Jetzt bin ich jung, und es läßt mir der sanftere Abend
Oft die Beruhigung schmeichelnder Lieder zurück.
Sonst die Gedanken in alternder Schwermut begrabend,
Find ich in ihnen ein seltsam befremdendes Glück.
Werde ich alt sein, so möcht ich das Wunder am Morgen
Gerne erfahren, wenn Rosen das Zwielicht durchsprühn.
Daß mir doch einmal aus Feldern der kindlichen Sorgen
Lächelnd durch Tränen die Blumen der Freude erblühn.
Er sah noch eine Weile auf die stark geschwungenen, sehr ornamental gezogenen Buchstabenreihen und wagte nicht recht, eine Meinung von dem Gedicht zu haben, da er es gleichsam wie ein Totenopfer las. Er schlug die Seite um, — da sah er auf der, von ihm leer gelassenen Rückseite des Blattes Schriftzeilen von der Hand seiner Mutter, ein Gedicht, und es war dasselbe, das er eben gelesen hatte. Er schlug die nächste Seite um und hatte denselben Anblick, nur daß dort: Elegie stand, die Überschrift des zweiten Gedichts, und so fort durch die Blätter bis ans Ende, alle die Gedichte hatte sie sich abgeschrieben, sie hatte ja zuweilen über die Schwierigkeit geklagt, seine Handschrift zu lesen, — jetzt krampfte Georgs Herz sich zusammen, er dachte noch, welche Mühe das Abschreiben sie gekostet hatte, — sie, die überhaupt nur eine Stunde am Tage zu solcher Arbeit fähig war — denn sie hatte die Abschrift immer auf die Rückseite des Gedichts geschrieben, hatte also fortwährend hin und her blättern müssen ... Georg fühlte seine Kehle zugeschnürt, es jagte ihm glühendheiß in die Augen, — so hat sie mich geliebt! dachte er noch, schlug die Hände vor das Gesicht, und im Bemühen, nicht laut zu sein vor der Toten, erstickte er fast vor Schluchzen in seinen Händen, rang mit sich, warf Kopf und Arme über die Schreibtischplatte, schluchzte laut, stand auf, wankte blindlings zu der Toten hin und fiel bei ihr nieder, stammelte, verbrennend in Scham: „Vergieb mir, o vergieb mir doch, Mutter, daß ich so schlecht —“ und fand kein Ende mit Weinen, immer wieder von innen sich mit Anklagen und Vorstellungen ihrer Liebe, ihrer Einsamkeit, ihrer unsäglichen Verlassenheit und Armut emporstoßend, bis er erschöpft, heiß überströmt und aufgelöst in Schmerz sich im Stuhl wieder fand, am Schreibtisch, und begann weiter zu lesen. Er las die Schrift seiner Mutter, zuerst die Elegie und in ihr zuerst die mit Bleistift unterstrichenen Worte: Heiliges Kindheitsland, wo bist du? — und tiefer die ebenfalls unterstrichenen:
Aber es ist uns gegeben kein Raum uns zu ruhn, als zu Füßen
Hinzubetten uns dort, wohin wir abends gelangt ...
— die ihn wieder zittern machten vor Mitleid, da sie ihm wie für sie geschrieben schienen. — Einige Zeilen unterhalb dieser Worte hatte sie eines nicht lesen können und eine Lücke gelassen; ‚sicher‘ mußte es heißen; er wäre fast wieder in Tränen ausgebrochen bei dem Gedanken, daß sie immer eine Lücke hatte lesen müssen ... Dann sammelte er sich und las:
Einer vergänglichen Welt entsproßt und seit alters leibeigen,
Seh ich entgleiten die Zeit, Sand in verrieselnden Sand.
Was ich empfange als Gold in die mühsamen Hände, es rinnt als
Staub, unfruchtbarer Staub auf den entfliehenden Weg.
Vor mir leuchtet der Pfad und erreichbar himmlische Landschaft,
Städte und Wälder, der Strom, Berge zum Äther getürmt,
Berge, beladen mit Wolken gleich Ballen voll göttlicher Schätze,
Hinter mir dämmert aus Nacht trostlos zerfallende Welt.
Finster im Zwielicht der Sterne, der ruhigen, kühlen, erheben
Sich die Ruinen, einsam, Mauern, ein Baum oder Turm.
Heiliges Kindheitsland, wo bist du? — ach, und mich fröstelt!
Stets auf der Wandrung, wie gern möchte zurück man, das Haupt
In dem Vergangenen ruhn, in bekannte, erleuchtete Räume
Treten, wo Wand auch und Bild grüßt und ist freundlich gesinnt.
Wo vor dem Schlafengehn man sicher sich fühlt und erleichtert
Nickt zu den Sternen hinauf, gütiger Müdigkeit froh.
Aber es ist uns gegeben kein Raum uns zu ruhn, als zu Füßen
Hinzubetten uns dort, wohin wir abends gelangt.
Ja, auch das Fremde ist gut; das Weib auf eigener Schwelle
Schenkt von dem Überfluß liebreicher Mienen auch uns.
Freundliches Wort gedeiht ja auf Erden, — die Züge auch Fremder
Scheinen nicht achtlos, und nur innen ist jeder für sich.
Innen tönt immer die Mühle, die eherne, welche die Körner
Mahlt der stürzenden Zeit: Immer gefüllt von dem Schwall,
Stehen wir tönend und rauschend im Ewigen, mahlende Mühlen,
Schwarz auf den dämmrigen Kreis der Horizonte gestellt.
An Lornsens Mühle dachte ich dabei, erinnerte Georg sich dumpf und drehte langsam das Blatt um. ‚Klage‘ las er; in diesem Gedicht war nichts angestrichen.
Wir sind heimatlos, wie sind heimatlos,
Unsre Welt ist viel zu groß.
Unsere Lampen brennen viel zu grell,
Alle Wege enden schnell.
Dunkel schäumt in uns das Blut und läuft,
Sehnsucht, die nach innen träuft,
Hebt mit Geisterhänden aus der Bucht
Schwer empor des Lebens Frucht.
Oft — verfinstert sich ein Nachmittag —
Harren wir gewitterzag,
Schwüle drückt an unsrer Stirnen Rand,
Heiß und hastig seufzt das Land.
Doch, hier waren zwei kleine Striche seitwärts neben ‚Rand‘. Seine Mutter hatte das Gedicht zuweit rechts angefangen, nun kam sie mit dem Raum nicht aus, — Georg betrachtete wehmütig ihre ein wenig englisch aussehende, sehr vorwärts flüchtende Schrift, mit langen, darüber fliegenden t-Balken, d-Haken und u-Strichen, die sehr weit und flach hingezogenen Verbindungsstriche zwischen den kleinen Buchstaben, die dem Ganzen einen Schein von straffer Flüchtigkeit gaben, und diese Art, die letzten Worte der Zeile, wenn der Raum nicht reichte, umzubiegen nach unten, so daß in diesem Gedicht fast alle Zeilen wie mit Haken am Seitenrand festgekrallt hingen. — Nun las er weiter:
Doch es wird nur Nacht und tot und dicht,
Fortgezogner Wetter Licht
Zeigt die Flur, ein bleiches Nachtgesicht,
Das umdunkelt und verweint
Fremd wie eine ferne Heimat scheint.
Neben den ersten beiden Strophen des folgenden Gedichts waren starke und lange Bleistiftstriche; Georg las:
O schwarzer Himmel in mir! und giebt es nichts
Denn, nichts, zu schmelzen mich? keine funkelnden
Azure glühender Sommer? und die
Bäume und Quellen und Vogelstimmen
Sind ganz umsonst? nur tiefer im feurigen
Gewoge voller Strahlen bewahrst du die
Furchtbare Starrheit und die Schwere
Schwärzer und drohender mir im Herzen ...
— und erschrak, so sehr brannte sich jedes Wort, als sei es für sie geschrieben, in sein Herz, aber er hatte an sie nicht gedacht, nicht einmal, als er dies abschrieb für sie, hatte den Gram seiner so leichten Seele dahingesungen, und sie fühlte, ja, sie fühlte den schwarzen Schmerz im eigenen Kopf und die Blindheit und — — Verzweifelt und mit umdunkelten Augen las Georg weiter, fast aufschreiend, als er eine zitternde Linie, voraufeilend mit dem Blick unter den Worten: gekühlten Windes Balsam — fand:
O Gott der süßen Früchte und Amselschlags,
Der sanften Regen träufelt und schmelzenden,
Gekühlten Windes Balsam schüttet
In die geduldigen Völker der Ähren:
O senke einen kühlenden Strahl, nur ein
Aufküssend Säuseln über mein Heimatland.
Und tausend Ernten duften, tausend
Lerchen entschwirren, geblähten, feuchten
Georg eilte hastig zur nächsten Seite, oh es war grausam, hier fand er die Worte unterstrichen: der Kranke seufzt, und seiner Stirn Gewicht drückt ihn zurück, — zu meiner Strafe! knirschte er sich an und las:
Aus dumpfen Wolken taucht der trübe Mond
Wie eines Kranken Antlitz aus den Kissen,
Die er schon viele Jahre lang gewohnt,
Mit müdem Blick, der nur begehrt zu wissen,
Ob noch im Nachbarhaus der Kranke wohnt,
Der näher schon als er den Finsternissen,
Daß ihn sein Anblick tröstet und belohnt.
Im Hause drüben glimmt herauf ein Licht,
Das wie mit Fingern, fahlen, leichenblassen,
Zitternd durch dunkle Fensterscheiben bricht.
Der Kranke seufzt, und seiner Stirn Gewicht
Drückt ihn zurück. Er seufzt und weiß es nicht,
Daß dort der Schimmer in der Nacht der Gassen
Nur Widerschein vom eigenen Gesicht.
Angstvoll schlug Georg die letzte Seite um. Nur noch ein Gedicht, — nein, hier war nichts unterstrichen, und er las, immer noch argwöhnisch:
Tod und Zweifel
Aus dem Haus der Freude ausgeschlossen
Jag ich mit den beiden schwarzen Rossen
Durch die finster schweigenden Alleen
Tief hinunter, wo kein Ende dämmert.
Auf den beiden nassen Rossensrücken
Stehend wie auf schwanken Nachenbrücken,
Hör ich ihren Atem schnaufend gehn
Und den Hufschlag, welcher dröhnt und hämmert.
Niemals kommt ein Ruf aus meinem Munde,
Bleich und stumm und traurig ist die Stunde,
Wo kein Stern und keine Lampe flämmert,
Nur die Ebnen seh ich, die sich drehn.
Plötzlich stehn sie keuchend still und zittern,
Und statt ihrer rauscht der nächtige Regen.
Einem Morgenrot, das sie nur wittern,
Schreien ihre Häupter dumpf entgegen.
Georg starrte auf die letzten Zeilen. Freilich —, etwas, das sie damals auf sich passend finden konnte, stand nicht darin, aber wie hörte er den dumpfen Schrei in dieser Nacht, aus der ganzen langen Lebensnacht seiner Mutter! — — Aber da standen ja noch Gedichtzeilen mit Bleistift auf einem Blatt, das unter die langen Heftfäden geschoben war, mit denen der Stoff des Umschlags innen zusammengehalten war, eine rohe und hülflose Arbeit, die sie selbst gemacht zu haben schien. Georg zog das Blatt hervor, es waren auch Verse, er las:
Ja, so sprach sie von sich, so sprach sie ...
Doch weiß er wohl,
Wie’s um mich steht!
Er giebt mirs zart,
Macht zu —
Vor Georgs Augen verschwamm alles, es würgte ihn im Halse, er ließ das Buch fallen, sagte stumpf das letzte Wort der Zeile „— und geht“, stand auf und ging durch die finstern Zimmer hinaus, trat an ein Fenster im dämmerhellen Klaviersaal, sah die Mondsichel glimmend und undeutlich über den Parkbäumen, glitt langsam auf die Erde nieder, schlug die Stirn gegen die Wand und stöhnte: Emmaus! — Er lag stundenlang am Boden bis zum Morgengrauen, aufbrennend in entsetzlicher Scham, in Verzweiflung, in Ohnmacht, bis er todmüde wurde, sich erhob, in das Sterbezimmer ging und, ohne einen Blick auf die lächelnde Tote zu wagen, sich auf ein Ruhebett ausstreckte und entschlief.
Rubinglas
Georg, als wäre brennendes Feuer hinter ihm, jagte aus Helenenruh zurück, wie er hingekommen. Langausgestreckt im Fahrsitz, das Steuerrad auf der Brust, die verengten Augen hinter den Brillengläsern stur gradaus gerichtet, vor sich her einschlingend das stabgerade oder eifrig sich windende Band der weißen Straße, konnte er doch keine Minute lang in dieser Lage aushalten, mußte sich aufsetzen, die Füße heranziehn, sie wieder von sich strecken, wieder liegen, — lag und ächzte leise vor sich hin, den Chauffeur neben sich vergessend, auf unerträgliche Weise gefoltert von dem einen Wort Renate, das in ihm herumrannte wie eine Quecksilberkugel im Spielzeug.
„Oh lieber sterben, lieber sterben, als noch einen Tag, eine Stunde länger den Wahnsinn ihrer Gegenwart ertragen! Was das ist mit meinem Blut, weiß ich nicht, aber es muß wohl vergiftet sein, oder habe ich sie nicht vor einem Jahr fast täglich gesehn und sie ertragen? War ich blind damals? Geblendet von Esther? Warum ists denn jetzt, als wäre sie eine lohe Fackel von Wollust und Würde — oh satanisches Gemisch! — und ich griffe beständig hinein und brennte? Renate, ah — oh Renate! — In ihrem weißen Kleid, die lange schwarze Kette um den Hals, aber an Hals und Wangen, den schon bräunlich sich dunkelnden, in den blauen Lebensfeuern ihrer Augen, in dem unsterblichen Haar von zaubrischem Braun, in ihrer ganzen, von Süße, von Anmut, von Seligkeit, von hundertfach ausschmelzendem Dasein leuchtenden Gestalt — nichts von Trauer, — so war sie überall, erscheinend, im Grün der Wiesen, im Dämmergrün des Parks, als doppele Phryne gespiegelt im Teich, auf der Terrasse, im Saal, bei Tafel, gegenüber zum — oh zum Sterben, zum Sterben! — Und dazu Magda, blaß, schwarz, ganz Jammer und Stille, und dazu Tod und Begräbnis und die Erinnerung an die Stunde der Scham, die Nacht und die hülflose Tote mit dem verzogenen Mundwinkel, jener Stelle, wo alles, was ohnmächtig, verzweifelt und ratlos in ihr gewesen sein mochte, entwichen war und seine Spur hinterlassen hatte ... Es war mehr, als ein Mensch ertragen kann.
Cordelia, süße, gute, nun hilf mir du, ja, nun mußt du helfen! Ich verspreche dir, an keine andere will ich denken bei deinem Leib, — oh verdammt will ich sein, wenn ichs tu! — Sein Fleisch zuckte wütend nach Umarmung. Das runde, bleiche Antlitz im düster braunen Haar — wie einer elfenbeinenen Nonne in Eichenholz — die dunkelbraunen Augen in süßen Verwandlungen, die sie spielte mit ihrer zierlichen Kunst, lockten ihn unleugbar trotz des Feuers hinter ihm dieses — ah, dieses Dämons. — Nein, Georg, stöhnte er, nein, so wäre das nicht gegangen, wie du’s dachtest. Dein Plan war ganz unsinnig. Giebs zu, Georg: was stelltest du denn vor — in ihren Augen? Ein halbes Nichts von einem jungen Mann, mit dem sich geistreich plaudern ließ. Eh du nicht mindestens etwas vorstellst, das innere Leistung zu verbürgen scheint — ist nicht an sie zu denken. Ja, aber nun bin ich fest. So gehärtet bin ich in diesem Glutofen immerhin, daß mich nun nichts mehr anbröckeln kann, und — innen umschließ ich mein Ziel. Das erreicht, dann — Platz da, der Heuwagen! Oh Teufel, diese Bauern sitzen auf ihren Ohren! Wollt ihr euch zum Henker scheren auf die andere Seite, ihr Sch—“
Der Wagen jedoch, haushoch beladen mit Heu unter Leinwand, wich und wankte nicht. Die Hupe brüllte, Georg schäumte vor Wut, aber sein eigener Wagen kam fast zum Stillstand, eh der Berg vor ihm sich zur rechten Seite der schmalen Straße hinüber bewegte. Aufschnarchend nahm der Motor die frühere Geschwindigkeit wieder auf, die Landstraße krümmte sich wie getreten, Fahrtwind brauste eiskalt, und zu beiden Seiten fächerte sich gelassen die schöne Weite des grünen Landes aus, sich ziehend und dehnend unter der großen Schattenbewegung des wolkengrauen Himmels, im kühlen Licht, von Sonnenbalken selten zu überraschender Lieblichkeit unterbrochen. Die Obstbäume an den Grabenrändern, vom seitlichen Windesansturm getroffen, taumelten und überbrausten sich, allmählich ward Georg ergriffen von der gierigen Lust des Vorwärtsstürmens, dem herzlichen Beben im Zwerchfell beim Lauschen auf die so innerlich ruhige, ehrenfeste Arbeit der vernünftigen Maschine, und dem geschmeidigen Freudegefühl am Mitwinden der Straßenbeugen im unmerklichen Drehen des Lenkrads. Sein Herz begann wieder ruhigen Schlag, er atmete eben und tief, schwermutvoller ward sein Empfinden zurück, zärtlicher, häufiger das Zucken voraus in der Vorstellung der Liebenden, im immer hastiger zerdrückten Gedanken der kommenden Lüste, denen er sich vergrößert zustürzen sah wie einen rädrigen Riesen von Metall. Wenn sie bloß im Hause ist! dachte er bänglich. Und also stob er dahin, vom Magneten schienenglatt hingezogen, gewaltig im Wagen, als wälze er selber sich den Weg, Dörfer spaltend, daß es krachte, Wälder zerfurchend, Dörfer wieder, und wieder hinknatternd über das endlose Band, das unter ihm hervorfliehend sich windende, aufseufzende Band der Straßen. Da sprangen Takte in ihm auf. Worte alsbald.
Stürme an den Wäldern hin,
Donnre übers Brückenjoch ...
Was war das? Ihm erschien, entgegenkommend auf hohem Damm, die Maschine eines Schnellzugs, vornübergeneigt in kolossaler Rüstigkeit, stämmig, ein Kentaur:
Eisenroß, das Morgen roch,
Mitten schon im Morgen drin ...
Morgen? woher der Morgen? Ah, es war nicht der Anfang des Gedichts. Weiter:
Eisenhengst im Radgestampf ...
Nein, so: Rase ... Ja, mit hellem a-Aufklang:
Rase durch das Morgenland,
Eisenhengst im Radgestampf,
Glutgefüllt und lustentbrannt ...
Ich vergesse den ersten Vers! Also — wie wars? Donnre — nein:
Stürme an den Wäldern hin,
Donnre übers Brückenjoch,
Eisenroß, das Morgen roch,
Mitten schon im Morgen drin.
Nun der Anfang ... Doch indem klangen andre Worte:
Feld und Wiesen farbig lohn,
Hügel wandern — Hügel spenden blauen Rauch ...
Hügel wandern blau im Rauch,
Silberblitzend winkt dir schon
Weißdorn und ...strauch.
Ja, aber der Anfang, wie war ...?
Rase durch den ...
Und richtig: nach der zweiten Strophe umarmte der äußere Reim den innern, also:
Rase durch das Morgenland,
Jage durch den Nebeldampf,
Eisenhengst im Radgestampf,
Glutgefüllt und lustentbrannt.
Stürme ...
Georg befand sich mitten in einer kleinen Stadt, die er für Altwedel hielt, bei langsamer Fahrt über Kopfsteinen. Vorübergehende, die sich umdrehend stehen blieben, Kinder, sah er noch glasig und verständnislos durch die inneren Gesichte, dann deutlicher düstere Läden, eine enge, aber augenscheinlich die Hauptstraße, jetzt zur Rechten ein Ungetüm von alter, gotischer Backsteinkirche, nur plumpes Schiff mit Dachreiter, — und indem gab es hinter ihm einen scharfen Knall. Ein Reifen war geplatzt.
Georg lenkte den Wagen an den Gossenrand und hielt, der Chauffeur sprang ab. Also Mittagspause, die ohnehin einmal hätte gemacht werden müssen. Daß ich bloß meine Verse nicht vergesse! — Eisenhengst im ... „Welcher ists, Dietrich? Der Linke? Also eine halbe Stunde dauerts wohl?“
Kalt und ein wenig zittrig kletterte Georg aus dem Verschlag in einen Haufen schon vorhandener Kinder, löste den Halsschal und ging auf der Suche nach Speisegelegenheit, aber bei innerer Beschäftigtheit ohne etwas zu sehn, die Straße hinunter. Vor einem Schaufenster stehen bleibend, dachte er, abirrend plötzlich:
Es ist doch wundersam: alles ist nur Rhythmus. Wie mußte ich bei meinen Gedanken und Gefühlen vorher auf diese Verse verfallen? Der Rhythmus stanzte die Worte heraus. Und vor allem dies: daß man, ob das Gedicht nun schwermütig sei oder heiter, solange es sich hervorarbeitet, weder das eine sein kann noch das andere, denn da ist für kein eigenes Empfinden mehr Raum, nur die Form wirkt sich, dehnt sich und glüht und bewirkt in dem Stoff, in meinem Dasein, meinem ganzen Ich — dies absonderliche Gefühl von Angst — ob ich es richtig mache —, von Quälerei und etwas Lust, Angstlustquälerei ... absonderlich ...
Ratskeller, las Georg, den Kopf auf die linke Schulter geneigt, in schräger Schrift von unten nach oben jenseits eines rechteckigen, von Kugellinden umsäumten Platzes, auf dem Türpfeiler eines Kellereingangs. Ja, das getünchte Haus mit Säulen war vermutlich das Rathaus. Also wanderte er zum Wagen zurück, wies den Chauffeur an, ihn nach getaner Arbeit dort aufzusuchen, wo er Essen bekommen würde, und fand sich gleich darauf, nach zerstreuter Bestellung von irgendetwas an einen Kellner, wieder bei seiner Arbeit an einem runden Tisch, jetzt schreibend auf einem Blatt aus seinem Checkbuch, weiter hastend, zitternd im Schwung:
Worauf er unverzüglich anfing, das Ganze von vorn durchzuarbeiten, jedes Wort aufzuheben, umzudrehn und wieder hinein zu prüfen, andre einzuwechseln, streichend, wieder streichend, hineinklammernd, endlich das Ganze noch einmal schreibend und nach mehrmaligem Streichen ein drittes Mal, worauf er, zum ersten Entwurf zurückkehrend, lauter Unwählbarkeiten fand und, erschöpft ins Leere aufschauend, nach einer Weile bemerkte, daß Schüsseln mit Essen vor ihm standen. Er aß, aber die Versworte, freiwillig gegeneinander weiter hadernd und sich verfitzend, ließen nicht ab, ihn zu peinigen, er stand endlich auf, während eben der Chauffeur hereinkam, bestellte eine Mahlzeit für ihn und trat wieder ins Freie.
Ein leichter Regen wehte nieder. Die Kirche war protestantisch und daher geschlossen. Um sie herumgehend, fand er eine gebogene kleine Gasse, in deren Hintergrund er etwas wie die Auslage eines Antiquitätenhändlers zu entdecken glaubte und hinzuging.
In der Tat — es sollte etwas dergleichen sein, jedoch enthielt ein, das Schaufenster füllendes Regal fast nur Sachen von heute.
Ja — fiel ihm ein — und gesetzt, es wäre so, das einzige Empfinden eines Dichters beim Bilden des Gedichts wäre ein solches Mischgefühl von gequälter Lust und verzückter Qual — was wäre die Folge für das Gedicht, seine Farbe, die sogenannte Stimmung? Ein wahrhaft reines Gedicht könnte, das wärs, weder die Farbe der Trauer noch der Freude haben, sondern — sondern? Ein Mittel zwischen beiden, oder — mit einem Worte: Ernst. Und das würde — klassisch sein, weil harmonisch; das andre, das Zwiespältige dagegen wäre romantisch, — haben wir nicht einmal darüber gesprochen, Benno und Sigurd? — Ja, wo ist wohl Sigurd?
Ältliche Stehlampen sah Georg, schlechte Gipsvasen mit herausragenden Italienerköpfen, blindes Silberzeug in verstaubten Kästen — dick mit Staub überzogen voll Fingerabdrücke war alles —, ein paar Zinnteller, Steinkrüge, die übliche Perlentasche, ein Bündel Pfeifen mit Porzellanköpfen und schlechte Figürchen, ausgestopfte, ruppige Vögel, Pistolen und derlei Zeug, — und als er ins dunkle Innre spähte, ließ sich zwischen Tischen, Schränken und Kommoden aus den achtziger und neunziger Jahren noch eine hübsche Kirschvitrine bemerken, die unerkennbare Dinge enthielt.
Georg trat unter einem wimmernden Glockenlaut der Türe ein und erhielt Muße, sich umzusehn, bis aus dem hinteren Düster weiche Schritte hörbar wurden und aus einer niedrigen Tür eine bleiche und dunkeläugige Frau trat, ein Tuch um den Kopf, die Hände in der Schürze trocknend. Ein kleiner Junge, der an ihr hing, hatte das ganze Gesicht mit einem ekelhaften roten Schorf voll gelber Eiterränder bedeckt und wurde hart fortgejagt.
Einen Anfall von Ekel unterdrückend, fragte Georg nach der Perltasche, entdeckte, während die Frau dorthin ging, hinter dem Porzellangeschirr und den Tafelgläsern der Vitrine im untersten Fach etwas Dunkelrotes, öffnete und holte, freudig erstaunt, ein rotes Glas hervor, das ein wahrhaftig echtes Rubinglas war, ein grader Becher mit Fuß, ohne Verzierung, dick, hart und schwer wie Stein, nur wenig angeschrammt am Fuß, — ein Fund. Ja, war nicht etwa ein echtes Rubinglas das Kostbarste von der Welt? Und wie er nun ans Licht vortrat, den Becher hochhielt und das helle Blutrot im dunkleren, schwärzlichen aufglühte, inbrünstig, mächtig, wie der düsterrote Blick der ewigen Lampe im schwarzen Kircheninnern — er atmete den Weihrauch —, hatte er sonderbarerweise die starke Empfindung, so und nicht anders müsse Cordelias Blut sein.
Ich nehme es ihr mit, — oh — ah ja! aus diesem Kelch will ich dein süßes Blut trinken, dachte er begierig und überlegte, an den kranken Knaben erinnert, vor sich die ärmliche und verbitterte Frau, die ihr Kopftuch vor der Brust kreuzte, was ein Rubinglas für Cordelia wohl wert sein dürfte. Auf seine hingeworfene Frage, wie denn ein solches Geschäft ginge an diesem Ort, fing die Frau heftig an zu klagen, — er hätte ja wohl gesehn, was mit dem Jungen sei, der Vater sei seiner Wege gegangen und nicht aufzutreiben, das Geschäft habe sie geerbt, im Sommer ginge es ja wohl — Altwedel wäre doch Kurort —, aber im Winter komme fast niemand, sie verstehe auch nicht viel von den Sachen, und mehr dergleichen, was Georg zu peinlichem Mitgefühl und der Erwägung bewog, daß hundert oder tausend Mark für ihn dasselbe, tausend jedenfalls für ein Rubinglas Cordelias ein Preis sei.
Mantel und Rock aufknöpfend, um sein Checkbuch und den Füllhalter hervorzuziehn, murmelte er etwas beschämt, er habe zwar kaum so viel bei sich, wie er für das Glas zahlen möchte, aber sie würde ja wohl ... und begann ein Blatt auszufüllen, was die Frau stumm abwartend geschehen ließ. Als sie dann den Zettel in Empfang genommen und gelesen hatte, fuhr sie los: „Ja, das wäre sowas! Sone Checks, da ist schon mancher drauf reingefallen! Und denn gleich Prinz, nee, da bilden Sie sich bei mir man nichts ein! Nee, mein Herr —“ Sie nahm ihm das Glas aus der Hand und stellte es hin — „das Glas kost fuffzehn Mark, wenn Sie nich zahlen können, denn lassen Se’s ebent, denn bleibt das Glas hier.“
„Aber — aber mein —“ Georg stand verdonnert, kümmerlich, und fing vor Aufregung wunderlich an zu zittern, während die Frau ihm seinen Schein in die Hand drückte. Nein, sie war gar nicht nett, die Frau, sondern sie war gemein. — Georg holte zitternd das Gold, das er bei sich zu tragen pflegte, aus der Hosentasche, legte ein Stück davon neben das Glas, nahm das an sich und ging hastig zur Tür, dieweil die Frau, die sein Gold in der Hand wohl bemerkt hatte, sich nun auf ihren Irrtum verbiß, erst murmelnd, dann lauter hinter ihm her schimpfte: „Wolln Se Ihre fünf Groschen denn nich raus haben? Son Schwindel! Erst wolln se einen beschuppen, un denn haben se’n ganzen Sack voll. Na wenn Se nich wollen ...“ Die Tür fiel wimmernd zu.
Schade! dachte Georg und erreichte, alles weitere Denken, aber nicht dies sonderbare Zittern unterdrückend, seinen Wagen. Alles war in Ordnung, er stieg ein und fuhr ab.
Ach so, dachte er dann, ich bin ja auch kein Prinz!
Und dann: Komisch! wie sie das gleich gemerkt hat!
Aber er kam nicht los von der Szene, sah sie immer wieder von vorn, und es fiel ihm auch ein, daß es vielleicht besser gewesen wäre, er hätte sie nicht beschämt mit seinem Gold, sondern ganz im ersten Glauben gelassen, indem er sie nun sah, wie sie sich zwar keine Vorwürfe machte, wie aber ihr Gemüt noch verbitterter wurde, und der Junge —, Georg sah ihn gegen eine Schrankecke fliegen und ...
Mit dem Gedanken an den Becher in seiner Tasche tröstete Georg sich langsam, der kalte Fahrtwind kühlte sein erhitztes Gesicht. Es wird mich doch ewig verfolgen! seufzte er höhnisch. Aber Cordelia — ihr sage ichs heute. Es muß einmal sein.
Sogleich sah er mit angeregter Phantasie sich im Wohnzimmer auf dem Roßhaarsofa sitzen, sie am Fenster, wie sie gern saß, den Ellenbogen zwischen den Blumenstöcken auf der weißen Bank. Er hörte sich: Ich wollte dir schon immer etwas sagen, Cordelia, höre einmal zu ... Ihre Antwort blieb undeutlich, etwas zu erfinden gelang ihm nicht gleich, — sie lachte wohl und sagte: Ich höre, mein Prinz. — Ja, und nun sagte er: Eben das ists, Cordelia, du sagst und du glaubst: Prinz, aber — du mußt wissen — ich bin das gar nicht. Ich bin ...
Wie ungläubig war ihr Gesicht! Natürlich hielt sie es für einen Scherz, lächelte und — aber da, auf einmal, sah er ihr Gesicht deutlich, auf dem das Lächeln erlosch! Sie wollte das verhindern, allein — wieder sah ers: das Erlöschen der Freude, das Schwinden des Besitzes, den sie mit solcher Andacht umfaßt hatte, die Armut, die Traurigkeit ... Sollte er sie wirklich berauben dürfen, sie, die an Glück doch wohl — was wußte er? — sehr arm gewesen war?
Aus den innern Gesichten aufblickend, fand Georg die Breiten der Viehweiden, ein nahes Gehöft, gelbe Haferstreifen und entfernte Wäldchen sonnevergoldet unter wimmelnden Schatten des Nachmittags. Der weite Himmel war ein leicht durchbrochenes Getümmel von Blau und weißem und grauem Gewölk. Wie schön! der Abend würde klar sein ...
Ach, nun wieder das! Nun will wieder Mitleid mich stören und hindern, und schon weiß ich nicht mehr: Soll ich — soll ich nicht? Und: wenn ichs lasse, lasse ichs wirklich aus Gefühl für sie oder aus Furcht für mich?
Man müßte es auf die Gelegenheit ankommen lassen, vielmehr auf eine Gelegenheit passen. Warum so plötzlich erschrecken? Es kam eine ernste Stunde, ein Gespräch der bekümmerten Seelen, wo die schmerzlichen, aber auch die schönen Tiefen des Daseins sich öffneten und zur natürlichen Form des Lebens wurden, — wie wog dieses dann leicht, Geständnis und Sache selbst ging auf im großen Strome der Leiden, auf im schwesterlich natürlichen Verstehn, und ließ ein solches Gespräch sich nicht herbeiführen, leichter als leicht, mit ihr, der Bereitwilligsten, der so unsäglich Wandelbaren?
Ach, wenn ich sie nur erst habe! — Sein Mund sank ein in den weichen Marmor ihrer immer kühlen Brüste, seine Hand tastete nach dem Süßesten, seine Augen ... Er riß sie krampfhaft auf, starrte durch Schleier auf ferne Punkte von Menschen oder Wagen zwischen den Baumzeilen, hörte den Motor donnern, setzte sich auf und schnob: Glutgefüllt und wutentbrannt! muß es natürlich heißen, nicht lustentbrannt ...
Und es erschienen die Türme und der dunstige Häuserberg von Altenrepen ...
Als Georg, eiskalt am ganzen Leibe, steif und zittrig dem Wagen entstiegen, durch das Gittertor spähte, gewahrte er gleich Hesekiel; Hesekiel mit seinem Höcker in einer wunderschönen, glänzend rot- und schwarzgestreiften Dienerweste, der sicherlich wieder etwas Merkwürdiges vorhatte. Er stand im gelben Kies oben auf dem Hügel vor dem Hause, einen langen roten Wasserschlauch zwischen den Beinen, und bemühte sich, die Betunien, die über der halbkreisförmigen kleinen Vorhalle vom Balkon hingen, von unten zu sprengen, was sehr schwierig war, denn der verfluchte Strahl ging immer darüber hinaus gegen die Wand und die oberen Hälften von Glastür und Fenster, und die Blumen selber, wenn sie getroffen wurden, warfen sich so gewaltig und wild nach oben, daß es schrecklich anzusehn war. Georg, der mittlerweile den Hügel mit seinem schönen, grünsamtenen Rasenbelag, mit Rosenstöcken, Gebüschgruppen und einer prachtvollen Blutbuche zur Hälfte erstiegen hatte, blieb stehn und rief: „Hesekiel, was machst du denn da?“
Ach Gott, das hätte ich nun wieder nicht tun sollen, dachte er dann, denn nun geriet Hesekiel, sein verkümmertes, spitzes und heißes Gesicht mit der wehmütigen Mundschnirre herwendend, in abscheuliche Verwirrung. „Ach, der Herr Doktor!“ — es war unbekannt, ob Hesekiel sich diesen Titel ersonnen hatte oder vielleicht überhaupt nur Doktoren kannte — lächelte er freudig — allein was nun? Die Spritze hinlegen, deren Strahl sich triumphierend über ihm in die Lüfte bohrte, und zur Begrüßung hergerannt kommen, wie’s ihm gelehrt worden war? Oder den Strahl erst abdrehn? oder zur Meldung ins Haus davonlaufen? — Das war zuviel für ihn, und so tat er von jedem den Anfang in wirrem Durcheinander; tastete nach der Schraube, lief ein paar Schritte gegen Georg vor, streckte die Hand mit der Messingtrompete gegen die Erde aus, wollte davonlaufen, ehe sie lag, und blieb endlich zwischen allem, geduckt, erschöpft und ratlos sich selber verlächelnd stehn.
„Na komm, Hesekiel,“ sagte Georg, dem der Strahl jetzt knatternd entgegensprang, „leg mal die Spritze hin.“ Hesekiel tats gehorsam und erleichtert. „So ists schön! Und nun kommst du und giebst mir die Hand.“ Hesekiel kam glücklich und verklärt. „Ist die gnädige Frau denn zu Hause?“ Hesekiel nickte und deutete mit dem Daumen. „Ja, sag mal, wie kommst du denn auf die Idee, die Blumen da oben zu sprengen?“
„I wollt halt so gern der gnä Frau — gnä Frau bissl Arbeit erleichtern.“
„Das ist brav, Hesekiel, denn man weiter!“ Georg verließ den eifrigen Bediener der Natur und ging leise, nach den Fenstern spähend, zur Rückseite des Hauses, dessen grauer Stein und rotes Dach heiß glühte im starken Abendlicht, dieweil er dachte: Ach, Hesekiel! du hast eine schöne, dienende Seele im Höcker, — kannst du mir vielleicht sagen, warum die Frau so gemein war? Ach ja — ach! — du kennst nur Doktoren und weder Prinzen noch Nichtprinzen ...
Georg blickte zu dem breiten Schiebefenster empor, hinter dem drinnen sein Bett stand, und siehe da, zwischen den weißen Geranien, die im grünen Gitterwerk drunter hingen, erschien die lange Tülle einer kleinen grünen Gießkanne mit gelben Reifen, und gleich darauf Cordelias Hand, Stirn und die beschäftigten Augen, die nach den Blumen spähten, und —
„Na?“ sagte Georg
Sie warf vor Schreck die Gießkanne herunter. Dann war sie verschwunden. Georg hörte ihre Absätze drinnen auf der Treppe und wartete glückselig, bis sie ums Haus gelaufen kam, aber zehn Schritte vor ihm anhielt, die Hand gegen die Hausecke stützte und ihn tief und inbrünstig anblickte.
Wie schön sie ist! dachte er stumm in diesem Blick. Das Kleid, das sie trug, von dunkelvioletter Seide, war auf unkenntliche Weise ihrem Körper umgewunden; es war eine Art Empire, jedoch fast geschlossen um die Füße, und eine ganz kurze Schleppe lag am Boden. Der schöne Busen atmete sichtbar mit beiden Wölbungen und hob auf der bloßen Brust das goldne Medaillon, in dem sein Bild und Haar war.
Im nächsten Augenblick hielt er sie umschlungen, ihr Gesicht an sich pressend, den Mund in ihrem Haar, flüsternd in flutender Erlöstheit: „Da bin ich wieder! Ach, ich konnte nicht mehr!“
„Ja, bist denn meinetwillen gekommen, Georg, wirklich meinetwillen?“
„Ja doch, Cordelia, warum denn sonst?“
„Aber — dein Vater?“
Sie sah ihn an durch Tränen unsäglicher Liebe und konnte nur die Lippen bewegen. Endlich fragte sie dann nach seinem Befinden; ob er nicht Ruhe brauche.
„Ja, ich würde mich gern etwas hinlegen. Und — sag mal — hast du was zu essen?“
„Ich werd schaun. Eier sind da. Und Salat. I werd halt schaun.“
Also wanderten sie umschlungen ums Haus, Cordelia verschwand in die Küche, Georg stieg ins obere Stockwerk hinauf. —
Die weiße Türe öffnend, mußte er den Atem anhalten, so erschreckend trafen ihn Glanz und Feierlichkeit, die der niedrige, kleine Raum vor ihm auftat.
Die tiefstehende Sonne flutete in vollem, glühendem Strom zu den Fenstern herein; Georg konnte zwischen den lodernden Gardinen und grünen Fuchsienstöcken — diese waren wie aus grünem Golde gehämmert — ihre brennend goldene Scheibe sehn. Der Raum, von güldener Woge erfüllt, glitzerte, funkelte und glänzte überall, die tiefe Lebendigkeit seines Alters, seine vielgenützte Würde und den Stolz der kunstvollen Erzeugung hier leise, hier vernehmlicher ansagend. An der rechten Wand, in den sehr dunklen Spiegelscheiben des holländischen Kastenschranks, der bis an die schweren Balken der weißgetünchten Decke reichte — Messinggriffe und Schlösser an den Schubladen blitzten wie reines Gold — dort war alles noch einmal, vertieft und dunkler zu sehn, geheimnisvoller: Sofa und Sofatisch gegenüber unter den Silhouetten in glänzenden Goldrähmchen und verblichenen Kreideporträten, von denen die dunkelblaugemusterte Tapete fast zugedeckt war, und daneben am Fenster — Georg wandte den Blick vom Gespiegelten hin und folgte dann selber hinüber — dieser Glanz war erstaunlich! Das flüssige Feuer lief in den vergoldeten Blätterleisten des hohen Spiegels, aus dessen Oberstück die arkadische Landschaft bläulich schimmerte, und, ein wenig vorgeneigt in der verschleierten Spiegelung des alten Glases wiederholte sich stiller, was auf der kleinen, goldhellen Platte des dünnbeinigen Birkentisches davor stand: der Abendmahlskelch, eiförmig aus dunkelblauem Glase, in silberne Rispen gefaßt, nach oben verlaufend vom Fuß wie die langöhrig ausgezogenen Henkel, zwischen denen der flache Deckel ruhte; dazu links und rechts von ihm starke, dunkelgelbe Kerzen in Messingleuchtern, — was alles flammte in seiner Ruhe und Heiligkeit.
Georg drehte sich um. Da überragte in seiner Ecke drüben der schmale weiße Ofen — stiller als alles übrige, weil vom vollen Leuchten nicht mehr erreicht — den Ofenschirm, dessen quadratischen Grund eine satte Schicht von grünem Feuer überzog um die roten und blauen Flügel seiner flatternden Papageien.
Georg blieb auf der Sofalehne hocken, fast schwermütig gestimmt; wovon? Von soviel Anmut, Lauterkeit und feurigem Leben? Womit habe ich das doch verdient? fragte er sich still.
Der Saum weißer Stifte, von dem die schwarze Roßhaarbespannung des Sofas gehalten wurde, war ebenso vergilbt wie an den breiten Stühlen, die den Tisch umgaben. Am kleinen Sekretär mit schräger, eingelegter Platte zwischen den Fenstern war die Fournierung hier und da gesprungen, eine Kante gesplittert, das Schloß war locker, ein Griff fehlte an einer der unteren Laden. All das gehörte sich so; es waren ehrsame Narben. Hatte Jason al Manach nicht einmal von den ererbten Dingen gesprochen? Georg wußte die Worte nicht mehr, allein hier redeten sie ja selber ihre gedämpfte, aber wie vernehmliche Sprache: daß sie hervorgegangen waren, einzeln wie die Könige aus einzelner Hand, die einsam von Grund aus sie gefertigt, liebevoll, verständnisvoll für ihr Ganzes, für unendliche Zeiten bestimmt zu dauern; und da waren sie wie damals, gealtert, viel genützt und unverbraucht, nur stattlicher in ihrer alten Erinnerung, ihrem Bewahrtsein, in der schlichten Gebärde, mit der sie um sich den Hintergrund schrieben, der zerfallen war: Menschen und Geschicke.
Ja, — und ich? dachte Georg.
Glänzend mit mächtigem Antlitz von Messing in ihrem die Decke berührenden Haupte stand die Älteste neben der weißen Tür, die standfeste Riesin, die englische Dielenuhr, die auch die Monate zu zeigen verstand; sie schlug langsam, wie im Geburtsjahr 1757, den selben gemessenen Pendelschlag, auf den hinhorchend Georg für lange Sekunden sich verlor. Sie tickt den Schritt der Sekunde, sagte er sich dann; das macht es so geruhig und wohltuend. Und wie vornehm, wie zurückhaltend war das gedämpfte Rücken im Gehäus! Ja sie war die Älteste.
Georg lächelte bitter. — Eigentlich sollte ja ich es sein. Ich, der sich einmal einbildete, mit Friedrich Barbarossa vor Akkon gelegen, bei Benevent für deutsche Sehnsucht gefochten und vielleicht das Leben verloren zu haben ... Ihm zogen Georges Verse aus den Romfahrern durch den Sinn:
‚Freut euch, daß nie euch fremdes Land geworden ...
Durch euer Sehnen ... Georg zitterte, er glühte von der triumphierenden Schönheit der Strophen. Durch euer Sehnen nehmt ihr ewig teil ...
Ja, sein Teil war das. Sehnen — nach was? Nach oben doch, nach — nach sich selber zu immer höherer Geburt, besser zu werden, reiner zu werden, edler, tüchtiger, wissender ... Was wollte er denn auf einem Thron?
Bin ich nicht glücklich hier? Hilfst du mir nicht, süße, teure Seele, mein Auge immer wieder nach innen zu lenken? Wohnt nicht vielleicht doch ein Gott dort innen und pocht ein ewiges Werk, pocht bei mir und wirkt bei dir in immer strahlenderen Farben das Gewebe unsäglicher Liebe? Habe ich nicht genug, ernst zu sein, unruhig zu sein im unaufhörlichen Verlangen nach Besserem? Wenn es denn schon keinen Gott giebt, das Ahnen des Göttlichen, den Zwang des Göttlichen, den Hauch von Jenseits in der Brust? Habe — ja, habe ich nicht etwas Neues für mich allein, dachte er erleichtert in der Erinnerung an seine eigenen Verse, Neues — nein, sondern Uraltes, Anfängliches, älter und edler und reicher sogar an Ahnen, abertausend Ahnen in unablässig geistiger Beugung? Und mag mein eigenes Handeln als Bürgschaft solchen Ahnentums noch so bescheiden sein: der alte Geist hat doch Leben in mir und Bewußtsein. — Da stieg strahlende Heerschar vor seinen sinkenden Augen auf, Heroe gereiht an Heroe, Erzengel an Erzengel, unübersehbar, von George hinab zu Dante, zu Pindar, zu Homer, und wieder herauf im gewaltigen Schwung über unsterbliche Häupterschar zu Hölderlin, zu Novalis, zu George.
Georg legte nicht ohne Demut in der gedämpften Bewegung seinen Mantel ab, denn es trieb ihn, bei aller Abgespanntheit, seine Verse jetzt nicht unvollkommen zu lassen. Dabei schlug ein schwerer Gegenstand in einer Tasche gegen die Stuhllehne, er faßte, im Innern schon murmelnd und sich erinnernd: Hügel wandern blau im Rauch, — danach und holte geistesabwesend das Rubinglas hervor, lächelte flüchtig und wußte vor geistiger Abwesenheit, gleichzeitig nach Schreibpapier ausblickend, längere Zeit nicht, wohin er damit sollte. Endlich hatte er die Platte des Sekretärs herunter und auf die ausgezogenen Leisten gelegt, stellte das Glas nun ins Innere vor die kleinen Laden, öffnete Cordelias Schreibmappe, fand zum Glück einen Briefbogen, holte seine Niederschrift hervor und begann, das Ganze sorgfältig durchprüfend noch einmal zu bilden. Im Schreiben der letzten Zeile hörte er hinter sich die Tür gehn und sah im zerstreuten Sichwenden Cordelia, die ganz erschrocken schien, ihn nicht schlafend zu sehn.
„Komm nur, ich lese dir was vor“, sagte er. — „Wie du nur aussiehst!“ erwiderte sie näher kommend, „ganz überwacht!“
„Schadt nichts, setz dich nur!“ Sie blieb stehn, an den Kastenschrank zurücktretend, und er las, kräftig Takte herausfördernd und Reime: