Eine Weile blieb es still im Raum; Klemens stand, die Hand gegen den Ofen gestützt, den Kopf gesenkt. „Ja,“ sagte er aufschreckend, „ich muß nun aber fort, es wird höchste Zeit, ich muß noch zu meiner Schwester, heut abend geht mein Zug.“
Renate wollte eben verwundert fragen, ob er sie denn wirklich nur, um sich zu verabschieden, besucht habe, als Irene in Pelzjacke und Barett in der Tür erschien, während Klemens durch die Kapelle zum Podium kam, wo sie sich vom Stuhl erhoben hatte.
Irene verwurzelte sich im Eingang mit einem solchen Blick auf Klemens, daß Renate den Ausruf ihres Namens unterschlug. Klemens schüttelte ihr kräftig die Hand, indem er umherdeutend sagte: „Sonderbare Reden, die wir hier gehalten haben.“
Indem drehte er sich zu Saint-Georges um, sah Irene und fuhr mit den Schultern zurück. Dann biß er sich auf die Lippen, sagte: „Guten Abend, Frau Herzbruch!“ und gab Saint-Georges die Hand.
Er ging zur Tür, Irene wich nun zur Seite und neigte den Kopf grüßend. Er blieb stehn. „Sie wußten vielleicht nicht, daß ich Otto bat, mich bei meiner Schwester zu treffen?“ fragte er.
„Doch, ich wußte es“, sagte sie.
„Entschuldigen Sie nur,“ rief er leicht, „ich dachte, Sie wären aus Zartgefühl hergekommen.“ Und ging hinaus.
Irene nahm eine Hand aus dem Muff und schob den Schleier hoch, ohne etwas zu sagen.
„Guten Abend, Irene!“ rief Renate, während Saint-Georges zu ihr ging. Da stampfte sie plötzlich mit dem Fuß auf und schrie: „Gott sei Dank! Gott sei Dank, daß er weg ist! Lange genug hats ja gedauert!“
Unter der dreieckigen, fest um den Kopf gezogenen Mütze sahen ihre Augen diamantschwarz unter den Schleierfalten hervor. Sie ging mit harten Schritten zum nächsten der beiden Flügel, warf ihren Muff darauf, zerrte den Knoten ihres Schleiers am Hinterkopf auseinander, warf den Schleier auf den Flügel, riß die Pelzkappe ab und warf sie dazu und fuhr sich mit den Händen in die festgedrückten Locken, um sie aufzurichten; danach ließ sie die Arme fallen, machte einen Schritt, stützte die Hände auf die Hüften und blieb so stehn, mit hängendem Kopf, an der Unterlippe nagend. Renate sah alles mit an. Irene warf den Kopf zurück, trat rückwärts an den Flügel, legte eine Hand auf die Platte, trommelte mit den Fingern, sagte endlich:
„Ja, Renate, jetzt ists also aus. Nun hats eine Ende mit Schrecken genommen, das soll nicht schaden. Gott sei Dank, ich habe durchgekämpft und brauche mir keine Vorwürfe zu machen.“
Was aus sei, fragte Renate unzufrieden.
„Na was! das mit Klemens!“ Oh, Renate sollte schon wissen, wie sie gekämpft und sich erniedrigt habe! „Erst sollte es eine Probezeit auf acht Tage sein, damals —“
„Was sollte?“ fragte Renate kurz, gestört von dem unverständlichen Hin und Her.
„Daß er im Hause blieb! Dann ist ein Monat draus geworden, aber hassen habe ich ihn gelernt, ach gehaßt habe ich ihn vom ersten Augenblick an, diesen Zerstörer, diesen Schönredner, diesen — Tanzenden! Herrgott, wie er mich verwundet hat, wie ich hab frieren müssen! Ich möchte wohl wissen, wie er gegen dich gewesen ist, eben! Auch so höhnisch und so metallen? Hat er das wohl gewagt?“
„Georges hat Hunger,“ sagte Renate, „komm, wir wollen zum Essen gehn.“
Irene nahm wortlos ihre Pelzsachen auf, während Renate die Kerzen löschte, brauchte eine halbe Minute, um ihren Schleier zusammen zu raffen, folgte dann Renate, während Saint-Georges schon an der Kurbel der kleinen Glühlampe stand, die den Raum jetzt erhellte.
Während des Abendessens verhielt Renate sich schweigsam, innerlich unfriedlich, da der gestörte Nachhall von Klemens sich in ihr kreuzte mit Irenens drohender Entladung. Irene verhielt sich schweigsam, innerlich vermutlich bemüht, der vollen Schale ihrer Verdrießlichkeit, oder was es nun sein mochte, jeden Tropfen zu erhalten. Saint-Georges und sein Bruder schwiegen aus Zartgefühl; Erasmus schwieg wie immer. Jasons Kommen unterbrach die Stille nicht weiter, als daß die Begrüßungsworte laut wurden; er kannte ja kein eigentlich selbständiges Verhalten, stets entsprach nur das seine dem der Andern, und auch wenn er etwas Mitgebrachtes allsogleich hervorzog und dartat, schien es wie etwas Erwartetes so natürlich. Nur als Renate eben den Mund auftun wollte, um die Tafel aufzuheben, öffnete er den seinen, schüttelte unmerklich den Kopf und sagte, die stillen, glänzenden Augen auf Renate gerichtet:
„Weißt du, Irene, was Cervantes sagt?“ Und nach einem flüchtig und leidend fragenden Blick Irenens, fuhr er fort: „Cervantes in seinem berühmten Buche Don Quichote de la Mancha, gemeinhin der Donkischott genannt, sagt: Ein Mensch ist nicht mehr wie ein andrer, wenn er nicht mehr tut wie ein andrer. — Es fiel mir grade so ein, als ich euch Alle so schön um den Tisch sitzen sah.“
Erasmus sah ihn an, wie Renate bemerkte, mit dem sonderbar heftig nachdenklichen Blick, den Jason ihm öfters entlockte. Sie hatten, soviel Renate sich erinnerte, noch nie miteinander gesprochen, doch schien Erasmus eine gewisse Ehrfurcht vor ihm zu haben. Jetzt blieb er an der Tür stehn, die Stirn wie immer leicht gesenkt und fragte zurück: „Wie sagten Sie? Ein Mensch ist nicht mehr —“
„— wie ein andrer,“ fuhr Jason fort, „wenn er nicht mehr tut wie ein andrer. Sie sagen aber besser ‚als‘ statt ‚wie‘, ich habe die Übersetzung zitiert, und dann sagte ich es eigentlich nicht zu Ihnen.“
Erasmus nickte und ging hinaus. Die Andern standen still hinter ihren Stühlen, lösten sich nun, Saint-Georges sagte, er brächte seinen Bruder auf sein Zimmer und ginge dann nach Hause. Sie verabschiedeten sich, und Irene, Renate und Jason gingen in die Halle hinunter.
Der Kamin brannte hell, niemand machte Licht. Renate setzte sich ans Feuer und wartete ab; auch Jason setzte sich, nahm den Blasebalg, hielt ihn gegen die Flammen und ließ ab und an einen kleinen Seufzer in die Glut stöhnen. Irene, die hinter seinem Stuhl stehn geblieben war, schien nach einigen Minuten von der Wiederholung dieses Verfahrens nervös zu werden und sagte: „Aber Jason, was machst du denn?“
Jason versetzte still: „Ich unterhalte das Feuer.“
Renate lachte leise. Irene drehte sich um und fing an, im Dunkel des Hintergrundes auf und nieder zu gehn. Endlich trat sie hinter Renates Stuhl und sagte halblaut:
„Weißt du noch, wie ich früher zu dir gekommen bin und mein Herz verglichen hab an deinem? Meins war Angst und Sorge und deines Fülle und Sicherheit. Nun ja, wenn man so schön ist wie du ... Seitdem bin ich lange ausgeblieben, und nun bin ich wieder da.“
„Ein Mensch“, sagte Jason, „ist nicht mehr wie ein andrer, wenn er nicht mehr tut wie ein andrer.“
Renate sah zu Irene auf; ihr rötliches Gesicht, eben noch vom Feuerschein erreicht, blickte mit durchsichtigen Augen ratlos gegen die Flammen. Renate sagte:
„Kind! Ich finde es ja sehr lieb von dir, daß du wieder zu mir kommst —“
„Jag mich nur wieder weg“, murmelte Irene.
„Ich dächte aber eigentlich: du hast doch nun einen Mann; oder kommst du vielleicht seinetwegen?“
Nach einer Weile wurde Irenes Stimme wieder aus dem Hintergrunde hörbar, tonlos: „Auch.“
Dann wars wieder still. Renate war des ziellosen Herumredens und Stehens schon ziemlich müde, aber Irene fing nun zu sprechen an, so daß Renate schon am ersten Wort merkte, sie würde so bald nicht wieder aufhören.
„Er nimmt mir meinen Mann weg“, sagte sie. „Ja das ist nun so.“ Hastig redete sie weiter. „Erst sollte es eine Probezeit auf acht Tage sein, denn — ich sagte Otto gleich noch am ersten Abend, — ach, es war alles so sonderbar! —“ Sie schwieg, fing aber nach Sekunden von neuem an. „Ich lag noch nicht im Bett, am ersten Abend, da hörte ich, wie die Beiden sich an den Kamin setzten und dann an zu reden fingen. Und nun dauerte das Stunden. Immer in Pausen. Viertelstundenlang sprachen sie unaufhörlich, am meisten Klemens. Dann wurde es still, ich wollte einschlafen, — da fings wieder an. Schließlich redeten sie immer weniger, Minuten und Minuten konnte ich sie förmlich schweigen hören und lag und wartete und wartete, und richtig: da fingen sie wieder an. Es war zum Verrücktwerden. Endlich macht ich Licht und saß mit der Uhr in der Hand, eine geschlagene halbe Stunde war kein Laut zu hören, ich dachte, am Ende sind sie doch leise weggegangen. Da zog ich meinen Kimono an, ging zur Tür und öffnete leise. Richtig waren sie noch da. Das Feuer brannte kaum noch, aber ich sah Ottos hellen Anzug, er lag längelangs im Sessel, hörte mich nicht, und auf dem Sofa lag Klemens. Nun fragt ich denn, was sie bloß machten, und warum sie nicht schlafen gingen, und Otto, halb im Schlaf, sagte glaub ich, er hörte zu, wie Klemens sein Bart wüchse, oder so was. — Aber nun ging Klemens doch, und — ja, dann stellte Otto mich zur Rede. Es war herrlich, er stellte mich —! Er hätte ihn doch jahrelang nicht gesehn —“
Renate dachte: Was erzählt sie mir da? Sie hat eine Nacht nicht schlafen können und — Irene hastete weiter, klagend und eintönig:
„— und — ja, ich weiß heut auch nicht mehr, was er sagte, und ich entschuldigte mich auch, denn ich weiß ja, ich bin im Unrecht, er ist sein Freund, und sie kennen sich lange, und sie sind Männer, und ich bin nur eine Frau, und ich kann nur sagen: ich mag ihn nicht!“
„Ein Mensch ist nicht mehr als ein andrer,“ sagte Jason ruhig, „wenn er nicht mehr tut als ein andrer.“
„Hab ich denn nicht mehr ein Recht zu sein, wie ich will?“ begehrte Irene auf. „Hab ich kein Recht als deine Frau? sag ich zu Otto. Und da, — ich sprach grade noch von seinem rodomontierenden Wesen, seinem breiten Bart, und wie er die Worte setzt, alles, was mir so — so — ich weiß nicht! — und seine unsichtbaren Augen ... Auf einmal steht er wieder in der Tür und muß wohl gehorcht haben, es war ja auch nur der Vorhang dazwischen und sagt, — ja, was sagte er doch noch ...“
„Ein Mensch,“ sagte Jason, „ist nicht mehr wie ein andrer.“
„Jason! — Er sagte: weil ich von Rechten geredet hätte ... Er wollte auch von Rechten reden. Meine Ehe, die wäre eine Jammerleistung, ich hätte nicht mal Kinder, und sie wären zwanzig Jahre Freunde, und ich bloß zwei Jahr verheiratet. Ja, und es wäre zum Tollwerden, sagte er, und ich sollte doch erst mal lernen, was eine Ehe ist, ehe ich mich an einen Mann hängte. Oh, es ist uner—, unerhört ist es!“
Renate hörte sie aufgeregt hin und her laufen. Jason hatte es sich im Sessel bequem gemacht, die Hände vor dem Magen gefaltet und schien jetzt aufmerksam zu lauschen.
„Wie gings nun weiter, Irene?“ fragte er, „du erzählst sehr anschaulich. Was hat Otto denn nun wohl gesagt? Sagte er nicht, daß Klemens weder Vater noch Mutter gehabt habe und nicht einmal wüßte, wer sein Vater ist, ein Student zum Beispiel, oder ein Großherzog? Sicher hat er etwas Ähnliches gesagt und wahrscheinlich auch, daß Klemens gehungert hätte für drei und gearbeitet für zehn. Nun, ein Mensch ist nicht mehr als ein andrer.“
Renate sah Irene hinten auf einer Sessellehne sitzen und die Achseln zucken. Jason wüßte ja alles, sagte sie, es sei schon so gewesen. Ja, sie hätte auch gesagt, daß sie ihn, Otto, nicht so lieben könnte, wenn Klemens daneben stünde, aber sie sei schon müde gewesen, und da habe er denn diese Probezeit von acht Tagen verlangt, aus denen dann Wochen geworden wären, und sie hätte ihn ja auch wenig gesehn, nur bei den Mahlzeiten, da er sonst im Zimmer ihres Schwagers gearbeitet hätte ...
„Ja, Albert Vehm,“ sagte Jason, sich aufrichtend, „gut, daß du den Namen nennst. Ein Mensch ist nicht mehr als ein andrer, aber was ist mit ihm?“
„Er ist weg. Wir wissen jetzt, wo er haust; bei einem Bauern aus seiner Praxis, aber niemand bekommt ihn zu sehn.“
Da sah Renate ihn wieder am Zaun stehn und hörte ihn fragen: Und die Kinder ...? Renate schreckte leicht auf, da Irenes Stimme auf einmal dicht über ihr fragte: „Bist du abergläubisch?“
„Nun ja, wie man so ist,“ gestand sie halb lachend, „Katzen und Sternschnuppen und Spinnen, und wenn das Streichholz nicht anbrennen will, daß man sich sagt: das und das wird geschehn, wenn ... aber —“
„Ja, so ähnlich,“ sagte Irene, „jedenfalls hab ich mir ausgedacht, daß in diesen acht Tagen irgend etwas geschehn sollte, das mich bestärkte oder veränderte gegen ihn, aber natürlich ist nichts geschehn, bloß daß er mir immer unangenehmer geworden ist, und dann hab ichs eben langsam immer weiter ertragen, und —“
„Was war denn nun zu ertragen?“ fragte Renate kühl.
„Gott, Renate, daß ihr Beide gegen mich seid, das weiß ich ja längst, und wie soll man denn das auch beschreiben? Die Worte machens doch nicht, das macht doch das Gesicht und die Haltung und die Tonart und alles, oder meinst du, man kann sich da irren, und ich hätte mir bloß eingebildet, daß er es förmlich drauf anlegte, mich aufzubringen und zu empören und —“
„Oh das kann ich mir sehr gut vorstellen“, sagte Jason. „Wenn einer so in die allgemeinsten Dinge eine Spitze hineinsteckt, und man kann nichts sagen, denn da ist gar nichts zu sehn, aber innerlich möchte man aufschrein, nicht wahr, Irene? Und dann so dies: obenhin ... Wenn man sich grade so schön vorgenommen hat, geduldig und artig zu sein, und tut eine bescheidene Frage und kriegt auch eine Antwort, aber was für eine! — So nach einer Weile, als ob sie erst abgeleckt wäre von allen Seiten, so aus dem Mund geholt wie ein Matrosenpriem und auf die Tischkante gelegt zum Trocknen, ja, das kenne ich ausgezeichnet. Wirklich, ein Mensch tut nichts andres als ein andrer.“
Irene antwortete nicht, aber Renate fing an, sich ernstlich zu sorgen, da sie immer geschwinder und wilder durch den Raum hin und her fuhr, die Hände geballt und mit verwirrten, weggeschleuderten Blicken.
„Wenn Otto mir sagte,“ rief sie hart anhaltend, „Klemens könnte keinen Widerspruch vertragen, es sei überhaupt alles Beherrschung an ihm, außer man wäre sachlich oder sächlich, — was weiß ich, ich bin weiblich! — — was blieb mir denn übrig als stille zu schweigen?“
„Gut, Irene, ausgezeichnet!“ lobte Jason, „damit trafst du das Richtige.“
„Schweig, Jason! Und immer hackte er auf meiner Kinderlosigkeit herum! Nein, höre, da fällt mir etwas andres ein, was er sagte. Einmal konnt ichs nicht lassen und fragte, was das denn eigentlich für eine Freundschaft wäre, wo einer sich um den andern jahrelang nicht kümmerte. — Das wäre das Feine dran, sagte er. So, sage ich zu Otto, und wenn ich mich jetzt zwei Jahre Gott weiß wo herumtreibe, dann ists dir wahrscheinlich auch egal. — Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, sagt er. Ist das nun vielleicht eine Antwort?“
Glühäugig stand sie da und blickte Renate an. Jason machte erstaunte Augen.
„Ich hatte gedacht,“ sagte er, während Renate ein Lächeln verbiß, „du wolltest von Klemens reden? Nun,“ sagte er und zog sich befriedigt zurück, „du hast ja recht: ein Mensch ist nicht mehr wie —“
„Ja, nun verwechsle ich sie schon“, murmelte Irene, kniff den Mund zu und sagte böse: „Einer ist mir so fremd wie der andre.“
„Höre mal übrigens,“ fing Jason an, „du hast das wohl auch verwechselt. Klemens redete von Freundschaft, und du von Ehe.“
„Ah, sieh, Jason!“ höhnte Irene spitzig, „du hast wohl auch seine Meinungen über Liebe und Ehe und so.“
„Wenn du mir die seinen vielleicht sagen möchtest ...“ meinte Jason.
„Also, einmal frage ich ihn ganz bescheiden, ich hätte eigentlich noch immer etwas Zeit übrig, namentlich im Winter, ob er nicht auch meinte, daß ich mich fürsorgerisch betätigen sollte. In meinem Staat, sagt er, gewiß nicht. Er bemühe sich seit zehn Jahren, das Recht auf Kindersegen für jede Frau durchzusetzen, und ich prätendierte das Recht auf Kinderlosigkeit. In seinem Staat, und so weiter, und ob ich eigentlich wüßte, wieviel Frauen ich die eigentliche Vollendung ihres Daseins wegnähme. Ja, weißt du, warum? Weil ich einen Mann für mich beanspruche, von dem andre Kinder haben könnten. Und damit —“ ihre Stimme wurde heiser und überschlug sich, „kletterte er im Handumdrehn zu der Behaup—“ Ihre Stimme versagte, sie mußte husten und hörte lange Zeit nicht auf.
Das sei aber mal nichts Besondres, meinte Jason enttäuscht; nein, das fände er nun äußerst natürlich und wahrheitsgemäß geredet. Ob er denn sonst nichts gesagt hätte?
Sie hätte es wohl vergessen, murmelte Irene matt, es sei ja auch gleich.
Renate sagte, damit könnte sie wohl recht haben, denn sie hätte wohl gleich gemerkt, daß es sich hier wie immer nicht um das Was handle, sondern um das Wie, und Irene habe sich ja auf unbegreifliche Weise haßerfüllt und abgeneigt von vornherein gegen Klemens gezeigt ... Sie brach ab, da sie Irene in ihrem Sessel hinten, ohne hinzuhören, sich nur angestrengt besinnen sah. Gleich darauf fing sie auch an: Lieben, hätte er einmal gesagt, lieben könnte man doch nur, was einem fremd sei. „Wie? frage ich. — Zum Beispiel: Gott, sagt er. — Gott? frage ich erstaunt, und da fällt mir natürlich Otto ein, und ich frage, ob er vielleicht behaupten wollte, daß Otto mir fremd wäre. — Er wäre überzeugt, unterbricht er mich, daß es nichts gäbe, was einander fremder wäre als zwei Menschen, Mann und Weib.“ Jason spitzte die Ohren. „Mein Mann ist mir lieb, nicht fremd, sage ich. — Abgesehn, sagt er, von der Logik, was meine Ehe denn für eine Kunst wäre. — Liebe, sage ich, nicht Ehe. — Ah, sagt er da und tut hocherstaunt, Sie wissen also doch sehr gut, daß Liebe und Ehe nicht das geringste miteinander zu tun haben. — Ich falle aus allen Wolken und sage: Was? — Denn Liebe, doziert er so recht pedantisch, Liebe ist ein Gefühl, und Ehe ist eine Einrichtung.“
„Nun, da haben wirs“, sagte Jason entzückt. „Ein Mensch kann nicht mehr tun als ein andrer, aber dies war ja nun sehr ausgezeichnet, ein ganz ausgezeichnet wahres Wort! Ich möchte fast glauben, daß er es mir abgelauscht hat. Immer und immer habe ich das gesagt: Liebe und Ehe, die beiden haben miteinander genau so viel und so wenig gemein wie das Leben und der Tod. In der Ehe nämlich herrscht das Gesetz, ja bis in die allerkleinste Wallung und Verrichtung des alltäglichen Ehelebens hinein waltet der Geist der Verträglichkeit auf Grund des Vertrages. Was aber tut das Gesetz? Es tötet. Es tötet ab, es erstarrt. Die Ehe ist recht eigentlich die Idee aller starren Systeme, aber nun, wie es im Liede heißt: Media in vita — mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen. Mitten im Leben der Liebe vom Tode der Ehe umfangen und dennoch höchst lebendig, wohlwollend, verträglich, hülfreich und gut zueinander sein, — das wäre die Kunst der Ehe.“ Sprachs und glitt zufrieden wieder in seinen Sessel zurück. Irene sagte nichts.
Wie rauh und schwächlich, aber auch wie traurig hatte Irenes Stimme doch geklungen; Renate hörte es nun erst, wo sie erloschen war. Sie hätte gern etwas Tröstliches geäußert, aber alles, was sie hörte, brachte keine Begriffe in ihr hervor; es war wie das Plätschern eines Wassers, dem Wehmut und Abgeschiedenheit anzuhören ist, doch bleibt es die betrübte Stimme eines Bachs, eine fremde, nicht zu unterbrechen oder zu enden mit Zusprache oder Streicheln.
„Und nun hat er ja recht behalten“, kam ihre Stimme wieder zum Vorschein, erloschen und trostlos. „Otto ist mir fremd geworden. Vielleicht ist ers immer gewesen, ich weiß ja nun gar nichts mehr. Früher glaubt ich all seine Gedanken zu sehn, jetzt muß ich oft seine Stirn ansehn und denken: Was ist dahinter? habe ich etwas damit zu tun? — — Wie einfach, wie natürlich war nicht alles! Es war nicht groß, du lieber Gott, es war keine Kunst! aber es paßte doch zu uns, und ich wars zufrieden. Nun heißts: es ist keine Kunst, und ich muß über die schwierigsten Sachen nachgrübeln. Manchmal ist mirs schon gewesen, als sei es ganz gleichgültig, ob Otto und ich zusammenleben oder irgend zwei Andre.“
Jason lächelte hier still und friedlich vor sich hin. Renate mußte denken: Er scheint es ja recht leicht zu nehmen ... Irene stand auf, hielt den Kopf gesenkt und zerrte an ihrem Taschentuch.
„Ich weiß ja, ihr wollt mir nicht helfen“, sagte sie, Tränen dick in der Stimme.
Jason erhob sich. „Ich gewiß nicht, Irene,“ sagte er aufrichtig, „obgleich ich nicht weiß, was dir eigentlich fehlt. Nein, ich freue mich im Gegenteil, dich in einer derartigen Verwirrung zu sehn. Verwirrungen erhöhen die Lebhaftigkeit des Daseins und machen die Ruhe angenehm. Nichts ist süßer, als auf dem Sofa liegen nach einem schönen Schwindelanfall. Dir kann ich noch nicht helfen.“
Noch? was das heißen solle, noch?
„Oh nichts so Bestimmtes“, meinte Jason. „Ich wollte bloß zum Ausdruck bringen, daß ich nichts anzufangen weiß mit Leuten, die dastehn und schreien, sie fielen um. Wenn einer an der Erde liegt, so will ich ihn aufrichten; ja, dazu mache ich mich anheischig.“
Plötzlich stampfte Irene mit dem Absatz auf und schrie: „Herrgott, warum muß denn nur alles so verkehrt kommen! Warum liebt ihr euch denn nicht, Klemens und du, statt daß —“ Sie brach verwirrt ab. „Nein, wir hassen uns ja ...“ Sie schien völlig den Faden verloren zu haben, schüttelte sich auf einmal, kam auf Renate zugeflogen, warf sich vor ihr an den Boden, umschlang sie und schluchzte jammervoll:
„Ach, ach, ich muß dirs ja gestehn, ich hab mich nur so herumgeredet, es ist ja so eine furchtbare Schande, aber ich muß —“ sie schüttelte sich krampfhaft — „ich muß es dir sagen, er hat — er hat mich — er hat mich ja so wahnsinnig gedemütigt! Ach, angeschrien hat er mich wie ein Sinnloser, niedergedonnert hat er mich — ach, Otto! Otto!“
„Wie, Otto hat ...“ fragte Jason.
Irene sprang auf und flammte ihn an. „Otto, bist du ganz rasend? Er, er, er, Klemens! Auf einmal ist er ganz blau im Gesicht geworden, ich weiß nicht, ich muß ihn wohl gereizt haben, und dann hat er gelärmt ...! Was das für eine Schande mit mir wäre, dies kindische Wesen, und alles Alte hat er wieder aufs Tapet gebracht, und ich gönnte ihm seinen Freund nicht, und den Mund sollte ich halten und —“
Ihre Stimme erstickte wieder. Renate konnte es nicht mit ansehn, wie sie dastand und sich erniedrigte, schüttelte den Kopf, mußte sich aber nun doch sagen, daß an allem schließlich etwas Wahres sein müsse, nicht alles allein Irenens Schuld sein könne; sie konnte sich aber in der Erinnerung an den Nachmittag mit Klemens ihn in keiner ungebührlichen Haltung vorstellen.
„Wie du dich erniedrigst, Irene!“ entfuhrs ihr unbedacht. Irene zischte wieder empor.
„Ich will mich erniedrigen!“ schrie sie wütend. „Und was er schaffte, das sei mehr wert ... brüllte er, und eine Stimme hat er gehabt, daß alles Glas nur so klirrte, und die Wände haben gezittert, und ich saß da wie versteinert. Das in meinem Haus!“ Fliegend, jauchzend, zitternd, frohlockte sie: „Wahnsinnig hasse ich ihn, wahnsinnig! o ich hasse ihn, ich hasse, ich hasse ihn. Käme er nur, käme er nur noch einmal und ... ach, ich wollte, er täte es noch einmal!“
Das könnte sie haben, meinte Jason gefällig, er hörte Klemens eben draußen klingeln.
Renate vernahm seine Worte nur halb, mit den Augen an Irene hängend, die wie eine Eumenide vor ihr wogte, die Arme schleudernd, als stäken Dolche in den Händen, und alle Locken hatten sich aufgerichtet um ihren Kopf und bebten und zürnten mit.
„Wißt ihr, was er getan hat?“ zischte sie. Mit funkelnden Augen von Renate zu Jason und zurück, hob und krümmte sie den rechten Arm, hob die Hand und machte eine klappende Bewegung damit. „Verstehst du, Renate?“ Renate verstand und reckte sich innerlich. „Verstehst du, Jason? Ja, nicht wahr, das habt ihr doch nicht gedacht, das habt ihr —“ Ihre Stimme und sie selber schwankte.
In der Tür stand das Hausmädchen und sagte: „Gnädiges Fräulein — Herr Doktor Klemens.“
Renate geriet in Schrecken. Was wollte das werden? Irene war nicht anzusehn, ob sie die Meldung gehört hatte oder nicht, sie spähte mit einem sonderbar wirren Blick im Zimmer umher, entdeckte plötzlich zwischen Korridortür und Kamin das Telephon und stürzte darauf zu. — Renate hörte das Mädchen etwas fragen, nickte nur, und gleich darauf flammte das Licht in der Krone blendend auf und übergoß alles. Irene schrie: „Otto!“ dann „Einundsiebzig einundsechzig!“
Klemens erschien in der Tür, verbeugte sich gegen Renate, blickte dann scheinbar abwartend auf Irene, die ihm den Rücken wandte, über das Tischchen mit dem Fernsprecher gebeugt.
„Bitte, schalten Sie um!“ sagte Irene. Gleich darauf: „Ja, umschalten sollen Sie, zum Oberstock, Himmeldonnerwetter, verstehn Sie denn nicht? Um — — Ach, der Teufel soll dich holen!“ schluchzte sie, warf den Hörer hin und fiel in den Sessel, aus dem Jason eben aufgestanden war.
Der ergriff nun den Hörer, fragte: „Bitte, sind Sie noch dort?“ horchte und sagte: „Ach, Sie sind selber am Telephon! Bitte, einen Augenblick! — Dein Mann ist am Telephon, Irene,“ sagte er zu ihr, „es war bereits umgeschaltet. Soll ich ihm was sagen, oder willst du —“
Irene unterbrach ihr Weinen und schluchzte mühsam, sie wolle ihn nicht sprechen, er — sie habe nur hören wollen, ob er zu Hause sei, und sie käme auch gleich.
Jason führte das aus und legte den Hörer hin, dann drehte er sich um und sagte zu Klemens:
„Das ist schön, daß Sie grade kommen. Wir sprachen von Ihnen, und da möchte ich Sie gleich fragen: Haben Sie meiner Freundin Irene wirklich eine Ohrfeige gegeben?“
Irene zuckte nur, als sie merkte, daß er mit Klemens sprach, behielt aber das Gesicht im Taschentuch, richtete sich langsam auf und trocknete ihre Augen. Klemens sagte leutselig zu Jason:
„Junger Mann ... Das heißt,“ unterbrach er sich, „hat Frau Herzbruch dies vielleicht behauptet?“
„Also nicht?“ rief Renate erleichtert.
„Keine Idee! Ich habe bloß so getan“, verteidigte er sich.
„So getan?“ sagte Jason. „Das ist glänzend.“ Zufriedengestellt, wie es schien, drehte er sich ab, ging in den Hintergrund und sagte wie zur Erklärung: „Ein Mensch ist nicht mehr als der andre, wenn er nicht mehr tut als der andre.“
Klemens sah ihm mißtrauisch nach, äußerte dann zu Renate: „Ich kann Ihnen das leider nicht vormachen.“ Nun wandte er sich zu Irene, die langsam aufgestanden war und zu schwanken schien, ob sie ihn ansehn sollte, und sagte:
„Ja, also Frau Irene, ich bin noch einmal gekommen, — es wird mir nicht leicht, und ich habe wohl auch eigentlich —“
Er wollte auf sie zugehn, aber Irene, einen Augenblick geduckt, ging ihm plötzlich entgegen, streckte ihm die Hand hin und murmelte:
„Ich bitte Sie um Verzeihung, Klemens, ich hatte Sie wohl zu sehr gereizt, und — ich bitte Sie um Gottes willen ...“
Klemens ergriff tief erstaunt ihre Hand und brachte kaum den Mund zu. Irene ließ wieder los, ging wie geistesabwesend zur Flurtür, murmelte: „Wohin will ... wohin soll ich denn nun? Ach so, nach — nach Hause ...“ Dann schluchzte sie tief und furchtbar auf.
Renate lief hastig um die Sessel und zu ihr hin, erreichte sie in der Tür, legte den Arm um ihre Schulter und ging mit ihr hinaus. Sie wagte jetzt kein Wort, Irene raffte sich auch wieder zusammen, ging gefaßt in die Kleiderablage, ließ sich von Renate in die Jacke helfen, setzte die Mütze auf, knüllte den Schleier zusammen und steckte ihn ein. Nach einem Blick in den Spiegel holte sie ihn wieder hervor und band ihn mit zitternden Fingern um; Renate half ihr.
„Gute Nacht“, sagte sie leise. Renate wollte sie an sich ziehn, aber sie schüttelte trübe den Kopf und ging hinaus. Renate blieb ratlos zurück.
Wieder ins Zimmer kommend, hörte sie Jason eben sagen: „Seelische Fallsucht ist ein vortrefflicher Ausdruck!“ worauf er sich zu Renate umdrehte, mitten im Zimmer, schmal und kleiner als sonst neben Klemens scheinend, den Kopf ein wenig schräg haltend, und erfreut zu Renate erklärte:
„Herr Klemens sagt, er hätte die seelische Fallsucht. Jahrelang ginge es ihm sehr gut, und dann, auf einmal, wäre die Fallsucht wieder da; es geht ihm also genau wie mir. Ich habe ja mehr die Zitatenfallsucht, aber sie ist ja nun auch im Schwinden, unberufen, und eine Zeitlang hatte ich das Kopfschütteln, aber das ist, glaube ich, auch schon wieder im Schwinden.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, da ist es wieder,“ sagte er enttäuscht, „ich habe es berufen, nun will ich lieber gehn und Irene noch an der Haltestelle treffen. Gute Nacht, Herr Klemens.“ Er reichte ihm die Hand. „Gute Nacht, Renate.“ Er reichte ihr die Hand, lächelte und ging sacht hinaus.
Renate setzte sich schweigsam in einen Sessel, hielt sich grade, rieb die Hände leicht im Schoß und blickte ins niedergebrannte Feuer. Aber beim Anblick des Blasebalges fiel ihr Jasons Bemerkung ein: er unterhalte das Feuer; sie mußte lächeln, sah zu Klemens auf, sah ihn in sich gekehrt im Schatten stehn und sagte: „Ein großer Wirrwarr, wie es scheint! Wollen Sie so gut sein und den Blasebalg etwas in Tätigkeit setzen?“
Klemens fuhr auf. „Blasebalg?“ rief er, „meinen Sie mich oder den da?“ Er lachte, setzte sich, ergriff das Instrument, drehte eins der Holzscheite mit ihm um, setzte ihn dann bedächtig in Tätigkeit. Als das Feuer wieder hell brannte, legte er den Blasebalg fort, setzte sich zurück und sagte:
„Kluge Jungfrau! auch Ihnen wird, nehme ich an, bekannt sein, was gemeinhin nicht viele wissen, ich aber weiß es: Nichts fängt da an, wo es anzufangen scheint. Auch diese armen Tränen, welche Sie sahen, auch die — ich schwöre es! — nicht nur Ihnen imaginär gebliebene Ohrfeige haben ihre Wurzel nicht im heutigen, sondern in Frau Irenens Hochzeitstage. Ich kam nicht zur Trauung, damit fing es an. Ich habe nun eine Abneigung gegen Schwurformeln im allgemeinen, und im besondern, wenn der, welcher sie aufsagt, nicht daran glaubt, und erschien deshalb erst bei der Tafel. Das Ehepaar brach, wie Sie sich erinnern werden, früh auf, so bekam ich Ottos Frau kaum zu sehn, aber was ich bekam zu sehn, das war nicht hoffnungsvoll. Ich dagegen war so hoffnungsvoll, zu glauben, dies werde in zwei Jahren vergessen sein, aber weit gefehlt! Ja, ich dachte es mir ganz schön, ich hatte vor, ein Buch zu schreiben —“
„Ein Buch?“ fragte Renate, aber er winkte großmütig ab:
„O bloß so ein Buch! wie halt a jeder! Und da dachte ich, dies bei mehr Behaglichkeit und Ruhe in Herzbruchs Hause als in so einem möblierten Zimmer tun zu können, denn meine eigne Wohnung hab ich vor ein paar Jahren aufgegeben, und meine Schwester hatte keinen Platz bisher. Natürlich, ich hätte nach der ersten Nacht verschwinden sollen, aber — ja, was ist da zu sagen? Otto bat mich, ich hoffte weiter, ja, Otto, das muß ich sagen, zwang mich gewissermaßen, indem er meine Stiefel versteckte, und als moralischen Grund gab er vor, seine Frau müßte aufgemuntert werden, sie würde zu dick. Alles gut und schön, aber — na, ich blieb doch, und Herzbruch, der hetzte ja denn nach Kräften, er fand es herrlich, wenn wir uns die geschliffenen Partisanen gegen den Kopf rannten, und sagte, sie wäre nicht wiederzuerkennen, und ich wäre ein General-Stabsarzt.“
Renate sprang auf und lief ins Zimmer hinein. „Ach, hören Sie lieber auf,“ bat sie zwischen Lachen und Weinen, „das ist ja nicht auszuhalten! Erst kommen Sie am Nachmittag, und ich freue mich, denke, ich kenne Sie, und wie Irene mir stundenlang etwas vorjammert, bleibe ich bei meiner Auffassung von der Sache, bis es mir denn doch zu ernst wird, und ich denke: was Wahres muß doch dran sein, und dieser Klemens ist kein solcher Cherub, als welcher er sich gehabt.“ „Danke!“ nickte Klemens. „Ach, nichts zu danken, denn nun kommen wieder Sie, und nun sieht die Sache wieder noch ganz anders aus, und nun ist Otto eigentlich derjenige welcher. Was ist denn nun das Richtige?“
Klemens kratzte sich mit schief offnem Munde den Kinnrand im Bart und meinte: er wüßt es nicht, er reiste ja nun ab. Daß der Zweck seines Daseins im Hause Herzbruch vollkommen erreicht sei, das wollte er schwören. Nun ginge er acht Tage auf Reisen, dann würde er bei seiner Schwester wohnen und —
„Ach, papperlapapp,“ unterbrach Renate ihn lachend und ärgerlich, „was ist das mit der Ohrfeige gewesen?“
Klemens wiegte verdrießlich den Kopf. „Die Ohrfeige“, sagte er, „hat nicht stattgefunden.“
Plötzlich wurde er dunkelrot, Renate erschrak und dachte: nun kommts! aber die Fallsucht schien auszubleiben, er ergriff den Blasebalg, warf ihn auf die andre Seite des Kamins, machte böse Augen, schob das Kinn vor und sagte endlich:
„Daß man von unechter Abkunft sei, braucht man sich nicht sagen zu lassen, meine Teuerste. Ich habe in Zeitungen geschrieben und mich mit mehr als einem Preßbengel herumgeschlagen, und daß ich weiß, wie und wo die giftigsten Spitzen anzubringen und abzuschleudern sind, das kann Frau Herzbruch freilich bezeugen. Meine Abkunft jedoch hat der schmutzigste Schmock, obgleich ich nie ein Hehl daraus gemacht habe, nie angetastet, denn auch so einer hat Kenntnis von gewissen Usancen. Ich bin, wenn Sie es wissen wollen,“ sagte er aufstehend, „ich bin darauf auf sie zugegangen, so!“ Er trat dicht vor Renate, „und hab die Hand gehoben, so! Und da hat sie sich geduckt, hat kein Wort gesagt und ist zur Tür geschlichen. Ottos Schwester, auch dies mögen Sie erfahren, war die erste und einzige bisher, der ich es mitgeteilt habe.“
„Genug,“ sagte Renate reuevoll, „verzeihen Sie nur! genug!“
„Ich habe ja nichts gegen Sie,“ lachte er nun, „aber“, schloß er wieder ernst und mit Würde: „wenn ich auch Proletarier bin, bin ich deshalb kein Prolet, sondern reiner Geist; ich stabiliere mich als solchen. Nein, sehen Sie,“ fuhr er leichter fort, „zu Irene sagte ich, nachdem ich — Sie wissen schon! —: ja, da könnte sie nun sehen, wie verdorben sie wäre, daß sie wahrhaftig glaubte, ich wollte sie ohrfeigen, und weiß Gott, es ist etwas daran, und was soll dieser Otto mit einer Frau machen, die glaubt, ihre Ehe geht in Stücke, bloß weil einer zusieht, den sie nicht leiden kann? Ja, bitte, was sagen denn Sie dazu? Sie sind doch ihre Freundin, Sie kennen auch Frau Vehm — ja, du lieber Gott, ist das ein Unterschied zwischen den Beiden!“ Er atmete auf.
Ein Mensch, dachte Renate, ist nicht mehr wie der andre, wenn er nicht mehr tut wie der andre. Es war nicht gerade viel, was Irene zu tun pflegte, zumal im Schatten ihrer Schwägerin betrachtet.
„Der Mann ist ein Sonderling und verkriecht sich,“ hörte sie Klemens wieder sagen, „die Frau ist oft stundenlang, tages und nächtens, bei Wind und Wetter unterwegs, um ihn zu finden, und was sie selber im Herzen zu schleppen hat, das wird ja wohl auch Ihnen nicht unbekannt geblieben sein; aber deshalb weicht sie doch keinen Schritt von ihrem Wege und neigt das dunkle Haupt auch keinen Nagelbreit unter ihrer aufgetürmten Last, sondern steht da, lächelnden Mundes, heller Stimme, sichrer Hand und kräftigen Herzens, schöne, edle Karyatide unter dem stöhnenden Gebälk ihres Daseins. Ach, man möchte singen und verzweifeln um solch eine Frau, und Irene daneben, was tut sie? Sie glauben vielleicht, sie sei Ottos Frau gewesen, aber weit gefehlt! Bis vor drei oder vier Wochen war sie’s nicht, sie wollte ja keine Kinder haben, quält einen Mann zu Tode mit ihrer — Daseinsunwissenheit und wirft sich ihm endlich in die Arme an dem Tage, wo ein Mensch ins Haus kommt mit unsichtbaren Augen.“
Er lief mit großen Schritten zornig im Zimmer hin und her, warf die Ellenbogen vor und schlug die Hände zusammen. Ob denn das zum Blasen sei? fragte er. „Na, aber nun hat er sie ja wenigstens, und so wird denn wohl alles in der Ordnung sein“, murrte er, kam auf Renate zu, hielt ihr die Hand hin und bat, gehen zu dürfen.
Renate sah ihn durch Schleier an. Seltsam erinnerte sie sich Ulrikas. Ohne sie wüßte sie heute kaum, was das bedeutete, was Klemens ihr eben verraten hatte, bedeuten mußte für einen Mann wie Herzbruch.
„Ich fürchte, lieber Herr Klemens,“ sagte sie leise, „so einfach wird es nicht sein, wie Sie denken, aber — wir können ja hoffen. Sie vergessen doch nicht dies Haus, wenn Sie wieder in der Stadt sind, nicht wahr? Ich würde gern noch mehr mit Ihnen sprechen, aber ich bin nun auch recht müde geworden von allem. Also auf Wiedersehn!“
„Ja,“ sagte er, als fiele etwas ihm ein, „und wissen Sie denn eigentlich, warum ich noch einmal zurückgekommen bin?“
Renate schüttelte den Kopf.
„Weil ... Ich verstehe es nicht“, murmelte er, den Kopf senkend. — „Weil“, fuhr der dann erklärend fort, „mich unterwegs die Reue ergriff; weil ich dachte, ich wäre vielleicht doch im Unrecht, und — da man gleich tun soll, was man tun will und kann, so drehte ich wieder um, und — — was geschieht? Sie sahns ja, sie tat, was ich tun wollte, sie bat mich am Verzeihung!“
Auf dies hin wußte Renate nichts. Sie standen noch eine Weile schweigend, dann verbeugte er sich und ging.
Renate nickte ihm noch lächelnd zu, als er aus der Tür grüßte, dann fielen die Schleier wieder über alles, langsam erlahmte ihr Denken, rot glimmte die sinkende Glut vor ihren verdunkelten Augen, sie ging zur Tür, löschte das Licht und ging schläfrig und abgespannt auf ihr Zimmer.
Schrecken
Renate hob den Kopf aus dem Schlaf, weil sie jemand an die Tür klopfen hörte; sie glaubte, nur wenige Stunden geschlafen zu haben, aber es war schon Tag. In der Tür erschien die Köchin, ängstlich, und sagte: Frau Herzbruch habe angerufen, das gnädige Fräulein möchte doch gleich ans Telephon kommen, es sei etwas ganz Schreckliches passiert. Renate war schon mit den Füßen aus dem Bett. — Es betreffe aber nicht Frau Herzbruch selbst, sollte sie sagen. — Renate war schon in den Pantoffeln, rannte durch die Zimmer hinaus und treppab in die Halle. Es mußte mit Vehm ... Sie nahm den Hörer auf, atemlos, und sagte: „Irene?“
Eine Weile war nichts zu hören als das Sausen und Knistern im Apparat, dann kam Irenes Stimme leise und mühsam aus der Ferne: „Renate ...? du wirst — sehr erschrecken. Es ist —“ Wieder war alles still. „Mein Schwager Vehm“, hörte Renate, „ist — — tot. Und — und —“
„Dora!“ schrie Renate entsetzt.
„Nein, nicht Dora,“ hörte sie nach Sekunden. „Die Kinder.“
Renate zitterten die Knie. Sie glaubte, einen ungeheuren Schlag gegen die Brust erhalten zu haben, rang nach Atem, fühlte lange Zeit nichts, tastete endlich hinter sich nach dem Stuhl und sank auf ihn hin. Dann hörte sie ihr Herz schlagen — es mußte Sekunden ausgesetzt haben.
Irene fragte aus der Ferne: „Bist du noch dort?“
Sie würgte einen Laut hervor, brachte dann heraus, was das bedeute?
Lange Zeit antwortete Irene nicht, endlich sagte sie langsam: „Er war gestern wieder da — als ich aus der Stadt kam. — Und — auch Ägidi. — Sie waren Alle in der Diele. Albert sah ganz — verwirrt aus, aber — nachher kam Dora und sagte, er habe ziemlich ruhig gesprochen und gesagt — er — er könnte es nicht ändern, die Kinder wären sein, und deshalb müßte auch die Mutter bei ihnen bleiben, oder — so ähnlich, und — er ist dann gegangen, aber wiedergekommen nach einer Weile und hat gesagt, er hätte sich besonnen — ja, ich kann das alles nicht so sagen — — — jedenfalls, er wollte gehn, und sie sollte die Kinder behalten. Dann ist er fortgegangen, er hat sich nicht halten lassen.“ Irene schwieg wieder.
„Laß es genug sein, Renate“, bat sie dann. „Er muß nachts ins Haus gekommen sein, ohne daß wer von uns es hörte. Dann hat er im Kinderzimmer erst den beiden —“ Irenes Stimme brach schluchzend ab.
Renate legte den Hörer hin und sah, noch die Hand daran haltend, das schwarze und metallene Ding, seltsam fremd und erschreckend, als wäre es ein gefährliches Instrument. Durch es hatte Irene gesprochen, sie hatte Irene nicht gesehn, Irene war vielleicht gar nicht auf der Welt, es war nur ihre Stimme gewesen, Renate glaubte plötzlich zu sehn, wie eine finstre Gewalt Irene vom Telephon in die Nacht hineinriß, schwarze Flocken regneten vor ihren Augen, aber dann sah sie in einem hellen Sonnenschein einen kleinen Jungen im Kreise herumgehn, derweil er eine Blumentopfscherbe und einen alten Kochtopfdeckel zusammenschlug und, die großen Augen immerfort auf sie gerichtet, sang: Wenn ein Vorrat geht zu Ende, zieh den Schieber mit die Hände! — Immer dieselben zwei verdrehten Zeilen, von denen später Dora sagte — was? — Ja, Renate sah in der Montfortschen Küche so eine blauweiße Tafel hängen, um die fehlenden Vorräte anzuzeigen, und darunter stand: Zieh den Schieber vor behende ...
Warum bin ich denn so wahnsinnig erschrocken? dachte sie und war sekundenlang ganz ruhig. Langsam stand sie auf, konnte aber zuerst kaum die Füße aufsetzen. Danach ging es besser, sie schlich die Treppen hinauf und in ihr Zimmer, wo sie langsam ein paar Schlucke Wasser trank. Sie fröstelte davon, legte sich wieder ins Bett, war auf einmal ganz schwach und deckte sich zu. Die Gedanken verschwammen, sie wollte sich besinnen, was denn eigentlich gewesen sei, und dämmerte ein. Da befand sie sich plötzlich in einem großen Saal mit hohen grauen Wänden aus Quadern und ohne Fenster. Nach oben blickend, gewahrte sie an Stelle des Dachs einen rein blauen Sommerhimmel, den eine einzige Wolke von schimmernder Weiße sehnsüchtig verschönte. Wieder die Augen senkend, entdeckte sie, daß der Boden ein Wasser war, das sich in kleinen Windungen und Strudeln emsig bewegte wie eine Menge Getier, und zugleich, daß sie in der Spitze eines Nachens stand. Und jetzt sah sie die Schmalwand des Raumes vor sich geöffnet; ein Tor wars, und durch den Spalt schoß strudelnd ein dunkles Gewässer herein. Der Nachen bewegte sich unter ihr, schwankte, stieg mit den lautlos steigenden Fluten, und nun wußte sie, daß sie in einer Schleuse war.
Darüber mußte sie tief aufatmen, ja seufzen aus einem von Erleichterung und Beklommenheit angsthaft gemischten Gefühl. — Nun wird die Fahrt frei werden! murmelte sie, sich beruhigend, und erkannte, wieder nach oben schauend, in der Wolke einen weit fernen Engel, der von ihr abgewandt und in einer seltsamen Verkürzung hinter sich tretend, stürmisch in die Bläue hineinjagte. Bleibe! schrie sie in plötzlicher Fassungslosigkeit, o bleibe! — Aber er war schon verschwunden, und sie erwachte mit heftig klopfendem Herzen.
Jählings und mit furchtbarem Erschrecken fuhr sie dann hoch, da sie eine unhörbare Stimme traurig sagen hörte: Schöpfe, schöpfe, müde Danaide ... Aber nicht das hatte sie hören wollen, sondern ein Wort von Klemens — wie hieß es? ja, wie hieß es denn? — Schöne edle Karyatide ...
Kaum gedacht, brach ein Strom von Tränen aus Renates Augen, ihr Herz flatterte entsetzt auf mit tausend gestaltlosen Ahnungen, Befürchtungen, Ängsten eigenen Schicksals, sie wühlte das Antlitz in die Kissen und weinte, wie sie noch nie im Leben geweint hatte.
Achtes Kapitel: Juni
Krank
Georg wachte des Morgens auf und dachte: Ach, nun bin ich auch krank! — Stirn und Schläfen schmerzten, er fror; er schluckte, und es tat ihm weh. Auf den Ellenbogen sich aufrichtend, fühlte er sich zerschlagen und müde, blinzelte gegen den Fenstervorhang, die Sonne schien draußen zu sein, aber dies Draußen, der Garten und alles war merkwürdig weit weg und als ob er nicht dazugehörte, sein Gehör schien dumpf und legte etwas Entfremdendes zwischen ihn und die Welt. Ich kann nicht nach Zinna fahren, murmelte er bitter, vielleicht gehts mit ihr heut zu Ende, aber ich kann nicht. Und er dachte, wie glücklich er sein würde, wenn es wirklich zu Ende ... Glücklich, — ja, er ertappte sich, aber es war so, und wider Willen fügte er schon hinzu: Wenn sie nur stürbe! Wenn sie nur stürbe! — Er zog die Decke über die Ohren, glühte und schauderte frostig ineins, wälzte sich herum, lag minutenlang halb dämmernd. Dann rief ein Geräusch ihn zu sich, der Diener mußte eingetreten sein, er drehte sich um und sah einen menschlichen Schatten in der Dämmrung zum Fenster gehn.
„Lassen Sie zu, Egon!“ sagte er, „ich stehe nicht auf, ich bin krank.“
Der Diener kam leise ans Bett, Georg richtete sich auf. Die dunklen Augen, das blasse Gesicht des jungen Burschen sahen ängstlich auf ihn herunter.
„Keine Angst, Egon,“ sagte er lächelnd, „es ist nur ein bißchen Halsentzündung, oder Influenza,“ er räusperte sich, es tat scheußlich weh, „aber ich will einen Doktor haben. Kranksein ist gemein, Egon, ich will sofort wieder gesund werden, wissen Sie einen Doktor?“ Egon wußte keinen. „Ich auch nicht, dann fragen Sie, — rufen Sie bei —“ Er besann sich. Es braucht ja keiner zu wissen, daß ich krank bin, — „also rufen Sie gegen neun bei Dr. Herzbruch an, im Verlag, und wenn er einen Doktor weiß, — der wird ja Telephon haben, — dann rufen Sie auch gleich an und bitten ihn herzukommen. So, gehn Sie aber erst ins Badezimmer und lassen Warmwasser in die Wanne, und wenn ich drin bin, machen Sie hier Durchzug.“
Der Diener ging. Bald darauf zog Georg die Füße unter der Decke hervor, saß einen Augenblick frierend auf dem Bettrand und fühlte sich aus der Welt herausgenommen und in Krankheit gekleidet. Draußen war alles leicht und natürlich, aber sein Wesen entstellt, verfremdet und peinlich. Er schlürfte hinüber, spülte sich Körper und Mund und war froh, im Zimmer wieder unter was Warmes kriechen zu können. Ach, dachte er, so war es damals genau, als ich die Masern kriegte! Mitten im Tag fings an, ich wurde ins Bett geschickt, und wie ich da auf dem Bettrand saß und fror und alles so weit weg war und Altelinda mir die Stiefel auszog und ich so schwer war am ganzen Leib und unbeschreiblich sehnsüchtig, ins Bett zu kommen und den dumpfen Kopf ganz tief ins Kissen zu stecken, — ja all das war genau wie jetzt; eigentlich war es herrlich. Ach, wie geborgen war man in seinem Bett als Kind! „Ist noch was, Egon? Frühstück? Nein, ich mag nichts, aber die Post, nein, keine Post, aber die Zeitung, ja, und dann — rufen Sie auch gleich, oder — wie spät ist es denn? Halb acht? Also rufen Sie in einer Stunde bei Frau Dr. Schley an: ich hätte, — ach, warten Sie damit, bis der Doktor dagewesen ist!“ Egon entfernte sich, Georg rief ihm nach, er sollte die Tür halb offen lassen.
Nun lag er still auf der linken Seite und blinzelte durch die Türöffnung ins Nebenzimmer. Da war ein Stück vom Schreibtisch, mit Aktenstößen, und das Fenster, und die Falten der Vorhänge, und draußen die Sonne und das Sommerliche, ein Stück Teppich unten, und all das so anders als sonst, so ganz für sich und ohne ihn. Er hörte Schritte auf dem Flur, Türen, im Eßzimmer eine Schranktür, deutlich alles und doch ganz dumpf und immer vermischt mit seinem Frostschaudern und Fiebern und dem Herben in der Nase und der Stirnhöhle, und das Ganze wiederum doch nicht unbehaglich. Die Tür ging leise, eine schwere Frauenfigur kam ans Bett und stand still, er öffnete die Augen und lächelte. „Oltsche,“ sagte er, „ich sterbe, mit mir hats nun ein Ende, Sie stehen im Testament.“
Die Hausmeisterin schlug die Hände zusammen und sagte: „Nein, sowas! Und wo unsre Prinzessin auch schon —“ Georgs Husten übertönte das Übrige, die aufgeregte Alte klopfte ihm die Kissen zurecht, er streckte sich aus und bat sie, ihm die Zeitung zu geben. Sie ging und kam wieder mit dumpfen, weichen Schritten, fragte noch, ob er denn gar nichts essen wollte, und war leise hinaus. Georg setzte sich auf und riß die Zeitung auseinander. Es war fast zu dunkel zum Lesen, er hielt die gedruckte Seite zum Licht hin, fand die fettgedruckte Zeile: Das Befinden der Prinzessin Sigune, — die Buchstabenketten fielen auseinander, er raffte sie herzklopfend zusammen und las:
„Im Befinden der Prinzessin ist seit gestern keine Änderung eingetreten. Eine persönliche Anfrage unsrer Redaktion bei Herrn Professor Dr. Bosse bestätigte uns die traurige Gewißheit, daß es sich nicht um die häufigere Art Meningitis, sondern um tuberkulöse Gehirnhautentzündung handelt. Das Bewußtsein ist seit fünf Tagen nicht wiedergekehrt, die Nackensteife ...“ Georg konnte nicht weiterlesen. — Sie muß sterben, sie muß sterben, vielleicht ist sie schon tot, sagte er unaufhörlich, krampfhaft bemüht, dabei nichts zu empfinden und Mitleid hervorkommen zu lassen, und er erzwang das Mitleid durch den Gedanken, daß sie fürchterliche Kopfschmerzen gelitten hatte und nun aus irrem Dunkel ins tiefere hinüberschlafen würde. Er sah sie im Bett liegen, steif, das Gesicht hintenübergebogen, bleich und ohne die Augen schon gar nicht mehr kenntlich für ihn, der sie kaum kannte. — Nun ließ er die Zeitung an die Erde gleiten, wickelte sich bis an die Ohren in die Decke, fühlte die glatte Trockenheit und Hitze seiner Beine und zwang sich, nichts zu denken.
Stand jemand am Bett? Egon sagte, er habe im Herzbruchschen Büro angefragt —. „Ja, wie spät ists denn schon?“ — Es sei gleich zehn Uhr. — Ach, er hatte geschlafen. — Der Arzt heiße Dr. Birnbaum, am Theaterplatz, er würde gegen Mittag kommen. — Birnbaum? Aber Onkel Salm — Sigurd —, sie hatten doch keine Verwandten in der Stadt ... „Haben Sie Herrn Prager Bescheid gesagt?“ Ja, und er ließe fragen, ob er herüberkommen sollte. Ja, Georg ließe bitten. — Egon nahm die Zeitung und trug sie weg.
Benno kam und benahm sich genau wie die Menschen an Krankenbetten, lächelte, tat hoch erstaunt und sagte, was Georg für Geschichten machte; er war fremd und irgendwie kalt und frisch. Georg bat ihn, sich mit Zinna verbinden zu lassen und anzufragen, wie es stünde. Er hörte ihn nebenan sich mit dem Telephon beschäftigen, ohne Worte zu verstehn, durch das ferne Klingen und Summen in seinem Gehör. Dann setzte Benno sich still neben Georgs Bett und schwieg sich teilnahmsvoll aus. Als er gerade etwas zu sagen anfing, schrillte das Telephon laut auf, Benno ging hin, Georg wollte nichts Unverständliches hören und verschloß die Ohren. Wenn sie schon tot ist, — wenn sie schon tot ist ... dachte er. Endlich kam Benno. Es stünde sehr schlimm, sagte er bekümmert, sonst sei nichts zu sagen.
„Ach, Benno,“ fing Georg nach einer Weile an, „wie war es doch schön, wenn man krank war als Junge!“
„Ja,“ sagte Benno begeistert, „wie gut sie gleich Alle waren! Jeder kam herein und machte einen Scherz, mittags kam Vater, legte einem seine große, kalte Hand um die Wange, faßte mit sonderbar harten Fingern nach dem Puls und sagte, es würde schon werden.“
„Hattest du je Masern, Benno?“
„Masern?“ Bennos Stimme überschlug sich, „es war herrlich, ganz herrlich! Man war ganz gesund, bloß im Bett mußte man sitzen, und ich lag mit meiner Schwester in einem Zimmer, die hatte sie natürlich auch, und es war herrlich. Kleine, gebratene Tauben bekamen wir zu essen und alle Tage Apfelmus, so ganz seimig, und eine herrliche Bouillonsuppe, die war aus Sago und ganz goldklar, das war die Krankensuppe, Gott, den Geschmack kann ich jetzt noch spüren und den winzigen Knochensplitter, der drin war.“
„Und die Stille, Benno, weißt du noch? und wie es sang in der Stille, und wie man stundenlang lag und das Muster der Tapete verfolgte, und die alltäglichen Geräusche draußen, die so anders klangen und so weit entfernt, auf der Treppe und nebenan, und man kannte sie doch nicht ...“
„Und dann bekam man die herrlichsten Spiele mitgebracht, oh Georg, Geduldspiele aus ganz blanken Klötzen, unbeschreiblich neu und glänzend, grüne Würfel und rote und — nein, das war ja alles gar nichts gegen die Flechtarbeiten! Hast du nie Flechtarbeiten gemacht? Ich will es dir erklären: Erst kam Glanzpapier, das mußte auf der Rückseite liniiert werden und in schmale Streifen geschnitten, aus denen wurde das Muster geflochten, aber dies Glanzpapier, das vergesse ich nie! Es gab silbernes und goldnes, aber das war nicht das Schönste. Das Schönste war tiefdunkelrot, wie Samt, aber dabei war es so himmlisch glatt und knitternd, obgleich es ganz dick aussah; das Hellgelbe war auch schön, aber eigentlich unangenehm; es gab hellblaues und dunkelblaues, das rosa war so beißend, herrlich war auch das Dunkelgrüne; das war wie ein ganzer Tannenwald ...“ Bennos Stimme verhauchte hingebungsvoll.
„Nein, das hatte ich nicht,“ sagte Georg, „aber ich hatte ein Reißbrett ...“
„Ein Reißbrett?“ jauchzte Benno, „ich hatte auch ein Reißbrett, weißt du noch —“
„Wie es ganz hart war, Benno, und eckig, wenn es in die weichen Kissen gedrückt wurde, über den Schenkeln und gegen den Unterleib, fühlst du das noch?“
„Und wie man nicht dran dachte, und es ganz schief wurde, wenn man die Knie anzog, und alles rutschte herunter!“
„Und der Suppenteller, die Suppe floß über, und das war so klebrig und warm ... Oh mein Reißbrett hatte Onkel Salm erfunden, der schleppte es an, es war in Trassenberg, er saß immer bei mir und baute Zinnsoldaten auf, mein Vater hat eine riesige Sammlung, zwanzigtausend sind es, glaub ich, die Schlacht bei Lützen konnte man machen, und die Schlacht bei St. Privat und bei Waterloo.“
Benno lächelte beseligt mit Georg. „Ich hatte auch Zinnsoldaten,“ flüsterte er, „jede Weihnachten bekam ich eine Schachtel, sie waren oval und aus Span, auf dem Deckel war ein weißblaues, rechteckiges Etikett, und beim Auf- und Zumachen schnurpste der Deckel wundervoll!“
„Und drinnen, Benno, drinnen lagen sie ganz still und blank, die Fußbretter am Rand, die Gewehre und Fahnen nach innen, ganz kostbar, immer nur drei oder vier in einer Schicht und dazwischen ovale Blättchen aus so einem Papier ... einem Papier ...“
„Ein herrliches Papier!“ hauchte Benno, „es war wie Löschblatt, aber dünner und fester und ganz weich ...“
„Ja, ganz weich,“ sagte Georg vor sich hin und sah die blitzenden, unbemalten Säbel und Bajonette und die glänzenden braunen, schwarzen und weißen Pferde, die blauen, roten und grünen Lackfarben der Monturen zum Vorschein kommen. Trommler gingen voran und Fahnenträger, schräg nach vorn geneigt, die Fahne hoch in der Hand, die reitenden Trompeter bliesen immer nach rückwärts, sie bliesen das Signal zum Vorgehn, ja, Onkel Salm machte es mit dem Munde, es war völlig natürlich, und es klang so aufreizend: Tötötötö, tötötötö, tötötötö ... Und dann wurden sie aufgestellt nach dem Lineal, in der vordersten Reihe die Knieenden, dann die Chargierenden, damals sagte man noch chargieren, genau ‚auf Luke‘, und im dritten Gliede die stehend Schießenden. Bei jedem Regiment war ein Gefallener und einer, der grade hintenüberfiel. Oh es gab Schotten in roten Röcken und mit schottischen Unterröcken, mit Dudelsackbläsern, — die Artillerie war immer etwas unangenehm, weil sie im Schritt ritt, die Kavallerie galoppierte mit geschwungenen Säbeln, die Ulanen mit eingelegten Lanzen, und wie war nur alles kostbar und selten, und wenn sie alle aufgestellt waren, mußte man von der Seite gegen die festgeschlossenen Formierungen sehn, und Beine und Gewehre und Arme und Köpfe waren in einer Linie ...
Sie sprachen nicht mehr, sie träumten ... Abends kam die Lampe, wie sah man sie zum ersten Mal, ihr stilles Licht, sie stand anders im Zimmer als sonst, weit fort von einem, und alles lag im Schatten; das Muster der Tapeten sah wieder anders aus, dann kam die Abendsuppe, die mußte der gute Doktor immer selber machen, Wassersuppe von Sago wars, ganz klar und schön sanft grau. Dann entkorkte er feierlich die Weinflasche, hielt einen silbernen Löffel über den Teller und goß den roten Wein darauf, bis er überfloß in die Suppe, und dann lief das dunkle Rot im Grau aus, es gab einen wunderbaren purpurnen Fleck, dann wurde gerührt, und die Suppe war herrlich rot. Der Löffel war kleiner als ein Erwachsenenlöffel, hatte eine punktierte Linie am Rande des Stiels und hieß: der Kinderlöffel. Georgs Kinderlöffel. Jeden Tag kam Mama für zehn Minuten und erzählte etwas Lustiges ...
Die lange schwere Locke an ihrem Hals, — ich durfte sie ganz vorsichtig anfassen. Ich wunderte mich im stillen, wie kühl ihr Hals war, aber die Locke war doch das Schönste auf der ganzen Welt. Magda hatte Puppen, deren Locken faßte ich auch an, aber es war nichts damit. Ja, diese Locke war lebendig; sie ringelte sich um den Finger, und man mußte unendlich vorsichtig sein, daß man ja nicht daran zog, und doch durfte man es. Mama erzählte vom Hühnchen und Hähnchen, vom Ei und der Stecknadel. Wie schön war Mama! — —
Georg fühlte, daß sein Kinn zitterte, und daß es ihm dick im Halse wurde. Damals war ich glücklich, dachte er, und seitdem nie wieder. Damals wußte ich nicht, und heute weiß ich alles, alles.
Da saß Bennos Schattenriß, nah, dunkel und hoch vor der gelblichen Helle des Fenstervorhangs. Georg schob sich tiefer im Bett, steckte die kalt gewordenen Arme unter die Decke, zog sie fröstelnd hoch; sein Kopf schmerzte heftig, er wollte sich einwickeln und eindämmern wie als Kind. — Als er nach einer Weile die Augen öffnete, sah er Benno auf den Zehen an der Tür, ihm fiel ein, seinem Vater Bescheid sagen zu lassen, daß er heute nichts ... „Sei so gut, Benno, und sage in Trassenberg Bescheid. Du kannst dich ja vom Hausmeister verbinden lassen. Dr. Birnbaum sollte heut nicht kommen. Ich könnte heut nichts Geschäftliches besprechen, wenn Unterschriften wären, könnten sie vielleicht mit einem Kurier geschickt werden, und sonst auch was Wichtiges ...“
Nun war alles still. Vom Schreibtisch her tickte die Uhr sachtsam vor sich hin. Gunny, sagte die Uhr, Gunny, Gunny ... Jetzt starb sie vielleicht. Kein Mensch wußte mehr, was in ihr war.
Ein helles Klingen sprang in seinem Ohr auf, er fühlte, daß er geschlafen hatte, dann merkte er, daß nebenan die Korridortür geöffnet und jemand die Stufen herabkam, der aber nicht sichtbar wurde. Dort waren jetzt die Vorhänge geschlossen, eine Wand von Sonnenstäubchen stand golden vor dem Schreibtisch, darin erschien Egon und meldete: „Herr Doktor Birnbaum.“
Georg setzte sich auf, ließ sich Kamm und Bürste geben, ordnete sein Haar und ließ den Doktor hereinbitten. Da fühlte er wieder dies Andre: im Bett zu liegen am hellen Tage und jemand von draußen hereinkommen zu sehn, frisch und lustig und kalt, den Doktor, der ein kleiner zierlicher Mann war mit rundlichem Kopf. Als er vor Georg stand, zeigte er ihm ein rechtes Arztgesicht mit einem kleinen borstigen Schnurrbart, etwas quellenden, gelblichen Augen hinter einem goldenen Kneifer und dünnem, gescheiteltem Haar, an der gebogenen Nase als Jude kenntlich, und wenn er sprach und lachte, wurde sein Gesicht ein wenig eulenhaft. Hin und wieder kniff er nervös die Augen zusammen, freundlich sprechend, ein bißchen witzelnd, er freue sich ja sehr über Georgs Krankheit, nun würde seine Praxis noch mal so groß aufblühn, denn sterben würde er ihm ja wohl nicht. Georg lachte, er hätte nicht die Absicht. „Na, denn wolln wir mal sehn“, sagte der Doktor, Egon mußte den Fenstervorhang öffnen und einen Löffel besorgen. Der Doktor fühlte den Puls, sagte: „Zwischen acht- und neununddreißig“, ließ sich von Georg sagen, wo er Schmerzen habe, dann kam der Löffel, Georg mußte den Mund aufsperren, der Löffelstiel fuhr kalt und bitter schmeckend hinein, Georg krächzte: Oh oder Ah! Der Doktor kratzte mit dem Löffel im Hals, Georg konnte sich wieder hinlegen und zudecken.
Ja, es wäre eine kleine Mandelentzündung, ganz ungefährlich, Diphtheritis sei nicht zu erwarten, der Belag sei leicht zu entfernen, in ein paar Tagen könnte es schon vorbei sein. Ob das Herz in Ordnung sei? — Da Georg verneinte, verlangte der gründliche Doktor, daß er die Jacke auszöge, und klopfte ihn mit größter Sorgfalt ab. Es wäre alles halb so schlimm, meinte er dann, aber er sollte doch lieber nur eine Aspirintablette nehmen, dreimal täglich. Tscha, und einen Strumpf um den Hals, wenigstens nachts und mit Wasserstoffsuperoxyd gurgeln. Da Georg betonte, daß er so schnell wie möglich gesund werden müßte, meinte er, das hinge ganz von ihm ab; Ruhe, wenig essen, leichte Sachen — Sagosuppe mit Wein, sagte Georg — ja, auch Gebratenes — kleine Tauben, dachte Georg — und solange er sich krank fühlte, sei er eben krank, und wenn er sich gesund fühle, sei er wieder gesund. Egon stand all die Zeit daneben, seine dunkle widerspenstige Haarwelle in der Stirn, und sah alles besorgt und genau mit an.
Das war erledigt. Um noch etwas zu sagen, fragte Georg den Doktor, ob er vielleicht mit dem Studenten Sigurd Birnbaum verwandt sei. Der Doktor lachte, daß sein Schnurrbart zitterte, kniff die Augen zusammen und sagte:
„Pirnbaum, Durchlaucht, Pirn, mit hartem P, nein, mit Sigurd bin ich nicht verwandt, aber ich kannte die Beiden schon als kleine Kinder. — Ja, die arme Esther, das war ein böses Ende!“ Ob er von Sigurd noch hörte. — Jetzt seit langem nicht; er sei in Rußland, in Odessa.
Der Doktor schien zum Gehn bereit, sagte dann aber: „Darf ich noch was fragen?“ „Ja, aber bitte!“ „Ach, Sie haben so eine wunderschöne, so eine wunderschöne Miniatüre auf dem Schreibtisch, wenn ich die einmal sehn dürfte?“
Georg winkte Egon. — Aber gerne! ob er sich dafür interessierte? — Der Doktor rückte an seinem Kneifer und lächelte, — Georg dachte: als hätte ich ihn gefragt, ob er was von Diphtheritis versteht. — Egon brachte die Miniatüre von Georgs Mutter. Der Doktor nahm den Kneifer ab, rieb die etwas geschwollenen Lider, brachte die runden Augäpfel ganz dicht an das kleine Bildnis und betrachtete es ungemein sorgfältig.
„Es ist meine Mutter,“ sagte Georg, „als junges Mädchen.“
Das sei wunderschön, ausgezeichnet gemalt, wie man es gar nicht mehr zu sehn bekomme. Er habe eine kleine Sammlung von Miniatüren, so hundertundfünfzig Stück, ja, er sei ein Kenner davon, lachte er.
„Miniatüren“, sagte Georg, „könnte ich auch sammeln, es ist eine wundervolle Art Kunst und wieviel schöner, im Grunde doch wieviel lebensvoller als unsre farblose Photographie trotz des Reizes des Augenblicks. Aber so ein Bild kann ich immer ansehn, es hält den Blick so ruhig aus, und sehen Sie nur die feine, durchsichtige Spitze auf der Brust, und die Locke, wie sie gemalt ist!“
Der Doktor sagte, er habe eine ganz ähnliche aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, deshalb sei ihm diese auch aufgefallen. — Georg hörte ihn noch einiges sagen, jedoch von fern, ohne zu verstehn; sein Traum regte sich in ihm, er fühlte sich wieder weinen mit Cordelia — oder war es Esther gewesen? —, sah die sonderbaren dunklen Zimmer voller Menschen und dann Renate, nein, Dora Vehm, aber auch deren Gesicht war nicht ganz das Doras, sondern fremde Züge waren darin ... Da sah er den Doktor sich vom Stuhl erheben, reichte ihm die Hand, bedankte sich und bat ihn zu erlauben, daß er sich einmal seine Sammlung ansehe, später, jetzt sei ja ...
Ach, ja der Prinzessin gehe es ja so schlecht, aber es sei wohl noch nicht alle Hoffnung verloren ... Georg murmelte irgend etwas, der Arzt ging.
Hatte sie nicht diese Locke gehabt im Traum? Aber wie seltsam sein Herz erregt war von dieser Frau! Ich muß sie geliebt haben im Traum, ich empfinde noch ganz diese Süße ... Die Träume machen aus uns, was sie wollen, murmelte er und verkroch sich frierend.
Egon erschien mit Fragen wegen des Essens. Er sagte ihm Bescheid, trug ihm dann auf, bei Frau Dr. Schley anzurufen, zu sagen, daß er mit einer leichten Mandelentzündung zu Bett liege, und zu fragen, ob sie nicht kommen könnte.
Die Augen fielen ihm wieder zu, aber im Eindämmern störte ihn Egon mit der Meldung, es täte der gnädigen Frau ganz schrecklich leid, aber Herr Doktor käme am Nachmittag aus Berlin, und sie würde nicht vor fünf, halb sechs da sein können. — Ach, das war elend! Schlafen, dachte Georg, schlafen! Seine Schläfen glühten, die Gedanken fingen an, rasend zu arbeiten, er träumte oder phantasierte, er war an hundert Orten, sah Menschen über Menschen, Gesichter, die er nie gesehn, schwebten auf ihn zu, bewegten, verzerrten sich, manchmal nur Gebärden, Begriffe von Gebärden, ein wüstes Wirrsal, aus dem er in ein andres von Versen, Versstücken und Gedichten stürzte, erhitzten Gehirns, stumpf daliegend, aber aus diesem erlöste ihn plötzlich Jason al Manachs freundliche Gestalt. Wie er ihn einmal am Abend im Park getroffen hatte, sah er ihn wieder: er saß, einsamer anzusehn als andre Menschen und doch nicht so verschlossen in sich, nicht so belastet mit Einsamkeit, sondern ganz leicht, auf der Bank auf der kleinen Anhöhe, über die niedre Böschung und die Hecke zu seinen Füßen in die Wiesengegend hinüber schauend, aus denen Abend dunkel und Nebel weißlich aufstiegen. Und auf Georgs gedankenlose Frage, was er tue, hatte er wieder gefragt, ob er Libussa von Grillparzer kenne, und da Georg verneinte, fing er gleich den wundervollen Eingang des Stückes an, — Georg entsann sich wieder: