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Helianth. Band 3 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene cover

Helianth. Band 3 / Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Chapter 76: Georg an Bogner
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About This Book

This volume presents poetic episodes tracing the lives of two contemporary individuals in the North German lowlands, alternating intimate human scenes with luminous natural and cosmic description. A chapter places a man on an observatory roof watching an animate, tumultuous firmament whose rich astronomical imagery treats stars as living hosts and marching hosts, stirring awe, fear, and eventual calm. The prose dwells on human smallness before vastness, on silent knowledge imparted by the heavens, and on the consoling sense of communion with an inscrutable order, blending inward psychological detail with expansive lyrical observation.

es kehret umsonst nicht

Unser Bogner, von wo er kam.)

Heute vormittag endlich, als ich eben an meinem Schreibbüro mit den täglichen Unterzeichnungen beschäftigt war, der Hauptmann und der Ordonnanzoffizier mir dabei mit Zureichen und Abnehmen der Blätter zur Hand gingen, überhörte ich das Eintreten jemandes, bis ein leiser weiblicher Aufschrei mich veranlaßte, mich umzuwenden. Von den drei, durch die kleinen Fensterscharten einfallenden und sich kreuzenden Lichtkeilen geblendet, sah ich zuerst am Tisch in der Zimmermitte Cornelia lautlos hereingekommen und mit dem Zusammenstellen des Frühstücksgeschirrs beschäftigt, dann die Gesichter der Herren und das ihre absonderlich verzerrt im Blick nach der Tür, und dort sah ich nun Bogner, der seinen Pappdeckel in der Höhe seines Kopfes hielt und uns zeigte. Anfänglich schien mir nichts darauf wahrzunehmen, als wenige und verwirrte, rötliche Linien ohne Sinn und Zusammenhang. Aber jählings schossen sie zusammen, schlossen sich, wurden Züge, umrahmendes Haar, halb geschlossene Augen, und ich sah die Meduse.

Tot, tot, tot, nichts als tot. Alles gebrochen und entstellt. Die Lippen halb geöffnet wie die Augen mitten in der Not des Lebens und Sterbens stehen geblieben, oder gleichgültig stehen gelassen von ihm, der die Seele noch lebend heraus und in Fetzen riß. Es war zu sehn, daß er das tat. Hier war alles zerstört. Hier war nichts mehr; nur Tod.

Bogner selber, scheinbar erst aufmerksam durch unser Schaudern, blickte hin und entsetzte sich. Er legte es auf den Tisch und sah uns ratlos an. Und wir starrten darauf und sahen, daß da nichts war. Ein paar verwirrte rote Linien auf ödem Braun.

Ich sah Gestorbne schon früher. Damals war es anders als hier, weniger deutlich und minder wild, und es war doch das gleiche. Nichts. Ich habe mich überzeugen wollen und Ulrika selber gesehn. Es war nur grauenvoller das gleiche. Ihr Gesicht war gelb in dem roten Haar, die Lippen bläulich, halb nur zu wie die Augen, hinter deren Lidern etwas bläulich Weißes schimmerte. Es war entseelt.

Er hat mich nicht versteinert, der Anblick der Meduse, nein. Er löschte in mir nur das Licht. Es läßt sich sehr einfach ausdrücken. Ich hatte bisher nicht geglaubt, daß mein Vater gestorben sei. Ich nahm an, er lebte in einer andern, höheren Form, und nahm an, daß sie die selbe sei, in der er mir erschien. Nun weiß ich, daß die Toten keine andre Gestalt haben als die, in der sie uns erscheinen. Das ist die Form der toten Ulrika. Mein Vater ist tot. Was von ihm noch lebendig ist, ist in mir. Es sollte golden sein; aber es ist Gift. Denn es ist nichts als Schuld.

Dies versuche mir zu glauben, ohne daß ich es erkläre.

Ich bin ruhig, seit ich dies weiß. Ich habe die Hoffnung, daß in Bälde alles zu der nötigen Ordnung kommen wird, und Du wirst dann von mir hören.

Ich schließe. Bogner wird mich morgen verlassen, und Du wirst ihn wohl über kurz oder lang selber sehn, wie er den gefesselten Riesen losmacht und zur Arbeit geißelt. Ihm ist das Tor, durch das die Tote hinausging, was es dem wahrhaft Lebenden sein soll: ein Eingang.

Ich bleibe allein zurück mit dem Hauptmann, da ein Zufall will, daß auch Cornelia geht, wenn auch unbestimmt ist, wie lange sie ausbleiben wird. Sie empfing einen Brief von der Schwester eines Mannes, mit dem sie vor Jahren einmal verlobt gewesen ist, eines kränklichen, schwer hysterischen Menschen, von dem sie sich trennen mußte. Nun soll ihm eine schwierige Operation bevorstehn, vor der er sich fürchtet ohne sie. Sie reist nach Zürich, wird aber auf der Durchfahrt durch A. bei Dir vorsprechen.

Lebe wohl! In Liebe brüderlich Dein

Georg

Georg an Bogner

Hier, am letzten Tage des Jahres.

Du bist fort. Ich kann hier nichts mehr halten, und mit Dir verließ mich auch Dein Geist. Doch ich weiß nun, wer Du bist. Als Du diese Erde betratest, gaben die Götter Dir den Namen und sagten: Benvenuto! das ist: Sei uns willkommen!

Du bist aber Herakles.

Derselbe Halbgott kämpfte mit den gewaltigen Tieren der Fabel und bezwang sich in der Knechtschaft. Zuletzt legte er das brennende Kleid an, und es ‚ging in Lüfte der Geist ihm auf‘; er betrat den Raum seiner Unsterblichkeit.

Der alle Schrecken des Lebens in sich selbst überwindende Mensch: das ist der Heros, der die Unsterblichkeit davonträgt.

Vielleicht nicht: Heroen zu werden, aber — heroisch zu sein in allen wahrhaften Augenblicken des Lebens, das ist unsre Aufgabe. Es ist die Aufgabe, die ich sieben Mal verriet.

Mein Heros, lebe wohl!

Georg