WeRead Powered by ReaderPub
Hermann Lauscher cover

Hermann Lauscher

Chapter 15: VIII.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A compact volume of early, often confessional pieces combining editorial prefaces, autobiographical sketches, short narratives, diary entries and poems produced in the author's youth. The sequence moves from memories of childhood and a remembered November night to lyrical stories such as Lulu, nocturnal meditations, a turn‑of‑the‑century journal and concluding poems. Recurring concerns are self‑examination, aesthetic sensitivity, longing and melancholic reflection; the tone shifts between intimate confession and experimental lyricism, revealing uneven but revealing traces of formative emotional and stylistic impulses.

Ich weiß einen alten Reigen,

Ein helles Silberlied,

Das lautet fremd und eigen,

Wie wenn aus leisen Geigen

Ein Heimwehzauber lockend zieht . . .

Hamelt lenkte die Aufmerksamkeit der beiden andern ganz von der Fortsetzung des Liedes ab. „Prinzessin Lilia . . . Silberlied . . . Der alte Reigen . . .“ wiederholte er immer wieder, schüttelte den Kopf, rieb sich die Stirn, stierte leer in die Luft und heftete sodann den Blick glühend und heftig auf den Dichter. Lauscher war mit dem Lesen zu Ende und begegnete aufschauend diesem Blicke.

„Was ist?“ rief er verwundert. „Willst du den Blick der Klapperschlange an mir armem Vogel versuchen?“

Hamelt erwachte wie aus einem tiefen Traum. „Woher hast du dieses Lied?“ fragte er tonlos den Dichter. Lauscher zuckte die Achseln. „Woher ich alle habe,“ sagte er.

„Und die Prinzessin Lilia?“ fragte Hamelt wieder. „Und der alte Reigen? Siehst du denn nicht, daß dieses Lied das einzige echte ist, das du gedichtet hast? Alle deine andern Gedichte . . .“ Lauscher unterbrach ihn schnell.

„Schon gut; aber in der Tat,“ fuhr er fort, „in der Tat, liebe Freunde, ist dieses Lied mir selber ein Rätsel. Ich saß und dachte nichts und glaubte nur, nach meiner Gewohnheit, aus Langeweile Figuren und Zierbuchstaben auf das Blatt zu kritzeln, und als ich aufhörte, stand das Lied auf dem Papier. Es ist eine ganz andere Hand, als ich sonst schreibe, sehet nur!“

Damit gab er das Blatt dem zunächst sitzenden Erich in die Hände. Der hielt es vors Auge, erstaunte höchlich, sah noch einmal schärfer hin und sank alsdann mit dem lauten Ausruf: „Lulu!“ in den Stuhl zurück. Ugel und Hamelt stürzten hinzu und schauten auf das Papier. „Alle Wetter!“ rief Ugel aus; Hamelt aber hatte sich ins Kanapee zurückgelehnt und betrachtete das merkwürdige Blatt mit allen Zeichen des maßlosesten Erstaunens. Höchste Freude und unheimliche Befremdung wechselten auf seinem Gesicht.

„Nun sag mir, Lauscher,“ rief er endlich aus, „ist dies unsere Lulu oder ist es die Prinzessin Lilia?“

„Unsinn!“ rief ärgerlich der Dichter. „Gib mir’s her!“

Aber während er das Papier an sich nahm und noch einmal überblickte, machte plötzlich ein fremdes, kühles Schaudern seinen Herzschlag stocken. Die unregelmäßigen flüchtigen Schriftzeichen flossen in unbeschreiblicher Weise zu dem Umriß eines Kopfes zusammen, und beim längern Betrachten entwickelten sich aus dem Umrisse feine Züge eines Mädchenangesichts, die niemand anders als die schöne fremde Lulu darstellten.

Erich saß wie versteinert im Sessel, Karl lag murmelnd auf dem Kanapee neben dem kopfschüttelnden Ludwig Ugel. Der Dichter stand bleich und verloren mitten im Zimmer. Da klopfte ihm eine Hand auf die Schulter, und als er aufschreckend sich umwendete, stand der Philosoph Drehdichum da und grüßte mit dem schäbigen steifen Hute.

„Drehdichum!“ rief der Dichter erstaunt. „Zum Hagel, sind Sie durch den Plafond herabgefallen?“

„Wieso?“ entgegnete lächelnd der Alte.

„Wieso, lieber Herr Lauscher? Ich hatte zweimal angeklopft. Aber lassen Sie sehen, Sie haben ja hier ein prachtvolles Manuskript!“ Er nahm das Lied oder vielmehr das Bild sorgfältig aus Lauschers Händen. „Sie erlauben doch, daß ich das Blatt betrachte? Seit wann sammeln Sie solche Raritäten?“

„Raritäten? Sammeln? Werden Sie denn aus dem Wische klug, Herr Drehdichum?“ Der Alte betrachtete und betastete das Papier mit großem Behagen.

„Ei freilich,“ erwiderte er schmunzelnd, „ein schönes Stück eines wenn schon verdorbenen und späten Textes! Es ist askisch.“

„Askisch?“ rief Karl Hamelt.

„Nun ja, Herr Kandidat,“ sagte freundlich der Philosoph. „Aber gestehen Sie doch, bester Herr Lauscher, wo Sie den seltenen Fund gemacht haben! Es möchte weitere Nachforschungen lohnen.“

„Sie fabeln, Herr Drehdichum,“ lachte beklommen der Dichter. „Dieses Blatt ist nagelneu, ich selbst habe es gestern nacht geschrieben.“

Der Philosoph maß Lauschern mit einem argwöhnischen Blick.

„Ich muß gestehen,“ antwortete er, „ich muß wirklich gestehen, mein lieber junger Herr, daß diese Späße mich einigermaßen befremden.“

Lauscher wurde nun aber ernstlich ungehalten.

„Herr Drehdichum,“ rief er heftig, „ich muß Sie bitten, mich nicht mit einem Hanswurste zu verwechseln und sich, falls Sie selbst, wie es scheint, diese heitere Rolle agieren wollen, gefälligst einen andern Schauplatz als meine Wohnung zu suchen.“

„Nun, nun,“ lächelte gutmütig Drehdichum, „vielleicht denken Sie der Sache noch einmal nach! Indessen leben Sie allerseits wohl, meine Herren!“ Damit rückte er den grünlich schillernden Hut auf dem weißen Kopfe zurecht und verließ lautlos das Zimmer.

Unten fand Drehdichum die schöne Lulu allein im leeren Wirtszimmer stehen und Weingläser mit einem Tuch ausreiben. Er schenkte sich seinen Becher selber am Fasse voll und setzte sich dem Mädchen gegenüber an den Tisch. Ohne etwas zu reden, blickte er zuweilen freundlich aus seinen alten hellen Augen der Schönen ins Gesicht, und sie, da sie sein Wohlwollen spürte, fuhr unbefangen in ihrer Arbeit fort. Der Philosoph ergriff ein leeres geschliffenes Glas, füllte ein wenig Wasser hinein und begann den Rand, den er befeuchtet hatte, mit der Spitze des Zeigefingers zu reiben. Bald kam ein Summen hervor, und dann ein klarer Ton, der ohne Unterbruch bald schwellend, bald schwindend die Stube erfüllte. Die schöne Lulu hörte das feine Singen gern, sie ließ die Hände ruhen und lauschte und ward von dem ewigen süßen Kristalltone ganz bezaubert, indes der Alte manchmal vom Glase weg ihr freundschaftlich und eindringend in die Augen blickte. Das ganze Zimmer klang von dem Singen des Glases. Lulu stand ruhig damitten und dachte nichts und hatte die Augen groß wie ein horchendes Kind.

„Lebt noch der alte König Ohneleid?“ vernahm sie eine Stimme fragen und wußte nicht, war es der Alte, der fragte, oder kam die Stimme aus dem Ton des Glases. Auf die Frage aber mußte sie durch ein Nicken antworten, sie wußte nicht warum.

„Und weißt du noch das Lied der Harfe Silberlied?“

Sie mußte nicken und wußte nicht warum. Leiser tönte der Kristallklang. Die Stimme fragte:

„Wo sind die Saiten der Harfe Silberlied?“

Der Ton klang immer leiser und schwang in kleinen zarten Wellen aus. Da mußte die schöne Lulu weinen, sie wußte nicht warum.

Es war ganz still im Zimmer geworden, und so blieb es eine gute Weile.

„Warum weinen Sie, Lulu?“ fragte Drehdichum.

„Ach, hab ich geweint?“ antwortete sie schüchtern. „Mir wollte ein Lied aus meiner Kinderzeit einfallen; aber ich kann mich nur halb darauf besinnen.“

Hastig ward die Tür aufgerissen, und die Frau Müller kam hereingerannt. „Was, noch immer an den paar Gläsern?“ rief sie keifend. Lulu weinte wieder, die Wirtin rumorte und schimpfte; beide bemerkten es nicht, wie der Philosoph aus seiner kurzen Pfeife einen großen Rauchringel blies, sich darein setzte und leise auf einem sanften Zugwind durch das offene Fenster fuhr.

IV.

Die Mitglieder des petit cénacle waren im nahen Walde versammelt. Auch der Regierungsreferendar Oskar Ripplein war mitgekommen. Die schwärmerischen Gespräche der Jugend und Freundschaft entspannen sich zwischen den im Grase liegenden Kameraden, durch Gelächter ebenso oft wie durch Pausen des Nachdenkens unterbrochen. Besonders war von des Dichters Meinungen und Absichten die Rede, denn dieser wollte nächster Tage eine weite Reise antreten, und man wußte nicht, wann und wie man sich wiedersehen würde.

„Ich will ins Ausland,“ sagte Hermann Lauscher, „ich muß mich absondern und wieder frische Luft um mich her bekommen. Vielleicht werde ich gerne einmal zurückkehren; für jetzt aber bin ich dieses engen, burschenhaften Lebens und der ganzen leidigen Studenterei von Herzen satt. Mir ist, als röche mir alles nach Tabak und Bier; außerdem hab ich in diesen letzten Jahren schon fast mehr Wissenschaft aufgesogen als für einen Künstler gut ist.“

„Wie meinst du das?“ fiel Oskar ein. „Ich denke, bildungslose Künstler, speziell Dichter, hätten wir genug.“

„Vielleicht!“ antwortete Lauscher. „Aber Bildung und Wissenschaft ist zweierlei. Das Gefährliche, was ich im Sinne hatte, ist die verdammte Bewußtheit, in die man sich allmählich hineinstudiert. Alles muß durch den Kopf gehen, alles will man begreifen und messen können. Man probiert, man mißt sich selber, sucht nach den Grenzen seiner Begabung, experimentiert mit sich, und schließlich sieht man zu spät, daß man den bessern Teil seiner selbst und seiner Kunst in den verspotteten unbewußten Regungen der früheren Jugend zurückgelassen hat. Nun streckt man die Arme nach den versunkenen Inseln der Unschuld aus; aber man tut auch das nicht mehr mit der ganzen unüberlegten Bewegung eines starken Schmerzes, sondern es ist schon wieder ein Stück Bewußtheit, Pose, Absichtlichkeit darin.“

„An was denkst du dabei?“ fragte hier lächelnd Karl Hamelt.

„Du weißt es schon!“ rief Hermann. „Ja, ich gestehe, mein kürzlich gedrucktes Buch beängstigt mich. Ich muß wieder aus dem Vollen schöpfen lernen, an die Quellen zurückgehen. Mich verlangt nicht so sehr etwas Neues zu dichten, als ein tüchtiges Stück frisch und ungebrochen zu leben. Ich möchte wieder wie in meiner Knabenzeit an Bächen liegen, über Berge steigen oder wie sonst die Geige spielen, den Mädchen nachlaufen, ins Blaue hineinleben und warten, bis die Verse zu mir kommen, statt ihnen atemlos und ängstlich nachjagen.“

„Sie haben recht,“ klang plötzlich die Stimme Drehdichums, der aus dem Walde hervortrat und mitten zwischen den ins Gras gelagerten Jünglingen stehen blieb.

„Drehdichum!“ riefen alle fröhlich aus. „Guten Tag, Herr Philosoph! Guten Morgen, Herr Überall!“

Der Alte setzte sich nieder, sog seine Zigarre kräftig an und wendete sein wohlmeinendes, freundliches Gesicht dem Dichter Lauscher zu.

„Es ist“, begann er lächelnd, „noch ein Stück Jugend in mir, das sich gerne wieder einmal unter seinesgleichen ausplaudert. Wenn Sie erlauben, nehme ich an Ihrer Unterhaltung teil.“

„Gerne,“ sagte Karl Hamelt. „Unser Freund Lauscher sprach eben davon, wie ein Dichter aus dem Unbewußten schöpfen müsse und wie wenig ihm mit aller Wissenschaft gedient sei.“

„Nicht übel!“ entgegnete langsam der Alte. „Ich habe immer zu den Dichtern eine besondere Neigung gehabt und manchen gekannt, dem meine Freundschaft nicht ohne Nutzen blieb. Die Dichter neigen auch heute noch mehr als andere Menschen zu dem Glauben, daß im Schoß des Lebens gewisse ewige Mächte und Schönheiten halbschlummernd liegen, deren Ahnung durch die rätselhafte Gegenwart zuweilen hindurchschimmert wie ein Wetterleuchten durch die Nacht. Dann ist ihnen, als seien das ganze gewöhnliche Leben und sie selber nur Bilder auf einem gemalten hübschen Vorhang und erst hinter diesem Vorhang spiele das eigentliche, das wahre Leben sich ab. Auch scheinen mir die höchsten, ewigsten Worte der großen Dichter wie das Lallen eines Träumenden zu sein, der, ohne es zu wissen, von den flüchtig erblickten Höhen einer jenseitigen Welt mit schweren Lippen murmelt.“

„Sehr schön,“ rief hier Oskar Ripplein, „sehr hübsch gesagt, Herr Drehdichum, aber weder alt noch neu genug. Diese schwärmerische Lehre ist vor hundert Jahren von den sogenannten Romantikern gepredigt worden: man träumte damals auch solche Vorgänge und solches Wetterleuchten. Man hört in den Schulen noch davon reden als von einer glücklich überwundenen Dichterkrankheit, und heute träumt längst kein Mensch mehr so, oder wenn er träumt, so weiß er doch, daß das Gehirn . . .“

„Satis!“ rief da der Kandidat Hamelt. „Vor hundert und mehr Jahren sind auch schon solche . . . solche Gehirnmenschen dagewesen und haben langweilige Reden gehalten. Und heute nehmen sich jene Träumer und Phantasten immer noch stattlicher und liebenswürdiger aus als diese allzuverständigen Schlaumeier. Übrigens was das Träumen betrifft, auch mir hat es dieser Tage merkwürdig geträumt.“

„Erzählen Sie doch!“ bat der Alte.

„Ein ander Mal!“

„Sie wollen nicht? Aber vielleicht können wirs erraten,“ meinte Drehdichum. Karl Hamelt lachte laut auf.

„Nun, wir versuchens!“ beharrte Drehdichum. „Jeder stellt eine Frage, auf welche Sie ehrlich mit Ja oder Nein antworten. Erraten wirs nicht, so wars doch ein lustiger Zeitvertreib!“

Alle erklärten sich einverstanden und begannen nun kreuz und quer zu fragen. Die besten Fragen stellte aber immer der Philosoph. Als wieder die Reihe an ihn kam, fragte er nach einigem Besinnen: „Kam in dem Traume Wasser vor?“

„Ja.“

Nun durfte, weil die Frage bejaht war, der Alte noch eine stellen.

„Quellwasser?“

„Ja.“

„Wasser aus einer Wunderquelle?“

„Ja.“

„Wurde das Wasser ausgeschöpft?“

„Ja.“

„Von einem Mädchen?“

„Ja.“

„Nein!“ rief Drehdichum. „Besinnen Sie sich!“

„Ja doch!“

„Also von einem Mädchen wurde das Wasser geschöpft?“

„Ja.“

Drehdichum schüttelte heftig den Kopf. „Unmöglich!“ sagte er wieder. „Hat wirklich das Mädchen selber aus der Quelle geschöpft?“

„Ach nein!“ rief Karl verwirrt. „Es war der Geist Haderbart, der zuerst schöpfte.“

„Ah, nun haben wirs!“ frohlockten die andern. Und nun mußte Karl die ganze Geschichte seines Traumes von der Quelle Lask erzählen.

Alle hörten verwundert und seltsam ergriffen zu.

„Prinzessin Lilia!“ rief Lauscher aus. „Und Silberlied? Woher sind mir doch die Namen so bekannt?“

„Ei,“ sagte der Alte, „die Namen stehen beide in der askischen Handschrift, die Sie mir gestern zeigten.“

„In meinem Liede!“ seufzte der Dichter.

„In dem Bilde der schönen Lulu,“ flüsterten Karl und Erich.

Der Philosoph hatte inzwischen eine neue Zigarre angesteckt und qualmte mächtig ins Grüne hinein, bis er ganz in eine blaue Wolke von Tabaksrauch eingehüllt war.

„Sie rauchen ja wie ein Schornstein,“ sagte Oskar Ripplein und wich der Wolke aus. „Und was für ein Kraut!“

„Echte Mexikaner!“ rief aus seiner Wolke heraus der Alte. Dann hörte er auf zu qualmen, und als nun ein Windzug die ganze stark riechende Wolke von hinnen führte, war er mit ihr verschwunden.

Karl und Hermann rannten hinter der zerstiebenden Rauchwolke her in den Wald hinein. „Dummes Zeug!“ brummte der Referendar Oskar und hatte das unangenehme Gefühl, in zweideutiger Gesellschaft gewesen zu sein. Erich und Ludwig hatten sich schon fortgemacht und wandelten im Golde des klaren Spätnachmittags der Stadt und dem Gasthaus zur Krone entgegen.

Karl und Hermann ereilten die letzten zerflatternden Schleier der Tabakswolke im tiefen Walde und standen ratlos vor einer dicken Buche still. Sie wollten sich eben ins Moos niedersetzen, um wieder zu Atem zu kommen, als hinter dem Baume die Stimme Drehdichums laut wurde.

„Nicht dort, ihr Herren, dort ist es ja feucht! Kommen Sie doch auf diese Seite!“

Sie kamen und fanden den Alten auf einem großen verdorrten Aste sitzen, der wie ein unförmlicher Drache am Boden lag.

„Gut, daß Sie kommen!“ sagte er. „Nehmen Sie doch bitte hier neben mir Platz! Ihr Traum, Herr Hamelt, und Ihr Manuskript, Herr Lauscher, interessieren mich.“

„Zuerst,“ fiel ihm Hamelt ungestüm ins Wort, „zuerst sagen Sie mir doch um des Himmels willen, wie Sie meinen Traum erraten konnten.“

„Und mein Papier lesen!“ fügte Lauscher hinzu.

„Ei nun,“ sagte der Alte, „was ist da zu wundern? Man kann alles erraten, wenn man vorsichtig fragt. Zudem liegt mir die Geschichte der Prinzessin Lilia so nahe, daß ich leicht darauf fallen mußte.“

„Eben das ist es ja!“ rief wieder der Kandidat. „Woher wissen Sie denn diese Geschichte und wie erklären Sie es, daß mein Traum, von dem ich doch niemandem ein Wort gesagt hatte, plötzlich in dem rätselhaften Liede unseres Lauscher so auffallend anklingt?“

Der Philosoph lächelte und sagte mit seiner milden Stimme: „Wenn man sich mit der Geschichte der Seele und ihrer Erlösung viel beschäftigt hat, kennt man ähnliche Fälle ohne Zahl. Es gibt von der Geschichte der Prinzessin Lilia mehrere, stark variierende Fassungen; sie spukt vielfach entstellt und verändert durch alle Zeiten und liebt namentlich die bequeme Erscheinungsform der Vision. Nur selten zeigt sich die Prinzessin selbst, deren Vollendungsprozeß übrigens in den letzten Stadien der Läuterung stehen muß —, nur selten, sage ich, erscheint sie sichtbar in menschlicher Gestalt und wartet unbewußt auf den Augenblick ihrer Erlösung. Ich selbst sah sie kürzlich und versuchte mit ihr zu reden. Sie war aber wie im Traum, und als ich es wagte, sie nach den Saiten der Harfe Silberlied zu fragen, brach sie in Tränen aus.“

Die jungen Leute hörten dem Philosophen mit aufgerissenen Augen zu. Ahnungen und Anklänge stiegen in ihnen auf; aber die wunderlich krausen Redensarten und halb ironischen Grimassen Drehdichums verwirrten ihnen die Fäden unlöslich zu peinlichen Knäueln.

„Sie, Herr Lauscher,“ fuhr jener fort, „sind Ästhetiker und müssen wissen, wie lockend und gefährlich es ist, die schmale, aber tiefe Kluft zwischen Güte und Schönheit zu überbrücken. Wir zweifeln ja nicht, daß diese Kluft keine absolute Trennung, sondern nur die Spaltung eines einheitlichen Wesens bedeutet und daß beide, Güte sowie Schönheit, nicht Prinzipien, sondern Töchter des Prinzips Wahrheit sind. Daß die beiden scheinbar einander fremden, ja feindseligen Gipfel tief im Schoß der Erde eins und gemeinsam sind. Aber was hilft uns die Erkenntnis, wenn wir auf einem der Gipfel stehen und den klaffenden Spalt stündlich vor Augen haben? Das Überbrücken dieses Abgrundes aber und die Erlösung der Prinzessin Lilia bedeutet ein und dasselbe. Sie ist die blaue Blume, deren Anblick der Seele die Schwere und deren Duft dem Geist die spröde Härte nimmt; sie ist das Kind, das Königreiche verteilt, die Blüte der vereinten Sehnsucht aller großen Seelen. Am Tag ihrer Reife und Erlösung wird die Harfe Silberlied erklingen und die Quelle Lask durch den neuerblühten Liliengarten rauschen, und wer es sieht und vernimmt, dem wird sein, als wäre er sein Leben lang im Alpdruck gelegen und hörte nun zum ersten Male das frische Brausen des hellen Morgens . . . Aber noch schmachtet die Prinzessin im Bann der Hexe Zischelgift, noch hallt der Donner jener unheilvollen Stunde im verschütteten Opalschlosse wider, noch liegt dort in bleiernen Traumfesseln mein König im zertrümmerten Saal!“

V.

Als die beiden Freunde eine Stunde später aus dem Walde hervorkamen, sahen sie Ludwig Ugel, Erich Tänzer und den Regierungsreferendar mit einer hellgekleideten Dame vom Dreikönigskeller her den Berg hinaufspazieren. Bald erkannten sie mit Freuden die schlanke Lulu und eilten den Ankommenden aufs schnellste entgegen. Sie war heiter und plauderte mit ihrer weichen Liebesstimme harmlos in das Gespräch hinein. Alle setzten sich in halber Höhe des Berges auf eine geräumige Ruhebank. Die helle Stadt lag blank und fröhlich im Tale, und ringsum glänzte der goldene Duft des Abends auf den hohen Wiesen. Die träumerische Fülle des August war herrlich ausgebreitet, aus dem Laub der Bäume quoll schon das grüne Obst, Erntewagen fuhren auf der Talstraße bekränzt und leuchtend gegen die Dörfer und Gehöfte.

„Ich weiß nicht,“ sagte Ludwig Ugel, „was diese Abende im August so schön macht. Man wird nicht fröhlich davon, man legt sich ins hohe Gras und nimmt teil an der Milde und Zärtlichkeit der goldenen Stunde.“

„Ja,“ sagte der Dichter und blickte der schönen Lulu in die dunkeln reinen Augen. „Es ist die Neige der Jahreszeit, die so mild und traurig macht. Die ganze reife Süßigkeit des Sommers quillt in diesen Tagen weich und müde über, und man weiß, daß morgen oder übermorgen irgendwo schon rote Blätter auf den Wegen liegen werden. Es sind die Stunden, da man schweigend das Rad der Zeit sich langsam drehen sieht, und man fühlt sich selber langsam und traurig mitgetrieben, irgendwohin, wo schon die roten Blätter auf dem Wege liegen.“

Alle schwiegen und lauschten in den goldenen Späthimmel und in die farbige Landschaft hinein. Leise begann die schöne Lulu eine Melodie zu summen, und allmählich ging das halbe Flüstern in ein zartes Singen über. Die Jünglinge lauschten und schwiegen wie berauscht; die weichen süßen Töne der edeln Stimme schienen aus der Tiefe des seligen Abends heraufzukommen wie Träume aus der Brust der einschlummernden Erde.

Aller Friede senkt sich nieder

Aus des Himmels klaren Weiten,

Alles Freuen, alles Leiden

Stirbt den süßen Tod der Lieder.

Mit diesem Verse war ihr Abendlied zu Ende. Sogleich begann Ludwig Ugel, der sich zu Füßen der andern ins Gras gelegt hatte, zu singen:

O Brünnlein unterm Laube, du feiner Silberquell,

Fließe verstohlen hinunter zur weißen Waldkapell!

Dort liegt auf harten Stufen im Moos Marienfrau,

Du sollst sie stille rufen, mit Murmeln und nicht rauh.

Und sollst ihr leise künden von meiner tiefen Not:

Mein Mund sei, ach, von Sünden und lauter Liedern rot.

Und sollst ihr von mir geben eine Lilie, weiß und rein:

Sie möge mein rotes Leben und meine Sünden verzeihn!

Vielleicht, daß ihre Güte sich lächelnd zu dir neigt,

Der holden weißen Blüte ein süßer Duft entsteigt:

Weil Lieb- und Sonnetrinken des Sängers Sünde ist,

So sei der rote Liedermund in Hulden rein geküßt!

*                    *
*

Darauf sang auch Hermann Lauscher eines von seinen Liedern:

Der müde Sommer senkt das Haupt

Und schaut sein falbes Bild im See;

Ich wandle müde und bestaubt

Im Schatten der Allee.

Ich wandle müde und bestaubt,

Und hinter mir bleibt zögernd stehn

Die Jugend, neigt das schöne Haupt

Und will nicht fürder mit mir gehn.

*                    *
*

Mittlerweile war die Sonne untergegangen, der Himmel floß in rotem Lichte. Der vorsichtige Referendar Ripplein wollte eben schon zur Heimkehr mahnen, da begann die schöne Lulu noch einmal zu singen:

Mein Vater hat viel Schlösser

Und Städte weit und breit,

Mein Vater ist der König,

Der König Ohneleid.

Und käm ein schöner Ritter

Und wollte mich befrein,

Dem würde wohl mein Vater

Sein halbes Reich verleihn.

Man erhob sich nun und stieg langsam den verglühenden Berg hinab. Jenseits auf dem Gipfel der hohen Teck prangte verloren noch ein später Streifen Sonne.

„Woher haben Sie dieses Lied?“ fragte Karl Hamelt die schöne Lulu.

„Ich weiß nicht mehr,“ sagte sie, „ich glaube, es ist ein Volkslied.“ Sie ging jetzt schneller und wurde plötzlich von Angst ergriffen, sie möchte zu spät heimkommen und von der Wirtin gescholten werden.

„Das leiden wir nicht,“ rief Erich Tänzer heftig aus. „Überhaupt habe ich im Sinn, der Frau Müller einmal meine Meinung deutlich zu sagen. Ich werde sie schon . . .“

„Nein, nein!“ unterbrach ihn die schöne Lulu. „Es würde dann für mich nur schlimmer werden! Ich bin eine arme Waise und muß tragen, was mir auferlegt wird.“

„Ach Fräulein Lulu,“ sagte der Referendar, „ich wollte, Sie wären eine Prinzessin und ich könnte Sie befreien.“

„Nein,“ rief der Schöngeist Lauscher, „Sie sind wirklich eine Prinzessin, und nur wir sind nicht Ritter genug, Sie zu erlösen. Aber was hindert mich? Ich tue es heute noch. Ich nehme die verdammte Müllerin beim Kragen . . .“

„Still, still!“ rief Lulu flehentlich. „Lassen Sie mich doch mein Schicksal allein ertragen! Nur heute tut mirs um den schönen Abend leid.“

Man sprach nun wenig mehr und näherte sich rasch der Stadt, wo sich Lulu von den anderen trennte, um allein in die Krone zurückzukehren. Die Fünfe sahen ihr nach, bis sie in die erste dunkle Straße hinein verschwand.

„Mein Vater ist der König,

Der König Ohneleid . . .“

summte Karl Hamelt vor sich hin und machte sich auf den Heimweg nach dem Dorfe Wendlingen.

VI.

Spät am Abend desselben Tages dauerte Erich Tänzer noch in der Krone aus, bis auch Lauscher mit der Nachtkerze in sein Gastzimmer abging und er allein in der stillen Schenkstube war. Lulu saß noch mit am Tische; da stieß Erich plötzlich sein Bierglas heftig zur Seite, ergriff die Hand des schönen Mädchens, sah sie an, räusperte sich und tat folgende Rede: „Fräulein Lulu, ich muß Ihnen eine Rede halten. Ich muß Sie anklagen. Der künftige Staatsanwalt regt sich in mir. Sie sind unerlaubt schön, Sie sind schöner als man sein darf und machen damit sich und andere unglücklich. Versuchen Sie nicht sich zu verteidigen! Wo ist mein schöner Appetit? Und mein herrlicher Durst? Wo ist der Vorrat sämtlicher Paragraphen des bürgerlichen Gesetzbuches, den ich mir mit Hilfe von Meisels Repertorium so mühselig in den Kopf getrichtert hatte? Und die Pandekten? Und das Strafrecht und der Zivilprozeß? Ja wo sind sie? In meinem Kopf steht nur noch ein einziger Paragraph, der heißt Lulu! Und die Fußnote heißt: O du Schönste, o du Allerschönste!“

Erichs Augen standen weit hervor, ingrimmig knetete seine Linke den neuen modischen Seidenhut zu schanden, seine Rechte umklammerte Lulus kühle Hand. Diese spähte ängstlich nach einer Gelegenheit zu entrinnen. Im Büffet schnarchte Herr Müller, sie mochte nicht rufen.

Da ward unversehens die Türe ein wenig geöffnet, eine Hand und ein Stück Flanellhemdärmels drang durch den Spalt, etwas Weißes entglitt der Hand und flatterte zu Boden; dahinter schloß sich eilends wieder die Türe. Lulu hatte sich losgemacht, sie sprang hinzu und hob ein beschriebenes Blatt Briefpapier vom Boden auf. Erich schwieg verdrossen. Sie aber lachte plötzlich und las ihm das Blatt vor. Darauf stand:

Herrin, wirst du lachen müssen?

Sieh, ein heißes Dichterhaupt,

Das du stolz und kühl geglaubt,

Liegt beschämt nun dir zu Füßen,

Und ein Herz, dem alle höchste Lust

Wie das tiefste Leiden ward bewußt,

Zittert scheu in deiner kleinen Hand!

Rote Rosen, die ich Wandrer fand,

Rote Lieder, die ich Sänger sang,

Sehnen sich und welken bang,

Liegen arm zu deinen Füßen — — —

Wirst du lachen müssen?

„Lauscher,“ rief Erich entrüstet, „das Aas! Sie werden doch nicht glauben, es sei dem Luftibus Ernst mit seinen verdammten Versen? Verse! So was schreibt er alle drei Wochen einer andren!“ Lulu gab dem Erregten keine Antwort, sondern lauschte nach dem offenstehenden Fenster hinüber. Von dorther kamen wirre Guitarrengriffe geklungen, und eine Baßstimme sang dazu:

Ich stehe hier und harre

Und spiele die Guitarre . . .

O zögere nicht länger

Und liebe deinen Sänger!

Ein Windstoß warf das Fenster klirrend zu. In diesem Augenblick erwachte der Wirt im Büffet und kam verdrießlich aus der Schanktüre hervor. Erich warf Geld auf den Tisch, ließ sein Bier stehen, verließ ohne Gruß die Stube und rannte mit einem Satze die Vortreppe hinunter dem Guitarrespieler in den Rücken, der niemand anders als der Referendar Ripplein war, welcher nun mit Erich zankend und grimmig auf dem Wall unter den Kastanien davonging.

Die schöne Lulu löschte die Gasflammen in Wirtsstube und Flur aus und stieg in ihre Kammer hinauf. Sie hörte beim Vorbeigehen in Hermann Lauschers Zimmer aufgeregte Schritte und öftere lange Seufzer tönen. Kopfschüttelnd erreichte sie ihr Schlafgemach und legte sich zur Ruhe. Da sie nicht sogleich einschlafen konnte, überdachte sie noch einmal den Abend; aber sie lachte jetzt nicht mehr, vielmehr war sie traurig, und alles kam ihr wie ein mißratenes Possenspiel vor. Sie wunderte sich in ihrem reinen Herzen darüber, wie alle diese Menschen so töricht und enge bloß an sich selber dachten und auch an ihr im Grunde doch nur das hübsche Gesicht ehrten und liebten. Diese jungen Männer schienen ihr wie irregeleitete arme Nachtflügler um kleine Lichtlein zu taumeln, während sie große Reden im Munde führten. Es erschien ihr traurig und lächerlich, wie sie immerfort von Schönheit, Jugend und Rosen redeten, farbige Theaterwände von Worten um sich her aufbauten, indes die ganze herbe Wahrheit des Lebens fremd an ihnen vorüberlief. In ihrer kleinen einfachen Mädchenseele stand diese Wahrheit schlicht und tief geschrieben, und daß die Kunst des Lebens im Leidenlernen und Lächelnlernen bestehe.

Der Dichter Lauscher lag in seinem Bette im Halbschlummer. Die Nacht war schwül. Rasche, unvollendete, fiebernde Gedanken stiegen in seiner heißen Stirn empor und verloren sich in flüchtig verblassenden Träumen, ohne daß darüber die schwere Schwüle der Augustnacht und das zähe, peinigende Singen einiger Schnaken seinem Bewußtsein entschwunden wäre. Die Schnaken folterten ihn am meisten; bald schienen sie zu singen:

Vollkommenheit,

Man sieht dich selten, aber heut . . .

bald war es das Lied der Traumharfe. Dann kam ihm plötzlich wieder in den Sinn, daß nun die schöne Lulu seine Verse in Händen habe und von seiner Liebe wisse. Daß Oskar Ripplein das Guitarreständchen gebracht, und daß wahrscheinlich auch Erich heute Abend dem schönen Mädchen Geständnisse gemacht habe, war ihm nicht verborgen geblieben. Das Rätselhafte im Wesen der Geliebten, ihre ahnungsvoll unbewußte Verknüpfung mit dem Philosophen Drehdichum, mit der askischen Sage und Hamelts Traum, ihre fremdartig seelenvolle Schönheit und ihr alltäglich-graues Schicksal beschäftigten des Dichters Gedanken. Daß die ganze eng befreundete Runde des Cénacle plötzlich wie um den Magnetberg um das fremde Mädchen kreiste und daß er selbst, statt Abschied zu nehmen und zu reisen, sich mit jeder Stunde enger vom Netz dieses Liebesmärchens umstricken ließ, das alles kam ihm nun vor, als wäre er und wären die andern lauter Traumgestalten eines phantasierenden Humoristen oder Figuren einer grotesken Sage. In seinem schmerzenden Haupte stieg die Vorstellung auf, dieses ganze Durcheinander und er selbst und Lulu wären ohnmächtige, willenlose Fragmente aus einem Manuskripte des alten Philosophen, hypothetische, versuchsweise kombinierte Teile einer unvollendeten ästhetischen Spekulation. Dennoch sträubte sich alles in ihm gegen ein solches unglückliches cogito ergo sum, er raffte sich zusammen, stand auf und trat ans offene Fenster. Nun bei klarerem Nachdenken erkannte er bald die hoffnungslose Albernheit seiner lyrischen Liebeserklärung; er fühlte wohl, daß die schöne Lulu ihn nicht liebe und im Grunde lächerlich fände. Traurig legte er sich ins Fenster, Sterne traten zwischen den leichten Wolken hervor, ein Wind lief über die dunkeln Kronen der Kastanien. Der Dichter beschloß, daß morgen sein letzter Tag in Kirchheim sein sollte. Zugleich traurig und erlösend drang das Gefühl der Entsagung durch seinen müden, vom Traum der letzten Tage schwül umfangenen Sinn.

VII.

Als Lauscher andern Tages früh in die Wirtsstube hinabkam, war Lulu schon mit den Tassen beschäftigt. Beide setzten sich zum dampfenden Kaffee. Lulu erschien dem Gaste merkwürdig verändert. Eine fast königliche Klarheit leuchtete auf ihrem reinen, süßen Gesicht, und eine besondere Güte und Klugheit blickte aus ihren schönen, vertieften Augen.

„Lulu, Sie sind über Nacht schöner geworden,“ sagte Lauscher bewundernd. „Ich wußte nicht, daß dies möglich wäre.“

Sie lächelte nickend: „Ja, ich habe einen Traum gehabt, einen Traum . . .“

Der Dichter fragte mit einem erstaunten Blick über den Tisch hinüber.

„Nein,“ sagte sie. „Ich darf ihn nicht erzählen.“

In diesem Augenblick trat die Morgensonne ins Fenster und glänzte durch die dunkeln Haare der schönen Lulu stolz und golden wie eine Glorie. Andächtig mit trauriger Freude hing des Dichters Blick an dem köstlichen Bilde. Lulu nickte ihm zu, lächelte wieder und sagte: „Ich muß Ihnen noch danken, lieber Herr Lauscher. Sie haben mir gestern Verse geschenkt, die mir hübsch erscheinen, obwohl ich sie nicht ganz verstehen kann.“

„Es war ein schwüler Abend gestern,“ sagte Lauscher und blickte der Schönen in die Augen. „Darf ich das Blatt noch einmal sehen?“

Sie gab es ihm hin. Er überlas es leise noch einmal, faltete es zusammen und verbarg es in seiner Tasche. Die schöne Lulu sah schweigend zu und nickte nachdenklich. Nun wurde der Wirt auf der Treppe hörbar, Lulu sprang auf und begann ihre Morgenarbeit. Grüßend trat der kleine, feiste Wirt herein.

„Guten Morgen, Herr Müller!“ antwortete Hermann Lauscher. „Ich bin heute zum letzten Mal Ihr Gast. Morgen früh reise ich.“

„Aber ich hatte doch gedacht, Herr Lauscher . . .“

„Schon gut. Auf heute abend stellen Sie ein paar Flaschen Champagner kalt und räumen uns das hintere Zimmer ein, zum Abschiedfeiern!“

„Wie Herr Lauscher befehlen!“

Lauscher verließ Stube und Gasthaus und begab sich auf den Weg zu Ludwig Ugel, seinem Liebling, um diesen letzten Tag mit ihm zusammen zu sein.

Aus Ugels kleiner Bude in der Steingaustraße klang schon Morgenmusik. Ugel stand in Hemdärmeln noch ungekämmt am Kaffeetisch und spielte seine brave Violine, daß es eine Lust war. Das ganze Stüblein war voll Sonne.

„Ist’s wahr, du willst morgen reisen?“ rief Ugel dem Dichter entgegen. Der war nicht wenig verwundert.

„Woher weißt du’s denn schon?“

„Von Drehdichum.“

„Drehdichum? Der Teufel werde klug daraus!“

„Ja, der Alte war die halbe Nacht bei mir. Ein toller Bruder! Er faselte wieder was Langes, Farbiges von seinen Prinzessingeschichten, Liliengärten und dergleichen. Meinte, ich müsse die Prinzessin erlösen; er hätte sich in dir getäuscht, du seiest nicht die wahre Harfe Silberlied. Verrückt, nicht? Ich verstand kein Wort.“

„Ich verstehe es,“ sagte Lauscher leise. „Der Alte hat recht.“

Noch eine Weile hörte er Ugeln zu, der nun die begonnene Sonate zu Ende spielte. Bald darauf verließen beide Freunde Arm in Arm die Stadt und wandten sich gegen die Plochinger Steige in den Wald. Sie redeten wenig; der Abschied machte beide stumm. Der Morgen lag warm und glänzend über den schönen Bergen der Alb. Bald bog die Straße in den tiefen Wald, und die Spaziergänger legten sich abseits vom Wege in das kühle Moos.

„Wir wollen einen Strauß für die schöne Lulu machen,“ sagte Ugel und begann im Liegen große Farnkräuter zu brechen.

„Ja,“ sagte der andere leise, „einen Strauß für die schöne Lulu!“ Er riß eine ganze hohe rotblühende Staude aus der Erde. „Nimm das dazu! Roter Fingerhut. Ich habe ihr sonst nichts zu geben. Wild, fieberrot und giftig . . .“

Er redete nicht weiter; süß und bitter stieg es in seiner Kehle auf, wie Schluchzen. Düster wendete er sich ab; Ugel aber bog den Arm um seine Schulter, legte sich an seine Seite und wies mit ablenkender Geberde empor in das wunderbare Spiel des Lichtes im hellgrünen Laub. Jeder von den beiden dachte an seine Liebe, und schweigend ruhten sie lange Zeit, Waldkronen und Himmel über sich. Über ihre Stirnen lief der kräftige, kühle Wind, über ihre Seelen spannte, vielleicht zum letzten Mal, die selige Jugend ihre blauen, ahnungsvollen Himmel aus. Leise begann Ugel ein Lied zu singen:

Die Fürstin heißt Elisabeth —

Ein Hauch von Sonne, die vergeht.

Ich wollt, ich hätte einen Namen,

Der sich verneigt vor lieben Damen,

Vor Schönheit, vor Elisabeth,

Der süß von zarten Rosen weht,

Von Blättern lind, so leicht, so laß,

Von Rosen weiß, von Rosen blaß,

Ein Schimmer späten Abendgolds

Und wie der Fürstin Mund so stolz

Und wie der Fürstin Stirn so rein,

Und müßte singen von Glück und Pein —

So froh und traurig müßt er sein!

Dem Freunde weitete die stille Traurigkeit der schönen Stunde die Brust in Schmerz und Lust. Er schloß die Augen; aus seiner Seele stieg das Bild der schönen Lulu auf, wie er sie am heutigen Morgen gesehen hatte, so sonneverklärt, so milde, so leuchtend, klug und unnahbar, daß sein Herz in erregten schmerzlichen Schlägen pochte. Seufzend fuhr er mit der Hand über die Stirn, fächerte sich mit dem roten Fingerhut und sang:

Ich will mich tief verneigen

Vor dir und ziehen den Hut,

Ich will dir Lieder geigen

Rot wie Rosen und rot wie Blut.

Ich will mich vor dir bücken,

Wie man vor Fürstinnen tut,

Und will dich mit Rosen schmücken,

Mit Rosen rot wie Blut.

Ich will auch zu dir beten,

Wie man vor Heiligen kniet,

Mit meiner wilden, verschmähten

Liebe und meinem Lied.

*                    *
*

Er hatte kaum geendigt, als aus dem innersten Walde hervor der Philosoph Drehdichum die Liegenden anrief. Aufschauend sahen sie ihn aus den Gebüschen treten.

„Guten Tag,“ rief er näherkommend, „guten Tag, meine Freunde! Nehmet dies zu euerm Strauß für die schöne Lulu!“ Damit gab er Lauschern eine große weiße Lilie in die Hand. Behaglich ließ er sich sodann den Freunden gegenüber auf einem moosigen Felsen nieder.

„Sagen Sie, Zauberer,“ redete Lauscher ihn an, „da Sie doch überall sind und alles wissen: wer ist eigentlich die schöne Lulu?“

„Viel gefragt!“ schmunzelte der Graubart. „Sie weiß es selber nicht. Daß sie die Stiefschwester der verdammten Müllerin sei, glauben Sie wohl nicht, und ich auch nicht. Sie selber hat nicht Vater, nicht Mutter gekannt, und ihr einziger Heimatbrief ist die Strophe eines merkwürdigen Liedes, das sie zuweilen singt und worin sie einen gewissen König Ohneleid ihren Vater nennt.“

„Dummes Zeug!“ fluchte Ugel ärgerlich.

„Weshalb, lieber Herr?“ entgegnete sanftmütig der Alte. „Aber dem sei wie ihm wolle, man darf an solchen Geheimnissen nicht allzuviel tasten . . . Ich höre, Herr Lauscher, Sie wollen schon morgen uns und dieses Land verlassen? Wie man sich täuschen kann! Ich hätte gewettet, Sie blieben noch länger hier, da Sie, wie mir schien, eben durch die Lulu . . .“

„Genug, genug, Herr!“ fiel ihm Lauscher wild aufbrausend in die Rede. „Was zum Teufel gehen Sie anderer Leute Liebesaffären an!“

„Nicht so heftig!“ beruhigte lächelnd der Philosoph. „Davon, Wertgeschätzter, war ja gar nicht die Rede. Daß ich mich mit den Verwicklungen fremder Schicksale, besonders Dichterschicksale, beschäftigte, gehört zu meiner Wissenschaft. Für mich besteht kein Zweifel darüber, daß zwischen Ihnen und unserer Lulu gewisse subtile magische Beziehungen statthaben, wenn schon, wie ich ahne, ihrer ersprießlichen Wirkung zurzeit noch unüberwindliche Hemmnisse im Wege liegen.“

„Erklären Sie mir das doch, bitte, etwas näher!“ sagte der Dichter kühl, aber doch neugierig.

Der Alte zuckte die Achseln. „Ei nun,“ sagte er, „jedes irgend höher stehende Menschenwesen strebt instinktmäßig nach jener Harmonie, die im glücklichen Gleichgewicht des Bewußten und des Unbewußten bestände. Solange aber der zerstörende Dualismus das Lebensprinzip des denkenden Ich zu sein scheint, neigen strebende Naturen gerne in halbverstandenem Instinkt zu Bündnissen mit entgegengesetzt Strebenden. Sie verstehen mich. Solche Bündnisse können ohne Worte, sogar ohne Wissen geschlossen werden, können wie Verwandtschaften unerkannt, rein gefühlsmäßig leben und wirken. Jedenfalls sind sie vorbestimmt und stehen außerhalb der Sphäre des persönlichen Willens. Sie sind ein unermeßlich wichtiges Element dessen, was man Schicksal nennt. Es ist vorgekommen, daß das eigentliche, wohltätige Leben eines solchen Bündnisses erst im Augenblicke der Trennung und Entsagung begann; denn diese unterliegen unserm Wollen, dem die Macht jener Sympathie sich entzieht.“

„Ich verstehe Sie,“ sagte Lauscher mit verändertem Ton. „Sie scheinen mein Freund zu sein, Herr Drehdichum!“

„Zweifelten Sie daran?“ lächelte dieser fröhlich.

„Sie kommen heute Abend zu meiner Abschiedsfeier in der Krone!“

„Will sehen, Herr Lauscher. Nach gewissen Berechnungen wird mir diesen Abend eine wichtige Aufgabe zuteil werden, ein alter Traum sich erfüllen . . . Aber vielleicht läßt es sich vereinigen. Auf Wiedersehen!“ Er sprang auf, grüßte mit winkender Hand und verlor sich rasch auf der talwärts führenden Straße.

Die Freunde blieben bis zum Mittag im Walde, beide von Abschiedsgedanken und jeder von seiner Liebe erfüllt und mit widerstreitenden Empfindungen gesättigt. Verspätet suchten sie den Mittagstisch der Krone auf. Sie fanden Lulu daselbst in fröhlicher Stimmung und mit einem neuen, hellen Kleide geschmückt. Freundlich nahm sie die mitgebrachten Blumen an und stellte den Strauß in eine Vase auf den Ecktisch, an dem die beiden zu speisen pflegten. Heiter und geschäftig bewegte sich die schöne Gestalt bedienend mit den Tellern, Schüsseln und Flaschen hin und wider. Nach Tisch, beim Weine setzte sie sich zu den Freunden. Man sprach von Lauschers geplanter Abschiedsfeier.

„Wir müssen das Zimmer und alles recht festlich zubereiten,“ sagte Lulu; „wie Sie sehen, habe ich an mir selber den Anfang gemacht und ein nagelneues Kleid angezogen. Es fehlt noch an Blumen . . .“

„Besorgen wir schon,“ fiel ihr Ugel in die Rede.

„Gut,“ lächelte sie. „Dann wäre es hübsch, ein paar Lampions und farbige Bänder zu haben.“

„Soviel Sie wollen!“ rief wieder Ugel. Lauscher nickte stumm.

„Sie sprechen ja kein Wort, Herr Lauscher!“ zürnte nun Lulu. „Sind Sie nicht einverstanden?“ Lauscher gab keine Antwort. Er sagte nur, während sein Auge an ihrer schlanken Gestalt und dem feinen Antlitz hing: „Wie schön Sie heute sind, Lulu!“ Und noch einmal: „Wie schön Sie sind!“

Er war unersättlich, die ganze ziere Gestalt immer wieder zu betrachten. Zu sehen, wie sie mit dem Freunde die Anstalten zu seinem Abschied betrieb, verursachte ihm eine eigentümliche Qual und machte ihn stumm und verdüstert. Jeden Augenblick kam ihm wieder der Gedanke, peinigend und bitter stachelnd, daß seine Entsagung und sein Fortgehen unwahr sei, daß er ihr zu Füßen stürzen und sie mit allen lodernden Flammen seiner Leidenschaft umgeben müsse, um sie werben, sie anflehen, sie zwingen und rauben — irgend etwas, nur nicht so tatlos vor ihr sitzen und fühlen, wie von den letzten Stunden ihrer Gegenwart ein seliger Augenblick um den andern eilig und unwiederbringlich zerrann. Dennoch bezwang er sich in hartem Kampf und begehrte nur noch in diesen letzten Stunden ihr herrliches Bild sich glühend und schmerzlich in die Seele zu senken zu unvergeßlichem Heimweh.

Schließlich, da die drei noch allein im Zimmer saßen und Ugel zum Aufbruch drängte, erhob sich Lauscher, trat vor Lulu hin und faßte ihre Hand mit seiner heißen, zitternden Rechten und sagte leise in einem gezwungenen, feierlich komischen Ton: „Meine schöne Prinzessin, wollet geruhen die Darbietung meiner Dienste in Hulden anzunehmen! Betrachtet mich, ich bitte Euch, als Euern Ritter oder als Euern Sklaven, Euern Hund oder Narren, befehlet mir . . .“

„Gut, mein Ritter,“ unterbrach Lulu ihn lächelnd. „Ich fordere einen Dienst von Euch. Es fehlt mir auf den Abend ein recht herzensfroher Gesellschafter und Spaßmacher, der mir ein gewisses Fest unterhaltsam und lustig machen helfe. Wollet Ihr das?“

Lauscher wurde sehr bleich. Dann lachte er heftig auf, ließ sich mit komischer Verrenkung ins Knie nieder und sprach mit theatralischer Feierlichkeit: „Ich gelobe es, edle Dame!“

Nun eilte er mit Ludwig Ugel hinweg. Sie suchten vor allem die schöne Kunst- und Handelsgärtnerei beim Friedhofe auf und wüteten mit der Schere ohne Schonung in des Gärtners Rosenzucht. Besonders Lauscher war nicht zu halten. „Ich muß einen großen Korb voll Weiße haben,“ rief er wiederholt, wandte alle Zweige um und hieb die Lieblingsrosen der schönen Lulu zu Dutzenden ab. Dann bezahlte er den Gärtner, hieß ihn die Rosen auf den Abend in die Krone bringen und bummelte mit Ugel weiter durch die Stadt. Wo etwas Buntes in den Schaufenstern hing, da brachen sie ein; Fächer, Tücher, Seidenbänder, Papierlaternen wurden zusammengekauft, am Ende auch noch ein starker Posten Kleinfeuerwerk, so daß in der Krone die schöne Lulu mit Inempfangnehmen und Unterbringen alle Hände voll zu tun hatte. Dabei half ihr, ohne daß jemand darum wußte, der gute Drehdichum bis zum Abend.

VIII.

Lulu war schön und fröhlich wie noch nie. Lauscher und Ugel hatten ihr Abendessen beendet; die Freunde kamen nacheinander im Gasthause an. Als alle beisammen waren, begab man sich unter dem Vortritt Lauschers, der die schöne Lulu zierlich am Arme führte, in die große Hinterstube. Hier waren alle Wände mit Tüchern, Bändern und Girlanden behängt, eine Menge farbiger Laternen war an der Decke in Figuren gereiht und angezündet, der große Tisch weiß gedeckt, mit Champagnerkelchen besetzt und mit frischen Rosen überstreut. Der Dichter überreichte seiner Dame die Lilie des Philosophen, steckte ihr eine halbgeöffnete Teerose ins Haar und führte sie an den Ehrenplatz. Alle setzten sich froh und lärmend; ein im Chor gesungenes Lied eröffnete den Abend. Nun sprangen die Stöpsel von den Flaschen, überschäumend floß der helle, edle Wein in die zarten Gläser, wozu Erich Tänzer die Champagnerrede hielt. Witz und Gelächter löste sich ab, mit Tosen wurde der nachträglich angekommene Drehdichum empfangen, Ugel und Lauscher trugen jeder ein paar lachende Verse vor. Dann sang die schöne Lulu ein Lied, das hieß: