Erstes Kapitel: Februar
Ulrika
Renate und Ulrika saßen des Abends an den beiden ineinander geschobenen Flügeln unterm Orgelpodium und übten an Johannes Brahms’ deutschen Tänzen, als Renate, der Orgel gegenübersitzend, eine dunkle Gestalt hinter Ulrika vorübergehn und die Stufen zur Empore hinansteigen sah. Schreckhaft, wie sie diesen Winter war, nahm sie die Hände von den Tasten, blickte, während Ulrika noch einige Takte weiterspielte, angestrengt durch den rötlichen Nebelglanz der Lichter und sah nun, daß es Saint-Georges war, der sich grade leise in den Drehsessel oben niederließ. Vor drei Tagen war er verreist, um seinen plötzlich verstorbenen Vater zu beerdigen, — ihn, von dessen Dasein Renate niemals etwas geahnt hatte.
Da auch Ulrika jetzt auf und zu ihr herüber sah, sagte sie:
„Georges ist gekommen.“ Und zu ihm hin leise: „Schon zurück?“
Er nickte. Sein Gesicht in der dunstigen, rötlichen Beleuchtung der wächsernen Kerzen schien ihr nicht blasser oder trauriger als immer, — doch wars vielleicht eben dies, was sie bewog, aufzustehn, zu ihm hinauf zu gehen und eine Hand auf seine Schulter zu legen.
„Bleib sitzen,“ sagte sie, da er eine Bewegung machte, — „ist es gut hier?“
„Das wollte ich sagen, Renate. Ja, wieviel Kerzen habt ihr denn da angezündet?“ Er zählte über die dicken gelben Kerzen in graden Silberfüßen hin, die sich in der schwarzen Politur der Klaviere spiegelten, und sprach weiter: „Acht Stück. Eine schöne Zahl, die mir immer angenehm war. Sie enthält so viel und ist so ordentlich und glatt, auch der Laut: acht, — zwei mal zwei mal zwei. Schade übrigens, daß ihr selber das gar nicht sehn konntet, wie ich, als ich hereinkam von weitem, euch dasitzen sah in dem rötlichen Nebel der Lichter an den großen schwarzen Instrumenten, und dazu deinen großen schwarzen Kleidrock, dein farbiges Gesicht, und Ulrikas rotes Haar und braunes Kleid; dazu die graue Orgelwand über euch, und umher —“ er machte eine umschreibende Handbewegung — „die sechs gemalten Unsterblichen an den Wänden. Es war nicht ganz düster — und auch nicht sehr froh, — ja, eigentlich wars ganz so, wie wenn man von Begräbnissen kommt und wieder ins Leben will. Dank für den schönen Übergang, Renate,“ sagte er zu ihr empor und, ehe sie etwas sagen konnte, „bist du mir zuliebe so schwarz heut? Ja, du bist ein guter Mensch.“
„Möchtest du mir nicht ein wenig von deinem Vater sprechen?“ bat sie.
„Ja,“ sagte er, „es gäbe wohl allerlei zu er—zählen. Aber das ist nun immer so: wenn ich nur die Klinke an der Vorgartentür anfasse, so weiß ich schon: hier ist alles anders. Jetzt bleibt vieles draußen, denn hier ist die Grenze. Hier endet eine Welt, hier fängt eine andre an. Hin und her zwischen beiden gehen nur die Körper; die Seelen aber sind andre, ganz andre. Ich stand vorhin schon eine Weile bei der Tür und bewunderte die Engel.“ Er lächelte zu Ulrika hinunter. „Die gemalten, meine ich. Sie sind jedesmal gewachsen, wenn ich komme; tiefer ist ihre Einsamkeit, mächtiger ihr Schritt, — und da sitzt ihr nun zwischen ewigen Wänden und ertragt es so mühelos. Freilich euch Frauen sind Dinge selbstverständlich, die wir nie begreifen. Es braucht fast nur etwas recht groß zu sein, so seid ihr zuhause darin, als wäre es für euch gemacht. Als wäret ihr darin aufgewachsen. Ja, ihr wachst; unsereiner muß immer Stufen steigen und sie obendrein selber haun. Ich habe dir da ein Paket auf den Stuhl gelegt. Es sind Briefe meines Vaters, die du lesen sollst. Mein Vater lebte fünfundzwanzig Jahr in einer Irrenanstalt, und nun ist er endlich tot.“
Renate wagte nicht, sich zu bewegen. Nur ihre Hand schob sie ein wenig höher, so daß sie seinen Nacken berührte. Sie sah die Kerzenflammen leise sinkend sich zusammenziehn, während andre flatternd in sich standen, sich aufrichten wieder und haardünne Strahlen aussenden. Dann hörte sie von Georges’ Stimme leise die Verse Hölderlins:
„Es haben ihn die Götter sehr geliebt,
Doch nicht ist er der erste, den sie drauf
Hinab in sinnenlose Nacht verstoßen
Vom Gipfel ihres giftigen Vertrauns.“
Eine Weile danach löste sie ihre Hand, stieg die Stufen hinunter und setzte sich vor ihren Flügel. Während sie ihr Notenheft lautlos zuklappte und zur Seite legte, hörte sie ihn reden.
„Hölderlins Schicksal hatte er wohl, ein Dichter war er auch, aber niemand wird von ihm sprechen. Es lohnt sich allerdings nicht. In den achtziger Jahren erschien ein Epos ‚Elias‘, später auch noch Gedichte, — ihr könnt euch eine Vorstellung machen, wenn ihr an Enoch Arden denkt; ein weiches, mattes Gedicht, in dem viel von Elias’ furchtbarer Leidenschaftlichkeit die Rede ist. Sonderbar, daß davon nichts Gestalt wurde. Er selber, der das dichtete, war ein so leidenschaftlich atmender Mensch. Du wirst es sehn in den Briefen. Ich kenne ihn nur als grau-, dann weißhaarigen Mann mit gutherzigen braunen Augen und einer wundervollen Stirn, wie ein Stück Himmel gewölbt. Und drinnen das Chaos.
„Die Briefe sind an eine Frau gerichtet, mit der er befreundet war, — damals. Dann liebten sie sich. Sie war verheiratet und hatte Kinder. Ein Jahr rissen sie Beide an der Kette, aber der sie festgelegt hatte, ließ nicht los. Zwei Jahre danach heiratete mein Vater ein sanftes Mädchen, und ich bin ihr Sohn. Sie liegt nun auch schon so lange in der Erde, wie mein lahmer Bruder lebt, und das ist ihr gut.“
Renate, betrübt, fragte nach einer Weile zaghaft:
„Sage mir, Georges ... Giebt es denn das, daß jemand einen Menschen gegen seinen Willen zwingen — —“
Er lächelte mitleidsvoll. „Ich sagte es ja, Renate: hier ist die eine Welt, und draußen die andre, die man auch die moralische nennen könnte. Die Menschen, Renate,“ fuhr er aufatmend mit leichterer Stimme fort, „haben Einrichtungen geschaffen, die sind für unsereinen — nicht schlecht, oder sinnlos, oder falsch, sondern sind: unglaublich schlechterdings, nicht zu glauben, auf keine Weise zu begreifen, weil dir dazu Organe fehlen, — so wie der Fisch nicht atmen kann in der Luft. Etwa folgendermaßen: Gesetzt, du bist ein halbes Kind von einem Mädchen, in einer geldarmen aber zahlreichen Familie. Und ein Mann setzt dir zu, mit Jammer und mit Tränen, mit Flehen und mit Drohungen, er stürbe, wenn du ihn nicht heiratest. Und aus reinem Mitleid giebst du nach und giebst dir nun auch Mühe, jahrelang, ihm gut zu sein, und schenkst ihm Kinder —“
Renate schauderte unbewußt. „Was ist, Georges?“ fragte sie, da er innehielt. Er lächelte sanftmütig.
„Ja, wenn du schon jetzt schauderst, Renate, was willst du denn später tun?“
„Habe ich geschaudert? Ach — bei den Kindern, — von der Frau, die ihren Mann nicht liebt. Nur weiter“, sagte sie kühl.
„Gern, Renate. Immerhin wollen wir uns einen Augenblick lang darauf besinnen, daß — wir zwar da sind zu dem, was wir wollen, also auch um zu lieben, was und wen wir wollen. Daß aber die Welt nicht da ist, um zu lieben, sondern um zu bestehn, also sich fortzupflanzen, wozu sie Frauen braucht, die Kinder gebären. Das tun sie auch. Und auch das ist Liebe.“
Er schwieg. Renate erwiderte nichts. Er fuhr fort.
„Gesetzt also, du tatest alles dies, und eines Tages siehst du nun, es geht nicht, er ist ein trauriges, stumpfes Wesen, mit dem sich nicht leben läßt, er streut Bitterkeit umher, er macht dich zu Alltag, er verstaubt dich mit Nörgelei und Gejammer, und du siehst und kennst dich nun selbst, da du in die Jahre dazu kamst, merkst tausend schöne Kräfte in dir, Flügel deines Geistes, Taster, zarte, innige, deiner Seele, Lust, in dein Weltgetriebe hunderthändig hineinzugreifen, so hilft dir doch alles nichts, und du mußt dir die Seele besudeln und dir eine Hölle machen lassen aus deinem, zum Segen dir geschenkten Dasein, solange — solange er deinen Leib nicht schlägt, denn so lange gehört ihm nach dem Gesetze dein Leib, und alles andre sind Fisematenten. Wenn du aber am Ende einen Andern findest, einen Menschen, einen Edlen, Gütigen, Zarten, Wissenden, und Worte der Ewigkeit klingen an dein Ohr und erinnern dich an dein Herz und was du schuldig bist, dir und den Menschen und deinen Kindern zumeist: nämlich einen so vollkommenen Menschen du aus dir zu machen weißt, und dazu: Freiheit, dein Himmelslehen, die dich rüstig macht, deine Seele zu reifen, deine Kinder blühen und schön zu machen, — und erinnern, was du verschuldet hast, weil du nicht warten konntest, warten Jahre und aber Jahre, bis das kam, was du träumtest, und nicht lieber mit allen Träumen wie eine triumphierende Meereswoge in dein Grab gestiegen bist, so hilft dir all das doch nichts, denn du bist kein Mensch, du bist eine Sünderin bloß, auf die jeder den ersten Stein zu werfen bereit ist, am ehesten aber ihr Mann, und bist nicht würdig, Kinder zu haben, denn du bist gemein. Denn mit einer Ehe verhält es sich so, daß du sie nur nicht zerbrechen darfst, brechen darfst du sie in Hirn und Herzen wohl tausendmal bei Tag und Nacht; aber wenn du nur deinen Leib im alten Bette läßt, so bist du edel und würdig, Kinder zu haben.“
Renate war so heftig aufgesprungen, das der Deckel des Klaviers, auf dem ihre Hände lagen, zuschlug und alle Saiten nachdröhnten.
„Es ist Wahnsinn,“ sagte sie, „es ist mir unerträglich zu hören.“
In ihrem großen, schwarzen Kleide rauschte sie in der Kapelle hin und her, blieb stehn, faltete die Hände vor der Brust und rief zu ihm hinauf:
„Ich will nicht, daß es wahr ist, Georges, ich will es nicht! Es macht mich unrein in allen Frauen, die so etwas dulden können. Sage, daß es — vergieb mir, Georges,“ bat sie leise, „ich habe dich über mir vergessen.“
Sie wogte, ihr war, als müßte sie in Tränen ausbrechen. „Ulrika, was sind wir für Wesen,“ klagte sie, „es ist ja nicht zu sagen!“
„Dies, Renate,“ hörte sie Saint-Georges von oben, derweil Ulrika gesenkten Hauptes verblieb wie vorher, „dies ist ja alles nichts. Auch das ist nichts, daß ein Mann, weil er zu schwach ist, daran zugrunde geht. Aber daß eine Frau, eine solche Frau, die ich beschrieb, es nicht nur leidet, sondern sich daran gewöhnt, das ist — sagen wir — erstaunlich. Erinnerst du dich“, fragte er, „Dora Vehms, der Schwägerin Irenens?“ Renate nickte. „Ich denke,“ fuhr er fort, „die muß dir gefallen haben. Ich weiß Einiges von ihr, sie soll an Lebenskräftigkeit, an sachlicher Tüchtigkeit ein Wunder sein; ihr sah das Bild jener Frau, das ich bei den Briefen meines Vaters fand, etwas ähnlich, und ich glaube, sie wars auch im Wesen. Nun denke dir solch eine Frau, und weiter denke dir folgendes.
„Bei den Briefen meines Vaters — die er also scheinbar von ihr zurückerhielt, wie er ihr die ihren zurückgab, denn ich fand keine — lagen zwei mit einem Jahre späteren Datum; der eine von seiner, der andre von ihrer Hand. In dem ihren stand etwa folgendes. Er möge ihr doch nicht schreiben; er wisse, daß sie versprochen habe, jede Gemeinschaft mit ihm abzubrechen, und sie wolle das halten. Nun wolle sie ihm aber noch mitteilen, daß sie sich sehr über die Nachricht von der Geburt eines Sohnes gefreut habe; ja, so sehr, daß sie gedacht habe, nun dürfe sie auch noch einmal eine Freude haben, und die sei ihr denn auch erfüllt, und sie habe vor einiger Zeit einen Sohn bekommen.“
Renate sagte: „Au!“ ohne es gewollt zu haben.
„Wunderst du dich“, hörte sie Georges, „über die Logik? — Das also schrieb sie und setzte noch hinzu: alles was je zwischen ihnen Beiden gewesen wäre, das sei unvergänglich, oder so ähnlich. Und zum Schluß wiederholte sie: er möge ihr, wie gesagt, nicht schreiben. Wenn er ihr aber doch schreiben wolle, so möge ers gleich tun, denn ihr Mann sei eben verreist. — Sagtest du was, Renate? Sag au, Renate, immer sag au, aber bitte: denke dir keine alberne Gans als Schreiberin jenes Briefes, denke dir Dora Vehm, die du kennst, ja denke eine so verständige Frau, wie du selbst bist, und wundere dich nur, wie — Erniedrigung die Menschen erniedrigen kann! — Sie bekam also einen Sohn von — dem Mann.
„Und der andre Brief,“ redete er mit einer grausamen Leichtigkeit weiter, „den ich fand, der von meinem Vater, der war augenscheinlich nicht abgeschickt worden. Es stand nur darin, daß er auf ihre Nachricht hin nichts weiter sagen könne, als daß sie durch die fortgesetzten Keulenschläge auf ihn, und damit auf sie selbst, sich gleichsam immun gehämmert habe. Er empfinde deshalb weiter keinen Haß gegen sie, müsse aber doch sagen, daß, wenn er hören würde, jemand habe sie durch ein rasches Gift oder durch einen Messerstich aus der Welt geschafft, daß es ihm nicht leid sein würde.“
Er schwieg. Renate saß so völlig leer von Gedanken und Gefühlen, daß sie mit einem seltsamen Schauder die Flammen der Lichter, die Gestalt von Georges, Ulrikas Kopf, die Wände, alles in sich hereinschweben spürte, als ob sie Luft geworden wäre und alles umfassen könnte. Dann schmerzte ihr Kopf; sie kam zu sich. Saint-Georges sagte:
„Was haben wir denn, wir — Andern? Wenn es denn schon Niedriggeborene giebt, und wenn sie uns zwingen können, was haben wir denn für uns, als: besser zu sein und immer besser zu werden? Wenn sie niedrig sind, so ist doch ihre schlimmste Niedrigkeit die, daß sie uns nicht verstehn, und daß sie uns verurteilen, wir aber, wir können sie verstehn und ihnen die Niedrigkeit nachsehn. Dieser Mensch da, dieser Andre, ihr Mann, der hatte nie etwas andres als sich selbst und seine Begierden. Die aber sind es, die nichts haben als sich und ihre Begierden, die sich zum Schutze jene Gesetze ausgedacht haben, nach denen nun alles geregelt wird. Wenn du nach Jahren des Jammers und des Ekels, der Ohnmacht und der Verzweiflung dich eines Tages vergißt und in deinem armen, unseligen Mädchenhunger nach ‚Glück‘ den Rest der Süße, die dir noch verblieben ist, mit einem andern Mann teilst, als deinem Ehegatten, so bist du nur gemein und wert, davongejagt zu werden. Giebst du aber nach, weil du Kinder hast und weißt, man stirbt an vernichteter Liebe vielleicht, aber niemals an Mutterliebe, und bleibst und läßt dir Leib und Seele vergewaltigen, so bist du edel und gut, und ob du gemein bist oder edel, das hängt nicht von dir ab, sondern von dem, was du zu tun scheinst. Die Kinder aber, die du geboren hast, mit deinen Schmerzen, mit deiner Todesnot, mit deiner unbeschreiblichen Gutwilligkeit, etwas herauszuschenken aus deiner Fülle, und wenn es dich das Leben kostet, die du ernährt hast und erzogen, jahrelang allein, während sie deinem Mann ein unverständliches Spielzeug waren, und späterhin, wo er nicht viel mehr Zeit für sie hatte, als sie Sonntags zu prügeln für die Wochensumme ihrer Unarten, — diese Kinder legt er dir als Kette um dein Herz und erdrosselt dich mit deiner eignen —“ Er verstummte und fuhr gleich darauf leiser fort: „Das Gesetz, so heißt es nämlich, ist für Alle da und muß deshalb schematisch sein. Verfolgst du nun aber einen Scheidungsprozeß, so findest du Monate und Jahre womöglich an Zeit und Mühseligkeit aufgewandt, um jeden Schmutzfleck, jedes Staubkorn aufzudecken, um alles und aber alles aufzuhäufen, was mit dieser Angelegenheit nur von fern einen Zusammenhang haben könnte, aber geurteilt wird am Ende nach dem Schema. Ist das nicht ein ekelhafter Widersinn? Dies aber ist möglich, denn hier liegt das Gesetz mit seinen angestellten Richtern und hier die Einrichtung der Anwälte. Denn das Gesetz, heißt es, muß da sein, danach kann es verdreht und gedeutet werden. Wem aber kommt dies zugute? Den Findigen, den Hurtigen, den Geschickten, und allemal sind auch dies die Untiefen, die Leichten, die Liederlichen, die zur Ehe zusammenlaufen und wieder auseinander, die ihre Kinder verwahrlosen lassen oder zerdrücken, die gar nicht wissen, was ein Kind ist, dies heilige Geschöpf, die finden im Gesetz ihre Möglichkeiten, ihre Erlaubnisse, ihre Freiheiten. Aber der Edle, der Schwere, der Wahrhaftige, der Zarte, der Scheue, der Liebende, der Fromme, wenn der sich fürchtet, vor allen Augen den Unrat zu offenbaren, mit dem er beschmutzt wurde, so kann er von jeder Bestie vergewaltigt werden, deren Eigentum er zufällig ist wegen einer jahrealten Unbedachtheit. Bei Gott hat dein Vetter Josef recht, als er sagte, daß der Mensch vielleicht gut sei, alle zusammen aber eine Gemeinschaft von Bestien.“
Nachdem seine Worte stets eisiger und härter geworden waren, hörte Renate ihn nun mit Gelassenheit sagen: „Merke dir für alle Fälle, was ein Gesetz ist. Ein Gesetz ist keine Einrichtung, um zu nützen, zu schützen, zu erleichtern, den Guten zu helfen und die Schlechten zu unterbinden, das Gute zu fördern und das Böse auszutilgen, sondern ein Gesetz ist dazu da, daß die Menschen nach ihm gemessen und beschnitten werden, daß sie mit ihm sich gegenseitig verurteilen und mißhandeln, Gewalt antun und verkröpfen.“
Er war, noch während er den letzten Satz hinwarf, aufgestanden, kam vom Podium herunter und reichte Ulrika die Hand. Neben Renate stehend, sagte er:
„Lies die Briefe. Sie sind schön, sie sind leidlos. Die übrigen hab ich verbrannt. Es steht nirgend der volle Name der Frau drin, an die sie gerichtet sind, und das ist ganz gut.“ Renate sah trübe zu ihm auf, aber er lächelte nun und schien alles für erledigt zu halten. Sie faßte seine Hand und fragte ängstlich:
„Sag mir noch —, ist die Krankheit deines Vaters — —, hängt sie zusammen mit —“
Er schüttelte nachdenklich den Kopf und erwiderte: „Laß das Fragen. Es weiß keiner genau. Krankheiten des Gehirns kommen wohl niemals von außen, sie können höchstens beeinflußt und — vielleicht — verfrüht werden. Also vielleicht ein Unterschied von fünf Jahren, um die ich länger einen Vater gehabt hätte. Er ist nun tot und hat Frieden. — Draußen ist Februar. Da zieht ein Winter nach dem andern herauf. Er und die Gestorbenen bleiben sich unveränderlich gleich, und dazwischen leben wir und geben uns keine Mühe. — Gute Nacht, Kinder, gute Nacht!“
Es war lange Zeit still in der Kapelle. Ulrika stand auf, ergriff die Lichtschere und beschnitt alle Dochte vorsichtig und säuberlich. Renate ging in der Kapelle hin und her, stieg zur Orgel hinauf, setzte sich. Sie schauderte leise, bedenkend, daß der Freund nun wieder durch die Winternacht ging, allein, zu dem gelähmten Bruder und der Aussicht auf die Gefängnismauer, die sie plötzlich begriff. Tief aus ihrer Versonnenheit fragte sie endlich Ulrika, die wieder vor ihren Noten saß: „Und was sagst du zu alledem?“
Ulrika hob langsam den Kopf. Gegen die Dunkelheit hinter ihr zeigte sich, von den Kerzenflammen hell beschienen, ihr Profil, streng Nase und Brauen, wie wenn sie spielte, und in dem für Renate sichtbaren Auge glänzte es feucht und rötlich auf vom Lichterschein. Sie sagte nichts, sondern klappte das Heft vor sich zu, stand auf, ging um den Flügel, legte es hin, legte, in der Einbuchtung des Flügels stehend, beide Unterarme auf die Platte, senkte schließlich den Kopf tief darüber und sagte:
„Ich bin auch verheiratet.“
Renate zuckte zusammen und regte sich nicht. Aber da richtete Ulrika sich schon wieder auf, strich eine Haarsträhne aus der Stirn, machte sie fest, wandte sich und sagte:
„Du mußt nichts Falsches denken. Mein Mann ist sehr gut. Ja, er ist wohl noch viel besser, als ich bisher gedacht habe, nach dem, was ich heute höre. Aber die Menschen werden wohl allerlei reden, weil er niemals hier ist.“
Sie legte die Arme wieder auf die Platte, ließ die Augen umherwandern und sprach leise weiter:
„Du mußt wissen, daß ich niemals etwas andres gekannt und gewußt habe als mein Klavier. Ich verlobte mich, weil es so kam und wir uns sehr gern hatten, und am Ende heirateten wir auch, aber ich dachte nicht, daß das etwas Besondres wäre. Ich wußte ja nichts. Gar nichts. Und so — nun, so war ich am andern Tage wieder bei meiner Mutter. Ich bin dann wieder zurückgegangen, aber — seine Frau bin ich nie gewesen. Ich weiß nicht,“ sprach sie schnell weiter, „all das hat mir immer ganz einfach geschienen, nur dies eine, das er von mir verlangte, als etwas Ungeheures, und jetzt ist es plötzlich umgekehrt, und es scheint, als wäre es ungeheuerlich, daß er sich in alles fügte, aber das eine hätte ganz einfach sein sollen. Oder doch nicht? Wer sagt mir das nun? Da ich nichts wußte, so wußte ich doch auch von mir selber nichts. Ich brauchte mich selber ja nicht, ich hatte ja mein Klavier, wozu mußte ich das eine für mich behalten? Wem hab ich damit gedient? Mir doch nicht. Wie er leben mag, das weiß ich freilich nicht, er ist in seinem Auslandgeschwader, und wir reisen jedes Jahr ein paar Wochen zusammen. Das ist freilich keine Ehe.“ Sie brach ab und legte das Gesicht in die Hände.
„Wenn es dich beruhigen kann,“ sagte Renate sanft, „ich würde so gehandelt haben wie du.“
„Ach,“ sagte sie nun, aufschauend erhitzt und rot, „das ists ja wohl gar nicht, was mich plötzlich beschwert. Ich habe ja auch meine Freiheit und kann —“ Sie brach wieder ab, legte jählings den Kopf in die Arme und auf das Instrument und weinte.
Renate glaubte, alles zu wissen. Sie stand leise auf, ging hinunter und zog die Weinende in ihre Arme. Dort wurde sie bald ruhiger, trocknete ihr Gesicht, lachte leise und sagte:
„Du meinst nun, ich dachte, es könnte mir so ergehn wie der Frau, von der er erzählte, aber findest du nicht, daß ich einen Vorsprung habe? Oswald ist doch gut, ich weiß, er ist gut“, sie faltete die Hände, drückte die Unterarme gegen die Brust und die rechte Wange gegen den Handrücken und fragte ängstlicher: „Glaubst du nicht, daß er gut ist? Nach allem, was wir hörten —, aber —“ sie warf Hände und Arme auseinander, ließ den Kopf sinken und sagte: „Da hab ich zeitlebens in die Noten gestarrt, und wenn was passiert, werde ich selber schuld sein. Endlich kam Bogner und machte ein Fenster auf; das war er selbst, und vor lauter Wundern und Gegenständen draußen sah ich ihn selber nicht. Da kommt nun dieser Saint-Georges und macht das Fenster einfach zu, und da steh ich nun, und da seh ich ihn nun, und es ist finster, und draußen mögen die schrecklichsten Dinge bevorstehn —“ Sie verstummte und starrte verloren an den Boden. —
„Komm,“ sagte sie plötzlich, „ich muß heim.“
Sie fing an, die Lichter auszublasen. Renate ging willenlos zur Kurbel für die elektrische Lampe, die häßliche Helle bedrückte sie, und Beide verließen eilig und schweigsam den plötzlich ungastlich gewordenen Raum.
Renate, in ihrem Zimmer später, glaubte beide zu spüren: von Ulrika her Schatten einer Zukunft, von Saint-Georges her die Schatten des Vergangenen, und ihr Herz zog sich schauriger als je zusammen. Dann aber ließ dies ab, und statt dessen brachen von innen die Schauder der Gegenwart, da sie sich mit deutlichen Worten sagen mußte: Da stehst du unversehrt und freust dich dennoch nicht, sondern du ängstigst dich vor Kommendem, und gleichfalls wäre dir alles andre lieber als diese deine schöne Leere. — Da — plötzlich — erschien die immer fremde Freundin ihr, wie sie zuvor neben dem Flügel stand im Lichterschein, seidenbraun, rot im Haar, und bleich neben dem schwarzen Ungetüm, und die Arme auseinanderwarf und etwas sagte, das Renate nicht mehr wußte und verstand, in den schmerzlichen Brauen aber, in den Winkeln des Mundes und in den Augen so viel jäh ausbrechende Inbrunst und innerstes Leuchten, daß Renate erschrak. — Sie ging auf und ab im Zimmer.
Ihre Brauen —, an denen hing sie jetzt fest. Was ist denn, Ulrika, du fremde Seele, nun habe ich Jahre schon, sooft du saßest und spieltest, deine Brauen geliebt — fast — ja fast wie ein sehr schönes, adliges Tier, einen Aar, einen Sperber — so ernsthaft ausgebreitet schwebten sie dunkel überm großen Strom der Musik, — und immer doch habe ich sie vergessen müssen, wenn der Strom endete und — du selber da warst. Dann blieb da ein feines, zartes, unendlich gescheites, ernstes und liebenswertes Geschöpf, aber zwischen ihm und mir — war Zwischenraum, und ging er nicht von dir aus? eine Zauberluft, in der du dich abschlossest? Und warest du erst abwesend, so vergaß ich dich fast, und du warst nicht viel mehr als ein farbiger Schatten.
Und das wars natürlich auch — ja, das wars vor allem: Wann hätte sie je von sich selber gesprochen? Oder so sie’s tat, wars — Musik; ihr Lernen, ihr Vorwärtskommen, Konzerte ... Warum aber das? Ach, sie war doch verheiratet, hatte einen Mann —, wovon zu sprechen natürlich gewesen wäre, aber dies — hatte ja kein Dasein in ihr, es sei denn ein so verfehltes, daß es verdeckt werden mußte vor ihr selber. Und er — mein Gott, ja — er, der Einzige, der ihr der Nächste sein sollte — ihn mußte sie immer fernhalten von allen Gedanken, vom ganzen Leben, — und davon blieb die Haltung dann wohl, die innerlich abweisende Gebärde, die Einsamkeit, in der dem dunklen Göttervogel an ihrer Stirn die Flügel hingen, bis er sie wieder ausbreiten durfte im pfeilgraden Flug über Strömen.
Sie blieb stehn und sah den Ech-en-Aton, der aus seiner Ecke über sie hinweg blickte, wie seit ewig. Ja, staunte sie, du ja auch! In Ulrikas Haltung nicht, nicht in den Zügen, — im Wesen war dieser Blick — über alles hinweg, der mir manchmal — wie Hochmut schien, trotz deines warmen und glühenden Herzens, für alles was edel, rein und wahrhaftig ist. Doch verurteiltest du manchmal, und wo du nicht verstandest, da wolltest du auch nicht verstehn. Oh gleichviel, bin ich vielleicht besser? — Diese Frau — Renate wandte sich ab —, wie Georges sie erklärte, war sie unsäglich liebenswert und traurig, allein — — Sie blickte wieder das kleine Königsantlitz an. ‚So glaubten Heilige, und so verbürgt es die Form der Sonnenblume‘, murmelte sie. Sich verwandeln, wie? Ja — Ulrika, — sie war Musik und nichts andres. Wie sagte sie selber? „... daß ich nie etwas andres gekannt habe als mein Klavier.“ Das wars wohl. Und du, Bogner — ah, wars das, was dich zu ihr zog: Glut, unstillbar, wie die deine, zum einen Ziel, und die Verwandlung? Du aber bist doch nicht einsam, nicht verschlossen, obgleich ... Sie brach seufzend den Gedanken ab.
Nicht einsam? nicht verschlossen? nicht mir ewig fremd?
Und doch, fing sie nach einer Weile wieder an, kaum bemerkend, daß sie auf einem Stuhl saß, — Ulrika war — mehr als — beschlossen. Sie war — — Angestrengt nach einer Vorstellung suchend, fand sie schließlich: befangen. Das ungefähr, dachte sie, gefangen in sich selber, unfrei irgendwie in der einen Aufgabe. Georges — Renate lächelte —, was würdest du nun sagen? — Jedoch fiel ihr ein Wort Josefs ein: Tennisspielende Frauen werden schief; tennisspielende Männer niemals. Und — hatte er hinzugefügt — jeder Frau, die alles an eine Sache setzt wie ein Mann, es sei denn an die natürliche, ergeht es wie den Tennisspielerinnen.
Ist uns denn — mein Gott! — murmelte Renate verzagt, wirklich nur die eine Stelle im Dasein gegeben, um zu lieben und ganz wir selber zu sein und schön?
Wieder war über ihr das Königsgesicht, fortblickend ins Ewige. — Er lächelt ja! durchzuckte es sie leise. Sie senkte den Kopf: Und was steht vor deiner Seele, Renate, und fordert die Verwandlung?
Lange Zeit blieb alles leer in ihr und dunkel. Dann fiel ihr ein, daß sie das Paket mit den Briefen in der Kapelle hatte liegen lassen. Also ging sie fröstelnd und traurig, — von Treppe zu Treppe, von Zimmer zu Zimmer von dem auflohenden und verlöschenden Licht begleitet, durch das dunkle Haus, den zerstörten Frostgarten und in die Kapelle, wo sie noch die halbe Nacht, da Streichhölzer fehlten, unter der hochhängenden Glühbirne saß und schaudernd in der Nachtkälte mit heißem Gesicht las, als wäre sie es Saint-Georges schuldig, was sein toter Vater einst schrieb.
Zweites Kapitel: März
Leda
Georg, abgespannt von überhitzten Arbeitswochen in Mozarts Figaro sitzend, merkte schon während des ersten Aktes, daß es ihm wie immer erging: nach dem ersten wunderbaren Durchspültsein von der göttlichen Musik, dasitzend mit geschlossenen Augen, um die Bühnengeschehnisse unbekümmert, entfaltete in ihm sich Phantasie; Bilder, von den Klängen tiefer gefärbt und bewegt, schwirrten auf, schwanden, wiederholten sich und vergingen unter neuen Erinnerungen an dies und jenes, Gedanken an die Zukunft, die er erleichtert sah, plötzlich ein Stück Traumes aus der letzten Nacht, ein Mädchen, eine Frau — deren Gestalt und Züge ihm kaum noch erinnerlich waren, die er geliebkost hatte, wie sie ihn, bis zur höchsten, letzten Wollust liebkost, in einem Garten ... worauf er, erwachend, dann merken konnte, daß nur seine Seele geträumt hatte, nicht aber sein Leib. Und wieder, wie in der Nacht, fühlte er das Peinliche der Erleichterung, — und Erleichterung doch. Diese Weise war immer noch besser als — — er zerdrückte das Übrige, sah, die Augen öffnend, ein wenig geblendet von der Helligkeit der Bühne, eben den Grafen, ohne daß ers gleich merkte, den silbernen und blauen Cherubim aus der Decke hüllen, lächelte zerstreut und ließ sich untergehn im harmonischen Wirrwarr der Instrumente und Stimmen, bis der Vorhang fiel.
Benno hinter ihm seufzte tief auf, und sein heißes, gerötetes Gesicht kam zum Vorschein mit ersterbenden Augen. Allein, wie deren Blick jetzt in das Logenhaus hinunter geriet, zeigte sich Erschrockenheit darin. Er faßte Georg am Arm und flüsterte:
„Sieh nur! das Gespenst unten! Drüben auf der Seite, in der dritten — vierten — fünften Parkettloge, wo all die Schauspielerinnen sitzen!“
Georg suchte dort, über die Brüstung der Proszeniumsloge geneigt, und gewahrte in der Tat bald ein seltsam gespenstisches Gesicht, das, als gehörte es zu einem Kinde, dicht über dem grünen Plüschwulst der Brüstung war: gelbes, in die Stirn gekämmtes Haar, unter dem hervor aus dem ganz weißen, altkindischen Gesicht mit spitzer Nase, unbestimmt helle Augen umherspähten, sich verdrehend, so daß darin das Weiße glänzte, äugend in einem abstoßenden Gemisch von Munterkeit und Bosheit. Ein Gespensterwesen ohne Jugend und ohne Alter, fast Knabe und fast Mädchen ...
„Siehst du?“ raunte Benno. „Ein Vampir!“
Allein Georgs abirrender Blick hing an dem Gesicht daneben fest, aus dem zwei schöne und traurige, dunkle Augen ihn anblickten; ihn? — ja — gewiß — ihn, — und zwar senkte sie wohl gleich die Lider — sehr schwarz und lang mußten die Wimpern auch am untern Lide sein, denn die Augensterne waren rundum verschattet —, aber im nächsten Augenblick kam der Blick wieder empor und hing an ihm fest, viele Sekunden lang. Dann wagte Georg es, zu lächeln; sie blieb ernst. Nein, nun lächelte auch sie, traurig, und schlug die Augen nieder.
Georg streckte die Hand nach dem Opernglas, das Benno haben mußte, murmelte, er müßte das Gespenst sich näher ansehn, erhielt es und konnte nun die Gesichter beide nahe vor sich sehn und in fast natürlicher Größe. Das des Gespenstes war weiß geschminkt und abscheulich; auch das der Andern war — ein sehr weiches, fast rundes Oval — weiß, eher ein wenig grau, wie von vielem Schminken. Auch diese — waren es wirklich Schwestern? — trug das Haar in die Stirn gekämmt, aber es war tiefbraun, sehr altem Mahagoni oder polierter Eiche gleich, ja, es schien fast einen grünlichen Hauch zu haben wie Bronze, — aber das kam wohl von dem nahen Samtgrün der Brüstung und — ja, auch ihr Kleid war von ähnlich grünem Samt. — Befremdend war der Mund, von dem nur in seiner Mitte ein hagebuttengroßer, tiefroter Fleck der Oberlippe sichtbar war; die Mundwinkel, tief ins weiche Wangenfleisch eingebettet, waren darin wie ausgewischt, ähnlich wie die Augen vom Schwarz der Lider.
Indem sah er sie ein kleines Opernglas heben, aber gleich wieder sinken lassen, — wohl da sie das seine auf sich gerichtet sah.
Und dann, nachdem er das seine fortgetan, blickten sie einander wieder in die Augen, in Pausen, wieder und wieder. Es war süß, melodisch, — fast wie Drosselgesang, dachte Georg. — Dann begann der nächste Akt.
Wer ist sie? dachte Georg, wieder im Dunkel geschlossener Augen und wirrer Harmonien. Hat sie mich erkannt? Ach, wahrscheinlich doch! Überall haben sie ja Photographien von mir aufgehängt. Freilich, wenn die Menschen einen vor sich sehen — im Laden zum Beispiel —, denken sie doch nicht, daß mans sein könnte. Er lächelte, da ihm einfiel, was der berühmte Gaffron, der Mime, ihm einmal erzählt hatte, wie er eine Ansichtskarte von der Wiener Burg gekauft und die Verkäuferin ihm eine empfohlen hatte mit den Worten: Da habens auch den Gaffron gleich mit drauf ...
Er wandte sich und suchte im Dunkel der Menschen unten ihr Gesicht, fand es auch, mattweiß leuchtend, und sah, daß sie zu ihm emporblickte. Obwohl er ihren Blick nicht wahrnehmen konnte, fuhr er fort, hin und wieder sekundenlange Blicke mit ihr zu tauschen, dieweil er dachte:
Will sie etwas? Sie sah so ernst aus; das muß echt sein. Nein, dirnenhaft war sie doch gar nicht! Empfand sie wirklich etwas für ihn? Ach, ja so wars immer mit ihm gewesen: die er hätte haben mögen, pflegten ihn nicht zu sehn, solange sie nicht wußten, wer er war, und die Unbekannten, die ihm ihre Geneigtheit zeigten, stießen ihn ab eben dadurch. Auch diese — — sie ging fast zu weit ... Und was nun? Nun das Anknüpfen, das unleidlich war. Sie mußte ihm erst doch mehr entgegenkommen, damit er sicher würde, dann wars ja einfach, allein — — um so mehr würde dann wieder die Zudringlichkeit ihn abstoßen ... Und natürlich grade heute mußte ihm dies begegnen, wo er nach Wochen und Wochen des Schmachtens und Leidens — nun einmal sich bedürfnislos fühlte! Dieses Leben hier war von allen Bestien die heimtückischeste.
Schweren Herzens, als der Vorhang fiel, erhob er sich doch langsam und sah sie aufstehn. Bennos Arm nehmend, schlenderte er durch das heiße Gedränge auf den Treppen und Gängen, behelligt und unwirsch vom vielen Ansehn derer, die ihn erkannten, in den Wandelgang hinter den Proszeniumslogen hinunter, der fast leer war. Sie stand in der Tür ihrer Loge und sah ihn kommen, bewegte sich vor, ging an ihm vorüber, ihn ansehend, ohne zu lächeln.
Und dann begegneten sie sich, Beide umwendend — Benno, aufgelöst in Musik, wanderte blindlings und schweigsam mit —, begegneten sich noch einmal — und lächelte sie jetzt nicht wieder? — und ein drittes Mal, worauf sie verschwand. Das grüne Samtkleid, das schlecht und lose saß, wunderte Georg, ohne seine wachsende Zuneigung viel zu stören.
Oh er würde sie lieb haben können! Wenn sie nur nicht törichten Geistes war, — aber das schien nicht so. Also mußte es sein. Mußte, mußte! Nicht wieder aus Feigheit die Gelegenheit versäumen! Nun — aber wie? — Es mußte sich finden ...
Der dritte Akt war noch nicht halb vorüber, als Georg sie mit dem Gespenst flüstern sah. Dann stand sie auf, stand noch einen Augenblick aufrecht, zu ihm aufblickend, und verschwand.
Georgs Herz tat einen Sprung und begann zu rennen. Festgebannt noch für Sekunden, erhob er sich dann doch und sagte zu Benno, er müsse ihn entschuldigen, und, verlegen lächelnd: ein Abenteuer verlangte ihn ...
„Aber wie denn, Georg?“ fragte Benno fassungslos. „Ich hab doch gar nichts gesehn!“
Georg drückte ihm die Hand, verließ eilig die Loge, ließ sich Hut und Mantel geben und lief mit angstpochendem Herzen hinunter. Noch auf der Freitreppe sah er sie unten in der Halle stehn, — ja was für einen abscheulichen, vergilbten alten graden Strohhut hatte sie denn auf dem Kopf! — Georg fand sie so entstellt, daß er fast dies als letzten Ausweg benutzt hätte, um davonzukommen, allein was sollte Benno denken? — Sie stand — er sah sie von der Seite —, langsam einen schmutzigen weißen Glaceehandschuh anziehend —, und nun wandte sie sich herüber, sah ihn und ging schnell hinaus. Er folgte. Sehr langsam; so langsam er konnte.
Die dunkle, enge Straße war voll von wartenden Automobilen und Equipagen. Die Nachtluft atmete lau. Und dort links bewegte ihr Schatten sich davon, auf das rote Leuchten der breiten Goethestraße zu. Langsam folgte Georg, mit Entschlußlosigkeit kämpfend, mit: Soll ich? und: Soll ich nicht? wechselnd fast bei jedem Schritt. An der Ecke angelangt, gewahrte er sie erst nach einigem Suchen schon fern drüben auf der andern Seite, wo das steinerne Brückengeländer die Häuserzeile fortsetzte, und etwas rascher nachgehend, sah er sie über die Brücke, am Gitter der Molkerei hinabgehn, dann um die Ecke biegend entschwinden. Selber dort — auf einmal ganz verwirrt vom Erinnerungsgeruch der Gegend, durch die ihn jahrelang sein Schulweg geführt, — sah er sie wieder auf der andern Seite der zweiten Brücke über der Flußbiegung, und sie stand still an der Brüstung, flußabwärts blickend, — dorthin, wo am linken Ufer sein alter Schulhof lag und dahinter das rote Haus mit der Sonne auf dem Türmchen ...
Ja, nun mußte es geschehn. Unaufhaltsam kam er näher. Was war zu sagen? Abscheulich war das ja! Und dies Wesen war womöglich ihre Schwester mit dem Gespenstergesicht! — Und dann ballte er sein Innres zusammen wie ein Papierknäuel, trat neben sie und sagte — eben zwei näherkommende Männer gewahrend — im Ton alter Bekanntschaft, wenn auch heiser:
„Es ist angenehm kühl hier, nicht wahr?“
Nun erst wandte sie das Gesicht herum, lächelte ein wenig krampfhaft, bewegte die Lippen und sagte endlich, dieweil Georg plötzlich in schönster Sicherheit dachte: sie hat ja mehr Angst als ich! —:
„Ja.“
Und nun gingen sie zusammen weiter, Georg besinnungslos dies und jenes redend, von der Musik, von den Darstellern, ohne zu wissen, was er sagte, — gingen die dunklen, laternenerhellten, gewundenen Straßen, wo Georg jeden Stein kannte, an seiner alten Öltzenstraße, ganz nahe am Pragerschen Hause, am Kolonialwarenhändler Kiffe, am Bäcker Engelhardt vorüber, an den alten Schildern mit Anpreisungen von Malzkaffee, Kindermehl, Leibnizkakes, — wo Georg dann merkte, daß er vor Erinnerungen wieder verstummt war — einerseits, und daß sie ja in der Richtung seiner Wohnung gingen — andrerseits.
„Wohin gehen wir eigentlich?“ fragte er da kameradschaftlich.
Sie lachte leise. „Halt in die Allee.“
Und so kamen sie über den Platz und waren bald im Dunkel der noch kahlen Lindenwölbungen. Da schob Georg seinen Arm in den ihren, und siehe da, sie faßte mit der Hand, an der kein Handschuh war, die seine, und er mußte nach einer Weile wieder loslassen, um gleichfalls den Handschuh auszuziehn.
„Und nun,“ sagte Georg in völliger Sicherheit, „nun erzählen Sie mir, nicht wahr! Wie heißen Sie? Nur den Vornamen, — Nachnamen interessieren mich nicht.“
„Cornelia“, hörte er sie sagen.
„Cornelia?“ fragte er überrascht. Wer hieß denn Cor—? Ach, Cornelia Ring!
„Nicht Cornelia,“ sagte sie lachend, „Cordelia mit d, von cor, cordis.“
„Oh Sie können ja Latein!“
„A bissel!“
„Und Bayrisch?“
„Na freilich! Oberbayrisch, mei Muttersprache!“
„Am Ende auch Griechisch?“
„Auch. A weng!“
„Das glaab i nimmer!“ versuchte Georg sich Münchnerisch. „Sagen Sie mal was auf!“
Sie sah gradeaus. Er merkte beseligt, daß ihre Finger mit den seinen spielten.
„Na, fällt Ihnen nichts ein? Dann übersetzen Sie mal: Anär tis athänaios — uk ebuleto fotografizestai!“
Leicht auflachend stutzte sie. Hatte sie gelogen?
„Was heißt denn das?“ fragte sie dann. „Ein griechischer Mann, der nicht photographiert werden wollte? Wo kommt denn das vor?“
„Also wahrhaftig, Sie könnens! Das ist so ein alter Schülerscherz. Dann können wir ja griechisch weiter reden.“
„Awo!“ sagte sie, seine Hand drückend. „Sagens mir lieber, wie Sie heißen?“
„Wissen Sie das nicht?“ fragte er unbedacht. — Sekunden vergingen, bis sie ihn ansah und fragte: „Nein, — woher soll ich das wissen?“ Und Georg atmete auf.
„Georg? Ach, das ist schön!“
„Und auch griechisch.“
„Ja: ge—vor—gós,“ sagte sie mit genauer Betonung schulmäßig, „der Landmann. Sans an Landmann, gell?“
Oh dies ‚gell‘ war entzückend! Georg schüttelte nur lachend den Kopf, und sie wanderten langsam weiter, schweigsam, während Georgs Herz immer zärtlicher, sein Geschlecht immer begehrlicher empfand. Sie nahm jetzt den Hut ab, schüttelte den Kopf, und Georg sah, daß ihr Haar kurz geschnitten rund um den Nacken fiel. Darüber erlag er plötzlich, blieb, sie festhaltend stehn, umschlang sie und drückte sie an sich, während ihr Kopf schon hintenüber sank, ihr Mund emporkam, doch traf er, sie küssend, erst die Wange. Dann, als er ihren Mund gewann, brauste sein Blut siedend auf, durchflammt von der erschreckenden Süßigkeit dieses Mundes. Er stolperte, sie schwankten, ließen sich dann los und gingen hastig weiter, Georg trunken und beglückt. Bald nahm er ihre Hand, dann zog er sie davon, durch die Bäume der Allee und in einen der Wege in den Anlagen. Und dann saßen sie auf einer Bank, er hielt sie fast auf den Knien, ihre Brust lag an ihm, sie ließ sich küssen, Gesicht und Hals, küßte wieder und atmete tief und wild.
Wieder stille geworden nach dem Ausbruch, fragte Georg, ganz froh vor glücklicher Überraschung:
„Nun sag, was möchtest du? Hast du Wünsche? Wollen wir nach Ägyptenland reisen? Oder nach Stockholm? Na?“
Sie schwieg; ihre Augen blieben geschlossen an seiner Schulter.
„Aber erst muß ich wissen, wer du bist, nicht wahr?“ sagte er leise scherzend. Da schlug sie die Augen auf und sah ihn lange an. Endlich sagte sie ganz ernst und mit tiefer Stimme:
„Ich bin nur eine arme Seele!“
Und eine Weile später hörte er, übermannt von Mitleid, Zärtlichkeit und Staunen, sie sagen:
„Bist du denn so reich? — I moan,“ setzte sie hinzu, „weils du von Reisen redst.“
„Möchtest du denn reisen?“
„Ich will, was du willst“, sagte sie leise.
Ihn überliefs. Was war das hier? Was hielt er denn hier im Arm?
Lange wars still. Ob ihr nicht kalt sei, fragte er.
Oh nein, sie sei ja ganz glühend.
„Aber schad, daß nicht Mai ist“, meinte sie dann träumerisch vor sich hin.
„Die Nachtigall ...“ fing er an.
„— müßt halt schlagen“, ergänzte sie wohlgemut, halblaut wie aus dem Schlaf.
„Also gehn wir doch hin, wo sie schlägt, Cordelia. Du wolltest dir doch was wünschen. Wünsch doch mal! Na, was möchtest du wohl jetzt?“
„Was i möcht?“ Sie lächelte geschlossenen Auges und fuhr sachte mit lieblichem, innerm Humor fort:
„Ich sollt in eim Schloß sein dürfen ... im Garten von dem Schloß —, und in an — Teich. Ja, in dem Wasser, dem kühlen, — da sollt ich stehn dürfen, bis zun Knien. Und auf meinen Armen — so ausgestreckten Armen weißt und am Kopf und den Schultern — da sollt alles voll sein dürfen von — Papagoyen. Naa! ich mein’ ja nicht Papagoyen, ich mein’ — Lerchen. So a kloans Gsindl, weißt! Aber — — das bräucht halt a net! Bloß das kühls Wasser bis zun Knien, das sollt schon dürfen“, schloß sie bescheiden.
„Und das Schloß?“
„Und das Schloß halt“, wiederholte sie befriedigt.
„Dann also los, gehn wir hin!“ entschied Georg, sprang, sie abgleiten lassend, auf und zog sie mit sich den Weg hinunter auf die chaussierte Straße zum Schlößchen. Sie sagte lange Zeit nichts, wohl im Glauben, er scherze. Plötzlich aber hielt sie an, faßte ihn mit beiden Händen bei den Schultern und fragte, ihre Augen fest und ganz nah unter die seinen haltend:
„Georg! bist du wirklich reich?“
Er bejahte verwundert. Langsam irrte ihr Blick ab, fiel, sie senkte die Stirn gegen seine Brust.
„Ach, das ist schade!“ seufzte sie tief auf. „Ich dachte, du wärest auch arm ... Aber gut bist du, nicht wahr?“ sprach sie, ihn wieder anblickend, hastig weiter, „bist du nicht? Ja, du bist gut! Oh sag doch, daß du gut bist, bitte sags, bitte, bitte sag mirs doch!“ wiederholte sie bettelnd gequält, bis er Ja sagte.
„Danke“, seufzte sie leise. „Dank dir viele Male. — — Gehn wir nun zum Schloß?“ fragte sie kindlich zum Spaß. Er nickte nur, verwirrt von all dem sonderbaren Hin und Her, aber sehr gerührt, dankbar und voll Vorfreude über die kommende Überraschung.
„Ists das?“ fragte sie, als zur Linken die Hausecke im Dunkel sichtbar wurde. Er nickte nur und zog sie weiter an der Hand, die Rampe empor vor das Portal, wo er sein Schlüsselbund hervorholte und mit den Worten „Wolln mal sehn, ob einer paßt!“ einen nach dem andern versuchte, bis er den richtigen nahm und aufschloß.
„Es geht ja auf!“ schrie sie ganz entsetzt. Er aber war schon im Saal, drehte die Lichtkurbel, nahm den Hörer des Haustelephons von der Wand, hörte nach Sekunden — dieweil er sie dastehn sah, ihren alten Hut in der Hand, fassungsloses Staunen überm ganzen Gesicht — des blassen Egon verschlafene Stimme und trug ihm auf, Limonade und zwei Gläser ins Arbeitszimmer zu bringen.
„Oder magst du lieber Wein? Ich trinke keinen“, fragte er sie, die mit runden feuchten Augen immer noch langsam umhersah. Dann schien sie ihn zu erkennen, ihre Augen verdunkelten sich schwer, auf einmal war sie vor seine Füße hin an den Boden geglitten, legte die Stirn an seine Knie und sagte:
„Habe Dank, Herr!“
Und nach einer ganzen, für Georg fast verzweifelten Minute in der Scham seines Nichtseins und Scheinens:
„Ich bin dein eigen.“ —
Dann gelang es ihm endlich, sie hochzuziehn. Sie ließ sich geduldig küssen wie ein erschöpftes Kind, lachte dann leise und verlangte, wieder in ihrem kindlichen Spaßton, „das Übrige.“
Georg schloß aus alledem mit Bestimmtheit, daß sie Schauspielerin war; zwar hatte er nie eine gesehn, die so fortwährend agierte; aber die Art, wie sie’s tat, war ihm bezaubernd.
Als aber bald darauf im Arbeitszimmer die Mondsphäre aufleuchtete, war sie vor Andacht kaum zu bewegen, daß sie die Stufen herunterkam, und dann ging sie umher und bewunderte und berührte ein jedes, die Kostbarkeiten, die Blumen, die Möbel, mit einer kleinen, scheuen, bittenden und vertraulichen Bewegung der Hand, bis sie vor dem Penserioso in vollkommenes Schweigen versank. Unterweil brachte Egon Limonade, Georg mischte ein Glas, brachte es ihr, und sie nahm es, ohne es zu bemerken, trank und gab es ihm wieder.
„Man möcht ihn immer anschaun“, sagte sie endlich. Und, die Hände faltend vor der Brust:
„So möcht man auch einmal können sitzen — immer so — und nachdenken, immerfort nachdenken, wie das alles kommt ...“
„Ja, nun bin ich im Schloß!“ stellte sie erwachend fest. „Und du bist also der Prinz. Schad, wie a Prinzessin schau ich net aus da herum!“ sagte sie, den Fuß vorstreckend, um ihn auf ihr altes Kleid aufmerksam zu machen.
Georg lief zur Truhe neben dem Kamin. Darüber gebückt, in den seidenen Zeugen wühlend, erinnerte er sich mit Macht, aber er wollte sich nicht Esthers erinnern, wühlte stumpf weiter, den roten und blauen Bademantel hervor, den Sigurd, den Kimono, den Ulrika getragen. Es mußte etwas Dunkles sein für Cordelia, — nein, es war nichts, das gepaßt hätte, außer Esthers Gewand. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, als er es Cordelia brachte und sie, ganz wie Esther dazumal, ins schnell erleuchtete Schlafzimmer damit drängte. Dann kühlte er sich mit Limonade und versuchte, zu glauben, daß Esther das Kleid gerne hergab.
Ihre Stimme hinter sich hörend, drehte er sich um. Oh sie sah nun köstlich aus in dem düstern Kleid mit feurigen Blumen, das sie, nacktfüßig, mit beiden Armen an den Leib drückte, schmitzäugig flüsternd; sie habe nichts drunter an; so weich sei’s, so ...
Er glaubte, alles zu begreifen, sprang auf sie zu, ergriff ihre Hand, lief mit ihr zur Gartentür, öffnete und zog sie ins Freie, den Weg hinunter durchs Gebüsch bis an den Wassergraben. — Das sei der Teich, den er hätte. Aber ob es ihr denn wirklich nicht zu kühl sei ...
Sie stand, den Kopf im Nacken, lange nach oben blickend. Endlich flüsterte sie melodisch und auch theatralisch:
„Nicht Mond noch Sterne in der Nacht. Dann will ich leuchten!“ und ließ das Kleid an den Boden fallen.
Georg zitterte in den Knien. Er wagte fast nicht, sie anzusehn, sah die dunkle Wasserfläche, das schwarze Strauchwerk drüben, auch — einen grauen Fleck im Schwarzen der Flut — den jungen Schwan, der sich bewegte, und endlich sie selber, die wieder erhobenen Hauptes aufwuchs aus der Erde, völlig wie Marmor so bleich weiß, so weich und schmal, aber mit vollen, schönen, breit aufgesetzten Brüsten. Sein Blut lief über, er lag an der Erde und küßte ihre Knie, ihre Füße, sprang wieder auf, wollte sie an sich ziehn, erschrak, ihre Brust berührend, weil sie kühl war, nein kalt, wie Marmor, jedoch weich, — allein sie wies ihn leicht ausweichend von sich und ging schnellfüßig die schräge Uferböschung hinab bis ans Wasser. Er sah, daß sie strahlte mit ganzem Leib. Nun rauschte die Flut, in die sie watete. Stehen bleibend, drehte sie sich nach ihm um; er hörte durch das Brausen in seinen Schläfen ihre Frage, ob der Schwan gefährlich sei, und sah, leise verneinend, sie tiefer in die schwarze Flut gehn. Der Schwan kam jetzt mit leichten Stößen heran, — er war jung und zutraulich —, bewegte voll Anmut den Hals auf und nieder, drehte den Kopf, beschrieb einen Kreisbogen, sie streckte die Hände nach ihm aus und lockte, da kam er näher, ganz nahe zu ihr, richtete sich auf, spreizte sich und schlug mit den Flügeln. Stillehaltend danach, ließ er sie sich zu ihm bücken und ihn liebkosen, schmiegte den Hals an ihr empor und legte den Schnabel auf ihre Brust.
Fast kühl ward es Georg im Hinsehn. Die Nacht war unbewegt, windlos, geräuschlos, wie ohne Jahreszeit, nur Nacht, und, ins Vorjahrgras der Uferböschung niedergleitend, fühlte er das Rieseln über Rücken und Armen vom unbegreiflichen Schauder einer Furcht, bis er jetzt ganz überronnen, schamhaft wie ein Knabe das Gesicht in den Händen verbarg, dann völlig verwirrt, glücklich, schwellend von tausend Gefühlen, sich auf dem Rücken ausstreckte.
Leise rauschte es wieder in der Flut. Er sah sie heraufkommen, nicht dort, wo er lag, ein wenig links von ihm, und hingleiten. Lange Sekunden mußte er ohne Bewegung bleiben, nach oben blickend, trunkenen Auges. Als er sich dann zu ihr wandte, lag sie abgekehrt, ganz still, und wie er nun die Hand ausstreckte nach ihrer Schulter und sich hinüberbog, erkannte er, daß sie den Kopf auf den Arm gelegt hatte und weinte. — Erschrocken zog er die Hand zurück, streckte sie wieder aus, wollte etwas sagen, blieb stumm, ratlose Bestürzung im Herzen und Mitleid, so wenig er begriff.
Plötzlich lag sie auf den Knien, das Haupt tief hintenüber zum Rücken gesenkt, die Arme schlaff. Trotz des Dunkels konnte er sehn, wie ihre Brust sich hochwölbte und spannte, bis ihr Mund mit einem haschenden Wehlaut aufbrach, und sie seufzte ein sterbend tiefes, erschütterndes: Ach!
Im nächsten Augenblick war sie aufgestanden und ging langsam, ohne nach ihm zu sehn, das Ufer hinauf, den Kopf gesenkt, schlaff hangender Arme, und weiter und zwischen dem schwarzen Strauchwerk fort, wo das Weiß ihrer Glieder noch lange schimmerte. Endlich klang leise die Tür zum Haus.
Georg wartete, still in sich hinein lächelnd. Sie schämt sich nun, dachte er, oh wie werde ich sie lieben können!
Als aber sein Blut anfing, heftiger zu sausen, das Zittern der Begehrlichkeitsangst über der Herzgrube wütender pochte, spiegelte er sich vor, sie erwarte ihn drinnen, im Schlafzimmer womöglich — und ging, jedoch langsam.
Das Arbeitszimmer war leer. Die Tür zum Schlafzimmer stand halb offen, und drinnen war Licht. Er trat leise näher und spähte hinein. Niemand war darin.
Georg fühlte sich einen Augenblick versucht, die Schränke zu prüfen, ob sie sich in einem versteckt halte, doch brachte ers nicht fertig, ging ratlos ins Zimmer zurück, und als er absichtslos über den Schreibtisch hinblickte, schien ihm dort irgend etwas verändert. Nähertretend sah er auf dem weißen Löschblatt der Schreibunterlage große Schriftzüge, mit dem Blaustift geschrieben, der noch darüber lag.
„Dank! Dank! Dank!“ las er; und darunter: „die arme Seele.“
Haß und Enttäuschung, die aufquellen wollten, kamen doch nicht hoch vor dem Schauder der Ratlosigkeit und des Staunens. Seine Stirn sank langsam vorüber, indem er in den Stuhl hinabglitt. Er hätte weinen mögen vor Bitterkeit. Dann verging auch diese in offenbares Nichtverstehn. Sie wieder im Wasser unter sich sehend, beneidete er den Schwan. Bald fühlte er sich müde, stand kopfschüttelnd auf, lächelte mit Anstrengung und begab sich ins Schlafzimmer.
Renate
Renate erwachte beim Frühgeläut aus der nahen katholischen Kirche, dehnte sich, machte die Augen versuchsweise ein paar Mal auf und wieder zu und stellte fest, daß sie friedlicher und behaglicher Laune war. Vielleicht, dachte sie, kommt ein Brief, oder Besuch, und sie streckte sich gerade aus, faltete die Hände unterm Nacken, sagte sich, wie wunderbar breit ihre Muschel von Bett sei, heftete die Augen auf die bei der Dämmerung kaum kenntlichen Züge der dunklen Madonna Feuerbachs drüben an der lichten Wand, schnurrte schließlich gähnend wie eine Spirale in sich zusammen und sprang aus dem Bett. Im Schlürfen ihre bastenen Badeschuh an die Füße bringend, ging sie ans Fenster, das weit offen stand, schlug den Vorhang zurück und fand den kaum ergrünten Garten angenehm verschleiert von einem lautlos fallenden Regen, worauf sie mit schönem Schaudern wieder unter die Decke kroch, um sich zu erinnern, was sie geträumt hatte. — Allein unvermutet entglitt sie sich selber, und langsam, nicht wissend, ob sie wache oder träume, sah sie es vor ihren Augen sich entfalten ...
Sie glaubte, daß sie auf der Veranda stehe und über die Stufen in den Garten schaue, in dem es nicht dunkel, nicht hell war; schattenloses Traumlicht herrschte, es war alles grün, Bäume und Büsche standen dichter und stiller als sonst. Da begann etwas Weißes sich im Garten umher zu bewegen, und sie erkannte sich selber, die auf dem um den Rasenplatz führenden Wege plötzlich deutlich sichtbar ward und sich in das enge Grün hinein entfernte. Darin taten sich immer neue Wege auf, und ihr Gehen war schön und friedlich anzusehn, und jetzt war sie es auch wirklich selber, die ging, und sie sah sich nicht mehr. Hinter ihr sagte die Stimme Bogners: Jetzt kommen die großen Verneigungen. Da war wieder die weiße Gestalt, sie selber, und hatte auch schon angefangen, sich zu verneigen, mehrere Male, im Gehen, und aus Verneigung und Sichaufrichten wurde ein sehr ernster Tanz, der endete, indem all dieses verschwand in einem grenzenlosen, leidenschaftlichen Schluchzen, das aus allen Tiefen und Höhen zugleich herauszuquellen schien, zusammenschlug und sie verschlang. — Renate ging suchend im Garten umher, Magda wars, die sie hinter allen Gebüschen suchte, immer ängstlicher und aufgeregter, allein immer, wenn ein Weg und ein Blick frei zu werden schien, verstellte etwas die Aussicht, ein Mensch, den sie umgehn, ein Busch, ein Zaun, ein kleines Haus, um die sie laufen mußte, und auf einmal befand sie sich vor ihrer Orgel, die mitten in einem Walde stand. Es war dämmrig geworden, und oben auf den matt glänzenden Pfeifen saßen regungslos viele dunkle Vögel ohne Augen, und sie sagte: Das sind die Eulen. Sie mußte die Bälge wohl angetrieben haben und dachte, wenn ich ganz leise spiele, werden die Eulen es vielleicht nicht merken, sonst würden sie gewiß aufgeplustert und in die Luft geworfen werden, und sie zog Vox humana und das Flötenmanual auf, aber indem sie nach ihren Füßen blickte, die sie auf die Pedale setzen wollte, hörte sie hoch über sich die Vox humana ganz fern Agnus dei singen, vor ihren Füßen aber rauschte Wasser klar hervor, die Orgelpfeifen standen darin, und in der hellen Flut wurden erst Hände, dann Bogners Züge sichtbar, die langsam nach oben schwebten, anzusehn wie ein grüner Wassergott ...
Renate fuhr zusammen und spürte, daß sie lag. Und jetzt, da das Glockengeläut schwieg, hörte sie die kleinen Takte und Pausen der schwarzen Amsel und wußte, daß die es gewesen war, die im Traum Agnus dei sang.
Eine Weile noch lag sie still; die Amsel sang nicht mehr; sie hörte das Hausmädchen, das die Treppe fegte und mit dem Schmutzblech klapperte, und auf einmal — fühlbar — merkte sie den Stillstand in sich und fragte: Wie kommst du hierher, Renate? — Sie lag und mußte still liegen, und es war Unveränderlichkeit, das wußte sie, solange sie diese Lage festhielt. Nichts konnte geschehen, zuvor war alles ein beständiges Fließen, Gleiten, Nachfolgen gewesen, nun aber war sie hier angelangt, aus gelinder Flut den Kopf an ein schlichtes Gestade hebend, rückschauend über Strom, Brücken fern, Stadt und Türme, — wie fremd sah alles aus! Wer denn hatte sie hierher getragen? Es schien ihr nun, als ob einmal viele Arme und Hände sie umschlungen hatten, worauf ihr Leben sich zerstreut, immer zur Hälfte, zu Dritteln, zu Fünfteln sich weggegeben hatte, und jedesmal entstellte und beraubte der fortgegebene auch den gebliebenen Teil. Wann hatte das angefangen? Als sie in dies Zimmer kam, in dies Haus. Ja, hatte sie vordem nicht allein auf sich gestellt hingelebt? Zugleich freilich ihrem Vater, aber wie war der ihr gewohnt gewesen! Der war nun schon so lange tot, daß sie, seiner gedenkend, nichts empfand als sein gütiges Gewesensein in ihrem Leben, nichts sah, als sein immer freundliches altes Gesicht. — Dann, ja, dann war dies hier gekommen, Erasmus, Josef, der Onkel, und bald alle die Andern, die Friedliebende Gesellschaft, Saint-Georges und — Bogner. Und lange schon waren Viele von ihnen wieder fort. Herbst, Winter, Frühling, — das waren Namen, — für was? Orgel- und Klavierspiel, Arbeit mit dem Freunde, ein Konzert, ein Besuch, ein Mensch, der von der Reise kam, Gespräche, viel Bücher, immer Beschäftigung, und alldas — wozu? Wellen durchs Herz, spurenlose. Sie mühte sich eine Zeitlang, deutliche Erinnerungen zu finden, aber im Augenblick hatte alles ins Unsichtbare sich hinweggezogen, es war leer, Windstille, Eisvogelbrüten. Siedendheiß ward ihr plötzlich. Liebte ich nicht jemand? fragte sie lautlos, aber beinah grimmig in die Stille hinein, richtete sich auf und heftete die Augen angstvoll ratlos in die regenumschleierten Wipfel draußen. Wie weiß das Zimmer ist! dachte sie plötzlich, und, mit Heftigkeit die Knie an sich ziehend, die Hände neben sich aufstützend, zur Tür blickend, sagte sie laut: Hier kommt niemand herein. —
Da mußte sie lächeln über diese Versicherung an sich selbst. Und was habe ich schon davon, murmelte sie und ließ den Kopf hängen. Eine Flechte fiel an ihrer Wange herab, sie ergriff das Ende davon und strich damit über die Decke wie mit einem Pinsel.
Ich bin wohl, sagte sie sich kühl, zu Manchem hingegangen; wer kam zu mir? Niemand. Wie? Kam nicht Josef, nicht Erasmus? Georg vielleicht, war der nicht auch auf dem Wege gewesen, und wie war das mit Sigurd? Aber du, du, du, eiferte sie böse, du kamst nicht, und was sollten mir also die Andern! — Sie schleuderte ihr Haar hinter sich zurück, packte es mit beiden Händen am Hinterkopf und warf sich so ins Kopfkissen. — Mein ganzes, unverbrauchtes Herz habe ich so in der Hand, knirschte sie wutentbrannt, wie dies Haar, meines Weges bin ich dahergeglitten, und nun kommen die tiefen Verneigungen. — Da mußte sie nun lächeln, ihres Traumes gedenkend, und jetzt gedachte sie einen schönen Namen zu flüstern, einen selbstgesprochenen Namen zärtlich zu hören, aber statt dessen schleuderte sie die Füße unter der Decke hervor und saß nun aufrecht auf dem Bettrand, vorgebeugt, die Hände aufgestemmt, und horchte. Alles blieb still, aber ihr Herz schlug laut und langsam. Plötzlich schlug es dreimal schnell hintereinander, setzte aus und ging wieder ruhig. War sie erschrocken? Sie lächelte über sich selbst. War jemand ins Haus gekommen? Die Klingel konnte sie hier nicht hören. Sie blickte auf die Uhr, es war acht. Gleich darauf klopfte es an der Tür, und das Mädchen meldete Frau Tregiorni.
Als Renate nach beschleunigtem Bad und Ankleiden herunterkam, wurde ihr gesagt, Ulrika sei in der Kapelle. Es regnete heftiger, sie mußte unterm Schirm hinübergehn. Ulrika, in einem nassen Lodenmantel und Kapuze, frisch und lebendig aussehend, stand vor einem von Bogners Engeln. Ja, nun mußte Renate erst ihr Kleid von allen Seiten in Augenschein nehmen lassen und erzählen, daß sie sich für den Winter als Haustracht drei solcher einfacher Röcke habe machen lassen, einen russischgrünen, einen violetten und einen eisengrauen; die Blusen hatten die Form eines russischen Kittels mit ledernem Gürtel, an dem der Hals frei blieb und der Verschluß von der rechten Seite des Ausschnittes schräg über die Brust hinunter zur linken Hüfte lief. Ja, und der graue Kittel war orangefarben gepaspelt, und man konnte jeden Kittel zu jedem Rock tragen, und so trug sie heute Grau und Grün zusammen. Alle Farben könnte sie tragen, jammerte Ulrika, sie mit ihrem roten Haar hätte bloß ihr ewiges Blau oder Grün, und an Festtagen Lila. „Braun hab ich dir doch offenbart“, lachte Renate und umarmte sie. — Warum sie aber wohl in aller Herrgottsfrühe herausgelaufen sei? — Dies wußte Ulrika keineswegs; es hätte so schön geregnet. Und sie hätte so seltsam geträumt, sagte sie nachdenklich.
Während Ulrika ihren Traum erzählte, frei in der leeren Kapelle stehend, den Blick im offenen Fenster, wogten so seltsame und wirre Empfindungen durch Renate, daß sie plötzlich erschrak, da sie allein, als habe sie Ulrika geträumt, vor ihrer Orgel saß. Nachträglich begann jetzt Ulrikas Erzählung sonderbar in ihr zu klingen, in einem langsam schreitenden Takt, der die Worte allmählich ordnete, und sie begann in das erste beste Notenbuch vorn auf die leere Seite den Traum aufzuschreiben, folgendermaßen: