WeRead Powered by ReaderPub
Helianth. Band 2 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene cover

Helianth. Band 2 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Chapter 34: Georg an Benno
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A sequence of nine linked books follows the interior and outward lives of two contemporary inhabitants of the North German plain, blending realistic domestic scenes with hallucinatory dreams, fragments of letters and artistic creation. Episodes move between sleepless nights, remembered landscapes and rehearsed performances, revealing recurrent motifs of longing, solitude, memory and erotic yearning. The structure favors fragmentary impressions and shifting perspectives that blur waking consciousness and imaginative projection.

Man muß glauben; und ich, ach ich habe es bald erfahren, denn hier bin ich ja, heute wieder geheilt, aber die Verwirrung, in der ich kam — ach wie klein seh ich sie nun! —, war doch so stark, daß sie alles umwarf in mir und mich hertrieb zu der ganz irdischen Stelle, wo ich einst alles hatte, Gott und Glauben und Vater und Heimat und Seelenruhe, alles in ihm, der zu frühe ging und als ich noch lange nicht fertig war.

Als er starb, da glaubte ich es zu sein. Das war so:

Er legte sich nieder in seinem fünfzigsten Jahr mit Lungenentzündung und sagte gleich, er wisse, daß es das Ende sei. Er sagte das mit einem furchtbaren Gram der Sorge um sein Kind, und bald, als er das Bewußtsein verlor und delirierte, war aus den Worten, die er hervorstieß, zu erkennen, daß er von nichts anderem gequält wurde als einer maßlosen Angst, mich schutzlos, unfertig zu verlassen, und ins Ungemessene stieg auch die meine. Plötzlich war dann für mich alles aus. Was geschehen ist, weiß ich kaum. Von Papas Bruder, den ich gerufen hatte, dessen Kommen ich aber schon nicht mehr wahrnahm, erfuhr ich später, daß ich bewußtlos dagelegen habe und wie von Stein. Und dies sieben Tage. Er hat mir nicht sagen wollen, was unterweil mit meinem Vater geschah; sein Grab war, als ich aus einem tiefen und reinen Schlummer erwachte, eben geschlossen. Vorher, vor dem Schlummer, so viel nur weiß ich, war das Entsetzliche. Es hatte keinerlei Gestalt, doch ich weiß, daß es Kampf gewesen ist. Ein Kampf um Leben wurde ausgefochten, ich weiß nicht von wem, aber mein Vater hat teil daran gehabt wie ich selbst. Wer gesiegt hat in dem Kampf, auch das ist mir unbekannt geblieben, aber mein Vater starb. Später sagten sie mir, die Vögel der ganzen Gegend hätten nicht gesungen noch gezwitschert in jenen sieben Tagen, — und was es bedeutet, werden Sie verstehen, wenn Vetter Josef sagte — er war mit seinem Bruder zum Begräbnis gekommen —, daß er niemals eine so vollkommene Reinheit der Luft eingeatmet hätte wie während jener Tage im Haus.

Es war früher Morgen, als ich zu mir kam aus dem schönen Schlaf, — Ende des März wars, und in mein Fenster zu ebener Erde herein blühten die Kirschbäume des Gartens. Am Fenster stehend, so erquickt, als sei ich in Himmel gebadet, sah ich ihn über den Wolken der Blüte, erwacht wie ich selbst, seiner wieder froh, vollkommen rein und leicht wie das Licht. Daß Papa nicht mehr war, wußte ich auf einmal; aber kein Schmerz! So wie damals in seine Brust der Stern, aber liebend traf mich von oben sein wieder ewiges Auge. Es machte mir zum Hause die Welt; es legte mich mit Blumen und Sternen und Häusern und für immer an seine Brust.

Damals, ach damals war ich stark in seinem Glauben wie nicht vorher, nicht nachher. Ja, noch so stark, daß, als ich eine Woche später das Haus verschloß, um in die Schweiz zu fahren, so schmerzlich mich das Scheiden von allem bewegte, was sein, was doch leiblich an ihm gewesen war, süß und haltbar, — daß ich als ganz leicht die Ahnung empfand, ich würde das Haus nicht wiedersehn. Und selbst als ich, wieder eine Woche danach, die Nachricht bekam, daß es niedergebrannt sei, weinte ich wohl, aber ich hielt es für gut und schön, daß auch die weitere Hülle seines irdischen Daseins nicht mehr sein sollte.

Seitdem bin ich schwächer geworden und so schwach, daß ich nun hier sitze. Er war gut zu mir wie je, ließ mich die Schwäche nicht entgelten, sondern blickte mich an aus allem, aus seinem Hügel und der stillen Uhr, aus Bäumen und Wolken, und es fiel mir bald leicht, ihm zu versprechen, daß es das erste und das letzte Mal gewesen sein sollte.

Sein Blick nämlich erinnerte mich an eine kleine besondere Lehre, ein privates Haben von ihm, das er mir mitteilte, und dem freilich viel in meiner Natur entgegenkam — die Lehre vom Warten. Wie er sein Damaskus gehabt hatte zur festgesetzten Frist, so glaubte er — jawohl, ein bißchen abergläubisch! — an bestimmte Stunden, in denen lange Gereiftes zur Vollendung komme, an Tage, in die das Schicksal sich sammle, und — wieweit er recht hat, weiß ich zwar nicht, aber in mir kam immer alles ihm entgegen, wenn er von der Pflicht sprach, geduldig zu sein, ohne Unrast, nicht bitter zu werden vor der Reife, nicht kränklich im Sehnen, sich nicht zu vergeuden, nicht zuzugreifen nach allem, was scheine, nicht den edlen Hunger zu speisen mit nichtigen Happen, stark und eifrig nur in jedem Streben nach einem Guten, dem Glück, da es doch niemals nütze, die vorbestimmte Frist durch Übereifer und trabende Füße zu quälen, so wenig es im Eisenbahnwagen helfe zu laufen. Ja, schön, nun weiß ich das alles wieder recht gut, und doch wäre ich gern den Gang auf und nieder gerannt im Eisenbahnwagen, um schneller hier zu sein und die Stillung zu empfangen für das innre Gerenn meiner letzten Wochen.

Sie aber wissen nun auch, lieber Freund, weshalb ich Ihnen so dankbar bin für das Geschenk des ägyptischen Königs, und weshalb ich ihn so sehr liebe, Ech-en-Aton, unseren Freund! Daß ich sein Antlitz erkannte als reinen Spiegel der Weisheit; daß ich an seinem Auge sehe, wie es blind und selig ins Herz des ewigen Wesens blickt und sein Strahl es nicht blendet; daß er nur immer dasteht seit Ewigkeit und sich müht, die Vollkommenheit aufzufangen mit Leib und Seele. O möchte ich ihn einst brüderlich empfinden können, wie heute noch tief unterlegen!

Gute Nacht, Freund, morgen komm ich zurück. Den Brief werden Sie zwar später zu sehen bekommen als mich selbst, aber deshalb stecke ich ihn morgen doch in den Kasten, weil ich weiß, daß übermorgen Ihr Geburtstag ist, und allein zu diesem Zweck hab ich ihn geschrieben. — Auf Wiedersehn!

Renate

Erschöpfung

Es waren wohl Wochen vergangen. Georg vermutete so, — und auch, sehr krank gewesen zu sein. Nun war da Helenenruh, und irgendwie war alles gut. Er merkte, daß er sehr allein war, daß er nicht denken konnte, daß ganze Tage durch ihn hingingen wie Schatten durch Wasser, daß sein Vater da war — und nicht mehr da. — Daß er zittrig umherging, daß es einmal Nachmittag war, einmal Abend, und daß viele Fenster waren, hinter denen es regnete.

Plötzlich war Bogner zugegen. Er legte eine Mappe vor ihn hin mit Radierungen, und Georg konnte sehn, was es war, konnte sich freilich nicht recht entscheiden, ob diese Dinge da wirklich vor sich gingen oder nur gezeichnet waren. Es sei ein Zyklus ‚Hades‘, hörte er eine Stimme mehrmals sagen, und jetzt kam er zu sich, Bogners Gesicht dicht über sich gewahrend, da er neben ihm stand, um die Blätter umzuwenden. Jetzt hätte er ihn fragen können, wie er denn hierher komme, mochte das aber nun nicht mehr, sondern beugte sich tiefer über die Blätter, die ihm ungeheuerlich erschienen wie manche Dinge im Traum. Da waren die Danaiden, ein unbeschreibliches Gewimmel von Frauenkörpern, die sich über drei aneinandergereihte Blätter hin an den Gestaden eines Flusses bewegten; etliche lagen an der Quelle, blumenflechtend, etliche beugten sich mit ihren Krügen von bekränzten Flößen, Gruppen und Scharen, und einzelne Wallerinnen schritten in schöner Bewegung von Hügeln zur vollen Stromesbreite, alle in einer unwahrscheinlichen Helligkeit, alle nur in Umrißlinien gehalten, und alle ohne Gesichtszüge, leere Ovale statt der Antlitze zeigend, grauenhaft seelenlos anzusehn. Da war Tantalos, eine kaum sichtbare Gestalt in einem schwarzen Geklüft, am Boden ausgestreckt wie ein Frosch, wo ein Wasser verrann, und hier noch einmal, emporfliegend wie ein Schatten zu den über ihm fortwirbelnden Zweigen und Früchten. Sisyphos war da, der Akt eines Athleten, der mit Händen, Kinn und Schultern zusammengekrümmt den riesigen Würfel bergan trieb; und hier starrte er vom Hügel dem rutschenden Felsen nach, ein Riese, hülflos, mit ungeheuerlich nach vorn hängenden Schultern und vergreistem Antlitz; und da war der zu Tal jagende Block in Qualm und Geröll, dahinter der Mensch, nachstürmend, mit flatternden Haaren, springend, schreiend, aufgerissen, sinnlos. Persephoneias Antlitz blickte gerade aus dem Blatt, bleich und ergraut; durch kerzenschlanke Stämme hinter ihr, unter wagrecht abgeschnittener Masse schwarzer Wipfel schimmerten elysische Gefilde und Gestalten. — Georg gingen die Augen über; Bogner war nicht mehr da.

Nun kam viel Schlaf. Dann konnte er wieder grade umhergehn und erkennen, daß es November war. Hin und wieder schlief er, in Decken gewickelt unter freundlich wärmender Sonne auf der Terrasse. Milch gab es zu trinken, sehr schöne, in kleinen, kostbaren Schlucken. Stundenlang hockte sichs angenehm schläfrig an einem Fenster im Klaviersaal, während es draußen hagelte und stürmte, oder während die Nebel heranwogten und alles verhüllten.

Dann trat eines Tages Jason al Manach bei ihm ein, setzte sich nach der Begrüßung — es war im Klaviersaal —, erhob sich wieder, ging zu Bogners Gemälde und stand lange darunter. Georg folgte ihm mit den Augen und wunderte sich, daß er in kleinen Pausen immerfort den Kopf hin und her bewegte oder schüttelte. Dann sah er ihn einen Stoß Briefe vom Harmonium nehmen, damit zum Fenster gehn und sie langsam durchsehn; schließlich behielt er ein Telegramm in Händen und drehte es um; es war verschlossen. Al Manach öffnete es, schüttelte, schüttelte, schüttelte den Kopf, las für sich, schnaubte eine Art Lachen und sah Georg an.

„Sie haben seit drei Wochen keine Post gelesen?“ fragte er.

Georg bejahte, auf einmal ganz wenig geängstigt. „Ist denn was?“ fragte er.

Jason blickte wieder in das Telegramm und las vor: „New York, 28. Oktober. Gerettet. Esther verloren. Jason.“

Georg zuckte leicht zusammen, hörte das laute Rauschen des Regens auf den Steinplatten der Terrasse, besann sich, was die Worte bedeuteten, sah al Manach ans Fenster treten, hinausblicken, den Kopf schütteln, sah ihn sich setzen, den Kopf senken, ängstlicher nun jeder Bewegung dieses Menschen anhangend, und hörte ihn reden.

„Also: Zusammenstoß mit einem Eisberg. Nachts. Ich saß im Café. Die Rettungsboote kamen meist nicht ins Wasser, zerschellten. Die See war glatt. Es herrschte eine sogenannte Panik. Ich benahm mich verständig. Ich suchte Esther. Ich habe sie nicht gefunden. Ich half Leuten in die Boote. Ich suchte, wie man so im Traume was sucht. Ich sah einen, der vor Angst ins Wasser sprang. Da wurde ich über Bord geworfen. Ich hatte eine Schwimmweste an. Ich wurde von einem Boot aufgefischt. Ich sah etwas, das Sie eine Halluzination nennen werden. Nämlich, ich kenne den Tod sehr gut. Ich habe ihn seit meiner Kindheit vor mir her gehen sehn, zuweilen stehn bleiben und mich anschaun und mich vorüberlassen. Auch unterhielten wir uns oft über das menschliche Leben. In bedeutender Weise erschien er mir mehrmals, diesmal wars das achte. Wo ich geboren wurde, stand er dabei, und meine Mutter starb. Als ich acht Jahre alt war, fiel ich drei Stock hoch herunter und blieb lebendig. Als ich sechzehn alt war, stand er vor meinem Bett, wo mich die Diphtheritis am Hals hatte. Als ich vierundzwanzig alt war, stand er zu Füßen des Bettes, in dem Angelika starb in ihrem Blut. Als ich zweiunddreißig alt war, sah ich ihn an einem brennenden Eisenbahnzug entlang gehn, und dann gab er die Genauigkeit auf, und ich sah ihn gleich darauf an einem Teich, und bei einer Windmühle, und jetzt sah ich ihn mitten im Wasser stehn, grau und verschleiert wie immer. Ich sah noch etwas. In der Nacht hoch über mir — denn so ein Ozeandampfer hat eine schöne Höhe — war eine Gesichterreihe überm Bordgeländer, und darin das Gesicht von Esther, sehr deutlich. Das war still, und die Augen sahen starr nach einem, der neben mir im Boot saß. Sie warens, Prinz. Da gingen ihre Augen zur Seite, sie sah wie ich den großen Grauen im Wasser, der den Arm hob und nickte. Dann lächelte sie. Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß Esther Sie angesehn hat, als das Schiff unterging. Dies war sehr feierlich. Sie spielten einen Choral. Ich habe den Tod so großartig noch nicht erlebt.“

Nachdem er eine Weile aufrecht gestanden hatte, setzte er sich nun wieder, als müsse er sich da durch zum Aufhören seines Redens nötigen. Georg fühlte, daß ihm etwas Schmerzliches in Kehle und Augen aufstieg, daß etwas ihm heiß über die Wange lief, und dachte: Ich glaube, ich weine. Darüber aber rannten die Gedanken fort ins erste Kapitel von Jean Pauls Flegeljahren, wo die Erben um den Tisch sitzen und sich in einer halben Stunde zum Weinen zu bringen suchen, um das Haus zu gewinnen, und einer erhebt sich feierlich und sagt, grade wie ein Andrer die Tränen in sich steigen fühlt: Ich glaube, — ich weine ... Georg fing leise an zu lachen, wollte das Lachen halten, es gelang ihm nicht, endlich schluchzte er auf und wurde still.

Tot war die kleine Esther. Schon lange war sie fortgefahren, schon lange war sie tot. Darum hatte sie ihm so traurig zugenickt aus dem Eisenbahnfenster. Vom ‚zur rechten Zeit sterben‘ hatte sie etwas gesagt. War das nun eingetroffen? — Einmal hatte er ihr ein Veilchensträußchen gekauft; eines war herausgefallen, das hatte sie ihm gegeben, eine winzig kleine, embryonische, dunkle Blume, die er innen in seinen Handschuh geschoben hatte. Beim Ausziehn dieses Handschuhs fiel es auf die Erde, und er hob es in einer leeren Zigarettenschachtel auf, er hatte soviel Anhänglichkeit an so was. Als er sie nach ein paar Tagen wieder öffnete, war die Blume schwarz und trocken, aber die Schachtel war ganz voll von Duft gewesen. So breitet die süßere Seele sich über — über ... Wie berauschend brauste der Regen! welch ein Getöse! Es ward dämmrig, es ward dunkel. Jasons bleiches Gesicht war noch dort, aber nach einiger Zeit verschwand es auch, löste sich auf. —

Ob der rote Baum noch am Wasser stand? — Ein sterbendes Gesicht an einem Kreuz, erzählte Esther, das mich ansah. — Georg fing heftig an zu weinen. Draußen rauschte das unendliche Wasser. Ganz unten lag die eine Tote, rotviolett gekleidet; eine Muschel lag vor ihrer Stirn, sie schlief sich aus. — Warum so ernst, Esther? — Georg weinte heftiger und unaufhaltsam, weinte wieder leiser und verlor Schmerz und sich im Schlaf.

Achtes Kapitel: Dezember

Renate an Magda

Altenrepen, am 23. Dezember

Mein liebes Herz:

Du sollst nun hören, weshalb ich Dir einen ganzen Monat fast nicht geschrieben habe. Onkel ist am 2. zurückgekommen; er war nicht zu erkennen. Im Treppenhaus sah ich einen alten Mann; er war weißhaarig, mit weißen Bartsprossen am Kinn, gebückt und schlottrig, und verzog sein Gesicht zu einem abwesenden Höflichkeitslächeln. Dann ging er an mir vorüber zu seinem Zimmer. Ja, da hing ich am Treppengeländer, mir wars, als wär ich aus Kalk. Ich weiß nicht, wie lange Zeit verging, bis ich wagte, ihm nachzugehn. Er saß in einem Sessel und schien aus dem Fenster zu sehn, antwortete auf nichts. Wie er hergefunden hat, — ich weiß es nicht. Ich umschlang ihn und weinte, aber er schien es nicht so recht zu begreifen; schien nur ungeduldig, mich los zu sein. So ist er seitdem. Die Speisen kommen meist unberührt zurück. Milch trank er gern; soviel er bekam, trank er immer aus, und nachdem die Köchin ihn einmal aus der Speisekammer hat kommen sehn und hinterdrein eine Verminderung der Milch bemerkte, lasse ich immer eine größere Menge auf seinem Zimmer sein; das bildet nun, mit etwas weißem Brot, seine Nahrung. Im Anfang, wenn ich ihn auf meinem Weg zur Kapelle oder zurück am Fenster stehn sah, lächelte er noch und grüßte mich, aber auf eine so fremde und unterwürfige Art, — mich schaudert noch; aber später verlor er mich scheinbar aus dem Gedächtnis. Jeden Mittag, gleichviel wie das Wetter ist, geht er in den Garten und fängt an, den Rasenplatz zu umkreisen, die Hände auf dem Rücken, eine Stunde und länger. Nun laure ich jedesmal auf seinen Schritt im Treppenhaus, um ihm einen Mantel umzuhängen. Der Bart ist ihm lang gewachsen, er sieht nun ganz würdig aus, sein Gesicht ist sonderbar rosig geblieben, die Augen scheinen nun viel dunkler, und der Bart fängt dicht darunter an. Natürlich habe ich ihn von Doktor Pahl beobachten lassen; der meinte, er müsse einen Schlaganfall erlitten haben; ich erzählte ihm alles, von Josef und auch das andre, was er vor seiner Reise mit mir sprach, und der Doktor sagte etwas von fixer Idee, und was hilft uns das?

Einmal sprach ich mit Erasmus. Der sagte wenig. Um seinetwillen, sagte er, wäre sein Vater nicht so geworden.

Ich klage nicht, Magda. Ich weiß nicht, wieviel hiervon mein Verschulden ist. Ich habe ihn allein reisen lassen, ich habe mich früher viel zu wenig um ihn gesorgt, o wenn es doch mehr wäre, hundertmal mehr, daß ich etwas hätte, daß ich leiden müßte, leiden! Nun ist alles so unbestimmt und macht nur müde.

Denkst Du auch wohl an heute vor einem Jahr? Ja, da war ich groß und stolz und voll guter Lehren.

Wie ich sonst lebe? Das Haus verlasse ich kaum. Saint-Georges kommt, und wir arbeiten hier zusammen. Damit der Gelähmte seinen Bruder nicht entbehrt, habe ich ihm ein Zimmer zurechtmachen lassen, und er wohnt hier. Das ist er recht zufrieden, sitzt behaglich am Fenster und liest in sieben Büchern auf einmal. Nun hab ich zwei Gelähmte im Haus.

Irene kommt sehr oft, hat Dir auch wohl geschrieben. Ihr Mann hat so viel Arbeit, daß sie viel allein ist: vorläufig trägt sie’s mit Munterkeit. Ulrika gab ein schönes Konzert; sie ist viel in andern Städten. Sie behauptet, jedesmal den kopfschüttelnden Jason zu treffen, ich weiß nicht, wie sie das macht, da ich ihn auch mindestens in jeder Woche zu sehn bekomme, aber er hat ja wohl übernatürliche Fähigkeiten.

Ich lese viel. Philosophie ist kein Trost, aber haltbar; ich kam durch Zufall dazu, da ich Schopenhauer aufschlug und in der Vorrede ein so nachdrückliches Verbot der Lektüre seines Werkes fand, es sei denn, man hätte die sämtlichen Philosophen vor ihm gelesen, daß ich — unter Saint-Georges’ Anleitung — von vorn angefangen habe.

Dies ist ein schlechter Brief. Mir stehn die Tränen im Halse, und die Feder in der Hand will nach jedem Wort stillstehn.

Eben öffne ich in Gedanken den letzten Brief von Ulrika. Folgendes steht drin: „Mir fällt gerade ein, wie ich Dich neulich dasitzen sah und lesen, in Deinem grünen Kleid neben der Schirmlampe, das Buch im Schoß, ein Bild der Nachdenklichkeit. Jetzt weiß ich, wem ich Dich damals bewußt verglich; ich dachte, Du seist Pallas Athene, der man das erste gedruckte Buch in die Hände legte, und sie kann es gleich lesen, die Allwissende, und freut sich, wie klug die Menschen mit der Zeit geworden sind. Man kann sich kaum denken, daß Du wirklich liesest, was Du in der Hand hältst, Du bist so schön, was kannst Du auch lernen, es ist, als hättest Du alle Weisheit, und Dein Lesen ist nur ein Wiedererkennen von Dingen, die Du vor tausend Jahren selber erdachtest.“ Mir zur Strafe hab ich das aufgeschrieben. Das denken, das wissen die Menschen von Einem, so können wir erscheinen, ach, das Mißverhältnis, zwischen dem, was man ist, und dem, wofür unser nächster Nachbar uns hält, wird mir vor Tragik bald komisch erscheinen. — Übrigens ist mir Ulrika eigentlich auch so fremd wie — — ach, was wissen wir voneinander!

Manchmal, weißt Du, ist es so still, daß ich meine, ich müßte es hören, wenn nur ein Zug in meinem Gesicht sich bewegt. Es ist ja alles in dieser furchtbaren Stille vor sich gegangen. Alles? Sigurd schrie doch einmal auf, Erasmus tobte; aber mir scheint, dies war nicht das Eigentliche. Stillschweigend ging Jason, still Esther, stillschweigend der Onkel, und in diesem Schweigen vollzog sich das Eigentliche, und dennoch, dies, was wir nicht lärmen und platzen hörten, es schickt doch seine gefährlicheren Wellen in den Raum, und diese verschlingen und vergiften uns schrecklicher und boshafter als die lauten Gefahren und die erschütternde Verzweiflung.

Nun läuft die Feder. Ich fragte Saint-Georges: Wie nennt man doch diese Zeit der Windstille im Jahr, — ich vergaß das Wort. Er, gleich verstehend wie stets — ja, wenn ich ihn nicht hätte! — sagte: Wenn der Eisvogel, Halkyon, brütet, herrscht Windstille, wie man sagt. — Dann, sagte ich, haben wir wohl die halkyonischen Jahre. Der große Eisvogel Schicksal brütet. Er hoffe, meinte er freundlich, es werde kein Basiliskenei sein, das man ihm untergeschoben habe. — Ja, wer weiß denn, ob nicht alles erst kommt ... Ich bin ja auch vollkommen unberührt. Eigenes Schicksal blieb aus; ich warte.

Ein Paket mit ein paar Kleinigkeiten ging schon vor drei Tagen an Dich ab. Jede mußt Du Dir eingepackt denken in eine Hülle guter, frommer Wünsche. Sag, sind das nicht Verse von Georg, die er Dir einmal schickte:

Sie hält ihr Herz nun offen in der Hand

Wie eine Lampe, liebreich im Verspenden,

Dieweil sie weiß: durchstochen und verbrannt,

Ihm kann nichts mehr geschehn von fremden Händen ...

Ich vergaß das Übrige; damals mochte ich es nicht sehr, eben traf es mich seltsam. Hirten und Himmlischen ein Wohlgefallen, — schloß es nicht so? Genug. Leb innig wohl!

Renate

Heiliger Abend

Renate stand, den Rücken in eine Fensternische der Halle gelehnt, und blickte in die gelben Lichtflammen des kleinen Baums auf dem reichbeladenen Tisch, den sie für Saint-Georges’ Bruder aufgebaut hatte. Saint-Georges saß auf einem Stuhl daneben, ein Buch in der Hand, in dem er blätterte. Sie schwiegen.

Renate dachte: Gleich werde ich anfangen zu weinen. Die Lichter verschwammen vor ihren feuchtwerdenden Augen, unsägliche Kindheitsstunden lösten sich aus dem Geruch von brennendem Wachs, Harz und Nadeln. Ihre Stimme war heiser, als sie fragte: „Wie feiertest du, — wie feierten Sie eigentlich Weihnachten?“

Er sah nachdenklich auf und antwortete: „Gar nicht. Da wir keine Eltern hatten, hatten wir auch kein Weihnachten.“

„Richtig,“ sagte sie, sich ermannend, „es ist ja ein Familienfest. Wollen Sie nun Ihren Bruder holen?“

Überdem wurden viele Schritte draußen hörbar, es klopfte, Köchin, die Hausmädchen, Zofe, Diener, Gärtner, Chauffeur kamen verlegen herein, knicksten und dienerten und wollten sich bedanken. Der Diener hielt eine kleine Rede, in der er dem Hause „auch wieder frohe Tage wünschte, da sie es alle so gut gehabt hätten“. Renate gab allen die Hand, dankte ihnen für ihre Dienste und fragte, ob der junge Herr auch bei ihnen gewesen sei. Ja, und er hätte sogar Punsch mit ihnen getrunken. Immerhin schienen sie Alle froh, wieder verschwinden zu können. Eins der Hausmädchen, verschmitzt, wünschte Renate persönlich beim Händedruck, daß auch der junge Herr Josef bald wiederkommen möchte. — Gleich darauf rollte Saint-Georges seinen Bruder im Stuhl herein, schon hochrot im Gesicht.

Und nun bekam er Gottfried Kellers sämtliche Werke, die er sich gewünscht hatte, und Conrad Ferdinand Meyers sämtliche, von denen er einmal zart wie von etwas unerreichbar Kostbarem gesprochen hatte, und den schönen Till Eulenspiegel von de Coster, und den ganzen Strindberg, und den ganzen Jakobsen und die Gedichte von Rilke und die Geschichten vom lieben Gott und alle Novellen von Storm, o Gott, es schien überhaupt nicht aufzuhören. Es kam dazu, daß er ganz laut krähte. Aber dann saß er glühend still neben seinem Tisch und dem eichenen Regal, das diese Herrlichkeiten enthielt, und versank darin. Renate, vor unsäglicher Gerührtheit zitternd, wäre Saint-Georges gerne um den Hals gefallen, gab ihm eine goldene Uhr im Armriemen und stammelte verzagt, er möchte auch an sie denken. Bei seinem Gelächter fand sie sich wieder, konnte mit Fassung sein Geschenk, nämlich eine Photographie von sich selber entgegennehmen, die sie sich ausbedungen hatte, und als es jetzt wieder klopfte und Bogner mit einer großen Kiste auf der Schulter erschien, in der Tür stehn blieb und erstaunt sagte: „Guten Abend, Frau von Bernus!“ hatte sie sich so weit wieder, daß sie triumphierend die bloßen Arme ausstrecken konnte und rufen: „Er hats gleich gesehn, und du hast nichts gesehn!“ (Aber mein Gott, dachte sie, ich verspreche mich bald fortwährend!)

„Was denn?“ fragte Saint-Georges. — Bogner setzte geschickt seine Kiste ab wie ein Dienstmann. — Sie trat vor Saint-Georges, ließ den breiten Umhang von Blaufuchs von den nackten Schultern gleiten, zeigte ihm die spitze Schneppe der Taille vorn, strich die grauen Falten ihres mächtigen Seidenrocks weit auseinander und schüttelte den Kopf, um ihm die Frisur von Zöpfen zu zeigen, die vorn vor den Ohren in Schleifen herunterhingen.

Ja, aber er kennte Frau von Bernus doch gar nicht.

Bogner erklärte, es sei ein Porträt von ihr von dem Maler Veit in der Jahrhundertausstellung gewesen, und Renate sei ihr tatsächlich ein wenig ähnlich, wenn auch im Entferntesten nicht so süß.

„Und meine Hakennase!“ schrie Renate. „Nein, denkt euch, nun muß ich euch was erzählen. Die Kiste mach ich nachher auf, Bogner, ich darf doch? Also ich wollte doch Erasmus etwas zu Weihnachten schenken. Da ging ich in sein Zimmer, um nachzusehn, was er wohl brauchen könnte. Aber da sahs aus! Ein Wust von Sachen, alle Stühle waren hochauf beladen mit Stapeln von technischen Zeitschriften, aber dann hab ich eine merkwürdige Entdeckung gemacht. Über seinem Bett an der Wand hing an einem eisernen Krampen und Schnüren ein ganz windschiefes Bücherbrett, drei Stockwerke, und darauf standen die sämtlichen Werke von Jean Paul, Balzac, Dickens und Dostojewsky, diesen ausgenommen in der Ursprache. Und auf dem Nachtkasten, offen mit dem Rücken nach oben, lag der Komet von Jean Paul. Hättet ihr das von ihm gedacht? Nun hab ich ihm ein festes Gestell machen lassen, und da die Bücher alle grausam zerfleddert, auch die Ausgaben sehr gewöhnlich waren, hab ich ihm alle neu gekauft, und schließlich die ganzen Zeitschriften in das große Regal nach Nummern geordnet, ja, das war eine Arbeit!“

Bogner sagte nachdenklich, den Erasmus kenne keiner, worauf er sich verabschiedete. In der Tür begegnete ihm der Diener, durch den Erasmus das gnädige Fräulein und die Herren Saint-Georges bitten ließ, mit ihm zu speisen. Renate staunte.

Das Speisezimmer war leer, als sie es betraten. Auf Renates Teller lag ein Strauß samtschwarzer Rosen, darunter ein Lederetui, in dem sie unter einer Karte mit einem Glückwunsch von Erasmus’ Hand eine mehr als talergroße Scheibe von dunkelbraunem, stumpfem und rauhem Bernstein fand, die an einer dünnen Goldkette hing, eingefaßt in einen Kranz kleiner Perlen. Darüber entstand eine kleine Wirrnis in ihr. Welche Anstrengung der Phantasie für seinen mühseligen Geist! So also beschäftigte er sich mit ihr?

„Georges,“ sagte sie — denn sie mußte sich herauswinden — „haben Sie ihm dabei geholfen?“ Er gestand es.

Da sie nun den Schmuck um den Hals hängen wollte, erwies sich die Kette nicht lang genug, daß die Scheibe auf ihrer Brust aufliegen konnte. Saint-Georges nahm sie aus ihrer Hand und legte sie um ihr Haar, so daß die Bernsteinplatte vor ihrer Stirne hing. Sie trat vor den Spiegel. Ja, sie war ein Wunder an Schönheit. Überdem liefen ihr die Tränen aus den Augen, sie stürzte aus dem Zimmer, an Erasmus vorüber, ohne ihm mehr als einen furchtsamen und hastig versüßten Blick zuzuwerfen, die Treppe hinunter und hielt vor der Tür ihres Onkels inne. Sie öffnete lautlos, glitt hinein. Im Dunkel waren Kopf und Oberkörper des alten Mannes, hell genug beleuchtet vom einfallenden Schein der entfernten Straßenlaterne draußen; so saß er am Fenster; an der Decke über ihm hing der Schlagschatten des Fensterkreuzes, verzerrt. Als sie die Hand leise auf seine im Schoß gefalteten Hände legte, blickte er auf und lächelte gütig, ließ es sich auch gefallen, daß sie seinen Kopf an ihre Brust legte, aber nach einer Weile merkte sie das Widerstreben seiner Kopfhaltung, ließ die Hände fallen, trat von ihm fort, zerrte an ihrem Taschentuch, raffte den Pelzumhang zusammen, faßte und hob ihr Kleid überm Knie und glitt leise hinaus.

Wie lange Zeit vergangen war, wußte sie nicht, da sie sich am Fenster der dunklen Halle fand, hinter sich die Stimme des Dieners vorwurfsvoll vernehmend, es sei doch aber schon lange angerichtet. Auch was sie gedacht und empfunden in diesen Minuten, suchte sie vergebens in sich, als sie, wieder im Speisezimmer, verdunkelten Auges auf Erasmus zuging, der vor seinem Teller stand, ihm die Hände auf die Schultern legte und ihn zwang, mit den Augen den ihren standzuhalten.

„Ich danke dir auch“, sagte sie heftig atmend. Ihre Brust wogte. Da merkte sie, daß sie nicht seinetwegen zu ihm gegangen war, sondern um jemand zu haben, an dessen Schulter sie einmal diesen nie gebeugten Hals ausruhen könne, und nun erschrak sie: Was tu ich denn! was mach ich aus ihm? ich werde ihn verrückt machen. Sie glitt hastig mit den Händen an seinen Armen herunter, drückte ihm die Hände und sagte irgend etwas Muntres. Später bemerkte sie die ungemeine, fast gewandte Gesprächigkeit des Erasmus, redete ihn auf ihr Geschenk an und hörte seine beinah launischen Vorwürfe, daß ihr Erscheinen vorhin ihn nicht zum Danken habe kommen lassen. Als sie nun ihre Verwunderung über seine schöne Autorensammlung äußerte, meinte er kurz — es war deutlich, daß er sofort alles Verdienst ablehnen wollte —, Josef habe er das zu danken. Er, Erasmus, sei der Meinung gewesen, daß ein gebildeter Mensch eine gewisse geistige Nahrung brauche, und habe Josef gefragt, ob es nicht in jedem Lande ein Dichtergewächs gebe, das so quasi die besten Möglichkeiten seines Bodens und Klimas in sich entfaltete, so daß man also mit dreien oder vieren der Art alle gute Nahrung beisammen hätte, und er habe sich denn auf Rußland, das ein schönes, breites Land sei, England, Frankreich und Deutschland beschränken wollen, was Josef einen sehr ordentlichen Gedanken genannt habe, nur schien er gemeint zu haben, daß Deutschland noch um ein Stück breiter sei als Rußland, und da sei die Auswahl schwer. „Da ich nun Goethe ablehnte, denn den hatten wir ja auf der Schule, so nannte er mir Jean Paul.“

Denn den hatten wir auf der Schule, dachte Renate, wie ist das nun wieder kümmerlich und traurig.

„Also will ich den nehmen, sagte ich“, fuhr Erasmus fort. „Der wird dir aber zu schaffen machen, sagte Josef.“

Renate, die den Namen seit einer Ewigkeit nicht gehört zu haben glaubte, staunte noch mehr darüber, daß er sich so leicht hinsagen ließ wie Hamburg oder Wettrennen.

Erasmus sagte weiter, er könnte ja nur abends vor dem Schlafengehn zwanzig oder dreißig Seiten lesen, aber er hoffte doch, vor seinem Tode noch fertig zu werden. — Welch eine tiefe, dröhnende Stimme er doch hatte! — Wer ihm denn der liebste von den Vieren sei, fragte sie, um noch einen kleinen Schlüssel zu ihm zu erlangen.

„Chuzzlewitt,“ sagte er mit grausiger Aussprache, und Renate hörte ihn wieder „Schang Pol“ sagen; Jean Paul freilich, dachte sie, würde sich noch im Grabe freuen, wenn er sich ausgesprochen hörte, wie er wollte. —

Unterweil verbesserte sich der Erasmus und nannte Dickens. Der sei so komisch. — Er lachte gleich: „Ha ha, ha!“ Ja, manchmal nachts im Bette könnte er sich totlachen über Sam Weller, und wenn Mister Micawber sagte: ... kurz! — „Dabei“, setzte er mit einem Anflug von Ehrfurcht hinzu, „ist der Chuzzlewitt für mich viel grausiger als der ganze Dostojewsky.“ Saint-Georges könne ihm vielleicht sagen warum.

„Weil“, sagte Saint-Georges, „die Menschen des Dostojewsky, wie auch die Balzacs, sich noch gebärden. Weil sie Leidenschaften haben, die immer noch den Schein einer wenn auch dämonischen Freiwilligkeit erzeugen, und weil sie diesen Leidenschaften nachgeben, weil sie sich peitschen lassen und selber peitschen, sich beugen und zerbrechen, rasen, stammeln, schluchzen und klagen. Vor allem klagen. Wir sehn dann die Gebärde, aus der die seelische Glut wie Rauch und Flammen hervorschlägt, und das empfinden dann Sie wohl wie — Erleichterung. Bei Dickens aber ist das Leid, wie soll ich sagen — krötenhaft; hockt da, funkelt bösäugig, und es ist ja alles komisch. Drinnen aber hockt die sich quälende Kreatur, stumm, boshaft, verhärtet. Denken Sie mal an Peckskniff. Ein furchtbarer Schurke, der sich für einen Engel hält, aufrichtig. Es läßt sich gar nicht ausdrücken, diese Art, nur Gemeinheiten zu begehn im Schein, in der Form edelsinniger Taten. So kreuzen sich fortwährend die Gebärden, die boshafte der inneren Gemeinheit und die sich in die Brust werfende der scheinbaren Hochherzigkeit.“

„Chuzzlewitt“, sagte Erasmus langsam, mit der Fingerspitze auf dem leeren Salatteller kreisend, „kommt mir vor, als müsse er sich immer heimlich die Hände an den Hosen wischen, damit nicht das Gift aus den Fingerspitzen herunterläuft.“

„Und Raskolnikoff und der Jüngling lecken ihre Fingerspitzen mit Wollust“, schloß Saint-Georges. Sie schwiegen nun.

Renate hörte die Männer sprechen, ohne etwas zu verstehn. Sie sah den Erasmus, wie er im Bett lag, das ihr viel zu schmal und kurz für ihn erschienen war, unter den Bücherreihn an der Wand, das Haar gesträubt um den schweren Schädel, lesend und laut vor sich hinlachend. An seiner Statt erschien ihr der Onkel, in seinem dunklen Zimmer, im Laternenlicht, von Einsamkeit überwölbt dieser wie jener, und hier saßen sie zusammen, nanntens Gemeinsamkeit. Sie begriff nicht, wie all dies in einem Hause sein konnte. Nun wurde wieder der Tisch vor ihr sichtbar, rund, blumengeschmückt, mit silbernen Armleuchtern und stillen Kerzenflammen; ringsum die Gesichter, Saint-Georges gegenüber, gut, ernst und still, das rosige Knabenantlitz seines Bruders mit dem spitzen Kinn, den großen, flachen Augen, und links das überhängende des Erasmus, mit gesenkten Augenlidern unter der gebuckelten Stirn, und dann sah sie diese und sich selbst, die ganze, stille Gesellschaft fern drüben im Spiegel, die Lichter, die Dämmerung umher. Eine tiefe Stimme sagte etwas, sie schrak auf, da eine Hand von rückwärts an ihr vorüber nach ihrem Teller griff, der darin fortschwebte; alsbald versank wieder alles, und ein wenig später sah sie sich im Spiegel drüben aufstehn; sie hob die Tafel auf. Nachdem sie den Gelähmten selbst ins Rauchzimmer geschoben hatte, ging sie in die Halle hinunter und machte Licht.

Die flache Kiste war mit Drahtstiften so leicht verschlossen, daß sich der Deckel mit kleiner Mühe hochbiegen ließ. Sie holte ein Bild in einem dunkelsilbernen Rahmen heraus, lehnte es gegen den Tisch und sah, daß sie selber es war: auf einem Grunde von dunklem Rot, im unteren, linken Viertel des Bildes ihr Gesicht, nach links blickend, im Profil, sehr zart, vergehend, scheinbar in einer Dämmerung schwebend wie eine Erscheinung; rechts oben in einer fensterartigen Öffnung war eine ferne Landschaft, sonnig, ein Birkenweg zwischen Wiesen, bräunlich, rötlich, und ganz wenig tiefblauer Himmel; die Farben ihrer Augen, ihres Haars, ihres Mundes, die in dem gemalten Gesicht kaum angedeutet waren, leuchteten deutlich dort oben.

Ja, dies war doch ein Traum von ihr, von ferne gesehn und geträumt, und vielleicht, wenn es früher gekommen wäre — — ja, was dann? Es waren doch wohl nur Vorstellungen malerischer Art, die sie ihm erregt hatte. Seltsam fröstelnd stand sie vor dem Bild. Wie alt bin ich eigentlich? schoß es plötzlich durch sie hin, aber sie konnte die Zahl nicht finden, war es achtzehn, neunzehn oder zwanzig? Ungeduldig machte sie sich von alldem los, legte das Bild in seine Kiste, den Deckel darauf und ging nach oben.

Durch die offene Tür zum Rauchzimmer fiel Licht in die vordere Hälfte des Speisezimmers; im hohen Spiegel konnte sie ein Stück des Ledersessels sehn, in dem Saint-Georges saß, seine Unterschenkel und den Kopf, den er in die Hand gestützt hatte; den Erasmus hörte sie reden; Tabaksschwaden zogen in der Luft unter der elektrischen Krone.

Auf einmal brannten vor ihren Augen alle Lichterbäume der Stadt, sie hörte Gejubel, Klavierspiel und Kinderlieder, dann das wirkliche Getön ferner Glocken. Und da war der letzte Christabend mit ihrem Vater, mit bescheidenen alten Männerchen und Weiberchen, Kinderchorgesang im Schlackerschnee und der väterlichen Stimme, die den Weihnachtstext auslegte. Da war der erste Weihnachtsabend in diesem Haus, mit einem Berg glitzernder Geschenke, mit dem Gelächter des Onkels, des Erasmus Gefräßigkeit in Marzipan und Spekulatius, mit Josefs Eleganz, mit den Gedanken an Magda und mit Bogners Brief im Kleid auf der Brust. Sie machte eine unwillkürliche Bewegung nach dem Halse und merkte ihren Irrtum: Bogners Brief war erst am zweiten Feiertage gekommen. Die absonderlichen Weihnachtstage, die er beschrieben hatte ... Seltsam, daß sein Weg doch in diesem Hause begonnen hatte ...

Sie fing an, die Hände auf dem Rücken im Zimmer hin und her zu gehn, lautlos auf dem Teppich, nur ihr Kleid knisterte und rauschte, wenn sie sich drehte. Wenn, dachte sie stillstehend, einmal nach mir das Schicksal die Hand ausstrecken wird, so werde ich erkennen, daß seine Füße — vielleicht in dieser Stunde stehn, vielleicht in der glücklichsten früher. Furchtbar finster war es umher. Wo mochte Sigurd nun sein? Käme doch Jason! Alle waren fortgegangen. Saint-Georges wußte jede ihrer Fragen zu beantworten, aber er stand ihr nicht bei. Nicht bei? Ja, bei was denn? Was quält mich? Wie alt bin ich? Wen erwarte ich? Was fehlt mir? Tue ich zu wenig? Oh was sagte doch Saint-Georges einmal von der Sonnenblume? Nein, war es das? Vor ihren Augen brannte wohl kein Licht, in das sich zu verwandeln ihr Herz sich verzehrte. Wie lebten denn Andre? Schiffe gingen unter, es gab Hunderte von Toten, Bergwerkszechen explodierten, und es gab Hunderte Toter, Eisenbahnzüge stürzten um, — ja, verlange ich nach solchem Geschehn? Wie leben Andre? In Armut, in Lastern, in Qual jahraus, jahrein, hülflos verstrickt in Unrettbarkeit, unerbittlich erniedrigt. Aber — Frauen hatten doch Männer und Männer Frauen, auch Kinder; Bogner hatte sein Werk, sie hatte nichts als sich, und Josefs Stimme sagte grandios, wie am Abschiedstage vor einem halben Jahr: Was brauchst du eine Seele? Niemand sieht sie. Und er sagte noch etwas von einer goldenen Bluse, die sie trug. — Sie schritt aufgeregter auf und nieder. — Es ist so still! klagte sie furchtsam. Lebe ich? träume ich? Weihnachten ist, — wem schenke ich was? Wen liebe ich? Alle und keinen. Warum ist niemand da? Oh — Zärtlichkeit! — So geriet sie in die Tür zum Nebenzimmer. Erasmus stand am Schreibtisch und sagte, er habe ihr gerade Gute Nacht sagen wollen; es sei noch zu arbeiten, die Neujahrsabschlüsse ...

Wiederum war sie vor ihn hingestellt. Ganz laut — obgleich sie schwieg — hörte sie sich sagen: Wie wäre es, Erasmus, wenn du mich heiratetest? und sah ihn zurücktaumeln. Jetzt war etwas geschehn. Sie stand gerade und aufrecht, dachte noch: Einen Stoß, — so! — einen Stoß habe ich versetzt! — und währenddem war nichts geschehn; sie sagte währenddem irgendwelche freundliche Worte, die nichts galten. Sie fühlte seine Hand, ließ ihn, tiefer ins Zimmer tretend, an sich vorüber, wandte sich dann und sagte: „Erasmus ...“

„Ja, — ist noch etwas?“ fragte er stehen bleibend.

Er liebt mich ja viel zu sehr, dachte sie klar, und muß allein bleiben.

„Hab auch Dank für den Abend“, sagte sie und ließ den Kopf sinken. Er murmelte etwas und ging.

Am Kamin saßen Saint-Georges und sein Bruder, sahn in die Flammen. Da faßte sie hundert verworrener Fragen in eine zusammen, trat zu dem Gelähmten und fragte, seinen Kopf fassend, schlicht zu seinem Bruder hinüber: „Georges, lieber Freund, was fehlt mir?“

„Kinder,“ sagte er, ohne sich zu bedenken, „es ist Weihnachten.“

„Ach so, deswegen ... Ja, da kannst du recht haben.“

Schon wieder versprochen! Oh ich will ihm eine Freude machen, dachte sie mit Heftigkeit, streckte die Hand aus und fragte bestrickend: „Möchtest du nicht du zu mir sagen?“

Er stand langsam auf, ergriff ihre Hand, küßte sie und sagte schlechtweg: „Wie du befiehlst.“

Jetzt aber fiel alles von ihr ab, sie stampfte mit dem Fuß auf und schrie: „Georges!“ Aber dann, in plötzlicher Sanftmut zerschmelzend, legte sie die Hände zusammen, trat dicht vor ihn und flehte: „Georges, lieber Freund, bitte, was ist mir?“

Er erfaßte ihr linkes Handgelenk, blickte mit tiefer Freundlichkeit in ihre Augen und sagte langsam und sicher: „Nichts ist dir, Renate, gar nichts.“

„Ja, ja,“ nickte sie seltsam erleichtert, „es ist ein Übergang, nicht wahr?“

„Jawohl, ein Übergang“, bestätigte er lächelnd. — Sie seufzte: „Dann ist es gut. Kommt, dann wollen wir noch etwas Schönes lesen, die Leiden eines Knaben, von Conrad Ferdinand, nicht?“

Sie nickte dem Gelähmten zu und ging in die Halle hinunter, das Buch zu holen.

Neuntes Kapitel: Januar

Georg an Benno

Trassenberg, am 15. 1.

Danke, teuerster Benno, danke Dir tausendmal für Deine Karte! — Ich, siehst Du, ich kann nicht schreiben. Wenn Du mein Tagewerk kenntest, würdest Du versteinern. Seit ich hier bin, also seit bald zwei Monaten, kenne ich nur noch ein Ding: die Zentrale. Papas Zentrale, das große rote Verwaltungsgebäude — Du erinnerst Dich — unten am Waldrand, das kaum zu sehn ist und zu dem kein Weg zu führen scheint, gegen das aber eine elektrische Zentrale mit ihren hunderttausend Anschlüssen, Krafteinnahmen und Kraftverteilungen in einer deutschen Großstadt gar nichts ist. Gar nichts, Benno! Dort verbringe ich nun fast den ganzen Tag. Onkel Salm führt mich in alles ein. Verwaltung, Verwaltung, Verwaltung! Hast Du eine Vorstellung, Benno? Nein! So kann ich Dir auch keine erwecken. Stelle Dir nur vor, daß unser ganzes Land mit allen Anhängseln in Übersee, und mit allem, was darin hervorgebracht wird jeder Art — Landwirtschaft, Viehzucht, Heilanstalten, Wissenschaft, Kunst, Industrie und so weiter, so weiter — hier zusammenströmt und von hier wieder aus. Genug! Mir schwindelt der Schädel, wenn ichs denke, die einzige Möglichkeit, die ich habe, ist, mich blind hineinzufressen, wie in den berühmten Berg der köstlichen Hirse. Dann ists in Augenblicken doch, als fräße ich weder, noch grübe mich in dampfende Finsternis, sondern ich stiege, stiege einen gewaltigen Berg hinan, darf nur weder hinaufblicken — um mir nicht den Mut — noch hinunter — um mir nicht die ganze Größe des Ausblicks von oben zu verderben. Zahlen, Zahlen, Zahlen. Um eine elementare Grundlage zu bekommen, lerne ich doppelte Buchführung; dazu Lombardieren, alle Arten des Wechselgeschäfts. Hast Du in Deinem ganzen Leben je einen Kurs gelesen, Benno? Weißt Du, was das ist? Tröste Dich, Benno, ich weiß es auch erst seit kurzem. Im übrigen sorge Dich nicht um mein Herz, es arbeitet wieder vortrefflich. Noch was über Tageseinteilung: weißt Du, daß ich trotz alledem beinah zehn Stunden am Tage schlafe? Folgendermaßen: aufgestanden wird — um fünf Uhr morgens. Siehe da, was ist der Erfolg? Vormittags um zehn, wenn Du träge Deinen Tag anschlürfst, habe ich beinah schon einen Arbeitstag hinter mir, um elf sinds, mit kleinem Imbiß dazwischen, ganz gut sechs Stunden. Dann wird geschlafen, fünf Stunden, im Bett, fest, und wenn Du Dich dann, wie ich, um vier Uhr zum Essen erhöbest, würdest Du jauchzen vor Kraft, Frische und Arbeitswonne, welche drei bis Mitternacht mit Abendbrotpause freudig vorhalten. Also — machs nach, Benno, machs nach und lebe jetzt wohl, es ist Mittag, ich geh schlafen. Wie gesagt: keine Sorgen, guter Engel, und im zweiten Monat nach diesem befinde ich mich wieder im gesegneten Altenrepen. Was macht der Flügel, die Wohnung, die Vögeleins? Grüße alles, was lebt und mir freundlich gesinnt ist, und sei umarmt von Deinem bis in den Tod getreuen

Georg

am 16.

Der Brief blieb versehentlich liegen.

Ein letztes Wort, Benno, über mich selbst.

Nämlich, läge die Sache einfach; wäre er, den ich Vater nenne — heut wahrer als jemals! — wäre er ein Privatmann, und handelte es sich sonach für mich um nichts weiter als Namen, gesellschaftliche Stellung usw.: dann wäre die Sache einfach. Ja, dann wäre sie derartig einfach, daß ich fast denke: in solchem Fall würde ich bleiben, der ich — scheine, sein Sohn. Es wäre nicht der Rede wert, Änderungen zu schaffen, die rein moralisch sein und bleiben würden, die keine praktischen Folgen hätten.

Die Sache liegt aber nicht einfach, sondern verdoppelt durch die Möglichkeit, das ich in Deutschland regierender Landesherr werde; daß ich — die Worte klingen großartiger als die Sache — vor einen Teil der Menschheit mit Ansprüchen hintreten kann, die sie nach den in ihr bestehenden Gesetzen mir nicht zubilligen würde, wenn sie mein Geheimnis kennte.

Dies die negative Seite der Sache; und die positive?

Nicht eitel genug, mir vorzuspiegeln, daß dieses Land, das ich innig liebe, Trassenberg, meiner bedürftig ist und keines Andern; und zu klug, um nicht einzusehn, daß ich nur selbstsüchtig, nur aus — Ehrgeiz handle, weiter nichts: kann und darf ich mich doch der Einsicht in das nicht verschließen, was werden würde, wenn ich — abtrete. Trassenberg ist, dank der Einflüsse meines Vaters, ein blühendes Land. Beuglenburg ist ein Sumpf mit einigen Kaligruben, und aus dem Beuglenburger Geschlecht kann nichts Gutes mehr kommen. (Der Alte ist krank und stumpf, der Sohn ein kränklicher Knabe, eine Tochter zählt nicht, weil nicht erbberechtigt.) Muß mir nicht Vieles schicksalsvoll vorkommen? Warum liegen die Dinge eben so? Warum gehörte dies Land einmal den Trassenbergern? Warum war und ist mein Vater, warum grade ich? Hier ich — und da die todkranke Beuglenburger Sippe?

Darum nunmehr zum Kern.

‚Von des Lebens Gütern allen ist der Ruhm das höchste doch‘ ... Wie, Benno, ich sollte verzichten mit dieser Aussicht? Solche Mittel in Händen — zu meiner gottseidank noch unerschütterten Gesundheit, meiner geistigen Freiheit und Beweglichkeit, meiner Lernkraft, meiner Kultur und meiner Tatenlust die äußeren Machtmittel meines Vaters, deren Ausmaß Dir bekannt ist: sollte ich ein hundertfaches Gutes ungetan lassen, das ich auf mich warten sehe? Ich kann Ruhm gewinnen, wahrhaftigen Ruhm, nicht einer vereinzelten Tat oder Eigenschaft, nicht den Ruhm des Entdeckers, Eroberers, Erfinders, des Feldherrn, des Dichters, Volksmanns; Ruhm, der vom Dämonium abhängt, von Begabung und vom Glück, — sondern einen Ruhm, den ich herzustellen, den ich anzufertigen habe mit meiner Hände lebenslanger, unverdrossener Arbeit; den nur mein ganzes Wesen, mein ganzes Sein mir verschaffen kann, weil nur Arbeit eines ganzen Lebens, und das heißt jedes Tages, jeder Stunde seine Grundlage sein wird. Verstehst Du den Unterschied, den ich meine? Nicht Taten, Werke, Gedanken — obwohl diese im einzelnen Verkörperungen sein können, sondern: sein muß ich, leben, von A bis Z meinen Platz ausfüllen, nicht sternhaft erstrahlend, wie Dichtung und Kunstgebild plötzlich blitzend hervortreten aus langem Gewölk, sondern still im Schatten meiner vier Wände, da doch die Wenigsten und niemals die Masse bemerken werden, was hinter dieser und jener offenbaren Erscheinung an unvermerkter Anstrengung und Mühsal liegt. Zu schweigen davon, daß, wenn mir überhaupt etwas zu leisten gelingt, das Dauer hat und Würde vor späteren Geschlechtern, es bei den Zeitgenossen kaum Anerkennung, ja eher Verkennung, Verachtung, wo nicht Feindschaft erregen wird. Wer ein Dauerndes zu schaffen gewillt ist, der muß im Morgen leben, nicht im Heut, darf also nicht verlangen, daß das Heute ihm Kränze flicht. Ich bins gewillt.

Wie ich denkt mein Vater, und was wäre ich freilich ohne diese Stütze? Der wundervolle Mensch! Mit keinem Blick, mit keiner Miene hat er sich mir als Beistand gezeigt. Ohne Blick, ohne Miene hat er mich verständigt, daß ich seines Beistandes gewiß sein werde, wenn die Entscheidung erst gefallen ist. Sie ist schon gefallen, in meinem Herzen ist sie’s. Ach, mein Benno, wie ist der glückselig, der im Wünschen und Schwanken, im Zweifeln und Vertrauen sicher ist eines Unwandelbaren, und wenn er Vater nennen kann, was mit Leib und Seele, mit Haut und Haar, mit allen Kräften der Liebe ihm väterlich ist!

Und dies giebt mir Kraft, dies wird mir Heil geben. Ja, ich weiß, Freund, ich weiß: wäre er mir nur um ein Gran minder väterlich, so würde ichs spüren, würde meine Kraft sinken, mein Recht bleichen, — ich wäre entblättert, ehe ein Monat um wäre. Aber ich stehe auf ihm, und so sei’s drum.

Ich bin entschlossen. Und somit — Gott befohlen!

Georg

Hier enden des vierten Buches neun Kapitel oder ebenso viele Monate.