Wild wirbeln die Flocken im Wind;
Bald klingt's, als heulte ein wildes Tier,
Und bald, als weinte ein Kind.“
Nikita nickte beifällig mit dem Kopfe und brachte die Lenkseile in Ordnung.
Der Alte, welcher Wasili Andrejitsch hinausbegleitete, kam mit einer Laterne in den Flur, um ihm zu leuchten; aber die Laterne erlosch sofort. Und auf dem Hofe konnte man sogar spüren, daß der Schneesturm noch ärger geworden war als vorher.
„Na, das ist einmal ein Wetter!“ dachte Wasili Andrejitsch. „Da kommen wir womöglich gar nicht hin. Aber es muß sein; die Geschäfte! Und ich habe mich ja auch schon fertig gemacht. Und das Pferd des Wirtes ist auch schon angespannt. Mit Gottes Hilfe werden wir schon hinkommen.“ Der alte Hauswirt dachte gleichfalls, daß es nicht rätlich sei zu fahren; aber er hatte schon einmal zum Bleiben zugeredet, ohne daß der Gast auf ihn gehört hatte. „Vielleicht ist es auch nur mein Alter, was mich so ängstlich macht; sie werden schon hinkommen,“ sagte er bei sich. „Und wenigstens können wir uns dann rechtzeitig schlafen legen und haben keine Mühe und Umstände.“
Auch Peter sah, daß es gefährlich war zu fahren, und hatte seine Besorgnisse; aber das hätte er um keinen Preis gezeigt; vielmehr spielte er den Couragierten und tat, als hätte er nicht die geringste Furcht; auch hatten ihn wirklich die Verse über den Schneesturm dadurch einigermaßen ermutigt, daß sie so vollständig das zum Ausdruck brachten, was draußen vorging. Nikita hatte schlechterdings keine Lust zu fahren; aber er hatte sich schon längst daran gewöhnt, keinen eigenen Willen zu besitzen und anderen zu gehorchen. So hielt denn niemand die Abfahrenden zurück.
V
Wasili Andrejitsch trat zu seinem Schlitten (er konnte in der Dunkelheit nur mit Mühe unterscheiden, wo dieser stand), stieg hinein und ergriff die Leine.
„Na, dann fahr voran!“ rief er.
Peter, der in seinem Schlitten kniete, trieb sein Pferd an. Der Braungelbe, der schon lange gewiehert hatte, da er die Stute vor sich witterte, rannte ihr nach, und sie kamen auf die Dorfstraße hinaus. Wieder fuhren sie durch die Ortschaft, auf demselben Wege, an demselben Gehöfte mit der aufgehängten, steif gefrorenen Wäsche vorbei, die jetzt nicht mehr zu sehen war, vorbei an derselben Darre, die bereits fast bis zum Dache verschneit war, und von der unaufhörlich der Schnee herunterrieselte, vorbei an denselben traurig raschelnden, pfeifenden, sich biegenden Weidenbäumen, und fuhren nun wieder hinein in das von oben und unten her tobende Meer von Schnee. Der Wind war so stark, daß, da er von der Seite kam und gegen die Fahrenden wie gegen ein Segel drückte, er den Schlitten aufkippte und das Pferd zur Seite legte. Peter fuhr mit seiner flott austrabenden tüchtigen Stute voran und stieß von Zeit zu Zeit einen ermunternden Schrei aus. Der Braungelbe lief hinter ihr her.
Als sie so etwa zehn Minuten lang gefahren waren, wandte sich Peter um und rief ihnen etwas zu. Weder Wasili Andrejitsch noch Nikita konnte es bei dem Winde verstehen. Aber sie vermuteten, daß sie bei der Wegscheide angekommen seien. Und wirklich bog Peter links ein, und der Wind, der bisher von der Seite gekommen war, blies ihnen jetzt wieder entgegen, und da wurde auch durch den Schnee hindurch etwas Dunkles sichtbar. Das war das Gesträuch an der Wegscheide.
„Nun, dann fahrt mit Gott weiter!“
„Vielen Dank, lieber Peter!“
„Der Schneesturm verdunkelt den Himmel schier, wild wirbeln die Flocken im Wind,“ rief Peter und verschwand.
„Ei sieh mal, was das für ein Dichter ist,“ sagte Wasili Andrejitsch und schüttelte mit der Leine.
„Ja, es ist ein tüchtiger Bursche, so ein richtiger Bauer,“ erwiderte Nikita.
Sie fuhren weiter. Nikita hatte sich tief eingemummt und den Kopf so in die Schultern hineingezogen, daß sein kleiner Bart ihm den Hals bedeckte; so saß er schweigend da, darauf bedacht, die durch den Tee in seinem Körper angesammelte Wärme nicht wieder zu verlieren. Vor sich sah er die geraden Linien der Gabeldeichsel, die ihn fortwährend in die Täuschung versetzten, als ob da ein vielbefahrener Weg sei, und das hin und her schaukelnde Hinterteil des Pferdes mit dem nach einer Seite gewendeten, in einen Knoten gebundenen Schwanze, und weiter vorn das hohe Krummholz und den auf und ab gehenden Kopf und Hals des Pferdes mit der auseinanderflatternden Mähne. Mitunter fiel sein Blick auf Merkstangen, so daß er wußte, daß sie noch auf dem Wege fuhren und es für ihn nichts zu tun gab.
Wasili Andrejitsch führte die Zügel, überließ aber meist dem Pferde, selbst dafür zu sorgen, daß sie auf dem Wege blieben. Aber trotzdem der Braungelbe sich im Dorfe ausgeruht hatte, lief er doch nur ungern, und es machte den Eindruck, als ob er vom Wege abbiegen wollte, so daß Wasili Andrejitsch ihn einige Male zurechtlenken mußte.
„Da rechts ist eine Merkstange, da die zweite, da die dritte,“ zählte Wasili Andrejitsch im stillen. „Und da vorn ist auch der Wald,“ dachte er, da er etwas Dunkles vor sich erblickte. Aber was er für einen Wald gehalten hatte, war nur ein Strauch. Sie fuhren an dem Strauche vorbei, sie fuhren noch etwa sechzig Schritt weiter: aber es war weder von der vierten Merkstange noch vom Walde etwas zu sehen.
„Der Wald muß doch gleich kommen,“ dachte Wasili Andrejitsch, und erregt durch den genossenen Branntwein und Tee, trieb er unaufhörlich das Pferd mit den Zügeln an, und das folgsame, gute Tier gehorchte und lief bald im Paßgang bald in kurzem Trabe dahin, wohin es gelenkt wurde, obwohl es wußte, daß sein Herr es ganz und gar nicht nach der richtigen Seite lenkte. Es vergingen noch zehn Minuten; der Wald wollte immer noch nicht kommen.
„Da haben wir ja wieder den Weg verloren!“ sagte Wasili Andrejitsch und hielt das Pferd an.
Nikita stieg schweigend aus dem Schlitten, und seinen Mantel haltend, der infolge des Windes ihm bald dicht am Körper klebte, bald sich bauschte und von ihm weg wollte, machte er sich daran, durch den Schnee zu waten; er ging nach der einen, er ging nach der anderen Seite. Dreimal verschwand er ganz aus der Sehweite. Endlich kehrte er zurück und nahm seinem Herrn die Leine aus der Hand.
„Nach rechts müssen wir fahren,“ sagte er kurz und in bestimmtem Tone und wendete das Pferd.
„Na, wenn du das meinst, wollen wir nach rechts fahren,“ erwiderte Wasili Andrejitsch, überließ ihm die Leine und schob seine frierenden Hände in die Ärmel. „Und wenn wir auch nur nach Grischkino zurückkommen.“
Nikita antwortete nicht.
„Nun, Freundchen, leg dich mal ordentlich ins Zeug!“ rief er dem Pferde zu; aber das Pferd ging trotz alles Schüttelns mit der Leine nur im Schritt. Der Schnee lag stellenweise knietief, und der Schlitten kam bei jeder Bewegung des Pferdes nur mit einem Ruck vorwärts.
Nikita griff nach der Peitsche, die am Vorderteile des Schlittens hing, und schlug das Pferd. Das gute, an solche Behandlung nicht gewöhnte Tier machte ein paar heftige Sätze und setzte sich in Trab, ging dann aber sogleich wieder in Paßgang und in Schritt über. So fuhren sie etwa fünf Minuten. Es war so dunkel, und der Schnee stiebte so dicht von oben und von unten, daß mitunter nicht einmal das Krummholz zu sehen war. Manchmal schien es, als ob der Schlitten auf einem Fleck stillstände und das Feld nach hinten hin liefe. Plötzlich machte das Pferd kurz halt; offenbar witterte es vor sich irgend etwas Unheimliches. Nikita sprang, die Leine hinwerfend, wieder behende hinaus und ging vor das Pferd, um nachzusehen, weshalb es stehen geblieben sei; aber kaum hatte er einen Schritt über den Kopf des Pferdes hinaus gemacht, als ihm die Füße ausglitten und er einen Abhang hinunterrutschte.
„Halt, brr, halt!“ rief er sich selbst zu, während er hinabsank und einen Halt suchte; aber es gelang ihm nicht eher, zum Stillstand zu kommen und festen Fuß zu fassen, als bis er mit den Beinen in eine am Grunde der Schlucht zusammengewehte tiefe Schneeschicht hineingefahren war.
Eine am oberen Rande der Schlucht überhängende Schneewachte war durch Nikitas Fall erschüttert worden, stürzte auf ihn herunter und schüttete ihm Schnee in den Nacken.
„Aber was ist das für ein Benehmen von euch,“ sagte Nikita vorwurfsvoll, sich an die Schneewachte und an die Schlucht wendend, und schüttelte sich den Schnee aus dem Kragen.
„Nikita! He! Nikita!“ rief Wasili Andrejitsch von oben. Aber Nikita antwortete nicht auf den Ruf.
Er hatte keine Zeit; er mußte sich den Schnee abschütteln und dann die Peitsche suchen, die er beim Herunterrutschen von dem Abhange verloren hatte. Als er die Peitsche gefunden hatte, wollte er geradeswegs wieder da hinaufklettern, wo er herabgeglitten war; aber dies war ein Ding der Unmöglichkeit; er rutschte immer wieder zurück, so daß er unten umhergehen mußte, um eine geeignete Stelle zum Aufstieg zu suchen. Ungefähr acht Schritte entfernt von der Stelle, wo er heruntergerutscht war, kroch er mühsam auf allen vieren die Anhöhe hinauf und ging nun am Rande der Schlucht nach der Stelle zu, wo das Pferd sein mußte. Indessen Pferd und Schlitten waren nicht zu sehen; aber da er gegen den Wind ging, so hörte er, bevor er noch etwas sah, das Schreien Wasili Andrejitschs und das Wiehern des Braungelben, die ihn riefen.
„Ich komme, ich komme. Was schreist du so?“ sagte er vor sich hin.
Erst als er schon ganz dicht beim Schlitten war, erblickte er das Pferd und den neben dem Schlitten stehenden Wasili Andrejitsch, der übermäßig groß erschien.
„Zum Teufel, wo warst du denn geblieben?“ schalt dieser ärgerlich den Herankommenden. „Wir müssen zurückfahren. Meinetwegen wollen wir nach Grischkino zurückkehren.“
„Zurückfahren möchte ich schon ganz gern, Wasili Andrejitsch; aber nach welcher Seite sollen wir fahren? Hier ist eine so zerklüftete Gegend, wenn wir da irgendwo mit dem Schlitten hineinfallen, kommen wir nicht wieder heraus. Ich bin da so hinuntergeschurrt, daß ich mich nur mit Not und Mühe wieder heraufgearbeitet habe.“
„Na, aber wir können hier doch nicht stehen bleiben; irgendwohin müssen wir doch fahren!“ sagte Wasili Andrejitsch.
Nikita gab keine Antwort. Er setzte sich auf den Schlitten, mit dem Rücken gegen den Wind, zog sich die Stiefel aus und schüttelte den Schnee heraus, der ihm da hereingekommen war; dann nahm er etwas Stroh und verstopfte damit sorgfältig von innen ein Loch im linken Stiefel.
Wasili Andrejitsch schwieg, als ob er jetzt alle weiteren Entscheidungen seinem Knechte anheimstelle. Nachdem Nikita seine Stiefel wieder angezogen hatte, nahm er die Beine in den Schlitten herein, zog seine Fausthandschuhe wieder an, ergriff die Leine und lenkte das Pferd an der Schlucht entlang. Aber sie waren noch nicht hundert Schritte weit gefahren, als das Pferd wieder jählings stehen blieb. Es hatte wieder eine Schlucht vor sich.
Nikita stieg wieder aus und begann wieder im Schnee umherzuwaten. Das dauerte ziemlich lange. Endlich erschien er wieder, und zwar von derjenigen Seite, welche der, nach der er sich entfernt hatte, gerade entgegengesetzt war.
„Wasili Andrejitsch, wo sind Sie?“ rief er.
„Hier,“ antwortete Wasili Andrejitsch. „Nun, wie steht's?“
„Es ist nichts zu unterscheiden. Es ist zu dunkel. Überall Schluchten. Wir müssen wieder gegen den Wind fahren.“
Wieder fuhren sie eine Strecke; wieder ging Nikita im Schnee umher und fiel dabei; wieder setzte er sich in den Schlitten; wieder ging er und fiel; und endlich blieb er, keuchend vor Erschöpfung, bei dem Schlitten stehen.
„Nun, was gibt's?“ fragte Wasili Andrejitsch.
„Ja, was gibt's! Ich bin ganz matt. Und das Pferd kann auch nicht mehr.“
„Was sollen wir nun also tun?“
„Warten Sie einen Augenblick.“
Nikita ging nochmals weg und kehrte bald zurück.
„Fahren Sie hinter mir her,“ sagte er und ging vor dem Pferde voran.
Wasili Andrejitsch hatte ganz darauf verzichtet, irgendwelche Weisungen zu geben, sondern tat gehorsam, was ihm Nikita sagte.
„Hierher, mir nach!“ rief Nikita, sich schnell nach rechts wendend, ergriff den Braungelben am Zügel und lenkte ihn in eine Schneewehe hinein. Das Pferd sträubte sich anfangs, machte aber dann einen starken Satz, in der Hoffnung, über die Schneewehe hinüberzuspringen; jedoch reichte seine Kraft nicht dazu aus, und es versank in den Schnee bis an das Kumt. „Steigen Sie doch aus!“ schrie Nikita seinen Herrn an, der im Schlitten sitzen geblieben war, faßte unter die eine Deichselstange und versuchte, den Schlitten an das Pferd heranzuschieben. „Ja, es geht ein bißchen schwer, Brüderchen,“ wandte er sich an den Braungelben. „Aber was ist zu machen? Gib dir mal rechte Mühe! Zu! Zu! Noch ein bißchen!“ schrie er. Das Pferd zog einmal und noch einmal an, vermochte aber trotzdem nicht, sich herauszuarbeiten, und blieb wieder stecken. Es machte eigentümliche Bewegungen mit den Ohren und legte schnuppernd den Kopf auf den Schnee, wie wenn es über etwas nachdächte. „Na aber, Brüderchen, so ist das nicht gut,“ sagte Nikita ermahnend zu dem Braungelben. „Los, noch einmal!“ Wieder zog Nikita auf seiner Seite an der Deichselstange. Wasili Andrejitsch tat auf der andern Seite dasselbe. Das Pferd drehte den Kopf hin und her; dann gab es sich auf einmal einen starken Ruck.
„Na, zu! zu! Keine Angst, du wirst nicht ertrinken!“ rief Nikita.
Ein Sprung, ein zweiter, ein dritter – endlich hatte sich das Pferd aus der Schneewehe herausgearbeitet und blieb nun, schwer atmend und sich schüttelnd, stehen. Nikita wollte es weiterführen; aber Wasili Andrejitsch war in seinen zwei Pelzen so außer Atem gekommen, daß er nicht imstande war zu gehen und sich in den Schlitten warf.
„Laß mich erst wieder zu Atem kommen,“ sagte er und knüpfte das Tuch auf, das er sich in dem Dorfe um den Kragen seines Pelzes gebunden hatte.
„Hier macht das nichts aus; hier können Sie im Schlitten liegen,“ erwiderte Nikita. „Ich will das Pferd führen.“
Und während Wasili Andrejitsch im Schlitten lag, führte Nikita das Pferd am Zaum etwa zehn Schritte abwärts, dann ein wenig aufwärts und machte halt.
Die Stelle, wo Nikita halt gemacht hatte, lag nicht in einer Mulde, wo sich der Schnee hätte anhäufen können; aber sie war doch teilweise durch eine Anhöhe gegen den Wind geschützt. Es gab Augenblicke, wo man im Schutze der Anhöhe glauben konnte, der Wind habe sich ein wenig gelegt; aber das dauerte nicht lange, und als wollte er diese Ruhepause wieder einbringen, brauste darauf der Sturm mit verzehnfachter Gewalt einher, raste noch ärger als vorher und brachte noch dichtere Schneewirbel mit sich. Ein solcher Windstoß erfolgte gerade in dem Augenblicke, als Wasili Andrejitsch, der sich wieder erholt hatte, aus dem Schlitten gestiegen und zu Nikita herangetreten war, um mit ihm zu besprechen, was nun weiter zu tun sei. Beide bückten sich unwillkürlich und warteten mit ihrem Gespräche, bis die Wut dieses Windstoßes vorüber sein würde. Auch der Braungelbe drückte unzufrieden die Ohren an und schüttelte mit dem Kopfe. Sobald der Windstoß einigermaßen vorbei war, zog sich Nikita die Handschuhe aus, steckte sie in seinen Gurt, hauchte in die Hände und machte sich daran, das Lenkseil vom Krummholz abzulösen.
„Was tust du denn da?“ fragte Wasili Andrejitsch.
„Ich spanne das Pferd aus; was sollen wir denn noch weiter tun? Meine Kraft ist zu Ende,“ antwortete Nikita; es klang, als ob er sich entschuldigen wollte.
„Können wir denn nicht irgendein Obdach erreichen?“
„Nein, wir können kein Obdach erreichen; wir quälen nur das Pferd zunichte. Das liebe Tier ist ja schon jetzt ganz erschöpft,“ sagte Nikita und wies auf das Pferd, das gehorsam und zu allem bereit dastand und schwer keuchend die von Schweiß feuchten Weichen bewegte. „Wir müssen hier übernachten,“ erklärte er, in demselben Tone, wie wenn er sich anschickte, in einer Herberge über Nacht zu bleiben, und begann den Kumtriemen aufzubinden. Die beiden Bügel des Kumts sprangen auseinander.
„Werden wir aber auch nicht erfrieren?“ fragte Wasili Andrejitsch.
„Was ist zu machen? Wenn wir erfrieren, müssen wir's eben hinnehmen,“ antwortete Nikita.
VI
Wasili Andrejitsch fühlte sich in seinen beiden Pelzen ganz warm, besonders nachdem er sich in der Schneewehe so abgeplackt hatte; aber es lief ihm doch kalt über den Rücken, als er zu der Überzeugung gelangte, daß er wirklich werde hier übernachten müssen. Um sich zu beruhigen, setzte er sich in den Schlitten und holte die Zigaretten und die Streichhölzer aus der Tasche.
Nikita spannte unterdessen das Pferd aus. Er löste den Bauchriemen und den Riemen des Rückenpolsters, nahm das Lenkseil und den Krummholzriemen ab und drehte das Krummholz heraus; dabei redete er unaufhörlich mit dem Pferde und sprach ihm Mut ein.
„Na, nun komm heraus, komm heraus,“ sagte er zu dem Tiere, indem er es aus der Gabeldeichsel herausführte. „Siehst du, hier werden wir dich anbinden. Und Stroh lege ich dir unter und zäume dich ab,“ sagte er und führte dabei alles aus, was er sagte. „Wenn du erst ein bißchen gefressen haben wirst, dann wird dir gleich vergnüglicher zumute sein.“
Aber der Braungelbe ließ sich augenscheinlich durch Nikitas Reden nicht beruhigen und blieb aufgeregt. Er trat von einem Beine auf das andere, drückte sich an den Schlitten, stellte sich mit dem Hinterteile gegen den Wind und rieb seinen Kopf an Nikitas Ärmel.
Anscheinend nur, um nicht Nikita durch Ablehnung des freundlich angebotenen Strohes zu kränken, das dieser ihm unter die Schnauze gehalten hatte, zog der Braungelbe einmal mit einem plötzlichen Ruck ein Büschel Stroh aus dem Schlitten; aber sofort sagte er sich auch, daß es sich jetzt nicht darum handle, Stroh zu fressen, ließ es wieder fallen, und der Wind riß im gleichen Augenblicke das Stroh auseinander, trug es davon und überschüttete es mit Schnee.
„Jetzt wollen wir uns ein Signal machen,“ sagte Nikita, wendete den Schlitten mit dem Vorderteil gegen den Wind, band die Deichselstangen mit dem Riemen des Rückenpolsters zusammen, richtete sie in die Höhe und befestigte sie am Vorderteile des Schlittens. „So! Wenn wir nun verschneit werden, werden es gute Menschen an den Deichselstangen sehen und uns ausgraben,“ bemerkte Nikita dazu. „Das habe ich von alten Leuten gelernt.“
Unterdessen hatte Wasili Andrejitsch seinen Pelz aufgemacht und rieb nun, die Schöße desselben als Windschutz benutzend, ein Streichholz nach dem andern an dem stählernen Schächtelchen; aber die Hände zitterten ihm, und die aufflammenden Streichhölzer erloschen eines nach dem andern im Winde, teils ehe sie noch recht in Brand geraten waren, teils gerade in dem Augenblicke, wo er sie an die Zigarette heranbrachte. Endlich brannte ein Streichholz gut und erleuchtete für einen Augenblick die Innenseite seines Pelzes, seine Hand mit dem goldenen Ringe an dem nach innen gebogenen Zeigefinger und das mit Schnee bedeckte Haferstroh, das unter dem Sacke hervorschaute – und die Zigarette kam in Brand. Ein paarmal zog er gierig den Rauch ein, schluckte ihn hinunter, ließ ihn durch den Schnurrbart hinaus und wollte eben noch einmal einen Zug tun, als der Tabak mitsamt dem Feuer vom Winde weggerissen wurde und nach derselben Seite davonflog wie vorher das Stroh.
Aber auch schon diese wenigen Schlucke Tabaksrauch hatten Wasili Andrejitsch in heitrere Stimmung versetzt.
„Na, wenn wir hier übernachten müssen, dann meinetwegen!“ sagte er in entschlossenem Tone. Und beim Anblicke der aufgerichteten Deichselstangen bekam er Lust, dieses Signal noch zu vervollkommnen und Nikita zu belehren.
„Warte mal, ich will noch eine Flagge machen,“ sagte er und hob das Tuch auf, das er sich vom Kragen abgebunden und in den Schlitten geworfen hatte. Er zog die Handschuhe aus, reckte sich in die Höhe, um hinaufzureichen, und band das Tuch mit einem festen Knoten an den Polsterriemen neben die Deichselstangen.
Das Tuch begann sofort wild zu flattern; bald legte es sich eng an die eine Deichselstange an, bald wehte es plötzlich zur Seite, spannte sich und knatterte.
„Sieh nur, wie geschickt ich das gemacht habe,“ sagte Wasili Andrejitsch, wohlgefällig sein Werk betrachtend, und stieg wieder in den Schlitten. „Beide zusammen hätten wir es hier wärmer; aber zwei können hier nicht sitzen,“ sagte er.
„Ich werde schon einen Platz finden,“ antwortete Nikita. „Ich muß nur erst das Pferd zudecken; ganz in Schweiß ist es geraten, das liebe Tier. Erlauben Sie mal,“ fügte er hinzu, und an den Schlitten herantretend, zog er den Sack unter Wasili Andrejitsch hervor. Er legte ihn doppelt zusammen, und nachdem er vorher den Umlaufriemen und das Rückenpolster abgenommen hatte, bedeckte er den Braungelben mit dem Sacke.
„So wirst du es doch ein bißchen wärmer haben, mein Dummerchen,“ sagte er und legte dem Pferde über den Sack wieder das Rückenpolster und den schweren Umlaufriemen auf.
Als Nikita mit dieser Arbeit fertig war, trat er wieder zum Schlitten. „Die Packleinwand werden Sie wohl nicht nötig haben?“ sagte er. „Und etwas Stroh können Sie mir auch geben.“
Und nachdem er das eine und das andere seinem Herrn unter dem Leibe weggezogen hatte, ging er hinter die Rücklehne des Schlittens, grub sich dort im Schnee eine Grube und legte das Stroh hinein. Dann zog er sich die Mütze tief ins Gesicht, wickelte sich fest in seinen Mantel, bedeckte sich darüber noch mit der Packleinwand, setzte sich auf das ausgebreitete Stroh und lehnte sich gegen das aus Bast verfertigte Hinterteil des Schlittens, das ihn gegen den Wind und den Schnee schützte.
Wasili Andrejitsch schüttelte mißbilligend den Kopf zu dem, was Nikita tat, wie er denn überhaupt gegen die Unbildung und Dummheit des niedrigen Volkes eine starke Verachtung hegte, und traf nun auch seinerseits seine Vorbereitungen für die Nacht.
Er breitete das übriggebliebene Stroh im Schlitten gleichmäßig aus, aber so, daß es da, wo er mit der Seite des Körpers darauf liegen wollte, etwas dichter war; darauf steckte er die Hände in die Ärmel und suchte sich mit dem Kopfe eine bequeme Lage in einer Ecke des Schlittens am Vorderteil, das ihm einen Schutz gegen den Wind gewährte. Zu schlafen beabsichtigte er nicht. Er lag da und dachte nach; er dachte immer nur an ein und dasselbe, was den einzigen Zweck und Inhalt, die Freude und den Stolz seines Lebens bildete: wieviel Geld er schon erworben habe und noch erwerben könne, und wieviel Geld andere Leute, die er kannte, erworben hätten und besäßen, und auf welche Weise diese anderen ihr Geld erworben hätten und immer noch mehr erwürben, und daß er, in derselben Weise wie sie, noch sehr viel Geld erwerben könne.
„Die Eichen werden gute Schlittenkufen geben. Selbstverständlich auch Balken. Und Brennholz mag wohl jede Dessätine noch dreißig Klafter liefern,“ so rechnete er, den Wert des Waldes abschätzend, den er im Herbst besichtigt hatte und jetzt zu kaufen beabsichtigte. „Aber zehntausend Rubel werde ich ihm doch nicht geben, sondern nur achttausend; und dann mache ich ihm noch einen Abzug für die Lichtungen. Den Feldmesser werde ich schmieren; hundert oder auch hundertfünfzig Rubel muß ich ihm wohl in den Rachen werfen, dann wird er mir schon so ein fünf Dessätinen Lichtungen herausmessen. Und für achttausend Rubel wird er mir den Wald schon lassen; dreitausend lege ich ihm gleich ohne weiteres bar hin. Da mache ich mir keine Sorge; er wird sich schon herumkriegen lassen,“ dachte er und fühlte mit dem Oberarm nach den Banknoten in der Brusttasche. „Und wie wir von der Wegscheide an uns haben verirren können, das mag der Himmel wissen. Hier müßte doch ein Wald sein und die Hütte des Waldwächters. Wenn doch ein Hund zu hören wäre. Aber gerade wenn's nötig ist, bellen die verdammten Köter nicht.“ Er öffnete ein wenig den Kragen, horchte hinaus und blickte umher. Zu sehen war in der Dunkelheit nur als schwarze Masse der Kopf des Braungelben und sein Rücken, auf dem der Sack hin und her wehte; zu hören war immer nur dasselbe Pfeifen des Windes, das Flattern und Knattern des Tuches an der Deichsel und der wie Peitschenhiebe klingende Ton des gegen die Bastwand des Schlittens getriebenen Schnees. Er mummte sich wieder ein. „Wenn man das gewußt hätte, wäre man ja lieber da über Nacht geblieben. Na, ganz egal, dann kommen wir eben morgen hin. Nur daß ich einen Tag verloren habe. Aber bei solchem Wetter werden die andern auch nicht hinfahren.“ Und nun fiel ihm ein, daß er am nächsten Tage vom Fleischer Geld für Hammel zu erhalten hatte. „Er wollte selbst kommen; nun wird er mich nicht zu Hause treffen, und meine Frau wird nicht verstehen, das Geld in Empfang zu nehmen; sie ist doch gar zu ungebildet. Auf die richtigen Umgangsformen versteht sie sich nicht,“ dachte er weiter, in Erinnerung daran, daß sie nicht verstanden hatte, sich dem Landkommissär gegenüber zu benehmen, der gestern zum Feiertage bei ihm zu Besuch gekommen war. „Es ist ja auch erklärlich; sie ist eben ein Frauenzimmer; wo hätte sie denn auch etwas gesehen und gelernt? Als meine Eltern noch lebten, wie sah damals unser jetziges Hauswesen aus? Alles hatte nur einen sehr geringen Zuschnitt; mein Vater war ja für einen Bauer wohlhabend, aber eben nur ein Bauer; eine Graupenmühle und eine Herberge, das war das ganze Vermögen. Und was habe ich in den fünfzehn Jahren daraus gemacht? Ich habe einen Laden, zwei Schenken, eine Mühle, eine Getreidehandlung. Zwei Güter habe ich in Pacht. Mein Haus und mein Speicher haben Blechdächer,“ sagte er sich mit Stolz. „Das ist jetzt eine andere Sache als zu Lebzeiten meines Vaters! Wer ist jetzt in der ganzen Gegend der angesehenste Mann? Brechunow!“
„Und woher kommt das? Weil ich alle meine Gedanken auf das Geschäft richte, weil ich mich anstrenge, weil ich es nicht so mache wie andre Leute, die faulenzen oder sich mit Dummheiten abgeben. Aber ich gönne mir oft nicht einmal in der Nacht den Schlaf. Und selbst wenn's schneit und stürmt, ich fahre doch. Na, da geht denn auch das Geschäft nach Wunsch. Die Leute denken, man könnte so spielend Geld erwerben. Nein, arbeiten muß man, sich den Kopf zerbrechen. Sie bilden sich ein, man könnte durch irgendwelchen Glücksfall in die Höhe kommen. Da, dieser Mironow, der ist jetzt Millionär. Und warum? Gearbeitet hat er, gearbeitet. Dann gibt's einem der liebe Gott. Wenn mich nur Gott gesund erhält.“ Und der Gedanke, daß auch er ein solcher Millionär werden könne wie Mironow, der mit nichts angefangen hatte, dieser Gedanke regte Wasili Andrejitsch so auf, daß er das Bedürfnis verspürte, mit jemand ein bißchen zu reden. Aber es war niemand da, mit dem er hätte reden können. Wäre er nur nach Gorjatschkino hingekommen, dann hätte er mit dem Gutsbesitzer sprechen und dem ein Licht darüber aufstecken können, was er, Brechunow, für ein ausgezeichneter Mensch sei.
„Nun sieh mal an, wie das bläst! Wir werden noch so einschneien, daß wir uns am Morgen gar nicht werden herausarbeiten können,“ dachte er, während er auf die heftigen Stöße des Windes horchte, der den Schnee gegen das Vorderteil des Schlittens peitschte und so stark blies, daß die Bastwand sich bog.
„Es war ein Fehler, daß ich auf Nikita gehört habe,“ dachte er. „Wir hätten weiterfahren sollen; irgendwohin würden wir schon gekommen sein. Und selbst wenn wir wieder nach Grischkino zurückgekommen wären, so hätten wir wenigstens bei Taras übernachten können. Aber nun kann man hier die ganze Nacht sitzen. Ja, ich dachte doch vorhin an etwas Schönes; was war das nur? Richtig, daß Gott einem nur für tüchtige Arbeit etwas gibt, aber nicht den Taugenichtsen, Faulpelzen und Dummköpfen … Aber ich muß ein bißchen rauchen.“ Er setzte sich hin, holte sein Zigarettenetui hervor, legte sich auf den Bauch nieder und beschirmte die Flamme mit dem Schoße des Pelzes gegen den Wind; aber der Wind fand trotzdem seinen Weg und löschte die Streichhölzer eines nach dem andern aus. Endlich gelang es ihm mit besonderer Kunst, eine Zigarette in Brand zu bekommen, und daß er das erreicht hatte, freute ihn gewaltig. Allerdings rauchte weit mehr der Wind als er selbst die Zigarette auf; aber er konnte doch etwa drei Züge tun und kam dadurch wieder in vergnügtere Stimmung. Er streckte sich wieder im Schlitten aus, jetzt mit dem Kopfe nach dem Hinterteil desselben, wickelte sich ein, überließ sich wieder seinen Erinnerungen und Träumereien und versank in Halbschlummer. Aber auf einmal war es ihm, als bekäme er einen Stoß, und er wachte auf. Hatte der Braungelbe ein Maulvoll Stroh unter ihm hervorgezogen, oder war es irgendwelche Aufregung in seinem Innern gewesen – genug, er erwachte, und das Herz begann ihm so schnell und so heftig zu schlagen, daß es ihm schien, als zittere der Schlitten unter ihm. Er öffnete die Augen. Um ihn herum war alles unverändert; nur heller schien es ihm geworden zu sein. „Es tagt,“ dachte er, „es kann nicht mehr lange hin sein bis zum Morgen.“ Aber sogleich fiel ihm ein, daß die größere Helligkeit nur davon herrührte, daß der Mond aufgegangen war. Er richtete sich auf und blickte zuerst nach dem Pferde. Der Braungelbe stand noch immer mit dem Hinterteile gegen den Wind und zitterte am ganzen Leibe. Der mit Schnee bedeckte Sack hatte sich auf der einen Seite umgeschlagen, der Umlaufriemen war schief gerutscht, und der von Schnee bedeckte Kopf mit dem flatternden Haarschopf und der flatternden Mähne war jetzt im Hellen deutlicher sichtbar. Wasili Andrejitsch beugte sich über die Rückwand des Schlittens und blickte nach hinten. Nikita saß noch immer in derselben Stellung da, in der er sich hingesetzt hatte. Die Packleinwand, die er über sich gebreitet hatte, und seine Beine waren dicht mit Schnee bedeckt. „Wenn der Mensch nur nicht erfriert; seine Kleidung ist gar zu schlecht. Dann werde ich noch dafür verantwortlich gemacht werden. Er hat sich auch bei dem Umherlaufen übermäßig angestrengt, und die beste Konstitution hat er sowieso nicht,“ dachte Wasili Andrejitsch und wollte schon dem Pferde den Sack abnehmen und Nikita damit zudecken; aber es war ihm doch zu kalt, um aufzustehen und hin und her zu gehen; auch fürchtete er, das Pferd könne ihm erfrieren. „Wozu habe ich ihn überhaupt mitgenommen? Daran ist nur sie mit ihrer Dummheit schuld,“ dachte Wasili Andrejitsch, in Erinnerung an seine ungeliebte Frau, und streckte sich wieder auf seinem früheren Platze aus, mit dem Kopfe nach dem Vorderteile des Schlittens. „So hat auch mein Onkel einmal eine ganze Nacht im Schnee zugebracht,“ fiel ihm ein, „und es hat ihm nichts geschadet. Aber freilich, Sewastjan,“ hier kam ihm ein anderer Fall ins Gedächtnis, „als man den ausgrub, da war er tot, ganz starr, wie ein geschlachtetes Rind, das man hat steif frieren lassen.“
„Wenn ich in Grischkino über Nacht geblieben wäre, dann wäre das nicht passiert.“ Und nachdem er sich sorgsam eingewickelt hatte, damit die Wärme des Pelzes nirgends verloren ginge und er es überall, am Halse, an den Knien und an den Füßen, warm hätte, schloß er die Augen und versuchte einzuschlafen. Aber trotz aller Bemühungen behielt er immer das Bewußtsein, ja er fühlte sich sogar vollkommen frisch und angeregt. Wieder begann er seine Gewinne zu berechnen, und wieviel Geld ihm andre Leute schuldig waren; wieder prahlte er vor sich selber und freute sich über seine Persönlichkeit und über die Stellung, die er einnahm; – aber jetzt wurden diese vergnüglichen Gedanken fortwährend durch die heranschleichende Angst unterbrochen und durch den Ärger darüber, daß er nicht in Grischkino über Nacht geblieben war. Er drehte sich mehrmals herum und legte sich anders zurecht, in der Absicht, eine bequemere und mehr gegen den Wind geschützte Lage zu finden; aber alles kam ihm unbequem vor; er richtete sich wieder auf, veränderte seine Lage, wickelte sich die Beine ein, schloß die Augen und verhielt sich ruhig. Aber dann machte sich entweder in den zusammengekrümmten Beinen, die in den hohen Filzstiefeln steckten, ein dumpfer Schmerz fühlbar, oder es zog auch irgendwo durch, und so dachte er denn, nachdem er eine kurze Weile so gelegen hatte, wieder mit ingrimmigem Ärger über sich selbst daran, daß er jetzt ruhig in der warmen Stube zu Grischkino liegen könnte, und erhob sich wieder, wälzte sich herum, wickelte sich ein und legte sich wieder anders zurecht.
Einmal kam es ihm vor, als höre er in der Ferne Hähne krähen. Ein Gefühl der Freude stieg in ihm auf; er schlug den Kragen des Pelzes zurück und horchte gespannt; aber wie sehr er auch sein Gehör anstrengte, es war nichts zu hören als das Geräusch des Windes, der um die Deichselstangen pfiff, und das Geräusch des Schnees, der gegen die Bastwand des Schlittens schlug. Nikita saß noch immer so da, wie er sich am Abend hingesetzt hatte; er hatte sich die ganze Zeit über nicht gerührt und seinem Herrn nicht einmal geantwortet, der ihn einige Male angerufen hatte. „Der hat keinen Kummer; er schläft gewiß,“ dachte Wasili Andrejitsch ärgerlich, indem er über die Rücklehne des Schlittens hinüber auf den dicht beschneiten Nikita hinblickte.
So stand Wasili Andrejitsch wohl zwanzigmal auf und legte sich wieder hin. Es schien ihm, als wolle diese Nacht gar kein Ende nehmen. „Jetzt muß der Morgen schon nahe sein,“ dachte er einmal, als er sich erhob und um sich blickte. „Ich will mal nach der Uhr sehen. Ich werde zwar tüchtig frieren, wenn ich meine Umhüllung aufmache; aber wenn ich erfahre, daß es auf den Morgen zugeht, dann wird mir gleich fröhlicher zumute sein. Dann wollen wir auch bald anspannen.“ Im Grunde seines Herzens wußte Wasili Andrejitsch, daß es noch nicht Morgen sein konnte; aber seine Angst wuchs immer mehr, und er wünschte gleichzeitig, sowohl die Wahrheit festzustellen als auch sich selbst zu täuschen. Vorsichtig öffnete er die Haken seines Halbpelzes, steckte die Hand an der Brustgegend hinein und wühlte lange umher, bis er zur Weste gelangte. Mühsam, mühsam zog er seine silberne, mit emaillierten Blumen verzierte Uhr heraus und versuchte zu sehen, wie spät es war. Aber ohne Licht war nichts zu erkennen. Er legte sich wieder auf den Bauch, ebenso wie eine Weile vorher, als er sich die Zigarette anzündete, holte die Streichhölzer heraus und machte sich daran, eines anzustreichen. Diesmal ging er mit größerer Sorgfalt zu Werke: er suchte durch Betasten mit den Fingern dasjenige Hölzchen heraus, welches die größte Phosphormasse hatte, und es gelang ihm gleich beim erstenmal, es zum Brennen zu bringen. Er hielt das Zifferblatt unter die Flamme und betrachtete es: aber er traute seinen Augen nicht; es war erst zehn Minuten über zwölf. Die ganze Nacht lag noch vor ihm.
„O weh, was ist das für eine lange Nacht!“ dachte Wasili Andrejitsch und fühlte, wie ihm ein kalter Schauder über den Rücken lief. Und nachdem er sich wieder zugeknöpft und eingemummt hatte, drückte er sich von neuem in seine Schlittenecke. Plötzlich vernahm er durch das eintönige Brausen des Windes hindurch mit Sicherheit einen neuen Ton, einen Ton von etwas Lebendigem. Dieser Ton schwoll gleichmäßig an, und nachdem er zu vollständiger Deutlichkeit gelangt war, wurde er mit derselben Gleichmäßigkeit wieder schwächer. Es konnte kein Zweifel darüber bestehen, daß es ein Wolf war. Und dieser Wolf heulte in solcher Nähe, daß man, da auch der Wind von dort herüber stand, deutlich hören konnte, wie er durch die Drehung der Kinnlade den Klang seiner Stimme veränderte. Wasili Andrejitsch hatte den Kragen zurückgeschlagen und lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit. Der Braungelbe horchte gleichfalls, die Ohren bewegend, angestrengt danach hin und wechselte, als der Wolf mit seinem Geheul aufhörte, die Fußstellung und schnaubte warnend. Von nun an vermochte Wasili Andrejitsch schlechterdings nicht mehr einzuschlafen, ja überhaupt nicht innerlich ruhig zu sein. Wie sehr er sich auch bemühte, an seine Rechnungen, an seine Geschäfte, an seinen Ruhm, seine angesehene Stellung und seinen Reichtum zu denken, so bemächtigte sich seiner doch immer mehr eine furchtbare Angst und drängte alle andern Gedanken zurück, und in alle Gedanken mischte sich der Gedanke ein, warum er nicht über Nacht in Grischkino geblieben sei.
„Was scher ich mich um den dummen Wald; meine Geschäfte gehen, Gott sei Dank, auch ohne ihn gut. Ach, wenn ich doch ein Nachtlager unter Dach und Fach hätte!“ sagte er zu sich selbst. „Man sagt, daß Betrunkene am leichtesten erfrieren,“ dachte er, „und ich habe ziemlich stark getrunken.“ Und während er nun auf seine Empfindungen achtete, fühlte er, daß er zu zittern anfing, ohne selbst zu wissen, weswegen er zitterte, ob vor Kälte oder vor Furcht. Er versuchte, sich einzumummen und dazuliegen wie vorher; aber er war nicht mehr imstande, das zu tun. Es war ihm unmöglich, ruhig auf einem Fleck zu bleiben; es verlangte ihn, aufzustehen und irgend etwas zu unternehmen, um die in ihm aufsteigende Angst, gegen die er sich machtlos fühlte, zu übertäuben. Er holte wieder die Zigaretten und die Streichhölzer hervor; aber es waren nur noch drei Streichhölzer übrig, und die waren sämtlich schlecht. Bei allen dreien rieb sich die Zündmasse ab, ohne daß sie Feuer gefangen hätten.
„Hol dich der Teufel, verfluchtes Biest! Fort mit dir!“ schimpfte er, ohne selbst zu wissen, auf wen, und schleuderte die verdrückte Zigarette von sich. Auch das Streichholzschächtelchen wollte er schon wegschleudern; aber er hemmte noch diese Bewegung seiner Hand und schob das Schächtelchen in die Tasche. Es überkam ihn eine solche Unruhe, daß er nicht länger an seinem Platze bleiben konnte. Er stieg aus dem Schlitten, stellte sich mit dem Rücken gegen den Wind und band sich seinen Gurt anders um, nämlich recht tief unten und recht fest.
„Wozu soll ich hier liegen und auf den Tod warten? Ich will mich auf das Pferd setzen, und dann vorwärts!“ Dieser Gedanke schoß ihm auf einmal durch den Kopf. „Mit einem Reiter wird dem Pferde die Kraft nicht versagen. Ihm,“ dachte er mit Bezug auf Nikita, „kann es ganz gleich sein, ob er stirbt. Was hat er für ein Leben! Um ein solches Leben kann es ihm nicht leid sein. Aber ich habe, Gott sei Dank, so viel, daß ich mein Leben genießen kann …“
Er band das Pferd los, warf ihm die Zügel auf den Hals und wollte aufsteigen; aber es mißglückte ihm. Dann stellte er sich auf den Schlitten und wollte vom Schlitten aus aufsteigen. Aber der Schlitten schwankte unter seinem Gewichte, und er kam wieder nicht hinauf. Beim dritten Male stellte er das Pferd wieder dicht neben den Schlitten, und indem er vorsichtig auf den Rand des Schlittens trat, gelang es ihm endlich insoweit, daß er mit dem Bauche über den Rücken des Pferdes zu liegen kam. Nachdem er so ein Weilchen still gelegen hatte, schob er sich einmal und noch einmal vorwärts und brachte endlich das Bein über den Rücken des Pferdes hinüber; er setzte sich zurecht und stützte sich mit den Füßen in Ermangelung von Steigbügeln auf den langen Umlaufriemen. Nikita war von dem Stoße, den ihm der schwankende Schlitten versetzt hatte, aufgewacht und richtete sich auf; und es kam Wasili Andrejitsch so vor, als ob er etwas sagte.
„Das fehlte noch, daß man täte, was einem solche Dummköpfe raten! Na ja, ich soll wohl hier um nichts und wieder nichts umkommen?“ rief Wasili Andrejitsch, schob sich die auseinanderflatternden Schöße seines Pelzes unter die Knie, wendete das Pferd um und trieb es an, vom Schlitten weg in der Richtung, wo nach seiner Meinung der Wald und das Wächterhäuschen sein mußten.
VII
Nikita hatte von dem Augenblicke an, wo er sich mit der Packleinwand eingehüllt und sich hinter der Hinterwand des Schlittens hingesetzt hatte, dagesessen, ohne sich zu rühren. Wie alle Menschen, die mit der Natur leben und die Not kennen, war er geduldig und konnte Stunden, ja Tage lang ruhig warten, ohne in Unruhe oder Erregung zu geraten. Er hatte gehört, wie sein Herr ihn vorhin einige Male angerufen hatte; aber er hatte nicht geantwortet, weil er sich nicht bewegen mochte.
Der Gedanke, daß er in dieser Nacht sterben könne, ja aller Wahrscheinlichkeit nach werde sterben müssen, kam ihm gleich damals, als er sich hinter dem Schlitten niedersetzte. Obgleich ihm von dem getrunkenen Tee und von der starken Bewegung beim Herumwaten durch die Schneewehen noch warm war, so wußte er doch, daß diese Wärme nicht lange vorhalten und er nicht mehr imstande sein werde, sich durch Bewegung zu erwärmen, weil er sich entsetzlich müde fühlte. Er fühlte sich in demselben Zustande wie ein Pferd, das völlig den Dienst versagt und erst gefüttert werden muß, um wieder weiterarbeiten zu können. Außerdem war ihm der eine Fuß in dem zerrissenen Stiefel ganz erstarrt, und er fühlte an ihm die große Zehe nicht mehr. Und auch am ganzen Körper fror er immer heftiger.
Der Gedanke, daß er in dieser Nacht sterben werde, erschien ihm weder besonders traurig noch besonders furchtbar. Besonders traurig konnte ihm dieser Gedanke nicht erscheinen, weil sein ganzes Leben ganz und gar nicht ein ununterbrochener Festtag, sondern vielmehr ein steter Frondienst gewesen war, von dem er müde zu werden anfing. Auch besonders furchtbar war ihm dieser Gedanke nicht, weil er, abgesehen von den Brotherren, denen er, wie jetzt diesem Wasili Andrejitsch, hier auf Erden diente, sich von dem höchsten Herrn abhängig fühlte, von Ihm, der ihn in dieses Leben gesandt hatte, und weil er wußte, daß er, auch wenn er sterbe, in der Hand dieses Herrn bleibe, und daß dieser Herr ihm nichts Übles tun werde.
„Es kann einem ja leid tun, so alles zu verlassen, worin man sich eingelebt und woran man sich gewöhnt hat. Na, aber was ist zu machen? Dann muß man sich eben auch an das Neue gewöhnen.“
„Und die Sünden?“ dachte er auf einmal und erinnerte sich an seine Trunksucht, an das vertrunkene Geld, und wie er seine Frau geschimpft und mißhandelt und oft die Kirche versäumt und die Fasten nicht gehalten hatte, und an alles, was ihm sonst noch vom Popen in der Beichte zum Vorwurf gemacht worden war. „Gewiß, das sind Sünden. Aber habe ich die denn selbst verschuldet? Offenbar hat mich doch Gott so geschaffen. Na ja, mögen es Sünden sein. Was soll ich nun dabei tun?“
So überlegte er das, was ihm in dieser Nacht zustoßen konnte, und nachdem er über diesen Punkt dergestalt mit sich ins reine gelangt war, überließ er sich allerlei Gedanken und Erinnerungen, die ihm von selbst in den Kopf kamen. Er dachte daran, wie Marfa gekommen war, und wie die Knechte sich betrunken hatten und er sich geweigert hatte mitzutrinken, und dann wieder an die jetzige Fahrt, und an die Stube im Hause des Bauern Taras, und an die Gespräche über die Wirtschaftsteilungen, und an seinen Sohn, und an den Braungelben, der es jetzt unter der Decke warm habe, und an seinen Herrn, der sich so unruhig umherwälze, daß der Schlitten knarre. „Ich meine, dem guten Manne tut es jetzt selbst leid, daß er gefahren ist,“ dachte er. „Von einem so angenehmen Leben mag man nicht gern Abschied nehmen; das ist eine andere Sache wie bei unsereinem.“ Und alle diese Erinnerungen und Gedanken begannen sich in seinem Kopfe zu vermengen und wirr durcheinander zu schlingen, und er schlief ein.
Als aber Wasili Andrejitsch beim Besteigen des Pferdes den Schlitten ins Schwanken brachte und die Hinterwand, an die sich Nikita mit dem Rücken lehnte, zurückwich und er von der einen Kufe einen Stoß in den Rücken bekam, da wachte er auf und sah sich, ob er nun wollte oder nicht, genötigt, seine Lage zu verändern. Mit Mühe streckte er die Beine gerade, schüttelte den Schnee von ihnen ab und erhob sich; sofort aber durchdrang auch eine peinigende Kälte seinen ganzen Körper. Nachdem er begriffen hatte, was vorging, kam ihm der Wunsch, Wasili Andrejitsch möchte ihm den Sack dalassen, den das Pferd nun nicht mehr nötig hatte, damit er sich mit ihm zudecken könne, und er rief ihm das zu.
Aber Wasili Andrejitsch hielt sich nicht länger auf und verschwand in dem stäubenden Schnee. Allein zurückgeblieben, überlegte Nikita einen Augenblick lang, was er nun tun solle. Wegzugehen und nach einer menschlichen Wohnung zu suchen, dazu fühlte er nicht mehr die Kraft in sich. Auch sich wieder auf seinen alten Platz zu setzen war nicht mehr möglich: der war schon ganz von Schnee bedeckt. Im Schlitten aber, das fühlte er, würde er sich nicht warm halten können, weil er nichts hatte, um sich zuzudecken, und sein Mantel und sein Pelz ihn gar nicht wärmten. Er fror, als wäre er im bloßen Hemde. So stand er ein Weilchen und überlegte; dann seufzte er, und ohne die Packleinwand vom Kopfe zu nehmen, legte er sich im Schlitten auf den Platz, den vorher sein Herr eingenommen hatte.
Er ballte sich unten am Boden des Schlittens zu einem möglichst kleinen Klumpen zusammen, konnte aber schlechterdings nicht warm werden. So lag er etwa fünf Minuten lang, am ganzen Leibe zitternd; dann ging das Zittern vorüber, und er verlor allmählich das Bewußtsein. Ob er sterbe oder einschlafe, das wußte er nicht; aber er fühlte sich in gleicher Weise zu dem einen wie zu dem andern bereit. Nur ganz unklar dachte er: „Wenn es Gott gefällt, daß ich noch einmal hier in dieser Welt lebend aufwache und wie früher als Knecht lebe und immer in derselben Weise fremde Pferde pflege und fremden Roggen nach der Mühle fahre und in derselben Weise mich betrinke und das Trinken abschwöre und in derselben Weise meinen Arbeitsverdienst meinem Weibe und diesem Böttcher hingebe und in derselben Weise darauf warte, daß mein Sohn heranwächst: so geschehe Sein heiliger Wille. Und wenn es Gott gefällt, daß ich in einer andern Welt erwache, wo alles ebenso neu und beglückend sein wird, wie mir hier auf Erden in meiner ersten Kindheit die Liebkosungen meiner Mutter und das Spielen mit anderen Kindern und das Schlittenfahren im Winter und die Wiesen und die Wälder neu und beglückend waren, und daß für mich ein anderes, neues, wunderbares Leben beginne: so geschehe Sein heiliger Wille.“ Dann verlor Nikita völlig das Bewußtsein.
VIII
Unterdessen ritt Wasili Andrejitsch, das Pferd mit den Füßen und den Enden der Zügel antreibend, in der Richtung dahin, wo er aus irgendwelchem Grunde den Wald und das Wächterhäuschen vermutete. Der Schnee verklebte ihm die Augen, und der Wind schien ihn zurückhalten zu wollen; aber er trieb, sich ganz vornüber beugend, unaufhörlich das Pferd an. Dabei schlug er fortwährend seinen Pelz zusammen und schob ihn zwischen seinen Körper und das kalte, mit Nägeln beschlagene Rückenpolster, das ihm beim Sitzen hinderlich war. Das Pferd ging gehorsam, wiewohl nur mit großer Mühe, im Paßgang dahin, wohin er es lenkte.
So ritt er ungefähr fünf Minuten, immer geradeaus, wie er meinte, ohne etwas anderes zu sehen als den Kopf des Pferdes und die weiße Wüste, und ohne etwas anderes zu hören als das Pfeifen des Windes um die Ohren des Pferdes und um den Kragen seines Pelzes.
Plötzlich zeigte sich vor ihm etwas Dunkles. Das Herz in der Brust begann ihm freudig zu pochen, und er ritt auf dieses Dunkle zu, in welchem er bereits die Wände von Bauernhäusern zu erkennen glaubte. Aber dieses Dunkle war nicht unbeweglich, sondern schwankte fortwährend und war kein Dorf, sondern ein Grenzrain, der mit hohen, aus dem Schnee herausragenden Beifußstauden bewachsen war, welche der durch sie hindurchpfeifende Wind immer nach einer Seite bog. Und ohne eigentlichen Grund schauderte beim Anblicke dieser vom Winde unbarmherzig mißhandelten Beifußstauden Wasili Andrejitsch zusammen und trieb eilig das Pferd weiter, ohne zu beachten, daß er beim Heranreiten an die Beifußstauden die frühere Richtung vollständig verändert hatte und jetzt das Pferd nach einer ganz anderen Seite trieb, immer noch in der Vorstellung, daß er nach der Seite ritte, wo sich das Wächterhäuschen befinden müsse. Aber das Pferd strebte immer nach rechts, und deshalb lenkte er es die ganze Zeit über mehr nach links.
Wieder erblickte er etwas Dunkles vor sich. Er freute sich, überzeugt, daß es diesmal nun sicher ein Dorf sei. Aber es war wieder ein mit Beifuß bewachsener Rain. Und wieder schwankten die Stauden wild hin und her und flößten dem einsamen Reiter eine unerklärliche Angst ein. Und nicht genug damit, daß dies ebensolche Beifußstauden waren; es führte an ihnen auch eine vom Winde fast verwehte Pferdespur vorbei. Wasili Andrejitsch hielt an, beugte sich hinunter und blickte scharf hin: es war eine leicht mit Schnee überdeckte Pferdespur, und sie konnte von keinem anderen Pferde herrühren als von seinem eigenen. Er war offenbar im Kreise herumgeritten, und zwar auf einem kleinen Raume. „So gehe ich zugrunde,“ dachte er; aber um nicht ganz von der Furcht übermannt zu werden, trieb er das Pferd noch heftiger an und starrte immer in den weißen Schneenebel hinein, in welchem er nichts sah als ab und zu aufschimmernde und sofort wieder verschwindende leuchtende Punkte. Einmal glaubte er, das Bellen von Hunden oder das Heulen von Wölfen zu hören; aber diese Laute waren so schwach und unbestimmt, daß er nicht wußte, ob er wirklich etwas höre oder es sich nur einbilde. Er hielt das Pferd an und horchte mit größter Spannung.
Plötzlich ertönte nicht weit von seinen Ohren ein furchtbares, betäubendes Schreien, und alles erzitterte und erbebte unter ihm. Wasili Andrejitsch klammerte sich an den Hals des Pferdes; aber auch dieser ganze Hals zitterte, und das furchtbare Geschrei wurde noch entsetzlicher. Einige Sekunden lang vermochte Wasili Andrejitsch gar nicht zur Besinnung zu kommen und sich darüber klar zu werden, was eigentlich geschehen war. Aber was geschehen war, bestand nur darin, daß der Braungelbe, sei es um sich Mut zu machen, sei es um jemand zur Hilfe herbeizurufen, ein lautes, schallendes Gewieher ausgestoßen hatte.
„Zum Teufel noch einmal! Was hast du mir für einen Schreck eingejagt, verdammtes Vieh!“ sagte Wasili Andrejitsch vor sich hin.
Aber auch nachdem er die wahre Ursache seiner Angst erkannt hatte, konnte er sich von dieser Angst nicht mehr frei machen.
„Ich muß mich sammeln, muß meine Gedanken zusammennehmen,“ sagte er zu sich, konnte sich aber dabei doch nicht zur Ruhe zwingen und trieb das Pferd unaufhörlich an, ohne zu bemerken, daß er jetzt mit dem Winde ritt, und nicht mehr gegen den Wind. Sein Körper fror, schmerzte und zitterte, namentlich zwischen den Beinen am Schritt, wo er ungeschützt war und das Rückenpolster berührte. Der Gedanke an das Wächterhäuschen war ihm ganz aus dem Sinn gekommen, und er wünschte jetzt nur noch eines: zu dem Schlitten zurückzukehren, um nicht so einsam und allein wie diese Beifußstauden mitten in dieser furchtbaren Schneewüste zugrunde zu gehen.
Auf einmal sank das Pferd unter ihm weg; es war in eine Schneegrube hineingeraten und begann nun mit den Beinen um sich zu schlagen, fiel aber zur Seite. Wasili Andrejitsch sprang herunter, wobei er den Umlaufriemen, auf den er sich mit dem Fuße gestützt hatte, ganz seitwärts verschob und das Rückenpolster, an dem er sich beim Abspringen gehalten hatte, schief zog. Sobald er vom Pferde heruntergesprungen war, kam das Pferd wieder mit sich zurecht, tat einen Ruck nach vorn, machte einen Sprung, dann noch einen, stieß wieder ein Gewieher aus, und indem es den auf dem Boden schleifenden Sack und den Umlaufriemen hinter sich her schleppte, verschwand es seinem Herrn aus den Augen und ließ diesen allein in der Schneemasse zurück. Wasili Andrejitsch lief ihm nach; aber der Schnee war so tief und seine Pelze so schwer, daß er nicht mehr als zwanzig Schritte machen konnte, wobei er mit jedem Beine bis über das Knie einsank; dann blieb er atemlos stehen. „Der Wald, die Hammel, die gepachteten Güter, der Laden, die Schenken,“ dachte er, „was wird nun aus alledem werden? Was geschieht denn hier mit mir? Das kann doch nicht sein!“ fuhr es ihm durch den Kopf. Und infolge einer eigenartigen Gedankenverknüpfung erinnerte er sich an die vom Winde gepeitschten Beifußstauden, an denen er zweimal auf seinem Ritte vorbeigekommen war, und es überkam ihn ein solches Grauen, daß er an die Wirklichkeit dessen, was mit ihm vorging, gar nicht zu glauben vermochte. Er dachte: „Ob mir auch nicht etwa das alles nur träumt?“ und wollte aufwachen; aber da war kein Schlaf, aus dem er hätte erwachen können. Das war wirklicher Schnee, der ihm das Gesicht peitschte und ihn beschüttete, und das war eine wirkliche Einöde, in der er jetzt allein geblieben war, wie jenes Beifußgestrüpp, und einem unvermeidlichen, baldigen, allen Sinnes und Verstandes baren Tode entgegensah.
„Königin des Himmels, wundertätiger Nikolaus!“ rief er aus, indem er sich an die gestrigen Kirchengebete erinnerte und an das Heiligenbild mit der schwarzgewordenen Malerei und dem goldenen Rahmen, und an die Kerzen, die er zum Anzünden vor diesem Heiligenbilde verkaufte, und die ihm sofort wieder zurückgebracht wurden, und die er dann, da sie kaum angebrannt waren, wieder in seinem Kasten verwahrte. Und nun betete er zu ebendiesem wundertätigen Nikolaus um seine Rettung und gelobte ihm einen Dankgottesdienst und Kerzen. Aber zugleich war er sich in zweifelloser Weise darüber klar, daß dieses Heiligenbild und sein Rahmen und die Kerzen und die Geistlichen und die Gebete, daß das alles zwar dort in der Kirche sehr wichtig und nötig sei, ihm aber hier nichts helfen könne, und daß zwischen diesen Kerzen und Gebeten einerseits und seiner jetzigen jammervollen Lage andrerseits keinerlei Zusammenhang bestehe und auch nicht bestehen könne.
„Ich darf nicht den Mut verlieren,“ sagte er sich. „Ich muß den Spuren des Pferdes folgen, sonst werden die auch noch verweht.“ Und er setzte sich wieder in Bewegung. Aber trotzdem er eigentlich beabsichtigte ruhig zu gehen, begann er doch zu laufen, fiel fortwährend, erhob sich wieder und fiel von neuem. An solchen Stellen, wo der Schnee nicht tief lag, war die Spur des Pferdes kaum noch zu erkennen. „Es ist um mich geschehen,“ dachte Wasili Andrejitsch; „ich verliere auch diese Spur noch.“ Aber in diesem Augenblicke bemerkte er, als er nach vorn sah, etwas Dunkles. Das war der Braungelbe, und der Braungelbe nicht allein, sondern auch der Schlitten mit der aufgerichteten Deichsel. Der Braungelbe, dem das Rückenpolster und der Umlaufriemen und der Sack ganz schief gerutscht waren, stand jetzt nicht auf seinem früheren Platze, sondern näher bei der Deichsel und schlug mit dem Kopfe hin und her, den ihm der Zügel, auf welchen er getreten war, nach unten zog. Es stellte sich heraus, daß Wasili Andrejitsch in derselben Vertiefung stecken geblieben war, in welcher ihm vorher mit Nikita zusammen das gleiche begegnet war, und daß das Pferd ihn zum Schlitten zurückgebracht hatte, und daß die Stelle, wo er vom Pferde gesprungen war, von dem Standorte des Schlittens nicht mehr als fünfzig Schritte entfernt gewesen war.
IX
Nachdem Wasili Andrejitsch sich zu dem Schlitten hingeschleppt hatte, hielt er sich an ihm fest und stand lange so da, ohne sich zu rühren, bemüht, sich zu beruhigen und wieder zu Atem zu kommen. Nikita befand sich nicht mehr an seinem früheren Platze; aber im Schlitten lag etwas, was schon ganz mit Schnee bedeckt war, und Wasili Andrejitsch erriet, daß das Nikita sei. Wasili Andrejitschs Furcht war jetzt vollständig verschwunden, und wenn er jetzt etwas fürchtete, so war es eben nur jener entsetzliche Angstzustand, den er auf dem Pferde und namentlich damals, als er allein in der Schneegrube zurückgeblieben war, durchgemacht hatte. Um keinen Preis durfte er es dahin kommen lassen, daß ihn diese Angst von neuem überfiel, und damit sie ihn nicht überfalle, durfte er nicht an sich selbst denken, sondern er mußte an etwas anderes denken, mußte etwas tun. Und daher stellte er sich zunächst mit dem Rücken gegen den Wind und machte seinen Pelz auf. Dann, sobald er ein wenig zu Atem gekommen war, schüttelte er den Schnee aus den Stiefeln und aus den Handschuhen. Hierauf band er sich seinen Gurt von neuem um, und zwar fest und tief unten, so wie er sich zu umgürten pflegte, wenn er aus seinem Laden heraustrat, um das von den Bauern gebrachte Getreide vom Wagen zu kaufen; so gürtete er sich auch jetzt zur Vorbereitung auf seine Tätigkeit. Das erste, was ihm nötig schien, war, das Bein des Pferdes frei zu machen. Das tat Wasili Andrejitsch denn auch, und nachdem er den Zügel unter dem Fuße des Pferdes hervorgezogen hatte, band er den Braungelben wieder an die eiserne Krampe am Vorderteile des Schlittens, am alten Fleck, und trat nun von hinten an das Pferd heran, um an ihm den Umlaufriemen, das Rückenpolster und den Sack in Ordnung zu bringen. Aber in diesem Augenblicke sah er, daß sich im Schlitten etwas bewegte und Nikitas Kopf sich aus der Schneedecke erhob. Der Knecht brachte es offenbar nur mit großer Anstrengung fertig, sich aufzurichten und hinzusetzen; darauf machte er mit der Hand ganz seltsame Bewegungen vor seiner Nase, wie wenn er da Fliegen wegjagen wollte, und sagte etwas; wie Wasili Andrejitsch meinte, rief er ihn zu sich heran.
Wasili Andrejitsch ließ den Sack, wie er war, ohne ihn zurechtgelegt zu haben, und trat zum Schlitten hin.
„Was willst du?“ fragte er. „Was sagst du?“
„Ich … ich … ster … sterbe, nun … ist's da,“ brachte Nikita mühsam in Absätzen heraus. „Meinen Arbeitslohn … geben Sie meinem Jungen … oder meiner Frau … ganz gleich.“
„Was hast du denn? Sind dir die Glieder erfroren?“ fragte Wasili Andrejitsch.
„Ich fühle … der Tod kommt … Verzeihen Sie mir … wenn ich Ihnen Übles getan habe … um Christi willen,“ sagte Nikita mit weinerlicher Stimme und fuhr dabei unaufhörlich mit den Händen vor seinem Gesichte umher, als wollte er Fliegen wegscheuchen.
Wasili Andrejitsch stand etwa eine halbe Minute lang schweigend da, ohne sich zu rühren; dann trat er plötzlich mit derselben Entschlossenheit, mit der er bei einem vorteilhaften Kaufe dem Verkäufer den Handschlag zu geben pflegte, einen Schritt zurück, streifte die Ärmel seines Pelzes auf und machte sich daran, mit beiden Händen den Schnee von Nikita und aus dem Schlitten wegzuscharren. Nachdem er dies ausgeführt hatte, machte Wasili Andrejitsch eilig seinen Gurt auf, schlug den Pelz auseinander, drückte Nikita durch einen Stoß, den er ihm versetzte, nieder und legte sich dann auf ihn, so daß er ihn nicht nur mit seinem Pelze, sondern auch mit seinem ganzen warmen, erhitzten Körper bedeckte.
Mit den Händen stopfte Wasili Andrejitsch die Seitenteile seines Pelzes zwischen die Bastwand des Schlittens und Nikitas Leib, und mit den Knien hielt er den Saum des Pelzes fest; so lag er auf dem Bauche, mit dem Kopfe gegen die Wand des Vorderteiles gelehnt. Jetzt hörte er weder die Bewegungen des Pferdes noch das Pfeifen des Sturmwindes; er horchte nur auf Nikitas Atmen. Nikita lag anfangs lange da, ohne sich zu bewegen; dann seufzte er laut und rührte sich; offenbar fing er an warm zu werden.
„Na, siehst du wohl! Und da redest du von Sterben! Lieg ganz still und wärme dich! So handeln wir …“ begann Wasili Andrejitsch zu reden.
Aber weiter konnte er zu seiner größten Verwunderung nicht sprechen, da ihm die Tränen in die Augen traten und der Unterkiefer hastig zu zucken anfing. Er hörte auf zu sprechen und schluckte nur das, was ihm in die Kehle kam, hinunter.
„Das hat mich ja gehörig angegriffen, ich bin ganz schwach geworden,“ dachte er bei sich. Aber diese Schwäche war ihm nicht unangenehm; im Gegenteil, sie rief in ihm ein ganz besonderes Gefühl der Freude hervor, wie er es bisher noch nie kennen gelernt hatte.
„So handeln wir!“ sagte er zu sich selbst und empfand dabei eine ganz eigenartige feierliche Rührung. So lag er ziemlich lange Zeit schweigend da, wischte sich die Augen an dem Pelzwerk ab und stopfte den rechten Pelzschoß, den der Wind immer wieder zurückschlug, unter sein Knie.
Aber er verspürte eine brennende Lust, jemandem etwas über seinen freudigen Gemütszustand zu sagen.
„Nikita!“ rief er.
„Mir ist wohl, mir ist warm,“ erscholl es von unten als Antwort.
„So ist es recht, Bruder! Beinah wäre ich ins Verderben geraten. Du wärest erfroren, und ich wäre …“
Aber hier fingen ihm wieder die Kinnbacken an zu zittern, und seine Augen füllten sich wieder mit Tränen, und er konnte nicht weiterreden.
„Na, das schadet nichts,“ dachte er. „Ich weiß doch selbst über mich, was ich weiß.“ Und er verstummte.
Einige Male blickte er nach dem Pferde hin und bemerkte, daß dessen Rücken unbedeckt war und der Sack sowie der Umlaufriemen auf den Schnee herunterhingen; er sagte sich, daß er aufstehen und das Pferd zudecken müsse; aber er konnte sich nicht entschließen, Nikita auch nur für einen Augenblick zu verlassen und den freudigen Gemütszustand, in welchem er selbst sich befand, zu stören. Angst empfand er jetzt gar keine.
Es war ihm warm, von unten her durch Nikita, von oben her durch den Pelz. Nur die Hände, mit denen er die Seitenteile des Pelzes rechts und links von Nikitas Körper festhielt, und die Füße, von denen der Wind fortwährend den Pelz zurückschlug, begannen ihm zu erstarren. Aber er dachte nicht an seine eigenen Glieder; er dachte nur daran, wie er den unter ihm liegenden Knecht warmhalten könne.
„Keine Bange; das werde ich schon zurechtbekommen!“ sagte er bei sich selbst in bezug darauf, daß es ihm gelingen werde, Nikita warmzuhalten, mit derselben Ruhmredigkeit, deren er sich bei seinen Käufen und Verkäufen zu bedienen pflegte.
So lag Wasili Andrejitsch lange, lange. Anfangs zogen ihm Gedanken an diejenigen Dinge durch den Kopf, die vor seinen Augen umherzitterten: an den Schneesturm, an die Deichselstangen, an das Pferd unter dem Krummholz; und er dachte an Nikita, der unter ihm lag. Dann mischten sich Erinnerungen an das Fest hinein, und an seine Frau, und an den Landkommissär, und an den Kerzenkasten, und wieder an Nikita, der nun unter diesem Kasten lag. Dann sah er Bauern vor sich, welche verkauften und kauften, und weiße Wände und Häuser mit Blechdächern, und unter den Häusern lag wieder Nikita. Dann verwirrte sich das alles miteinander, eines ging in das andre über, und wie die Farben des Prismas sich zu dem einheitlichen weißen Lichte verbinden, so flossen alle diese verschiedenen Eindrücke in ein einziges Nichts zusammen, und er schlief ein. Lange Zeit schlief er, ohne zu träumen; aber vor der Morgendämmerung stellten sich die Traumgesichte wieder ein. Es war ihm, als stände er bei seinem Kerzenkasten, und die Frau des Bauern Tichon verlange von ihm zum Feiertage eine Kerze für fünf Kopeken; er will die Kerze herausnehmen und ihr geben; aber er kann die Hände nicht heben; die stecken zusammengeballt in den Taschen. Er will um den Kasten herumgehen; aber seine Beine bewegen sich nicht, und die neuen, sauberen Gummischuhe sind an den steinernen Fußboden angewachsen, und er kann sie nicht in die Höhe heben, und auch die Füße kann er nicht aus ihnen herausziehen. Und auf einmal ist der Kerzenkasten kein Kerzenkasten mehr, sondern ein Bett, und Wasili Andrejitsch sieht sich mit dem Bauche auf dem Kerzenkasten liegen, das heißt auf seinem Bette in seinem Hause. Und so liegt er auf dem Bette und kann nicht aufstehen, und dabei muß er doch aufstehen; denn gleich wird ihn der Landkommissär Iwan Matwjeitsch abholen, und er muß mit Iwan Matwjeitsch hingehen, entweder um mit dem Gutsbesitzer um den Wald zu handeln, oder um dem Braungelben den Umlaufriemen in Ordnung zu bringen. Und er fragt seine Frau: „Nun? Ist der Landkommissär noch nicht gekommen?“ – „Nein,“ antwortet sie, „er ist noch nicht gekommen.“ Und er hört, daß ein Wagen sich der Haustür nähert. „Das wird er gewiß sein.“ – „Nein, es fährt vorbei.“ – „Mikolawna, du, Mikolawna, kommt er denn immer noch nicht?“ – „Nein.“ Und er liegt auf dem Bette und kann gar nicht aufstehen, und dieses Warten ist angstvoll und freudig zugleich. Da plötzlich eine große Freude: der, auf den er gewartet hat, kommt, und nun ist es gar nicht der Landkommissär Iwan Matwjeitsch, sondern jemand anders, aber doch gerade der, auf den er wartet. Er ist gekommen und ruft ihn bei seinem Namen, und der, welcher ihn da bei seinem Namen ruft, das ist ebenderselbe, der ihn vorhin angerufen und ihm geheißen hat, sich auf Nikita zu legen. Und Wasili Andrejitsch freut sich, daß dieser Jemand gekommen ist, um ihn abzuholen. „Ich komme!“ ruft er freudig. Und dieser Ausruf weckt ihn auf.
Und er erwacht; aber nun er erwacht ist, ist er ein ganz anderer als der, welcher er beim Einschlafen war. Er will aufstehen und kann es nicht; er will den Arm bewegen, er kann es nicht; das Bein, auch das kann er nicht. Er will den Kopf umdrehen; auch dazu ist er nicht imstande. Er ist darüber erstaunt, aber in keiner Weise betrübt. Er begreift, daß das der Tod ist; aber auch darüber grämt er sich nicht im geringsten. Er erinnert sich daran, daß Nikita unter ihm liegt und warm geworden ist und lebt, und es kommt ihm vor, als wäre er selbst Nikita, und Nikita er selbst, und als steckte sein Leben nicht in ihm selbst, sondern in Nikita. Er strengt sein Gehör an und hört Nikitas Atmen, ja sogar ein schwaches Schnarchen desselben. „Nikita lebt; also lebe auch ich,“ sagt er triumphierend zu sich selbst. Und eine ganz neue Empfindung, eine Empfindung, die er in seinem ganzen Leben noch nicht gekannt hat, überkommt ihn.
Er erinnert sich an sein Geld, an seinen Laden, an sein Haus, seine Einkäufe und Verkäufe und an Mironows Millionen, und es wird ihm schwer, zu begreifen, warum dieser Mensch, welcher Wasili Brechunow geheißen hat, sich mit all den Dingen beschäftigt hat, die in Wirklichkeit seine Beschäftigung gebildet haben. „Nun, er hat eben nicht gewußt, worauf es ankommt,“ dachte er mit Bezug auf diesen Wasili Brechunow. „Ich habe es nicht gewußt; aber jetzt weiß ich es. Jetzt weiß ich es ohne jeden Irrtum; jetzt weiß ich es.“ Und wieder hört er den Ruf dessen, der ihn schon einmal gerufen hat. „Ich komme, ich komme!“ antwortet freudig und gerührt sein ganzes Ich. Und er fühlt, daß er frei ist und nichts ihn mehr zurückhält.
Und weiter sah und hörte und fühlte Wasili Andrejitsch in dieser Welt nun nichts mehr.
Ringsum tobte noch immer in gleicher Weise der Schneesturm. Unverändert wirbelte der Schnee und bedeckte den Pelz des toten Wasili Andrejitsch, und den am ganzen Leibe zitternden Braungelben, und den kaum noch sichtbaren Schlitten, und den warm gewordenen Knecht Nikita, der tief unten im Schlitten unter seinem nun toten Herrn lag.