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Helianth. Band 2 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene cover

Helianth. Band 2 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Chapter 81: Legende
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About This Book

A sequence of nine linked books follows the interior and outward lives of two contemporary inhabitants of the North German plain, blending realistic domestic scenes with hallucinatory dreams, fragments of letters and artistic creation. Episodes move between sleepless nights, remembered landscapes and rehearsed performances, revealing recurrent motifs of longing, solitude, memory and erotic yearning. The structure favors fragmentary impressions and shifting perspectives that blur waking consciousness and imaginative projection.

Ihr Götter! ist es denn wahr und wirklich so?

Daß ich im Walde ging ... am Gießbach ...

Und nun ein Schrei in meine Ohren fällt,

Und eines Weibes leuchtende Gewande,

Vom Strudel fortgerafft, die Nacht durchblinken.

Ich eile ... und trage ...

Die Beute, kalte Tropfen regnend,

... und ich löse

Von ihren Füßen selbst die goldnen Schuhe,

Und breite aus den schwergesognen Schleier,

Und ...

Ach! Jason! sieh! da saß er ja auf dem Stuhl am Bett und sah kühl und angenehm aus. „Eben dachte ich noch an Sie,“ sagte Georg erfreut — „erinnern Sie sich noch, wie Sie mir einmal Libussa vorgesprochen haben? Wir haben uns lange nicht gesehn, wo kommen Sie her?“

Jason, die schwarzen Augen mit großer Ruhe auf ihn gerichtet, sagte:

„Man sage nicht, das Schwerste sei die Tat,

Da hilft der Mut, der Augenblick, die Regung;

Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluß.

Mit eins die tausend Fäden zu zerreißen,

An denen Zufall und Gewohnheit führt,

Und, aus dem Kreise dunkler Fügung tretend,

Sein eigner Schöpfer zeichnen sich sein Los.“

Im nächsten Augenblick war er völlig verschwunden.

 

Georg erwachte. Der warmen, sonnigen Dämmerung nach mußte es schon Nachmittag sein; er fühlte sich leichter und freier und sah zu seiner Verwunderung auf dem Nachtschrank eine Medizinflasche und eine Glasröhre mit Aspirintabletten liegen, in der beim Nachsehn eine fehlte; da auch die wasserhelle Flüssigkeit in der Flasche angebrochen war, mußte er gegurgelt und Aspirin genommen haben, konnte sich aber durchaus nicht entsinnen. Auf sein Klingeln erschien statt Egons Frau Vögelein, mütterlich verhaltenes Zufriedenheitslächeln in den Augenwinkeln, weil er so gut geschlafen habe; es sei schon drei Uhr durch, ob er denn nun etwas essen möchte. — Georg mochte, und richtig bekam er zwar seine ganze Taube, aber die fein zerlegten Bestandteile davon, Keulen, Flügel und zarte, weiße Brustschnitzel; er hätte viel um ein Reißbrett gegeben, — der Stuhl, von dem er essen mußte, war recht kümmerlich.

Danach ließ er von Egon und dem Hausmeister sein Bett ins Arbeitszimmer stellen, an die Wand des Schlafzimmers, das Fußende an dessen Tür entlang, die ausgehängt werden mußte. Das war nun sehr angenehm. Der große Vorhang konnte ein wenig gerafft werden, er sah den sinnenden Borgia dunkel sitzen, sah die nachmittägliche, sonnige Juniwärme im Garten, hörte die Spatzen lärmen und fühlte sich äußerst behaglich in der leichten Dumpfheit seines Gehirns.

Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluß ...

Woher stammte das? Hatte das Jason gesagt? — Sie hatten von Libussa gesprochen, richtig — vielleicht war die Zeile aus Libussa. Da fiel ihm ein, wie er vor langer Zeit einmal in Musäus’ Volksmärchen Libussa nachgelesen hatte, Renates wegen, und — jetzt hab ichs! frohlockte er, jetzt hab ich meinen Festzug und das Spiel! Er dachte, wie er sich den Kopf zerbrochen hatte, um für den üblichen historischen Festzug am Tage der Regierungsübernahme etwas Andres zu erfinden; Renate mußte dabei, mußte Glanz und Zentralsonne des Ganzen sein. Also Libussa! Nun schossen Szenen und Ideen von allen Seiten herbei. Libussas Wahl zur Herzogin von Böhmen, dann die Aussendung des weißen Rosses, ich werde Primislaw — nein, das wird nicht gut gehn, ein Schauspieler muß ihn in meiner Maske darstellen, zuletzt werde ich an seine Stelle treten und mit Renate zusammen die Huldigung des Volkes an uns vorüberziehn lassen, Gilden, Zünfte, Wagen, Söldner, oder Ritter — ja, welche Zeit war denn das eigentlich? Um tausend oder so — und wo sollten die Szenen gespielt werden? Ein altes Schloß konnte auf dem Gehrdener oder Benter Berge leicht gebaut werden, — herrlich, wenn das weiße Pferd über die Sommerwiesen bergauf kommt, zwei Reiter müssen es an langen purpurnen Riemen unmerklich lenken, — dann Renate, auf hohem Festwagen, an der Spitze des Zuges in die Stadt hineinrollend, und die Huldigung — vom Schloß aus — unmöglich, es hat keine Terrassen, das Theater hat eine schöne, aber die Anlagen davor — —, die werden beseitigt — und es sieht ja wie ein griechischer Tempel aus — dorische Säulen — ah, die werden mit Rabitzmauern verbaut und in ein Schloß verwandelt, und Renate — — und Sigune?

Sigune lag im Sterben. Sie mußte sterben, jeder sagte es ja, wenn auch nicht mit Worten. Ließ sich denn leugnen, daß es gut sei, für sie und für ihn? Konnte sie je glücklich, je zufrieden werden neben ihm? Mußte sie ihn nicht täglich ... ach, wozu, wozu das denken? Sie blieb leben, dann mußte es ertragen werden, oder sie starb — sie starb ...

Und recht behielten die Sterne ...

Georg fuhr zusammen, dicht über ihm, noch ihm ungewohnt, wurde die Tür geöffnet, Egon kam eilig die Stufen herab und flüsterte: „Seine Durchlaucht ...“ Georg warf sich im Bett herum und schrie: „Halloh!“

Wahrhaftig, da kam sein Vater den Gang herauf, er ging ja immer aufrechter und leichter! — stand gleich darauf riesengroß und hoch über Georg in der Tür, lachte und sagte: „Was sind denn das für Geschichten?“ Er war auch schön frisch und kühl und hatte pikfeine, hellgelbe Schwedenhandschuhe angezogen. Georg schimpfte nun aus Leibeskräften, der Herzog wurde ganz verlegen und entschuldigte sich vielmals. Es sei ja aber ein Katzensprung im Automobil herüber ... Georg versicherte, wie glänzend es ihm schon wieder ginge, bloß das Schlucken täte noch weh, und überdies sei es köstlich im Bett zu liegen. „Heute morgen“, sagte er, „habe ich mir mit Benno erzählt, wie es war, wenn wir als Jungens krank waren, er hatte Flechtpapier, und ich hatte Zinnsoldaten, aber ein Reißbrett hatten wir Beide, und das war das Schönste. Nein, das Schönste“ — Georg stockte innerlich — „war Helenes Locke, nein, die werde ich nie, nie vergessen ...“

„Die arme Helene ...“ sagte der Herzog.

Sie schwiegen und sahen aneinander vorüber. Aber Georg wußte, sie brauchten sich nicht anzusehn, ihrer beider Hände lagen wie an einem dehnbaren, festen Reifen an dem gleichen unnennbaren Gedanken, und — so war alles gut.

„Und Sigune?“ fragte der Herzog. Georg, innerlich die Zähne zusammenbeißend, sah seinem Vater in die Augen und sagte: „Ich fürchte — es geht zu Ende.“

Der Vater antwortete nicht; aber was sie dachten, war wohl wieder das gleiche ...

„Und wie ist es ... giebts etwas Neues, Papa?“ begann Georg nach einer Weile.

Von Wichtigkeit nichts Besonderes, meinte sein Vater. Von der guten alten Beuglenburgschen Sippe habe nun auch der Letzte sich entfernt, der gute, uralte Amtshauptmann Wahrendorff; er habe ihm selber, da sie sich ja lange konnten, geschrieben, daß er sein Entlassungsgesuch eingereicht habe. Im ganzen handle es sich nun also um fünf neue Männer, die zu beschaffen wären, denn Kultus und Landwirtschaft müßten ja nun vom alten Ministerium des Innern abgespalten werden.

„Birnbaum übernimmt die Finanzen, ich will es so,“ sagte der Herzog, „ein Strohmann, der den Titel und die Orden umherträgt, findet sich überall.“

Ob er schon für den Amtshauptmann jemand in Aussicht habe? Sein Vater meinte, er hätte genug, immerhin sei die Auswahl schwierig. Georg lachte plötzlich und meinte:

„Wer wird denn nun eigentlich hier der Großherzog und wer der Strohmann mit Orden und Titel und so? Ich sehe mich schon in den Krankenhäusern und bei Grundsteinlegungen umherfahren und verbindlich lächeln, während im Hintergrunde der Papa ‚am sichern Schreibtisch sitzend Opus hinter Opus aufs Papier wirft‘, wie unser Morgenstern so herrlich sagt.“

„Ich verbürge mich dir,“ schwor der Herzog, „nach spätestens einem Jahr ziehe ich mich nach Lesum zurück und veredle Schafe und Hühner.“ Georg lachte, bis er heiser wurde. — Jawohl, Georg würde schon sehn, wie ihm im Beuglenburgschen Saustall Nase und Atem vergingen. Ob er schon irgend etwas von Kalibohrung verstünde! Ob er eine Ahnung hätte, wie die Kaliförderung in Wiedehopf und Zainhammer sich wieder hochbringen ließe? Wie viele neue Eisenbahnlinien er — etwa — im Auge habe. Und was er von Eisen-, Kopfstein- oder Holzpflasterung denke für Beuglenburg? Wie viele und welche Kanäle er zu ziehen gedenke? Und die Deiche, die alten, hundertmal geflickten Deiche? Und Raschwege, das Gestüt, das einmal berühmt war?

Georg ließ alles fröhlich über sich ergehn und sagte, er wüßte einen Amtshauptmann. „Schley heißt er, das heißt seit gestern; vorgestern hieß er Freiherr von Schley-Schleyenburg, sein Vater hatte eine Wagen- und Pumpenfabrik und kaufte den Adel von Beuglenburg für eine Kleinkinderbewahranstalt oder dergleichen. Es ist ein Korpsbruder von mir, hat den Adel fortgelegt, war Assessor und ist jetzt fortschrittlicher Abgeordneter. Wir haben uns seit einiger Zeit sehr angefreundet, das heißt, eigentlich bin ich mit seiner Frau befreundet, aber wir haben uns in endlosen Nachtgesprächen ungemein schätzen und kennen gelernt. Ich war auch einmal auf die Dörfer mit ihm zu einer Wahlversammlung, und da habe ich das gesehn, weshalb ich ihn dir vorschlage, nämlich die wundervolle Art, wie er mit den Leuten umzugehn weiß; weder leutselig, noch so grob auf du und du, sondern fein teilnehmend und — nun, das läßt sich eben nicht beschreiben; er hat die Gabe — du hast sie ja auch —, aus jedem Menschen gleich das Beste herauszuholen, und ist überhaupt unwiderstehlich. Genügt das? Den Reichstag hat er satt, also —?“ Sein Vater stand auf und setzte sich an den Schreibtisch, um Namen und Daten aufzuschreiben.

Georg blickte verträumt ins Freie hinaus. Dort, in greifbarer Ferne, lag sein Großherzogtum, so fest, so schwer und massig wie hier der Rücken und Kopf seines Vaters am Schreibtisch, und es würde eine herrliche Zeit anbrechen. Keine Träume brauchte es mehr zu geben, zwischen allen Fingern spürte er schon das Gewimmel der tausend großen beweglichen Gegenstände, — wie der Odem eines Tieres, heiß und wild, schnob ihn der neue Atem gesammelter Handlungen an, Land brodelte, im unterirdischen Raum stampfte die geheizte Maschine, durch ihren unsichtbaren Dampf blickten die gesicherten Sterne, einverstanden und wohlgefällig ...

Wenn aber Virgo kommt, muß Papa fort sein, durchfuhrs Georg. Ich will ihn zu Renate schicken, er scheint sie ja sehr zu lieben und kann dort eine schöne Rede auf mich halten. „Ja, wie ist es nun, Papa,“ sagte er, als sein Vater sich mit dem Stuhl herumsetzte, „glaubst du nicht an die Möglichkeit, daß du mir jetzt im Wege sein könntest?“

Der Herzog kniff das linke Auge zu. „Eine Dame“, sagte er und nickte langsam und voll Verständnis mit dem Kopfe. „Ich verschwinde“, sagte er, „und gehe zu Fräulein von Montfort.“

Georg sagte, das hätte er sich im stillen schon gedacht, er würde dort vermutlich eine schöne Rede auf ihn halten. — Sein Vater stand eilig auf, humpelte zum Bett und ergriff seine Handschuh. „Ich komme nachher noch einmal herein. Leb wohl, mein Junge“, sagte er plötzlich sehr warm und legte ihm die Hand auf den Kopf. Georg, die Augen schließend, fühlte die warme Schwere, fühlte sich kindlicher als in allen Erinnerungen des Morgens, wohl beschützt und recht frohen Mutes ...

Als sein Vater hinaus war, rief er Egon und ließ den Vorhang wieder schließen, legte sich auf die Seite, schloß die Augen und verirrte sich liebevoll in bunte Szenen und farbige Trachten. Daß Virgo nicht würde dabei sein können, betrübte ihn, aber um jene Zeit erwartete sie ihr Kind. Virgo, meine liebe, kleine Schwester, dachte er zärtlich, und ohne sein Zutun schlossen sich die Worte an: Weißt du noch, wie wir uns Blumen brachten? Und die lieben, kleinen Vogelnester, die das Herz so zittern machten, und ... und im Park der Teich im runden Rahmen gelber Iris, blank wie ... Mond ... Und ... und wie klangen, wenn wir riefen, unsre Namen, durch die Stille ungewohnt? ... Er fing an, die Unregelmäßigkeiten in den Zeilen auszufüllen, neue kamen hinzu, er sammelte und legte fort, langsam schloß Strophe sich an Strophe, um nichts zu vergessen, sagte er sie sich unaufhörlich wieder vor und schlief allmählich darüber ein.

Die Augen öffnend, wußte er, daß jemand vor ihm stand; er fühlte sich wieder heißer, es war tiefe Dämmrung und nahe über ihm etwas Großes, Weißes; auf seiner Stirn lag etwas Kühles, eine Hand, er schloß die Augen wieder und dachte, noch halb im Schlaf: Sie ist da ... Ganz leise lief hoch über ihm ihr Lachen silberflüssig durch dunkle Luft. Er schlug die Augen auf und sah die ihren, groß und schwarz unter den dicken Brauen, ihr kleines Gesicht, ganz weiß auf dem kleinen, leichten Hals; sie hielt einen riesigen Armvoll weißer Narzissen an die Brust gedrückt und ließ sie nun, sich überbeugend, auf sein Bett, auf sein Gesicht fallen, naß, kühl, feierlich duftend.

„Ja, was machst denn du für Geschichten, Schorse?“ fragte sie. Sie liebte ja nun diese jungenhaften Ausdrücke.

„Jeder einzelne,“ sagte Georg, „der hereinkommt, fragt, was ich für Geschichten mache. Nun setz dich aber!“ Er drückte auf die Klingel. Sie raffte ihre Blumen vorsichtig wieder zusammen, Egon kam und holte eine Vase, die allergrößte, einen dunkelgrünen Topf; er wurde auf den Schreibtisch gestellt, das war kostbar anzusehn.

„Wolfgang läßt vielmals grüßen“, berichtete sie. Halbtot sei er angekommen und habe gebrüllt, daß die Wände gezittert und der Kanarienvogel gezetert hätte. Er wollte lieber sterben, als sich noch ein einziges Mal mit einem Agrarier boxen. Daß der Teufel ein Agrarier sei, das stehe felsenfest.

„Er soll nun Amtshauptmann in Beuglenburg werden,“ sagte Georg, „Papa war da, wir haben es schon abgemacht.“

Virgo war hochentzückt, aber nun mußte Georg auf das genaueste erzählen, was und wo es ihm fehle, wie er den Tag verbracht habe, was er haben wollte, — wobei Georg das Gedicht einfiel, das er vor dem Einschlafen zustande gebracht hatte, und sie mußte sich auf den Bettrand nahe zu ihm setzen, er nahm ihre Hände und sagte leise und langsam, den dichten, weißen Strauß der zarten Sterne mit rötlichem Herzen vor Augen:

„Virgo, meine liebe kleine Schwester!

Weißt du noch, wie wir uns Blumen brachten,

Und die lieben, kleinen Vogelnester,

Die etwas in uns so zittern machten,

Süß und gar so ängstlich, daß sich fester

Unsre Hände schlossen im Betrachten?

Und im Park den Teich im starren Rahmen

Gelber Iris, rund, ein blanker Mond,

Wenn wir durch den stillen Mittag kamen

In den Kleidern, die wir sehr geschont ...

Und wie klangen rufend unsre Namen

Durch die Stille fremd und ungewohnt ...

Kleines Schwesterlein, es ging so bald ...

Ach, wie kam es, Süße, Traute, sage,

Daß so früh sein Stimmlein ist verhallt?

Und wie kommt es, daß ich um es klage,

Da es doch — o Armut meiner Tage! —

Niemals Odem hatte und Gestalt.“

Sie strich leise mit der Hand über seine Stirn. „Nun haben wir uns ja doch gefunden ...“ sagte sie mit ihrer tiefen Stimme.

„Und denken, wie es hätte gewesen sein können ...“

„Ich war so sehr allein“, sagte sie ganz wenig klagend. „Meine Mutter ließ mich so herumlaufen, das war nicht bös gemeint, im Gegenteil, sie sagte es mir auch später, ich hätte vor allem Freiheit haben sollen, und sie war doch damals schon eine alte Frau ...“

„Wenn ich an deine Kindheit denke,“ sagte Georg, „sehe ich immer dein kleines blasses Gesicht mit den übergroßen Augen an eine Fensterscheibe gedrückt, eben dicht über dem Rahmen, und du standest vielleicht auf den Zehen an einer Verandatür, drücktest die kleine Nase platt am Glas und sahst ganz still auf der Terrasse die Spatzen sich um ein paar Krumen zanken.“

„Ja, das mag wohl gewesen sein,“ lächelte sie, „wie schön du das beschreiben kannst! nun seh ich es auch, und es sieht gar nicht so traurig aus.“

„Erzähl mir doch, wie warst du als Kind!“ bat Georg. „Benno Prager und ich haben uns heute morgen vorerzählt, wie es war, wenn wir krank waren als Jungens.“ Da Georg von Flechtpapier und Zinnsoldaten schon seinem Vater erzählt hatte, fuhr er fort: „Er bekam eine Bouillonsuppe, und ich Sagosuppe mit Rotwein: herrlich war das, wenn der rote Wein im grauen Sago zerfloß!“

Sie lächelte und sagte, unaufhörlich mit den Fingern durch sein Stirnhaar streifend:

„Wenn ich krank war, wurde mein Bett in das Zimmer meiner Mutter gestellt, das war ziemlich beängstigend. Sie schlief in einem Saal mit vielen Fenstern und in einem riesigen, uralten Himmelbett mit geschnitzten und so gewundenen Säulen, an denen kleine Tiere liefen, Eidechsen oder Molche, und ganz unten, als Fuß, hockte ein Igel und machte listige Augen. Wenn ich fieberte, liefen die Tiere auf meinem Bette herum, und meine Mutter mußte immer hinter ihnen her sein. Wenn mirs wieder besser ging, setzte sie eine Brille auf, und wir spielten Leben und Tod zusammen mit ganz alten deutschen Karten, so groß wie Postkarten. Dabei hatte sie so putzige Ausdrücke, die mich begeisterten, und ich machte sie kräftig nach. Spielte sie Cœur aus, sagte sie: Cœur du dir an gar nichts! Pikaß war ein Kettenhund, hieß es, und: Trefflich schön singt unser Küster! Wenn aber eine Neun kam, unterließ sie nie, zu murmeln: Neun mal neun sind einundachtzig ... Kannst du dir vorstellen, wie ich so ganz klein im Bett saß mit meinen großen Karten und die alte Frau betrachtete?“

„Ach, erzähl mehr,“ bat Georg, „wie bist du sonst gewesen, was hast du gespielt?“

„Ein Spiel,“ sagte sie nachdenklich, „das weiß ich noch, spielte ich, wenn ich schon im Bett lag. Dann stieg ich wieder heraus, zog mein Hemd aus, faltete es schön zusammen und kniete ganz nackt und klein auf dem Bettvorleger hin. Dann war ich ein ganz armes Kind, das gar nichts mehr hatte, aber nach einer Weile kam eine mitleidige Person, die schenkte mir ein Kleid, das war das Hemd, das durft ich nun wieder anziehn, da war mir schon wärmer, und dann kam meine Mutter in einer goldenen Kutsche vorbeigefahren und nahm mich mit auf ihr Schloß, da durft ich wieder ins Bett steigen und mich ganz warm einmummen, o das war herrlich! Ja, da hatt ich nun ein ganzes Zimmer voll Spielsachen, aber diese selbsterfundenen waren die schönsten. Und einmal weiß ich, da hatte ich mir das Schaukeln verboten. Ich hatte irgend etwas Strafbares getan, keiner wußte es aber, und da bestrafte ich mich selbst und sagte: nun darfst du einen ganzen Tag lang nicht schaukeln. Was das für Qualen waren, kannst du dir gar nicht vorstellen! Alle halbe Stunde ging ich ganz langsam zur Schaukel und faßte sie an, oder ich strich mit der Hand über das Sitzbrett und stand und sah nach dem Balken oben — ja, und dann, als ich am andern Tag wieder schaukeln wollte, da mocht ich nicht mehr. Weißt du, es ging einfach nicht! ich hab nie mehr geschaukelt seitdem.“

Sie schwiegen Beide. Es war dunkler geworden, Georg fühlte sich wieder fiebrischer, die Dinge entfremdeten sich von neuem, Virgos Dasein verschwamm und wurde traumhaft, er warf sich hin und her, fühlte bald ihre Hand auf seiner Stirn, aber alles verwirrte sich, sein Vater war wieder da und auch nicht da, Virgo war fort, Dora Vehm, Benno, Magda und Andre gesellten sich zusammen und führten unvorstellbare Dinge aus, er ermannte sich am Ende, richtete sich im Bett auf und sah wie in weiter Ferne den Schattenriß von Virgos Schultern, Hals und Profil im Dunkel. Von ihrer tief tönenden Stimme hörte er seinen Namen, dann deutlicher: „Georg ist solch ein schöner Name ...“ Ihr Profil verschwand, er sah die dunklen Flecke ihrer Augen, wollte etwas sagen, räusperte sich und schluckte und spürte heftige Schmerzen im Hals. „Du bist so gut, Georg“, flüsterte Virgo.

Er erschrak, lachte rauh und krächzte: „Um Gottes willen!“ was für ein Unsinn, wollte er sagen, mußte aber husten, fühlte, wie sie seine Hand ergriff und an die Wange drückte, und hörte sie sagen: „Du hast ja wieder Fieber!“

„Nun, das kommt so abends“, meinte er, aber sie erregte sich, schalt über sich selbst und über ihn, er habe weder gegurgelt, noch Aspirin genommen, klingelte nach Egon und drückte ihn in die Kissen zurück. Georg schloß die Augen, verlor plötzlich den Zusammenhang mit sich und Allem, fühlte eine Berührung und sah vor sich einen Eßlöffel, dann Virgo, die ihn hielt und seinem Mund näherte; er schluckte den Inhalt hinunter, trank Wasser und setzte sich auf. Nun mußte er auch gurgeln, Egon stand mit einem Waschbecken, Virgo hielt das Glas, und er gurgelte ein paarmal. Er sah eine Platte mit Weißbrotschnitten und einem Ei dastehn, mochte aber nichts essen. Geräusche und Stimmen waren schon unendlich fern und unhaltbar; ihm schien, als sei Virgo jetzt in seinem Schlafzimmer, jedenfalls hörte er sie fragen, wo seine Strümpfe seien, und nach einer Weile aus ferner Tiefe seltsam sagen: Seide! alles Seide! — so daß er lächeln mußte. Einen Augenblick später fühlte er ihre Hände an seinem Hals, fröstelte, als sie den Halskragen öffnete, — und wie kalt waren ihre Fingerspitzen! — sein Kopf schmerzte wüst, etwas Warmes wurde um seinen Hals geschlungen.

Schmetterlinge ... bunte ... Georg hörte sich laut sagen: „Sieh doch mal die Schmetterlinge!“ — Sie schwebten durch das Zimmer, leuchtende, dunkle Farben, einer nach dem andern; plötzlich verkleinerten sie sich und hingen still im Kreis, ein leuchtender Ring wars, wunderbar anzusehn. Sieh, da saßen Esther und sein Vater in einer dunklen Zimmerecke zusammen und sprachen, er wollte zu ihnen gehn, konnte es aber nicht, und merkte, daß er, an allen Gliedern gelähmt, auf einem Bett lag, sonderbar verkrümmt und verzerrt, die Arme ausgebreitet, das linke Knie hochgezogen, es war qualvoll, sein Vater lachte und scherzte mit Esther, von nebenan tönte Gläserklirren, Stimmengewirr und Lachen, es war auf einem Dampfer, sie fuhren, er hörte das Rauschen der Schaufelräder, nun trat sein Vater zu ihm, Georg beklagte sich heftig, daß man ihn festgebunden hätte, aber sein Vater sagte, ob er denn nicht wüßte, das sei doch Mamas wegen, sie dürfe nicht so viel gehn. Georg murmelte etwas Ärgerliches, und dies hörte er plötzlich, merkte auch seinen Mund, den er bewegte, wie etwas Fremdes und sonderbar groß, und öffnete die Augen. Fern im Dunkel schimmerte die flache grüne Kuppel der Schreibtischlampe, darunter hängend leuchtete tief Esthers Schmetterlingskranz, den sie ihm gearbeitet hatte, auf lichtem, grünem Streifen ein dunkelroter, ein gelber und ein ganz bunter Falter. An seinem Bett standen zwei Gestalten, eine sehr große, sein Vater, und eine kleine, Esther; nein, Virgo wars. Er versuchte zu lächeln und setzte sich auf, fragte: „Bist du schon lange da, Papa? Entschuldige, daß ich dich nicht vorgestellt habe ...“

Sein Vater lachte und beugte sich zu ihm; indem sah Georg und sah auch sein Vater, scheinbar erst jetzt, die mütterliche Rundung von Virgos Leib. Seinen Vater schien das zu verwundern; sie senkte unter seinem Blick langsam die Stirn und sagte unsicher: „Ich bin eine Mutter ...“

Georg rührte das sehr, und es schien ihm natürlich, daß sein Vater auf einmal ihr Gesicht vorsichtig in die Hände nahm und sie auf die Stirn küßte.

Nun war eine sehr lange Zeit alles fort. Plötzlich fuhr Georg empor; sein Vater saß, ein breiter Schatten, im Stuhl, den Rücken am Schreibtisch; es war undeutliche Bewegung im Zimmer, dann stand da ein Mensch, Georg erkannte den Grafen Badenbach, dachte: Ach, richtig, er kommt wegen der Verlobung! — und fühlte fröstelnd die beruhigende Anwesenheit seines Vaters. — Aber wie still es war!

Georg setzte sich mit einem Ruck auf und starrte den Kammerherrn an. Der stand da in seiner Nähe, die Hände zusammengelegt, wie — wie an einer Bahre; sein Gesicht war sehr bleich mit roten Flecken, aber er sah sehr würdig aus.

„Ist sie tot?“ fragte Georg entsetzt.

Der Kammerrat neigte zweimal langsam das Haupt. Georg nahm alle Kraft zusammen und setzte sich grade aufrecht. Sein Kopf wollte schwer nach vorn überhangen, er bezwang sich, dachte: Gott sei Dank! Gott sei Dank! und ein leises Mitleid mischte sich flüchtig in die Erleichterung, die er aber nicht nur für sich, sondern auch für die Tote mit empfinden konnte. Eine hauchende Stimme sagte: Tröstherzeleid ... Er hörte den Grafen sprechen.

„Sie ist erlöst, ihr ist wohl. Aber sie litt unsägliche Qualen zuvor. Die Schuld daran trifft zunächst mich. Ich werde —“

„Und wen außerdem?“ fragte der Herzog mit gedämpfter Stimme.

„Außerdem den Fragenden“, versetzte der Kammerrat ruhig. „Den Eingriff in die zarteste, verletzlichste aller Seelen Ihnen, durchlauchtiger Fürst, zum Vorwurf zu machen, habe ich kein Recht. Die Folge liegt sichtbar vor Augen. Die Sonnenblume dreht sich zur Sonne unabänderlich, so stand ihre Seele zu mir gerichtet, und Sie griffen zu, um sie herumzudrehn. Sie blieb bei der Richtung, die ihr gelehrt, die ihr innerster Sinn und eigentliches Leben war, aber sie litt unsagbar, sie verzehrte sich, sie ward schwach, und eine Ohnmacht verursachte dem armen Hirn die Erschütterung, der sie nun erlag. Die ganze Größe der Schuld ist aber mein.“

Die Worte dröhnten und rauschten stromhaft durch Georgs kranken Kopf, und jeder Satz brannte in lichter Flamme hoch, ehe er einem neuen wich.

„Zu meiner Verteidigung“, fuhr er fort, „habe ich nichts für mich selbst und vor Gott als die Vasallenpflicht, die mir gebot, das Geschlecht meines königlichen Herrn zu erhalten. Nun es erlosch, bin ich frei, diese dumpfe und traurige Welt mit einer stilleren zu vertauschen, wo sich meine sündige Seele unter unablässigen Kasteiungen und inniger Reue ...“

Wenn er noch etwas sagte, so vernahm Georg es doch nicht mehr. Er fühlte, daß irgend jemand zu ihm trat, er wurde aufgehoben, fortgetragen und sehr tief niedergelegt. Dann war dichte Finsternis, in die er verlöschend hineinglitt.

 

Im Finstern wachte Georg auf und fühlte sich schwach, jedoch klar im Kopf. Ganz fern schien ein winziges Lämpchen zu brennen. Er lag wohl in seinem Bett, konnte es jedoch nicht mit Sicherheit feststellen. Er faßte nach seinem Puls, bekam ein glühend heißes Handgelenk von ungeheurer Größe zu fassen und wußte gleich darauf schon nicht mehr, ob er träume oder schlafe. Er hatte Angst, der Kammerrat könnte kommen, und auf einmal wußte er, daß Sigune tot sei. Ja, sie war tot, und er selber konnte sterben. Sterben war schrecklich. Er sah, ohne deutliche Vorstellung, aber er fühlte sich irgendwo unter der Erde liegen, und die ganze Welt ging ihren Gang weiter. Das war das Schreckliche, das war unerträglich. Da war der Platz am Café, Trambahnen fuhren, Menschen eilten hin und her, aus dem Gewühl kam Renate und ging an den Läden hinunter, blickte seitwärts gegen eine Spiegelscheibe und faßte nach ihrem Hut. Er aber lag begraben, und alles dies hörte keinen Augenblick auf, oh, es war entsetzlich! — Da fühlte er, wie das Fieber in ihm schwoll, er wehrte sich, er wollte es nicht, lag, glühendheiß übergossen, und stöhnte schnaufend: O dies entsetzlich Pausenlose! — An dieses schlossen sich deutlich die Worte an: Könnte man doch, könnte man einmal nur, für keinen Tag, für keine Stunde, ach, für Augenblicke nur befreit von diesem Dasein sein! Nichts sein als Aufatmen! Und daß man hinziehn könnte einmal nur, Betrachtung nur und Geist und Seelenfriede! Erleichterung der Brust, Bewußtsein nur des unzerteilten Seins, leicht wie ein sommerliches Rauschen in den Bäumen, wie Blumen leicht, wie Wiesenhalme, die im Winde stehn, jedoch es wissen, wunschlos wissen, reuelos es wissen, — ach, sodann verlöre wohl der Tod den Stachel, mit welchem Ernst, mit welcher Ruhe würden wir von neuem alles Dasein auf uns nehmen, wieviel würden wir geübter, williger und tapferer sein! O dies entsetzlich Pausenlose! Marter, Kette dieser Tage, dieser Stunden, dieser Atemzüge, wo nicht eine, eine Lücke, keine Leere, keine Leere, kein Sichausruhn uns begütigt, Schlaf selbst Unrast nur und Traum und Fieber, nirgend Aufenthalt, kein kleinster Stillstand, Neues immer, Neues immer, hingerissen, fortgeschoben, ohne Ende, — sondern ewig, ewiglich, schon vor uns längst im Gang, und durch uns weiter, weiter dröhnt das pausenlose Pochen der Sekunden ...

Ihm stand der Angstschweiß auf der Stirn. Die Worte fingen von vorn an, wickelten sich wie Stricke umeinander, schallten stets von neuem auf, nicht niederzudrücken, so schnellten sie empor, nicht abzuschneiden, sie wuchsen geradewegs weiter, — er röchelte, sein Hals glühte, er faßte danach und ritzte sich an einer Nadel. Nachfühlend, glaubte er eine Brosche zu fassen, die er unter unsäglicher Mühe aufmachte, dann faßte er das Heiße, das um seinen Hals lag, zerrte daran, es war lang, — ein Strumpf, ein langer Strumpf, — endlich war sein Hals frei, er ließ ihn wonnig die Kühle atmen und fühlte sich erleichtert. Jetzt den Strumpf abtastend, wußte er plötzlich, daß es ein Strumpf von Virgo war. Er lächelte erst, — dann hob er ihn an den Mund, fühlte den weichen Flor, preßte ihn wütend an die Lippen, grub sie und Stirn und Augen in das glühende Kissen, schluchzte herzbrechend auf und stammelte weinend und unaufhörlich: Ich liebe dich doch! ich liebe dich, ich liebe dich! —

Danach kam Dunkel, kam Schlaf, kamen andre Träume.

Neuntes Kapitel: Juli

Legende

Renate bekam an ihrem Geburtstage ein großes Schreiben mit Jasons ganz kleiner, schwarzer und überaus zierlicher Schrift, aus dem ein kleiner Brief und mehrere beschriebene Bogen herausfielen. Der Brief lautete:

Liebe Renate:

Den Menschen Jason bekümmert es, nicht an Deinem diesjährigen Geburtstagsfeste, sich beglückwünschend, erscheinen zu können, also muß er schreiben. Auf der Suche nach einer Gabe erinnerte er sich eines Wunsches von Renate, eine der Geschichten, die er in den Zeiten der Friedliebenden Gesellschaft erzählte — insbesondere eine von ihr nicht gehörte — aufgeschrieben zu bekommen. Dies tut er gerne. Es freute ihn dabei, auch einiges von den Menschenwesen, die sich an der Erzählung gewissermaßen beteiligten — wie Du sehen wirst — mit festhalten zu können: sein Gedächtnis erwies sich noch jugendfrisch und in Anbetracht des guten Zweckes also einmal erfreulich. Einiges ist wohl trotzdem erfunden worden, und es wird dann nicht das Schlechtere sein, sintemal nur in sehr wenig Menschen das nicht zu sein pflegt, was man in ihnen vermutet, auch wenn sie es nicht äußern.

Herzliche Grüße sendet
Jason

Renate, die noch am Frühstückstisch dies gelesen hatte, nahm den Brief zusammen, wollte in ihr Zimmer hinauf, stieg aber versehentlich höher und betrat das Josefs. Dort im Sessel sitzend und die Blätter mit Jasons Geschichte aufschlagend, merkte sie dann freilich gleich, aus welchem Grunde sie hier zu lesen hatte und nirgend anders. Sie las:

Orest und die Eumenide
(eine Legende im Rahmen)

Sie saßen zusammen im Erker des gotischen Fensters, während es Abend wurde, Esther, Magda, der Maler Bogner und Jason, der zuletzt kam. Zuerst war es Esther allein gewesen, die dicht neben der großen, fast bis zur Erde reichenden, grünlichen Glaswand saß, hoch über sich die schöne Wölbung des spitzen Bogens, das kleine, schwarze Chinahaupt, die reine Stirn, die dunkel brennenden Augen unter den runden Brauen über ihre buntfarbene Stickerei gebeugt, in der Faden um Faden unter den hurtigen Schritten der Stiche aufging, während hin und wieder ein Hauch der Sommerabendluft die kleine, lose Haarsträhne über ihrer Stirn aufhob und sanft zauste, hereinwehend aus einem der kleinen Vierecke, die wahllos über die Fläche der Scheibe verteilt, alle offen standen, so daß jedes ein Quadratstück der Landschaft in der Tiefe enthielt, dieses nur Wiesengrün, jenes einen Ausschnitt vom Bahndamm, jenes ein paar Türme der Stadt weit hinten, und dieses die still und geruhig rauchenden Schlote der Zuckerfabrik ganz rechts. Magda, die dann herausgekommen war, hatte sich nach ein paar freundlichen Worten ans Fenster gestellt, groß, schmal und blaß von Antlitz und Haar, hinausblickend durch das Viereck, das sie gerade vor Augen hatte, in dem nur der Abendhimmel war, licht und von jenseit zart golden durchleuchtet, aber sie hatte nun die ganze Abendgegend unter sich, die Weiden, die dunstige Stadt mit Kuppeln und Türmen, das Wehr und den Fluß zur Linken, und dahinter das Blau der Hügelrücken; und so fand sie der Maler. Aber sein immer graues und bartloses Gesicht hatte sich nur eine Minute, während er seine kurze Pfeife stopfte, über Esther und ihre Arbeit geneigt, und er war in seiner sachten Art wieder im schon dämmerigen Hintergrund verschwunden, wo er vor den Bücherregalen saß; daß er nicht hinausgegangen war, merkten sie im Fenster nur an dem süßlichen Geruch des Qualms, der ab und zu vorüber wehte und ins Freie zog. Schließlich erschien dann Jason al Manachs Gestalt, der, in den Sessel Esther gegenüber versinkend, gleich sagte, er wäre im Museum gewesen. Danach machte er eine Pause, aber der Maler schwieg natürlich, Esther hatte gerade ein paar Seidensträhnen von ähnlichem Grün über ein halb gesticktes Blatt gelegt und betrachtete das mit kleinen, prüfenden Grimassen der Brauen und der Zungenspitze und so versuchte die immer Gütige, Magda, ein wenig sich hinüberwendend, ein leises: „Nun, und?“

„Da traf ich den jungen Stupitzka, den Archäologen, und er erklärte mir alles. Die Archäologen sind doch die freundlichsten Menschen“, sagte Jason. Esther blickte ihn schnell an, ein bißchen ungläubig, um nicht zu sagen spöttisch, und was sie meinen mochte, drückte dann Magda aus: es gäbe wohl keine Menschenart, von der er, Jason, nicht, wenn die Rede darauf käme, versicherte, daß sie die freundlichsten seien. „Und nun, — was gab es Besonderes zu sehen?“ —

Jason, zu ihr, die wieder hinausblickte, aufsehend, indem er still für sich die Spuren der langen Krankheit, der Schlaflosigkeit und der Schmerzen auf ihrem in sich vergehenden Gesicht zählte, sagte:

„Etwas Einziges. Den Kopf eines schlafenden Mädchens, das unserer Ulrika ähnlich sah, — wißt ihr, wenn sie anfangen will zu spielen, die Brauen sich heben, steiler scheinen und ein ernster Schatten über ihr zartes Gesicht fällt. — Sie war nun freilich überlebensgroß, graugelb getönter Gips, aber dennoch ...“

Er fuhr fort, eine Abbildung müsse in einer der Mappen auf dem Schrank sein, und gleich ging Magda, bereit, jederzeit einen Auftrag zu hören und ihn auf sich zu beziehn, hinüber und schleppte die Mappen her, legte sie neben Jason auf die Erde, und der hatte bald gefunden.

„Seht ihr, das ist sie!“ sagte er erfreut. (Esther entschloß sich, einen Augenblick aufzuhören mit Sticheln und Fadenabschneiden.) „Sie schläft. Seht ihr hier das Ohr unter den Wellen des Haares, wie einen Eingang in geheimnisvolle Tiefen? Sie schläft, was mag hier eindringen? Es ist recht ernst, dies Profil, — die Brauen ... Wie schön es im Schlaf auf die Seite gesunken ist!“ Er sah zu Magdas und Bogners — der war hinzugetreten — Gesichtern auf, lächelte und fragte: „Was meint ihr, wer ist es?“

„Muß es jemand sein?“ fragte der Maler.

„Ja,“ erwiderte Jason, „diese Griechen machten immer etwas, das etwas war.“

„Also vielleicht die Gorgo“, schlug Bogner vor. — Esther, die den Kopf nur umgekehrt, von oben, gesehen hatte, sagte, wieder zu ihrer Arbeit zurückkehrend, die Gorgo wäre doch wohl wild und häßlich.

„Nun, nun,“ meinte Jason, „du vergißt ja die Rondanische. Denke auch an das schöne Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer. Ja, es könnte die Meduse sein; sie war ein geheimnisvolles Wesen, sie war nicht häßlich, ihr Anblick versteinte, das war ein Fluch, sie konnte nichts dafür; wenn sie schlief, war sie unschuldig, dann könnte sie so ausgesehen haben. Ich will es euch sagen,“ fuhr er fort, „denn ich selber hielt sie für die Gorgo, aber der junge Stupitzka hat mir gesagt, daß es eine Eumenide ist. Sie verfolgten den Orest, der seine Mutter erschlagen hatte, das wißt ihr ja, und als er sich eines Nachts in einen Tempel geflüchtet hatte, wohin ihm die Dämonen nicht folgen durften, lagerten sie sich draußen auf den Stufen und schliefen auch. Dies ist eine von ihnen.“

Es war nun eine Weile still, nachdem die dunkle und melodische Stimme verhallt war. Sie hörten den kleinen Schrei einer Lokomotive fern, und Magda, die wieder an ihrem Ausguck stand, und auch der Maler, der an ihrem Kopf vorüber hinaussah, bemerkten den kleinen Zug, wie er sich über die schnurgerade Linie des Bahndammes bewegte, und die weißen Rauchballen, die über die Weideflächen leicht davonsprangen, sich auflösend in die goldene Luft.

„Das finde ich nun schön,“ sagte Jason leiser: „auch die Erinnye schläft einmal. Was uns verfolgt und quält, einmal läßt es uns ruhen; auch das Quälende bedarf des Schlafs.“

Esther hatte einen lichtblauen Faden zwischen den Zähnen, zog ihn mit beiden Händen langsam hin und her, während sie irgendwohin blickte, in das verschwommene Grün der Wipfel hinter dem Grün des Glases, bis der Faden mit einem kleinen Ruck zerriß, und sie sagte eilfertig, von oben auf die Abbildung herunterblickend, wie ein Schwan auf sein Spiegelbild:

„Das ist — —, wenn ich so deine Worte höre: Auch die Erinnye schläft ... und dies Gesicht dabei sehe, dann steigt etwas daraus auf wie —“ Sie stockte und blickte erst zu Bogner auf, der noch immer betrachtete aus seiner Höhe, dann in Jasons Gesicht. Während ein Lächeln und das Erröten zugleich auf ihren Wangen langsam aufschwebte, war es ihr, als ob er magisch aus ihr herauszöge, was er sagte:

„Wie Legende, nicht wahr? Als gäbe es etwas zu erzählen.“ Da nickte sie zufriedengestellt, als würde er flugs anfangen, und begann einzufädeln.

„Das sagst du so,“ meinte Jason, „daß ich nun erzählen soll. Freilich ist da etwas, aber nun ist es bloß ein Anfang, und alles Übrige fehlt. Nun, vielleicht findet ihr selber es nachher, also setzt euch.“

Er winkte zu Magda und Bogner, und während dieser sich wieder in sein Dunkel zurückzog, setzte sie sich auf die weiche Lehne von Esthers Ledersessel. Jason, aus den vielfarbigen Seidendocken auf dem Tischchen neben Esther eine dunkelrote ergreifend, die er langsam durch die Finger gleiten ließ, fing an.

 

„Am siebenten Abend nach dem Beginn der Verfolgung, nachdem er ohne Unterlaß bei Tage hinter sich die Schritte und das Rauschen der Kleider, das Zischen der Nattern und die halblauten, höhnischen und gehässigen Gespräche der drei Schwestern gehört — er hörte sie nur, sie waren fort, wenn er sich wandte —, bei Nacht aber, wenn er sich wie ein Bündel irgendwo hingeworfen, ihre Dolche in seiner Brust, ihre Vipern um seinen Hals, ihren giftigen Atem über seinem Gesicht gespürt hatte, schlaflos bis zum Morgengraun, wo sie schwanden, — am siebenten Abend taumelte Orest eine Treppe hinauf und brach oben an etwas Kaltem und Steinernem zusammen. Als er nach langer Zeit wieder zu sich kam, gewahrte er, daß er im Eingange eines Tempels lag, eines großen, dämmrigen Raums hinter einer Säulenreihe, der wie eine leere Höhle, wie eine Lichtung in Wäldern von unzählbaren, grauweißen Säulen lag, zwischen denen Gänge erschienen; Säulen, riesige, breite, stumme, bedrohliche, ernste überall, aber in der Mitte der hohen Halle, auf einem schlichten Postament, stand einsam die kleine Statue des Gottes aus dunklem Silber, der ein junger Mann in einer knappen Tunika war. Sein Antlitz war im Dunkel dort nicht mehr zu erkennen, deutlich jedoch die beiden kleinen Vogelflügel an seinen Schläfen. Es war der Gott des Schlafs.

„Orest, Atem schöpfend, sah jetzt nach draußen aus dem breiten Tor, an dessen Pfeiler er lag. Dreimal vier lang hingestreckte und flache Stufen führten hinunter; drunten aber war nichts als die Ebene, die kahl war, baumlos, hügellos, glatt und grau bis zum Rauch des düstern, geröteten Abendhimmels. Aus dem Dunst der traurigen Ferne aber löste sich alsbald eine graue Gestalt, gerötet, wie in Blut getaucht, und schien zu kommen. Sie kam, und hinter ihr ein grauroter Schatten, der ersten gleich, und ein dritter hinter der zweiten. Es waren die Schwestern, die so durch die schweigsame Abendebene heranzogen, die an diesem Nachmittage der Wirbel seiner rasenden Füße hinter sich gelassen hatte, und er stöhnte leise, stand auf, und ihm fiel ein, daß hier eine Zuflucht sei, wie er es wußte aus den Legenden von Übeltätern, die er in seiner Kindheit gehört, — nun war er selber solch einer. Er sah, daß seine Füße blutig waren, und schlich mühselig bis zur Statue des Gottes, sah die blauen Augen aus Edelstein in dem dunklen, freundlichen, kleinen Silbergesicht, legte die Hände zusammen und bewegte die Lippen. Darauf schlürfte er eilig zur Türe zurück, und es gelang ihm mit seiner letzten Kraft, die großen Bronzeflügel einen nach dem andern zu bewegen und zusammenzuschlagen.

„Nun stand er im Finstern, schwankend auf unerträglich brennenden Füßen, todmüde, lechzend, sich irgendwo niederzulegen zwischen den Säulen. Im selben Augenblick jedoch, als er die schon zugefallenen Lider noch einmal öffnete, gewahrte er zu seiner Linken ganz fern einen Lichtschein im Dunkel. Wie es langsam heller wurde, sah er den Lichtkreis eines Lämpchens, den Schatten einer gehenden Gestalt, sah die ersten, dunkel droben aus dem Schatten der Wölbung auftauchenden Häupter der Säulen und sah bei aller Müdigkeit doch, wie schön und feierlich das war, da links und rechts Säulenpaar um Säulenpaar aus der Nacht sichtbar wurde und hervortrat, dunkle Riesen erst, die alsbald rein und leuchtend wurden wie in weißen Gewändern, während schon neue Säulen dunkelten, bereit, hervorzutreten, und auch diese erglühten und strahlten, alle ernsthaft von droben herunterblickend auf die kleine weiße, daherwandelnde Gestalt, die zierliche Silberlampe in der linken, eine Schale von gleichem Metall leise blitzend in der rechten Hand.

„Jetzt, nahe dem letzten Säulenpaar drüben, blieb sie stehn, erhob die Hand mit der Leuchte, blickte zu ihm herüber und fragte — es war ein Mädchen — mit sanfter Stimme: Ist jemand hier? —

„Er machte ein paar Schritte, fast schreiend vor Schmerz, da die Sohlen am Boden klebten, und stieß ein paar rauhe Worte hervor. Das Mädchen zauderte, glitt dann herbei, hielt, da sie kleiner war als er, die Lampe gegen sein Gesicht empor, und er sah, welch mitleidige Augen sie machte. Du suchtest wohl Obdach? — fragte sie freundlich. — Er bemerkte seine aus dem zerrissenen Mantel vorgestreckten Hände, die sie gerade betrachtete, die grau und gelb waren und schrecklich anzusehn, habgierig, und: Was für Hände! sagte sie ergriffen, und dein Gesicht ist auch so! und das schwarze Haar, wie verwirrt und zottig! Du mußt entsetzlich müde sein, und es ist noch so weit zur Stadt, fuhr sie fort, aber hier bist du ja recht im Hause des Schlafs. Ich bin eine Dienerin von ihm, erklärte sie errötend, hier hab ich die Milch für die Schlangen. Es sauste ihm in den Ohren, er hörte nichts und stürzte zu Boden. Gleich kauerte sie neben ihm, setzte das Licht auf den spiegelnden Estrich, riß Streifen von seinem Mantel, löste die Riemen der zerfetzten Sandalen, wusch die Füße nach kurzem Zögern mit der heiligen Milch und verband sie. Schließlich nahm sie den Mantel unter ihm fort, rollte ihn zusammen und schob ihn unter seinen Nacken.

„Er richtete sich nun auf, starrte mit blöden Augen in das Licht, lachte ein wenig und fing an, sie zu sehn. Weißt du, wer ich bin? — fragte er plötzlich. — Nun, gleich, sagte sie, wenn ich dir nur helfen kann; du bist ein Armer jedenfalls, sagte sie. Er mußte in ihr ernstes, ruhiges Gesicht blicken, bemerkte, daß die Augen schön braun waren und auch das Haar, wollte sich wieder legen und hörte im gleichen Augenblick draußen Geräusch von Füßen und Stimmengewirr. Er sprang auf.

„Auch sie war aufgestanden und sah erschreckt, wie er dastand, gespannten Nackens, wütend, mit geballten Fäusten, wartend, lauschend mit Augen, Ohren, mit dem ganzen Leib. Dumpfe Schläge fielen gegen das Erz des Tors, er keuchte, Blut stieg ins Weiße seiner Augen, das Mädchen wich langsam, an seine Augen gefesselt, gegen die Tür zurück mit von sich gestreckten Armen und wiederholte mehrmals, angstvoll und eifrig versichernd: Niemand kommt herein! Niemand kommt herein! — Ist das gewiß? schrie er laut. Wie willst du’s denn wissen? Weißt du denn, wer ich bin? Ich bin Orest! Weißt du, wer die draußen sind? Weißt du, was sie halten, sahst du ihre Dolche, ihre Fackeln, ihre Vipern? — Er brüllte. Herein! Kommt doch herein, ihr, wenn ihr könnt! Hört doch, ich bin drin! Ich, Orest, ich, der seine Mutter erschlug, ich! — Draußen erscholl Geschrei, die ehernen Flügel zitterten und bewegten sich, es krachte im Gebälk. Vor der im Lichtschein glühenden Erzwand stand das Mädchen, bleich, hinter sich ihren Schatten hochaufgereckt bis ins Dunkel, da die Lampe noch dicht neben den Füßen des Flüchtlings auf den Fließen stand. Auf einmal kam er mit stampfenden Schritten gegen die Tür vor, knirschend: Geh! sie sollen herein! ich bin das satt! ich will sie jetzt packen, ich will hier mit ihnen die Treppe hinunterkollern wie ein Knäuel von Panthern und Schlangen! — Das Mädchen packte seine Hände und rang mit ihm, er schleuderte sie weg, doch sie kam wieder, warf sich an ihn, umschlang ihn, sie keuchten, schließlich erlahmte der Mann und fiel langsam zusammen, während sie mit fliegenden Gliedern zur Tür zurückjagte, sich gegen die Fuge in der Mitte preßte, schlank wie ein Baum, als wollte sie hinein, sie zu verstopfen. So glitt sie langsam auch zu Boden und hockte dort, großäugig.

„Nur die Stöße seines Atems waren hörbar, auch draußen war es still. Ruhig stieg die vorher hin und her gescheuchte Flamme der silbernen Leuchte. Plötzlich aber sank sie in sich zusammen, wie auf Befehl, zu einem roten, glimmenden Funken, und während ein unendlich leises Flügelrauschen durch die Finsternis hinzuschweben schien, sank von hoch oben eine ernste, klare, langmütige Stimme hernieder und verhallte in alle Fernen des Hauses: