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Helianth. Band 2 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene cover

Helianth. Band 2 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Chapter 75: Siebentes Kapitel: Mai
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About This Book

A sequence of nine linked books follows the interior and outward lives of two contemporary inhabitants of the North German plain, blending realistic domestic scenes with hallucinatory dreams, fragments of letters and artistic creation. Episodes move between sleepless nights, remembered landscapes and rehearsed performances, revealing recurrent motifs of longing, solitude, memory and erotic yearning. The structure favors fragmentary impressions and shifting perspectives that blur waking consciousness and imaginative projection.

„Und was schrieben Sie?“ fragte Renate, da er schwieg. Er sah sie mit ein wenig verqueren Augen an und zuckte die Achseln. Er hätte geschrieben, Georg dürfe schon vertrauen, daß alles mit rechten Dingen zugegangen sei, es sei jetzt keine Zeit zu Erklärungen, die er jeden Augenblick später erhalten könne, er selber stehe ihm sofort zur Aussprache, zur Beratung zur Verfügung, vielleicht jedoch ziehe er es vor, allein seinen Weg zu finden. „Glauben Sie nicht, daß er alt genug ist, um zu wissen, wie er zu handeln hat? Ich selber, schrieb ich ihm noch, würde eigenhändig einen Versuch machen ... Und dabei bin ich ja nun. Ich will —“

Er unterbrach sich; der Wagen rollte über eine Brücke, durch ein Tor, machte eine Schwenkung und stand still.

„Zinna,“ murmelte der Herzog verdutzt, „aber nun will ich ausreden.“

Renate sah durch die klaren Fingerstreifen im Belag des Fensters neben dem Herzog ein erleuchtetes Tor über Stufen, Schatten und bunte Stücke von Hin- und Hereilenden.

„Ich will“, sagte der Herzog, „doch meine Meinung ändern; ich bin der nächste Erbe und —“

Indem wurde der Wagenschlag aufgerissen. „Wollt ihr zulassen!“ schrie der Herzog, zog die Tür am Riemen zurück, klappte und riegelte sie zu. „Hundsfötter!“ murmelte er und setzte seinen Hut auf, einen großen alten Schlapphut, aber er sprach nicht weiter. Nach einer Weile sagte er leise:

„Helene — ja, nun fehlt uns Helene. Wenn ich die Regierung übernehme, so ist die Heirat damit ja immer nur aufgeschoben; der Hofkammerrat weiß, daß ich nur Fisematenten mache und in einem halben oder ganzen Jahr zu Georgs Gunsten verzichte. Also muß ich Sigune ... sie hat die harte Stirn der Zinnas; wenn ich sie herumkriege, so bleibt sie mir sicher, aber wie ich das mache ...?“ Er seufzte.

„Lieber Freund,“ sagte Renate, „und wie wäre es denn nun eigentlich, wenn Sie alle Beide verzichteten?“

„Wer?“

„Sie und Georg.“

„Nicht um die Welt“, sagte der Herzog. „Die Jesuiten kommen ins Land.“

„Können Sie sich nicht wehren?“

„Erstens gegen Jesuiten!“ murrte er unwirsch, „und außerdem habe ich Besseres zu tun. In einem Kriege kann Wunderbares an Kraft und Taten geleistet werden, aber ich wäre ja ein Hundsfott, wenn ich nicht den Krieg vermiede, um eben dies Wunderbare für meinen Frieden zu gebrauchen.“

Renate, hartnäckig zu ihrem eignen Erstaunen, bohrte tiefer: „Sie denken an Ihr Land und vergessen Ihren Sohn. Wie sehr väterlich glauben Sie, daß dies gedacht ist?“

Der Herzog blickte sie grade und schwer an. „Mir,“ sagte Renate beinah spöttisch, „— mir scheint es nun doch, als ob die beiden Augen Ihrer Weissagung — mich jetzt ansehn.“

Er machte eine abwehrende Handbewegung und schlug die Decke von den Füßen zurück. „Sie stören mich ja, mein Kind, anstatt mir zu helfen.“

Renate sah auf die Uhr im Armband: „Nachdem ich Ihnen anderthalb Stunden zugehört habe, ohne das geringste Widerwort.“

Der Herzog lachte und murmelte, um so gefährlicher sei sie, habe nun alles angesammelt, destilliert und spritze das feinste Gift. Übrigens könne sie ja nicht wissen, was für ihn auf dem Spiel stehe. Er tastete mit der Rechten nach dem Türgriff, drehte ihn, drehte ihn zurück und sagte kurz lachend: „Nun denken Sie, ich will ausreißen.“

„Es ist wirklich Zeit“, warnte sie lächelnd.

„Gut,“ sagte er und bot ihr die Hand, „ich werde die Nacht zum Überlegen verwenden.“ Er küßte ihre Hand. „Haben Sie Dank, vielen Dank! Ich bin morgen wieder in Trassenberg. Wenn Ihnen etwas Gutes einfällt, unterlassen Sie nicht, mirs zu schreiben. Gute Heimfahrt! Auf Wiedersehn! Leben Sie wohl! Adieu!“

Er hatte sich nach außen gezwängt, stand, von rückwärts beleuchtet und nahm den Hut ab; stämmig und wacker stand er da, Haar und Oberkopf schimmerten im Licht, die Züge waren von Renate nicht zu erkennen, da sie gegen das Licht sah, auch wurde die Tür nun geschlossen, der Motor brauste auf, der Wagen drehte langsam, rollte über den Hof, durch die Einfahrt und über die Brücke in die Nacht zurück.

Renate setzte sich tiefer in den Polstern, lehnte sich an, hüllte die Decke fester um sich und zog sie gegen die Brust; sie nahm die große Muffe, die sie neben sich gelegt hatte, wieder und senkte die Arme bis an die Ellenbogen hinein; es schien ihr kälter im Wagen geworden. Sie lächelte. Da hatte sie ihn nun ratlos gemacht, das tat ihm gut. Wieder lächelnd, empfand sie, daß dies Lächeln schon lange in ihrem Gesicht feststand. Sie glaubte, den Abdruck zu spüren, dieser Mensch mußte es mitgebracht und festgeschraubt haben, sie konnte es nicht loswerden, da war es schon wieder, sie fuhr mit der Hand über Augen, Nase und Mund, aber es kam unverwischbar drunter wie neu hervor, oder lächelte sie diesmal nur, weil sie es hatte fortwischen wollen? Da habe ich die ganze Zeit über gelächelt, dachte sie nun unwillig, und es ging um die ernstesten Dinge. — Wie, schon wieder die Stadt? Vom Schütteln der Fahrt in ihren Gedanken unterbrochen, sah sie durchs Fenster in die erleuchteten oder dämmrigen und finsteren Straßen voller Menschen und elektrischer Bahnen, solange bis die Chaussee wieder erreicht war. Unterweil war sie nachdenklich geworden, beugte sich vor, stützte das Kinn auf die Fingerknöchel und blickte durch die graue Scheibe in die Finsternis.

Das war ja ein Wassersturz von klirrenden, schillernden und fremden Dingen gewesen. Sie versuchte, sich zu besinnen. Immer sah sie ein kaltes, bleiches, augenloses Gesicht unter einem Jesuitenhut, wie unsinnig! Sigune — Schionatulanders Geliebte, ein schöner, trauriger Name. Kränklich war sie, blond, mit einer harten Stirn, und dieser Jesuit war ihr Lehrer und einziger Freund. Der kranke Bruder — und dieser Vater ... Plötzlich erschien der Herzog wie ein Riese dazwischen und fegte alles über Seite. Renate lächelte wieder, verfinsterte aber dann ihr Gesicht und sagte: Bogner — so hätte er einmal kommen sollen! Aber damals — wie würde ich mich vielleicht gewehrt haben! Heut mittag noch war mein Dasein ein blauer Teich mit kümmerlichen Wasserrosen; da warf sich dieser unbekümmerte Schratt hinein, bloß um drin zu plätschern.

Im kalten Wagen empfand sie sich auf einmal heiß. Diesen Gedanken, sagte sie, an der Lippe nagend, hätte ich noch vor Jahren den Zutritt nicht erlaubt. Bloß um zu plätschern? Aber es giebt mehr Teiche. Aber er fackelt nicht und greift zu, wenn es ihm paßt, erwiderte jemand aus der Wagenecke. Sie sah flüchtig dorthin, wo der Herzog gesessen hatte. Auf einmal kann er wieder gehn, es ist wie im Märchen, freilich, es war bald ein Jahr her, daß die Herzogin starb und er ... Wieder kam die tote Herzogin zur Türe herein, lebend, bewegte sich leicht zum Tisch, lächelte und neigte den Kopf, indem sie sich setzte. Seltsam, welch belanglose Erscheinungen am sichersten in uns haften bleiben! Ihr Gesicht, so entstellt, als ihr die Augen brachen, war nicht mehr zu sehn. Hatte er sie schon ganz vergessen? Sie hörte ihn seufzen: Helene — ja, nun fehlt sie uns! Uns ... Freilich: er mußte seines Weges weiter.

Fünfundzwanzig Jahr ist er älter als ich, dachte Renate und herrschte sich an: Genug jetzt! ein für allemal!

Und nun das — mit Georg! — Man kann es nicht einmal nennen, wie soll ichs begreifen? Georg? Wer war denn Georg? — Georg saß mit Esther oben in Josefs Fenster, oder mit Esther im Garten bei der Sonnenuhr. Wenn er kein Prinz ist, so sieht er doch einem solchen zum Verwechseln ähnlich. Nun wundert michs doch, daß — eigentlich er mich auch nie beachtet hat. Aber das war wohl Scheu wegen Magdas. Zwischen ihm und Esther — was war da gewesen? — Sie hörte Sigurds Stimme, wütend im Schmerz, aber sie fand die Worte nicht mehr.

Bogner und der Herzog, welch ein Gegensatz! Wars wirklich einer? Schien ihr die Kalt— ja, die Kaltherzigkeit des Herzogs nicht nur deshalb so viel heftiger als Bogners stillere Kräftigkeit, weil eben Bogner keine Kraftäußerung kannte als gegen sich selbst und in seinem Werk? Der Herzog war das Hantieren mit Menschen gewohnt, das war sein Leben und sein Werk.

Renate schloß die Augen und schauerte seltsam angenehm zusammen. Indem fielen zwei starke peitschenartige Knalle schnell hintereinander, sie fuhr empor, horchte erschreckt, gleich darauf rollte der Wagen langsamer, auch anders, wie ihr schien, und stand still. Ach, ein Reifen war geplatzt oder gar zwei! Nun kam schon der Schatten Reinholds von vorn am Fenster vorüber, sie öffnete es, fröstelte im Luftzug und sah, daß die Straße weiß war; es hatte geschneit. Reinhold kam zurück: die beiden Hinterreifen wären geplatzt. — Renate öffnete die Tür und stieg aus. Reinhold bemerkte in seiner Berliner Mundart: „Das ha ’k mir jleich jedacht, wo der Wagen so lange in der Garage gestanden hat.“ Er ging in seinem großen Pelz unwirsch um den Wagen, stellte den gehorsam stampfenden Motor ab, klappte einen Kasten auf, nahm Werkzeuge heraus, öffnete einen andern Kasten unterm Sitz und wühlte darin. Die beiden grellen Lichtkegel aus den Laternen fielen weithin über die weiße Chaussee und breiteten sich über die nächtigen Felder aus; grellweiß angeschienen standen die Chausseebäume wie gesträubte Zuschauer da, andre weiterhin, schattenhafter. Weiß wehte Renate der Atem vom Munde, sie trat in den dünnen Schuhen langsam hin und her, fühlte die hartgefrorenen Rillen des Schlammbodens unter der Schneedecke, fror und wollte wieder in ihren Wagen kriechen. „Wie lange dauert es denn?“ fragte sie.

Der Chauffeur, die Riemen an einem der festgeschnallten Räder mit aufmontierten Reifen lockernd, murrte kaum verständlich und mit der Abgeneigtheit seines Menschenschlags gegen Zeitangaben, es könnte auch ’ne Stunde dauern, — bei die Kälte! —

„Armer Reinhold!“ sagte Renate und war unglücklich, so lange im Wagen still sitzen zu müssen. Wo sie denn eigentlich wären, fragte sie. Da wo die Herzbruchsche Villa stände, da müßten sie dicht bei sein. Renate zuckte. Sie ging zum Chausseerand und suchte in der Nacht. Richtig, links über den Feldern war ein roter Punkt in der Nacht. — „Wenn man wüßte, wie weit es ist ...“ sagte sie zögernd. Nun stellte Reinhold sich neben sie und meinte, nach dem Licht spähend, es könnte keine zehn Minuten sein. — Und der Weg? — Die Chaussee hinunter, dann müßte gleich nach ein paar Minuten eine kleinere Chaussee links abbiegen, an der läge das Haus; die große Chaussee mache einen Bogen weit rechts und treffe nachher die schmale wieder. Ob Renate sich nicht erinnere, damals bei der Hinfahrt zum Herzbruchschen Hause, daß sie auf eine kleine Chaussee rechts abgebogen seien „da, wo wir doch den Herrn Almanach getroffen haben.“ Renate zögerte kaum noch.

Irene erwartete sie ja längst. Wie lange hatten sie sich nicht gesehn? Lieber Gott, war das schon seit — Mai — oder Juni? Ja, im Mai war ich einmal draußen, und noch zweimal im Juni. Dann ging ich nach Helenenruh, und eh ich wieder hier war, kam ‚die große Verjüngung‘ über sie, Masern und Scharlach hintereinander, — wie ein Kind so dünn und weiß wie eine Kellerpflanze sollte sie ja wieder zum Vorschein gekommen sein, — Renate seufzte noch einmal, sagte Reinhold etwas Ermutigendes, bat ihn, wenn er fertig wäre, zur Herzbruchschen Villa zu fahren, und machte sich auf den Weg, nun schon ganz in freudiger Neugier, wie Irene aus Italien zurückgekehrt sein mochte ... Auch die Fahrt mit dem Herzog war in ihrer Erinnerung jetzt eitel Freude, die ihren Gang beschwingte. — Auf die Uhr blickend, fand sie, daß es eben halb acht Uhr gewesen war, und sie ging am Rande der Chaussee unter den Bäumen fort, dankbar für die Wohltat der Stille in der Frostnacht nach dem langen Getose des Motors und dem Hinschnarren der Gummiräder über den harten Boden.

Stehen bleibend dort, wo die Lichtkegel der Laternen zerstäubten, vergrub sie die Unterarme tief in die Muffe, behaglich, denn sie fror nicht, nur an der Kopfhaut merkte sie, da sie keinen Hut trug, ein wenig Kälte. Die Chausseebäume, bleiche Stauden, wurden im Finstern kenntlich und neben ihnen in der Grabenböschung die weißen Steine. Eilfüßig lief sie den Weg hinunter, aber die kleine Chaussee ließ auf sich warten, dafür machte aber die große einen immer stärkeren Bogen nach rechts. Sieh, aber da waren ja Sterne in der Nacht, unendlich fern, winzige, weißliche Punkte, und kaum daß sie diese gesehn, zogen mehr, rechts oben von den ersten, ihr Auge an, das an neuen Sternen nun die unsichtbare Wölbung emporglitt und den großen Wagen erkannte; undeutlich, matt blinzelnd, war jeder Stern nur sichtbar, wenn sie ihn einzeln ins Auge faßte, aber er war es doch! Sie sah sich um im Gehn und gewahrte fern die Laternenkegel, strahlend mitten im Felde der Nacht, dahinter den ungetümen Schattenriß des schwarzen Wagens, ganz ein glotzendes Tier. Sie ging weiter und hatte sich bald so ans Gehen und unbestimmte vor sich hin Sinnen gewöhnt, daß sie plötzlich die Nebenchaussee merkte, die sie halb überlaufen hatte. Abbiegend und aufsehend, sah sie auch schon deutlich zur Linken ein erleuchtetes Fensterviereck, wenn auch klein, aber da kam plötzlich der Schatten eines Menschen von rechts aus der Nacht auf die Landstraße zu, und leicht erschreckt eilte sie weiter, während der Mann näher kam; wenige Schritte hinter ihr mußte er die Straße betreten haben, dann hörte sie ihn ihr nachgehn, ging eiliger, ihr Herz klopfte heftig, die Schritte hörten nicht auf, jetzt kamen sie vielmehr näher, sie blieb Atem holend stehen, der Fremde auch.

Sie sah ihn an; seine Züge waren nicht zu unterscheiden, er hatte eine dunkle, englische Mütze auf dem Kopf und trug einen dunklen Havelock. Schon wandte sie sich entsetzt, um zu fliehn, als der Fremde — nun erkannte sie auch den glimmenden Blick seiner Augen — die Mütze abnahm und mit anständiger, leiser Stimme sagte, er bäte um Entschuldigung, er habe sie verwechselt. Sie atmete ein wenig auf und sagte rasch und munter, es befände sich wohl selten um diese Zeit eine Dame in dieser Gegend, noch dazu ohne Hut. Sein Gesicht veränderte sich nicht, während er erwiderte: sie möchte nochmals entschuldigen, zumal er wohl richtig vermute, daß sie zu dem Landhaus — dort — wolle. Sie bejahte, bereits im Weitergehn, er ging schweigend mit, ein wenig voraus. Das Fenster ward langsam größer, sie erkannte die Umrisse des Hauses, des Daches und des Hügels. Der Fremde machte eine Bewegung zurück und fragte leise: „Zu wem gehn Sie denn? zu Herzbruchs oder —?“

„Zu Herzbruchs.“

„So“, sagte er und war wieder voraus. Drei Schritte weiter wandte er sich abermal und fragte, wieder ganz leise: „Aber — Sie kennen — vermutlich auch die — andre Dame?“

Verwundert sagte sie: „Frau Vehm, meinen Sie, ja, ich kenne sie.“

„Und die Kinder, — nicht wahr? die Kinder kennen Sie auch.“

Die Kinder —, — nun erst fiel Renate ein, daß jetzt Doras Kinder beide an den Masern krank lagen. „Sie haben die Masern“, murmelte sie vor sich hin; ihre Schritte wurden langsamer, denn sie fürchtete sich nun vor der Krankheit; bei ihrem Alter war sie gefährlich. Der Fremde war zurückgeblieben, holte jetzt aber wieder auf und ging eilfertig weiter. Nun sah sie auch an der Rückseite des Hauses einen Lichtschein; dort lag die Diele, daneben war der Eingang ins Haus. Sehr unentschlossen hin und her überlegend, ging sie doch weiter, sah die Gartenbäume, jetzt wurde das dünne Geflecht des Drahtzauns neben der Chaussee sichtbar, und da war die Tür; der Fremde stand dort. Plötzlich war ihr sehr unheimlich und beklommen zu Sinne. Fuß für Fuß ging sie bis zur Tür, immer noch schwankend, ob sie nicht lieber umkehrte, aber sie fror nun auch, die dünnen Sohlen der Hausschuh ließen allzusehr die Kälte durch, hastig entschlossen drückte sie die Klinke der Drahttür nieder und sagte: „Guten Abend!“

Der Fremde, die Augen, wie es schien, gegen das helle Fenster gerichtet, blieb stumm. Renate ging langsam durch den Garten hinauf, am Hause vorüber; erfreulich war das Licht in der kleinen Vorhalle, sie ging die Stufen empor, stampfte den Schnee von den Füßen und betrat die Diele.

Gleich vorn zur Linken, mit dem Rücken nach ihr hin, stand ein Herr, ein Buch, in dem er las, in die Nähe der Stehlampe haltend, die auf Dora Vehms Schreibtisch brannte. Erst jetzt drehte er sich schnell herum, klappte das Buch zu und legte es hin; es sah wie ein Tagebuch aus, und der Herr war jener Doktor Ägidi, den sie vor einem Jahr hier kennen gelernt hatte. Sie gab ihm die Hand, fragte nach Irene, die Luft kam ihr schon peinlich dumpf vor, nebenan wohnten die Kinder; so ging sie hastig durch den Raum und traf im Flur mit Irene zusammen, die sie mit leidenschaftlichem Entzücken begrüßte. Trotzdem schien Renate die Wallung rascher vorüberzugehen, als ihr verständlich war. — Noch im Treppensteigen erklärte sie ihr Kommen, der Herzog schien auch Irene einige Teilnahme zu entlocken, sie ging in ihrem Zimmer, während Renate sich unter dem Fenster auf das Sofa setzte, hin und her, in ein großes, schöngesticktes weißes Tuch mit langen Fransen gewickelt. Die Heizung funktioniere wieder einmal nicht, klagte sie, Renate solle nur ihre Pelzsachen sämtlich am Leibe behalten. Das Mädchen kam herein und fuhr fort den Tisch zu decken, sagte dann im Hinausgehn, Herr Almanach — sie betonte den Namen wie alle Dienstleute auf der ersten Silbe — sei gekommen.

„Der Tisch wird überlaufen!“ rief Irene und erklärte, daß sie Besuch erwarteten, einen Freund ihres Mannes, sie laure schon den ganzen Nachmittag auf ihn, nun würde ihr Mann ihn wohl aus der Stadt mitbringen.

„Er wird doch nicht draußen am Zaun stehn?“ fragte Renate mit halbem Lachen.

„Hat denn wer am Zaun gestanden?“

Renate fragte, gleichzeitig mit Irene, wie ihr Besuch denn aussehe. „Du kennst ihn ja selber,“ antwortete Irene, „er heißt Klemens, er war auf meiner Hochzeit, seitdem kann er sich allerdings verändert haben.“

„Dann war ers glaub ich nicht,“ sagte Renate, „dieser hatte keinen Bart oder einen ganz blonden, soviel ich sah, und Klemens war doch —“

„Einen blonden?“ fragte Irene erschreckt und blieb stehn, „dann war es wohl ... Wie sah er denn aus, was hatte er an?“

„Einen Havelock und eine englische —“

„Albert!“ schrie Irene, „mein Schwager wars! Er ist verschwunden vor acht Tagen! Aber das ist ja —! Entschuldige, bitte, ich muß sofort zu — Am Zaun blieb er stehn, sagtest du? Ach, das ist ja —“ damit war sie fliegend hinaus.

Also das wars, dachte Renate. Und Ägidi ist unten im Zimmer. Albert Vehm war doch erst vor kurzem aus Arosa zurückgekommen. Wie er nach den Kindern fragte ... Ich will doch lieber gehn! dachte sie und stand auf. Überdem wurde die Tür geöffnet und Herzbruch trat ein, trotz des Winters in seinem hellen Anzug, breit und stämmig und fröhlich, mit funkelnden Brillengläsern. Wo denn Irene sei, fragte er gleich, und ob Klemens — sie kenne ja wohl seinen Freund Klemens, nicht da sei. Renate verneinte und erzählte noch einmal ihre Begegnung mit seinem Schwager, während jetzt Herzbruch im Zimmer auf und nieder ging, die Hände auf dem Rücken, zuweilen am Tisch stehen bleibend und drauf nieder blickend, als zähle er die Gedecke; als das Mädchen wieder eintrat, fragte er, welche Herde denn da zur Krippe gehn solle, und da das Mädchen Almanach stammelte, legte er ihr vernichtend die Hand auf die Schulter und sagte, es heiße Manach, Manach, und sie könnte ruhig noch mal so laut reden. Das Mädchen wurde glühend rot und entlief, — zu Renate sagte er nur: „Das sind alles schwere Sachen, aber auf meine Schwester kann ich mich verlassen; was sie tut, unterschreib ich.“

Im Augenblick danach trat sie zur Tür herein, Irene hinter ihr, dann Ägidi. Es ist ja genau wie damals, dachte Renate, nur alles viel deutlicher und noch bänger. Dora Vehm freilich schien, wohl durch stärkeren Zwang als damals, gelassener, warnte mit ihrer hellen Stimme Renate vor den Masern; Alle setzten sich wie von selber wie damals um den Tisch; nur Georg fehlte; auch damals war Jason später gekommen. Irene war still, auch Ägidi. Dora berichtete Renate einiges von den Kindern, es gehe schon besser, sie seien munter, Jason sei noch bei ihnen. — Renate tat eine Frage nach Klemens, und Herzbruch antwortete unbedenklich, ja, der habe seine eignen Methoden, komme oder komme nicht, vielleicht sei er erst bei seiner Schwester, er komme aus Irland. — Renate erinnerte sich der kleinen Virgo, die jetzt ein Kind erwarten sollte ...

Nun sagte niemand mehr etwas, die Schüsseln gingen umher, dann öffnete sich die Tür, Herzbruch sah auf und sagte: „Da ist der Kalender.“

Jason kam herein, gab Allen leise kopfschüttelnd die Hand, setzte sich und fing an zu essen. Nach einer Weile blickte Herzbruch auf.

„Also, Kalender,“ sagte er, „können Sie nicht etwas anregend wirken? Stellen Sie doch einmal einen Satz auf.“

Jason erwiderte höflich: „Gewiß, gern. Indem ich den Anblick zweier essender Ehepaare genieße, muß ich den Satz aufstellen ...“

„Zweie?“ Herzbruch ließ den Mund still stehn und sah ihn mißtrauisch von der Seite durch die Brille an. „Sie haben ja ’n Vogel!“

„Das sagen Sie so,“ erwiderte Jason, derweil Renate den Blick auf Dora vermeiden mußte, „aber mein Satz beruht eben darauf. Ich gedachte nämlich zu behaupten, daß man zwischen hundert Ehepaaren beliebig viel Vertauschungen vornehmen kann, und kein einziger der Betroffenen vermag es zu bemerken.“

Ägidi fragte: „Sag mal, — bist du immer so?“

Nicht immer. Er sei verschieden, meinte Jason.

Früher sei er weniger nervös gewesen, bemerkte Ägidi.

Oh, er sei nicht nervös. Ägidi meine das Kopfschütteln. Das sei pathologisch.

Irene erklärte, er habe damals den Schiffsuntergang mitgemacht, blieb aber stecken und rief heftig tränenden Auges: „Wir haben Alle Esther schon vergessen!“ so daß Renate erschrak.

„Die Zeit vergeht,“ sagte Jason ruhig, „die Zeit ist sehr gut. Es giebt nicht annähernd so Gutes. Sie wird mir auch mein Kopfschütteln wieder nehmen. Ja, das Schiff war sehr groß und ging doch unter. Andre wurden wahnsinnig, ich habe das Kopfschütteln.“

Die Stille saß unheimlich und sich blähend vor Klemens’ leerem Teller. Renate war weit fort, sah Esther in ihrem Garten, in Josefs Zimmer, immer blaß, gern lächelnd, arbeitsam, still. Sie hörte Jason durch Schleier sprechen, dann Irene, die zu erzählen schien, wie sie ihren Mann bekommen hatte. Herzbruchs Stimme ertönte schwer und gewichtig dazwischen, nun sah sie wieder den Herzog im Schloßhof stehn, barhaupt, mit einem Heiligenschein, und — — sieh, da war ihr Lächeln wieder da! Renate stand auf, da die Andern aufstanden, Dora ging gleich darauf aus dem Zimmer, das Mädchen deckte den Tisch ab, Renate fing an, auf und ab zu wandern, nahm ihre Muffe vom Sofa und wärmte sich. Jason hatte sich vor Irenes Vitrine gesetzt, öffnete sie, nahm dies und jenes hervor und betrachtete es; Renate blieb hinter ihm stehn und sah zu, ohne etwas zu sehn. Noch eben war Wageninneres, und der Herzog und hundert bewegte Gestalten, auftretend und schwindend, — dann nur Stille der Winternacht, ihre Schritte, und im Dunkel, am Gartenzaun, der dunkle, wartende, einsame Mensch ... Wie war doch alles wirr! Nun Dora Vehm, und jemand ward erwartet, Ägidi kam und ging, Alle trugen etwas, und jeder sagte: Nichts ... ich trage nichts ...

Renate schreckte auf, da sie sich auf dem Sofa fand; mitten im Zimmer stand Irene, wieder in ihrem weißen Tuch, und sagte: „Aber Jason, was machst du denn da?“

Renate folgte ihrem Blick, sah links in ihrer Nähe das Ende des Flügels, sah ihn schräg ins Zimmer ragen, aus der Ecke, wo unter der hohen Figur des delphischen Wagenlenkers, die tief im Schatten stand, Jason saß, die Lider gesenkt, die Arme hin und her bewegend, als ob er spiele, aber er brachte keinen Ton her. Renate sah ihn schweigend an, nichts erfolgte, Jason bewegte hin und wieder das Gesicht, als folge er seinen Händen in Baß und Diskant, dann hoben sich langsam seine Lider, Renate fand seine Augen leise glänzend auf sich gerichtet, er sagte — und im selben Augenblick hörte Renate deutlich — und doch gab es keinen Laut im Zimmer als Jasons Stimme — die Töne, die langsam sich hinzählenden, unendlich beruhigenden Sechszehntel des ersten Präludiums aus dem Wohltemperierten Klavier, und Jasons Stimme sagte darüber: „Ich weiß, was du denkst.“

Und nach einer Weile, während die Sextolen ruhig weiter perlten:

„Das Leben ist nicht wie in Schriften und Büchern der großen und kleinen Autoren. Es ist wie auf Triften dort klar und erkoren, wie Springen der Lämmer, wie Singen von fern, wie des Hirten Schalmei, nicht im Dämmer der Unzahl verloren. Es löst sich ein Schicksal wie Duft aus den Poren der Blumen, du atmest und riechst es dabei, und da glüht es und scheint dir, und Lippe, die redet, und Lippe, die weint, ist dir alles vertraut und benennbar und gar nicht unsäglich, auch jenes, das dumpf und ergraut, — denn es waltet nur eines zur Zeit, und das Leid und das Licht, und die Nacht des Geweines, der Tag voll Verzicht und die Treue des Steines, sie wechseln und ruhn, sie verwechseln sich nicht, und hat jedes sein Wort und Gesicht und besonderes Tun, und du siehst es sich klären. — — Du aber gehst mit gebundenen Händen und kannst dich nicht wehren, du wanderst und stehst, und bist niemals allein, und hast keine Erfahrung. Wie Farben im Staube der Wasser sich bilden, ohne Gewicht, ohne Odem und irdische Nahrung, so siehst du die wilden, die niemals erkannten, verwandten Geschicke sich wölben am Weg, und wanderst vorüber mit gänzlich verzaubertem Blicke, dir selber in Farben und Lichtern wie seltsame Städte mit vielen Gebäuden und Angesichtern unkenntlich erscheinend; und nichts ist bestimmt, und wo etwas beginnt erst, da scheint dir ein Ende, und wo es verschwimmt, scheint dir alles versteint, und lautere Rufe und bunteres Leuchten verschlingen dein Eigentum, — dunkel die Stufe, so dunkel das Zimmer und dunkel dein Auge ins Dunkel hinein, und nur von deinem Blut der rote Schimmer, wenn die Stunde kam, die eine, deine Stunde, — und du bist allein.“

Es tropfte heiß auf Renates Hand. Sie bat Jason mit einem Blick, ihre Augen loszulassen, und gleich senkte er die Lider über die seinen. Seltsam groß und schön, aber wie in weiter Ferne, schwebte der mattleuchtende violette Umhang der Lampe über dem Eßtisch; davor stand Irene unter ihrem Tuch, Renate den Rücken wendend. Mein Gott, sie weinte ja, — was war denn zu weinen? Leise klappte der Klavierdeckel, Jason stand auf, ging zu Irene, legte die rechte Hand auf ihre Schulter, und hielt seine Hand gegen das Licht, so daß Renate ihren Schattenriß sah, und sagte:

„Siehst du wohl, da drinnen sitzt die ganze Musik, Bach, Berlioz und alles. Manchmal, wenn ich so in der Dämmerung sitze, kann ich die kleinen Notenfunken herausspritzen sehn, und wenn ich sie bloß auf einer Tischplatte die Griffe machen lasse, höre ich die herrlichste Musik. Kein Mensch weiß, wieviel zu hören wäre, wenn es nur einmal ordentlich still sein dürfte. Aber ihr habt euch ja nun einmal das Lärmen angewöhnt. Wie ist es, Renate,“ fragte er, sich umwendend, „ich kann Reinhold wohl sagen, daß er noch etwas warten soll?“ sprachs, nickte winkend und ging hinaus.

Vor Renates Augen senkten sich Schleier um Schleier; immer ferner schwebte das sanfte Licht, das nun Jasons Stimme seltsam verschwistert war. Auch Irene war nicht mehr da, es war nichts mehr, die Zeit war hinausgegangen, nur noch die Stille webte im Raum, fast konnte sie die Fäden sausen und Maschen fallen hören, und langsam schwebte der schattiggrüne delphische Lenker herab; starr, wie die Kannelüren einer Säule flossen die Falten seines Rockes zu Boden, er hielt die Zügel ganz leicht, matt glänzte das Gold seiner Stirnbinde, ruhig blickte das Auge gradaus, der volle, wie zum Pfeifen gespitzte Mund blieb stumm, und unsichtbar in den Zügelriemen bäumten sich die Geschicke.

Es war wieder heller; eine Stimme, Irenes Stimme sagte von drüben, vom Kamin her, — ihr Tuch schimmerte dort:

„Dieser Mensch geht nun ein und aus bei dir und mir und trägt das Jenseits in der Hand wie einen kleinen Vogel. Kannst du denn noch wissen, wenn du ihn recht ansiehst, was Gut und Böse ist? Ist er denn gestorben? Und nimmt er an uns und allem nur Anteil, weil er noch mit unsrer Gestalt bekleidet ist und nicht ganz zur Ruhe kommen kann?

„Ich glaube, er hat, noch eh wir ihn kannten, so viel menschlichen Jammer mitgelitten, daß er sich hat dran gewöhnen müssen, und das Schrecklichste ist ihm nun das Einfache; wie gutartig und leicht müssen da wir ihm —“

Sie brach ab. Tief und deutlich fragte Herzbruchs Stimme durch den Vorhang aus dem Nebenzimmer: „Bitte, wie spät ists?“

Irene antwortete nach einer Weile: „Dreiviertel zehn“, und im Augenblick danach schlug die schwere Pranke der Standuhrglocke in Herzbruchs Zimmer dreimal summend auf. Als sei nun alles wieder in Bewegung — so schien es Renate —, fiel neben ihr Irenens weiß und gelber Angorakater von der Fensterlehne auf das Sofa, duckte sich, kroch dann auf ihren Schoß. Lazarus hieß er, weil er so gern in Schößen saß. Da trat auch Jason wieder ein. Renate hatte das Gefühl, gehen zu müssen, aber nun hatte Jason ja gerade dem Chauffeur aufgetragen, zu warten. Einige Minuten lang sprach niemand ein Wort im Zimmer; nebenan wurde ein Stuhlrücken hörbar, Herzbruchs Schritte machten den Boden leise beben, er setzte sich wieder. Jason sagte:

„Ich hab vergessen: Ägidi läßt sich entschuldigen, er ist fort. Dafür kommt ja nun Klemens.“

„Heut abend noch?“ fragte Irene. „Das ist ja Unsinn!“

Jason erwiderte nichts. Renate dachte an das, was er eben vom Klavier aus gesprochen hatte, konnte sich aber nur auf den Anfang besinnen: Das Leben ist nicht wie in Büchern und Schriften der großen ... Nun schien es noch stiller zu werden. Jason saß am Eßtisch, ganz grade, die Unterarme auf der Decke. Einmal griff er nach dem Umhang, hob ihn und blickte, die Augen halb schließend, nach den Glühbirnen; ein Lichtstreif fiel dabei ins Zimmer. Ganz hell schrillte die Hausglocke. Renate zuckte zusammen, Irene richtete sich im Sessel auf und saß still und grade. Wieder gingen Minuten, Schritte wurden auf der Treppe, auf dem Flur hörbar, das Mädchen trat ein und meldete: Ein Herr wünsche Herrn Doktor zu sprechen. Irene stand auf, murmelte etwas Unverständliches, rief: „Otto!“ kaum laut genug, daß er es hören konnte.

Das Mädchen wich zurück, wieder kamen Schritte, in der offenen Tür erschien eine untersetzte kräftige Gestalt in dunklem Anzug, den Rockkragen hochgeschlagen, und Renate erkannte Klemens’ schwarze Bartfräse, die dicken Brauen und die schwere Nase. Er verbeugte sich mit dem Rücken statt mit dem Nacken und sagte: „Guten Abend.“

Jason stand auf und gab ihm die Hand, Irene lief plötzlich zur Vorhangtür und rief hindurch: „Otto! kannst du denn nicht hören?“

Der erschien gleich darauf in der Tür, blieb stehn, sah, wie er pflegte, durch die obere Hälfte der Brillengläser umher, sah Klemens und war mit zwei gewaltigen Schritten bei ihm, schüttelte ihm die Hand und sagte weiter nichts als: „Na, da bist du ja!“ Klemens lächelte nur.

„Hier ist meine Frau, du kennst sie ja noch,“ sagte Herzbruch, „und das ist Fräulein von Montfort.“

Nun ging er zu Irene und gab ihr die Hand, ebenso Renate.

„Jetzt essen!“ meinte Herzbruch, „Irene, er will essen.“

Klemens dankte, er habe ...

„Keine Widerworte,“ sagte Herzbruch, „du —“

„Nein, wenn ich doch sage,“ versicherte Klemens, „ich hab anderthalb Pfund Bananen ge—“

Bananen? Ob das Essen wäre! „Nichts da“, sagte Herzbruch, Klemens aber beharrte: „Na, Höllenelement, ich will aber nichts fressen!“

„Oh la la —“ sagte Irene wie zu einem Kutschpferd, „schreit er immer so, Otto?“

Herzbruch drehte sich halb nach ihr um, sagte dann: „Ja.“ Darauf zu Klemens: „Sag mal, hast du eigentlich keinen Mantel? Hör mal, du bist ja klatschnaß! es schneit wohl wieder?“

Klemens lachte und erklärte, seinen Mantel hätten sie ihm unterwegs weggenommen. „Da war so ein Knabe, weißt du,“ sagte er, „kam aus Kiew, war ausgewiesen, wollte nach England und ließ sich so von einer jüdischen Gemeinde zur andern bugsieren, war aber leider das Frieren nicht gewohnt wie ich.“

Irene, die den Männern den Rücken zudrehte, sagte halblaut zu Renate, die vor ihr stand: „Der ganze heilige Martin auf Ottos Kosten“, und drehte sich weg. Herzbruch zog seinen Freund in einen der Sessel am Kamin und setzte sich zu ihm. „Ja, nun also schlafen,“ riet er, „Irene —“

Das würde kaum gehn, sagte sie obenhin, Jason bliebe doch natürlich hier bei dem Wetter, wie immer, und im andern Zimmer hinge Doras Kinderwäsche zum Trocknen. Herzbruch sagte, dann würde die eben abgenommen.

Das Mädchen sei schon schlafen gegangen, es wäre zehn Uhr.

Klemens lehnte sich derweil hintenüber und wollte sich lautlos ausschütten vor Lachen, als ginge der Streit gar nicht ihn an. Herzbruch schwieg eine Weile, sah seine Frau mißtrauisch an, bemerkte dann kurz: „Also sorge bitte für eine Decke für mich, er schläft in meinem Bett. Bring auch was zum Trinken mit.“

„Wein oder Bier?“ sagte Irene.

„Danke, keins von beiden, ich —“

„Denn nicht“, sagte Irene und ging hinaus. Klemens sprang auf, lief zur Tür, machte sie auf und rief: „Ich trinke nur Wasser, Rebekka, klares, biblisches Brunnenwasser!“ und lachte.

Herzbruch, wider Willen mitlachend, sagte: „Sie heißt nicht Rebekka“, worauf Klemens meinte, sie schiene ihn jedenfalls für ein Dromedar zu halten. Dabei sah er den Wagenlenker in der Ecke, ging daraufzu, faßte ihn ins Auge und sagte: „Ah! — Das ist schön! Wer ist das?“

Jason, in der Vorhangtür neben ihm, erklärte, es sei der sogenannte delphische Wagenlenker. Klemens ließ ihn nicht ausreden und beklagte den fehlenden Arm. Aber man könnte doch sehn, wie die Zügelriemen aus den Händen flössen! Und dieser achtsame, unbeeinflußbare Blick, dieser pfeifende Mund! Über das Klavier gebeugt, spähte er nach den Füßen und pfiff durch die Zähne.

„Wetter noch mal,“ sagte er, „wie die Füße dastehn! aufgesetzt, festgesaugt, und der Faltenfall des Rocks, dieser Reichtum, wie das niedergießt! Er hat ja Lorbeern im Gehirn. Ja, der weiß, was es heißt, dastehn im Tumult der Begeisterten, im Toben, im Gelächter, das sich überschlägt, und tausend winkende Hände, Kopftücher, Zweige, Tumult ... In Marseille,“ sagte er zu Herzbruch hinüber, „weißt du noch? Jean Jaurès, der hatte sie so an den Händen, mehr als zwei glatte Gäule, zehntausend, zehntausend Köpfe, zehntausend Herzen, aus seinem Herzen gelenkt, daß sie schreien mußten, atemlos und lachend vor Erschöpftheit ...“

Renate hatte schon vor einer Weile Dora Vehm in der Tür erscheinen sehn und hörte nun ihre helle Stimme — wie heiß und schwarz doch ihre Augen waren und das ganze dunkle Gesicht leuchtend durch und durch von Leben und Seele! —: „Aber Klemens, das können Sie doch auch! Wissen Sie nicht mehr: Jena ...?“

Klemens drehte sich um, streckte die Hand nach ihr aus und freute sich: „Dora Vehm,“ sagte er, „alter Kamrad, was macht denn die Küche?“

Jason trat leise neben ihn, klopfte ihn auf die Schulter und sagte: „Sie! Ich bin auch ein Redner. Ich könnte auch eine Rede halten, aber Irene hat heut abend keinen Sinn mehr dafür.“

Irene stand mit einem Glas Wasser auf einem Teller, das sie augenscheinlich Jason an den Kopf werfen wollte. Der fuhr indessen fort:

„Sehen Sie, da hat der Delphier nun jahrelang in seinem Winkel gestanden, kein Mensch weiß wozu, und nun kommen endlich Sie und benutzen ihn, um Ihre schöne Seele zu offenbaren. Sehen Sie nicht auch, Dora, daß es kein Wagenlenker, sondern ein Redner ist? Wenn Naumann den Rock anhätte —“

„Gut, Herr Adreßbuch,“ sagte Klemens, „Sie haben es vortrefflich ausgedrückt.“

Jason schien darauf gekränkt und meinte, er drücke alles vortrefflich aus, und ob das vielleicht jemand für ein Vergnügen halte, worauf er sich abwandte.

Irene stand steif wie aus Gips mit ihrem Teller. Eben noch versunken in Jasons ‚schöne Seele‘, dachte Renate, und nun ist sie zur Spinne geworden. — Da sah Klemens das Glas, ging hin, ergriff, tranks aus, setzte es wieder auf den Teller und bedankte sich.

Renate war froh, daß Herzbruch ihn nun mit sich in sein Arbeitszimmer zog; sie saß auf dem Sofa, ungeduldig fortzukommen. Klemens gefiel ihr, aber wie laut war es auf einmal geworden! All die hellen und dunklen Stimmen, Irenes, Herzbruchs, Doras, Klemens’, dröhnten durcheinander; sie sehnte sich wieder nach dem Schweigen ihres Zimmers, ja fast nach dem Schweigen des ganzen Hauses. Da flog auf einmal Irenes Teller neben ihr aufs Sofa, sie gewahrte nachträglich die schlenkernde Handbewegung, mit der Irene, jetzt mitten im Zimmer stehend, den Teller geworfen hatte. Jetzt raffte sie mit zwei flügelhaften Bewegungen der Ellbogen ihr Tuch, das über den Rücken herabgesunken war, wieder um die Schultern, warf den Kopf nach hinten gegen das Nebenzimmer zurück und sagte nachdrücklich: „Pfui Deubel!“

Dora trat neben sie und mahnte: „Na, na, Kind!“

„Mich friert“, sagte Irene tief und hart. „Ich glaube, vor dem fürcht ich mich. Man kann seine Augen nicht sehn. Hat er Augen, Dora? Renate! Dann müssen sie durchsichtig sein, und nichts ist dahinter.“

„Richtig! Sehr gut!“ lobte Jason. „Er hat Seefahreraugen. Auf allen Seiten das Meer.“

„Und sein Mund,“ fuhr Dora fort, „daß du’s weißt, ist wie der des Delphiers.“

„Auch das noch“, murrte Irene. „Wenn er auch sein Kinn hätte, wär mir der Delphier ganz verekelt.“

Renate stand auf; sie hatte genug. Auch Doras Gesicht schien ihr jetzt verfallen und welk. Sie ginge mit ihr hinunter, sagte sie zu Renate; zu Irene dann: „Laß uns schlafen gehn, Kind, der Tag war voll genug. Laß uns schlafen und geduldig sein.“

Sie umarmten sich, gingen zum Vorhang, winkten hinein und riefen: „Gute Nacht, ihr Männer!“ Irene küßte Renate flüchtig, die mit Dora zur Tür ging, aber sie waren noch nicht hinaus, als Renate Irene fast ängstlich rufen hörte: „Dora! — — Dora! was wird aus uns werden?“

Dora wandte sich nach ihr um. Mit tieferer Stimme sagte sie ruhig: „Was fragst du mich? Ich will standhalten. Das andre findet sich. Sei nicht töricht, Irene! Und mach dir keine Sorge um mich. Ich habe meine Kinder. Solange ich die habe —“

Sie verstummte, strich hastig mit der Hand übers Gesicht, lächelte Renate fremd zu und führte sie hinaus.

Auf den Treppen und dem Weg zum Automobil sprach weder Renate noch Dora ein Wort, — aber als sie öffnete, saß bereits Jason darin, pfiffig im Dunkeln. Sie fuhren, ohne Licht gemacht zu haben. Bald überfiel Renate von neuem die Unrast, sie kam nicht schnell genug vorwärts und in ihr Zimmer, und sie preßte unter der Pelzdecke die Finger ineinander, bis sie Jasons Hand fühlte, die er auf die ihren legte, die sich nun leichter zusammenschlossen. Und es dauerte keine Minute, so ward sie ruhig und ruhiger, ihr war, als ob ihr ganzes Wesen schmelze ins Allgemeine und Sanfte, und da zogen langsam von links nach rechts die Gesichter des Tages vorüber, das des Herzogs, Doras, Ägidis, Irenes und ihres Mannes, und das von Klemens, und nicht nur diese, sondern auch die nicht gesehenen Georgs, der fremden Sigune und ihres Lehrers, zwar diese kaum sichtbar, aber sie wußte, daß sie es waren, und das Schwinden eines jeden fügte eine neue Erleichterung zu der alten. Wie leicht rollte der Wagen durch die Nacht! Sie freute sich auf ihr Zimmer, dachte, daß von allen verworrenen und unkenntlichen Schicksalen keines zu ihm Zutritt habe als das ihre, ja vielleicht nicht einmal das, und überdem fielen Jasons Worte ihr wieder tropfend ins Herz: Das Leben ist nicht wie in Schriften und Büchern ... Sie suchte den Weitergang, aber die rechten Worte fand sie nicht, glaubte jedoch nun erst zu verstehn, was sie erst nur als Musik und Wohltat empfunden hatte. Vielleicht, dachte sie, ist wirklich das viele und frühe Lesen schuld an so mancher Wirrnis, mancher Ungeduld, und wieder hörte sie’s tönen: Das Leben ist nicht ...

„Wie hieß es doch,“ fragte sie leise nach dem unsichtbaren Jason hinüber: „Das Leben ist nicht wie in Büchern und Schriften, denn dort ... Ich verstehe es nicht mehr ...“

„Dort,“ hörte sie seine Stimme gedämpft, „dort scheint es dir, als sähest und hörtest du alles zum ersten Mal, was geschieht, was sie sagen, dieser und diese, jener und jene, was sie denken, was sie tun und erleben. Dir aber ist alles angefüllt mit der Erinnerung, weißt du es nicht? Überall tönts dir entgegen: Erinnerung ... Erinnre dich nur! erinnre, erinnre dich! Und: Erinnerung! denkst du versunken und siehst von allem nichts, wie es ist, sondern immer in allem nur das, woran es dich erinnert ...“

„Und dies auch,“ sagte sie fragend, „daß dort immer Gestalt um Gestalt so sichtlich und klar sich erhebt; und so kenntlich und gesondert in Farbe und Erscheinung bildet sich aus Schicksal und Anteil ein leichtes Geflecht, — ist es nicht so, Jason?“

„Und eines hat soviel Gewicht wie ein andres,“ vollendete er, „alles ist abgewogen und schwer befunden. Wenn aber ein Mensch erscheint, und nur einer ist vor ihm da, so glaubst du schon viel zu wissen, und was auch sich ergiebt und ereignet, es scheint, als hättest du es geahnt.“

„Am Ende aber,“ begann Renate von neuem, „am Ende löst sich alles doch irgendwie, ob im Guten oder im Bösen; wie ein längst erwarteter Gast so einfach kommt der häufige Tod, und wenn es denn aus ist, so ist auch immer alles gänzlich und ein für allemal zu Ende.“

„Ja,“ sagte Jason, „ja, da erwartest du denn auch in deiner eignen Welt dergleichen und bist erbittert womöglich, gekränkt und schon ungeduldig, wenn jenes nicht kommt, und dieses ganz andere erscheint, und —“

„So brüchig, Jason, nicht wahr, ohne Weiche, nüchtern, ohne Absicht, ohne Übergang, ohne alle Musik, ohne Klang und Gesang —“

„Da in Büchern“, fuhr er ruhig fort, „doch alles gesungen scheint ...“

„Ach, aber in Wirklichkeit, Jason, ist nichts unterschieden vom andern, nichts ist zu ahnen, nichts wird kenntlich, es wirbelt alles und versitzt sich, Stimmen schallen fern und nah, überschallen, bekriegen sich fassungslos —“

„— und jedes“, bekräftigte er geduldig, „scheint, es scheint so oder so und ist doch anders, ganz anders in Wahrheit, tiefer das Flache, schwerer das Leichte, unerträglich das Schwere, unendlich das Unerträgliche, und du siehst: es trägt sich doch. Nichts wird dir zugewogen, es stürzt über dich herein, Fremdes, Verwandtes, Bittres, Unbekanntes, Lustiges, Trübes, Buntes, Klagendes, Weinendes, alles ist dir ein Unsal von Gewalt, und zu jedem kommst du viel zu spät, denn es ist längst bei dir, wenn du dich aufmachst nach ihm ...“

„— und nichts nimmt nirgends ein Ende ...“

„Aber dennoch, Kind,“ sagte er beschließend, „wenn du allein bist mit deinem Bett, deiner Wand, deiner Lampe, so hat dich auch alles verlassen, denn da Bild und Erscheinung alle fern sind, woran kannst du dich erinnern, um dein eigenes Schicksal zu erkennen? — Du siehst dich selber kaum, die Nacht steht fremd dabei, und vor dem Fenster rauscht der alte Baum, und dich umrauschts, und jemand sagt: Verzeih ...“

Renate erkannte im Dunkel die Laternen und Vorgärten der Güntherstraße. Jasons Hand löste sich, sie schlang hastig die Arme um seine Schulter und küßte seine Wange. — Zu Reinhold sagte sie, er möchte Jason nach seiner Wohnung fahren.

Dann schien sie sich aus dem Wagen ohne Übergang in ihr Zimmer geraten, unsichtbare Hände nahmen ihr die Kleider ab, sanfte Müdigkeit nahm ihr auch die Glieder, rauschte es in der Nacht? Zweige oder Flügel? In weiter Ferne zeigte sich ein ernstes Gesicht. — Ich warte! sagte sie.

Dann schlief sie ein.

Sechstes Kapitel: April

Zinna
(Georg an Benno)

xten April, im Fahren

Mein guter Benno:

Fahrt durch Land Beuglenburg. Das Wagenverdeck ist hoch, es hat eben aufgehört zu regnen, oder vielmehr ist Nebel aus dem Regen geworden. Links, rechts, vor mir, hinter mir: Moorlandschaft, öde Ebenen, auf denen die Nebel eines ewigen Februars zu stehn scheinen. Schwarze Bohrtürme auf dem Horizont machen keinen ermutigenden Eindruck. Ich rolle dahin, ich flüchte über diese rollende Kugel Erde, auf der wir ein kleines, flach scheinendes Stück kennen. O Polykrates, o Schiller, o idealische Gefühle! Ich sage nicht, daß alles käuflich sei, ich bin milde gelaunt, obschon trostlos, und sage, daß alles gekauft sein will. Erzählte ich Dir nicht einmal von einem sonderbaren Traum, von einem Filmfestzug, in den ich nicht hineingelangte? Weiland Josef Montfort prophezeite: so erginge es mir im Leben. Meine Gedanken, die es an sich haben, immer merkwürdig leichtfüßig zu bleiben, tragen mich eben in Hauffs Geschichte des jungen Said. Er mußte in Balsora Teppiche und Schleier feilbieten, obgleich er das Patenkind einer Fee und im Besitze ihrer Gabe, einer kleinen Pfeife war, die ihre Hülfe in jeder Mißlage seines Lebens herbeizaubern würde, — nicht jedoch —: vor seinem einundzwanzigsten Lebensjahre. Vielleicht hab ich auch eine Flöte, eine Fee, einen Ablauftag des Unschicksals, und dies vielleicht, dies Mädchen, diese Heirat — ich kehre ins obere Gleichnis zurück — ist der letzte, endgültige Preis, mit dem ich mich zum Handelnden in den Film einkaufe, so daß ich mein eigen Bildnis im Schwarm der Schreitenden, Triumphierenden irdischen Göttern gleich werde dahinfliegen sehn. —

Aus der Ebene, über den Nebel steigt ein schwarzer Kegel, Türme einer kleinen Stadt werden an seinem Fuße sichtbar, jetzt auch Türme auf dem Kegel: Schloß Zinna. Dort oben haust das andre Opfer, die arme Braut, und macht sich von dem Kommenden die sonderbarsten Vorstellungen. — Herrgott, ist dies ein Land! Um diesen Morast auszubessern, werde ich ganz Trassenberg hineinschütten müssen. Hinter der Grenze war mit einem Schlage alles anders. Dieser Tag ist so trostlos, daß er Einöden und Paradiese einander ähnlich machen könnte, aber bei Beuglenburg und Trassenberg brachte ers nicht zustande. Ich kam durch Landstädte, so langweilig wie Speisekammern, in denen alles aufs Geratewohl irgendwo hingestellt ist. Die Dörfer armselig, verfallen, schmutzig, an keinem Fenster mehr eine Blume, die Kinder schmierig, dickschädlig, dünnbeinig, ekelhaft selbst die keifenden Hunde. Dann die Moorkanäle, schwarze Lineale, entseelte Gräben; auf den breiteren, über die ich hinjagte, — da kommt wieder einer! diesmal läßt sich sogar ein Segel drauf sehn, ein braunes, welkes Blatt — diese langen Kähne, die vorwärtsgestakt werden. Nun, wozu schreib ich das? Schloß Zinna wird sichtbar, es scheint ein getünchtes Kloster, lange Fronten mit unzählbaren, kleinen Fenstern, stumpfe, runde und eckige Türme. Meine Hupe wird ihnen wie ein Gjallarhorn dröhnen, wenn ich in die eremitischen Höfe fahre.

Guter Benno, Du bist einer der wenigen, die meine Geschichte von Anfang kennen, ich glaube sogar der Einzige, der sie überhaupt kennt. Erinnerst Du Dich noch der ersten Stunde im Schlößchen, wo ich von Napoleon erzählte? Ob ich gegen Sterne kämpfe oder mit ihnen, — wer weiß es? Ich bin den Weg weitergegangen, der — hoppla, das war ein Sprung auf die Brücke! Dies muß der Styx gewesen sein, so sah er aus, trotz eines Motorbootes, das an der Brücke lag. Vor mir liegt ein Stadttor, ganz mittelalterlich. Später weiter.

Nachts

Ich fahre einfach fort:

Durch schaurige Straßen von Kopfsteinen, über einen ganz netten Marktplatz mit Kugellinden, wieder zur Stadt hinaus, durch eine alte Allee zerfallender Kastanien — braune Vorjahrsblätter an schwarzen Ästen und auf dem schwarzen Boden — brauchte der Wagen auf endlosen Schlangenwegen fast eine Stunde hinauf; oben zeigte sich wenigstens schöner Fichten- und Birkenbestand, aber die Hecken im französischen Park — durch die Gittertore sah ich hinein — schienen seit hundert Jahren nicht beschnitten, die Einfassungen der Teiche zerfielen an der Luft, die Sandsteinfiguren fehlten auf den Postamenten — wie enthauptet standen sie da —, die Becken lagen voll modernden Laubes. Dann der Schloßhof, himmelhohe Mauern im Rhombus mit violetten blassen Fenstern, die drei Fische im Wappen überm Tor nicht mehr zu erkennen, im Jahrhundertregen, der hier fällt, davongeschwommen, die Helmzier mit Taubendreck besudelt, — ja, es gab Tauben; da sie liefen und nicht sprangen, können es keine Dohlen gewesen sein. Drinnen stand Eiseskälte, standen erfrorene Menschen mit einem steifen Spruchband vorm Mund, — eine Kälte übrigens, die in meinem Blut die letzte Wärme prickeln ließ, so daß ich mich vermutlich mit jovialer Munterkeit benommen habe ...

Ich sitze nun an einem von diesen hundert Fenstern im längsten Bau; es ist Nacht, aber der Mond ist da, eine kümmerliche Sichel, die sich schwermütig durch unablässig flutendes Gewölk dahinwühlt, und wenn ich mich hinausbeuge, kann ich diese hundert Fenster leise blitzen sehn, flach auf die Mauer geklebt, als wäre nichts dahinter. Die Nacht ist kühl, aber ich glühe, von Wein, Rührung und Mißmut, habe so viel geschwiegen, daß ich mich nun sehr geschwätzig fühle, die drei Kerzen im silbernen Leuchter schneuze und von der Schreibeschrift in die Stenographie übergehe — ach, Benno, wann war das, als wir Primaner, Sekundaner waren und unsre Ferienbriefe stenographierten, teils wegen Lernens, teils wegen überschwänglich viel zu sagender Dinge! Kannst Du denn immer noch lesen, guter Benno? Also lies:

Bei den erfrornen Menschen blieb ich stehn — vielmehr wurde ich von ihrer einem, seines Zeichens persönlicher Adjutant, zur Disposition gestellter Jägermajor, über Treppen und Galerien in ein stockdustres Gemach geführt, in dem jemand zu sitzen schien. Nach einer Weile erkannte ich einen Kopf, der einem riesigen, gekochten weißen Fischaugapfel glich (wir polkten sie als Kinder aus den Augen der Schellfische!). Ich hörte ein Gemurmel, murmelte ebenfalls, der Adjutant murmelte, noch ein Mensch — der Hofkammerrat — murmelte, wir verbeugten uns Alle, ich stand wieder draußen. Das war der Großherzog, königliche Hoheit.

Ich folgte von neuem beiden Erfrorenen und kam in einen Saal; große dunkle Gemälde an den Wänden, ein Tisch und fünf Sessel, drei um den Tisch konstelliert, zwei an den Türen. Durch deren eine erschienen zwei so völlig schwarze Gestalten, wie ich sie nicht für möglich gehalten hätte, eine große, hagre, alte mit einem schauderhaft törichten Gesicht; die kleinere, andre, zitterte am ganzen Leib, war todblaß, hatte jedoch wider meine Erinnrung nicht gar so blasse, ein wenig vorquellende Augen; der Mund war nur angedeutet, ein blasser Streif, die Nase anmutig, ja, das Ganze — im Augenblick nichts als Angst — war nicht ohne Lieblichkeit, nur entstellt durch Magerkeit und unglaublich sitzende Kleidung. Dazu war das ganz hellblonde Haar so ungünstig angeordnet, daß die breite Stirn mit zwei leichten Buckeln wie ein Felsen aussah. Dies war Sigune, und drei Minuten war ich mit ihr allein.

Lieber Freund Benno, Du kannst mir glauben, ich dachte nicht daran, daß dies meine Frau werden sollte. Ihre Hülflosigkeit war unsäglich rührend, ihre bebenden Hände wollten sich in den schwarzen Kleidfalten verstecken, — nie im Leben bin ich mir so robust vorgekommen. Ja, was machte ich mit ihr? Ich holte die Hände beide hervor, nahm sie in die Linke, klopfte mit der Rechten väterlich darauf und sprach ihr zu, so gut ich konnte: Aber man muß doch nicht bange sein! Aber man muß sich doch nicht vor mir fürchten ... und dergleichen mehr, und da — ach, dies Geschöpf! — nachdem seine erst flehenden Augen sich gleichsam aufseufzend an den meinen beruhigt hatten, machte sie eine Hand aus der meinen los, legte sie um meine Hand und küßte sie ganz schnell. So demütig war sie — lieber Gott! Sie sagte nichts, ihr Haar duftete ganz leise. Ich brauchte wohl eine Weile, um mich zu sammeln, fragte dann — und ahnte nicht, wie gut ich fragte —: „Ruft man dich denn noch Gunny wie vor acht Jahren?“ „Das wissen Sie noch?“ fragte sie hastig, errötete leidenschaftlich, brach dann aber in einen gequälten Husten aus. Ich mußte zurücktreten, Hofdame, Kammerherr und Adjutant erschienen, gleich hinter ihnen der Majordomus mit umflortem Stabe, der auf französisch verkündete, daß angerichtet sei. Es waren noch einige stumme Personen bei Tisch. Ich trank Sigune zweimal zu, was wahrscheinlich ein Etikettefehler, sicher aber ein schönes Mittel war, sie zum Erröten und Lächeln zu bringen. Am Nachmittag gab es bei verbesserter Witterung einen Spaziergang, bei dem ich Sigune mit sanfter Gewalt nötigte, englisch mit mir zu sprechen, nachdem ich herausbekam, daß die Hofdame es nicht verstand. Ich warf ein paar Angeln nach ihrer Bildung aus. Schiller, Uhland, Körner, Rückert, Geibel, Freytags Ahnen und — Hölderlin. Bei diesem Namen ging sie auf eine wunderbare Weise leicht in Flammen auf — wie eine weiße Papierrose. Ob sie den auch im Unterricht kennen gelernt habe? — Nicht im Unterricht selbst, aber doch von ihrem Lehrer. Wer denn das sei? — Sie zögerte eine Weile, versuchte einen Blick zurück nach der hinter uns verbliebenen Hofdame, errötete und sagte ganz leise, und als spräche sie das kostbarste Geheimnis aus, das Wort: Tröstherzeleid. — Oh, Benno, wenn Du es gehört hättest! ich glaube, Du hättest geweint. Ja, und nun — — ich erschrak im Herzen, und als ich fragte, wer denn das sei, was kam heraus? Der Hofkammerrat war es, eben jener Graf Leunstein von Badenbach, Exzellenz, der als erster dieser Beuglenburgschen Zunft vor mir in Erscheinung trat. Der Name, mit dem sie ihn nannte, erzählt wohl genug. Ich fragte auch nicht mehr. Es stellte sich noch heraus, daß sie mir in Philosophie weit überlegen ist, Kant und Leibniz, Spinoza und Stirner, Platons Staat und Ciceros philosophische Schriften im Urtext gelesen hatte — armer Kopf, armer Kopf! Dies Mädchen kennt nur zwei Menschen: ihre Hofdame und ihren Lehrer, — und dann war noch eine armselige Erinnerung an eine liebevolle junge Engländerin, die Gunny gerufen hatte und früh an der Schwindsucht gestorben war. Wie schlecht der kleine Trauerhut mit den Kreppschleifen saß! Und diese Jacke, und dieser Rock und diese Schuh! Alles vom Bazar in Stadt Zinna. Aber die Füße waren schmal und traten zierlich auf.

Die Kerzen weinen Ströme von Tränen — Benno, sollt ich nicht weinen? Ich stand am Fenster, beugte mich in die Nacht, suchte den Mond, er war fort, nur noch eine rinnende Quelle von feuchtem Glanz in der Nacht, über die es sich faltig verschob; in der Tiefe — Nachttiefe allein, unsichtbares Land, aus dem es dampfte, kalt und feucht, ein rotes Bahnlicht fern, mir zu Füßen nur schwarze Leere, denn hier ist die Rückseite des Bergs, Felsen fallen steil ab. Ein Gefühl, als könnte — denk nicht, ich meinte es komisch, obwohl es so klingen mag — als könnte die kleine Sigune jetzt an einem offenen Fenster sitzen und Okarina blasen. Ich habe sie Augenblicke lang deutlich gehört, simple, klagende Noten, wie Fischmunde winzig im willkürlichen Strome der Nacht hinschwimmend, — und da sitze ich, male langsam die sonderbaren Schnörkel auf das Papier, und meine eignen Gedanken scheinen mir wie die Siegel einer Geheimschrift, die zu schnell vorübergleitet, als daß ich sie lesen könnte. Hinter den Wolken sind die Sterne, steht, wie allnächtlich, ihre feierlich glühende Schrift, die großen Siegel leuchten, wir dürfen sie berühren mit der Stirn, wir erbrechen sie nicht, sie schweigen uns an.

Und so will ich nicht weiter denken und das Kommende nur erwägen, wenn es sich stellt.

Ein letzter Funke im Gehirn glüht auf, und ich schreibe, schreibe in offener Schrift: Wenn ich denn lüge, eine Abkunft heuchelnd, die nicht besteht, so ist dies doch ein Opfer. Ein sinnloses — wohl! denn hier zwingen die Alten und Kranken, die Furchtsamen und Beharrenden, sie zwingen die Jungen und in Ängstlichkeit Tapferen in ihren Willen. Wer aber weiß, welchen Sinn all dies hat? Haben diese Kerzen sich ausgeweint, so wird auch eine offene Sonne wieder scheinen über dies traurige Land, das ich wieder zu ermuntern gedenke.

Lebe wohl, Benno! auch ich beabsichtige, wohl zu leben.

Stets treulich Dein
Georg.

Siebentes Kapitel: Mai

Klemens

Renate hatte mit Saint-Georges in der Kapelle musiziert; während sie die Noten zusammenlegte, Saint-Georges seine Geige verpackte, meldete das Mädchen Doktor Klemens; Renate dachte, ihm Bogners Engel zu zeigen, und bat, ihn herzuführen. — Saint-Georges putzte bedächtig die Kerzen vor der Orgel und an seinem Notenpult eine nach der andern, damit es hell genug sei. Dann erschien Klemens, blickte sich um, noch dicht an der Tür, verneigte sich, so tief er konnte, und sprach sie an: „Holder Geist! Welch unschätzbare Gnade für mich, Sie in Ihrem eigensten Reich begrüßen zu dürfen!“

„Bitte, reden Sie weiter,“ lud Renate ihn munter ein, „Sie sind ja ein Redner!“

Klemens fuhr heiter fort: „Was ich sehe, erstaunt mich ungemein, und ich wähne mich im Traum oder verzaubert. Streitbare Engel sehen mich an oder schreiten auf mich zu, Musikinstrumente wie himmlische Waffen in den Händen. Kerzen! Rötliche Dämmrung! Und vor einer auserwählten Schar Gepanzerter in goldnen Harnischen erscheint mir die himmlische Peri selber, in dunkelrote Seide gekleidet wie in eine runde Glocke aus Abendhimmel. Alles ist äußerst erstaunlich!“

„Bloß von mir“, bemerkte Saint-Georges, „weiß er gar nichts zu sagen und unterschlägt mich schlechtweg. Guten Abend, Meister, was macht die Internationale, schläft sie oder wacht sie?“

Klemens kam nun herbei, reichte Renate und Saint-Georges die Hand, sagte drohend: „Noli turbare ...!“ stellte sich vor den nächsten Engel und versank in Schweigen.

„Nun hab ich so oft von der berühmten Internationale gehört und gelesen und sehe zum erstenmal ein lebendiges Stück von ihr“, sagte Renate, aber er schien es nicht zu hören. Nach einer Weile sagte er, tief Atem holend:

„Sechs sind es, wie ich sehe, und schon einer überwältigt. Ja, wer hätte das gedacht, als es eines Tages im Lyzeum hieß: Bob Bogner kommt nicht wieder, der ist weggelaufen. Internationale, sagten Sie? Ach,“ meinte er abwehrend, „es giebt so viele, in diesem Augenblick weiß ich wirklich nicht, welche Sie meinen.“

Renate verlangte eine Erklärung, allein, in langen Pausen von einem der Engel zum andern gehend, schwieg er sich nach Kräften aus; beim vierten sagte er, die letzten zwei müsse er sich auf das nächste Mal versparen, setzte sich auf einen der Klaviersessel und fing halblaut an zu sprechen:

„Die Internationalen ... Eine Vielzahl konzentrischer Kreise, und hier sehen Sie den äußersten. Die Internationale der großen, rasenden Kunst, ungeheuren Einmuts auf der Spur des alleinigen Gottes in aller Herren Länder, wetteifernd seit ewig im geheiligten Kriege, Engelscharen, Geniescharen, Heroenscharen, friedlich sich bekämpfend zum Ruhme Gottes, den zu mehren, den jährlich tiefer zu entflammen die einzig fruchtbare Schlacht seit tausend und tausend Jahren ohne Ende über die Erde dröhnt.“

Er stand auf. „Die Internationale der menschlichen Hoheit, deren Namen ich nicht wage auszusprechen vor ihrem erlauchten Antlitz, das ich sehe.“ Sein Blick stand in so gerader Flamme gegen Renate, daß es sie mit seltsamem Schauder durchbohrte, und sie errötete noch tiefer, als schon seine Worte sie erröten machten. Dann nahm er ihr Lächeln auf, wandte sich zu Saint-Georges und fuhr fort:

„Damit er sich nicht wieder beklagt, begrüße ich in diesem schlichten Manne die herrliche Internationale des Geistes, der Wissenschaft, die Internationale der wundervoll friedlichen Eroberer in allen Räumen dieser Welt, zu Lande, zu Wasser, im Feuer und im Sturm, im Vogel und im Fisch und im ruhlos schweifenden Atom, Anfüller der unerschöpflichen Arsenale, Herolde, Propheten und Poeten, einmütig heiligen Zornes im unablässigen Grübeln über den Rätseln der unbekannten und der bekannten Welt, Ärzte, Heilmacher des wunden Geistes, der kranken Seele vom Weltgift. — Ich grüße“, sagte er mit einer kreisenden Handbewegung nach oben, „im unbekannten Erbauer dieses Raumes die nächste Internationale, vom Präsidenten Plutus regiert, auf deutsch: das Kapital, eine Internationale von ganz besonderer Einmütigkeit, also daß zum Beispiel, gesetzt es gäbe Krieg, sämtliche Angehörigen dieser Internationale in allen beteiligten Ländern wie ein Mann, Agrarier, Schwerindustrie und Banken, Dampf in allen Kesseln, sich abmühen würden zur Überwältigung des — Friedens.“

Er lachte lautlos. Renate dachte an ihren Onkel, kniff leicht die Augen zu und hörte ihn weiter reden, nachdem er zu der weißen Säule des Ofens in der Ecke gegangen war, dem er die Hand auflegte, während er sprach:

„Und ich begrüße Mittelkreis und Kern aller Internationalen in diesem Ofen und seiner Glut. Ich grüße die Kohle. Ich grüße den Mann im nassen Stollen, den Mann im sausenden Förderstuhl, den Mann in der explodierenden Nacht. Alle Mann grüß ich am bezwungenen Feuer, den Mann am Amboß, den Mann am Schalter, den Mann am offenen Feuerrachen mitten im ruhig fahrenden Schiff, mitten im Ozean, den Mann an der Setzmaschine, den Mann am Gebläse, den Mann am Webstuhl, am Strickstuhl, am Spinnstuhl, den Mann an der Nähmaschine, den ein und tausend Mann, der, schmorend als Kohle im feurigen Ofen, das Lied von der einen, meinen singt: Die Internationale! —“

Er schwieg. „Das war schön“, sagte Renate langsam. „Vielleicht denken Sie, ich sollte nun etwas andres sagen, aber“ — sie wandte sich unschlüssig zu Saint-Georges um und schloß: „— ich weiß nichts andres als das. — Ich weiß,“ fuhr sie, da Klemens den Mund öffnete, fort, „daß viele Tausend Mangel leiden, damit ich —“ sie strich mit den Händen über die Falten ihres Kleidrockes.

„Nein, um Gottes willen, welche Verwechselung“, sagte Saint-Georges. Er ließ die Vorderbeine des Stuhles, auf dessen Lehne er im Stehen die Arme gekreuzt hatte, sich zu Boden senken, drehte ihn um seine Achse und setzte sich reitend darauf.

„Niemand, Renate,“ sagte er, das Kinn auf die Lehne legend, „niemand will, daß du nicht bist, weil Andre in Not sind, sondern im Gegenteil bist du und dein Haus die Erfüllung all ihrer zartesten und tiefsten Träume und Wünsche, und sie wollen nichts weiter, als daß sie, wenn ein Haus voller Engel an ihrem Wege steht, hineingehn können, wann der Wunsch sie dazu treibt, und daß, wenn es Gott gefiel, eine Schale voll Musik über die Erde auszuleeren, der irdene Topf so geeignet sei, um sie aufzufangen wie der goldene Becher.“

„Ich glaube,“ sagte Renate unbedenklich widersprechend, „Doktor Klemens sprach doch von denen, die Not leiden und —“

„Nein,“ sagte Klemens, „ihr Freund hat recht. Ich fragte einmal einen Bierfahrer in Camberwell, ob er schon die Sterne gesehn habe, und dieser Bierfahrer sagte, er wollte verdammt sein, wenn ers getan hätte seit Sarah Pedgewoods Tode, denn er hätte keinen Tropfen Ale gesehn seitdem. Aber sehn Sie, doch geht dieser Bierfahrer auf nur zwei Gliedmaßen aufrecht, und daß er es tut, das ist der Beweis, daß er die Sterne sehn möchte, wenn er nur einen Sinn damit zu verbinden wüßte. Die Notleidenden? Nein, verehrtes Fräulein, die gehen mich nichts an. Not wird gelitten zu Lande und zu Wasser, zu Leibe und zu Seele, und wegen Essens, Trinkens und der Liebe brauchten wir keine Internationale zu gründen, sondern das bringt die Welt ganz von selber in Ordnung. Sie leiden nicht Not, sie, die ich meine“, sagte er hart und schlug leicht mit der Faust gegen den Ofen.

„Was dann, Georges?“ fragte Renate.

„Ungerechtigkeit leiden sie“, sagte Klemens. „Knechtschaft, das ists, was sie leiden. Sie leiden, daß sie verbraucht werden in den guten Jahren, so daß sie darben müssen im Alter. Sie leiden, weil zehn Menschen in der Welt je tausend Äcker haben, und ihrer zehntausend haben zusammen einen. Sie leiden nicht, weil jener sich Gemälde kauft und dieser jeden Tag eine Frau, weil jener die Zigarre mit drei Mark bezahlt und dieser im Sommer nach Japan reist, sondern sie leiden, sie leiden unauslöschlichen Gram, weil sie keine Zeit haben, um Gemälde zu sehn und um an einem Sommertag im Grase zu liegen, denn weiter wollen sie nichts. Sie wollen und sollen nicht zehn Stunden am Tage arbeiten, auch nicht neun oder sieben, sondern allerhöchstens sechs, und ich sage, daß es dazu kommen wird, wenn nicht heute, dann morgen.“

Renate hatte, da er schwieg, Zeit über seine Worte nachzudenken und sagte nach einer Weile: „Mein Vetter, Erasmus, den Sie kennen, und Ihr Freund Herzbruch und Bogner, Ihr Schulkamerad, wie lange glauben Sie arbeiten die am Tage?“

Klemens lachte, kam bis dicht zu ihr, schüttelte den Kopf und sagte: „Der Geist, Verehrungswürdige, hörten Sie nie vom Geist? Nie, daß er es eben ist, der frei ist allein, und daß ich eben sagte: sie leiden Knechtschaft, sie wollen freien Geistes sein? Und übrigens: wenn ein Fabrikant sich durch seine geistige Arbeit zugrunde richtet, so ist das seine Schuld und geht niemanden etwas an. Sonst hat geistige Arbeit mit der schwersten körperlichen das Erhaltende gemein. Der Arm des Pflügers, des Holzfällers, das Auge des Bergsteigers, der Fuß des Matrosen sind mit siebenzig Jahren noch so scharf und sicher und kräftig wie mit zwanzig, und das Hirn des Forschers, des Erfinders ist es nicht minder. Was zermürbt, ist nicht die Anstrengung; was zermürbt, ist allein die Maschine. Das ist mein Gesetz: Wer eine Maschine bedient, soll dies sechs Stunden im Tag tun und nicht länger, soll es vierzig Jahre seines Lebens tun und nicht länger! Nur der Geist ist frei, und sobald ein Dichter nicht mehr das Recht haben soll, freiwillig zu verhungern oder wahnsinnig zu werden, und sie Gewerkschaften gründen zum Schutz ihres Geistes, sobald kann denn das Ganze zum Teufel gehn. Sie sagen vielleicht, ein Dichter, ein Weiser muß deshalb hungern, weil er zu früh geboren wurde, weil die Welt noch nicht reif sei für seine Werke, seine Erfindungen, seine Lehren. Ach, wie sähe es denn aus in der Welt, wenn jeder käme zur rechten Zeit, wenn alles grade sich einpaßte, wo ein Loch wäre, auch der Pfropfen, wo ein Geber, auch der Nehmer, das wäre so langweilig erstens wie Schwarzer Peter spielen, und zweitens möchte man dann ja wohl anfangen zu verlangen, daß auch Sonnenschein und Regen gleichzeitig auf den Acker fallen, und doch würde das dem Acker gar nichts nützen, sondern es ist wohlweise eingerichtet, daß der Nil nur einmal im Jahre steigt — wenn auch auf Kosten von einem Jahr unter zehnen, wo er gar nicht steigt, und einem, wo er zu hoch geht. Glauben Sie, daß ich die Welt verändern will? Glauben Sie es, Saint-Georges?“ Sie lachten Beide, und Klemens lachte mit. Er war aber sehr erregt und fing gleich wieder an, hin und her gehend im Raum:

„Übrigens — Ihnen kann ichs sagen — bin ich nicht in dem Ausmaß international, wie Sie denken, bin ein Deutscher am Ende und sehe, daß die Not hierzulande nicht im entferntesten die Ausmessungen hat wie in andern, in England, in Frankreich. Und was heißt denn Not? Es giebt doch nur Ausbeutung und Arbeitslosigkeit. Arbeitsscheu ist eine Krankheit, oder Anormalität, was Sie wollen, wie Trunksucht. Ausbeutung und Arbeitsmangel bleiben bestehn. Arbeitsscheu und Trunksucht gehören mit Mördern und dergleichen in die Heilhäuser und Arbeitsanstalten; niemand gehört ins Zuchthaus noch aufs Schafott. All das wird nicht heute geändert, aber es wird geändert werden, dafür bürge ich. Tun Sie mir die Liebe und denken einen Augenblick nach. Wann fing das Unheil an? Im Mittelalter gab es keine Armen; es gab Sieche, alte Weiber, Krüppel und Soldaten, in denen sich die gesetzmäßig geregelte Arbeitsscheu verkörperte. Wer arbeiten wollte, hatte immer zu essen. Das Unheil begann mit der Übervölkerung und mit der Maschine. Wie alt ist die Maschine? Knapp hundert Jahr. Nun sehen Sie bloß mal an, seit einem halben Hundert Jahren fing man an, diese Not zu erkennen und zu studieren, seitdem sich alles mit reißender Zeit doch nur verbösert hat, und dabei können wir fröhlich und getrost sein, wenn in tausend Jahren das Blatt sich gewendet hat, dann, wenn man auch im Rächer seiner Ehre, im Totschläger, im Wüstling so wenig mehr einen Verbrecher sieht wie heute im Geschlechtskranken, der Frau und Generationen vergiftet, und im Säufer, der dasselbe tut. Ein Glied faßt ins andre, und keines von den kranken läßt sich für sich allein heilen, sie müssen alle schon im einen ihre Gesundung beginnen.“

Er hörte auf und stand wieder bei seinem Ofen still. Renate, hocherfreut, ihn reden zu hören, fragte, ihn weiter zu stoßen, was er aber damit habe sagen wollen, daß er ein Deutscher sei.

„Ganz einfach,“ sagte Klemens, „ganz einfach!“

„In Frankreich, sehen Sie, wenn ich da eine Rede halten will, muß ich anfangen: La gloire! — In Deutschland, wie muß ich da anfangen? Ich muß mit der Faust aufs Pult haun.“ Er lachte: „Ha, ha, ha!“ und freute sich königlich. „Was ich dann sage, ist schon gleich, ich muß erst mit der Faust aufs Pult haun. Deshalb nun,“ sagte er verschmitzt, „deshalb wäre es nun doch ein Fehler, anzunehmen, daß in Frankreich der Geist herrsche und in Deutschland nicht. Sondern das Gegenteil ist der Fall. In keinem Lande der Welt ist noch der schäbigste Bierfahrer so durchdrungen vom Geist wie in diesem sonderbaren Land. Er hat die fremdartigsten Formen. Er geht in Potsdamer Grenadierstiefeln sehr häufig, übertrieben häufig. Aber er waltet, unsichtbar, jedoch er waltet. Vielleicht nicht die Kultur, aber der Geist ist tiefer hierzuland als anderswo. Deshalb, sehen Sie, beschränke ich mich auf dies Land. Wer schaffen will, kann seine Kreise nicht eng genug ziehen. Mißtrauen Sie meiner Behauptung? Soll ich Ihnen den Geist der Gewerkschaften nennen, noch einmal nennen? Die Internationale, das ist ihr Geist. Der Geist der Geistlosen. Der Geist der Geistigarmen. Und dies ist ihr ganzer, strahlender Reichtum; die Internationale ist ihr Reichtum. Ausgeschlossen vom Nabob, von den Betten der Reichen, träumt jeder sich weich im Arme einer Heerschar von Brüdern, sich reich im Bewußtsein seiner ungeheuren Kraft, im Gefühle, im Glauben, in der Erwartung der Stunde, wo der Riesenarm aus hunderttausend Armen zum Schlage ausholt. Die Internationale ist die große Romantische, die Cherubsarmee, der selbsteigene Trost, die dauernde Zuflucht, das große Asyl aller Obdachlosen, strahlend und gewaltig wie das Junifirmament über eine nackte Erde gewölbt.“