Ich wollte ihnen dienen. O in Schauern
Sollten sie stehn und horchen: Hört, es klingt
Die Erde, ja die Erde klingt, die alte.
Wir sind geliebt, wir Menschen sind geliebt,
Denn eine Blinde baut uns goldne Brücken,
Denn eine Stimme kam, um uns zu dienen ...
Und da — gnädiger Gott! — war die Erwartung zu groß? Wars schon zuviel? Da erkannte die arme Seele, daß sie all die Zeit noch ein andres Leben mit sich getragen hatte, geheim, von dem niemand wissen durfte, aber Er, Er mußte es wissen, er würde nicht richten, sie dachte: du bist rein, alles ist rein vor dir, auch dies Leben. Er war rein, aber er war zart. Er ertrug nicht den Anblick, er ging fort. Keiner erfuhr, wohin. Als Jahre dahin waren, konnte die arme Seele in einem Zeitungsblatt lesen, daß im Walde eine Leiche gefunden war.
So furchtbar war ihr andres Leben ... Ich zeige es auch Dir.
Erlosch die Sonne? Das Stück ward nicht gespielt, die arme Seele brach durch.
Nein, es kam ja das Glück. Wie hatte der große Mann von ihr gehört, in der königlichen Stadt, vor dem die Könige spielten und in Gold und Seide gingen? Wie konnte denn das Firmament sich neigen wollen? Die arme Seele sollte dort hinauf, die Sonne sollte vor Allen brennen, der große Mann wollte es. Die Seele war nicht gebrochen.
Die Sonne brannte, es war ein alter Vertrag, in dem stand: noch ein halbes Jahr, die arme Seele wollte ihn halten. Weshalb? Sie hatte zuviel Geduld gehabt. Der große Mann würde warten, noch ein halbes Jahr, die Sonne brannte, der große Mann wartete nicht.
Aus wars mit der armen Seele. Abend und Nacht und Morgen, die Sonne war aus, aus war das Leben.
Nun, wie war es denn? Warum saß die arme Seele im Theater wieder wie jeden Abend? Freilich, sie war nun zufrieden mit allem, sie wußte, lange dauerte es nicht, die Menschen waren ganz fern, der armen Seele war leicht, die Menschen hatten sie glücklich gequält.
Sie hatten mich glücklich gequält, Georg, und an diesem Abend kamst Du.
Deine Augen sagten: bist du’s? Deine Augen sagten: steh auf! Deine Augen sagten: geh voran, ich komme.
Eine Brücke. Wo warst Du, Georg? Glück und Segen, dachte die arme Seele, er kommt, etwas soll noch sein. Und kommt er nicht, so ist hier die Brücke, das Wasser ist unten, es geht ja schnell.
Glück und Segen, geliebter Herr, und höre nun von dem anderen Leben!“
Georg — sein ganzes Blut lag ihm im Innern, zu einem glühend kochenden Klumpen geballt — sah sich jetzt aufstehn, zur Wand gehn, die Arme dagegen legen und den Kopf auf die Arme und — — nein. Nahe vor ihm lag ein schlafendes Gesicht, die Augen fest geschlossen, aber der Mund lächelte vor sich hin, hatte nicht aufgehört zu lächeln, schwelgte im Lächeln und wußte, wußte ...
Er sah auf das Blatt. Da war wieder der siedende Katarakt, an dem er eben gestanden hatte, war diese Feuersbrunst von Leiden, die in seinen Ohren leiblich getost hatte, dies Gigantengehämmer der Qual. All dies in Cordelias Brust, seiner Cordelia, der immer heitern, immer kindlichen, seligen, immer — nein, einmal war der Schmerz ausgebrochen, das Untier, aufbrüllend, alles zerfetzend mit dem Hieb seiner Pranken, einmal ... Einmal ist nichts, und hier war das Lächeln.
Georg nahm die Blätter wieder vor und las weiter.
„Du hast gesehen, Georg, daß die arme Seele eine Schwester hatte, und hast sie wohl abstoßend gefunden. Da die arme Seele selber sie kannte vom ersten Blick des Lebens, war sie die Häßliche immer gewohnt. Und diese Häßliche hatte ja auch das ‚Schönste‘. Das ‚Schönste‘ war vom ersten Bewußtsein des Lebens an, später erst lernte sie, daß die Schwester es hatte, daß es sich von ihr immer bekommen ließ, und noch später, daß es sich nur von ihr bekommen ließ, und daß niemand sonst davon wissen durfte; und noch viel später endlich, daß es kein ‚Schönstes‘ war, sondern ...
Wenn die arme Seele kaum in ihrem Bett lag am Abend, das Licht gelöscht war und Alle gegangen, die beim Auskleiden und Waschen geholfen, gescherzt und gelacht hatten, dann ging leise die Tür, die viel ältere Schwester kam herein und stieg zu ihr ins Gitterbett, und dann ...
Laß, Georg, laß! laß doch los, Georg, ich kann ja nicht!
Seltsam! Als ich die letzten Worte schrieb, wars Nacht, es ging schon auf Morgen, ich legte mich und schlief bald. Nun ist auch Morgen und Mittag gewesen, ich habe wieder eine Stunde geschlafen, und plötzlich ist alles verwandelt. Ich weiß so viel, alles glaube ich zu wissen, ich glaube, ich darf ...
Es ist fast, als hätte ich Dirs gesagt. Du hast ja verstanden, Georg, Du bist ein Mann — Männer verstehen ja solche Dinge, auch wenn man sie gar nicht meinte, also hast Du verstanden.“
Georg sah die Tote an. Ja, sagte er, ich habe verstanden. Aber —, — er wußte nicht weiter. Er las.
„Nein, nichts habe ich Dir gesagt, ich weiß es, und doch — ich glaube, ich darf. Auf einmal ist auch das Gewebe fertig, an dem ich so lange gesponnen habe, ohne es zusammen zu bringen, das ich meiner Schwester überwerfen kann, damit sie mir ein halbes Jahr läßt. Ein halbes Jahr, das genügt, und mehr ist unmöglich.
Ein halbes Jahr Glück. Mir ist eingefallen, daß ich ja die Sonne habe. Zwar ist sie eigentlich so beschaffen, daß sie nur vor Vielen brennt, aber ich denke, sie wird sich nicht versagen.
Ich will kommen und will spielen, Georg. Wundersam, nicht? daß man sagt: spielen. Ein halbes Jahr, ich bin glücklich, bins schon, ich brauche nichts zu erfinden, nur die Lüge muß ich verbergen, nur dazu ein wenig Spiel; und ein wenig, wenn es — wenn es einmal schwer ist, zu spielen. Oh ja, nun werde ich spielen!“
Georg fühlte die Glut auf der eigenen Stirn. — Also das wars? Sie hat gespielt und gelogen, und ich habe gelogen, wir Beide. Oh Gott sei gelobt, daß ichs getan habe! durchfuhrs ihn, ich hätte ihr am Ende noch das Letzte zerstört.
Er suchte die Zeile, wo er aufgehört hatte, wieder und las:
„Ein halbes Jahr — und dann der Tod. Ein halbes Jahr lügen und dann die Wahrheit. Ich sehe das halbe Jahr, es glänzt; und ich sehe die Stunde, wo Du dies liest. Weißt Du nun alles, Georg? Richtest Du, wie der Arme, Zarte nicht richten konnte und doch zerbrach und hinging; tragen wollte und doch nicht konnte und vielleicht anfing, die Sterne abzuzählen auf das Rechte, und steht noch heute und findet es nicht heraus ... Weißt Du noch den Anfang, vor einem Monat, weißt Du nun, warum Du mich gar nicht verstehen konntest? Weißt Du, wie ich in Deine Tür kam und vor Staunen verging?“
Georg sah und wußte alles. Ihre Andacht, ihre grenzenlose Beklommenheit, und wie sie am Boden kniete und sagte: „Ich bin dein eigen“ ... Und dann, in der Finsternis, am Wasser, wie sie heraufgestiegen war, auf den Knien lag und aufseufzte den einen tiefen Seufzer, und dann lag und weinte und aufstand, fortging und nicht mehr kam ... Dann hatte sie einen Monat gerungen, dann kam das halbe Jahr, — und er hatte nichts gewußt. Sie hatte die Hölle unter ihre Füße gestampft und stieg herauf, wie ein Engel rein, sie ... Georg faßte behutsam den Mantel und zog ihn über ihren Gliedern fort, bis zu den Knien, sah leise schaudernd die weiße, im Kerzenschein nicht abgestorbene Haut ohne Makel, wie er sie gekannt, legte den Mantel wieder darüber, das Lächeln ihres Mundes scheuchte ihn ganz zurück, er gewahrte die Blätter in seiner Hand und las, entschlossen, zu Ende zu kommen.
„Genug, Georg, genug. Ich weiß nicht, was Du denkst. Vielleicht denkst Du jetzt, ich hätte sprechen sollen. Vielleicht verstehst Du es gar nicht, denkst, ich hätte es versuchen sollen, hätte den Tag herankommen lassen sollen, wo mein Vampir vor Dich hingetreten wäre und ausgeschrien hätte, was ... Vielleicht verstehst Du auch mich nicht, daß ich dem Vampir so habe erliegen können, so in seiner Gewalt blieb ... Ach, fünfzehn Jahre unwissender, solcher Gewohnheit — und nichts ist mehr zu retten. Tausend Versuche, und kein Erfolg; aus seinen Krallen gab es ... wozu? Töten — nicht wahr, Georg? das denkt sich so einfach und nah für den Fernen, aber ich weiß, daß man dazu geboren wird oder anders nicht dazu kommt — vor dem eigenen Tod.
Ich komme, Georg.
So war das Ende der armen Seele doch beschlossen auf der Brücke, als sie auf Dich wartete und dachte: entweder — oder. Nur ein wenig hinausgerückt wars, weit genug, um es ganz vergessen zu können für ein halbes Jahr.
Ach, und eine kleine Hoffnung ist noch. Soll ichs noch sagen, Georg?
Ein Kind, Georg, ein Kind. Dann, oh dann, weiß ich, ist alles gut, ist alles andre wie abgerissen, dann ist nur das eine, nur es, das Kind, Tod und Leben ganz gleich, nur nötig das Leben, weil es lebt. —
Ich bin müde, die Welt wird dunkel, ich werde wieder schlafen. Diese Blätter hebe ich auf bis zu dem Tag, wo Du alles wissen mußt. Ich sehe die Zukunft nicht, alles was ich sehe, ist die Sonne in meiner Brust, und daß sie brennt, alles was ich will. Gute Nacht! Ich komme.
Heut war der Abend, an dem ich vor Dir Theodosis spielte, zum erstenmal ganz: spielte. Das Halbjahr ist um, das Zeichen war da, es soll nicht mehr sein. Wie es kommen wird, mag sich zeigen, von heute an ist Abschied.
Glück und Segen, geliebtes Haupt, es war wunderbar! Glück und Segen, die arme Seele ist nicht sehr betrübt, obgleich es schwer ist, von Dir zu gehn. Das Ziel ist erreicht, mir ist nicht bange, ich werde gar nicht mehr spielen brauchen die letzte Zeit. Alles hat sich so geglättet, all das viele Leid ...
Es ist doch alles nur Liebe gewesen. —
Und vielleicht — auch wenn ich aus dem roten Becher getrunken habe — nimmt es noch kein Ende mit ihr.
Dann werd ichs wissen.
Erhalte mir Dein Herz, denn aus ihm kommt das Leben!
bittet
die arme Seele
Cordelia.“
Georg legte die Blätter leise zusammen und erhob sich. Es war still. Er suchte in sich, die tiefgebrannten Flammen der Kerzen im Blick. Er versuchte, zu begreifen, daß hier Tod war, und was das war: Tod? Aber er fand nur eine unerkennbare Fremdheit. Nicht Angst, nicht Grausen, nicht Schmerz, — nur eine feierliche Schwere, die nicht drückte. Er heftete noch einmal die Augen auf das Lächeln der Toten, zog schnell den Mantel darüber hoch, nahm das rote Glas an sich, löschte dann eine nach der andern die Flammen und ging leise durch den Raum auf den Lichtspalt der Türe zu, jetzt merkend, daß von dorther der Geruch des brennenden Tabaks kam, den er schon längere Zeit unbewußt wahrgenommen hatte.
Josef Montfort wandte sich im Stuhl um, in dem er, den Rücken der Tür zugewandt, in der Nähe eines Sofas saß, das an der Wand stand. Er rauchte, an der Erde stand eine Kerze im Blechleuchter, ein Wasserglas mit rötlichem Bodensatz und eine Flasche Wein. Es hätte behaglich ausgesehn, wenn nicht auf dem Sofa der weibliche Körper gelegen hätte; allein als Georg, Ekel und Schauder, die heftig in ihm aufstiegen, überwindend, hinzutrat, war auch hier nichts Abscheuliches mehr. Montfort hatte der Toten die Hände zusammengelegt, sie lag grade, die Augenlider waren geschlossen, die Zungenspitze verschwunden, der Mund geschlossen, sie sah müde, friedfertig und gut aus. Montfort zeigte ihm alles deutlich, indem er die Kerze hochhielt und leuchtete. Dann gab er ihm auch den Zettel in die Hand, den die Tote gehalten hatte, und Georg steckte ihn in die Tasche zu dem übrigen. —
Leben wir, so leben wir dem Herrn ... Dem Herrn? dem Herrn? Nun gleich, das Wort enthielt ja wohl alles, und wenn Cordelia es für die Schwester geschrieben hatte, so war auch hier alles geschehn.
„Wollen wir gehn?“ fragte er Montfort. Der nickte, ließ ihn voran bis zur Tür und löschte das Licht.
Die Taschenlaterne leuchtete ihnen nach unten. Im Hof fiel es Georg ein, daß sie kaum würden aus dem Hause kommen können, doch zeigte Montfort, ehe er etwas sagen konnte, einen Schlüssel, lächelte ein wenig mit einem Auge und sagte: „Ich sorge für alles.“
Auf der Straße, überm Fluß brauten Nebel und nächtliche Dämmerung. Die Laternen waren erloschen. Montfort warf das Ende seiner Zigarre über das Geländer, die rote Flugbahn erlosch, er sagte, Georg unter den Arm nehmend:
„Ich muß Sie um einiges bitten, lieber Freund. Erstlich, zu vergessen, daß Sie mich hier sahn, jedenfalls vor jedem, der mich kennt. Ich weile unbekannt hier. Zweitens sich nicht weiter zu wundern, daß Sie mich trafen. Es dürfte Ihnen ja kaum unangenehm gewesen sein. Mich selbst wundert es durchaus nicht, da ich seit Kindesbeinen, möchte ich sagen, die Gewohnheit habe, an Stellen aufzutauchen, wo sich das Fürchten lernen läßt. Gelernt habe ich es leider nie. Das Unglück meines Lebens. Nun — ich hoffe, wir plaudern ein ander Mal darüber. Sehen Sie, da sind wir über die Brücke. Übrigens — mit Ihrer Erlaubnis würde ich nichts dagegen einzuwenden haben, wenn Sie mir ein Bett anböten für die Nacht; bis zu dem meinen wäre es verteufelt weit in Anbetracht der Stunde. — Ja, noch etwas: mein Gesicht. Sie haben vermutlich bemerkt, daß etwas damit nicht in Ordnung ist. Nun — auch darüber werden wir plaudern, wenn uns das Leben wieder zusammenführen sollte, was, wie ich hoffe, in für Sie weniger schwerer Stunde der Fall sein wird.“
Georg, willenlos übergossen von der plätschernden Suada, blieb nun stehn, da sie bei der ersten Laterne angelangt waren, blickte Montfort an, blickte zu dem Glaskäfig auf, in dem der Glühstrumpf atmete, und dachte: Habe ich denn nun alldas geträumt? Wann stand ich denn schon einmal neben einer solchen Laterne? War das nicht — als ich Renate zum ersten Mal sah? — Er zuckte zusammen. Seine linke Hand fühlte die Papiere in der Tasche, seine rechte das warme Glas. Kein Traum. Cordelia war tot. Aber auch kein Schmerz kam hoch in seiner Brust; im Dunkel wehte es auf, lächelte tief, und entschwand. Georg ging weiter.
Allein! sagte jemand tonlos in seiner Nähe; allein, allein, allein.
Hier enden des fünften Buches neun Kapitel oder ebenso viele Monate.
Erstes Kapitel: November
Berlin
Georg sah, als er eines Nachmittags den dunklen Gang in seiner Berliner Wohnung hinunterging, einen Brief hinter der Korridortür liegen, augenscheinlich durch den Postschlitz geworfen, und erkannte im Aufheben mit Verwunderung und Verdruß nicht nur seinen Berliner Pseudonymen, sondern auch Bennos Handschrift: die Universität, an die adressiert war, hatte den Brief nachgeschickt. Äußerst mißgestimmt gegen Benno, der sein nachdrückliches Verbot des Schreibens übertreten hatte, stopfte er ihn in seine Manteltasche, und erst, als er im vollbesetzten Stadtbahnabteil an der Türe lehnte, gab er der Reizung des Verschlossenen in seiner Tasche nach — dazu dem Verlangen nach einer Beschäftigung, das von dem stumpfen, gerüttelten Beisammensein mit den ereignislosen Gesichtern der Mitfahrenden hervorgerufen wurde — und öffnete, sehr widerstrebend, den Brief. Nur mit den Augen zu überfliegen und wieder fortzustecken willens, las er:
Altenrepen, den 26. 11.
Ja, mein Georg, so siehst Du mich Dein strenges Gebot übertreten. Aber Du kannst, nein, Du kannst nicht verlangen, daß ich es halte, daß ich weiter in dieser alltäglichen und — ach mehr noch! — allnächtlichen Sorge und Ungewißheit um Dein Ergehen hinlebe. Ich bitte Dich, gieb mir ein Lebenszeichen! Wenn ich an Dich denke, sehe ich Dich in diesem entsetzlichen Berlin wie in einem Mahlstrom umgetrieben, es flimmert mir vor den Augen, Dich, allem Schönen, Reinen, Edlen so hingegeben und nun so zu Boden gedrückt durch das furchtbare Erlebnis, in der Einöde zu denken, die der Name Berlin vor meinen Augen entstehen läßt. Georg, die Nacht, wo Du mir von Cordelia sprachest, die Tote selbst, ihr Lächeln, der schauerliche öde Raum unter dem Dach — unzählige Bilder, die nicht vor meinen Augen weichen, werde ich im ganzen Leben nicht vergessen. Ich träume davon, es läßt mir keine Ruhe, auch ist ja niemand da, mit dem ich darüber sprechen könnte. Elfriede — ich versucht’ es, aber — was kann sie davon verstehn, die nichts sah, noch mein Empfinden für Dich teilen kann; ihr muß es ein fremdes schauerliches Märchen bleiben, und von vielem darin hätte ich kaum einmal gewußt, wie es ihr sagen. Ich bin manchmal recht allein, Du fehlst mir täglich, ich spreche mit Hesekiel von Dir, aber — der Sprachschatz des Armen ist recht beschränkt, — ach, unsre schönen Gespräche! Wird all das jemals wieder kommen? Auch Magda ist fort, — willst Du sie wirklich nicht aufsuchen? Sie würde doch sicherlich ein gutes heilsames Wort, ein linderndes Mitschweigen für Dich haben. Genug, ich sehe längst Deine Unzufriedenheit, und vielleicht — ich hoffe es ja — sind all das auch nur Einbildungen von mir.
Ich bin fleißig, Elfriede ist heiter und engelhaft wie je, und mein Leben könnte das glücklichste von der Welt sein, ohne — Du weißt, wie ichs meine.
In Treue Dein alter
Benno
Kümmerlich, dachte Georg, sehr kümmerlich ist das! indem er den Bogen faltete und in das widerspenstige gelbe Seidenpapierfutter des Umschlages pfropfte. Guter Benno, deine Sorge ist ebenso rührend schön — für dich, wie herzbeleidigend für mich. Außerdem geht mirs glänzend, und alles was du schreibst, ist Unsinn. Du — — Überdem wurde die Tür hinter Georg aufgerissen, drei und mehr Menschen drängten herein und ihn bis zur gegenüberliegenden Tür — sehr ärgerlich! denn was hatten sie auf diesem winzigen Tiergartenbahnhof, wo überhaupt niemand einzusteigen pflegte und deshalb auch niemand einzusteigen hatte, obendrein in seinem Abteil zu wollen? giftete er sich. — Eingezwängt stehend, eine Hand am Gepäcknetz, ließ er seine Verstimmtheit gegen den Freund weitertosen. Wie er mich bloß so falsch verstehen konnte! Als ob nicht mein ganzer Jammer eben darin bestanden hätte und bestünde, daß sie — daß sie tot ist, nichts als das, fort mit allem, jenseits, zugedeckt mit diesem Lächeln, das mich verfolgt ...
Georg verlor seine Gedanken über dem Anblick der Leute in seiner Nähe, die ihn zu nichtswürdiger Beschäftigung mit ihren gebündelten Zügen, häßlichen Händen, Hüten und dergleichen zwangen; die Fahrt des langsam dahin trabenden Zuges schien in alle Ewigkeit währen zu sollen, er geriet am Ende wieder an den Brief. Ich bin sehr allein ... hatte er das nicht geschrieben? Und überhaupt die ganze Stelle mit Elfriede klang doch sehr merkwürdig und — ah natürlich! das war der wahre Grund des Schreibens! Armer Benno, fängt es nun an? Der erste Argwohn, das gescheuerte Gold sei — am Ende doch Messing? — Georg wurde, so sehr er Benno bemitleiden mußte, warm und wohler ums Herz, er verließ im Bahnhof der Friedrichstraße aufatmend den Zug, eilte durch die schon dämmernden, nebelgrauen Straßen und saß alsbald in seiner abgelegenen Ecke der Seminarbibliothek an seinem Tischplatz, unsichtbar außer für den, der ein Buch in der Bücherwand hinter seinem Rücken suchte, eine andre Bücherwand vor sich, zur Linken das Fenster. Allein kaum, daß er die dritte Seite in Gerlachs Abhandlung über die deutsch-dänischen Handelsbeziehungen gelesen hatte, empfand er, daß er gestört war, mußte sich anders setzen, das Buch anders legen, erst einen, dann mehrere Sätze doppelt lesen und lehnte sich plötzlich aufseufzend im Stuhl zurück. Gedankenleer zum Fenster hinausgewandt, sah er drüben die kahlschwarzen Kastanien des Wäldchens, flatternd von letzten braunen Blattfetzen, die Baracke für Vorträge über Kunst darin, kahl, nüchtern und unfreundlich, dahinter die Rückfront der Universität. Ein paar Gestalten, frostig anzusehn, wandelten im Garten. Auf der Straße davor flammte grünbleich die erste Laterne auf.
Ja, da ist es wieder, das Alte, dachte Georg im Empfinden des Drucks, der Beklommenheit, der Angst in der Brust. Nun ist alles wieder drohend und ungewiß. Sie schläft, sie lächelt, sie ist drüben. Ich bin allein. Wie lang ist es her? Fünf Wochen!
Mein Gott! — ihm ward heiß — wie ist es denn möglich? Hin, alles hin, ganz und gar wie ein Traum, wie ein Sonntag, alles, alles fort! — Er zwang sich, er sah sie, ihren glänzenden Leib, in der Nachthelle, in einem Gartendickicht, auf dem Schwarz des Mantels — Sterne bewegten sich im Laub. Auf dem Bett unterm Fenster, über ihre strömenden Glieder hinaus, tauchte sein Auge in die helle Nacht, die dunklere Ferne, die Ebene endlos — und darüber die zahllosen Augen der Sterne. — Dies erlosch, im rötlichen Schein der Kerzen funkelte das rote Glas, das schlafende Antlitz lächelte vor sich hin, — im Schwinden sah er noch Montfort, den Hut aus der Stirn gerückt, vor der verschlossenen Türe stehn, eine Hand über sich aufgestützt, die Füße gekreuzt, in der herabhängenden Linken die kleine Taschenlampe, aus der er von Sekunde zu Sekunde den Lichtkegel zu Boden fallen ließ, in dessen Schein er selber vor Georg erschien, ein Bild, das sich wie kaum ein andres ihm eingebrannt. — Georg versuchte es wieder, er sah sie unter der Vorhalle des Hauses, ihm entgegenschmelzenden Gesichts ... Was sich jetzt regte in ihm, war sein Geschlecht, die Entbehrung, er rückte unruhig im Stuhl, fühlte sein Sitzfleisch zerdrückt von Beinkleidfalten, — die alte Quälerei war wieder da, der ewige Durst, der sich so wenig überwinden noch betrügen ließ wie das Bedürfnis des Leibes nach Feuchte, nach Kohle, nach Eiweiß, — ach armer Benno, das Leben ist so schauerlich anders, als du meinst!
Überdem empfand Georg eine fast unlustähnliche Lust, ihm zu schreiben. Er trennte nach einigem Widerstreben ein paar Bogen aus seinem Heft, setzte an und brachte es plötzlich nicht fertig, die gewohnte Schrift zu schreiben, worauf er aus dem Punkt des angesetzten L den kleinen Bogen des stenographischen Zeichens dafür zog und langsam zu malen begann.
Lieber Benno: Ich hoffe, Du kannst dies noch lesen. Vergieb schon, aber es scheint mir das von Cordelias Brief zurückgeblieben, daß ich — nun, es ist wie ein Grauen vor offener Schrift. So eine Art Hysterie vermutlich. Und die weich geschwungenen Zeichen malen sich so angenehm aus der Hand.
Habe Dank für Deinen rührend liebevollen Brief. Scheinbar weißt Du, Halunke, daß ich es liebe, gerührt zu werden, und wenn nicht alle Empfindungen des Vermissens in dieser Beziehung von Dir beschlagnahmt wären, so könnte ich wohl Hesekiel vermissen, seine immerrührende Figur und rührenden Sprüche.
Was mich angeht aber keinerlei Sorge! Wenn ich mich auch nicht eben wohlbefinde, so ist das aus keinem der Gründe der Fall, die Deine Einbildungskraft Dir vorspiegelt. Berlin ist freilich der Mahlstrom, als den Du es Dir vorstellst, allein — einerseits war es ja meine volle Absicht, mich hineinzustürzen — ich hoffe, Du hast beim wohlwollenden Übertreten meines Schreibverbots das nicht gleich mitvergessen —, und andrerseits stehe ich vorläufig noch ganz am Rande und lasse michs schwindeln. Im Vertrauen: mir schwant, daß ich trotz aller Absperrung vom bisher Gewohnten, trotz scheinbaren Untertauchens durch Pseudonym, Inkognito und die vorgebliche Lebensführung eines von hunderttausend Studenten, Bureauschreibern, Literaten, Referendaren et cetera — gleichwohl nicht in den Strom gelangen werde, aber — vielleicht ist der Schwindel am Rande, wenn dauernd, das fürchterlichere.
Die Stadt ist furchtbar. Ich meine damit nicht Berlin im Gegensatz zu andern Großstädten des Erdballs. Ich meine die Großstadt an sich, als Lebensform, als Weltteil, als Schicksal; meine den Fluch der Anhäufung von Dasein und Geschick. Ah genug, wir werden sehn, übrigens wie singt der Poet?
Allein die Städte wollen nur das Ihre
Und brauchen viele Völker brennend auf,
Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere ...
und so weiter, im Stundenbuch nachzulesen. Dennoch giebt es die merkwürdigsten Oasen mitten in der Meereswüste, deren Nötigkeit sich kaum begreifen läßt, wie etwa jene Schächte in farbige Jahrhunderte und Jahrtausende hinunter, die sich Nationalgalerie, Völkermuseum nennen. Nein, da bin ich gestern unvermutet an einem der seltsamsten Eilande gelandet und will Dir davon erzählen. —
Georg hielt inne. Wozu das eigentlich? dachte er unwirsch. Aber die wieder aufgetauchten Bilder des gestrigen Abends, Hardenberg, der stille Plauderer, Dachgarten, die kranke Frau, die Bilder — bewegten sich in ihm, wie die Samentierchen zum Eileiter, zur Gestaltung, und er fuhr fort:
Im Tiergarten traf ich unlängst auf Hardenberg. Du erinnerst Dich seiner vom Leseverein in Prima. Wir sprachen uns an, gingen zusammen, wir kamen ins Gespräch, ich machte meinem Ärger Luft über das Gemisch von Stangen und Statuen, das in meinen Augen der Tiergarten war, und hörte bald herzlich erfreut das wohlbekannte, leicht altenrepensch gefärbte: „Ich muß doch sä—gen ...“ mit dem er die Absicht einer kleinen Abhandlung anzukündigen pflegt, und siehe da — wie ein Mandelbaum aus den Fingern des zaubrischen Chinesen entfaltete sich alsbald ein Sommertiergarten, ein grünes Idyll der Behaglichkeit und des Friedens. Und aus dem einen, dem Tiergartenpark entfächerte er die Parke der Stadt, wie sie alle heißen: Kleistpark, Preußenpark, Schöneberger Stadtpark, Steglitzer, Dahlemer, beschrieb die Findigkeit ihrer Anlage in der Ausnützung der Bodenverhältnisse, beschrieb ihre Sommerabende nach dem Regen, ihre Verschwiegenheit, ihre erfrischten, leuchtenden Wege, die umdampften, schweren Gruppen der Bäume, auf dem Hügel den weißen Pavillon, den Goldregenbaum, die Fliedersträuche und plötzlich lächelnd am Wege das zarte Wunder der lila Akazie, ihre bebenden Trauben haltend wie eine Tänzerin mit zierlichsten Fingern, — das Herz lachte im Hören und Sehen! — Es ward ein ganzes Lob auf Berlin, die Stadt der Blumen und Parke, wie er sie nannte. Wahrhaftig hat er recht. Ich selber weiß von früher, daß in keiner andern Stadt Europas fast alle, auch die steinernsten Riesenstraßen im Sommer Alleen sind, in keiner so viel Vorgartenstreifen vor den Häusern liegen, in keiner die Straßenfronten so liniiert sind mit den buntfarbigen Zeilen der blumengeschmückten Balkons, und daß in kaum einer Blumenläden zu finden sind — von den erlesenen der vornehmen Viertel ganz zu schweigen —, wie man sie hier noch in den finstersten Stadtteilen finden kann. Und von dieser ‚Kultur der Blume‘ kamen wir dann bald auf den Begriff der Kultur im allgemeinen, den er schlechtweg als deutsch bezeichnete, da für die Begriffe andrer Nationen Zivilisation genüge. Kultur, sagte er, könne nicht sein, was man in Frankreich sehe einerseits — als Blüte einer einzigen kleinen Oberschicht, Geschmack, Esprit und Eleganz von Louis XIV. bis Louis XVI. —, noch was in England andrerseits als Steigerung der gesellschaftlichen Formen. Dergleichen Dinge seien nichts als Schöpfungen eines Volkes, wie ein andres vielleicht geistige Genies, ein andres Erfindungen, ein andres Strategen hervorbringen könnte. Sondern der Begriff der Kultur müsse mitumfassen ein vollkommenes Durchdringen des gesamten Volksstoffes, eine Essenz, die an hundert der verschiedenartigsten Stellen anzutreffen sei, und die höchste Vollendung in Kunstdingen etwa ebenso mit einschließe wie soziale Pflege der Ärmsten, Leibl und Ehrlich, George und Bodelschwingh. Kultur nicht denkbar ohne Geist, nicht denkbar ohne Liebe. Nicht denkbar ohne Gewissen, ohne Verantwortlichkeitsgefühl des Einzelnen für das Ganze. Die ‚Kultur‘ also des Franzosen ist ein Erzeugnis von Eitelkeit und innerhalb dieser von Ruhmsucht und einem ganz körperlich innesitzenden Verlangen nach und Gefühl für das Anmutige, Schmückende und — in diesem Betracht — dann auch Schöne. Kultur jedoch verlangt nicht nach Schönheit; aber in ihr begriffen sein wird auch das Schöne, und sie wird es wirken, weil sie für jeden Würde des Daseins, für jeden ein Bestes verlangt. — Aber übrigens: in welchem Volk giebts das eigentlich?
Georg stockte mit der Feder vorm nächsten Absatz. Ja, wohin gerate ich denn? Nachsehend fand er bereits drei Seiten mit den stenographischen Zeichen gefüllt, aber, erregt von der Geistesarbeit und Phantasie, dachte er: Nun, um so mehr freut sich Benno, es wird ja auch das einzige Mal sein, und nun werd ich mich kurz fassen. — Er fuhr fort:
Bezaubert wie ich war von der überaus zierlich und leicht wachsenden Art seines Plauderns und in meiner angeborenen Höflichkeit konnte ich dann nicht widerstehn, als er mich einlud, und bin gestern nachmittag hinausgefahren. Beim Abschied erschreckte er mich noch durch zweierlei, nämlich erstens seine Adresse: Hasenheide und eine dreistellige Hausnummer, die ich nun vergaß (ich sah in der Hasenheide bisher eine Einöde und Exerzierplätze wie Tempelhoferfeld, kein Ding mit Hausnummern), sodann durch die Mitteilung, er sei verheiratet, seine Frau allerdings schwer leidend. — Nun, Du weißt, daß Hardenberg homosexuell ist. — Sollte die Anlage — stark war sie wohl nie, dacht ich — geschwunden sein? Dann, muß ich zu meiner Schande gestehn, wurde mir einen Augenblick schwül um die Brust, und ich geriet von meinem lieben, sanften, allgütigen Hardenberg auf — Stawrogin! Stawrogin, Du erinnerst Dich, in den Dämonen, der vor Entartung aller Gefühle zur Erlebnisform einer Heirat mit einer Schwachsinnigen greifen mußte, der Marja Timofejewna, — doch befinden wir uns ja in Norddeutschland, Hasenheide usw. Ich fuhr mit der elektrischen Bahn hinaus.
Unsäglich! Unsagbar! Straßen, Straßen, Straßen! Prachtstraßen gegen London, Paläste gegen Paris, riesige Offenheit und Breite gegen die Steinschluchten Wiens, allein — das Getümmel, das Hinundwiederströmen, der Anblick der tausend und tausend Fenster, Zimmer, Wohnungen, Schicksale ohne Ende — — es hätte mich umgestürzt vor Schwindel, hätte nicht das Staunen noch die Wage gehalten. Wie leben die Menschen hier? wie können sie leben? warum leben sie hier und so? Es ist ja sinnlos, aber: aus dem heftigen Gefühl, daß mir selber Alles und Alle fremd, in Weg und Hantierung, Ziel, Seele, Beschäftigung, Beruf, in allem völlig fremd und unbegreiflich waren, mußte mir die Vorstellung entstehn, daß von ihnen auch jeder dem Andern, dem Nächsten ebenso fremd und unbegreiflich sei, daß es nur zehntausend Wege waren, die sich kreuzten, jeder ganz in sich abgeschlossen und vom nächsten, von all den durchkreuzenden nicht mehr wissend als nötig war, Zusammenstöße zu vermeiden, und so wards um mich ein eisernes Geklirr, Metallstücke, leblos, gegen Metall, ohrenbetäubend, herzlähmend.
Die Hasenheide enttäuschte freilich angenehm als eine Riesenstraße alter Bäume, fast durchweg eingebettet in Biergärten, ein bei ein, richtige Gärten mit schönen, mächtigen Bäumen, jetzt kahl und Durchsicht lassend weithin. In Hardenbergs Hause dann schwenkte mich der Lift bis unter das Dach, ich wurde in ein geräumiges helles Zimmer — denke Dir ein sogenanntes ‚Gelehrtenzimmer‘ — geführt, dessen breites Fenster und Glastür einen jetzt leider kahlen, aber wunderschönen Dachgarten mit Pergola und Aussicht über das Dächermeer vermutlich in die Tiefe der Gärten boten. Die Stille war fast vollkommen.
Hardenberg erschien und bald auch seine Frau.
Du wirst nun mein Entsetzen mitfühlen können, mit dem ich in der aufgehenden Türe erscheinen sah — das Gespenst. (Ja, Gespenster begegnen uns gern und verdoppeln sich gar!) Ich fürchte, ich vergaß vor Betäubtheit aufzustehn, — bis ich denn sah, daß hier das Haar nicht fischweiß war wie bei Cordelias Schwester, sondern brandig rot, — doch wars auf die nämliche Weise in die Stirne gekämmt; die Augen darunter waren so blaßblau mit viel sichtbarem Weiß — wie dort —, das Gesicht so milchhaft, die Nase schien ebenso spitz ... ich erholte mich wohl am Mund, der wundervoll war, groß, tiefrot und von der köstlichen, tief geschwungenen Bogenform, worauf ich dann von neuem erschrak, denn der bloße Hals — stark, von vorne gesehen so breit wie das Gesicht — war —
Georg stockte mit der Feder. Ein Klumpen ballte sich oben in seiner Brust und zwängte sich zur Kehle; er sah gradaus, seine Augen brannten, dann zitterte sein Kinn; er schüttelte den Kopf, versuchte zu lächeln, sah wieder auf das Papier, mußte plötzlich die Stirn auf die Tischkante legen und schluchzte zweimal, dreimal tränenlos. Als er aber bemerkte, daß er da um sich selber weinte wie ein Knabe, setzte er sich wieder grade, erkannte dabei, daß es dunkel geworden war, ließ die grüne Schirmlampe aufleuchten und schrieb weiter: — Cordelias Hals.
Hardenberg hatte mich schon auf den Anblick vorbereitet, den ich bekam, als das arme Wesen jetzt vorwärts ging. Sie hat seit ihrer Kindheit ein Leiden (d. h. als Hauptleiden von etlichen andern, an denen sie alle paar Monate schwer darnieder liegt), infolgedessen ihr das Gleichgewicht fehlt im Stehn und Gehn. So kam sie hastig tastend, bevor er aufspringend zu ihr gelangt war, um sie zu geleiten, und ihre Beine und Arme schlotterten und zuckten dabei völlig unbeherrscht in den Gelenken. Auch ihre Sprache, als sie nun saß und die Hände — wundersam lang und geschmeidig, gesalbt von Schmerzen — im Schoße still lagen, kam stoßweise, rauh, manchmal hart wie gestoßene Steine; ihr Gelächter — sie lachte viel und gern — war ein Gebell. Kostbar war ihr Profil, das ich lange sah, dazu der Hals von der Seite, nicht senkrecht aufgesetzt, sondern schräge nach vorn, geschwungen ...
Ja, dies. Und als wir dann eine Weile später ins Atelier hinübergingen (denn dies Wesen ist Malerin und hat studiert wie eine jede, z. B. Aktstudien gemacht, stundenlang stehend mit einer Stuhllehne als Stütze), so entfaltete sich aus Mappe um Mappe ein Zaubernebel von Farben und weichem Geleucht. Ihre Kunst ist beschränkt, aber in der Beschränkung reich und reizvoll. Wasserfarbe, Linoleumschnitt und der Buntstift. Aber sie zaubert mit dem Buntstift. Sieh ein Straßenstück — zu Dutzenden gabs —, Regendämmrung, Nässe, Abend, in der Tiefe abschließend ein graugrünliches Gebäude, rechts ein rotes, eine rote Mauer, ein Baum darüber, novemberschwarz gespenstisch, auf der Straße Undeutliches, ein Wagen, ein Mensch — und all das aufgelöst in tausend farbige Striche, das mattglitzernde Pflaster in Wirklichkeit so bunt wie ein Kolibri, desgleichen der quellende Himmel, und nirgends die Farbe — das rote, das graue Haus —, die Du zu sehen meinst, sondern jede zur Hälfte bewirkt durch die andre. Oder — von der Brücke gesehn — ein Stück Isarbach im Englischen Garten in München, milchiges Grün, bewegt, bewegt, kristallenes Blau, Schneeufer, Bäume, gesträubt im Nebel, die Tiefe Schneedunst, und alles scheint weiß, und alles Weiße kam aus dem blauen Stift, und welch ein Duft von Lüften, von Ferne, von Ahnungen!
Du warst nie im Berliner Aquarium, Benno. Denke Dir, daß Du in dunkle Korridore trittst mit vielen und großen Rechtecken, starkleuchtenden in gelblichem, grünlichem Licht: die Glasscheiben der Wasserbehälter in der Wand, hinter denen sich das Leben der Tiefe bewegt, sprachlos, in leuchtenden Farben. Fische, durchsichtig aus Perlmutter gemacht, die Augen wie leuchtende Kugeln, die sich drehn, die Leiber dünn scheinend wie Pappe durch die Brechung des Wassers. Fische, gemacht wie aus weißem und gelblichem Sandgekörn, flach wie ausgeschnittene Papiere, die sich wellenförmig im weißen Sandboden fortbewegen, wo sie schwinden, wenn sie liegen. Fische, feuerfarben, Leiber wie senkrecht flach gedrückte Eier, an die seitlich und hinten lange, schlagende, faltige Schleier angesetzt sind, und dieselben in Schwarz wie in Trauer. Fische, blaugrau wie aus frischgefallenem Samt, Scharen, stille, die eine Handbreit über dem Grundsande hinweidend sich bewegen wie die Weidetiere unserer Ebenen ...
Und von diesem zog sie den farbigen Abglanz in kostbar stilisierten Umrissen, ins Geschwungene gelöst, in die Faltenregung der Wasser, zog sie das Unheimliche der Tiefe, die ewige Sprachlosigkeit, die Dämmerung und die unendliche Stille. —
Beim Zurückfahren am Abend nahm ich eine Bahn zum Potsdamer Platz — das abendlich reißend geschwollene schwarze Getümmel nur wahrnehmend wie einen donnernden Strom, über den ich hinglitt in der Muschel meines Herzens —, von wo ich mich zu Fuß zum Schachte der Untergrundbahn vor der Wertheimarkade durchzwängte.
Ja, da ragte es, ernst, mit umdunkelter Stirn, das Heim der Wertlosigkeiten, mit dem Aussehn eines ehrfurchtgebietenden Heiligtums. O, ihr Deutschen! Da wolltet ihr ein Kaufhaus bauen, eine Gelegenheit, wo euch das Kaufen, das Geldvergeuden ein glitzerndes Vergnügen sein soll, und anstatt eine lustige Menagerie hinzustellen, errichtet ihr eine düstre, alle Eitelkeit des Irdischen verneinende Kathedrale: Ziehe deine Schuhe aus ... und nennts den neuen Warenhausstil. Die einzige Kirche des zwanzigsten Jahrhunderts ...
Wie ich mich aber dann umdrehte, unter die Pfeiler mich rettend, drüben aus der Nachthöhe rings um den Platz die bunten, feurigen Räder umliefen, gigantische Schriftbänder vorstießen, Pfeile, Sonnen sich ausstrahlten, und am Grunde dieses Nachtgewässers der Strom sich ergoß, in den tausendfachen Skandal verdonnernd, eiserne Wagen an Wagen, erleuchtet, bis zum Rande voll stehender, sitzender Schicksale ohne Häupter, und die Kanäle der Fußgänger, unerschöpflich; wie ichs hervorquellen sah aus den tausend sich schwingenden, umwirbelnden Türen, und dahinter wimmelnde Treppenhäuser, senkrecht stürzende, senkrecht entfliegende Förderkörbe voll von Wimmelndem, und wimmelnde Säle, wimmelnde Zimmer bis unters Dach, zehntausend Fußpaare, zehntausend Schicksale sich hinabstürzend zum Grunde und im Ebenen hingerissen in eisernen Gleisen ihres Lebens, ein wieherndes Toben der Mühseligkeit, der Beladenheit, des Genusses, zum Schaudern ameisenhaft ganz und gar — — sieh, da wars wieder dasselbe Bild, das ich sah: ein einziger Strom des Lebens, der wahrhaften, göttlichen Lebensessenz um den Erdball ergossen, aus dem ein jeder schöpfen mag für sein Dasein, wo er steht. Und an solchen Stellen wie dieser, wo Hunderttausende trinken wollen — wieviel kommen da Tropfen in jeden der schnappenden Fischmunde? Sie ersetzen durch Luft, was fehlt an Essenz, durch Betriebsamkeit den Lebenstrieb, und das giebt dann — Sekt —, was Wein sein sollte —, das Göttliche versetzt mit Kohlensäure, Schaum für Kristall.
Dann aber, mein Benno, erschienen sie mir dort oben, im Dunkel der Berge, am Ursprung des heiligen Quells, die Beiden, die Geächteten so oder so, die Ausgeschlossenen von dem, was man ‚das Leben‘ nennt: an den Händen sich haltend mit Zartheit, die stillen, beredsamen Augen in Eintracht hinabgeneigt zum dunklen Kristalle des ewig Reinen, und herausholend vom Grund — wie der Tiefseeforscher im Perlkranz der Wassertropfen den farbig leuchtenden Schleier der Infusorien, der Zauberformen, der Rätselkristalle, der Rädertierchen und mikroskopischen Algen — so heraufholend diesen zartesten Schleier ihrer Künste, sie auszubreiten über Gebrechlichkeit und den unendlichen Schmerz. — —
Georg schob die Blätter zusammen. Ich schließe ein andermal, dachte er matt, jetzt finde ich weder zu mir noch zu ihm den Übergang, und — ich schrieb es ja wohl auch nur für mich.
Die Hände lasch auf den Blättern, vor den Augen noch Tumult und Vision, entkräftet im Herzen, lehnte er sich zurück, die Blicke aufwärts richtend in das Dunkel, wo die schweigsamen Fronten der Bücher sich in Stockwerken reihten.
Und du, Cordelia, dachte er vereinsamt, was tatest du? Fünfunddreißig Jahre Nacht, Nacht, Qual, Qual. Endlich die farbige Wonne, der kleine Schleier eines Halbjahrs. Und endlich — die Stille — der Triumph — das Lächeln für immer. Das war ein Leben?
Ist das das Leben? Ist dies der Strom: Leiden? Giebts keine andre Essenz, die das Leben verleiht? — Dann, dachte Georg, den alten Angstdruck aufkeimen fühlend in der Brust, dann komme ich wohl langsam näher ...
Nahm seine Sachen zusammen, löschte die Lampe und ging.
Zweites Kapitel: Dezember
Sylvester
Georg, zerdrückt, zersetzt und mißgefärbt, wie er sich aus Berlin mitgebracht hatte, wanderte gegen halb zwölf Uhr in der Neujahrsnacht vor der Reihe der sechs vom Erdboden aufsteigenden Fenster des langen Saales in Trassenberg auf und nieder. Dabei hatte er außerhalb der Fenster das schwarze Nichts, die Nacht mit einem oder zwei roten Lichtern im unsichtbaren Grunde des Landes; innerhalb den langgestreckten Saal, aus dessen drei Wänden, aus den drei Steinkaminen der Flammenschein herausschlug. Die Kamindächer hingen steil und düster wie gewaltige Brauen über den Feueraugen, deren Flackerblick die beiden mannsdicken, in der Höhe verästeten Holzpfeiler im Schatten ließen, welche, ein paar Schritt weit voneinander entfernt, die Saaldecke trugen. In der Dunkelheit der Wände oben ließ sich von Georgs irrendem Blick hier und dort aus den verblichenen und verrußten Wandmalereien eine Gestalt ergreifen, steif in Umrißlinien und Falten des zwölften Jahrhunderts, ein Schwert, ein verhangenes Roß oder die seltsam verschobene Figur einer Frau, hintenübergezogen vom spitzen Kopfputz und hangenden Schleier.
Georg blickte auf die Uhr, ohne die Zeit zu sehn, und erwartete seinen Vater. Ihn fröstelte; deutlicher empfand er die beiden Toten in der Nähe, Cordelias ewig triumphierendes Lächeln und die Gestalt seiner Mutter; diese manchmal hinter sich, an einem der Fenster, vereinsamt dastehend wie eine Verbannte, — und dann verspürte er wieder ihren Kopfschmerz, als könne der noch immer nicht vergangen sein ...
Diese Mutter ... Er zwang sich, zu vergessen, daß sie nicht die seine war, sich zu erinnern, wie es hier früher in dieser Nacht gewesen. Dann saßen erst er und sein Vater dort beim Punsch vor dem mittleren Kamin. Zehn Minuten vor Mitternacht erschien die Helene, Diener mit Windlichtern, die ein paar Fenster und die Glastür zum kleinen Altan öffneten — dem Einzug des neuen Jahrs. Sie sagte ein paar heitere Worte. Dann gingen sie zusammen zur Altantür und standen dort im kalten Atem der Winternacht und erwarteten den Glockenschlag. Er kam, feierlicher als jeder Stundenschlag im ganzen Jahr. Dann wurde in der Tiefe, vor der Kirche im Dorf der Holzstoß entzündet; sie sahen von hoch oben den roten Flammenschein, Gestalten, Portal und weiße Wand des Kirchturms im Schein, und im Kreis um das Feuer die Bläser mit ihren Messinginstrumenten. Nun läuteten die Glocken, der Choral stieg vernehmlich zu ihnen empor: Bis hierher hat mich Gott gebracht ... Beim zweiten Vers traten sie in den Saal zurück und ...
Jahrein — jahraus — zehn, elf Male hatte er das erlebt. Immer eine feierlich leichte, schöne Stunde ... Mein Gott, ist es anders geworden! Sie ist nicht mehr dabei, und ich selber bin —, nein, ich soll ... soll? Hier ein Fremder sein, ein Eindringling ...
Ratlos auf den nächsten Pfeiler zutretend, wie im Verlangen nach einer Stütze, fühlte Georg unter der tastenden Hand die Hunderte der Kerben, die den Stamm bedeckten. Hier hatten sie sich eingeschnitten, die einmal die Seinen waren, bei jedem Bankett, jeder Jagdtafel, sie und ihre Gäste, burggeseßne, erb- und schloßgeseßne Herren, später Grafen, Markgrafen, Herzöge ... Auf einem der Böden mußten noch mehr solche Stämme liegen, nachdem die ersten vollgeschrieben waren bis obenhin, — es war wohl mehr als ein Arm gebrochen, wenn sie Stühle auf Tische setzten in ihrer Berauschtheit, um höher hinaufzulangen, und an einem Pfeiler oben stand: Heint hab ich, Hugo Remmele, den — soundso — fast zu Tode gestochen, sintmal ich b’soffen von oben stürzte mit dem Säufang ... Oder so ähnlich ... Als Junge, sann Georg, konnte ich stundenlang um die Stämme rutschen, um die Namen zu entziffern, die Wahlsprüche und das Lateinische. Drei Kreuze, dacht ich, bedeuteten Tote ... Merkwürdig viel Kreuze ...
Georg sah aus Knabenkleinheit, in die er sich versetzt, geisterhaft umher. Die drei Kyklopenaugen glotzten, die Flammen züngelten in Buchenkloben, es war still ... Nein! nein! er nicht dazu gehören? Nein, davon empfand nie und nimmer etwas sein Herz! Nur unsäglich traurig war alles geworden. Traurig? Warum nur, warum? Nun hatte die Zeit auch Cordelias Lächeln fast getilgt, dies allzutriumphierende Lächeln ...
Georg, längst wieder am Fenster stehend, die erst kalte Scheibe warm geworden an seiner Stirn, hörte ein Geräusch und wandte sich. Ein Flügel der Tür zur Linken in der langen Wand war aufgeschlagen, und daneben stand im Schein des Armleuchters, den er selber hochhielt, Egloffstein, schwarz in Frack und Kniehosen, das faltige Gesicht unterm weißen Haar schief geneigt wie immer. Die Schritte und die Stöcke des Herzogs wurden hörbar, er kam zum Vorschein, im Frack, — ja, das war nun auch anders, denn er ging, er ging ganz gut, schon ziemlich grade, machte richtige Schritte, — erstaunlich, was sein Wille in ein paar Monaten zustande gebracht hatte! — Georg ging ihm entgegen, nur mit einem ernsten, schnellen Blick von ihm ins Auge gefaßt. Hinter ihm Leopold und Egbert in ihren blauen Livreen trugen, der eine das Brett mit dem Bowlengefäß und Gläsern, der andre eine kleine Truhe, und setzten beides auf den alten Holztisch vor dem Mittelkamin. Georg hörte Egloffstein seinen Vater etwas fragen und „Halb eins“ aus der Antwort, während er Egbert zusah, der den Fuß eines Baumstamms zum Feuer trug und hineinlegte; die Flammen duckten sich, leckten mit körperlosen Zungen daran empor, unterhalb knisterten dunkelrote Funken in der schneller anglimmenden Rinde. Georg gingen die Augen über im Hinsehn, bis ein leises Klirren ihn veranlaßte, sich umzudrehn. Sein Vater, jetzt allein, stellte eben den Löffel in die Bowle zurück, reichte dann Georg sein Glas. „Ach, du trinkst ja wohl nicht ...“ sagte er, sich erinnernd, und lächelte. Georg antwortete mit einem Lächeln und setzte sich am andern Ende des Tisches den Fenstern gegenüber. In dem Glase dampfte der goldenbraune Punsch, Schwaden zogen sich um die Flammen des Leuchters. Ja — dies war wie immer ... Auch dies, wie sein Vater das Glas gegen die Lichter hob, dann kostete. Auch Georg nahm einen Schluck; die flüssige Glut verschlug ihm den Atem, er mußte hüsteln.
Und dann folgte er mit den Augen den langsamen Bewegungen seines Vaters, mit denen er seine Zigarrentasche hervorholte, eine herausnahm, nachdem er mehrere hinter den Klappen gelüpft und gedreht, sie auf den Tisch legte, die Tasche schloß, dann wieder aufklappte und Georg mit einem Lächeln hinhielt. „Dir zu Gefallen“, sagte Georg, eine nehmend, biß wie sein Vater die Spitze ab, aber das mißlang natürlich, er mußte das Deckblatt festlecken und vergaß darüber, seinem Vater den Leuchter zu reichen. Plötzlich sah er ihn aufrecht dasitzen, eine Hand auf der Tischplatte, die Zigarre im Munde, den Leuchter erwartend ...
Er hatte sich aber noch kaum nach den ersten Zügen zurückgelehnt, als die kleine, stets Minuten vorgehende Uhr auf dem Kaminsims zum Schlag aushob. Sie nickten sich zu, der Herzog hob seine Stöcke, sie gingen zur Glastür, Georg öffnete, eisig schlug die Nachtluft über sie hinweg. Da — in der Tiefe rechts brannte schon der Holzstoß, Schatten bewegten sich umher, die Bläser stellten sich im Kreis, Messing blitzte, die Dörfler drängten sich herum, beleuchtete Gesichter waren zu sehn. Dann klang der erste Glockenschlag, die Mitternacht schwebte vernehmlich in klaren Tönen herauf, der Choral setzte ein. Georg spürte auf seiner Schulter eine schwere Last, die Hand seines Vaters.
Zudritt mit der Unsichtbaren standen sie in der nächtigen Höhe. Georgs Herz schlug schwer, — er sah das Vorjahr, die Vorjahre ... sah sie und ihn und sich selber wieder in den Saal zurückgekehrt ... Doktor Birnbaum war schon da mit seiner großen Truhe auf einem Stuhl und Fräulein von Rabenau mit ihrem Arm voll weißer Narzissen. Die Saaltüren standen weit offen. Sie waren lustig. Draußen war der Rücken des Kantors sichtbar, taktschlagend mit beiden Armen, und der Kinderchor klang. Dann kamen sie herein, der Kantor, die Kinder, dahinter das ganze Gesinde, von Egloffstein geführt, bis hinunter zum letzten Stallknecht und Hütejungen, Knechte, Mägde und die Dienerschaft. Zogen vorbei, und jeder bekam dreierlei: vom Herzog einen goldenen Händedruck aus der Truhe, von Georg einen einfachen, von Helene eine Narzisse. Und hundert Stimmen, tief und hoch, heiser und hell — der Neujahrswunsch. Seit er stehen konnte, im weißen Kleidchen, hatte er seine kleine Hand hinhalten müssen, seinen Diener gemacht und in die großen fremden Züge über ihm gesehn ... Die Mägde machten heilige Gesichter, wenn sie ihre Narzisse hatten, trugen sie hinaus wie ein Altarlicht, und manche weinten trotz strengen Verbots. Und Mama ... Manchmal war sie am Umsinken vor Schmerzen. Dann stand sie, die Augen fielen ihr zu, die Finger der Linken preßten die Schläfenader, nahm eine Blume nach der andern aus der Hand des alten Fräuleins, reichte sie hin und lächelte dazu. Jeder bekam seine Blume und sein Lächeln. Dann hauchte sie Gutenacht und lief hinaus.
Georg brannte der Kopf. War dies nicht schon der dritte Vers des Chorals? — Da wußte er, daß sein Vater sich fürchtete — wie er selber — vor dem Sichumdrehn und dem, was hinter ihnen war ... Aber im nächsten Augenblick fühlte er sich von der Hand auf seiner Schulter herumgedreht, sein Blick streifte dabei über das angespannte, entgeisterte Gesicht seines Vaters. Da war der leere Saal ...
Heiser hörte Georg ihn fragen:
„Und nun, Georg, wie ist es: fühlst du dich — zu Hause?“
Georg verstand, senkte den Kopf, hob ihn wieder und sagte in den Saal hinein: „Es ist nicht wie früher. Es — — mir ist glaub ich so wie einem, der sich jahrelang herumgetrieben hat und — als hätte er nun kein Recht mehr ... so ungefähr.“
„Armer Junge“, hörte er murmeln. Sein Vater drückte ihn liebevoll an sich; er blickte in seine Augen und murmelte, seine Hand suchend, schamvoll: „Wenn ich nur dich habe ...“ Sein Vater drückte die seine kurz und hart, ging dann durch den Saal zum Tisch, öffnete den Deckel der Truhe und nahm ein zusammengefaltetes Papier hervor, aus dem an seiner Schnur ein großes Wachssiegel herausfiel. — Georg wußte, was es war, und begann im Augenblick heftig zu zittern.
„Dies,“ sagte sein Vater, den Bogen langsam aufschlagend und hineinsehend, „dies ist der Vertrag.“
Er legte ihn wieder zusammen und in den Kasten zurück, den er schloß.
„Du kannst ihn an dich nehmen und Gebrauch davon machen. Später — wenn du meiner Hülfe bedürfen solltest ...“
Er brach ab, nickte ein paar Male vor sich hin, setzte sich dann.
Georg spürte die hinter ihm hereinströmende Kälte, wandte sich, warf das bitter schmeckende Ende seiner Zigarre hinaus und schloß die Tür. Dann zündete er sich eine Zigarette an und begann, alles umher vergessend, wieder vor den Fenstern auf und ab zu gehn.
Jetzt, während alle Gedanken in ihm, dem Kommenden zustrebend, doch angstvoll vor unsichtbaren Widerständen zurückprallten, tastete seine angereizte Phantasie nach der Schmerzgestalt der Mutter; die aber entzog sich, schwand, und statt ihrer sah er zum ersten Male Cordelia.
Alles sah er. Ein Zimmer. Auf einem ovalen Tisch eine brennende Petroleumlampe; davor einen Berg Wäsche; und daneben — sie, an einem glänzenden Kleide nähend, das über ihren Schoß hin lag, und sie trug ein niegesehenes, loses, morgenrockartiges Kleid, unordentlich; und vor dem Wäscheberg lag ein aufgeschlagenes, vom Zusammenrollen verbogenes Heft, aus dem sie lernte, — ja, er sahs, alles, und nur eins sah er nicht, obgleich er sich bemühte: ihr Gesicht, — nur das Braun vom Haar, undeutlich. Aus der Erscheinung aber glühte es ihn an, daß ihm heiß wurde und heißer: ihr Leben, ihre Tage und Nächte, der endlose Kampf, die brennende Sehnsucht, die Hülflosigkeit am Abend, immer wieder Unverzagtheit am Morgen, immer Hoffnung, Hoffnung, Erwartung, heute, wieder heute, hundert, tausend Heute der gleichen Mühsal, und immer Enttäuschung, immer Entsagung, Verzweiflung, Ratlosigkeit, neue Kraft, neuer Wille, und wieder umsonst, und Arbeit, Arbeit, nächtelanger Fleiß, die ganze unselige Inbrunst, die rasende Erwartung, das Nichtmehrwartenkönnen, das verzweifelte Weinen, der Jammer grenzenlos. Er sah ihre zerbrochene Seele, daliegend entstellt wie eine ausgerissene Pflanze. Alles einst Strahlende, innerst immer noch mit wütender Glut sich Wehrende, in trostlosen Zimmern zerstampft, verschüttet, — ein ewig währender Schmerz in der Brust, wie die Andre ihn im Kopfe trug, wandelnd Beide mit feuergefüllten Becken im lebendigen Fleisch ... Und wieder sah er sie eintreten in das schöne Tor, in das leuchtende Schloß, betäubt von Ehrfurcht, zum Kinde geworden vor unsäglichem Staunen, — doch schob sich selbstwillig ein andres Bild dazwischen, das sich nicht verdrängen ließ: die erste Nacht, ihre fast unheimliche Scheu, die dann jählings umschlug in überschwängliche Wonne, Tränen der Wonne — weshalb? Er wußte es nun, verstand nun die Verzweiflung der jahrelang verfälschten Lust, die zum ersten Mal doch endlich sie selber sein durfte, hinströmend in der Umarmung des Geliebten. — Der Brief, ihr Brief mit ihrem Leben brannte auf seiner Brust, und plötzlich, alles Denken fortkrampfend, riß er ihn heraus, ging auf seinen Vater zu, sah ihn ihm entgegenblicken und blieb zaudernd stehn.
„Nun, mein Junge, was hast du?“ fragte er weich.
„Ich? — Ich, Vater, ich hatte — zwei Tote in diesem Jahr. Und — — wenn du dies vielleicht lesen möchtest ...“ Er gab ihm die Briefe, den kurzen und den lebenslangen, setzte den Leuchter näher herzu, warf sich dann selber in den Sessel am Ende des Tisches, legte den Kopf in die Hand und schloß die Augen.
Er wollte nicht denken. Er ließ Wortgebilde, Begriffe, Sätze, Bildstücke in sich herumlaufen, sinnlos und leer, immer wieder zurückprallend mit der inneren Woge von den Briefblättern, die er hin und wieder leise knistern hörte, immer wieder hineingezogen, zu dieser Stelle, zu jener, an welcher sein Vater jetzt halten mochte ...
Sie war glücklich das Halbjahr, dachte er, und doch hatte sie noch eine Hoffnung über das Glück hinaus, mußte noch immer hoffen — hoffte, fruchtbar zu sein — ein Kind ... War es diese Sehnsucht, die sie dermaßen befeuerte, die Nächte so glühend machte, Nächte — jede wie eine Traube, und jede Beere eine Zelle von Rubin, in der sich Götter umarmten, daß die ganze Traube erdröhnte ... Ach, nein, ihre Hoffnung war leise, blühte auf in den stillsten Stunden des Einsamseins, war ein Duft, ein Glück über dem Glück, denn nur das Glück ist ganz süß durch und durch, über dem noch ein andres Glück schwebt ...
Georg wartete noch, wartete, wieder leer, ertrug es endlich nicht mehr und sah nach seinem Vater. Der saß groß, aufrecht zurückgelehnt. Die Blätter lagen auf dem Tisch. Nun kam sein Blick herüber, Georg sah die nahstehenden Augen, verschleiert, sehr weich, und der Blick durchschmolz seine Brust, so daß er sich plötzlich schämte und die Augen abwandte.
„Sie ist tot?“ hörte er fragen.
Georg nickte. „Ich habe sie gesehn“, sagte er dann. „Sie lächelte. Es läßt sich nicht sagen. Aber — sie war ganz drüben — und wußte — alles.“
Es war still.
„So ist es überall das gleiche“, sagte der Herzog langsam. „Abgrund. Dich dachte ich nicht so nahe daran. Aber — du hast es überstanden?“
Georg konnte nur den Kopf neigen, wieder und tiefer beschämt, als werde er belohnt für eine Leistung, die ein Andrer ihm abgenommen hatte ... Ich habe ja nichts getan! dachte er.
Indem vernahm er wieder die Stimme seines Vaters.
„Siehst du, — einmal ... du warst noch ganz klein — standen wir dort, zu Zweien, in der Neujahrsnacht. Und da —“ Er stockte, räusperte sich, hustete und fuhr fort: „Hast du je empfinden können, was sie gelitten hat? Später wurde es ja wohl besser, das Dunkel tat wohl, die Gewohnheit ... Aber dies Dasein! Ihr Geist, ihre vielen Gaben — so verurteilt! Aber — der Anfang! Sie schloß sich ein des Nachts. Ich konnte nicht zu ihr. Da habe ich — nächtelang — vor ihrer Tür gelegen und gehorcht. Und sie wimmerte, sie — kannst du dir das — denken? Ich glaubte, ich könnte ihre Zähne aufeinander schlagen hören. Ich hörte sie hin und her irren und leise jammern, minutenlang, Worte stammeln, schnell, immer schneller, bis es immer lauter wurde und sie aufweinte. Dann wurde es wieder leiser, hörte ganz auf. Und dann fing es wieder an. Und endlos. Heulen hab ich sie gehört. Sie, diese —, sie ...
„Und dann — einmal — standen wir dort. Der Vorbeizug war vorüber, sie taumelte auf mich zu, wir waren allein, sie bohrte ihre Stirn gegen mich und schrie: Ich kann nicht mehr! — Dann riß sie sich los und lief auf den Altan. Ich weiß nicht, wie ich sie noch einholen konnte, und dann, — dann wollten wir Beide hinunter. Ich — ich war jung, und gelähmt, und dazu sie ... Ich wollte auch nicht mehr können. Plötzlich sah sie mich an, ihr verzerrtes Gesicht glättete sich sonderbar. Sie sagte: Merkwürdig ... nun ist es weg. — So stand sie lange, lauschte und wartete, schüttelte den Kopf und wiederholte: der Schmerz sei weg. Wir weinten wohl zusammen und dachten eine Weile, er sei wirklich und für immer verschwunden. Ich weiß noch: sie lächelte wieder und meinte, es wäre wohl wie beim Zahnarzt: wenn man die Treppe zu ihm hinaufstiege, sei der Schmerz fort. Ich hielt sie noch, und dann merkte ich auf einmal, daß sie schlief. Ich hab bei ihr gesessen, sie schlief bis zum Morgen. Da war der Schmerz wieder da ...“
Georg hatte zugehört, in Siedehitze getaucht vom Kopf zu den Füßen; seine Hand war feucht, als er sie von der Stirn löste, doch hörte er nun ein Geräusch, wandte sich und sah Egloffstein gedämpft hereinkommen und sich dem Herzog zeigen, worauf er wieder verschwand. Sie erhoben sich Beide, der Herzog murmelte, es sei Zeit für ihn, — ob er noch sitzen bleiben wolle ... drückte Georg nur heftig die Hand und ging hinaus.
Als Georg dann wieder im Stuhle saß, sah er die Zukunft vor sich stehn, unentrinnbar. Er fühlte, daß nichts sich hatte ändern lassen, er hatte weiter und weiter gehen müssen auf diesem Weg, nun nur noch wenig Schritte, und das Ziel war da. Trotz der Angst aber, die es ihm einflößte — oder war das nicht es? — schien ihm alles sehr leer, oder leicht, oder — sinnlos. Das Wirkliche, dachte er, ist doch ganz wo anders. Dies gehört zum Dasein, jenem, in dem man sich kleidet und ißt, arbeitet, einen Beruf hat, Umgang mit Andern, Pflichten. Es ist nicht das Leben.
Und da war es ihm, als befände er selber sich weder hier noch dort. Er lächelte; saß er nicht in der einsamen Nacht zwischen dem ersten Tag des neuen und dem letzten des alten Jahrs? — Er mußte eine Bewegung mit den Händen machen, wie um nach rechts zu tasten und links, das Dasein zu fühlen, dort, und hier das Leben. Da war aber nirgend etwas. Nur die Luft. Es ward totenstill. Und in der Leere konnte er sein Herz sehn wie einen schwarzen Klöppel, der ohne Glocke hing, sinnlos, im Schwarzen der Nacht.
Drittes Kapitel: Januar
Neujahr
Renate, beide Handflächen gegen die plötzlich entflammenden Wangen pressend, im Sessel vorgeneigt, rief: „Das möchte ich nun einmal wissen, warum du und ich am Neujahrssonntag hier sitzen!“
Saint-Georges, tief im Sessel ihr gegenüber, die Ellbogen in den weichen Lehnen, die Hände flach unterm Kinn gefaltet, blinzelte in die losen Flammen im Kamin; dann sah sie langsam ein immer freudigeres Lächeln um seine Lippen und in den Augen aufquellen, bis es den Mund öffnete und er sagte:
„Nun, das ließe sich am Ende noch beantworten. Was meinst du: stünden wir Beide in einer Geschichte, so würde die Antwort vermutlich lauten: weil es der Autor so will. Übersetze das lateinische Wort, und was kommt heraus? der Willen des göttlichen Urhebers.“
Renate, unwirsch über und über, warf sich zurück, strich mit der Rechten die dunkelblauen Falten aus ihrem Schoß, blickte unter gesenkten Lidern böse zu ihm hin und mußte noch einmal ausbrechen:
„Georges! Ich frage! ich will deutlicher fragen: Warum mußte — ich muß es wissen! — warum mußte das Weltgeschehen diesen Verlauf nehmen, zu dieser Stelle, an der wir nun als diese Menschen in dieser Weise sitzen und miteinander reden und schweigen!“
„Eine Frau“, erwiderte Saint-Georges freundlich, „fragt mehr, als zehn Männer beantworten können.“
Renate lachte verdrossen. „Ist dir denn nie dieser Gedanke gekommen? und wie ungeheuerlich er ist? Daß man hervorging, hervorgehen mußte aus dieser riesenhaften Weltgewalt?“
„Du denkst viel“, sagte er leise.
Renate erhob sich, machte sich einen Augenblick an Teekessel, Tassen und Dosen auf dem Rolltisch neben ihr zu schaffen, ging dann ins Zimmer hinein und, erst langsam, dann rascher auf und ab. Ihre Erregung, ihr selber unfaßbar, begreiflich nur so weit, daß sie entstanden sein mußte vor Jahren schon und gewachsen war seither und wachsen würde — machte sie schwindlig im Sitzen. Plötzlich sah sie Josef. Seit sie ihn in der Stadt wußte, fühlte sie sich umkreist von ihm, wo sie ging und stand, und wohin ihr Gesicht gerichtet stand, da stand er.
„Mir wäre besser,“ sagte sie bewußtlos vor sich hin, „ich säße in einer Dachkammer an der Nähmaschine. Armut, find ich, paßt soviel besser zum Leben.“
„Gut, Renate. Gehe hin und tue desgleichen.“
Sie blieb stehn. „Was heißt das, Georges, warum kann ich nicht fort, warum kann man nicht heraus?“
„Richtig,“ versetzte er, „daß du ‚man‘ sagst, nicht: ich. Im übrigen könnte man ja den Vetter Josef kommen lassen, um zu erfahren, ob er herausgekommen ist.“
Da kam er auch mit Josef! — „Das wäre eine Antwort?“
„Also einfach,“ erklärte er, „Fahnenflucht ist keine Kunst. Jeder verbleibe an seinem Platze. Einmal stellt sich doch immer heraus, daß es ein Posten war, auf den uns die Zukunft stellte. Wollen die Vögel auch schwimmen können?“
„Haus, Garten, gut Essen und schöne Kleider“, sagte sie, „sind freilich kein Verdienst.“
Er ließ die Hände fallen und suchte in der Rocktasche. „Sie sind der Einzige“, sagte er dann glatt. „Alle Menschen verdienten dergleichen.“
„Und wenn die Vögel nicht schwimmen wollen,“ fuhr sie heftig fort, „will der Mensch doch fliegen.“
„Und dann?“ fragte er bloß. Sie murmelte, den Kopf hängend: „Fortschritt ...“
„Daran zu glauben, halte ich nun für ganz verfehlt“, meinte er sorglos.
„Und was glaubst du?“ Sie stellte sich hinter dem Tisch gegen ihn auf.
„An das Rad“, sagte er aufblickend. Dann, da sie weiter fragte, mit den Augen ergriffen von der Festigkeit seines Blicks, fuhr er, leis lächelnd, fort: „Das Rad weder des guten Lamas im Kim, noch den Roman von Jensen meine ich damit, sondern —“
Renate, mühsam sich zu Ruhigkeit zwingend, glitt wieder in ihren Sessel und hörte zu, anfänglich gefesselt von dem Wohlklang seiner Stimme.
„Stelle dir“, fing er an, „ein Rad vor, wie Homer es malte, einen Radreifen mit vier Speichen, erzbeschlagen, und ein Rad, wie ein Heutiger es malt, eine flimmernde Scheibe von konzentrischen Kreisen; darin haben wir den Unterschied. Weiter: lege eine glühende Kohle auf die Erde, das ist der Anfang: ein glühender Kern, der Strahlen versandte, erst einen, mehr, immer mehr, die sich an unserm Horizont der kreisförmig andrängenden Ewigkeit umbiegen und ihren Stoff dort ablagern zu — Geschichte, dem Radband um unsere Zeit. Die Strahlen, immer dichter sich drängend, füllen schon den Kreis; nun wird abgespalten. Zum Beispiel: Malerei. Sie begann mit dem Bildnis, ging über zum Zimmer, zur Kleidung, zum Nackten, zog die Landschaft hinein, ging zur Landschaft hinaus, und es begannen die Techniken, Helldunkel, begannen die Charaktere, die Italiener, Holländer, kamen Holzschnitt, Radierung, Kreide, kamen Impressionismus, Expressionismus, Futurismus. Zehntausend Mannigfaltigkeiten und doch von Giotto bis Kokoschka ein einziger Glutkern: das Genie, die wahre Kunst, die Techniken und Programme und Richtungen nur benutzt, aber nicht von ihnen abhängt. Oder: Wissenschaft. Zuerst gab es die sieben freien Künste, die in einer einzigen Hand liegen konnten zu Anfang, die anschwollen, daß für jede eine besondere Hand notwendig wurde, ein besonderer Kopf, und wieder jede allein anschwollen, daß sie gespaltet werden mußten, und wieder gespaltet und aber wieder, bis wir heute zum Beispiel unzählbare Fächer der Naturwissenschaften, und so viele Spezialärzte haben wie Organe oder gar Krankheiten. Und siehst du die Abspaltung hier, so sieh die Zusammenfassung auf der andern Seite: Columbus, Luther, Giordano Bruno, Spinoza, Kant, Goethe, Bismarck, Darwin, die Bündel von Strahlen zur Garbe banden. Und immer die Ablagerung auf dem Kreisring, die Erfahrung, die Geschichte. Es wird immer anders, — das ist der ‚Fortschritt‘. Kannst du glauben, daß, wenn es je ein ‚Schön‘ gegeben hat, es heute ein ‚Schöner‘ geben könne? Oder ein ‚gut‘ oder ‚wahr‘ oder ‚edel‘, das heut besser wäre, wahrer, edler? Ja, einen Gott, der heute göttlicher wäre oder minder göttlich? — Kannst du glauben, daß du dich an einem Zeitpunkt befindest, tausendsiebenhundert Zeitmeilen entfernt von einem ‚Anfang‘? Kannst du dir vorstellen, daß du dich an einem Rande befindest? Muß nicht jedes, all und jedes, was ist, seinen Ursprung in der Mitte des Alls haben, in der Mitte sein? Alles, was ist, ist im Kern. Pascal — falls du nach einem Kronzeugen verlangen solltest — nannte das Weltall eine Kugel, deren Mittelpunkt überall, deren Umfang nirgend sei. — Wir strahlen ein jeder noch immer aus dem ersten und einzigen Kern, haben um uns den Rand, sind selber das Rad.“
Renate, die schlecht und kaum willig zugehört hatte, murmelte vor sich hin: „Nichts ist, was dich bewegt, du selbsten bist das Rad, das aus sich selber läuft und keine Ruhe hat ...“ Das war Bogners Zeichen unter seinen Bildern. Und keine Ruhe hat ... und keine Ruhe hat ...
Sie merkte, daß es schon lange still im Raum geworden war. Saint-Georges bückte sich, nahm den Blasebalg von der Erde und begann langsam die Flammen anzublasen, so lange, daß sie das anhaltende Gleichmaß der Lustseufzer kaum noch zu ertragen glaubte und ihm eben Einhalt tun wollte, als das Stubenmädchen erschien und meldete: „Frau Tregiorni.“
Als ob sie gesagt hätte: ein Engel! dachte Renate, erlöst aufspringend und zur Tür eilend, die sie öffnete. Sie umarmten sich und beglückwünschten sich zum Fest, — aber Ulrika sah keineswegs gut aus, blaß, das Haar schien die Stirn zu bedrücken und saß nicht vorteilhaft, die Nase trat scharf hervor, die Augen lagen tief. Nachdem sie auch Saint-Georges begrüßt, sagte sie, in einen Stuhl gleitend, die Augen niedergeschlagen und mit tonloser Stimme, wie sie beides mitunter an sich hatte: sie sei eigentlich gekommen, Renate um Vinzent van Goghs Briefe aus Josefs Besitz zu bitten, um — Renate verstand den Grund nicht, indem sie schon zur Tür ging, um das Buch zu holen, woran wieder Georges sie hindern wollte. Dann bemerkte Ulrika gleichgültig, sie könne ja mitkommen, sie sei ohnehin lange nicht oben gewesen, und er merkte wie auch Renate, daß Ulrika mit ihr allein sein wollte, worauf sie sich bei ihm entschuldigten und gingen.
Aber es war kalt im Zimmer oben, die Heizung nicht angestellt. Renate tats, suchte dann das Buch im Halblicht des violetten Lampenumhangs und trug es zum Tisch. Ulrika schien verschwunden in der dunklen Nische des großen Fensters, sie wechselten ein paar Worte wegen der Kälte, — dann setzte sich Renate doch, da die Freundin bleiben zu wollen schien. Das weiße Buch leuchtete still auf der leeren grünen Tischdecke. Und wieder erschien Josefs Gestalt, die Straße heraufkommend, auf eine Laterne zu ... Renate fröstelte und wünschte sich einen Schal. Ob sie das Buch kenne, fragte sie Ulrika. Die schien zu verneinen in ihrem Dunkel und zu fragen, wie es sei, worauf Renate allerlei hinsprach, daß es fast langweilig zu lesen, nur vom Malen die Rede sei, von Bildern, an denen er male, oder die er malen möchte, oder gemalt habe, und daß man doch nicht loskommen könne vom Anfang bis zum Ende ... Ulrika war derweil herangekommen, stand, den linken Arm hinterm Rücken gefaßt mit der andern Hand, nieder blickend auf das Buch.
Was mag ihr sein? fragte sich Renate. Da war die Freundin wieder die Fremde, die Umschlossene, die alles verschwieg. Wollte sie sprechen?
„Glut und Eifer“, sagte Ulrika ohne Ton, „ersetzen ja manches. Und wenn eine Lebendigkeit tief und gewaltig erscheint, so glaubt man wohl, an die ganze offene Welt angeschlossen zu sein, alle Stimmen zu hören, alles Weben zu sehn, denn man sieht —“ Sie hob den Blick schweifend über Renate weg, die bei sich dachte: Nun ist sie ja schon dort, wohin sie wohl kommen wollte ...
Immer noch gesenkter Lider glitt sie nun in den Sessel, der hinter ihr stand, legte ein Knie über das andre, zog den Kleidrock nach unten und faltete die Hände darüber.
„Hast du“, fragte sie aufblickend an Renate vorüber, „dich je gefragt, wie man im Traume sieht? Man sieht durch die schlafgeschlossenen Lider, deshalb ist immer alles so — unklar, wie durch Wasser gesehn. So wars all die Monate mit mir, und nun —“ Sie schwieg.
„Ist es anders geworden?“ wagte Renate leise zu fragen.