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Helianth. Band 2 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene cover

Helianth. Band 2 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Chapter 68: Wirrnis
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About This Book

A sequence of nine linked books follows the interior and outward lives of two contemporary inhabitants of the North German plain, blending realistic domestic scenes with hallucinatory dreams, fragments of letters and artistic creation. Episodes move between sleepless nights, remembered landscapes and rehearsed performances, revealing recurrent motifs of longing, solitude, memory and erotic yearning. The structure favors fragmentary impressions and shifting perspectives that blur waking consciousness and imaginative projection.

„Eifer und Glut, Wollen und Glauben,“ sagte Ulrika wie zu sich selber, „die genügen ja nicht.“

„Weil sonst jeder etwas Großes werden könnte, meinst du, der es sich nur ernstlich vornähme, und eben das nur diejenigen können, die auch — die Gabe haben?“

„Auch nicht die Gabe“, versetzte Ulrika ernst. „Auch die läßt sich haben, so mancher hat sie; aber deshalb hat er noch nicht — — das Leben“, schloß sie unsicher.

Renate mußte das Wort Liebe denken und sagte es leise, doch nun fielen Ulrikas Hände auseinander. „Auch nicht,“ sagte sie emporblickend, „nein. Das genügt alles nicht. So jedenfalls nicht, wie man das Wort versteht. Was tut er denn, dieser Maler,“ lächelte sie flüchtig auf, „glaubst du vielleicht, er liebt die Kunst, so wie wir, du, ich sie lieben?“ Sie sprach eilig weiter. „Nein, was tut er, was tat dieser van Gogh? Sie atmen Kunst ein, und sie atmen sie aus. Sie leben — weiter nichts. Ihr Leben ist Kunst, sie haben das Leben. Sie denken ja nicht nach, oder wenn sie nachdenken, ists doch wieder etwas für sich, ist kein Malen, kein Leben. Ach, all das ist so schwer zu denken und zu sagen!“ Sie stand mutlos auf.

Renate, nun ganz ruhig und sanft, fragte liebevoll hinüber: „Muß mans denn denken und sagen?“

Ulrika blickte wieder auf das Buch und gab ihm, das Ende des heraushängenden Lesezeichens fassend, eine kleine Drehung. „Man muß wohl“, sagte sie schwach lächelnd.

„Sie sind eben die Seltenen, diese“, fuhr sie wieder fort. „Man kann ihnen in keiner Weise gleichen. Was tun sie denn nur?“ Sie grübelte angestrengt nach. „Ich glaube, sie tun nichts, als daß — ja, daß sie sich selber schaffen jeden Tag. Und dadurch schaffen sie Welt. Ja, wie? Ihr Schaffen ist — ist —, die Welt sichtbar zu machen, Sichtbares und Unsichtbares erst sichtbar zu machen. Denke dir Kunst fort aus der Welt — es ist ja nichts mehr vorhanden. Keiner wüßte, wo er stünde, keiner“ — sie lächelte hell, zum Zeichen, daß sie Bogner zitierte — „wüßte, wie Baum und Sonne und er selber aussähe, wenn nicht eines Tages einer angefangen hätte zu malen. Hier sind doch neue Gesetze, begreifst du? Nicht unsre, gar nicht die Naturgesetze, ganz eigne.“

Wie leuchtete nun ihr erhitztes Gesicht! „Ja — — du bist ja aber glücklich, Ulrika!“ sagte Renate ergriffen. Die hellen Augen erloschen augenblicks hinter fallenden Lidern.

„Ich sollte es ja sein“, erwiderte sie dann ruhig. Plötzlich trat sie zurück in den Raum, blickte funkelnd und heiß und sagte: „Ich war es ja, war es ja bis heut! Sie war ja schon Lebenskraft geworden — meine Musik. Kannst du’s denn verstehn? Wie soll ichs nur erklären? Das Leben haben, sagt’ ich, nun — und was ist das? Allwissend sein, wissend um alles Werden, alle Entfaltung, alle Geschichte, die Leiden kranker Kinder, die Not geplagter Eltern, die Trübsal der Gebrochenen, das Elend der unentrinnbar Verstrickten, und die Wonne des Sommerabends, die Augen der Sterne — dies alles wissen und — hochheben im Werk, zeigen im Werk, sich als dessen Durchgang, dessen Werkstätte fühlen, wo es umgeschmolzen, umgewirkt wird zu Ordnung, zu Klarheit, zu Gesetz, aus dem es dann alles wieder strömt —: verwandelt, so daß wirs empfinden. Nun, und ich — ich war wohl noch weit davon, aber — ja, wie sage ich es denn nur?“

Verzweifelt umherblickend, trat sie an das nächste Bücherregal, legte die gefalteten Hände gegen seine Kante, die Stirne darauf und sagte wie herausbetend: „Daß es eben nicht Musik war, was ich spielte! nicht Noten, Quinten, Synkopen und Fugen, Sonaten, Konzerte, sondern — Menschenwerk, Menschenleben, Weltleben, Weltwerke. Formen allen Seins und allen Leidens, Erzeugnisse einer unendlichen Liebeskraft und einer unendlichen Daseinsnot, nicht Musik — nein, Liebe und Leiden, und nicht Allegro, nicht Andante, sondern — Kindheit und Wachstum und Älterwerden, Schmerzen eines Knaben, Zweifel eines Mannes, Hoffnung auf weiche Hände, Enttäuschung, ach — und das Aufstehn frühmorgens, die Schwermut am Abend — alles all, was ist, was wir Alle sind.“

„Und nun nicht mehr?“ fragte Renate, ganz heiß durchströmt von dem Brand.

Ulrika richtete sich auf, und wie sie nun wieder zu ihrem Sitz ging und sich hinließ, war sie wieder die Abwesende, die wohl preisgeben wollte und es doch nicht vermochte, in sich gefangen. Sie sagte bedrückt:

„Die Worte machen ja alles so anders. Nichts war ja so, wie ich sagte, ich lebte ja nur, ich fühlte mich auf die eine Weise, bis er kam, und nun auf andre Weise. Aber die erste ist doch nun nicht mehr, also ist es auch nicht anders, — kannst du denn herabsehn auf dein Leben? Man steht doch immer darin, man fließt mit, und alles ist unentrinnbar. Ach, wenn man nur fühlen könnte! Dann wäre kein Mord eine Untat. Sage das Wort nicht — was ist dann?“

Renate verlor die Worte im Hören, ohne sie begriffen zu haben. Eine Weile danach kam sie zu sich, unwissend woher, und erkannte, daß Ulrika von einem Bilde sprach — ja, einem Bilde, an dem Bogner malte, wieder malte, nachdem er es schon als Knabe geplant: der Kampf um Troja, Achilleus auf dem Wall, wie er um Patroklos schreit so gewaltig, daß die ganze Schlacht zurückrollt gegen die Stadt ... „Ja, kann man denn Schreien malen?“ fragte sie ungewollt.

„Ich sagt’ es ja eben,“ erwiderte Ulrika, „er selber behauptete, es sei unmöglich, ganz sinnlos, und doch muß er an diesem Bild schon bald zwanzig Jahre sitzen ...“ Wieder vergeßlich, versunken ins Anschaun dessen, wovon Ulrika sprach, der hundert Studien, Leiber, verrenkter Gliedmaßen, Verwundeter, Sterbender, Arme, Beine, schreiender Münder, dann auch eines Eisenbahnunglücks, das Bogner mitgemacht habe, und dessen Schmerzensausdrücke bei den Verletzten er später bei den Aktstudien aus der Erinnerung noch habe übertragen können, hörte sie langsam die etwas klagende Stimme der Freundin wieder deutlich werden:

„Und wie ich dastand in dem öden Raum, der ganz voll war von diesem wilden Leben, Rossen und Wagen, Kampf und Verzerrung, immer wieder dieselbe Gebärde des Grauens sah, dazwischen Entwürfe zu einem schwarzen Sonnenuntergang, in dem der Heros ganz klein stehen sollte, während vorne die zurückflutende Schlacht sich bäumt, — o Gott, all dies Stückwerk zu sehn, Rüstungen, Schienen, Fäuste, immer wieder Fäuste mit abgebrochenen Schwertstücken, Beine, nackt, verdreht, Rippen, von Armen herausgepreßt — und zwischen all dem er, so unbekümmert, bei aller Zweifelei so im Triumph seiner Ganzheit, in der die tausend Stücke einmal aufgehen würden, — da — ja, da trat ich glaub ich ans Fenster, ganz mutlos und hoffte nichts, als daß — nun was? Aber ich sagte etwas wie: ‚Wenn ich dir helfen könnte ...‘ Da legte er seine Hände auf meine Schultern, zwang mich ihn anzusehn und sagte ganz leicht, ich hülfe ihm ja — nun, noch dies und jenes, was ich nicht mehr weiß, was lag auch an den Worten! — Mir ward leicht, ganz leicht.“

„Und nun?“ mußte Renate endlich fragen, da sie vor sich niederblickend schwieg.

„Nun siehst du’s ja: ich bin hier. Ich kam heim, ich saß bei Mama, dann legte sie sich bald, sie kränkelt ja immer mehr, dann kam eine Schwester von ihr — da wurde ich auf einmal unruhig und ging hierher. Unterwegs —“

Renate horchte auf, da sie Schritte im Treppenhaus hörte; auch Ulrika schien sie zu hören, denn sie brach ab, erhob sich, nahm das Buch und sagte: „Es ist ja auch nichts weiter zu sagen.“ Sie trat auf Renate zu, die sich erhob, schloß sie in die Arme und meinte, es würde wohl alles wieder anders werden, wer könne wissen ... und dergleichen, während schon Saint-Georges den Kopf ins Zimmer steckte und erklärte, dies gehe zu weit! Dreiviertel Stunden sitze er allein, am Neujahrsabend!

Wie er doch den rechten Augenblick abgepaßt hat — für Ulrika, dachte Renate, obschon selber ratlos, was das Ganze nun bedeuten sollte. — Als sie einen Augenblick später hinter den Beiden, die miteinander sprachen und lachten, die Treppe hinabstieg, empfand sie bekümmert die Linderung, die aus Ulrikas Unruhe ihre eigene durchflossen hatte.

Es ist am Ende nur, daß ich zuviel allein bin, dachte sie dann; man hängt sich selber zu sehr nach, und — die Andern sind immer warm und wärmen; ist man dann allein, muß man sich doppelt kleiden und einspinnen ins eigene Fühlen und Grübeln, aber ... aber ...

Renate wußte nicht weiter. Sie waren unten angelangt.

Viertes Kapitel: Februar

Wirrnis

Georg saß und schrieb:

Ein junger Mensch kam an einem Oktobertage mit dem Eilzuge von A. auf dem Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin an, ohne Koffer noch Tasche, gut gekleidet, in einem schwarzen Herbstmantel und kleinem grauen Hut, stieg die Treppen hinunter und ging wie ein Müßiggänger die Joachimsthalerstraße hinunter, aber er suchte sich eine Wohnung. Er bog in die Kantstraße ein und ging sie hinunter bis über den Savignyplatz hinaus, währenddem er wohl achtmal, von dem Schilde: ‚Möbliertes Zimmer!‘ angerufen, in einem Hause verschwand, um jedoch ...

Georg strich die letzten zwei Worte unwirsch aus und schrieb statt dessen:

... kam aber alsbald, jedesmal ein wenig erschöpfter, wieder heraus, und zwar bald auf der linken, bald auf der rechten Seite der breiten Straße. Schließlich strandete er vor einem Damenhutladen auf der linken Seite, in dessen Fenster das ‚Möbliertes Zimmer!‘ wiederum auf einer Papptafel zu sehn war. Während er noch zögerte, wurde drinnen im Schaufenster eine Milchglasscheibe geöffnet, es kam ein Frauenarm mit einem Hut auf der Hand hervor, dann auch ein Gesicht, dunkeläugig, dunkelhaarig, ältlich, versorgt und gutherzig. Gleich trat er in den Laden, die Frau zog sich gerade wieder nach innen aus dem Fenster zurück, war ziemlich groß und sah wirklich sehr freundlich aus, ohne etwa ein besonders freundliches Gesicht zu machen. Er sagte: „Hier ist ein Zimmer zu vermieten?“ Die Frau antwortete in einem ihm unbekannten Dialekt (statt müssen sagte sie „missen“), zurückhaltend, es sei aber nur klein, bat ihn dann, mitzukommen, und er folgte durch ein großes Zimmer, in dem vor einem breiten Fenster zur Rechten zwei junge Mädchen saßen, mit dem Garnieren von Hüten beschäftigt. Die Frau stieg drüben ein paar Stufen zu einer Tür empor — sie ging schlürfend in Filzschuhn, schwerfällig; ebenso schwerfällig schlich ein alter schwarzer Pudel, der von einem verschossenen, grüngelbbraunen Samtsofa sprang, auf den jungen Menschen zu und berührte ihn vorsichtig mit der Schnauze — öffnete sie und ging weiter — der Mensch ihr nach — in einen schmalen, dämmrigen Gang hinein, mit Türen auf der rechten Seite, durch deren Milchglasscheiben in der oberen Hälfte spärliches Licht hereinsickerte, und von denen die zweite — die erste war nach dem Briefschlitz darin die Korridortür — halb angelehnt in die Küche hineinsehn ließ. Vor der dritten blieb die Frau stehn, stieß sie auf und ließ den Mieter ins Zimmer sehn.

Es sei gleich gesagt, daß dies Zimmer gemietet wurde. Es war keine vier Meter lang und kaum zwei breit; an der Tür gleich rechts stand ein gewöhnlicher, rotbrauner Kleiderschrank, daran stieß das Fußende des Bettes, und dahinter stand dasjenige Möbel, dem das Zimmer seinen neuen Bewohner verdankte, nämlich ein alter Bücherschrank — wie sein neuer Besitzer ihn nannte — aus braungelber Birke, unten Kommode, darüber Schrank mit sechs Fensterscheiben, von grünem Taft innen verhangen, bedeckt mit flachem Giebeldreieck; gutes Biedermeier. Gleich hinter ihm — er stand halb davor — war das Fenster mit sehr breiter Bank, die Heizung war drunter. Gegenüber dem Bücherschrank war eine kleine braune Tür, die in einen winzigen Verschlag führte; drin stand ein alter, hölzerner Waschtisch mit einem blechernen Becken, einer blauen Karaffe und einem weißen Seifennapf; ein Bort aus zwei Brettern, die an rotbraunen Kordeln hingen, schwebte schief an einem Krampen darüber. Dem Bett gegenüber an der andern Wand — keinen Meter breit war der Zwischenraum, den ein kleiner Tisch unter einer lang herunterhängenden, bräunlichgelb gemusterten, mehrfach gestopften Decke ausfüllte — stand ein altes, gemeines Sofa, das gleichwohl Vertrauen erweckte. Zwischen seinem Kopfende und der Tür zum Verschlage hing ein kleiner, alter Spiegel mit ungeschliffnem, in der Mitte geteiltem Glase, ebenfalls aus gelber Kirsche und ebenfalls mit einem Giebeldreieck. — Über dem Bett hing eine schmutzigdunkelrote Steppdecke, und auf dem Schrank stand eine Lampe aus weißem Glase, in deren Bassin gelb das Petroleum schimmerte. Vor dem Fenster waren alte, aber sehr saubere gelbweiße und geraffte Gardinen. Dies alles zusammen kostete den jungen Menschen achtundzwanzig Mark im Monat, wofür er auch die Heizung, die Lampe und noch eine Tasse Kaffee des Morgens nebst einer gestrichenen Schrippe haben sollte.

Georg, der während des Schreibens unablässig Zigaretten geraucht hatte, sah auf, murmelte: Es wird zu lang, aber die Beschreibung genügt ja nun, und er sah sich um, ob auch nichts vergessen war. Richtig, die Tapete! — Indem empfand er, daß er zu tief im Sofa saß, stand auf, faßte den Tisch an beiden Schmalseiten und trug ihn vor den Bücherschrank. Es war glühendheiß im Zimmer, er tastete nach der Kurbel im Heizkörper, fand sie und drehte sie herum. Dann blickte er durch die Gardinen auf den Hof, und gerade kam langsamen Schrittes aus dem Portal zur Rechten der Briefträger und ging vorüber. Georg fluchte leise: Wieder nicht! beruhigte sich, zog sich zurück, nahm eine neue Zigarette aus der Schachtel, schob die Blätter auf dem Löschblatt zusammen und schrieb weiter:

Der junge Mensch hieß Topf, und so sei er genannt. Diesen Namen hatte er der Zimmervermieterin mitgeteilt, und sie zweifelte nicht an ihm; auch die Polizei nahm ihn gutgläubig hin. Herr Topf also besuchte an Vormittagen die Universität in verschiedenen Hörsälen, und zwar genau bis zum siebenzehnten Dezember des Jahres. Längst von einem allgemeinen Widerwillen gegen die Nähe vieler — und so zusammenhangloser — menschlicher Gesichter erfüllt, wurde ihm insbesondere die Ausdünstung des studentischen Proletariats, welches die Publika besuchte, vermischt mit der fast unleidlicheren, aus Schweißgeruch und Parfüm zusammengesetzten der weiblichen Studierenden unerträglich, aber erst am genannten Tage ward ihm klar, daß er Stunden um Stunden versaß, um nicht mehr als Fingerzeige für eigene Wege zu erhalten, daß er besser tue, sich auf die Schriften selber, die großen Arsenale zu beschränken, und schließlich und vor allem, daß sein Mitschreiben und Ausarbeiten des Gehörten zwar Fleiß sei, jedoch nur um der Fleißigkeit willen von ihm betrieben wurde, nicht wegen des Stoffes und der Kenntnisse.

Herr Topf — dies war der einzige, wahre und echte Grund, den wir heute aufzudecken in der Lage sind — begann am Winter, an der Stadt Berlin, an sich selber zu kränkeln. Er erhob sich ziemlich spät am Morgen, kleidete sich in immer den gleichen, nämlich einzigen Anzug, bloß daß er lederne Reiseschuh an die Füße tat, und begab sich nach vorne in das große Zimmer, wo bereits an ihrem langen Tisch am breiten Fenster die beiden Mädchen saßen, die große, magere, bleiche, blonde, und die kleine, dicke, rote, braune, mit bunten Bändern, Zeugen, Hutmodellen aus Draht und Gaze, ganzen und fertigen Kapottehüten und andern Dingen beschäftigt. Dort sank er in einen tiefen alten Sessel, bekam alsbald seine Schrippe, seine Butter und seine große Tasse voll heißen, aber dünnen Kaffees vorgesetzt, sah in die Zeitung, gestattete dem alten, halbblinden und sehr ruppigen Pudel Valentin, sich an seinen Schienbeinen zu scheuern, sprach ein paar Worte mit den Mädchen oder mit der Wirtin, Frau Wisch, die mit versorgter Stimme und in magdeburgischem Dialekt, wie inzwischen offenbar geworden war, von ihrer Tochter erzählte, als welche in Stolberg am Harz mit einem Gärtner verheiratet war und ein Kind erwartete. Später saß Herr Topf in seinem Zimmer und las in einem Buche, oder er schrieb einen Brief, oder er saß in der Sofaecke und rauchte, oder er lag auf dem Sofa und starrte auf die weiße Glaslampe auf der Schrankecke, oder wenn er anders herumlag, durch die Gardinen, über den Hof gegen die Brandmauer eines Schuppens, oder eines Bildhauerateliers ...

Georg sah aufblickend hin, murmelte: Ich weiß es nicht — und schrieb weiter:

... durch die kahlen, meist nassen Wipfel eines Baumes nach dem meist bewölkten grauen Himmel. Mittags ging er in ein kleines Restaurant in der Nähe zum Essen, legte, zurückgekehrt, sich auf das Sofa und schlief eine Stunde oder schlief auch nicht. Meist aber blieb er liegen, bis es dunkel wurde und länger, denn mit fortschreitendem Winter wurde es früher und früher dunkel, zu schweigen von den Tagen, an denen es gar nicht hell wurde. Er empfand in diesen Stunden wenig, außer der Wärme der Heizung, aber er dachte viel, und nicht selten dachte er ein Gedicht, das er dann beim guten Licht der herabgeholten weißen Lampe aufschrieb. Um die Zeit des Dunkelwerdens jedenfalls, heute früher, morgen später, zog er Stiefel und Mantel an und ging auf die Straße. Nun konnte er verschiedenes unternehmen.

Er konnte sich in den Grunewald hinausbegeben — von dem er beiläufig nie mehr kennen lernte als den Teil vom Bahnhof Grunewald bis zum Restaurant Hubertus mit den beiden Seen, dem Jagdschloß und den zählbar scheinenden, gleichmäßig kahlstämmigen Kiefern — und dort konnte sich wohl die öde Kahlheit des winterlichen Gehölzes, das vielfältige Schweigen und das unsichtbare Auge der Einsamkeit zwischen den tausend nackten Stämmen hervor, konnten die grauen Flächen der schlecht überfrorenen Seen, der seltsam beklemmende Hauch des dunkelgrauen Winterhimmels, und später, im Dunkeln, die Spiegelungen der Laternenlichter im Eis und ihr Durchscheinen des schwarzen Zaunes von Baumstämmen auf dem gegenüberliegenden Ufer —, all dies konnte sich zu einem schauerlichen Schwellen und Tönen in seinem Innern vereinen.

An gewöhnlichen Abenden aber war sein Weg, der Weg des Herrn Studenten Topf, fast immer der gleiche, wenigstens anfänglich: die lange, graue Zeile der Kantstraße, unter der schwebenden Schnur der fleischroten Bogenlampen, zwischen den Wandungen spiegelnder Läden voll feurig beleuchteter und funkelnder Gegenstände —

Georg, sich erinnernd, schweifte mit dem Auge die Straße hinab und sah: Margarinefässer, Pfirsiche, Melonen in gefächerten Kästen, Tomatenhügel, Schaufenster voll stehender Spazierstöcke und Schirme, Buchläden voller gelber, roter, grüner, blauer Rücken von ungebundenen Broschüren, rotblutige, zerteilte Tierstücke auf Marmorplatten, dazwischen grüne Blattpflanzen, Herrenmodenauslagen, Kragen, Hemden, Krawatten, alles herrlich beleuchtet, kostbar und erfreulich, aber er schrieb es nicht auf —

... hinunter (fuhr er fort) bis zur Gedächtniskirche. Kurz vor ihr konnte er zum Zoologischen Garten abschwenken und durch den Tiergarten, die Charlottenburger Chaussee, die Linden, die Friedrichstraße hinab zum Bahnhof gelangen, im blauweißkarierten Aschinger zu Abend essen und mit der Stadtbahn heimfahren. Manchmal gefiel es ihm auch wohl, am Zoologischen Garten im Schacht der Untergrundbahn zu verschwinden, einem Lächeln, dem Schein einer verschleierten Wange, auch einem ganz deutlichen Augenwink nachfolgend, denn die unablässig lauernde Begierde seines Geschlechts ließ ihn immer wieder hoffen, dasjenige weibliche Geschöpf doch eines Tages zu treffen, dem er sich gesellen könne, — doch wagte er es nie, aus Furcht vor Krankheit bei jener Art von deutlich winkenden Geschöpfen, aus Scheu vor der Anknüpfung dort, und manchmal noch im letzten Augenblick aus Furcht vor der Langeweile, die jedes von diesen Wesen bei längerem Zusammensein ihm bereiten würde. Vornehmlich ergötzte ihn der Reiz, das Gefühl, nicht völlig ziellos, einer schmeichelnden, süßen, ach, immer wieder kostbaren, seltenen, verführerischen Sache anzuhangen, die in seiner Nähe ihm gegenüber saß, in ihrer nie zu begreifenden weiblichen Sicherheit, ausgesetzt nach allen Seiten hin, sich besessen fühlend von Blicken in jeder Bewegung, dem Ausstrecken des Fußes, Drehen des Absatzes und Blick danach, dem Dehnen des Schleiers mit dem Kinn, Rücken am Hutrand, plötzlichem Öffnen der großen Ledertasche, aus dem ein Täschchen von Silbermaschen, ein Spiegel, Bleistift, mehrere Trambahnbilletts und endlich ein Brief hervorkommt, — an allem diesem teilzunehmen, immer tastend, hebend mit dem Blick an den Augenlidern, drehend an dem zarten Kopf, bis endlich die erwünschte Wendung, der erhitzende Blick herüberflog, — und währenddem war er vielleicht angelangt auf der Hochbahnstrecke über den Eisenbahngleisen, wo die erleuchtete Wagenreihe wie eine Raupe von glänzendem Meteor über dem untern Sternhimmel der weißen, grünen und roten Signallichter auf dem schwarzen Tuch des weitausgebreiteten Bahnkörpers dahinzog, — und manchmal fuhr er bis zum Warschauer Tor, freilich selten, denn alle holden Geschöpfe hatten die gleiche Gewohnheit, schon bei der zweiten oder dritten Haltestelle zu entschweben, alte, dicke, geschwätzige Weiber dagegen, denen die Korsettstäbe vorn unter der Bluse abstanden, die erfüllten den Wagen mit ihrem, beim Lärm des Wagens unverständlichem Gerede und stiegen niemals aus, bevor er selber sich rührte. Schön und befriedigend war es dann — wenn er bis zum Warschauer Tor fuhr —, die leer gewordenen Wagen bis zum letzten durchschauen zu können, wo auf den befreiten, teilnahmlos hölzernen Bänken oder roten Ledersofas nur hier und da ein einsamer Zeitungsleser hinter seinem papiernen Schild saß oder ein Ladenfräulein (welches dann plötzlich seine Handtasche öffnete, um darin zu kramen, als sei dies gerade jetzt unumgänglich nötig geworden) ...

Georg dachte: Hier habe ich mich wiederholt, aber diese letzte Wendung mußte ich doch noch anbringen.

... Von einer leisen und melancholischen Art Romantik angefeuchtet, fühlte er sich in dieser Verlassenheit behaglich, ihren leisesten Schauern im Aufziehn und Entschwinden nachlauschend, zumal jenem: Wenn es bei aller Menschenfülle im Wagen völlig still ward, im Wagen, der mit tastender Vorsicht, immer langsamer, die Höhe des schwarzen Bahngerüstes erklomm, bis fast zum Stillstand, wo nur das emsige Tucken des Motors hörbar war, unendlich langsam die kleinen Lampen draußen heran- und vorüberglitten, indes der Zug vor der abenteuerlichen Kurve wartete oder sie mit sorgfältigster Langsamkeit umkroch, und der Blick unterweil fiel tief hinunter in die Höfe der Kohlenlager oder Stapelplätze, in denen verlassen aussehende Laternen Teile von Schuppen, stille Geschäftswagen, Plakate und Wandinschriften beleuchteten, eine Menge Dinge, die zu betrachten gerade genug Muße war, wenn auch nicht kenntlich wurde, was dem alten, braun und weißen Pferde fehlte, um das ein paar Menschen standen, und das den einen Vorderfuß hob und zuckte.

Georg unterbrach sich, da er merken mußte, daß es ganz dunkel im Zimmer war; das bleiche Viereck des Papiers leuchtete bläulich weiß; jetzt konnte er auch das eben Geschriebene nicht mehr entziffern, holte eilig die Lampe und zündete sie an. Vor Aufregung des Weiterschreibens irrte er Augenblicke lang zwischen der Absicht, eine Zigarette, Streichhölzer, den Aschenbecher, die Feder zu ergreifen und nach der Kurbel der Heizung zu fassen, da es wieder kalt geworden war; endlich gelang es ihm, alles, was er wollte, der Reihe nach zu tun, er schrieb weiter:

Und wie sonderbar traf m— (dies m strich Georg durch, suchte Augenblicke und schrieb nicht ganz zufrieden, hastig, weiterzukommen —) einen dann die schweifende Stille der großen Hinterfronten mit Riesenfenstern von geriffeltem Glas, hinter denen in hellen Riesenräumen die Schatten von unverständlichen Wesen herankamen oder sich handelnd entfernten; oder auch die Fenster waren klar und zeigten mächtige Säle, gefüllt mit eilig, aber lautlos sich bewegendem Personal, Packern, Schreibern. Und nun die Verschwiegenheit der kleinen Stationen der Hochbahn, wo er wartete mit andern Wartenden, die mantelumhüllt in der Kälte den Rücken in den Wind hielten, den Kopf schief und die Gesichter verkniffen, oder vor Plakatwänden standen, angeschrien, ohne es scheinbar zu beachten, von gemalten Grotesken; vielmehr gähnten sie häufig und spuckten verächtlich aus. Zu warten auf solch einem Bahnhof, mit der schaurigen Aussicht nach links und rechts auf die schnurgerade in die Nacht enteilenden, matt glimmenden Geleise, zwischen denen, wie im Nichts gehend, aus der Ferne ein Mann im Mantel mit einer unterhalb schwingenden Laterne, der sich zuweilen bückt, so langsam heranwandert, als hätte er Jahre Zeit; oder mit dem Blick in die Tiefe, wo über die traurigen, schwarzen, nassen, spiegelnden Plätze und Nebenstraßen ein trüber Omnibus voll stiller, sitzender Menschen hergezottelt kommt und mit lauterem Rasseln, an Geleisen ruckend und geschüttelt, unter der Überführung schwindet, — und wie totenstill kann es dann sein! — Oh, und das Auftauchen aus dem unterirdischen Schlund jählings zu mächtig strahlenden Lampen, in große Freiheit und Aussicht, zu Spiegelscheiben, Litfaßsäulen und der erstaunlichen Majestät einer Theaterfront emporgerissen, vor deren umnachtetem Giebeldreieck Bronzewagenlenker Panthergespanne sorglos in die Luft hineinzügeln.

Am trostlosesten aber war es in der windigsten der Dezembernächte auf einem der kleinen Vorortbahnhöfe, Wilmersdorf, Zehlendorf, Friedenau. Dort schien dem Wartenden die Zeit still zu stehn und niemand sich darum zu bekümmern, ob sie weiterging, aber auf einmal trat ein Mantelträger aus einer Tür an ein Eisengerüst, und dort war oben auf einem weißen Schild das Wort ‚Südring‘ in großen Lettern starrblickend zu sehn, ward aber im selben Augenblick mitten in seiner Bedeutung abgeknickt, und statt dessen erschien, groß und bedeutungsvoll, ‚auf allen Seiten Hintergrund‘: ‚Potsdam‘ in der Nacht. Dort dem endlosen, unaufhörlichen Vorüberrollen eines Güterzuges zuzuschauen, Wagen, Wagen und Wagen, dunkel alle, flache, kistenartige und solche mit Gerüsten, eine Menge voll langer, hinten überstehender Baumstämme, und solche, auf denen Möbelwagen mit riesigen Namenszügen standen, und geheimnisvoll verschlossene gleich fahrbaren Folterkammern, und andre, aus deren Innern das vertraute Stampfen und Klirren eingesperrter Pferde an Kindheit und Abende in warmen, dämmrigen Ställen erinnerte — in den Boxen die Hinterbeine, deckenverhangen, treten hin und her vor den schlagenden Schweifen —, — und ganze Städte zogen vorüber in den Wageninschriften: Bromberg, Hannover, Kattowitz, Posen, Danzig, Bochum, Löhne, Altenbeken, Stettin und Stralsund, und immer noch Wagen und Wagen, dahingerissen, unsichtbar von wem, aber zusammengekettet und fortgerissen, schon springend, dahin tanzend, und wieder beruhigt, verrollend, in einem eisernen Strombett von Getöse, das in jeder Minute den Takt wechselte, bis der letzte der dahingeschleppten Sträflinge unvorhergesehn plötzlich dem versunkenen Betrachter das dunkle Antlitz eines schweigsamen Geistes zuwandte, der ohne rechte Begriffe seines Daseins, stumm, nächtig, gehorsam der dunklen Nachtferne rückwärts zuschwebte, winkend mit einer grünen Laterne. Und wie er dann in die grauen Kissen seines Abteils versank, das ein schönes, behagliches Zimmer war, voller Luft von Menschen! Und noch zu genießen war vom Bahndamm im Entgleiten die hell erleuchtete Ferne des Bahnkörpers, wo lichte Häuserfronten, Balkone und hoch oben beschattete Giebel und Dächer in weiter Runde eine rötlich umrauchte Bogenlampe umstanden, und darunter arbeitete eine kleine Rangiermaschine sich, als ob sie festsäße, unaufhörlich den weißen, durchröteten, fortfliegenden Qualm ausstoßend, hin und her.

O Anschaun, o gedankenlose Empfindung, o Vergeßlichkeit! o kleiner Wartesaal dritter Klasse, mit dem glühenden Kanonenofen, dem Plakatbilde von Freienwalde, das seine Fichtenwälder anpreist, oder von einer Hygieneausstellung, oder von einer Gewerbeausstellung; mit der Tafel: Nicht auf den Boden spucken! mit dem zärtlichen Liebespaar im Winkel, ewig wie Bahnhof und Wartesaal ... Und nun wieder das Getöse, der große Wasserfall, das tausendfältig brandende Geräusch der breit aufklaffenden Straßen, das gewundene Gewirr, und das Gefunkel, und die Lichter, die hunderttausend Schilder, die alle schreien, etwas wollen, die Rufe, die Trompetenstöße, das vielstimmige Klingeln, die Geräusche der Sohlen, Pferdehufe, schreienden Geleise, Motoren, Achsen, die strahlenden Schaufenster wieder, die verheißungsvollen Korsettgeschäfte, das fromm aussehende, tiefernste, niemals bewegte Ungetüm des kirchenhaften Warenhauses, die Schlachterläden, die Gossenränder, die Blumenfrauen hinter Körben und Ständen mit kleinen Spritzen am Mund, die Zeitungsrufer, und hinter den Glasscheiben Aschingers der Tresen mit Messinghähnen, der Glaskäfig mit Stockwerken voll leckerer Brötchen, mit der ganzen, eiligen, schlingenden Gefräßigkeit der Menschen, die im Stehen kauen, mit rückwärts gedrehten Augen wie die Hunde, — und hoch über all dem, hoch in der braunen Nacht — der Tausendfuß, der brontosaurische Gigant, der blinde, der am ganzen Leibe unaufhörlich zitternd seinen elektrisch geladenen Leib an den Türmen, an den Essen, an Schloten, Firsten, Giebeln, Balkonen, Fenstern und Drähten der brüllenden, rasenden, taumelnden, kreisenden, winselnden Stadt scheuert ...

Georg, glühend im Gesicht, obwohl innerlich kalt und verhärtet von Anspannung, legte den Federhalter hin, faßte langsam mit der linken das Gelenk der rechten Hand und spreizte deren verkrampfte Finger mehrere Male, indem er sich mit dem Gesicht auf das Geschriebene neigte. Er überlas ein paar Zeilen, da widerstand ihm das Schreiben, er dachte: Das ist wieder so ein lyrischer Anlauf! — Aber es müßte einem doch gelingen, erwiderte er sich, in hundert Druckseiten diese ganze Stadt nach Eindrücken abzuwandeln ... Er stand auf, ging zum Sofa und streckte sich aus, aber die darstellende Tätigkeit hatte sich verkrampft, er schrieb in Gedanken liegend weiter:

Begab er sich nun nicht in eines der vierhundert Kinematographentheater, für die er eine herzliche und kindliche Zuneigung gefaßt hatte, so pflegte er noch einige Nachtstunden ... sich unterbrechend fiel Georg ein: Töpfer! und Tante Henriette, aber er setzte den begonnenen Satz fort: — ähnlich zu verbringen wie schon die meisten des Tages, lesend, rauchend, oder mit Träumen, Grübeln und Melancholie auf dem Sofa, gewöhnlich so lange, bis die angesammelte geistige Atmosphäre ihren Niederschlag in irgendeiner Erinnerung an eine Beobachtung; ein Erlebnis — wie er es nannte — des Tages fand, dessen Schilderung nebst daran geknüpfter oder daraus erwachsender Betrachtung über gewisse, sich wiederholende und trübe Seelenzustände einen melodischen Ausdruck im Umfange von vierzehn Verszeilen fand. — Richtig, es ist erstaunlich, dachte Georg, wie genau ausreichend das Maß des Sonetts zur Aufnahme von seelischen Entladungen ist. — Jetzt packte ihn wiederum der Schreibezwang, er sprang auf, ergriff eine Zigarette, entzündete sie über der Lampe, nahm die Feder auf und schrieb:

So mußte ihm jeder Tag schließlich zum Erlebnis werden; es quälte ihn automatisch, blieb einer ohne Gedicht; ein Gedicht war Frucht, war greifbar, bleibend, behielt seine Nahrung und würde ihm nach Jahren ... Vorwärtshastend bildete Georg den Rest des Satzes aus Strichen und fuhr fort: Und was etwa konnte nicht zum Erlebnis werden? Nur halbwach mußte man gehn, in sich selber locker schaukelnd, schwingend ständig gewärtig, Schwung aufzunehmen. Dann, in die Finsternis der ödesten Gassen des Nordens verloren, dann konnte er wohl, von einer Dirne aufgescheucht, mit jählings erwachendem, verwandtschaftlichem Grauen vor einem Laternenarm erschrecken, Arm, den tief im Verließ der toten Sackgasse ein Eingemauerter aus der Wand streckte, verurteilt, dies traurige, ihm selber unsichtbare, bleich grüne Licht zu halten, das sich fürchtet, allein seit hundert Jahren mit dem Eingemauerten und mit seinem Spiegelbild in der Pfütze auf dem Pflaster. Und — so schloß das Sonett: Darunter steht das Weib, das nach dir winkt. — Andermals: welch sonderbares Empfinden, von der Eisenbahnbrücke herab auf dem schwarzen Sumpf das Gewimmel von Lichtern zu durchforschen und zu verfolgen, Rubingehänge, dazwischen bleiche Türkise, gelbe Lichter wie Totenkerzen und runde, grüne, erfrischende, regungslos allesamt: dazwischen aber, aus einer schnell geöffneten Türe der Nachtferne, kriechen Ketten und funkelnde Bänder und leuchtende Schlangen, und auf einmal ist nahe darüber ein schwächlicheres Licht zu gewahren, der Mond, der nichts zu sagen weiß, als daß wohl auch dem Oben Beleuchtung gebühre. Zärtlicher, wehmutsvoller, verwandter berührte freilich die Begegnung mit jener Birke, die im abgestorbnen Garten vorm Haus plötzlich als bleicher Nebelstreif erschien, als ob sie zu sich her winkte, und dann, als sei es nun so weit, ihr letztes Blatt fallen ließ.

Georg stockte; er sah sich in Zwielicht und Düster unbekannter Straßenstollen herumgehn, ohne Ausblick, im undurchdringlichen Nebel; wo er die Kirche vermutete, da war nichts, nur Nebelqualm rollte wie — also wie aus einem Faß, und Lichter schwammen darin, farbige, blasse, opalene, schwer und aufgequollen, hochoben größere Lampen, prahlend, dicht unterm festen Verschluß von braunem Rauch, aber dann barst die Mauer, er atmete auf, starrte jählings und geblendet in das breite Blenden einer Riesenstraße von Läden und leuchtenden Schildern. Überdem fiel ihm der umgestürzte Koloß von Zementscherben ein, verklebt mit buntem Papier, der ihm den trostlosen Aphorismus zuseufzte: Hier liege ich, die Säule eurer Kultur, die Litfaßsäule! — Und er erinnerte sich erbittert, an ihrer einer den seraphischen Namen Jean Pauls in halbmeterlangen Lettern gelesen zu haben, aber als er neugierig näher trat, so wars die Ankündigung eines Coupletsängers im Apollotheater ...

Die Kultur, dachte Georg, im Stuhl zurückgelehnt, kommt bald ab, und das Gefühl, glaube ich, wird auch bald abkommen. Man sieht es ja an der Kunst, die kommt schon ab, ihre Züge haben sich bereits erschreckend gewandelt wie die von einem, der in den letzten Zügen liegt, bloß burlesker. Aus dem Drama ward das Theater und zuletzt der Kientopf, aus dem Gedicht das Couplet, aus dem Maler der Futurist, aus der Musik das Grammophon. Und wie ist es mit dem Kunstgewerbe? Da soll nun auf einmal alles geschmackvoll sein, und was kostet das für Mühe! Der Grieche, wenn er etwas machte, das ihm wohlgefiel, siehe da, so wurde es schön; wir aber wollen immerzu etwas Schönes machen, und dann gefällts keinem. Wenn ich aber gar einen individuellen Türklopfer sehe, so wird mir vor meiner Gottähnlichkeit bange. Georg raffte sich auf, tauchte die Feder ein und schrieb:

Zuweilen verbrachte Herr Topf die Abende in einem behaglichen Zimmer von schwerfälligem Reichtum; auf dem Sofatisch brannte eine verstellbare Lampe aus Messing mit grünem Schirm, und daneben saß die Tante von Herrn Topf, die er Tante Henriette nannte, und strickte oder häkelte, während sie sich von ihrem Neffen ein modernes Buch vorlesen ließ, Strindberg oder Sternheim, über den sie sich wütend ärgerte, aber das mochte sie gern. Die kleine Eisenbrille mit dicken Gläsern saß ihr vorn auf der Nasenspitze, zuweilen blickte sie darüber hinweg in die dunkle Zimmerecke, wo ein kleiner weißhaariger Mann in hellgrauen Beinkleidern, sehr soigniert, mit einem rosenfarbenen Papageien im Schoß saß oder auch am Kanarienvogelbauer herumbusselte und seinen grüngelben Bewohner mit dem Taschentuch leise quälte. Oder aber er ging zum Ende seines Korridors, klopfte an die Tür und wurde von einem ganz hellen: Herein! in das große, kahle Zimmer, dämmrig im Schein der Petroleumlampe auf dem Schreibtisch am Fenster, gerufen, wo (unter den riesigen Bildern Kaiser Wilhelms und seiner Gemahlin auf der roten Tapete) der Komparativus von Herrn Topf saß oder vielmehr eilig aufsprang, ganz klein und zierlich, aber mit schönem, dichtem Vollbart um das rötliche Gesicht, hocherfreut und lächelnd: Herr Töpfer, Schriftsteller und radikaler Sozialist ... Georg schrak auf; eine Tür ging fern, langsam kamen weiche Schritte Stufen herauf, schlürften auf dem Gang. War der Briefträger gekommen? Nein, die Schritte endeten in der Küche, ein Topf auf dem Herde wurde hörbar gerückt. Georg legte die Feder hin und begab sich auf das Sofa.

Wozu schreibe ich das? dachte er mißmutig.

Denn immer und immer wieder, fuhr die Kette von Worten und Gedankenbildern in seinem Gehirn hartnäckig fort, kehrte er aus alledem zur ewig gleichen trüben Tiefe des eigenen Daseins zurück. Dort suchte er am Grunde, aber das Gewesene, das er fand, machte ihn hülflos, er hielts und konnte es nicht verstehn, er hatte kein Gedächtnis, keine Erinnerung, die Vergangenheit rührte nicht mehr, das Bewußtsein, daß es einmal gewesen, Bedeutung, Lebendigkeit, Glanz, Farben gehabt hatte, oder daß am Ende er zu schwächlich war, sein Leben nur eine genietete Kette von Augenblicken — deren einzelne unsinnig und monströs in ihrer übertriebenen Verzerrung des Stillstandes aussahen wie losgetrennte, sekundenkurze Bilder eines Films, und von der im Zusammenhang stets nur drei oder vier Glieder sichtbar waren, indem das letzte schon wegschmolz, während das neueste kaum erst keimte —, daß da nur ein Zusammenhängen war, kein Wachstum, ein Gleiten, kein Aufbau, daß er dergestalt, auf einen winzigen Raum von Gegenwart angewiesen und zusammengedrückt, sich erhalten sollte, Jahrtausende, ungeheuer und drohend, hinter sich, eine nachtfinstre Zukunft, drohend und ungeheuer vor sich: das erfüllte ihn mit einer großen Verdrießlichkeit, die, das wußte er wohl, kein Leiden war, kein Schmerzerdulden, die zuzeiten aber doch zu lebhaften Angstzuständen, ja manchmal in ein Schrankenloses der Beklemmung wuchs.

Georg schüttelte den Krampf der sich schreibenden Sätze erbittert von sich, setzte sich auf, legte die Ellbogen auf die Knie, starrte in die Lampe und dachte, er habe wohl den Teufel zitiert, denn nun stieg die Angst wie Spinnen von allen Wänden herunter. Ich habe mich, dachte er verkniffen, vor mir selbst ins Papier gerettet, da liegt nun mein Abklatsch, nichts als ekelhaftes, absurdes, vor sich hinlallendes: Ich! ich! ich! Wozu sitze ich denn hier? Wozu hab ich seit drei Monaten ein und denselben Anzug am Leibe und nenne mich Topf? Was habe ich in diesen Topf gefüllt? Die schwarze Regentraufe von den Dächern ist hineingelaufen, aber von keiner Menschenseele ein Tropfen. Kommt es nicht auf die Menschen an? Ich kenne sie nicht. Töpfer kenne ich, der ist eine kleine Welt für sich, Frau Wisch, nun ja. Alle andern sind mir eklig. Wenn ich sie in der Elektrischen sitzen sehe, zusammengepfercht, viertelstundenlang still, vor sich hinblickend jeder in sein eignes, verrammeltes Ich aus ihren Bündeln von Gesichtszügen, die so notdürftig von da und dort her zusammengerupft und verknotet sind, daß man es kaum begreift, so schüttelt mich der Abscheu. Jeder ist jedes Feind. Mein Feind ist der Kellner, der nicht im Augenblick fliegt, wenn ich eintrete, mein Feind der Schaffner, der geflissentlich meine Hand mit dem Groschen übersieht und zu andern Fahrgästen geht, mein Feind der Beamte am Postschalter, der sein Geld zählt, sortiert und Päckchen häuft, oder Zahlen addiert, anstatt mir meine Fünfpfennigmarke zu geben, mein Feind die Verkäuferin, die mich warten läßt, und die fünf oder drei Frauen und Männer im Laden, die mich zwingen, Minuten meines Lebens wegzuwerfen, die nicht so viel wert sind wie das Einwickelpapier um die Butter, — die ich mir aber um keinen Preis entreißen lasse. Alle hassen Alle, was soll daraus werden? Und nur um der Ungeduld willen. Ungeduld schreit aus jeder Bewegung, aus den Augen des Chauffeurs, dem ich nicht rechtzeitig ausweiche, aus — aus jedem Auge! Ich aber, nur ich, ich hänge überm chaotischen Abgrund einer Seele, meiner Seele, und weiß, daß ich einsam bin, und daß Alle es sind wie ich. Das ist meine Angst, das ist die Angst, das ist die Angst der Stadt.

Nein, du lügst ja, sagte etwas in ihm. Er horchte hin, legte das Gesicht in die Hände und gab es zu. Aber gleichviel, woher die Angst! Sie ist da, und Angst ist Angst. Ich fürchte mich vor der Zukunft. Ich unternehme Dinge, die — deren Ablauf mir unbekannt ist, ich klage einen Vertrag ein, der mich auf einen Thron bringen soll, und ich weiß nicht, was das heißt, was all damit verbunden ist, und wie ich die nötige Sicherheit in mir selber erlangen soll, da ich, da ich — auf diesen Thron nicht gehöre. Und über all das hin braust das unendliche Hunnengeschwader meiner Gedanken, die ich nur fliegen lassen kann, nicht halten.

Georg empfand, daß ihn hungerte; auf die Uhr blickend, fand er, daß es kurz vor halb acht war. Er räumte die Blätter flüchtig auf das Bett, öffnete dann die Tür des Verschlages und holte nacheinander von der Fensterbank eine gläserne Dose mit Butter und einen Teller mit einem Stück Holländer Käse, von dem Bort überm Waschtisch einen Viertellaib Brot, einen Teller, ein Messer, zwei Eier aus einem Kasten, eine Tüte mit Zucker und sein blaues Wasserglas, brachte alles auf dem kleinen Tisch unter, schlug die Eier ins Glas, tat Zucker dazu, rührte um und trank, dann erst setzte er sich, strich zwei starke Scheiben, belegte sie mit Käse, schnitt sie in Würfel und fing an zu essen. Appetitlos kauend und schluckend, folgte er Gedanken, die sich rastlos erneuerten.

Ein Übelstand der Zeit ist es vermutlich, daß wir uns Kenntnisse — nicht Wissen — mit so ungeheuerlicher, hexenhafter Geschwindigkeit aneignen; und mit dieser, durch Jahrhunderte entwickelten Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit der Erfahrung kennen wir, was wir nie erfuhren. Was wir kaum sahen, dessen erinnern wir uns schon wie an hundertmal Erlebtes; mit der gesammelten Erfahrung unsrer Vorfahren geboren, ohne sie erworben zu haben, sind wir bloß Erben, — ja, wir, sage ich da recht literarisch, aber wäre ich wirklich allein so? Ich kenne ja niemand, aber ich glaube es nicht. Nichts pflegt einmalig zu sein. Wir leben zu schnell, wahnwitzig schnell, und da heißt es denn — er lächelte kränklich —: In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling. Bald auf gerettetem Boot treibt er zum Hafen als Greis.

Aber mir, nein, mir blieb keine andre Wahl, in dieser Zeit nicht. Ich war bislang ein Kind, ein Erzeugnis meines Vaters; der überrumpelte mich; und ich war ein Kind, ein Erzeugnis meiner Zeit. Ich allein hätte mich damals in Altenrepen vielleicht anders entschlossen, wenn ich nicht — wie wir eben Alle — mit den alltäglichen Dingen des Straßenlebens, des Lebens überhaupt so verwachsen wäre, daß ich mich ihrer Beeinflussung nicht entziehen konnte. Wie sollte ich mich zurechtfinden, damals? Zwischen elektrischen Bahnen, am Telephon, zwischen Läden, Kellnern, den Gesichtern, Anzügen, Hüten von heute, die doch nicht nur außen um mich herum sind, sondern organisch wesenhaft in mir, Formen meines Denkens, Empfindens, meines Seins, — ja zwischen all dem, was sollte ich anfangen mit diesem unzeitgemäßen Erlebnis? Es ist Kolportage, auf Hintertreppen war ich nicht eingestellt. Vor zwei, dreihundert Jahren, da hätte es gepaßt, zwischen Butzenscheiben und alte Sprüche an den Hausbalken, verschnörkelte Giebel, seidene Schärpen und nächtliche Straßengefechte, Serenaden und Entführungen. Das Schicksal drückte mirs in die Hand, — ich ließ es fallen.

Helene, dachte er. Der Bissen quoll ihm im Munde, er schluckte heftig, stand auf, griff hinter sich nach der Karaffe auf dem Waschtisch, setzte sie an den Mund, trank einen tiefen Schluck und stellte sie fort. — Sie war mir so fremd, immer so fremd, ich wußte nicht, weshalb, — von welcher Mutter bin ich nun geboren? Vielleicht hat sie vor Jahrhunderten schon gelebt.

Gedankenlos und müde aß er die letzten Brocken und dachte: Was nun?

Plötzlich ekelte es ihn vor dem Sofa. Ich will zu Töpfer gehn, sagte er sich trübe, vielleicht — —. Also löschte er die Lampe, trat auf den Korridor, hörte aber, als er auf die erleuchtete Milchglasscheibe am Flurende zuschritt, Stimmen drinnen, und nun fiel ihm ein, daß er am Nachmittag jemand zu Töpfer hatte gehen hören. Nun gleich, dachte er nachlässig, ich habe nichts gehört, klopfte an, hörte das helle: Herein! und trat ein.

Die Gaslampe am verbogenen Arm unter der Decke strahlte kalte Helle. Ja, da sprang der zierliche, kleine Mensch vom Stuhl am Sofatisch auf — er und ein andrer Mensch saßen essend daran —, stellte sich mit geschlossenen Füßen hinter seinen Stuhl, die Lehne fassend und sang in seinen hellsten Tönen, den Kopf tief zurücklegend: „Ah, der Herr Positiv tritt herein! wie überaus angenehm!“ und dergleichen mehr, während Georg, den Fremden ins Auge fassend, der sich hinter dem Tisch vom Sofa erhob, auf ihn zuging. Teller mit Wurst, Butter, Käse, Milchgläser standen auf der ungedeckten Platte. Der Fremde blickte Georg aus einem zartbräunlich und rosigen Gesicht mit weichem, schwarzem Spitzbart aus herzgewinnend liebenswürdigen, großen Augen an und bot Georg die Hand, während Herr Töpfer weiter sang, dies sei der Herr Topf, der den Berliner Roman schreibe, und das sei der Herr Levite aus Warschau.

Ein Nihilist, dachte Georg, indem er wegen der Störung des Speisens um Entschuldigung bat, aber Herr Levite versicherte mit angenehm weicher und tiefer Stimme, sie seien schon fertig, setzte eine offene Holzdose mit russischen Zigaretten über den Tisch vor Georg und zündete, da Georg eine nahm, gleich ein Streichholz an und reichte es ihm. Georg setzte sich, ungemein angezogen, und versicherte, mit dem Roman sei es nichts. Herr Töpfer, der wieder Platz genommen hatte, wiegte herzlich bedauernd den Kopf und meinte, gleich begütigend, er mache ja auch so wunderschöne Gedichte ... Hellaufsingend schraubte die Stimme sich empor. Die dunkle und weiche fragte sehr ruhig: „Glauben Sie damit der Menschheit zu nützen?“

Georg, erschreckt von der geraden Anrede, wehrte hastig ab: „Nein, nein, Gott bewahre, ich finde mich selber —, ich bin froh, wenn ich mir selber keinen Schaden zufüge!“

„Unser alter Streit“, klagte Herr Töpfer bedauernd und herzlich. „Sollen denn nun die armen Dichter wirklich aus dem Staat heraus? Lieben Sie nicht Ihren Dostojewski über alles? Und — da wir guten Deutschen —“ jubelte er hoch hinaus — „wenn wir von uns selber reden, stets Goethe als Beispiel heranziehn, so sagte Goethe —“

Allein der Pole schlug ihn sanftäugig nieder, während er noch an dem Zitat sammelte: „Goe—the sagt alles.“

Bestrickend war diese Stimme und die Aussprache des Deutschen! Die Silben kamen einzeln, rein und weich umhüllt, die S- und auch die Z-laute summten zart, die Vokale wurden um einen Hauch gedehnt, die Konsonanten um einen Hauch gedrängt, — es klang entzückend, kein Deutscher konnte die Sprache so zierlich handhaben wie dieser Pole.

„Ich liebe ihn,“ sagte die ruhige, nachdenkliche Stimme nun, „und ich verstehe ihn su lesen; für andre ist er — das Gift. Ich muß sugebben,“ fuhr er langsam fort, die Augen zu Georg aufschlagend — während er mit der Zigarette im Aschbecher rührte —, so daß Georg das Herz zitterte vor Hingezogenheit und liebevoller Umfangenheit von diesen guten Augen — „ich muß sugebben, daß die deutschen Dichter etwas voraushaben. Denn sie sind niemals reine Dichter. Wie andere als die grosen Vertreter Englands un Frankreichs, als Dickens und Flaubert oder Balzac gehen die Ihren vor. Jene wollen das Leben darstellen, sie wollen weiter nichts als das: Sie lieben — der Mensch, da steht — der Mensch, Sie sehen ihn, Sie fühlen ihn, er iist so warm, Sie verstehen — sein Leid, und er iist so, Sie heben an ihm, und Sie heben alle Fäden der Wurzeln, er iist fest in seinen Zusammenhängen, das ist so grose Kunst. Wenn dies die Menschen lesen, so vergessen sie sich, es ist — Su—ro—gat, aber es macht sie nicht froh an ihrem Teil, sie schmähen es, sie schmecken es nicht mehr so, sie gehen ihre Treppe nicht gern, ihr graues Haus macht sie Angst, ihre Frau ist schlecht un häßlich, der Hauswirt ist sehr böse, all dies ist nicht in Dickens, dort ist alles schön, der Schmutz ist schön, die Menschen sind schön un böse; sie haben Gewalt, sie scheinen anders lebbend, und dies ist, was ich sage: Gift. Ich kenne nicht viele deutschen Schrift—stellers, aber ich kenne Goethe, ich kenne auch ein wenig Keller und mit dem französischen Namen — — er ist sehr schwer! — Jean Paul, und sie sinnd sehr nachdenklich. Sie wollen nicht darstellen: der Mensch, sie wollen immer sagen: das Lebben, die Welt, der Gott. Ihre Menschen, sie fragen immer: Warum? Sie kümmern sich so viel um sich selber und um der Welt ...“

Da er innehielt, nach Worten suchend, sagte Georg: „Ja, gewiß, aber ist das nicht noch stärker der Fall bei den Russen? Ich meine —“

Der schöne, rote Mund im schwarzen Bart nahm ihm freundlich lächelnd die Rede ab:

„Sie saggen, was ich wollte. Auch der Rus—se, er denkt; er denkt an Rusland. Alles ist Rusland, nur ist Rusland, und ist Rusenwesen, Rusenleben. Nicht aber der Deutsche! Der Deutsche, er rechfertik sich, daß er ist. Er sieht die Welt: Wie kam er herein? Was tut er? Was fängt er an mit sich? Und er fragt: bin ich gut? Er hat viel Sennsuch nach sich selber, der deutsche Mensch. Immer denkt er auf Besserung. Und er muß immer vorher viel denken, ehe etwas kann geschehn. Sehen Sie,“ fuhr er eifriger und gütiger fort, „ich glaube an der deutsche Land,“ — er lächelte, „was nicht heißen soll, ich glaube an der deutsche Staat. Sie gennen Ihre Geschichte. Es hat gegebben ein Reich, Römisches Reich deutscher Nation, das haben gemacht — die Kaiser, gemacht hat es: die Person. Nunn es gieb wieder ein Deutsches Reich seit viersig Jahr, das hat gemacht der Gedanke, es hat selber gemacht: das Land. Fünfhundert Jahre der Gedanke hat gedacht: Deutschland, und es mußte kommen Napoleon und ihm sagen: Endlich fange an! und so fing es an, ein wenik, und es dachte wieder nach, das Land, sechsig Jahr, da gab es ein kleines Deutsches Reich. Ich hoffe sehr,“ lächelte er erst Georg, dann Herrn Töpfer an, „es wird immer denken lang—sam weiter bis in ein deutsches Reich europäischer Nation, wenn es dann giebt nich mehr Sar, un Gaiser, un Gönig.“

Georg, die Arme untergeschlagen, saß still da, so sehr untertauchend in das warme, schmeichelnde, dunkle Wallen dieser Stimme und die Lieblichkeit, mit der die Gedanken darin zum Vorschein kamen, daß lange Zeit verstrichen war, ehe er die Stille im Zimmer bemerkte. Er wußte nichts zu sagen. Ein leises Gefühl — wie Scham — bohrte in seiner Herzensgrube. Töpfer hatte sich mit heftig um einander gewundenen Beinen seitwärts im Stuhl gedreht und hielt, die Stuhllehne unter der Achsel, das Gesicht nahe darüber in den Schatten. Georg hörte den Levite wieder und sah ihn auf dem Sofa sitzen, das Gesicht tief gesenkt, die Arme unter dem Tisch, anmutig lächelnd:

„Mir fällt ein: ein Freund von mir machte dies Gleichnis: Legen Sie hin vor einen Engländer, einen Deutschen, einen Russen, einen Franzosen, geschrieben das Wort Ich, und er soll dahinterschreiben ein — wie heißt es? — ein Verb, was werden diese schreiben? Der Engländer, — er wird schreiben, serr einfach: Ich bin. Der Franzose, gleich — schreibt: Ich lie—be! Der Russe, er schreibt, — er besinnt sich, er schreibt: Ich sün—di—ge ... Der Deutsche, — nun, Sie wissen serr genau, was er schreibt, wenn er nicht sagt: Ich werde gehen und denken, was ich werde schreiben ...“

Sie lachten sich an und freuten sich miteinander. In das Gelächter scholl ein leises Pochen an der Tür, Georg drehte sich im Stuhl und sah Frau Wisch mit einem Brief in der Hand, den sie ihm hinstreckte: „Sie missen unterschreiben, Herr Topf, — ein Brief für Sie!“

Georgs Herz schlug wild, er nahm das Papier und einen Tintenstift, den sie ihm reichte, unterschrieb auf dem Tisch, bat dann die Herren, ihn zu entschuldigen, und ging hinter Frau Wisch her, in sein Zimmer. Lange mußte er nach den Streichhölzern tasten, bis er sie auf dem Absatz des Bücherschranks fand. Endlich brannte die Lampe, er riß den Brief auf, ein Schreiben fiel heraus, er entfaltete den großen Aktenbogen, sah schön geschwungene Schriftzüge, Unterschrift — das Hofmarschallamt, ein unleserlicher Name, er klaubte eilfertig Worte heraus: