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Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie

Chapter 10: 9. Kapitel.
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About This Book

Ein vornehmer Mann lässt sich mit seiner schüchternen jungen Frau auf einem Landgut bei einem kleinen Dorf nieder; er sucht Ruhe, sie nimmt die neue Umgebung mit stiller Freude und Neugier wahr. Die Dorfbewohner reagieren mit gemischten Gefühlen, denn lebhafte Neugier mischt sich mit den Erinnerungen an frühere Gewalt und Entbehrung. Die Erzählung schildert Alltagsszenen, Begegnungen und Gespräche, in denen persönliche Sehnsüchte, häusliche Zärtlichkeit und soziale Vorbehalte allmählich zu einem neuen Gemeinwesen verwoben werden.

Da bellte draußen der Hund laut, jach, voll Wut, gleich darauf wurde sein Bellen zu einem gönnerhaften Gewinsel. »Kruzitürken noch mal, da ist jemand draußen.« Der Bauer stand auf, nahm die immer neben seinem Bett liegende kurze Reiterpistole und tastete sich die Treppe hinab. »Himmel, Hagel und Höllenfeuer, wer ist da?« schrie er. Das Fluchen konnte der Niklas noch gut, nur meinte er es nicht so arg böse damit.

Aus dem Dunkel heraus kam eine angstdurchbebte Stimme. »Ich bin's, Niklas, der Anton!«

»Na, nun sollen doch gleich zehn Stückrohre drein knattern,« rief der Bauer verdutzt. »Bub, du – ach so – wollte sagen, Junker, Ihr, wo steckt Ihr denn?«

»Hier!« Anthoine de Charreard trat vor, und da es gerade am Himmel wieder hellte, sah ihn der Bauer. Jetzt war die Angst weggeweht aus der Stimme, als der Bube redete. »Junker, brauchst du noch nicht zu sagen, wenn wir allein sind. Ich wollte dich besuchen.«

»Bei des Tilly Gerippe, das ist eine merkwürdige Zeit dazu!«

»Mann, mußt nicht so lästerlich fluchen,« rief von oben herab die junge Frauenstimme. »Führ den Junker in die Stube, er wird etwas auf dem Herzen haben.«

Das hatte Anthoine nun wirklich. Und kaum hatte innen der Bauer den Zunder angeschlagen und ein winziges Öllämpchen angebrannt, da strudelte schon alles aus dem Buben heraus, was ihm auf dem Herzen lag. Der gute Magister wollte morgen das Haus verlassen und wußte nicht wohin. Und da war Anthoine der Gedanke gekommen, der Magister könne auf dem Rabenhof wohnen. »Du gibst ihm oben die Eckstube,« riet er treuherzig, »und wenn du mal Kinder hast, erzieht er die.«

Niklas nickte beifällig. Um das Kindererziehen brauchte er sich ja noch nicht zu kümmern, denn auf dem Rabenhof gab es zurzeit noch keine. Doch den guten, alten Magister hatte er gern, den nahm er schon mit Freuden in sein Haus. In seinem wechselvollen Leben war so viel an dem Manne vorübergezogen, über das er gern ein ernstes Wort redete, und dazu war ihm der alte Magister gerade recht. »Du bist schon ein Schlauer,« lobte er den Buben. »Das muß man sagen, du fängst die Dinge am rechten Ende an.«

»Und jetzt muß ich zurück!« Ein kleiner Herzseufzer preßte die Stimme zusammen und der Niklas wollte just sagen: »ich bringe dich heim,« als ein greller Blitz die Stube erhellte und gleich darauf der Donner knatterte. »So, jetzt hätten wir ja alleweil das Wetter auf dem Halse, nune bleibste mir da.«

»Aber –«

»Kruzitürken, will Er parieren!« Der Niklas schrie wie in seiner Feldwaibelzeit, aber seine Augen lachten und Anthoine sprang an ihm hoch. Das Wetter draußen ängstigte ihn nicht, und daß er auf dem Rabenhof schlafen sollte, kam ihm vergnüglich vor. Niemand würde in seine Kammer kommen, und morgen lief er in aller Frühe heim. Nur daß er dem guten Magister nicht gleich sagen konnte, er könne auf dem Rabenhof wohnen, tat ihm leid, doch der Niklas beruhigte ihn darüber. »So eener wie der Herr Magister ist, der bringt seine Nacht nicht in Grämen zu. Der sitzt jetzt und liest ein gutes, frommes Buch. Um den sorge du nit. Und nun komm, du schläfst hier auf der Bank.«

Ein Schlaflied brauchte der Bauer seinem jungen Gast nicht zu singen, es wäre freilich etwas mißtönig herausgekommen. Doch Anthoines Schlaf sollte nur kurz sein. Das Wetter zog über das Tal. Die Stube flammte im Widerschein der Blitze, der Donner dröhnte und der Niklas sagte: »Schlimmer war's Anno dazumal in Flandern nit, und da lagen uns noch die Malefizkerle, die Franzosen vor der Nase.« Und dann ging der Bauer in das Unwetter hinaus, denn er bedachte der Gutsfrau Angst und das Wetter schreckte ihn nicht.

Nikolaus Rabe kam zur rechten Zeit auf dem Gute an. Dort hatte Sophia Christine just gesehen, ihr Bube war verschwunden, und das huschende Gespenstlein war ihr eingefallen, das sie erblickt hatte. Ihr Anthoine draußen um diese Zeit, in dem Unwetter!

Herr de Charreard runzelte die Stirn, er wollte zornig sein und war doch sorgenvoll. »Warum hat der Bube einen Hofmeister, wenn der nicht auf ihn acht gibt.«

»Dem hast du heute den Abschied gegeben,« murmelte die Frau mit blassen Lippen. Und just in dem Augenblick erschütterte ein gewaltiger Donnerschlag das Haus, es hatte einen Baum auf dem Hühnerberg getroffen.

Und ihr Sohn verschwunden, wohin war er gelaufen?

Da ging die Haustür und vor der blassen Frau stand der getreue Freund. »Ich wollt nur melden, der Junker ist bei mir!«

»Bei Ihm, wie kommt er dahin?« Herr de Charreard erkannte den Bauern nicht gleich. Der trug nicht mehr seine heiterbunte, zottelige Landsknechtstracht. Im braunen Wams sah er fremd aus, und dem Gutsherrn kam seine Art zudringlich vor. Er wollte noch einmal heftig fragen, als er an den eigentümlich hellen Augen den Rabensohn erkannte. Da wußte er, wer vor ihm stand. »Er hat mich halt was fragen wollen, was so einem Junkerlein eben einfällt.«

»Was wollte er?«

Niklas rieb sich an seiner Nase. »Hm, ja, er meinte, der Magister Albertinus könnte nun mal 'n bißchen bei uns wohnen. Ja, ja, mir schon recht, so einen Gast im Haus zu haben.«

Herr de Charreard drehte sich um und ging aus dem Zimmer. Er wollte seinem Sohn zürnen und dachte doch im Herzen, er ist treu wie seine Mutter. Aber der alte Magister sollte nicht aus dem Hause, so nicht. Ich kann ja gehen, dachte er bitter, ich scheine überflüssig im Hause zu sein. Er war die Treppe hinaufgegangen und ging sie wieder hinab, und er kam gerade unten an, als der Bauer sich von der Hausfrau verabschiedete. Treuherzig streckte Nikolaus Rabe ihm die Hand hin. »Ist schon gut, daß Euer Gnaden wieder heimgekommen sind. Die gnädige Frau haben auch schmerzlich aufs Heimkommen gewartet. Meine Frau Mutter selig hat noch an ihrem letzten Tag gesagt: Wenn nur unser lieber Herr bald heimkäme.«

Das war ein gutes Wort, denn nun sah Herr de Charreard ein frohes Leuchten in den Augen seines Weibes. Er gab dem Bauern die Hand, herzlicher, wärmer, als er dies sonst tat, und Nikolaus Rabe stapfte in das Unwetter hinaus und dachte bei sich: morgen wird der Herr schon sehen, daß er rechtschaffen arbeiten muß und daß das In-der-Welt-Herumreisen nichts ist für einen Gutsherrn von Pösen.

Dies sah Herr de Charreard nun freilich am nächsten Morgen recht gründlich. Das Unwetter hatte viel Schaden getan. Dachziegel lagen auf dem Hof, vom Hühnerberg war Steingeröll in den oberen Garten gerutscht, auf den Feldern bogen sich die Ähren zerknickt zu Boden. Als der kleine Anthoine in aller Morgenfrühe nach dem Gute lief, da rauschte und brauste der Bach hochgeschwollen daher, er war weit über seine Ufer getreten, und der Weg zum Gut war von Schlamm und Geröll überschwemmt. Der Bube war so verwachsen mit seiner Heimat, so Kind dieses stillen Tales, daß er alle Vernichtung wie ein persönliches Leid empfand. Er vergaß seine gestrige Sorge, vergaß die Furcht vor der Strafe des Vaters, vergaß alles, er holte sich Werkzeug aus dem Schuppen und begann wie er ging und stand vor allem die Schäden rings um das Haus zu bessern, den Weg zu glätten. Bei dieser Arbeit fand ihn sein Vater. Er sah, wie eifrig der Sohn werkte, und wieder stieg der Stolz in ihm hoch über des Buben kraftvolle Art. Just da kam aber der Magister Albertinus aus dem Hause, der blieb dabei, in das Rabenhaus hinüberzuziehen, und der Anblick des alten Lehrers brachte Anthoine den gestrigen Tag in das Gedächtnis. Er merkte es gar nicht, daß sein Vater beobachtend unter der Linde stand, er hing sich an den Arm des Alten und bat: »Darf ich Euch die Bücher tragen, gelt, ich darf? Und nicht wahr, Ihr bleibt immer, immer bei Niklas?«

Als der Magister Albertinus ein paar Minuten später sich nach dem Hausherrn umsah, denn er wollte nicht im Groll von ihm gehen, war Herr de Charreard verschwunden, ein Knecht sagte, er wäre auf das Feld hinaus gegangen.

Ein weiter Weg war es nicht, den der gute Magister Albertinus zu gehen hatte, denn auch ihm erschien der Ausweg, im Rabenhof zu wohnen, ein guter. Und doch wurde dies kurze Weglein dem Alten bitterschwer, und Anthoine und Jeannettchen hingen an seinen Armen, als ginge der gütige Lehrer in die weite Welt hinaus.

Frau Sophia Christine sah wehmütig dem Trüpplein nach. Sie hatte nicht, wie ihr Mann es ihr vorgeschlagen, zum Bleiben zugeredet. Die Trennung so von Haus zu Haus war besser, das fühlte sie, aber sie dachte doch, wie schwer es sein würde, eine feste dauerhafte Brücke zwischen ihrem Manne und der Heimat, mit allem was drin lebte, zu bauen. Ihre Liebe mußte sehr stark sein im Überwinden, stark im Ertragen, duldsam und linde, sollte ihr Leben wieder werden, wie es vordem gewesen war.

Auch Herr Anthoine de Charreard sah das Trüpplein ziehen, und mancherlei Gefühle strudelten dabei in ihm durcheinander. Er fühlte sich schuldig dem alten Freund seiner Frau gegenüber und war doch froh, daß er ging. Der Kinder Mitgehen, ihr Hängen an dem Lehrer kränkte ihn und doch freute ihn ihre Treue. Darüber vergaß er beinahe, auf die Felder zu schauen, er sah, wie die drei, gefolgt von einem Knecht, der des Magisters Sachen fuhr, an dem Bauernhaus anlangten, sah, wie Nikolaus Rabe ehrfurchtsvoll seinen neuen Hausgenossen grüßte, und er schämte sich, und freute sich zugleich. Aber als er dann am Tisch saß, sah er einen Trotzzug im Gesicht seines Buben, auch daß Jeannettchen geweint hatte, und Frau Sophia Christine war fast der großen Sorge froh, die in dieser Nacht über sie gekommen war. Sie redete von dem Wetterschaden und führte sacht den Mann auf den Sorgenweg, damit er nicht auf den eines ungerechten Zornes geriet.


9. Kapitel.

Ein paar Tage gingen hin.

Sonderbar kam es Herrn de Charreard vor, daß er plötzlich so eingespannt war in die mühsame Arbeit des Alltags nach den Jahren des müßigen Dahinlebens. Es war, als hätte jedes Ding auf dem Hofe, Menschen und Tiere, nur auf das Heimkommen des Herrn gewartet, um sagen zu können: es geht nicht weiter mit unserer Kraft. Zu den herabgefallenen Dachziegeln gesellte sich ein zerbrochener Wagen, die alte Röse dachte an das Sterben, besann sich dann freilich noch für lange Jahre, und der Hofverwalter bekam einen Hexenschuß. Eine Kuh erkrankte, eine Ziege starb, eine Henne zog mit zwölf Küchlein auf die Wanderschaft, und sie wurden erst nach ein paar Stunden von den Kindern in einem Roggenfeld entdeckt. Und das Schlimmste war, Sophia Christine entsanken plötzlich die Zügel aus den Händen, sie erkrankte. All das lange still getragene Leid, alle Sorgen und alle rastlose Arbeit der letzten Jahre stürmten noch einmal in der Erinnerung auf die Frau ein, sie wurde krank.

Da war es schon gut, daß der alte Magister Albertinus noch im Rabenhause wohnte und schnell zu Hilfe kommen konnte, auch daß im Dorf ein paar handfeste umsichtige Frauen bereit waren, den Haushaltswagen weiterzurollen. Es merkte äußerlich niemand etwas, aber doch fehlte allen die Hausfrau. Als wäre des alten, wetterfesten Hauses Seele erkrankt, so war es. Am verlorensten kamen sich die Kinder vor in diesen Trübsalstagen. Der Vater redete ein paarmal zu ihnen, aber er redete französisch und die beiden hatten so viel verlernt, sie wußten darum keine Antwort. Herr de Charreard ärgerte sich über das trotzige Schweigen, wie er es nannte. Da blieb ihm einmal Anthoine auf eine rasche Frage die Antwort schuldig und der vermeintliche Trotz des Buben erregte den Vater heftig. Er schlug zu und des Buben Wange brannte rot.

Jeannettchen, die neben dem Bruder stand, sagte unwillkürlich erschrocken: »Er hat's doch nicht verstanden.«

»Was hat er nicht verstanden?«

»Was der Herr Vater gesagt hat.«

»Warum versteht er das nicht, er ist doch kein Dummkopf?«

Die Kinder sahen sich an, wurden rot und senkten beschämt die Köpfe. In seiner Erregung sprach Herr de Charreard wieder französisch und die beiden verstanden ihn wieder nicht. Sie sahen so tiefbetrübt und zerknirscht drein, daß des Vaters rascher Zorn verflog und seine Stimme einen heitern Klang bekam. Unwillkürlich sprach er sie deutsch an: »Warum versteht ihr mich nicht?«

»Der Herr Vater spricht immer französisch und – und –«

»Ihr versteht das nicht.« Herr de Charreard erschrak. So fremd waren ihm seine Kinder geworden, daß sie seine Sprache verlernt hatten. »Hat die Frau Mama nicht französisch mit euch gesprochen?«

»Die Frau Mutter hat doch nie Zeit gehabt und – sie hat so viel geweint.«

Herr de Charreard drehte sich plötzlich um, ließ die beiden stehen, wo sie standen, er ging in das Zimmer seiner Frau hinauf, er fühlte es erst recht, wie sehr diese gelitten hatte.

Sophia Christine lag in ihrem Bett. Sie war zu müde um aufzustehen, Tränen rannen über ihr Gesicht, und als der Mann zu ihr trat, schrak sie zusammen und er merkte, wie sie scheu die Tränen verbergen wollte.

»An was denkst du?«

»An – Louison!« All das still getragene Mutterleid, die Sehnsucht nach dem Kind, das man ihr genommen hatte, tönte wider in diesem Weheschrei.

»Ich hole sie,« versprach Herr Anthoine, und wie er sich über seine Frau neigte, strahlte ihm die alte unverminderte Liebe entgegen. An der hatte die Zeit nichts geändert, Sophia Christines Liebe trug Ewigkeit in sich.

Am Mittag ritt der Gutsherr nach Jena, er wollte sein Kind holen. Doch seinem Willen stand der der Herzogin entgegen, und Herzog Bernhard gab seiner Gemahlin nach. Die kleine Prinzessin weinte, und Louison de Charreard mußte am Hof bleiben. Nur ein Besuch wurde versprochen, sobald die Hausfrau auf Pösen gesund sei. Und dieses Wort half Frau Sophia Christine besser als alle Tränklein des guten Magisters. Sie mußte gesund werden, denn sie wollte es, weil sie ihr Kind wiedersehen wollte. Irgendwo verborgen im Herzen lebte die Hoffnung, Louison würde sehr um das Daheimbleiben flehen und dadurch der Herzogin Herz rühren.

Und Louison de Charreard kam heim. –

Die Herzogin selbst begleitete sie, und Pösen erstrahlte in einem so festlichen Glanze wie zur Taufe des kleinen Anthoine. Auch hatte Louison Wetterglück. Es standen nicht dunkle Wolken am Horizont wie am Heimkehrtag des Vaters, die Sonne gab dem Tale Glanz und Farbe, heiterschön lag es da. Und das Strahlen der freundlichen Himmelsmutter fand Widerschein in den Augen der Charreards. »Louison kommt.« Anthoine und Jeannettchen sangen es in den Morgen hinaus, sie sangen es vor dem Rabenhaus und der Magister rief es geduldig mit. Jeannettchen behauptete sogar, die Hühner gackerten es. »Louison kommt!«

Und dann kam sie!

Zwei Wagen, vier Reiter lenkten in den Hohlweg ein. Im Gutshaus hörten sie das Rollen, und Sophia Christine preßte ihre Kinder beide an ihr Herz, als wolle dies dem Kinde, das heimkam, entgegenfliegen und sie müsse es festhalten. Und ein festes Herz brauchte die Frau an diesem lichten Tag, der einen ganz dunklen Schatten über ihr Leben warf.

Louison kam. Eine kleine Dame stieg da aus dem Wagen, ein höfisches Püppchen grüßte mit einer steifen, feierlichen Verneigung Eltern und Geschwister. Der starre Brokat des Gewandes rauschte, die braunen Locken fielen zu beiden Seiten des Gesichtchens herab und an einer goldenen Nadel wippte keck eine rote Feder bis über den breiten Kragen aus Brüsseler Spitzen hinweg.

Louison de Charreard trug ihr Staatsgewand, so hatte es die Herzogin angeordnet, und Louison betrug sich ganz, wie es ihre fürstliche Gönnerin von ihr erwartete. Sie plapperte ein paar französische Phrasen dahin, sprach ihre Freude aus, alle wiederzusehen, küßte den Eltern unter weiteren tiefen Verbeugungen die Hand und dann – versagte ein paar Augenblicke die gute Erziehung, denn der Bruder Anthoine brummte unwirsch: »Das ist ein Pfau, das ist nicht unsere Louison.«

Dann entstieg noch eine kleine Paradepuppe dem Wagen, das war die Prinzessin Elisabeth Marie, die ersah Anthoine und lief rasch auf den Buben zu, zog ein Schelmengesicht und tippte den großen Jungen an: »Du bist Anthoine, dich will ich einmal heiraten.«

Die Herzogin lächelte milde und redete gütig, aber Frau Sophia Christine meinte doch, ihre Stimme wäre voller Hohn, ihr Lachen böse. –

Bis zur Leuchtenburg war das Gerücht von der Fahrt der Herzogin nach dem Gute Pösen nicht gedrungen, darum ritten an diesem Nachmittag die Buben Heinrich Wilhelm von Dracksdorf und Adrian Rudolf ganz fröhlich dem Gute zu. Sie ritten durch den Wald, in dem vor etlichen Jahren der heimkehrende Feldwaibel Nikolaus Rabe die drei Charreards gefunden hatte. Und wieder wie damals kamen die beiden zuerst am Rabenhofe vorbei, aber der Bauer, die Bäuerin und Magister Albertinus waren nach dem Gute zuschauen gegangen und standen nun noch immer in der Mitte des Hohlweges und tauschten Rede und Gegenrede. Der Frau hatte die Auffahrt gefallen, der Mann sagte bitter: »Das ist nicht Louison.«

Unten im Tale ertönte Hörnerruf und oben im kleinen Festsaal spitzte Anthoine die Ohren: seine Freunde kamen! Auch Sophia Christine hatte den Klang vernommen und ihr Blick lief zu ihrem Kinde hin, neben dem ein schöner, stattlicher Mann stand, der Oberst Raoul St. Laurent. Mit dem Hofherrn unterhielt sich Louison wie eine weltgewandte Dame, ihre Schwester Jeannette stand linkisch und scheu neben ihr. Und nun kam der Jugendfreund ihres Kindes, der Bube, dessen Mutterlosigkeit Frau Sophia Christine einst tief gefühlt hatte im ersten großen Mutterglück.

Ihre Augen winkten, und Anthoine, der das Augenwinken der Mutter besser verstand als des Vaters französische Reden, ging hinaus, damit die Freunde nicht aus Scheu vor dem fürstlichen Besuch auf und davon ritten.

Oben hatte die Herzogin huldvoll gesagt, Jeannette solle doch ihrem kleinen Fräulein und der Schwester den Garten zeigen, und Jeannette war froh, Elisabeth Marie folgte ihr gern, Louison lächelte geziert, sie fühlte sich nicht bewundert genug. In ihrem eitel gemachten, törichten, kleinen Herzen hatte sie immer und immer wieder an den überwältigenden Eindruck gedacht, den sie daheim hervorrufen würde. Nun hatte sie kein Wort des Staunens über den wundervollen Anzug vernommen, nur das böse Brummen des Bruders, sie wäre ein Pfau. Mißmutig ging sie hinter der Prinzessin her; die nahm ganz fröhlich Jeannettes Hand, worüber Louison sehr das Näslein rümpfte. So wenig unterwürfig zu sein, war nicht Hofton.

Die drei ungleichen Gefährtinnen traten just aus dem Hause, als die Buben hinein wollten. Adrian Rudolph blieb der Mund offen stehen, als er in dem prächtig geschmückten Frauenzimmer seine kleine Freundin von einst erkannte. »Louison!« rief er betroffen.

»Ach Monsieur Rudolph und Monsieur de Dracksdorf,« rief Louison. Sie legte das Köpfchen zur Seite und blinzelte die beiden herablassend an, und als sie die beiden verdutzt anstaunten, plapperte sie ein paar französische Sätze herab, so wie sie es oftmals in Paris vernommen hatte.

»Sie ist ein Pfau, eine Stoppelgans!« schrie der Junker Anthoine erbost über das gespreizte Wesen der Schwester.

»Er weiß eben nichts von Politesse, er ist ein – ein – ungehobelter Bauernlümmel!« Das Wort fuhr Louison heraus, ihre Augen blitzten zornig, sie machte aber nicht den geringsten Eindruck, die Buben lachten laut. »Na, ganz hast du das Deutschreden ja noch nicht verlernt,« brummte Anthoine. Adrian aber streckte der kleinen Freundin treuherzig die Hand hin, ehrlich, ein wenig tolpatschig.

»So ist's mir lieber, meinetwegen schilt mich auch Bauernlümmel, Louison.«

»Monsieur sind sehr aimable, doch ein Kavalier küßt einer Dame die Hand.« Louison hob den Kopf. Das feine Näschen ragte ganz steil in die Luft, die Feder wippte und nickte, und die vier Landkinder staunten die verwandelte Schwester und Freundin wieder an, bis auf einmal jemand hellauf lachte. Es war die Prinzessin Elisabeth Marie. Die lachte so herzlich, sie schüttelte sich vor Lachen, und ihr Lachen steckte an. Die Buben fielen ein, selbst Jeannettchen, die am meisten überwältigt von der Schwester gespreiztem Wesen war.

Louison wurde blutrot. Ausgelacht zu werden, das hatte sie nicht erwartet. Bewundert, gefeiert, ja; aber ausgelacht, es war zu toll. Und erzürnt raffte sie ihr Kleid auf und lief in den Garten hinein, in dem Frau Sophia Christine eine bescheidene Blumenzucht unterhielt. Rosen, Nelken, Braut im Haar, Ringelblumen und allerlei bunte Sommerblumen blühten. Wütend zerrte Louison an den Blumenköpfen, riß eine Hand voll ab, warf sie auf den Weg und trat darauf. Und gerade wollte sie die unnütze kleine Hand nach neuen Opfern ausstrecken, als ihr jemand heftig auf die Hand schlug. Anthoine war es. Mit blitzenden Augen stand er vor ihr und schalt: »Die Blumen hat die Frau Mutter gepflanzt.«

»Ah« – die Kleine wollte ein Wort rufen, das spottete und höhnte, aber auf einmal kam ihr das Erinnern an die Tage vor Festen, an die Sonnabende vor den Kirchsonntagen, sie sah sich mit einem Körbchen hinter der Mutter her trippeln und die füllte es, jede Blüte sorgsam prüfend, ob sie auch geeignet sei zum Schmuck der kleinen Kapelle.

Tränen drängten sich in des Kindes Augen, ganz bittere sehnsüchtige Tränen. Da sagte eine rauhe Stimme: »Kruzitürken, das ist ja nun wohl das Fräulein Louison?«

Breitbeinig, in seiner alten Kriegstracht stand da Nikolaus Rabe, der schaute seine kleine Freundin genau so gutmütig an wie damals, als er das Kindertrüpplein im Walde gefunden hatte.

Louison ließ die Hände sinken. Erst staunte sie etwas über die bunte Gestalt auf dem Wege, doch dann vergaß sie ihr weites Brokatkleid, ihre künstliche Haartracht, mit einem Jubelruf ergriff sie des Kinderfreundes Hand. »Niklas, Niklas,« rief sie, »wo kommst du denn her?«

»Nu eben aus meinem Hause. Potz Kalbsfell, was ist das Fräuleinchen fein!«

Doch einer, der sie bewunderte, einer, der die kleine Louison noch lieb hatte! War es der eine nur? Ach nein, auf einmal sah Louison de Charreard lauter vergnügte fröhliche Gesichter um sich, und sie vergaß das Monsieursagen und alle Geschraubtheit und war wieder wie einst die alte Louison, die Lust zu jedem törichten Streich hatte.

In der Mitte des Gartens war ein kleines, mit Tropfstein eingefaßtes Wasserbecken. Um das herum auf die Steinbrüstung setzten sich die Charreards, ihre Gäste und Nikolaus Rabe. Und weil der kleinen Prinzessin dieser Sitz nicht gefiel, nahm Nikolaus sie auf den Schoß und Elisabeth Marie klatschte vergnügt in die Hände. War das lustig in Pösen!

»Fi donc!« sagte ein paar Minuten später die Herzogin, die von weitem das Bild erblickte. »Mon Dieu, das ist ja gar ein schwedischer Kriegsgesell, der da mein kleines Fräulein auf dem Arm hat.« Und sie rief laut und herrisch die Namen der Kinder, und ganz jäh wurde aus der lustigen Louison wieder die gespreizte, kleine Dame, die zum Abschied allen nur die Fingerspitzen reichte.

Die Herzogin drängte zu einem schnellen Aufbruch. Ihr Blick zürnte und Louison zitterte. Sie sah sich um, sah die Freunde stehen, Niklas und dann die Mutter, und da verließ das Kind alle anerzogene Geziertheit, laut aufweinend umschlang Louison die Mutter und flehte: »Ich will bei Ihnen bleiben, Frau Mama!«

»Louison!« Der Herzogin Stimme schrillte.

Sophia Christine sah flehend zu ihrem Mann hinüber und sah, wie der sich auf die Lippen biß. Herr Anthoine de Charreard hatte mancherlei Schulden von der Herzogin bezahlt bekommen, und er hatte ihr dafür schriftlich gelobt, nie das Kind Louison zurückzufordern und überhaupt keinem Schritt Louisons, den die Herzogin billige, zu widersprechen. Er hatte sich jeglicher Vaterrechte begeben, und darum wich er dem Blick seiner Frau aus.

»Ich will hierbleiben.« Louison weinte heftig und wild und die Herzogin beugte sich zu ihr herab, zischte ihr etwas in die Ohren, da erblaßte die kleine Louison, und ein angstvolles Flehen blieb in den Augen.

Es konnte ihr niemand helfen. Herr de Charreard, der Louisons Aufenthalt am Hofe immer als ein besonderes Glück angesehen hatte, spürte es erst in dieser Stunde: er hatte sein Kind ganz verloren.

Doch wurde Louison eine unerwartete Hilfe. Die kleine Prinzessin Elisabeth Marie weinte bitterlich und flehte ihre Mutter an, Louison dazulassen, flehte so lange, bis die Herzogin versprach, Louison dürfe, wenn sie jetzt brav sei, ihre Eltern zweimal jährlich besuchen, sie solle auch keine Strafe heute erhalten.

Louison schwieg ganz still. Der Herzogin Strafen waren hart, aber sie wußte, die kleine Prinzessin würde ihr beistehen. Still ließ sie sich nach vielen Verbeugungen in den Wagen heben, dann traten die Geschwister und Adrian Rudolph und Heinrich Wilhelm von Dracksdorf noch einmal heran, und Anthoine de Charreard benahm sich zur Verwunderung seines Vaters wie ein rechter, kleiner Hofherr, er küßte der Prinzessin die Hand und dabei sagte er kurz, aber aus ehrlichem Herzen heraus: »Vielen Dank.«

Herr de Charreard gab seinen Gästen wieder das Geleite. Louison saß steif und sehr blaß im Wagen und Sophia Christines Augen waren voll Tränen. Sie fühlte es tiefer als je, man nahm ihr ihres Kindes Herz.

Oben am Hohlweg über dem Rabenhof stand Nikolaus so, als stünde er auf Wache im Felde. Seine Augen waren finster, als die Wagen daherrollten, sein Gruß mürrisch, und nur eine bekam einen guten Blick, die kleine Louison. Nun schleppten sie das Kind wieder weg, und der Bauer grollte im Herzen: Wie mich damals die Schweden fortgeschleppt haben, just so ist es. Dann kriegt man andere Gedanken, wird anders in der Welt draußen, lernt anders reden, und wenn man heimkommt, merkt man erst, was man verloren hat. Und nach dieser langen Rede mit seinem Herzen stapfte er den Berg hinab und suchte den alten Magister Albertinus auf, um mit dem von des Lebens wunderlichen Wirrsalen zu reden.


10. Kapitel.

Beim Abschied von Pösen hatte die Herzogin Marie ein Wort gesagt, das Frau Sophia Christine nicht mehr aus dem sorgenden Sinn kam. Das Wort: »Wenn der Junker Anthoine größer ist, hole ich ihn mir, freilich, er muß noch etwas französische Politesse annehmen, mein lieber Monsieur de Charreard muß ihn für mich erziehen.«

Sophia Christine ahnte, ihrer Kinder bestes Glück ruhte in der Heimat, das Draußen würde sie friedlos und zwiespältig machen, wie es die kleine Louison schon war und noch mehr werden würde. Und seitdem kämpfte sie um das In-der-Heimat-Bleiben ihrer Kinder. Sie kämpfte mit Liebe und Zärtlichkeit, mit sanfter Strenge, sie kämpfte so treu und fest, wie dies nur eine Mutter tun kann.

Herr de Charreard merkte nichts von diesem stillen zähen Kampf seiner Frau um das innere Wesen ihrer Kinder. Er hatte reichliche Arbeit; Sorgen gesellten sich dazu. Den Besuch der Herzogin hatte er in böser Erinnerung. Ein paarmal ertappte er sich darauf, daß er der frischen Anmut Jeannettchens den Vorzug gab vor Louisons steifer Geziertheit. Er sagte sich dann freilich jedesmal, daß er der armen Louison Unrecht tue, und wenn er, was selten genug geschah, sie in Jena besuchte, war er gütig gegen die Kleine. Sonst freute er sich selbst jedesmal, wenn er von einem Hofritt heimkehrte und im Grunde das große feste Haus liegen sah.

Ein Jahr ging hin, Louison kam nicht heim, noch eins und noch eins, da ritt Herr Anthoine de Charreard eines Tages mit gefurchter Stirn von Jena zurück. Im Mantelsack brachte er als Basenerbe für seine Frau die zwei Silberleuchter mit, aber er hätte die und auch gern sein ganzes bescheidenes Schätzlein dazu gegeben, wenn er seiner Frau nicht die Botschaft der Herzogin hätte sagen müssen, daß diese den Junker Anthoine zum Pagen verlangte.

An diesem Tage ging gerade Frau Sophia Christine ihrem Gatten bis an die Linden entgegen, denn sie blühten wie am Tage des Einzugs. Die Frau ahnte etwas von dem Kummer, den ihr Mann heimbringen würde, und wie sie auf einer Grasbank unter den Linden saß, gesellte sich der Bauer Nikolaus Rabe zu ihr. Seit der alte Magister in seinem Hause wohnte, war die Freundschaft zwischen Rabenhof und Herrenhaus gewachsen, denn auch Herr de Charreard hatte längst seinen Groll gegen den Magister begraben. Der alte Mann, gutmütig und duldsam, trug dem Gutsherrn seine rasche Härte längst nicht mehr nach. Und der Bauer, der so viel in der Welt herumgetrieben worden war, geriet oft in ein sinnierliches Nachdenken über der Menschen wunderlich Tun und Wesen. Sophia Christine unterhielt sich gern mit ihm. Und als er jetzt kam, nicht mit Worten fragte, sondern seine hellen Augen forschen ließ, gab ihm die Gutsfrau Antwort und legte ihre Sorge vor ihn hin wie ein dunkles Tuch.

»Ob dahin oder dorthin, einmal wird der Junker schon hinaus müssen,« sagte der Bauer. »Dunderschlag ja, ein feiner Junker ist er, und den Wind muß er sich doch mal um die Nase wehen lassen. Schätze aber, unsern Junker drehen sie nit um und um wie das kleine Fräulein Louison.« Allemal, wenn Nikolaus diesen Namen nannte, kam ein weiches Tönen in seine rauhe Stimme. Louison blieb seines Herzens Liebling.

»Ja, es ist wohl gut, wenn er hinauskommt, aber –«

»An welchen Hof er kommt, ist gleich, schätze ich.« Der Bauer sah die Frau treuherzig an. »Viel Gutes ist wohl da und dort nicht zu lernen, aber der Junker hat's in sich, das Feste, das Treue, der fällt nit um.«

»Und es zieht ihn hinaus,« murmelte seine Mutter.

Es zog den jungen Anthoine freilich hinaus. Wie sehr, ahnte seine Mutter nicht einmal, die schaute nach dem letzten Wort versonnen über sich in die breitgedehnten blühenden Kronen, und über dem Summen und Schwirren darin überhörte sie das rasche leise Schreiten junger Füße, bis wie ein Quell ein Lachen hinter ihr aufsprang. Anthoine und Jeannettchen standen da und sie riefen froh des gelungenen Überfalls: »Wir haben die Frau Mutter überrascht.«

»Ich erwarte den Vater, um diese Zeit kommt er ja meist heim.«

»Der Herr Magister sagt, es wäre die schönste Zeit zum Heimkommen, wenn noch die Sonne schiene und schon der Abend seine Schwingen auszubreiten beginne.« Jeannettchens Stimme war weich wie der Abendwind.

»Der Herr Magister ist, denk ich mir, ein Dichter,« brummelte Nikolaus. »Er sagt manchmal was, das ich halt nit verstehe, ganz wunderlich klingt's.«

»Mit dem Heimkommen hat er recht. Ich komme auch einmal um diese Zeit heim, wenn ich erst draußen in der Fremde gewesen bin. Gelle, Frau Mutter, und Ihr wartet dann auch hier auf mich?«

»Möchtest du so gern in die Welt hinaus?«

»Ja, Frau Mutter. Hinaus, mich ordentlich draußen tummeln und heimkehren!«

»Aber Anthoine, fort aus unserem schönen Tal!« rief Jeannettchen empört.

»Ein Mann muß die Welt sehen, gelle, Niklas?« Anthoine krauste die Stirn.

»Freilich doch, gut ist's. Ich hab' freilich gar zu viel gesehen, könnte manches missen. Aber wenn der Junker Anton Kriegsdienste nimmt, dann geh ich noch mal mit. Ja, das tu ich, da hält mich nichts nit von ab.«

Anthoine sah einen Leidzug über das Gesicht der Mutter wehen und er rief rasch: »Doch mit dem Hinausziehen hat's noch gute Weile.«

»Ich schätze, lang währt's nit mehr.« Der Bauer horchte scharf in die Ferne. »Und jetzt kommt der gnädige Herr geritten.«

Nur das an manchem Wachtfeuer, in stillen einsamen Nächten vor dem Feinde geschärfte Ohr des Bauern hörte das ferne Reiten, den kurzen, scharfen Hufschlag. Die anderen lauschten, hörten erst nichts, bis auch sie den Klang vernahmen und dann den Gutsherrn oben in den Hohlweg einbiegen sahen. Sophia Christine stand auf, um dem Manne entgegenzugehen, Jeannettchen folgte rasch, Anthoine fühlte sich von dem Bauern festgehalten. »Wenn's mal in den Kampf geht, Junker, vergeßt mich nit. So eine alte Kriegsgurgel wie unsereins muß wieder mal Pulver riechen. Schockschwerebrett, schön ist das Tal hier, aber einmal will ich doch sehen, wie es jetzt in der Welt ausschaut.«

Sophia Christine sah ihrem Manne an, als der vor ihr hielt, was ihn bedrückte, und sie nahm mit all der Lindigkeit, die sie hatte, die Last von der Seele, fragte einfach: »Sie wollen wohl unsern Anthoine in Jena?«

Ja, sie wollten ihn. Die Frau Herzogin begehrte den Sohn zum Spiel. Mit heiterem Lachen hatte sie es gesagt: »Ich will einen Franzosen aus ihm machen.« Das sagte der Herr de Charreard seiner Frau nicht, er wollte sie nicht bekümmern, nur daß die Herzogin mit Louison selbst in drei Tagen zum Besuch kommen wollte, erzählte er.

»Und dann Anthoine mitnehmen.«

»Ja, sie wird ihn gleich haben wollen.«

In des Junkers frohes Bubengesicht stieg das Blut, als er von dem Beschlusse hörte. Hinaus wollte er schon, aber nicht ein Hofherr werden. Er rannte der Antwort aus dem Wege, saß dann im Abendschein vor der Türe des Rabenhauses und legte, wie es am Nachmittag seine Mutter getan hatte, seine Sorge vor die treuen Freunde seiner Jugend hin. Der Magister war traurig, noch eins von den Kindern des Hauses sollte am Hofe verderben. Er prüfte mit Blicken das reine Gesicht seines Schülers und murrte: »Wirst auch ein Franzose dort werden.«

»Ich schätze, das wird er nit. Und eine Weile ist's gut, wenn er sich schicken lernt; gleich ins Heer, da ist der Junker zu jung dazu,« murmelte der Bauer.

»Niklas, ich bin sechzehn Jahre gewesen,« rief Anthoine empört. »Wie alt warst denn du, als du ins Heer kamst?«

»Das kann der Junker nit vergleichen. Seht, an dem Grame von damals würg' ich noch heute. Arg schlimm war's, meiner Seel'!«

»Und willst doch mit mir ziehen, mich begleiten?«

»Ja, ja, Junker, das ist halt so. Hab' damals im Walde mein Herz an die Charreards gehängt und schätze, es ist besser, Ihr habt einen zur Seite, der all das Grausen kennt.«

»Niklas, du bist ein Querkopf,« rief der Magister empört. »Redest dem Junker immer zu, er soll hinausziehen, und dabei sitzt dir selbst noch das Grausen in den Knochen. Nun mache mir einen Vers darauf.«

»Dunderschlag ja, muß ich alte Kriegsgurgel einem hochgelehrten Herrn Magister noch sagen, daß jeder seine Erfahrungen allein machen muß. Wenn ich dem Junker abreden möchte und die gnädigen Eltern täten es auch und er bliebe hier im Tal, ich schätze, er verquerzelte sein Leben, wär' unzufrieden und wüßt' nit, warum. Das liegt im Blute, die Sehnsucht auszuziehen; das Heimkommen läßt dann erst recht die Heimat lieben.«

Anthoine hatte gar nicht auf das Zwiegespräch gehört. Seine Gedanken flogen, ließen das enge Tal hinter sich und sahen die weite, schöne Welt. Ungeduld brannte in ihm; freilich, der Hofdienst schien ihm bitter, aber er dachte keck: davon komme ich schon los. –

Er sprang auf und rief: »Muß heimgehen,« und dann lief er das Tälchen entlang, hatte heute aber keinen Sinn für seine heimlich-liebliche Schönheit.

Und drei Tage später rollten einmal wieder fürstliche Wagen durch das Dorf Bucha. Lockten da alle Leute aus den Häusern und der jetzt uralte Lemnitzer Karl brömmelte wieder etwas von den Schweden, die kämen, in seinen Ofenwinkel. Im ganzen aber sahen die Bauern scheel die Auffahrt der Wagen mit an. Sie liebten »die Fremde« nicht, ihre sanfte Gutsfrau war ihnen tausendmal lieber, und da die Kunde schon ihren Weg nach Bucha gefunden hatte, die Herzogin wolle den Junker mitnehmen, war die Bitterkeit groß. Von den Frauen, die Sophia Christine zu der Geburt des Erben ihre Glückwünsche dargebracht hatten, waren die meisten noch am Leben. Denen war es zumute, als würde in ihre Rechte eingegriffen. Ihr Grüßen war darum unwirsch und ihre Mienen finster, und die Frau Herzogin Marie verglich die Leute mit ihren Landsleuten und lachte über des Obersten St. Laurent spottende Worte. Auch ein feines, sehr junges Fräulein lachte, sie sah an der Merfin vorbei, bei der sie so manchmal eingekehrt war, sie erkannte die Anne-Marie Schurksin nicht, von deren Obst sie oft gegessen hatte. Louison de Charreard hatte viel, sehr viel von der Heimat vergessen. Einen aber erkannte sie, der wieder in seiner alten Kriegsmannstracht am Hohlweg stand, um die kleine Louison zu grüßen.

Der Oberst St. Laurent, der neben dem Wagen ritt, lachte. »Ein Überrest aus der Schwedenzeit,« spottete er. »Der Mann scheint ausgestopft zu sein.«

Da wehte just der Wind über die Linden hin und der schöne Sommerduft hüllte das Fräulein Louison de Charreard ganz ein und da war es ihr, als ginge sie wieder mit Bruder und Schwester durch den Wald und einer nahm sie alle drei auf sein Pferd, einer, der grimmig aussah und doch so gute Augen hatte. »Es ist der Niklas,« sagte sie plötzlich, neigte sich vor und grüßte den Bauern mit so holdseliger Anmut, daß der vor Staunen wie ein Pfahl stand. So schön war Louison geworden, er meinte schier, ein schöneres Frauenwesen könne es auf der ganzen Welt nicht geben.

Einen Bauern zu grüßen! Der Oberst de St. Laurent krauste die Stirn. Solche törichten, bürgerlichen Sentimentalitäten mußte sich seine Frau abgewöhnen, das war lächerlich, und um Himmelswillen nichts Lächerliches tun. Wenigstens nichts, was die Hofgesellschaft lächerlich fand. –

Ja, schön war Louison de Charreard geworden. Sie fanden es in der Heimat alle. Jeannettchen sah wie ein Kind gegen die doch nur ein Jahr ältere Schwester aus. Sie tat noch weniger als sonst ihren Mund auf, und als der Herzogin prüfender Blick über sie hinging, dachte die Dame: »Diese nicht, sie paßt zu wenig an den Hof.«

Frau Sophia Christine sah den abwägenden Blick, der ihr sanftes Kind so rasch geringschätzig freigab, und sie wußte, jetzt hatte die Herzogin ihr das letzte Kind nehmen wollen. Jetzt hatte sie damit ihr Glück bezahlen sollen. Und sie freute sich der ganz bescheidenen Anmut dieser Tochter. Aber da erklang schon das Wort, das ihr auch diese Freude trübte. Die Herzogin sprach von dem jungen Dracksdorf, der als Hofjunker in Bälde nach Weimar kommen würde, und sie sprach von ihrem Patenkind, einer jungen Hugenottin, die sie dem Junker zu vermählen gedachte.

Jeannettchen öffnete die Augen weit. Ihr treuer Freund Heinrich Wilhelm sollte auch ein Hofherr werden. Tränen trübten ihr den klaren Blick, und sie glitt leise aus dem Saal, nur die Mutter merkte es, als die Herzogin dahin sah, wo Jeannettchen gestanden hatte, war der Platz leer, und auf das spöttische Fragen, wo denn das Fräulein sei, gab Frau Sophia Christine die gelassene Antwort, es zieme sich für die Haustochter, in der Küche nach dem rechten zu sehen, wenn so hochfürstliche Gäste dem Hause die Ehre höchstihres Besuches schenkten.

Herr de Charreard sah seine Frau erstaunt an. Sie war doch einstmals nur die schüchterne Jungfer Riesin gewesen, war alle diese Jahre kaum aus dem stillen Tal herausgekommen und sprach, als hätte sie just gestern ein Fest am Hofe des Königs Ludwig mit gefeiert. Daß die tiefgekränkte Mutterliebe der Frau die Kraft gab, sich so aufrecht zu halten, ahnte er nicht, es war aber ein ehrliches Bewundern in seinem Herzen. Und wenn die Herzogin Marie, die wieder die neueste Pariser Modetorheit, eine Fontange, trug, die sich ungeheuer auf ihrem Haupte aufbaute, nach der Schönsten im Land gefragt hätte, der Herr de Charreard hätte unbedingt seiner sanften Frau den Preis zuerkannt.

Aber wieder brach die Herzogin früher auf, als sie es sich vorgenommen hatte. Sie sah in Louisons Blick ein trauriges Nachsinnen aufdämmern und hörte ihre Tochter das stille Tal voll Entzücken preisen. Das vertrug sie nicht.

Sie verlangte des jungen Anthoine Mitkommen. Aber da fand sie wieder einen freilich sanften, aber doch festen Widerstand bei der Hausfrau. Die meinte, der Sohn müsse wohl ausgerüstet werden, dazu sei die Zeit zu kurz gewesen.

»Ei,« rief die Herzogin, »da muß ich den Junker doch selbst fragen, ob seine Lust nicht größer ist als seiner gnädigen Frau Mama Bedenklichkeit.«

Auf diese Frage erhielt nun freilich die stolze Frau eine Antwort, die ihr ein verächtliches Lächeln entlockte. Der junge Anthoine fügte zu den Erwägungen seiner Mutter noch die hinzu, er habe in den Dörfern Bucha und Schorba noch nicht Abschied genommen, wie es sich gebühre.

»Bauersleute, pah! Ich fürchte, ein rechter Hofmann wird Euer Sohn nicht, Monsieur de Charreard!« Die Herzogin sah an der Hausfrau vorbei, ihre Stimme spottete, ihre Augen blitzten böse. In Sophia Christines Herzen aber erwuchs in dieser Stunde ganz fest die Zuversicht, der Sohn werde der Heimat treu bleiben.

Aber war im Grunde die schöne Louison nicht auch treu! In ihre Augen war ein Sehnsuchtsblick gekommen, und Sophia Christine zog zum Abschied die Tochter fest an sich: »Hier ist dir immer Heimat, mein Kind. Immer, was auch geschehe!«

Dann rollten die Wagen wieder den Hohlweg hinauf. Zum letztenmal, dachte die Herzogin, der Sohn soll die Heimat vergessen, wie Louison sie vergessen wird. Und sie neigte sich vor, rief den Oberst de St. Laurent an ihren Wagen und redete mit ihm von seiner künftigen Heirat mit Louison de Charreard.

Zwei Tage später verließ Anthoine das Elternhaus und in dem großen Hause wurde es einsam. Der Vater gab dem Sohn das Geleit, und Mutter und Tochter sahen den beiden nach, lange, lange, bis der Hufschlag verklang. Sophia Christine stieg dann in die Kapelle hinab, ihre Tochter ging in den Garten. Sie ging durch ihn hindurch, sah die Blumen sommerlich blühen und ihr junges Herz war ganz erfüllt von Mitleid mit den Geschwistern. Ihr war die Heimat der Inbegriff alles Schönen, kein Gedanke ging von ihr weg, nur bis zu der Leuchtenburg wagte sich manchmal ihr Sinnen und ein Stückchen weiter zu Heinrich Wilhelms Erbgut, aber schon dies dünkte ihr fern zu sein.

Während sie still-versonnen den Garten durchwanderte, hinaus ging bis zu dem kleinen Wald, der die Quelle umgab und in dem alljährlich die ersten Schneeglöckchen erblühten, gab Herr de Charreard seinem Sohne gute Lehren, wie er sich bei Hofe zu verhalten habe. Man war schon über Bucha hinausgeritten, als der junge Anthoine das erste Gegenwort wagte: »Ich hoffe, es dauert nicht lang mit dem Hofdienst, Herr Vater, gegen die Türken möchte ich ziehen dürfen, so es dem Herrn Vater recht ist.«

Anthoine de Charreard sah seinen Sohn etwas verdutzt an. Was war da in aller Stille aufgewachsen, war das noch ein Knabe? Er sah des Buben Augen blitzen, sah seine Hand stark das Pferd meistern, ganz fremd kam ihm der Junge vor. Doch rasch gefaßt redete er davon, daß Kriegsdienste nehmen so übel nicht sei für einen jungen Mann aus gutem Hause. Nur, es müßte die rechte Stelle gewählt werden, und wenn es nach einiger Zeit noch des Sohnes Meinung sei, so würde es wohl gelingen, ihn im französischen Heere unterzubringen. Freilich, die Hoffnungen, die die Hugenotten an die Regierung des vierzehnten Ludwig geknüpft, hätten sich noch nicht erfüllt, immerhin wäre man im Heere duldsam und –

»Wenn es dem Herrn Vater recht ist, zieh ich mit gegen die Türken, so sie wieder anfangen. Das erscheint mir wichtiger,« sprach der Sohn in ein sinnendes Nachdenken des Vaters hinein. Der schwieg, krauste die Stirn, das Neinsagen erschien ihm Unrecht, das Jasagen brachte er nicht fertig, endlich gab er zurück: »Es ist am besten, einen solchen Schritt weislich und klug zu überlegen.«

»Aber dagegen, daß ich Kriegsdienste nehme, ist der Herr Vater nicht.«

»Bewahre, nur –« Der Herr de Charreard kam nicht dazu, den Satz zu enden, denn einer ritt beiden, Vater und Sohn, entgegen, an den sich gleich des Sohnes Widerwillen hing. Es war der Oberst de St. Laurent. Der lächelte freundlich, aber seine Freundlichkeit schien dem jungen Anthoine wie die Schlehbeeren am heimischen Gartenzaun zu sein. Sie lockten und schienen süß und waren doch herber als Essig.

Kurz vor Jena kreuzte noch einer den Weg der Charreards. Der Oberst de St. Laurent sah ihn mißlaunig an, der Herr de Charreard grüßte ihn kühl, aber der junge Anthoine meinte, zu dem kurbrandenburgischen Feldhauptmann Balthasar von Hünefeld könnte er wohl Zutrauen haben. Den schien der unfreundliche Gruß, den die andern ihm boten, nicht zu kümmern, laut begrüßte er sie, schlug dem jungen Anthoine auf die Schulter und rief: »Das wäre ein Junker, wie ich ihn brauchen könnte. Was gilt's, laßt Ihr Euch anwerben, Junker? Es geht sicher bald mal gegen die Türken, eine gute Klinge gilt da was und meines besonderen Schutzes dürftet Ihr gewiß sein.«

»Ein Charreard,« und der Name zischte messerscharf zwischen des Obersten de St. Laurent Lippen hervor, »sucht wohl seine Fortune besser in des Königs von Frankreich Heer. Ich erachte, er erwirbt dort größere Honneurs als einfacher Reiter wie als Fahnenjunker im –«

»Halloh, Herr, ist ihm seine lose Zunge lieb, dann stecke er sie ein, sonst bei meiner Seel möchte sie ihm bald gespalten zum frechen Maule heraushängen.«

»Um Himmelswillen!« Herr Anthoine de Charreard drängte sein Pferd zwischen die beiden, unbekümmert um die zuckenden Klingen. Er sprach liebenswürdig zu dem einen, freundlich zu dem andern, sagte, sein Sohn solle in den Hofdienst –

»Und wenn es ihm da nicht gefällt, zu wem schlägt er sich da?« Herr de St. Laurent spottete, er erwartete keine andere Antwort als die »auf Frankreichs Seite«, aber Herr Anthoine de Charreard hatte zu lange Hofdienst getan, als daß er es nicht verstanden hätte, einer Wage Zünglein in der Schwebe zu halten. »Dann mag mein Sohn selbst nach Herz und Neigung entscheiden, ich gebe ihm die Wahl frei,« antwortete er und hegte in seinem Herzen die gleiche Zuversicht, wie der Oberst. Wie konnte ein Charreard anders wählen!

»Ein Mann, ein Wort, Ihr habt Euerm Sohn freie Wahl gegeben, Monsieur de Charreard. Bin neugierig, auf welche Seite sich der Junker einst schlägt.« Der stahlgrauen Augen Blick umfing den jungen Anthoine klar und zwingend, und dann ritt der Herr Balthasar von Hünefeld weiter. Er war in Petersberg bei seinen Verwandten zu Gaste.

Der Oberst de St. Laurent hielt ihm eine üble Nachrede und je schlimmer die klang, je fest umrissener trat das Bild des Geschmähten vor die Seele des jungen Anthoine. –


11. Kapitel.

Der Junker Anthoine kam sich in den nächsten Wochen wie verzaubert vor. Es war aber ein böser Zauber, der ihn umfangen hielt. An dem kleinen Hof des Herzogs von Jena war all das törichte Tun, all die Gespreiztheit und das Wichtignehmen der einfachsten Dinge Mode, wie es die Herzogin Marie in Frankreich gelernt hatte. Dahinein kam der Junker, der bisher noch nie sein stilles Tal verlassen hatte. Doch sein Dortsein war nur kurz. Es genügte nur, um ihm einen herzhaften Widerwillen gegen dies oberflächliche Leben beizubringen, ihn von seiner Schwester Louison innerlich zu trennen, ihm dagegen noch mehr die Liebe der kleinen Prinzessin Elisabeth Marie zu gewinnen.

Man hatte just das Prinzeßchen mit einem Vetter verlobt, doch der gefiel der Kleinen viel weniger als Anthoine de Charreard, und sie war eigentlich das einzige Licht, das in des Junkers dunkle Tage hinein schien. Wie oft stand er an seinem Kammerfenster, schaute sehnsüchtig zu den Bergen hinüber und suchte in Gedanken das stille Heimattal. Er wäre arg gern wieder heimgeritten. Doch er schämte sich, so schnell von diesem ersten Flug in die Welt heimzukehren. Und dabei spürte er es in jeder Stunde: er war mehr zum Spott am Hofe, als Nützliches zu schaffen. Er war zu klug, um nicht das verhaltene Lachen zu sehen, wenn er wieder einmal eine Ungeschicklichkeit begangen hatte. Er, der daheim so sicher den Boden unter sich gefühlt hatte, merkte, hier schwankte alles. Bei jeder Verneigung, die er zu machen hatte, brach ihm der Angstschweiß aus, sollte er gar eine höfliche Redeblüte einer Dame zu Füßen legen, dann polterte er los, wie ein Kriegsknecht, der schon dreißig Jahre im Schlachtgetümmel gewesen war. Mal redete er hoch, mal tief, sprachen alle, klang seine Stimme leise, sollte er flüstern, rutschte sie ihm aus. Sollte er links stehen, stand er rechts, und wenn sein Platz ihm rechts angewiesen war, kam er auf irgendeine ihm unerfindliche Weise links zu stehen.

Der Tage Kränkungen und Verlegenheiten waren endlos.

Dazu der Herzogin Lust an bitterem Spott. Ihre Damen folgten gern ihrem Beispiel, und Louison de Charreard, die sich des linkischen Bruders schämte, tat mit. Sie tat es und weinte dann wohl heiße Tränen über ihr törichtes Tun. Doch am beißendsten war der Hohn des Herrn de St. Laurent. Der gedachte mit Hohn und scharfen Sticheleien den Junker dahin zu treiben, wohin er ihn haben wollte, und trieb ihn doch auf die andere Seite.

Doch ehe der Junker Anthoine noch wußte, was er tun sollte, ob er den Eltern daheim seine Not klagen oder verschweigen sollte, starb der Herzog Bernhard an einem hitzigen Fieber. Kaum drei Wochen war der junge Anthoine am Hofe. Alles versank nun in tiefe Trauer. Die Frauen hüllten sich in weit schleppende schwarze Gewänder, und die junge Louison sah unendlich lieblich aus mit ihrem zarten Gesicht so umschleiert von dem tiefen Schwarz. Sie war auch herzlich betrübt, sie hatte den guten Herzog, trotz mancher seiner Schwächen wie einen Vater geliebt. Sie wäre in diesen Tagen gern dem Bruder näher gekommen, doch der ging verstört und stumm einher. Er merkte es rasch, für ihn war kein Platz mehr am Hofe, denn die Herzogin war nicht in solcher Vermögenslage, um sich noch müßige Hofjunker zu halten. Der Kammer-Sekretarius Dressel zählte dem Junker an den Fingern das Leibgeding der Herzogin her und bewies ihm klar, daß außer einem Hofmeister und zwei Pagen keine Herren von Adel mehr Platz hätten am Hof. »Schaut Euch beizeiten um, Herr Junker, es wird hier ein ärmliches Leben werden.«

Da ritt der Junker denn eines Morgens – es war im Juni, am zwanzigsten sollte des toten Herzogs Beisetzung stattfinden – kurzerhand nach der Dornburg, wo er den Herrn von Hünefeld bei der Gräfin Emilie von Allstädt zu Gaste wußte, und gab dem den Handschlag, einzutreten in das kurfürstlich brandenburgische Heer. Der Herr von Hünefeld warb für seinen Kurfürsten und nahm den Junker mit Freuden an. Er fand an diesem Tage dort seine Kameraden Adrian Rudolph und Heinrich Wilhelm von Dracksdorf. Heinrich Wilhelm begehrte auch, sich draußen einmal den Kriegslärm anzuhören. Der Herr von Hünefeld rieb sich vergnügt die Hände und sagte zu der schönen Frau von Allstädt: »Das werden zwei, die das Dreinschlagen bald verstehen werden. Erst ziehen wir noch den Holländern zu Hilfe, denn sonst steckt weiß Gott der König Ludwig die Staaten ein wie einen Laib Brot. Heißa, das wär' ihm ein schöner Schmaus.«

Anthoine de Charreard stutzte einen Augenblick. Auch der Oberst de St. Laurent ging nach langem faulen Nichtstuerleben zum Heer zurück. Dann würde der auf der Gegenseite stehen. Feind also – ihm war es recht! Und des Junkers Handschlag war so, daß Hünefeld rief: »Zum Teufel, Junker, Ihr habt eine gute Zufasse. Wer Euch in der Schlacht gegenübersteht, der tut gut, ein Trostgebetlein für schwere Stunden zu sagen. Also abgemacht, in drei Tagen reiten wir, bis dahin haben sie daheim bei Euch hoffentlich die Tränen getrocknet. Grüßt Euern hochverehrten Herrn Vater, der gnädigen Frau Mutter meinen alleruntertänigsten Handkuß. Euerm künftigen Herrn Schwager aber sagt, daß ich froh wäre, ihm bei Euch den Rang abgelaufen zu haben!«

»Meinem Schwager?« stammelte der junge Anthoine betroffen.

»Ja freilich, in ganz Jena gibt es kein Weibsbild mehr, das es nicht weiß: die schöne Hofjungfer Louison de Charreard wird die Gattin des Obersten de St. Laurent. Wußtet Ihr das nicht? Habt Ihr es nicht gemerkt?«

Eine Glutwelle stieg dem Jüngling ins Gesicht. Nein, das hatte er nicht gewußt, er warf einen raschen Blick auf Adrian Rudolph, der fragte: »Wußtest du es?«

Auch Adrians Gesicht flammte. Er war aber der älteste von den drei Kameraden und er war herb und in sich verschlossen. Also schwieg er, sah in die Luft, als gefielen ihm die segelnden, blaugrauen Wolken besser als alles Erdengeschehen. Nur als es zum Heimreiten kam, fragte er: »So es meinem Herrn Vater recht ist, nehmt Ihr mich auch mit, Herr Hauptmann?«

»Einen Jungherrn wie Euch, den lasse ich mir nicht entgehen! Potz heiliges Dunderwetter! Reitet und kommt bald wieder. Nur keinen langen Abschied, bei dem die Weiber schließlich flennen.«

Einen langen Abschied nahm Anthoine de Charreard nun wirklich nicht, er nahm überhaupt keinen. Schrieb einen Brief an seinen hochverehrten, gnädigen Herrn Vater, meldete das Geschehene und saß dann drei Tage lang in seiner Kammer, denn das erste, was er erfuhr, als er von der Dornburg zurückkam, war, daß Louison wirklich nach zwei Jahren den Obersten de St. Laurent heiraten würde. Das zerriß dem guten Jungen beinahe das Herz. Nun war der Feind ihm Schwager, und er hatte das dumpfe Gefühl, sein Vater würde über seinen Schritt heftig erzürnt sein, würde ihn voreilig nennen und gar versuchen, ihn zurückzuhalten. Also ritt er nicht gen Pösen, er lernte das Schweigen; schwieg sich gegen jedermann aus und hielt auch seinen Mund, als die Frau Herzogin in seiner Gegenwart heftig auf Heinrich Wilhelm von Dracksdorf schalt und dringend von ihm verlangte, er solle selbst mit dem Obersten de St. Laurent ziehen.

»Ich muß erst meine nächste Zukunft überlegen.« Anthoine de Charreard brachte zum ersten Male, seit er am Hofe weilte, es fertig, zu antworten und sich zu verbeugen, zu lächeln und zu schweigen, wie es die Hofsitte verlangte. Und niemand kam auf den Gedanken, er hätte schon selbständig über sein Schicksal entschieden.

Nach zwei Tagen kam Antwort von Pösen. Ein Brief wie Wintersturm. Der Herr de Charreard schrieb seinem Sohn, daß er bitter unwillig über das rasche, eigenmächtige Handeln sei; doch Wort sei Wort, er müsse das Versprechen halten. Er habe aber gleichzeitig dem Hauptmann von Hünefeld geschrieben, daß er das Kämpfen gegen die Türken erlaube, falls diese einen Krieg beginnen sollten; nicht das gegen seines teueren König Ludwigs Heer. Nur zuletzt drängte sich ein freundliches Grüßen in den Brief hinein, und da beugte sich Anthoine de Charreard über das Blatt und küßte des Vaters Schriftzüge, fühlte sich ihm ganz zugehörig und fühlte sich ihm doch fremd.

Ein Diener hatte ihm den Brief gebracht, er hatte etwas dazu gesagt, aber für Anthoine de Charreard war das Wort stumm gewesen, er saß und sann, bis es auf einmal draußen heftig räusperte und hustete. »Wer draußen steht, komme rein.« Das war ein barscher Ton, den hatte der junge Anthoine erst gelernt, und er mußte den Ruf wiederholen. Dringlicher, heftig fast; dann erst tat sich die Türe auf, mit höchster Verwunderung im Gesicht trat ein – Nikolaus Rabe.

»Niklas du!« Anthoine schnellte von seinem Sitze empor und plötzlich hing er dem Heimatfreund am Halse und seine Stimme war ganz weich geworden. »Niklas, was bringst du Botschaft von –«

»Von der Jungfer Schwester Grüße und ich schätze, von der gnädigen Frau Mutter ist dies hier,« brummelte Niklas, den nach dem barschen Herein die Freude des Junkers in eine sonderbar rührsame Stimmung gebracht hatte. Er hob ein stattliches, in Leinen gewickeltes Paket auf. »Das da soll ich abgeben.«

Ja, es waren freilich rechte Muttergrüße. Ein linnenes Hemd, eine gute Speckseite, ein paar Würste, ein Brot, ein Beutelchen mit zwei Golddukaten drinnen, Taufgeld, die Mutter hatte es dem Buben manchmal gezeigt, und ein paar späte Rosen und ein Zweiglein Rosmarin aus dem Garten, daran ein Zettel, auf dem mit unsicherer Hand geschrieben stand: