stiller geworden; es wehte nur leise durch den Garten hin. Sie zog die silberne Schnur, deren Knoten sich gelockert hatte, fester zusammen, nahm ein zusammengerolltes Blatt von ihrem Kleid, glättete die grüne Seide, in der schwarze Linien von oben nach dem Saum hin liefen, und sah die Blumen auf ihrer Zeitung auf dem Postament liegen; der Wind zauste darin wie ein Kakadu; einige lagen am Boden. Die sammelte sie gedankenlos auf und legte sie zu den andern. Ja, nun mußte sie wohl zu Saint-Georges —, nein, es war ja Sonntag. Sie dachte an ihre Orgel, irgend etwas aber trieb sie, den Weg, den sie vorhin gekommen, zurückzugehn. Vor einem Trupp halb welker Sonnenblumen stand eine sehr hohe mit nicht sehr großem Antlitz, das sich mit einem geringen Ausdruck von Ernst und Hoffart herabneigte. „Wie stolz du bist, Schwester Sonnenblume,“ sagte sie, „laß dich küssen.“ Sie bog das gelb und schwarze Sonnengesicht zu sich hinunter, küßte es leicht in die Mitte, knickte den Stiel dicht unterm Kopf ab, hielt einen Augenblick die weiche Blätterschale in den Händen, hängte sie dann vorn in den spitzen Ausschnitt ihres Kleides. Dann ging sie weiter, langsam an einer Linde nach der andern vorüber, die den Weg mit welken Blättern bestreuten, blieb endlich am letzten Stamm stehn, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, den Blick durch die fast entlaubten Wipfel emporgerichtet. Ununterbrochen trieb und flatterte es von oben durch das Licht. Sie spürte, in Gedanken verloren, wie ihr Kleid unten zuweilen seine Falten regte, sich bauschte und wieder hinsank.

Saint-Georges kam die Allee herunter und blieb bei ihr stehn; sie sah ihn durch den dünnen Schleier an, den eine vom Wind gelockerte Haarsträhne über ihre linke Wange breitete, und las in seinen ernsten Augen, daß er alles wußte. Er sagte nichts weiter als seinen Gruß; nach einer Weile begann sie leise:

„Ach, Georges, hören Sie die Glocken?“

Lauschend vernahmen sie Beide das ferne, dunkle Getöse, das in der hohen Weite gegen den Wind ankämpfend umher wanderte und nach Gläubigen hinunter rief.

„Eben war mir,“ fuhr sie fort, „als hätte ich schon ein Jahr hier gestanden und die rufenden Glocken im Winde gehört. Alles war mir so fern, — daß Josef ging, und der Zorn des Erasmus, und Sigurds Schmerz und Empörung. Hier bleibt es immer still.“

Ihr fielen bei diesen Worten Sigurds ganz ähnliche ein, die er beim Kommen gesagt hatte, allein sie vermochte nicht zu begreifen, wie das zusammenhing. „Entblätterte Linden,“ sagte sie wie zu sich selbst, „entblätterte Linden ... Am Boden wirbeln gelbe Blätter ruhlos, — wer weiß, wer weiß, wohin einst wir verschwinden!“

Getrieben vom Verlangen, ihre eigne Stimme zu hören, um die Stille und die ferne Stimme Sigurds abzuwehren, sprach sie weiter: „Sie sind nun bald alle fort. Wissen Sie, daß auch Magda geht? Ihr Lehrer ist an die Berliner Oper gekommen, sie will ihn nicht aufgeben, ein Wechsel wäre ja auch ungesund für die Stimme. Bogner ist irgendwohin; Ulrika ist mit ihrer Mutter nach Süden; wo ist Jason? Jason ist verschwunden. Sigurd geht, Georg ist fort, und Esther ... Ach, mir gellt immer noch das Todesgeschrei all der Menschen in den Ohren, das ich hörte, als Sigurd: Esther! schrie. — Ich bin geblieben, — wie kommt das? Was wird aus ihnen, dort, wo ich sie nicht mehr kenne? was wird aus mir?“ Sie faltete die Hände und sah ihn ängstlich an.

Saint-Georges’ ruhige, lichte Augen umfaßten ihre Gestalt, berührten die Sonnenblume, sie hörte ihn sagen: „Ich sah Ihre Blumen auf der Sonnenuhr liegen, — hatten Sie die schöne Last in die Zeit fortgelegt? Da dachte ich, daß —“ er sprach sehr langsam — „daß Ihnen nichts geschehen wird, solange Sie in diesem Hause sind. Hier können Sie leben und sterben unwandelbar; verlassen Sie es nie.“

„Josef“, entgegnete sie nachdenklich, „muß vor langer Zeit einmal etwas gesagt haben, worin das Gegenteil von Ihren Worten stand.“

Er lächelte nun abwehrend, berührte mit einer Hand leicht die Sonnenblume und sagte nach einer Weile versonnen: „Wissen Sie, woher das Wort Heiland kommt?“

Renate meinte, es bedeute doch wohl heilend. Ja, das lege man dem Wort wohl jetzt unter, versetzte er, „aber,“ fuhr er aufblickend fort, „die Sonnenblume heißt griechisch Helianthos, und daraus wurde Helianth, Heliand, wie es noch im Frühmittelalter hieß, dann Heiland.“

Renate schauderte leise unter einem unkenntlichen Gefühl und hörte ihn weiter sprechen:

„Carossa sagt: ‚Wenn uns gegeben wäre, immerfort ein Wesen zu schauen und zu denken, so würden wir uns langsam in dasselbe verwandeln.‘ So glaubten Heilige, und so verbürgt es die Form der Sonnenblume.“

„Und wissen Sie,“ fuhr er fort, „wer dasselbe geglaubt hat, und wessen Antlitz es uns verbürgt?“

Sie lächelte und sagte glücklich: „Ech-en-Aton.“

Und, kaum wissend, was sie tat, griff sie nach der Blume, löste sie vom Kleide und reichte sie ihm, ließ aber ihre Hand noch am Stiel, den er faßte. Den Kopf hielt sie tief gesenkt, und, in blinde Wonne versinkend, sah sie mit unbeschreiblichem Staunen eine kleine Gestalt in weißem Gewande vor sich stehn, den König, der an ihr vorüber sah mit dem fortschwebenden Blick, den er immer hatte, und sie reichte ihm die Blume, demütig, die er nicht sah. — —

Plötzlich schrak sie leise schaudernd auf, blickte auf die Blume und rief: „Aber —, sie ist ja schwarz, die Blume, mit goldenem Rand, umgekehrt wie die Sonne.“

Nun standen sie Beide, die Blume zwischen sich haltend, und Saint-Georges schien nicht minder betroffen als sie.

„Ja,“ sagte er endlich, „so weit ist sie gekommen, diese große, eifrige Blume. Da sie keine Augen hat wie wir, so ist es wahrscheinlich, daß sie die Sonne als scharfe Lichtscheibe wahrnimmt, und herum ist es schwarz; davon ward sie das Negativ, und so auch wir: Denn der Gott ist das gewaltige Strahlen in der Finsternis; wir aber, finster von Leiden, wir können einmal strahlen, — schön, Renate.“

Langsam ließ sie ihren Blick aus seinen Augen gleiten, ließ auch die Blume los, nickte, sich fassend, und ging an ihm vorüber den Weg hinab.

Saint-Georges sah: Es flatterte und rieselte gelb und grünlich über ihre große, grüne Gestalt; das Kleid wehte nach links in schwerem, gebogenem Bausch, vom Hacken bis zur Hüfte zeigte sich in Festigkeit die Linie des rechten Beines, das sich gegen den Stoff preßte, seltsam lebendig, geheimnisvoll anzusehn, als wäre es der Leib der Dryade, an den Stamm, ins Gezweige geschmiegt. Etwas vorgeneigt ging sie, langsam Fuß vor Fuß, ihr Haar wehte, ein bräunlicher Schleier, die Arme hatten ab und an eine leichte, anmutsvolle Bewegung. Da blieb sie stehn, wandte sich, hob mit sanfter Gebärde das Haar aus der Stirn, so daß es wie ein Winken schien, und Saint-Georges folgte ihr nach.

Siebentes Kapitel: November

Renate an Saint-Georges

Flor am Rhein, 9. Nov.

Mein Lieber!

So bin ich doch vom Fenster fort zum Papier geflüchtet. Es ist offen — mein kleines Zimmer liegt im Oberstock des Lehrerhauses —, und lange saß ich davor über dem langsam verdämmernden Garten. Der Tag, den ich ins matte Braun und Grün der Baumwipfel versickern sah, war wolkenverhangen und warm; und wenig anders im Herzen, empfand ich wieder das wolkenverhangene weite Land, durch das ich bis zum Nachmittag gereist war, den achtlos hinjagenden Himmel von grauer und weißer Gestaltlosigkeit und die Einsamkeit alles kleinen Lebens an seinem Grunde, ähnlich dem im dunklen Wasser abgeschlossenen, langsamen mit sich selber Beschäftigtsein von Schnecken, Käfern, Pflanzen, das man am Grunde von Teichen beobachten kann. Und so, wenn ich mich einsam empfand, empfand ich mich doch nicht allein einsam, sondern innerhalb der einen großen Verlassenheit unter dem Himmel, von der ich wußte, daß sie heilbar sei. Mein Auge derweil hielt dem mählichen Dunkelwerden stand, worin sich hier und dort die Gegenwart eines geheimnisvollen Wesens verriet — an dem Blätterwerk eines kleinen Strauches in der Tiefe, am schon entblätterten Ast einer Kastanie, an Blumen ganz unten, die schon nicht mehr zu erkennen waren, und die alle von Zeit zu Zeit sich bewegten, ganz lautlos, so als habe etwas sie verlassen, und sie verneigten sich und murmelten unhörbare Abschiedsworte. Da wars beruhigend, sich ein stilles und unsichtbares Geistwesen zu denken, das hier beschäftigt war, Zuspruch und Beruhigung auszuteilen vor Nacht.

Aber dann kam das Dunkel, und die Einsamkeit überlief mich. Mir schien, ich bin meinem lieben Freund doch eine Erklärung schuldig, warum ich ihm mitten aus der Arbeit fort und hierher in die Heimat gelaufen bin, aber leider — das muß ein bißchen Geheimnis bleiben. Daß man es aus einer rechten Verwirrung heraus getan hat, wird er ja verständig geahnt haben. Sagen aber läßt sich, was man hier suchte — und auch fand —, und um so lieber, weil ich mich erinnere, daß Sie schon mehr als einmal nach meinem Papa gefragt haben und ich damals noch nicht erzählen konnte, will ich es heute tun und nun gleich damit anfangen ohne weitere Vorrede.

Einmal fragten Sie, ob es kein Bild von ihm gebe, und ich sagte: Nur in meinem Herzen. — Photographien mochte er nicht leiden, und an Malern fehlte es wohl. Aber er ist nicht schwer zu beschreiben. Ein kaum mehr als mittelgroßer, etwas gebeugter Mann, an dem Ihnen zuerst seine Nase aufgefallen wäre, die nicht eben schön war und etwa so krumm und mißgestalt wie die von Allmers. Sein Haar, ursprünglich von rötlichem Blond, begann früh weiß zu werden und auszufallen, und ich sehe ihn nun immer so weiß wie in den letzten zehn Jahren seines Lebens. Nur fünfzig ist er alt geworden. Seine Stirn war an Reinheit und edler Wölbe das Schönste, was ich mir vorstellen konnte als Kind. An seinen Augen wuchs ich auf. Sein Geist war feurig, er erregte sich leicht, und dann waren sie blaue Flammen. Wie der Sommerhimmel, wenn ich ihn in die weiße Obstblüte glühen sah, so waren sie und ihr Blick nur schwer zu ertragen. Durchdringend war er, fast durchbohrend, eine unbeschreibliche Mischung von Güte und Strenge. Was aber Strenge schien, das kam allein aus der starken Wahrhaftigkeit seines Willens und Geistes, und sein Herz machte es milde, wie die Strenge des Marmors mild wird in der Seele des Bildes. Sehen Sie, Georges, er liebte die Welt, und er und ich, wir liebten uns so, daß wir uns nie verließen, und was mich betrifft, ich bin krank geworden, wenn ich mehr als eine Stunde Weges von ihm getrennt war. Ich konnte nicht atmen mehr, und das war wirklich. Meine Mutter habe ich nicht gekannt und sie doch niemals vermißt. Er war mein Lehrer; in eine Schule bin ich nie gegangen, auch mit Kindern habe ich selten gespielt, aber ach die unendlichen Spiele mit ihm! Wie wurde da alles lebendig unter seiner Hand, und er bevölkerte meine kleine Welt mit unzählbaren süßen Seelen. Er hatte so viele Gewalt, er konnte Krankheiten heilen durch Handauflegen. Gewiß — nicht Lungenschwindsucht und dergleichen — Sie verstehn. Mir fällt ein: Als Magda krank war, sagte ich es zu Jason, der trübsinnig an ihrem Bett saß, und er sagte in seiner furchtbaren Zerstreutheit: Freilich, freilich, ich kann es ja auch! Es sei gar nicht so schwer, meinte er, man müsse die Geister beschwören. — Die Geister, Jason? — Nun, sagt er, oder die Nerven, ich habe keine Vorliebe für das Wort. Das sei auch so eine Erfindung wie die mit dem Telephon; ein jeder brauchts, aber keiner weiß, wie es zugeht.

Wie aber kann ich Ihnen begreiflich machen, was er lehrte? Er flößte mir sein Wesen ein. An jedem Tage, in jedem Augenblick gab er mir seine strahlende Liebe zu erkennen, und daß sie ein Licht war im größern Licht. Er lehrte nicht Gott. Bedenken Sie, daß ich sieben und acht Jahre alt wurde, ohne das Wort Gott zu hören, und daß ich noch älter geworden bin, ohne mehr und andres davon zu wissen, als daß es der Name aller Völker für ein Wesen sei, das ich lange kannte, also daß es einen Gott der Juden gab, der Griechen oder der Christen. Sehen Sie, Georges, er wollte, daß mir das Wort ganz heilig sei, daß ich mir nicht angewöhnte, es diesem und jenem beizulegen, oder es im Munde zu führen. Er wollte, daß ich es selber erzeugen sollte aus meinem tiefsten Gefühl, und so ist es gekommen. Als ich fünfzehn Jahre alt war, mußte er eine Reise machen und ließ mich zurück, weil ich einmal zu erfahren hatte, wie es ohne ihn sei. Es waren zwei grausige Tage. Ich lag krank am zweiten an Leib und Seele, mir war zum Ersticken in meiner Not, am Abend konnte ich nicht mehr liegen, konnte auch kaum gehen, und halb auf dem Weg ihm entgegen, fiel ich um und lag an einer Hecke, als er kam. Da schrie, da weinte ich: Gott! — unwissend, ob ich den Vater meinte, der wiederkam, oder das väterliche Wesen, das ihn mir wieder gab.

Aber nein, so geht es nicht weiter, ich sehe, man muß sein Leben erst kennen, um verstehen zu können, was er lehrte, denn auch Christus war ihm Gottes Sohn nicht anders, als wir alle seine Kinder sind. Wo fang ich an?

Flor ist nur ein kleines Dorf, abseits vom Rhein, aber die Kirche, die für das ganze Kirchspiel erbaut ist, ist ziemlich groß und sehr hübsch, ein einfaches und leichtes Barock, graue Pfeiler und Bogen und Kanten, dazwischen die Flächen von neuer, schön gelber Tünche. Der Turm ist zierlich, mit einem Kranz kleiner Säulen unter dem Helm, durch die man die Glocken sehen kann, die ein und aus fliegenden Schwalben und den Himmel. Im selben Stil war unser Haus gebaut, das nun nicht mehr steht. Wenige Tage nach seinem Tode schon brannte es ab mit allem, was darin war, in einer Nacht. Damals war manches geheimnisvoll, und auch dies. Das ist nun zwei Jahre her. Die Menschen im Dorf, in der ganzen Gegend haben ihn sehr geliebt. Sie haben nur den Schutt fortgeräumt, einen Rasenhügel aufgeworfen und ihn darunter begraben, denn sein Grab war noch kaum geschlossen. Auf den Hügel haben sie eine alte steinerne Sonnenuhr gestellt, von der er selber einmal gesagt hatte, daß er unter ihr liegen möchte. Unter ihrem Spruch: Demit una, dat altera war Platz für seinen Namen. — Übrigens waren die zwei ersten Lettern der Schrift immer ausgelöscht, und Papa sagte, man könnte also das Wort sowohl als Demit ergänzen wie als Sumit, je nachdem, wie man den Spruch wünsche: die eine Stunde nimmt fort, die andere giebt wieder, oder: die eine empfängt, und die andre giebt hin. —

Dort stand ich nun heut, und im Anfang war es doch schmerzlich, so im Leeren zu stehn. Von der Haustür, an deren Stelle ich mich versetzen konnte, führt eine Allee kleiner Kuppellinden auf die Gittertür des Friedhofes zu; zwischen ihren Stämmen sind mannshohe dichte Hecken, so hoch, daß die Baumkuppeln nahe darüber schweben, im Sommer ein ganz grüner Gang, ganz voll Schatten, Sonnensprenkeln und Lindenduft und tönend vom Summen der Bienen. An jedem Abend gingen wir lange darin auf und nieder. Das Land umher müssen Sie sich vorstellen wie einen einzigen Obstgarten. Nur nach dem Rheine zu sind es Rebengärten, etwas kahl, und der glatte Strom, der sich biegt, scheint öde zwischen den grünen Uferhängen. Aber ich war dort geboren, und er war mir vertraut und sehr lieb.

Ach, Georges, aber das ist auch kein Anfang geworden, und meine tickende kleine Uhr sagt, es ist schon zwölf. Nun, ich bin gar nicht müde und will nun ganz von vorn anfangen und bei meinem Großvater.

Papa sprach selten von ihm, aber Onkel Augustin sagte, er sei unwidersprechlich der härteste Mensch gewesen, den man sich einbilden könne. Stellen Sie sich Onkel Augustin vor, seine Gestalt und Gesicht, ein bißchen kleiner, aber in den rosigen und ewig freundlich scheinenden Zügen eine nicht zu beschreibende Verhärtung. Seine Mutter ist eine Wuppertalerin gewesen, und er sah recht aus wie so ein alter Wuppertaler Fabrikmensch, glatt, freundlich, geistlich und hart. Diese Härte ist aber so innerlich gewesen, daß sie sich niemals unmittelbar äußerte. Gegen alle Menschen, auch die er quälte und zugrunde richtete, war er höflich und scheinbar herzlich; in Gesellschaft verstand er zu plaudern wie ein Franzose, aber sein Witz soll Tränen in die Augen gebissen haben. Er war so, daß er zum Beispiel sagte, er pflege zum Aufschneiden der Bücher, die er lese, ein silbernes Obstmesser zu benützen; davon bekämen selbst die trockensten eine Erinnerung an Früchte.

Onkel Augustin ist ganz in seiner Gewalt gewesen — das waren Kinder auch damals noch mehr als heut —, aber mit meinem Papa traf er es schlecht, der war unbändig. Er war kein gutes Kind, war über die Maßen hitzig, kannte im Zorn keine Ehrfurcht noch andere Grenzen und hatte — ja, er litt unter einem unbezähmbaren Zwang, seinen Gelüsten zu folgen. Zwischen seinem Vater und ihm kam es, als er kaum laufen und sprechen konnte, zu solcher Feindschaft, daß es ihn, Papa, wie er mir erzählt hat, noch als er schon lange erwachsen war, schüttelte in der Erinnerung an manche Szene, und er hatte die qualvollsten Träume. Man muß freilich wissen, daß Vaters Wesen damals, als er Kind war, nicht sein wirkliches war, und die Feindschaft kam aus einer höllischen Gegensätzlichkeit ihres Wesens. Der eine war eben warm, der andre ganz kalt.

Kalt, ja, und hat doch seine Zeit einer Wärme gehabt. — Papas Mutter war ein sanftes, ganz weiches Wesen. An ihr hätte, so sagte Papa, ein Engel nichts auszusetzen gefunden, und sein Vater hatte keine Gelegenheit, seine Härte gegen sie anzuwenden. Zärtlichkeit kannte er zwar nicht, aber — sie war katholisch, und um sie heiraten zu können, ist er es geworden.

Als Papa sieben oder acht Jahre alt war, gab Großvater den Kampf mit ihm auf und steckte ihn in eine von Jesuiten geleitete Erziehungsanstalt. Sie wären, meinte Papa, seinem Vater alle ähnlich gewesen in der äußeren Höflichkeit und Glätte des Betragens und der inneren Verhärtung, und es waren für ihn furchtbare Jahre. Nicht ohne sein Verschulden, gewiß, er verübte tausend Tollheiten, er bemühte sich, ihnen entsetzlich und unerträglich zu werden, als er sah, daß Davonlaufen nichts half, da er stets eingefangen wurde, und wie er es anstellte, ihnen schrecklich zu werden, können Sie sich denken. Er höhnte und lästerte die Religion, er verdarb seine Mitschüler, er kämpfte einen jahrelangen Berserkerkampf gegen das Göttliche, die heiligen Einrichtungen und Symbole bis zu den schmählichsten und ausgesuchten Lästerungen. Dies war in ihm wie ein wüstes Feuer, und er war klug und erfinderisch, und als er im Unterricht auch die heidnische Götterwelt kennen gelernt hatte, stellte er sich als Heide, behauptete, das Blut oder die Seele irgendeines Griechen oder Römers in sich zu spüren, und statt zur Mutter Gottes oder einem Heiligen zu beten, sprach er mit lauter Stimme Anrufungen an Isis oder Dionysos. Denen errichtete er insgeheim Altäre in der Absicht, daß sie entdeckt würden, feierte mit selbsterfundenen oder gar den kirchlichen Riten ihre Kulte, ja, und dann endete es, glaub ich, damit, daß er eine Katze umbrachte, um sie dem Poseidon oder Ares Opfer darzubringen. Da haben denn auch die frommen Väter den Kampf aufgegeben und ihn heimgeschickt. Drei Tage später saß er im Kadettenkorps.

Das war wenige Jahre vor dem Krieg 1864, den er als Junker mitgemacht hat. Im Korps tat er zwar kaum besser als bei den Vätern Jesuiten, aber jenes schwarze Feuer der Gottlosigkeit fand dort keinen Stoff, um zu brennen, und alt genug war er auch geworden, um einzusehen, daß er den Erwachsenen ausgeliefert war, und daß er nichts Klügeres tun konnte, als sich zu beeilen, gleichfalls erwachsen zu werden; so nahm er sich mit seinen Tollheiten, nächtlichen Gelagen und Kartenspielen und was es nun war, einigermaßen in acht. Obschon er nicht aufhörte, alles Religiöse, vor allem die frommen oder frömmelnden Äußerungen der Mitschüler zu verspotten, sagte er mir, daß mit dem Abfallen jenes schaurigen Zwanges der Gotteslästerung eine wahrhafte Erleichterung über ihn gekommen sei.

Trotz allem diesem hat er nicht so wenig gearbeitet und gelernt, nur eben aus Trotzigkeit nicht im Unterricht; für sich allein aber trieb er beispielsweise Italienisch und Spanisch. Wenn aber in der Klasse Thukydides gelesen wurde oder Cicero, so las er im Gegenteil Pindar und den verbotenen Catull oder die Begebenheiten des Enkolp — ach, er war schrecklich!

Das Schlimmste daran, jedenfalls für ihn, war, daß er sich zwar weder kannte, noch anders konnte, daß es aber im Grunde eine unaufhörliche Qual gewesen; daß ihm immer bewußt gewesen ist, falsch zu handeln, zu denken, zu fühlen, so als sei er einmal vergiftet worden und müßte Gift ausschwitzen bei jeder Erregung. Onkel Augustin hat mir erzählt, als wir über dies alles sprachen, daß Papa als ganz kleines Kind beim ersten Sehen seines Vaters in ein heftiges Schreien und Weinen ausgebrochen und noch lange Zeit später seinem Anblick niemals begegnet sei ohne Geschrei, ohne Tränen, dergestalt daß er späterhin — Onkel — sich des Gedankens nicht habe erwehren können von einem schaurigen Spiel der Natur, und daß Papas Dasein von Anfang an auf ein falsches Geleise gesetzt worden sei, von dem frei zu kommen die gefangene törichte Seele kein Mittel gefunden habe. — In der Jesuitenschule hat er einen Freund gehabt, einen sehr alten Mann, der keinen Unterricht mehr erteilte, seine eigenen Wege ging und sich — freilich immer in dem vom Glauben gezogenen Rahmen — mit naturwissenschaftlichen Forschungen beschäftigte, auch mit Sternkunde und Astrologie. Der habe, erzählte Papa, ihm wie jedem neuen Schüler das Horoskop gestellt, und was er erfuhr — er verriet es nicht —, muß ihn bewogen haben, den Knaben in seine Nähe zu ziehen. Nun war sein Äußeres so ehrfurchtgebietend, daß Papa ihm gegenüber sich hat beherrschen müssen. Sicherlich erfuhr der alte Mann — Bruder Jucundus, so hieß er — von den Lehrern der Anstalt alles über den Jungen, was ihm selber verborgen blieb. Er hat aber nie etwas andres getan, als ihm beim Betreten und Verlassen seiner Zelle die Hand auf den Kopf zu legen und in sein Auge einen Blick zu senken, dem der Knabe vergeblich standzuhalten versuchte. Er ließ ihn teilnehmen, auch mit den jungen geschickten Händen helfen bei seinen Untersuchungen mit dem Mikroskop und den chemischen Experimenten, wies ihm an klaren Abenden die großen Himmelskörper im Fernrohr, abgesondert vom Firmament, und ohne eine Erwiderung je zu verlangen, lehrte er ihn nicht nur die Kenntnisse, sondern das Walten der göttlichen Vernunft in alldem, und daß Stern und Tier und Pflanze und Menschenherz nur Äußerungen seien eines ewigen Willens. Seltsam sei es gewesen, sagte Papa, daß er die Stunden mit dem Greis allzeit als schön, als rein, als wundervoll empfand, und daß doch mit dem Augenblick, wo die Tür hinter ihm zufiel, wo noch der unwiderstehliche Abschiedsblick in ihm brannte, die Luft des Flurs, des übrigen Hauses als dumpfe Wolke sich über ihn gesenkt habe. Im Augenblick habe er vergessen müssen, krampfhaft und doppelt gereizt zum alten Treiben.

Beim Verlassen der Anstalt hat Pater Jucundus ihm dann ein einziges Wort gesagt. Er sagte: Ich weiß alles von dir, mein Sohn, habe es immer gewußt, und Damaskus ist nun nicht mehr fern. Gehe mit Frieden! — Dies, und mehr noch der gütevolle, ja vertrauensvolle Ausdruck, mit dem es gesagt wurde, hat Papa noch lange bewegt, ehe er es vergaß.

Es vergingen aber seit seinem Abschied von dort noch vier Jahre. Dann, wie ich schon sagte, machte er den Feldzug gegen Dänemark mit, und da traf er sein Schicksal.

Lieber Georges, nun ists aus, und ich kann nicht mehr. Halb drei ist, mein Licht ganz heruntergebrannt, ich bin todmüde, so schön die Nacht eben ist. Aus der Tiefe des Gartens steigt so ein feines Duften, das Schlafende atmet stärker, auch reiner als am Tag, und immer wieder hör ich ein ganz leises Knistern — Regentropfen auf Zweigen —, und da fühl ich so schön: die Natur schläft und trinkt zugleich wie ein ganz kleines Kind. Die gute Natur! Sie ist geduldig und voll, und wir sind schlaflos und rastlos und verstehen uns nicht in ihrer Fülle.

Am 10. (vormittags)

Gestern kam ich vor Schläfrigkeit nicht mehr dazu, Ihnen zu sagen, daß ich den ganzen Tag noch hierbleiben muß. Der Lehrer hat nicht reinen Mund gehalten über mein Hiersein, nun weiß es die ganze Gegend, und alle wollen mich sehn. Aber es gießt vom Himmel in Strömen, ich kann nicht aus dem Haus, und keiner kann zu mir. Da sitzt sichs schön in der Verschleierung und Regenkühle dicht am offenen Fenster, mitunter spritzt was herein, also was da Flecken sind in der Schrift, das ist aus den Augen des Himmels gefallen und nicht aus meinen.

Und nun gehts weiter.

Sie wissen von dem Übergang der preußischen Truppen über den Sund und der Erstürmung der Insel Alsen am 29. Juni. Er war dabei, in großen Kähnen setzten sie über, und als der Morgen graute, wagten sie die Landung.

So hat er mirs zwanzig- und hundertmal beschrieben. Die lange Nachtfahrt, lautlos, ohne Licht, mit umwickelten Rudern, dann das schaurige Ergrauen der Welt im Osten, das Schwinden der Sterne im kalten Nachtraum. Ihm war schon schauerlich um das Herz; obwohl er seine Erregung nur für Abenteuerlust hielt, schien es ihm mehr, als führen sie alle zu einem Fest der Sonne über das dunkel Unsichtbare, dessen Dasein seltsam plätscherte an den tastenden Rudern, als zum Sterben und Töten. Als einer der Ersten sprang er dann in das flache Wasser. Es ward bereits hell; die Umrisse der Insel erschienen deutlich im Morgengrau, und das Letzte, was mein Vater sah, war am bleichen Osthimmel der eisige Morgenstern und seine schreckliche Verwandlung. Denn da fiel ein Schuß, er spürte einen allmächtigen Schlag auf die Brust, nein, mitten auf das Herz, und in einem ungeheuren Erdonnern fand er sich angedroht von dem gewaltigen Stern wie vom Auge der Welt.

Ihm schwanden die Sinne; er lag, als er erwachte, am Ufer; und da war er ein anderer Mensch.

Und wie ging es zu, Georges? Er hatte in seinem Besitz eine alte große Münze, die er bei einem seiner ersten Besuche in der Zelle seines alten Freundes an sich genommen und später nicht zurückzugeben gewagt hatte. Die war ihm eigentümlicherweise in die Hand geraten am Tage, wo er seinen Koffer für den Feldzug packte, und in einem unbegreiflichen Gefühl, wie unter einem unwiderstehlichen Zwang hatte er, da ein Loch darin war, eine Schnur durchgezogen und sie um den Hals gehängt auf die nackte Brust. Er zog sie hervor, als er am Ufer der Insel in der Morgensonne lag; ein Geschoß steckte darin, und sie war blutig, da es noch in seine Brust eingedrungen war.

Nicht wahr, Georges, das scheint nicht eben viel, ein glücklicher Zufall, nichts weiter, und ich glaube wohl, man müßte es alles erlebt haben, um es zu begreifen: die nächtliche Fahrt, die Waffen, die morgendliche See und den Feind im Verborgenen, den bleichen gewaltigen Himmel und den Stern und vorher das ganze gequälte Leben: um zu fühlen, daß eine Hand ausfahren kann aus dem Unendlichen, um ihren Finger auf eine Brust zu setzen, während das Auge des Ewigen dich bedroht.

Ja, so war sein Damaskus. Er hat dann den Feldzug noch mitgemacht, ohne freilich mehr an den Feind zu kommen, hat danach sein Abschiedsgesuch geschrieben und ist mit bewilligtem Urlaub ins Riesengebirge gefahren. Er fand dort eine Stelle, wo er in fast völliger Unabhängigkeit von Menschen und in Einsamkeit leben konnte, und dort ist er länger als ein Jahr geblieben, indem er gewann, was er gewinnen sollte: die Einsicht in die vollkommene Ordnung der Welt.

Verstehen Sie, Georges? Die Weisheit Kaiser Mark Aurels, ‚die von Ende zu Ende reicht und stark und sanft alle Dinge ordnet‘. Ganz gewiß, diese wars, die er einsehen lernte, und die ward sein Glaube. Aber welcher Art war diese Einsicht? Sie hat ihn erfüllt wie ein Odem, so war sie überall, und jedes Ding von ihr lebend, sie, die ewige Weisheit, deren Walten die Liebe ist. Aus Neigung und Abneigung der gewaltige Einklang, und daß alles Beseelte beseelt ist vom Streben nach Neigung und nach dem Einklang.

Ich weiß nicht, ob Sie ganz verstehen, oder ob Sie vielleicht fragen, wie mancher fragen wird: Warum, wenn eine Vollkommenheit ist, warum ist sie so, daß ich sie nicht zu sehen bekomme, indem es mir elend geht?

Nun, auf diese Frage hatte er allerlei Antworten, und eine sehr einfache ist mir im Gedächtnis geblieben. Er sagte: Wenn einem Menschen, der niemals ein Bauwerk gesehn hat, ein einzelner Stein gezeigt wird, so wird es ihm auf keine Weise gelingen, sich eine Vorstellung zu machen von der Vollkommenheit des Gebäudes, das sich aus einer Anzahl solcher Steine errichten läßt. Und, die Vernunft des betrachtenden Menschen in jenen Stein übertragen, so wird auch der Stein keine Vorstellung haben können. Darum, wie hoch auch die Vernunft eines Teiles sein kann, so wird er doch niemals eine Vorstellung gewinnen können von der Ordnung des Ganzen, dem er zugeteilt ist, ja das durch ihn besteht. Daß aber der Mensch nur ein Teil ist, kein Ganzes, wie jedes Ding, das braucht nicht bewiesen werden.

Nein, höre ich meinen klugen Freund sagen, denn sonst würde er nicht zeugen, — immerhin aber ein sehr schwerer Glaube für Menschen, und gab es keine Erleichterung?

Freilich wohl, und eine vor allem. Er hatte doch in einem Augenblick seines Lebens diese Vollkommenheit wirklich gesehen. Ja, Georges, er hatte ihren Finger gefühlt leibhaft, mitten im Herzen — das heißt, er hatte Allmacht gefühlt, sie, die ihm dann in seinem einsamen Jahr wieder erschien in anderer, nicht mehr bedrohlicher Gestalt, eben als die Vollkommenheit. Also konnte sie offenbar werden. Und so war dies sein Erkennen und sein Glaube, daß sie beherrscht war von einer süßen Neigung, offenbar zu werden. Liebe, das war die Kraft, die all die Myriaden Teile dieses Ganzen zusammenhält, und so war es ihm durchzogen von einem schimmernden Netzwerk von Offenbarungen. Lassen Sie es mich noch einmal sagen: als er Einsicht gewann in die ewige Weisheit, da ward sie ihm so feurig leibhaftig, so odemvoll lebendig, so schnaubend regsam in ihm und reich an unendlichen Sinnen und Kräften, daß sie sich von einem persönlichen Gotteswesen, wie Andere es für wahr halten, nur durch die Eigenschaften unterschieden haben mag, die eben die Andern ihm beilegen. Sie hatte ja fast Züge, und mir, Georges, mir sah sie schon ganz aus wie mein Vater. Sehen Sie, Freund, Gott ist immer ein und derselbe, und verschieden sind nur die Wege.

Ein wundervolles Gewebe von Offenbarungen, das erfüllte ihm die Welt, und überall konnte dessen Feuer hervorleuchten, aus einer Blume, aus einem Stern, aus Kindesmund, aus der Bibel. Der Einfältigste konnte es empfinden, und der Weise es auslegen. Ja, so stark sei der Wunsch Gottes, offenbar zu werden, daß die Offenbarung nicht wahr zu sein brauche an sich, sondern allein wahr durch den Glauben des Herzens, und Spiritismus und Okkultismus, Bibelauslegung und Zungenreden der Sekten — all das galt ihm so lange für ernst, wie er den Ernst zu sehen glaubte in der Seele des Menschen. Er selbst glaubte fest an die Sterne, und das war der Grund, weshalb ich geboren wurde.

Das ist nun aber mal furchtbar komisch gewesen. Er glaubte an die Sterne, ihren Zusammenhang untereinander und unseren mit ihnen, wie schon sein alter Lehrer, Pater Jucundus, ihn unterwiesen hatte. Und so — nachdem er gründliche Kenntnisse in der Sterndeutekunst erworben hatte — glaubte er auch, daß ein Mensch, zu einer bestimmten Stunde gezeugt, zu einer bestimmten Stunde geboren, gewisse, in den Sternen ausgedrückte und erkennbare Eigenschaften auf die Welt bringen würde. Und nun sehen Sie, Georges: es ist alles eingetroffen, Zeugung und Geburt zu den vorgesetzten Stunden, und gewisse Eigenschaften auch, bloß — er hatte alles berechnet auf einen Sohn, und es kam eine Tochter, nämlich ich.

Papa, als er es mir erzählte, sagte, er sei im Leben nicht so verblüfft gewesen. Er hatte die Möglichkeit, daß es kein Sohn werden könne, überhaupt nicht im entferntesten geahnt und wollte nicht glauben, was er sah. Nachher freilich habe er auch lachen müssen wie nie im Leben. Er sah nun ein, daß die Vorsehung sich zwar erkennen läßt, aber in keiner Weise beeinflussen. Im übrigen stimmte, wie gesagt, die Sternenberechnung durchaus, und auch ich hatte gewisse Eigenschaften bekommen, die jene Stunde der Geburt einem weiblichen Kinde verleihen sollte, und weiter noch hat es sich in meinem Leben gezeigt, daß von drei ‚Schicksalstagen‘, als welche auch in der Sternauslegung eine große Rolle spielen, der erste eingetroffen ist — die andern verriet er mir nicht —, sein Todestag.

Aber davon später; wir verließen ihn ja im Riesengebirge, und ich will weiter erzählen.

Nun wieder nachts

Es ist doch Besuch gekommen, und ich hab abbrechen müssen. Gegen Mittag hat das Wetter sich dann aufgeklärt, ich konnte meine Besuche machen, und um ja zu recht Vielen zu kommen, hab ich einen Wagen anspannen lassen. Das war eine Fahrt! Der Himmel so blau, die Erde dampfte ganz wild in der Sonne, und über das lächelnd Blaue flog immerfort Weißes, als würden lauter Tücher emporgeworfen, immer dahinten, wo man nicht sein kann. Die Obstblüte, dahier das Schönste, ist ja leider zu andrer Jahreszeit, aber dies Grün, o dies nasse, schwere Grün der Bäume und Wiesen, und noch Blumenfarben in den kleinen Gärten und die blitzenden vielen Silberkugeln und die blauen, die sie lustig hineingestellt haben, und in denen man den Himmel sehn kann und alles, mitten zwischen den Blumen. Vor jedem Dorf auf der Landstraße kamen die Kinder mir entgegengelaufen, alle kleinen Hände voll Sträuße, mein Wagen ist so voll geworden, daß sie an den Seiten wieder herausfielen, und aus den Haustüren traten die alten Leute, lachten und weinten — sicher hab ich zwanzigmal Kaffee getrunken, na und Kuchen so viel, daß ich kein’ Atem mehr kriegen konnt, und geredet! Das sind ja dahier rheinische Menschen, nicht so plump wie der Bayer und so derb, auch nicht so verschlossen wie der Bauer im Norden, sondern treu- und offenherzig und redselig, und o fein sind wir und gebildet, und wie war ich froh, daß ich ihr Schwäbisch noch hab verstehen können! Ach, daß sie mich Alle gern mögen, weiß ich ja auch, aber eigentlich hat es alles doch ihm gegolten, und ich bin ja auch sein Geschöpf, und ich hab wohl gesehen, daß ihnen Allen so lustige kleine Spruchbänder vom Mund wegflogen, wie auf den Bildern im Mittelalter; wo aber auf denen jedesmal der Name der Person aufgemalt ist, da hat immer sein Name gestanden —, ach lieber Freund, ganz satt und trunken haben sie mich gemacht mit ihrer Liebe zu ihm!

Und ich muß nun, wenn ich weiter erzählen will, im Gegenteil von Lieblosigkeit reden, aber es wird ein Übergang sein, und halt läßt es sich nicht ändern.

Er hatte, bevor er in seine Einsamkeit ging, dies Vorhaben und seine Notwendigkeit seinem Vater nur schriftlich mitgeteilt und keine Antwort empfangen. Ins Haus zurückkehrend, mußte er von der Dienerschaft erfahren, daß seine Mutter gestorben war, und daß sie den Auftrag hätten, ihn am Eintritt zu verhindern. Er kehrte um, eine Adresse zurücklassend, um die er gebeten wurde. Der Großvater schrieb ihm, daß er nunmehr satt sei der Unbotmäßigkeit. Er möge sehn, was er treibe, ihm jedoch nicht früher vor Augen kommen, als bis er im Besitz eines Berufes sei, der ihn ernähre. Die Unterstützung hierzu könne er alljährlich bei einer Bank beheben. —

Papa hatte nun das Glück, einen wundervollen Aufschwung all seiner Kräfte und Fähigkeiten zu erleben. Die Offenheit der Welt war in ihm, und was in ihn stürzte, war Reichtum der Welt und kostbare Nahrung. In der Einsamkeit hatte er zu der großen ersten Erkenntnis eine zweite, für sein tätiges, sein gleichsam persönliches Leben gültige gewonnen — die seiner Berufung zum Priester. Zum Priester ja, und weniger zum Verkünder, zum Apostel, sosehr er glaubte, damals, im mächtigen Feuer seines Gottesgefühls glaubte, den Schatz einer neuen Religiosität gefunden zu haben. Jedoch hatte er bei aller Leidenschaftlichkeit keinerlei Anlage zum Revolutionär, ja, er verabscheute das Revolutionäre, das Zerstörerische daran und auch die Gewaltsamkeit neuer Formung. Da allezeit kaum der hundertste Teil von dem, was der revolutionäre Geist erstrebt, seine Verwirklichung in der menschlichen Gemeinschaft findet, so schien es ihm ersprießlicher und seinem Wesen gemäß, die Verwirklichung des von ihm Erkannten zu erstreben und versuchen im einfachen Wirken. Bilden, sagte er, im menschlichen Stoff, ist Umbilden; ist, den guten, den brauchbaren Keim zu erkennen und, ihn entfaltend, die alte Form zu durchwirken und umzuschaffen.

So ging er fürs erste daran, die menschlichen Wissenschaften vom Göttlichen sich zu eigen zu machen, indem er zunächst Theologie studierte, später auch Philosophie, Natur- und Sozialwissenschaften. Dazu erwarb er reiche Kenntnis in den lebenden und toten Sprachen, sogar im Sanskrit und der Bilderschrift der Ägypter, überall aus den Quellen selber zu schöpfen geneigt. Erst fünf von den zehn Jahren, die er daran setzte, waren vorüber, als sein Vater die Zahlung der Unterstützung einstellte mit der Begründung, es sei ihm zu Ohren gekommen, daß er mit einer Weibsperson zusammen lebe. Er möge sie aufgeben oder ihn. Papa mußte dies Ansinnen leider abweisen. Durch seine Verheiratung mit jener Weibsperson, meiner Mutter, einige Jahre später, und seinen gleichzeitigen Übertritt zum Protestantismus, zog er sich die väterliche Verfluchung zu. (Seltsam, nicht wahr, daß der Großvater am Sohn nicht anerkennen wollte — ja, vielleicht nicht einmal erkannte —, was er selber im gleichen Alter getan hatte!) Er ließ ihn wissen, daß er fortan nur noch einen Sohn habe, und er hielt dies Wort so, daß er auch die Beziehung zwischen Papas Bruder und ihm gewaltsam verhinderte und ihn nicht rufen ließ, als er starb. Papa hat ihn nur als Leiche wiedergesehen. — Lassen Sie mich aber nun erst von meiner Mutter erzählen.

Nachdem jener Schuß auf Alsen Papa getroffen hatte, lag er noch zwei Tage an der Küste von Schleswig in einer seltsamen Gelähmtheit, die er erst am folgenden Morgen verspürte, fast weniger der Glieder als des Willens, bei dänischen Bauersleuten, die ihn pflegten. Besonders nahm sich ein Mädchen seiner an, noch halb ein Kind, das in jenem Haus aufgewachsen war, aber ihm nicht entstammte. Sie war eine Deutsche und dies alles, was man von ihr wußte. Eines Morgens war das Kind auf dem trocknen Strand in einem Korbe gefunden worden, ohne Zweifel in einem Boot hergebracht. Ein Zettel von männlicher Hand mit der Bitte, sich des Kindes um Gottes willen anzunehmen und es zu taufen, verriet so viel, daß es nicht von bäurischer Herkunft war, was sich denn auch erwies, als es heranwuchs und von übergroßer Zartheit des Leibes ward. Nicht eben schön, von sehr schmächtigem Wuchs und auch schmächtigen, länglichen Zügen, blond und helläugig mit jenen starken Augäpfeln, wie man sie nicht selten sieht bei so zarten und schmächtigen Geschöpfen, so kenne ich sie nach ihrem einzigen Bild. Sie war so still wie ein Licht, und wie das Licht nur Flamme ist, so verzehrte sich in ihr eine goldene Seele von lauter Feuer. Seit dem Augenblick, wo sie meinen Vater erblickte, hing ihre reine Jungfräulichkeit ihm an, und er wurde der Leuchter, der die allzuglühende Flamme noch so lange dem zarten Körper erhielt. Muß ich sagen, daß und wie sehr er sie liebte? Sie wich nicht von ihm. In die Einsamkeit zog sie mit, freilich nur bis zu einem Dorf in der Nähe seines Aufenthalts, von wo sie ihm alltäglich Speisen brachte. Später lebten sie dann ehelich zusammen, merkwürdigerweise lange Jahre, ohne Kinder zu bekommen. Denn auf jenen Einfall der Sternengeburt ist Papa erst viel später gekommen, und obschon sie dann eine Pause eintreten ließen im ehelichen Umgang, bis sich die Stunde erfüllte, schien ihm die anfängliche Kinderlosigkeit grade ein Zeichen, daß alles sich so vollziehn sollte, wie es dann geschah. Aber ach, sie hat mit dieser Geburt ihre Kraft erschöpft! Fast nur noch Seele, glühte sie in grausamer Schnelle nieder, und sie erlosch ganz, anderthalb Jahr nach meiner Geburt, freilich in der inbrünstigen Gewißheit, nunmehr erst zu reiner Flamme aufzublühn in der Vollkommenheit und überall zu sein wie das Licht.

Ich habe, soviel ich vom Vater bekam, doch manches von ihr ererbt. Sie muß eine Norddeutsche gewesen sein, nach ihrem Charakter und allem, was man von ihr weiß, und übertrug so auf mich, was schon von Voreltern her Nördliches im Blut des Geschlechtes war und was mein Vater entbehrte, dessen Ungebärdigkeit und plötzliches Wesen erst in späteren Jahren zur Ruhe kam, zu einer mehr gleichmäßigen Glut sich verdichtete.

Was aber nun ihn angeht und seinen Beruf, so hatte er inzwischen einsehn gelernt, was ich schon sagte: daß Gott der Eine ist, verschieden nur die Wege. Er wollte Neues bringen, einen neuen Weg, aber nicht mit Schrecken und Übermaß, sondern allein durch das Wirken von innen. Er hatte auch die Menschen kennen gelernt und sah, daß sie des Priesters bedurften, die Einfältigen wie die Klugen, des Hülfreichen, Heilenden, so gut wie ihr Körper des Arztes, und dies wollte er sein. Ja, wenn er einen neuen Weg zu finden gemeint hatte, so war er ersichtlich doch neu nur in seinen Augen und uralt in Wirklichkeit, daher es seinem Wesen widerstrebte, als neu auszurufen, was es in Wahrheit nicht war. Längst erkannt hatte er auch Jesus von Nazareth und sein ewig Gültiges, obschon er ihm mehr durch sein Leben als durch sein Sterben jene ‚stark und sanft alle Dinge ordnende Weisheit‘ zu vertreten schien. Und wenn sie ihn nicht gekreuzigt hätten, sagte er, würde er nicht gen Himmel gefahren sein nach solchem Leben? Also kann ich mit Recht den Kreuzestod überschlagen, aus dem sich doch, wenn man die Summe zieht, zwar die Kraft seines Wesens und Glaubens, aber mehr noch die Unvernunft der Menschen ergiebt, und die, sagte er und lachte, ist schon anderweitig bekannt geworden. Er unterließ nicht, auch das Blutzeugnis Christi anzurufen, wenn er an die Kraft der Gläubigkeit im Menschen gemahnen wollte, aber seine Abendmahlspredigten — nun, ich werde sie Ihnen daheim zu lesen geben.

Er hatte ferner erkannt, daß der einfache Mensch der Satzung bedürftig sei und des Dogmas, aber daß es Beruf und Aufgabe eben des Priesters sei, diese auszulegen auf den rechten Gebrauch, damit sie würden, was sie sein sollen: Mittel des Lebens, Hülfen, Ordnungen, nicht aber was die Menschen allzeit aus ihnen gemacht haben: Ketten, Hindernisse und Kerker und Fallen, die sie unaufhörlich einander stellen. Er erkannte endlich, wie schwer es sei, sie zu seiner Einsicht zu führen, die für ihre Augen zu blendend war, und daß sie der lindernden Spiegel bedurften, um den ewigen Strahl zu ertragen, um ihn zu lernen, bevor sie ihn ungeschützten Auges empfingen, — aber auch daß es überall die Wenigen gebe, die der Wahrheit ins Antlitz zu schauen vermögen; daß es seine Aufgabe sei, vor allem diese zu finden, zu bilden, zu einer Gemeinschaft zu gestalten, die weiterhin sich auswirke.

Priester des katholischen Bekenntnisses zu werden, war ihm solchermaßen unmöglich, da er keinen Stellvertreter des Ewigen auf Erden anerkennen konnte. Im Kern der protestantischen Lehre dagegen, dem: so halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde nicht durch des Gesetzes Werk, sondern allein durch den Glauben, fand er den Quell seiner Lehre wieder, die mit der Einsicht in das Wesen der Vollkommenheit beginnt, die eine Religiosität und Lehre freilich sein soll für das Leben und das Handeln, in der aber jegliche Handlung erst möglich wird durch den Glauben. — So ist er Protestant geworden und verknüpfte mit dem Übertritt die äußerliche Form der Ehe mit Mama, die zuvor nur vor Gottes unsichtbarem Altar geschlossen war.

Sehen Sie, lieber Freund, welch schwerer Glaube es war, den er seinem Kinde von Anbeginn lehrte, nur mit dem einen lindernden Spiegel, dem Augenpaar ewiger Liebe unter seiner eigenen Stirn. Denn eines war für den Menschen in dieser Lehre nicht enthalten; eines, dessen mit allen Religionen auch das Luthertum, das er auf der Kanzel vertrat, nicht zu entraten wußte; die eine gewaltige Hülfe Gottes im Leben: das Gebet. Ja, die Wenigen, die er ganz für sich gewann, des Gebets zu entwöhnen, war die schwerste, war ja die eine, eigentliche Aufgabe. Denn sie ist, die Vollkommenheit, ist, und sonst nichts. Erflehen läßt sie sich nicht, sondern allein empfinden, und dies ist die Aufgabe, die sie auferlegt, so ganz von ihr erfüllt zu sein an Seele und Gliedern, sie so aufgesogen zu haben in das Sein, ins Fühlen und Denken und Handeln, daß sich in ihr leben läßt, und daß Leben heißt, sie ausstrahlen. Und davon die Folge? Daß in jeder Lebensnot, jeder Gefahr, in aller Ungeduld und Verwirrung und Trübsal der Mensch allein angewiesen ist auf sich selbst. Nichts ist, was sich erbitten und beschwören, was um Halt, um Erleuchtung, um Linderung sich anrufen ließe. Man muß glauben. So viel gab er wohl zu, daß ein Streben in der ewigen Weisheit walte, eine Neigung, zurückzugewinnen, was aus ihr gefallen sei, entgegenkommend dem Streben des Gefallenen selbst. Verwirrung dagegen ließe sie kaum noch gelten, sagte er, und was überhaupt die große Mehrzahl der Daseinsnöte angehe, alltägliche Kümmernisse und dergleichen, so möge sich keiner einbilden, daß sie, die Weisheit, eine Ahnung davon habe, und möge sich für sich allein damit abfinden. Wohl habe das Göttliche eine Sehnsucht danach, ausgestrahlt zu werden vom letzten Punkt der Erde, und eine Freude daran, sich zu ergießen in jede willfährige Stelle; sie bemühe sich aber so wenig um das Taube wie um das Blinde, und das hingegen möge der Mensch selber besorgen.