Und was dein Herze kränkt,
Der allertreuesten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.«
Darunter: Meinem herzlieben Sohn Anton zum Geleite. Der HERRE GOTT segne und behüte dich und gebe uns ein fröhlich Wiedersehen.
In treulichster Sorge und Fürbitte Deine Mutter
Sophia Christine de Charreard geb. Riesin.
Da beugte der Junker Anthoine, der hinaus in den Kampf und Streit der Welt ziehen wollte, sein Gesicht über das Blatt und heulte laut hinaus.
Nikolaus Rabe, der sein fitzelbuntes Kriegskleid trug, trat von einem Bein auf das andere, das bitterliche Weinen beschwerte ihm sein Herz, ein paarmal brummelte er: »So müßt Ihr's nit halten, so nit, Jesses, so doch nit.«
Da aber der Schmerz des jungen Anthoine gründlich war, ebbte das Weinen nicht so bald ab und es steckte den Nikolaus an. Die beiden, die von Kriegstaten träumten, heulten herzhaft mitsammen, und wer weiß, wie lange das noch gedauert hätte, wenn einer nicht die Türe aufgerissen hätte, der Eile in den Gliedern hatte. »Junker, eilt Euch.« Der Herr von Hünefeld war noch nicht drinnen, da rief er das Wort schon. »Der St. Laurent hat's herausgespürt, daß ich Euch bekommen habe, nun läßt er Häscher warten auf dem Wege zur Dornburg, denkt, wir ziehen gen Berlin. Man will Euch aufgreifen, Euch und den Dracksdorf. Mich wollen sie als fremden Werber gefangen setzen! Kommt rasch. Wir reiten im Saaletal entlang, holen den Dracksdorf und den Rudolph, so ihm sein Herr Vater Permission gibt, und nehmen unsern Weg über Franken. Eilt Euch, tut, als wär's ein Lustritt. Ich reite voran, gerade zusammen soll man uns nit sehen.«
»Wir kommen eiligst nach, Herr Hauptmann,« schrie Nikolaus, als wäre der Hauptmann stocktaub.
»Kruzitürken, was ist das für einer,« schrie der Herr Balthasar von Hünefeld. »Ein übriggebliebener Schwede gar!«
»So nit. Bin ein Pösener Kind wie unser Junker, aber Schockschwerebrett, ich will mit, und wenn's gegen die Türken ging, dann wär's ein Hauptspaß.« Und dann erzählte der Nikolaus mit zehn Worten, woher er sei, warum er mitwolle, und der Herr von Hünefeld nickte. So einen konnte er brauchen. »Abgemacht, wir reiten. Aber zuerst den Franzmännern auf den Hals.«
»Sapperlot, ist mir auch recht.«
»Alsdann Gott befohlen. Unterhalb der Lobeda-Burg treffen wir uns.«
Eine Stunde später ritt der Junker Anthoine de Charreard aus der Stadt und traf am Tor den Obersten de St. Laurent. Der sah des Junkers Begleiter erstaunt an. »Was ist das für ein bunter Gauch!« spottete er. »Habt Ihr einen Pfingstvogel gefangen, Junker?«
»Von Pösen ist er gekommen. Hat mir Kunde von dort gebracht und –«
»Will ihn selbst holen,« vollendete Nikolaus Rabe, der wohl das Zögern des jungen Anthoines merkte. Glührot brannten dessen Wangen.
»So, auf seltsamen Wegen, andersrum scheint mir der Weg zu gehen,« spottete der Herr de St. Laurent. Er drängte sein Pferd dicht an die beiden heran.
»Durchs Leutratal reiten wir, der Weg ist kühler.« Nikolaus ließ sich nicht so leicht einschüchtern. »Gnaden sollten auch mal den Weg nehmen, viel länger ist er nit! Und der Wald schattet gut!«
»Ist das Euer Vormund, Junker Charreard,« spottete der Oberst.
»Unser Niklas ist's.«
»Für einen Bauern trägt er ein sonderbares Kleid. Doch –« Dem Oberst kam ein Besinnen. »Richtig, den Kauz sah ich schon, als ich unsere gnädigste Frau Herzogin geleitete. Nun denn, wenn's so ist, empfehlt mich den gnädigsten Eltern – Herr Schwager!«
Anthoine de Charreard gab seinem Pferd die Sporen; er tat, als hätte das letzte Wort der Wind davongetragen. Der Herr de St. Laurent sah den beiden nach. Der Begleiter stimmte, der Weg stimmte, und doch – hätte er nicht besser den Junker Anthoine aufgehalten und sich damit von den Charreards Dank erworben?
Anthoine de Charreard ritt schweigend in raschem Trabe vorwärts, ein bitteres Gefühl brannte in ihm. Der eitle Narr sollte seiner Schwester Mann werden. Einmal drehte er sich um, sah rückwärts Jenas Türme im hellen Lichte stehen und sah dabei auch den Nikolaus neben sich reiten. Mit finsterem Gesicht, wie einer, der Kampfzeit nicht erwarten kann. »Niklas, gelle, ein bitterer Abschied ist's. Was sagt dein Weib, Niklas?«
»Sie heult,« knurrte Nikolaus. »Aber nune sie den Kleinen hat, nimmt sie's leichter. Sie denkt eben: ist 'ne Krankheit und wird vorbeigehen. Ist auch so. Junker, eins aufbrennen möchte ich dem Milchgesicht da, damit er unsere Louison nit freit. Unsere Louison und der, hol's der Teufel, gut geht es nit aus.«
Und dann ritten die beiden weiter bis zur Leuchtenburg, deren Tor sich ihnen gastlich auftat. Am nächsten Morgen ritten die fünf Männer vor Tau und Tag die Saale entlang und Nikolaus dachte dabei an den Zug, den er einst als Troßbube der Schweden mitgemacht hatte. Lang war es her, vor sieben Jahren war er heimgekommen und nun verließ er Weib und Kind, weil das wilde Reiterblut in ihm nicht zur Ruhe kommen konnte. Er erhob seine Stimme und begann in rauhen Tönen ein Kriegslied zu singen, ungefüge gellte das durch das stille Saaletal und weckte noch manchen müden Schläfer auf. Den Leuten kam dabei ein böses Erinnern und ein paar zaghafte Weiberlein krochen gar unter die Betten: »Hilf Himmel, die Schweden sind wieder da! Der Herr Kurfürst von Brandenburg ist ihrer doch nich Herre geworden.«
Doch der rauhe Gesang starb mählich in der Ferne, leiser und leiser tönte es im Saaletal:
Jedweden einem
Der Leib sei dir beinern
Das Herz sei dir steinern.
Das Haupt sei gestählet
Der Himmel geschildet
Die Hölle versperret,
All's Übel sei von dir verirret.«
Herr Balthasar von Hünefeld lachte. »Ich weiß eine andere Melodie, alter Kriegskamerad, als dein verzwicktes Zaubersprüchel. Auf, mitgesungen:
»Didum, didum! Bidi, bidi, bum«
da fiel der Nikolaus lachend ein und beide sangen:
Mit Händen und mit Füßen,
Mit Säbeln und mit Spießen,
Didum, didum, didum.«
Die drei Junker erhoben ihre Stimmen dazu und so singend zogen sie durch das Land.
Über ein kleines noch, und die drei Jugendfreunde steckten im Soldatenrock.
12. Kapitel.
In Pösen war es recht still.
Das junge Jeannettchen ging einher mit leidbeschwertem Gemüt. Der Bruder, an dem seine Seele hing, war fortgezogen und mit ihm der Freund. Die Schwester, die nach des Herzogs Begräbnis acht Tage in Pösen weilte, war so fremd, ach so fremd der Heimat geworden. Und die Eltern waren bedrückt. Sehr still zogen die Tage einher, wie Schiffe, die bei windlosem Wetter träge dahingleiten.
Jeannettchen tat ihre Arbeit im Hause und hatte keine Freude daran. Sie ging auch zu dem Magister Albertinus, den seine Hausfrau einen rechten Trostengel nannte. Ein wunderlicher Engel, man mußte schon seines Wesens milde Güte erkennen, um den dünnbeinigen hageren Mann just einen Engel zu nennen. Jeannette de Charreard saß in den Stunden, die sie bei ihm zubrachte, verträumt da und selbst der gute Magister, der so freundlich in jeglichem Urteil war, konnte ihr keinen besonderen Fleiß nachrühmen.
Einmal – die Sommerfäden spannen sich schon silbern von Ast zu Ast, ruhten auf den Wiesen und wehten Jeannette ins Gesicht, wenn sie zum Rabenhofe ging – fragte der Magister:
»Und wo hat die Jungfer die Gedanken gelassen?«
Da legte Jeannettchen den Kopf auf den mit Tintenflecken nicht sehr säuberlich gezierten Tisch und schluchzte laut. Ihr Herzeleid brauchte Tränen.
»Steht es so!« Der Magister nahm einen Bogen, tunkte den Gänsekiel in die schwarze Flüssigkeit und begann Linie um Linie zu ziehen. Dann tippte er das weinende Mädchen sacht an und forderte sie auf, seiner Linien krauses Gewirr zu schauen. »Da seht, Jungfer Johanne, hier sind wir, nun wandern wir am Leutrabach entlang, kommen an den Saalefluß, so, da drehen wir uns um, ziehen gen Franken, erst westwärts, dann nordwärts, und da, meine kleine Jungfer, ist eine Stadt in Geldern, am Waalefluß gelegen, Nymwegen wird sie genannt; dorten sitzen itzt viele hochweise Herren und beraten über den Frieden. Bald ist's aus mit dem Krieg, dann kommen die Junker und dieser Querkopf, dieser ganz törichte Feuerbrand, so sich Nikolaus Rabe benennet, heim. Sie werden sicher dem Herrn Kurfürsten von Brandenburg nicht weiter dienen. Und alles Leid hat dann ein Ende!«
»Wenn – wenn sie nun aber doch nicht Frieden schließen?«
»Wenn – wenn, liebwerteste Jungfer Bedenklichkeit, – wenn der Fisch Beine hätte, könnte er laufen, man muß nicht zu oft ›wenn‹ im Leben fragen.«
Jeannettchen wurde froh bei dieser Strafrede. Ihr Blick lief noch einmal den krausen Linien nach, ihre Gedanken überflogen die Weite zwischen Land und Land und sie dankte getröstet dem alten Magister. Ja, sobald Friede war, würden sie heimkommen. Der Brandenburger würde sie gar nicht mehr brauchen.
Doch ein hochgelehrter Herr Magister und eine junge Jungfrau zusammen können in Kriegsdingen irren. Die Ausgezogenen kamen nicht heim. Erst schloß der König Ludwig mit den Staaten, dann mit Spanien und als der Frühling nahte, mit Österreich Frieden, aber die drei Freunde und der alte Kriegsmann hatten es nun einmal vor, noch gegen die Türken zu ziehen, und sie tummelten sich weiter in der Fremde herum.
Der Tag ihres Auszuges jährte sich zum zweiten Male und in Pösen dachte man an die Hochzeit der schönen Louison mit dem Herrn de St. Laurent. Der Oberst war aus Frankreich zurückgekehrt, um seine junge Frau zu holen. In Straßburg, das deutsche Schwäche und Verrat an Frankreich ausgeliefert hatten, war sein Quartier bisher gewesen; nun sollte es Paris werden. Er umnebelte Louisons klares Denken so mit seinen wunderreichen Erzählungen von seines Heimatlandes Größe, daß das junge Ding meinte, es ginge durch diese Heirat schier in das Paradies. Die Hochzeit sollte in Stille und Einfachheit gefeiert werden. Die Herzogin lebte seit dem Tode ihres Gemahls in bedrückten Verhältnissen, wollte aber doch nicht darauf verzichten, die Hochzeit selbst auszurichten. Sie gestattete den Eltern nur gnädig, all das zu liefern, was in der herzoglichen Küche fehlte, und Sophia Christine sah eines Tages wehmütig die Vorratskammern durch, schrieb auf, was da war, und dachte trübe an des jungen Anthoines Taufe. Jetzt brauchte sie nicht mehr nach der Bäuerinnen Hilfe auszuschauen, knapp ging es zwar zu, doch reichte es immer, aber es schien ihr doch, als wäre ihr Glück damals größer gewesen. Ihre sorgenden Gedanken hingen sich an ein fürstliches Handschreiben, das vor kurzem der Bote gebracht hatte. Ihr Mann hatte es erbrochen, gelesen und war dann schweigend den Hausberg hinaufgegangen. Nun wußte sie, es war Schweres, was er erfahren hatte, und sie wartete lange auf sein Zurückkommen und seinen Bericht.
Jeannettchen hatte nichts von dieser aufziehenden Wolkenwand bemerkt. Die schritt am Leutrabach hin und ihre Gedanken umspannen Geschwister und Freunde, während sie sich von einem lauen Sommerwind umwehen ließ. In der Mühle war das elfte Kind geboren worden und Jeannettchen trug eine Gabe für die Frau im Korb. Die gab sie ab, sprach mit dem Müller, dessen Gesicht bei jedem Büblein oder Mädelchen, das in der buntbemalten Wiege lag, um ein Scheinchen heller wurde, dann rüstete sie sich zum Gehen. Bis zum Waldrand schritt sie noch, tiefer hinein wagte sie sich nie, obgleich man nie mehr ein Schauermärlein hörte, das im stillen Tal den Frieden gestört hätte.
Und wie Jeannettchen so unter einer der großen Tannen saß, vernahm sie auf einmal Pferdegetrappel. Wie damals, als Nikolaus Rabe heimkehrte. Sie blieb aber ruhig sitzen, dachte, es wird ein Bote von der Leuchtenburg sein, drüben lag ja die Mühle, die klapperte, der Bach lärmte, es herrschte nicht jene verwunschene Stille im Tal wie damals. Das Trappeln kam näher, und dann sprang Jeannettchen doch erschrocken auf, als sie von der Seite einen Reiter daherkommen sah, dem man das Kriegswesen ansah. Aber der Schreck war nur kurz. Die Augen des Mannes blickten froh, das rote Gesicht erstrahlte und Jeannettchen rief jubelnd des Jugendfreundes Namen: »Heinrich Wilhelm, Ihr!«
»Eia ja, da bin ich,« antwortete der behaglich. »Mademoiselle Jeannette hat mich beim Teufel rekonnässiert.«
Jeannettchen hörte an dem fremden Ton vorbei, ein Schatten flog über ihr Gesicht: »Allein?« fragte sie mit verhaltener Sorge.
Der Junker von Dracksdorf sprang von seinem Pferde, schlang die Zügel um die Tanne und warf sich ins Gras; da setzte sich Jeannettchen wieder auf den bemoosten Stein und bat: »Erzählt.«
»Was gibt's da viel zu reportieren. Unser Oberst wollt' uns nicht loslassen, bei Trier liegt unser Fähnlein. Der Hauptmann meint, es ginge in Bälde gegen den König Ludwig und seine verdammten Reunionskammern los oder gegen den Türken, und der Anthoine sagt: So oder so, ihm wär's gleich. Ich bin persuadiert, er wird mal ein großer Kriegsmann, Euer Monsieur Bruder, so ein Draufgänger ist er. Der Adrian tut's ihm sachter nach, der Niklas ist aber wild darauf, gegen Franzosen oder Türken sein Pulver zu verschießen. Ich wär' wohl auch noch nicht heimgekommen und hätte meinen Abschied genommen, wenn der Herr Vormund nicht geschrieben hätte, es wäre nun Zeit, meine Güter zu übernehmen und eine Hausfrau heimzuführen.«
Hier tat der Junker von Dracksdorf einen erschrecklichen Seufzer und Jeannettchen wurde blutrot und wurde gleich wieder blaß, denn der Mann da neben ihr fing an zu erzählen, er wäre in Jena gewesen und hätte da Louison gesehen. »Zum Henker,« knurrte er, »die hätte mir besser als Madame de Dracksdorf gefallen als –«
»Wir wollen heimgehen!« Jeannettchen stand rasch auf, sie merkte es gar nicht, daß ihr ein paar helle Tränen über die rosigen Wangen liefen, so tief war ihr Herzeleid in diesem Augenblick. Aber der Junker von Dracksdorf, der schon mal in der Einfalt seines Gemütes einen Baum umrennen konnte, sah doch die Tränen, und er machte sich auch das rechte Verslein dazu. O lieber Himmel, da war ihm im stillen Tal die Blume Wunderhold erblüht, die er so himmelgern in Jena gepflückt hätte. »Ja,« sagte er und wurde in seiner Verlegenheit feierlich, »es ist wohl Zeit, den gnädigen Eltern der Mademoiselle meine Komplimente zu Füßen zu legen, ich bin persuadiert, sie werden meinen Rapport mit Ungeduld attendieren.«
In all ihrem Herzeleid mußte Jeannettchen lachen. Sie knixte tief und sagte mit der anmutigen Schelmerei, die ihr Muttererbe war: »Und ich bin persuadiert, den Herrn Magister trifft der Schlagfluß, so er des Herrn Junkers verwelschtes Gerede vernimmt.«
Potz Blitz, war das das stille, schüchterne Jeannettchen?
Der Junker riß Mund und Augen auf, war so verdutzt, daß er die lachende Jungfer erst davonlaufen ließ und ihr dann nach ein paar Minuten eilfertig und ziemlich beschämt nachrannte. Ihm war nämlich der Gedanke gekommen, daß die Tränlein vorhin der Schwester Heirat und nicht ihm gegolten hatten, und er schämte sich seiner Einbildung gewaltig. »Mademoiselle Jeannette,« stammelte er, als er die Enteilende eingeholt hatte, »wenn man sich um die Nase den Weltwind hat eine Weile soufflieren –«
»Redet deutsch, Junker von Dracksdorf,« unterbrach ihn Jeannettchen, »der Weltwind wird Euch hoffentlich nicht Eure guten deutschen Worte alle davongetragen haben. Und da kommt der Magister!«
Wirklich kam Magister Albertinus den beiden entgegen. Erst staunte er, dann erschrak er und dann schalt er, denn der Junker vergaß zu schnell Jeannettchens Mahnung, er rief: »Ich kann nur Gutes rapportieren von dem Sukzeß und der Honneur des –«
»Gutes was?« Der Magister sah den Junker an wie einen, der vom Mond gefallen ist, und Jeannettchen lachte dazu. Lachte die beiden verdutzten Männer aus, bis der aus der Welt Heimgekommene merkte, im stillen Leutratal redete man unverwelschtes Deutsch, und dem Magister ein Lichtlein aufging, daß draußen die Torheit, die deutsche Sprache mit fremden Flicken zu behängen, noch fortwucherte. »Na, Junker von Dracksdorf, wenn Ihr schon so redet, was werden erst die andern für verwelschte Mäuler haben,« brummte er. »Na, aber, ich gewöhn's ihnen ab.«
»Zum Teufel ja, und tausend Schuß will ich wetten, ich gewöhn's mir auch wieder ab,« antwortete Junker Heinrich Wilhelm. Da war der Friedensschluß fertig ohne so lange Verhandlungen wie in der Stadt Nymwegen. Die Raben-Bäuerin bekam Grüße, ein flandrisches Tuch und ein paar Dukaten von ihrem wanderlustigen Mann. Darüber weinte sie still und ging ins Haus, denn der Mann wäre ihr lieber gewesen als Tand und Gold.
Jeannettchen drängte zum Heimgehen. Der Magister schloß sich an. Als die drei am Hause anlangten, sahen sie Herrn de Charreard und seine Frau unter der Linde sitzen, und es war wohl zu merken, sie redeten von einer gemeinsamen Sorge.
»Herr Vater, Frau Mutter, Nachricht vom Bruder!« rief Jeannettchen. Sie lief mit so leichtfüßiger Anmut vor dem etwas schwerfälligen Junker einher, daß der über dem Bewundern beinahe den Willkommengruß vergaß. Und dann machten ihn des Jeannettchens strahlende Augen ganz verwirrt, und er kauderwelschte verlegen, er schätze es für einen heureusen Augenblick, selbst den agreablen Rapport von des Freundes Santé geben zu können, der –
Da vergaß der gute Magister alle höfliche Form, brummte unwirsch, dieses wär nun seiner Meinung nach ein saudummes Gewäsch; es hörte aber niemand auf sein Schelten. Endlich lief er zornig davon.
Der arme Junker geriet durch Jeannettchens Lachen wieder in eine sehr unangenehme Beklemmung, und er suchte sich herauszuhelfen durch Grüße, die er aus Jena brachte. Da trübten sich aber die eben noch so hellen Gesichter der Charreards. Jeannettchen kamen aus unbewußter Eifersucht heraus Tränen. Frau Sophia Christine aber rief schmerzlich: »Ach, die Frau Herzogin will uns gar kein Kind lassen, nun soll auch noch unser Jeannettchen als Hofjungfer nach Weimar kommen.«
»Ich – Frau Mutter, ich – Hofjungfer!«
Wäre das ganze stattliche Wohnhaus just in dem Augenblick zusammengepurzelt, das Jeannettchen hätte nicht entsetzter dreinschauen können. Und dann brach der Schmerz des guten Kindes so jäh hervor, wie der kleine Bach unten es tat, wenn Tauwind über die Berge raste. Jeannettchen sank vor ihrer Mutter nieder und in deren Herzen klang das Leid ihres Kindes schmerzlich wieder. Und sie konnte doch nicht helfen.
Der Junker von Dracksdorf schaute auf das weinende Mädchen und alle Gedanken an Louison vergingen ihm, nur an Jeannettchen dachte er, und wie er wohl helfen könnte. Weil er nun wohl etwas schwerfällig war, es ihm aber keineswegs an hellem Verstande mangelte, überlegte er bedachtsam allerlei Wege zur Hilfe und Rettung des bedrängten Kindes. Flucht war abenteuerlich, aber bei einer Heirat, wenn sie just beschlossen war, würde man in Weimar von der Forderung abstehen. Er räusperte sich laut, trat von einem Bein auf das andere und platzte etwas plötzlich heraus: »Ich habe die Intention, daß für das Fräulein der agreabelste Ausweg aus dieser fatalen Situation eine gute Mariage wäre, und da ich das Fräulein von Kindheit an adoriert habe, bin ich persuadiert, es – es – es –« Der Redefluß des guten Junkers stockte, aber Jeannette de Charreard hatte genug gehört, und sie hatte auch alle Fremdwörter fein richtig verstanden, nahm auch keinerlei Anstoß daran, sondern ihr Schluchzen wandelte sich sachte in ein heiteres, leises Lachen, sie stammelte fest an die Mutter gelehnt: »Wenn – wenn Er mich liebt, dann – dann –«
Von seiner großen Amour wollte der Junker gerade sprechen, da fuhr ihm das Wörtlein Liebe unversehens dazwischen und er sagte ganz einfach: »Ich liebe die Jungfer Jeannette, bei Gott, über alles in der Welt. Hab's just erst gemerkt, wie sehr sie mir ans Herz gewachsen ist. Man muß wohl in die Welt ziehen, um das Einfachste zu verstehen.«
In dem Herzen der Mutter sang und schwang wieder die große Feiertagsglocke. Die an ihrem Einzugstage zuerst getönt und allemal wieder ihre Stimme erhoben hatte, wenn ihr ein neugeborenes Kind im Arme lag. Ihre tränenfeuchten Augen suchten die des Mannes, und Herr Anthoine de Charreard beugte sich über seine Frau und sagte leise: »Wenn unser Jeannettchen wird wie du, dann kann der Junker von Dracksdorf diese Stunde segnen.«
Herr de Charreard schrieb an diesem Tage mit solcher Freude im Herzen an die Herzogin Marie, wie er es seit Jahren nicht getan hatte. Er durfte ihr eine wohlbegründete Absage geben, denn daß die künftige Frau von Dracksdorf nun noch eifrig im Hause lernen mußte, das verstand auch die Herzogin.
Jeannettchen war glückselig. Bei der Hochzeit ihrer Schwester Louison überstrahlte sie sogar die schönere Schwester im Glanz ihres jungen Glückes. Ein leiser Wiederschein davon ruhte auf dem Gesicht ihrer Mutter. Das Glück der Jüngeren ließ sie auch an das Glück der Älteren glauben, obgleich ein Widerwillen gegen deren Mann immer in ihr lebte. Übrigens sah niemand weniger strahlend aus als der Oberst de St. Laurent. Er hatte ein Bündel getäuschter Hoffnungen mitgebracht. Man war ihm als Hugenotten mit Mißtrauen begegnet, und er hatte wohl gesehen, daß die Hilfe, auf die die Hugenotten in Frankreich gerechnet hatten, ihnen nie von König Ludwig kommen würde.
Bald nach der Hochzeit verließ Louison die Heimat. Sie war nicht mehr in Pösen gewesen, das stille Tal lag wie ein Traumland hinter ihr, sie dachte nur an Paris, wohin ihre Reise ging. Der Oberst de St. Laurent hoffte dort durch einflußreiche Verwandte und Freunde eine glänzende Stellung zu erhalten. Ungern sah ihn die Herzogin scheiden, aber die Verhältnisse waren für sie sehr drückend geworden. Sie verlebte ihre Zeit viel auf ihrem Gute Porstendorf. Sie war müde geworden und kränkelte viel, hatte etwas die Lust verloren, mit dem Schicksal anderer Fangeball zu spielen. Freilich, ihre Umgebung hatte viel unter ihren bitterbösen Launen zu leiden.
Auch in Pösen sollte es noch stiller werden. Zwei Jahre nach Louisons Hochzeit wollte Heinrich Wilhelm von Dracksdorf sein Jeannettchen heimführen. Der junge Gutsherr hatte jegliche Lust zum Ausziehen in die Weite verloren, er hatte auch seine schönen Fremdwörter alle wieder vergessen, und der alte Magister Albertinus brauchte nicht mehr zu mahnen, die fremden Unkräutlein nicht zu schlimm wuchern zu lassen.
Anthoine de Charreard hatte sein Kommen zu der Schwester Hochzeit zugesagt. Wenige Wochen vorher war es, im September sollte die Hochzeit stattfinden, da ritt einer allein durch das Tal, der nun meinte, es wäre auch eine Heimkehr für immer. Es war der Nikolaus Rabe, der kam heim, weil ihm das Warten auf den Türkenkrieg draußen zu lang geworden war. Er hatte sich noch tüchtig in der Welt herumgetummelt und zuletzt seinem Junker nach Paris das Geleite gegeben, nachdem er seinen Abschied genommen hatte. Dort hatte der Junker Schwester und Schwager getroffen, und der Nikolaus Rabe konnte nur berichten, es gehe ihm gut.
Als der alte Kriegsmann vor seinem Bauernhof ein strammes Bübchen spielen sah und ein wenig ernst und bedrückt seine junge Frau still auf dem Felde werken fand, da stieg's ihm heiß zu Kopfe, und er hielt sich selbst, noch abseits vom Hause, eine tüchtige Standrede. Die lautete: Niklas, alter horndummer Mistesel du, konntest alleweil auch was Gescheiteres tun, als in der Welt herumzuziehen. Läßt Weib, Kind, Haus, Hof im Stich und bist weder richtig an die Franzosen, noch ein bißchen an die Türken herangekommen. Hol dich der Teufel, ein Stück Holz ist klüger als du. Und nach dieser feierlichen Ansprache an sein eigenes Ich betrat Nikolaus Rabe das Haus, das Bübchen war davongelaufen, und der Magister Albertinus war der erste, der dem Heimkehrenden entgegentrat.
»Kruzitürken,« schrie Nikolaus, »das nenne ich Fortune haben, von so einem gelehrten Monsieur an der Türe salviert zu werden!«
»Schafskopf,« schrie der alte Magister, »macht Er die gleiche Dummheit wie der Junker von Dracksdorf! Hat Er, weiß der Himmel, nichts anderes draußen gelernt als sein Maul mit welschen Brocken zu füllen? Jemine, so kommt er nun heim! Ein Querkopf zog aus, ein Strohkopf kehrt zurück!«
»Dunderwetter, das hat wohlgetan!« Der Nikolaus lachte über das ganze Gesicht. »Mehr, Herr Magister, mehr! Solche Sprüchlein tun wohl. Parbleu – wollte sagen Coup de Tonnär, ih niche doch, zum Teufel noch mal, ich hab's verdient. Und nune potz Blitz, wo sind Weib und Kind?«
Die kamen beide angerannt, erst erschrocken vor dem fremden, fluchenden Mann, dann hing ihm das junge Weib am Hals und rief: »Endlich, Niklas, endlich. Als du fortzogst, konnte der da noch niche recht reden und itze pappert er's Blaue vom Himmel runter.«
»Ja, und unser Jeannettchen war ein Kind, und in drei Wochen wird sie Frau von Dracksdorf,« redete der Magister besinnlich in den lauten Jubel der Frau hinein.
»Na, Gott sei Dank, denn die Louison ist Madame de St. Laurent und tut, als hätte sie in Paris ihren ersten Schrei getan. Dunderwetter, kaum angesehen hat sie mich. Und unsern Junker Anthoine haben sie eingesponnen wie eine arme Fliege.«
»Und der junge Herr Adrian?« fragte der Magister.
»Der ist nach Wien gezogen auf die hohe Schule, hat seinen Abschied genommen, weil's doch nichts mehr zu kämpfen gab. Akkurat nach Wien, ich persuadier –«
»Daß Ihm gleich sein Dach auf den Dämelkopf fällt!«
»Dunderwetter ja! Der Herr Magister kann's fluchen fast besser als der Herr von Hünefeld, und der hat arg gewettert, als wir so Woche um Woche gelegen haben und nix zu sehen kriegten vom Feind. Und hernach der vermaledeite Friede und jetzund der, den der arme Herr Kurfürst von Brandenburg hat unterschreiben müssen. Sie sollen ihm alle seine wohlverdiente Siegesbeute genommen haben, und ich habe die Opinion, daß –«
»Was hat Er noch? Glauben tut Er, und was glaubt Er?«
»Daß, daß – es der Herr Adrian mit den Wissenschaften hält,« stotterte Nikolaus, der durch des Magisters heftigen Anruf ganz aus der Fassung gekommen war. Er vergaß es, den Faden des Weltgeschehens weiterzuspinnen, war wieder im engen Tal der Heimat und hätte nun gern etwas von Haus und Hof gehört. Doch der Magister war damit nicht zufrieden, dessen Gedanken gingen dem Schicksal der drei Freunde nach. Er brummelte: »So, so, mit den Wissenschaften hält's der Junker Adrian. Alleweile, da hat er den besten Teil von allen dreien erwählt. Heirat und Kriegsdienst sind nicht viel wert, die Wissenschaften sind am besten.«
Aber da redete die Frau flink hinein, die bis dahin geschwiegen hatte. »Das meine ich nun eben niche. Der Junker von Dracksdorf, der unser Jeannettchen bekommt, der kann lachen. Der Herr Magister sind zwar ein hochgelehrter Herr, aber vom heiligen Ehestand versteht er doch kein linschen.«
»Potz Blitz, Frau, das war recht gesprochen, und eine gute Mariage –«
»Ja potz Blitz, den heiligen Ehestand in Ehren, aber in deutschen Ehren für uns, Er verwelschter Dummkopf,« schrie der Magister. »Und nun kommt, wir gehen und melden, daß der Junker Anton zur Hochzeit kommt, so ist es doch richtig?«
»Ich meine halt, nein,« murmelte Nikolaus. »Er kommt nit, hat in der großen Stadt Paris unser stilles Tal vergessen!« –
13. Kapitel.
Ein wenig später konnte Nikolaus Rabe, der Heimgekehrte, seinen Bericht erstatten. Der gute Magister hatte dabei viel Grund zu knurren und zu schelten, denn im Eifer purzelten recht viele fremde Wörter dem Manne aus dem Mund. Er redete ein wunderliches Mischmasch durcheinander. Die Charreards hörten nicht darauf, Herr Anthoine strahlte, aber über Sophia Christines klares Gesicht flogen Schatten. Nikolaus sagte nicht, daß der Junker die Heimat vergessen hätte, aber ihr Ohr hörte das Verborgene und in ihrem Herzen rann die Tränenquelle.
»Zwei von den Charreards in Paris, das ist recht,« rief Herr Anthoine. »Paß auf, herzliebe Frau, unser Anthoine bringt dort den Namen Charreard wieder zu Ehren.« Da sah der Mann in seiner Freude doch das wehe Lächeln um den Mund der Frau zucken und er sagte: »Da dir unser Sohn Dracksdorf doch wirklich lieb ist wie ein Sohn, mußt du eben denken, Teuerste, zwei Kinder dort, zwei Kinder hier, eine gerechte Verteilung.«
Ach, es war nicht so, wie es der Herr de Charreard sagte. Die Frau trug alle vier Kinder im Herzen, auch den Schwiegersohn, dessen Verlassenheit sie einst in ihrem jungen Glück so tief gerührt hatte. Der Oberst de St. Laurent dagegen war ihr fremd, und um dieser Fremdheit willen dachte sie mit immer wacher Sorge an Louison. Zwei Kinder hier, zwei Kinder fern. Frau Sophia Christine dachte in diesen Tagen manchmal an die Glucke mit den zehn Küchlein, die sie alle an ihrem Einzugstag schützend umfangen hatte. Daß doch eine Menschenmutter ihre Kinder nicht immer so bei sich haben kann.
Aber freilich, Jeannettchens junges Glück stand wie eine Sonne über dem Hause. Einmal zog eine Wolke darüber, die Herzogin Marie von Jena starb. Sie hatte Frau Sophia Christine viel Herzeleid angetan, und doch weinte die Frau um sie, sie gedachte der verlassenen Kinder.
Es war im August. Ein paar Wochen später fuhr die kleine Prinzessin Elisabeth Marie von Jena nach Pösen, sie wollte, ehe sie an den Hof des Herzogs Johann Georg zu Eisenach reiste, um dort zu bleiben, Abschied nehmen. Was der Hochmut ihrer Mutter Frau Sophia Christine zu Leide getan, das glich die Tochter unbewußt in zärtlicher Liebe aus. Sie war so selten in Pösen gewesen und hatte doch das Gefühl, heimzukommen, als sie vor sich das einsame Tal in goldrotbrauner Herbstpracht liegen sah. Und zum großen Entsetzen ihrer Begleiter verlangte sie den Hohlweg hinab zu gehen, und sie ging mit federndem Schritt – wie einst Frau Sophia Christine.
Und dann verlangte sie alles im Haus, auf dem Hofe zu sehen, sie ging in die Kapelle, kroch die Hühnerstiege hinan, wußte, wo alles stand und lag; wie ein Märchen von Sonne und Glück war ihr alles, von dem ihr Freund Anthoine ihr einst erzählt hatte, in das Herz gesunken. Zuletzt forderte sie, während ihre Begleiter mit den Charreards im Festsaal saßen, von Jeannette, sie solle sie nach dem Rabenhof begleiten. Jeannettchen erschrak über dieses Begehren. Eine Prinzessin, die zu Fuß nach einem Bauernhof ging, das war doch schier unmöglich. Und wie sie mit der kleinen Prinzessin noch stand und redete und abmahnte, kam auf einmal der Nikolaus von seinem Hause her. Just als hätte ihn das Wünschen der kleinen Prinzessin herbeigezogen, so war es. Nikolaus blieb stehen, wagte sich nicht recht näher und war dann höchst verdutzt, als ihn Elisabeth Marie anrief: »Komm Er her! Ich habe einen Auftrag für Ihn!«
Sie zog einen Brief aus ihrer Tasche, hielt den Nikolaus vor die Nase und fragte: »Zieht Er in den Türkenkrieg?«
»Ist ja keiner,« antwortete der Bauer erstaunt, und über dem Erstaunen vergaß er die Höflichkeit.
»Er kommt aber. Seine Liebden, mein gnädiger Herr Oheim, haben es gesagt! Ja, vielleicht kommen die Türken gar hierher, wissen kann man es nicht. Wenn Er aber in den Krieg zieht, soll Er den Brief mitnehmen und ihn dem Junker Anthoine geben, damit der schnell heimkommt. Ganz schnell muß er aber kommen.«
Nikolaus starrte das Prinzeßchen mit immer runderen Augen an. Elisabeth Marie tat, als wäre das In-den-Krieg-Ziehen wie ein Spaziergang von Jena ins Leutratal und als müßten sich alle Menschen treffen wie etwa Sonntags vor der Stadtkirche von Jena. »Ich zieh aber nit in den Krieg, die Frau will's nit.«
»Sie muß wollen, Er hat es dem Junker de Charreard doch versprochen?« Elisabeth sah ganz böse drein, und als der Bauer in seiner Verlegenheit die Arme steif herunterhängen ließ und den Brief nicht nahm, brach sie in Tränen aus und rief: »Helf Er mir doch. Ich muß dem Junker Anthoine schreiben, er muß mir helfen, sonst – sonst muß ich Liebden, den Herrn Vetter Wilhelm Ernst, heiraten, und ich will ihn doch nicht.«
Das war freilich eine schlimme Sache.
Jeannettchen sah bekümmert drein. Sie riet. »Wir schicken dem Bruder den Brief.«
»Wohin, wo ist er?«
Ja, wo war Anthoine? Noch in Paris? Niemand wußte es, aber Nikolaus meinte: »Ich schätze, er wird noch dort sein.«
Da nahm Jeannettchen den Brief vorläufig an sich und versprach ihn bei guter Gelegenheit an den Bruder zu senden. Freilich war dies der kleinen Prinzessin nur halb recht, die hatte gemeint, Nikolaus Rabe würde schnurstracks in die weite Welt reiten und den Brief ihrem guten Kameraden Anthoine geben. Wo er den zu finden hatte, wäre dann des Nikolaus Sache gewesen, da das Prinzeßchen nur ein paarmal nach Porstendorf, dem Gute ihrer Mutter, und einmal nach Weimar gereist war, meinte es, das Reisen in der weiten Welt herum sei nicht so schwer.
Der Bauer sah wohl den Kummer, und der bedrückte ihn schwer, auch lag ihm der nahe Türkenkrieg auf dem Herzen. Er ging mit gesenktem Kopf heim und war dann wortkarg, ließ den Magister und seine Frau reden und sagte nur plötzlich aus tiefem Nachsinnen heraus: »Parbleu, gegen die Türken ziehen, das – wär' schon was.«
»Niklas,« schrie die Frau erschrocken, »du denkst doch wieder an en Krieg.«
»Armes Weib,« knurrte der Mann, und dann schwieg er sich an diesem Abend aus. –
Die kleine Prinzessin Elisabeth Marie weinte heiße Tränen beim Abschied von Pösen, und Frau Sophia Christine hielt das Kind der Frau, die ihr so viel Herzeleid zugefügt hatte, in ihren Armen, als wäre es ihr eigenes Kind. Ein tiefes Erbarmen war in ihr mit dem Waislein, und sie antwortete innig: »Gott gebe es,« als die Prinzessin von einem Wiedersehen sprach. –
Eine Weile nach dem Besuch war es still im Tal, doch dann tönte Hochzeitsjubel auf. Und alle nahmen daran teil, die Dorfleute, die Rabes; der Magister Albertinus versuchte sogar ein sinniges Hochzeitslied zu dichten, aber mit dem Reimen wollte es ihm nicht recht gelingen. Doch ein Hochzeitsgedicht gehörte zur Hochzeit, und da alle von dem guten Magister eines erwarteten, saß er stöhnend und schwitzend am grünen Kachelofen der Wohnstube mit den Leuten vom Rabenhofe und dichtete. Es wollte nicht gehen. Dreimal sagte er: »O holde Jungfer Braut –« dann war seine Kunst zu Ende. »Was reimt sich in aller Welt nur auf Braut?« rief er.
»Sauerkraut,« brummte Nikolaus, der immer stiller wurde in dieser Zeit.
»Traut,« redete seine Frau sanft dazwischen.
»Ich hab's,« schrie der Magister:
Bald wirst du angetraut
Dem Manne deiner Wahl – Wahl – Wahl«
»Qual!« schrie Nikolaus.
»Quatsch,« knurrte der Magister und dichtete dann doch:
Du schönen Lilien gleiche –«
»Jetzt gibt's wieder eine Sau!« rief der Nikolaus.
»Was gibt's?«
»Na, halt 'ne Sau, so nannten wir's, wenn einem was fehlschlug.«
»Er ist 'n Schafskopf,« sagte der Magister unwirsch. »Meine Verse sind keine Säue. Er muß sich besser halten in seiner Rede. Paßt auf, jetzt kommt's:
Gleichst du mit deinen Purpurwangen,
Die wie die schönen roten Rosen prangen,
Und deiner Augen Himmelsblau –«
»Dunderwetter, das hab' ich noch nit gewußt, daß unser Jungfer Jeannettchen blaue Augen hat; braun sind sie, braun.«
»Meinetwegen braun, obgleich das bei der edlen Dichtkunst gleich ist, wie die Augen in Wirklichkeit aussehen. Also:
Schenket heute ein edler Junker sein allertiefstes Herzenvertraun.«
»Ich mein halt doch, das wär' wieder eine Sau gewesen,« brummelte der Bauer vor sich hin, aber der Magister war jetzt in das Dichten gut hineingekommen, er reimte, als ob er über einen steilrölligen Berg lief. Hoppla hopp, da war ein Reim! Da gab es eine Zeile, die kurz war wie der kürzeste Tag im Jahr, und eine, die zwei Meilen mehr hatte. Den Magister kümmerte es nicht, und die Hochzeitsgäste nahmen keinen Anstoß daran. Sie waren alle mit dem Hochzeitsgedicht zufrieden. Jeannettchen hörte vor lauter Rührung nichts, der Herr von Dracksdorf dachte nur: »Besser hätt' ich's nicht gekonnt,« und Frau Sophia Christine und ihr Mann dachten, trotz des feinen Schneeschleiers, der schon über dem Tale ruhte, doch an den Tag ihres Einzugs, an sommerliche Schöne und blühende Linden. Und als der gute Magister vortrug:
Und verlebten doch mit uns den Freudentag sehr gerne,«
da rollten Tränen über das Gesicht der Mutter. Die Hände der Gatten fanden sich, und ihre Gedanken flogen auf sanften Schwingen zu den beiden hin.
Nach Paris.
Für Sophia Christine war es eine unheimliche fremde Stadt, Herr de Charreard dachte an Glanz und Sonne, dachte an den Hof des prächtigsten Königs. Dort war sein Sohn, ein Charreard war wieder in Paris. Er erhoffte Großes von dem Dortsein, erhoffte neuen Glanz für das Geschlecht der Charreards.
Aber Anthoine war, während seine Schwester Jeannette seinem Freunde angetraut wurde, gar nicht mehr in Paris. Wenige Tage vorher hatte er verbittert, angewidert von dem Höflingstreiben, von der blassen, schönen Louison Abschied genommen. Er wollte nach Wien zu Adrian Rudolph, er wollte wirklich dort warten, bis die Türken den Krieg begannen.
Man raunte viel davon. Louison selbst hatte es dem Bruder gesagt, hatte von dem gesprochen, was der Oberst de St. Laurent in einer Stunde der Trunkenheit ihr verraten. König Ludwig suchte die Türken zum Kriege gegen das Reich zu hetzen. Er spielte ein bitterböses Spiel. Dies eine Wort hatte Anthoine herausgerissen aus dem Taumel, in dem er gelebt. Freunde seines Hauses hatten sich seiner angenommen. Fest hatte sich an Fest gereiht, der junge Mann hatte darüber das stille Heimattal, die Eltern, alles vergessen – bis Louison ihn geweckt hatte. Du mußt fort! Ihr Erinnern war harte Mahnung gewesen.
Zu was war er denn ausgezogen aus seiner Heimat?
Die Welt wollte er sehen, gegen Frankreich, für den Kurfürsten von Brandenburg kämpfen, und dann hatte er kaum etwas von Krieg erlebt, hatte vergessen, daß er Mannestaten hatte tun wollen, er hatte sich von seinem Obersten getrennt, seinen Abschied verlangt und das Anerbieten seines Schwagers, nach Frankreich zu kommen, angenommen.
Und nun schickte Louison selbst ihn weg. Anthoine grübelte, während er nach Freiburg reiste, darüber nach, warum Louison so seltsam verändert gewesen war, seit Wochen schon.
Von dem tiefen Leid, in dem seine schöne Schwester lebte, wußte er nichts. Er ahnte nicht, daß sein Schwager ein feiler Unterhändler und Spion war, einer, der gegen das Reich hetzte.
Louison de St. Laurent hatte ihrem Bruder eine Herberge in Freiburg angeraten, dort sollte er eine Botschaft von ihr erwarten. In dem düstern Hause, das im Münsterschatten lag, ruhte sich Anthoine drei Tage von der Reise aus. Am dritten Tag klopfte es an seine Türe und auf seinen Anruf hin tat die sich auf und ein junger Bursche in dunkler unauffälliger Kleidung trat ein.
»Was will Er?«
Der Bursche schwieg und sah ihn an.
»Was will Er?« schrie der Junker ungeduldig.
Da sagte eine seltsam vertraute Stimme: »Ich bringe Botschaft von –«
»Louison!«
Bruder und Schwester standen sich gegenüber. Aber nicht mehr die schöne Louison in hoher Fontange mit Mouches auf Wangen und Kinn, ein blasser, schlanker Knabe mit Augen, aus denen tiefer Schmerz redete, stand vor Anthoine.
»Ich bin geflohen!« –
»Mein Himmel, warum? Und allein?«
Da sagte Louison de St. Laurent dem Bruder, daß ihr Gatte ein Spion sei. »Er reist nach Wien,« berichtete sie, »dort will er Verräter werben, Wien in des Sultans Hände spielen. Der Türken Unterhändler, oh über diese Schmach! Der alte Julien hat mir zur Flucht geholfen, er ist nach Köln zu seiner Tochter gezogen.«
»Und jetzt?«
»Ich zieh mit dir – meinetwegen auch nach Wien. Wohin sollte ich sonst? Heim kann ich nicht, ich muß mich verbergen, wenn man mich findet, steckt man mich in ein Kloster.«
»In ein Kloster?«
»Der Oberst de St. Laurent ist Katholik geworden, weil er sonst seinen hohen Posten nicht bekommen hätte. Ich sollte zum Übertritt gezwungen werden. Und dich wollten sie auch bekehren, darum die Freundschaft, darum wurdest du verwöhnt, darum trieb ich dich fort!«
»Oh Louison!«
»Es ist so, Anthoine. Wir hätten in der Heimat bleiben sollen, daheim in unserm Friedenstal.«
»Ich bringe dich heim!«
»Ich kann nicht, Bruder. Man wird mich dort zuerst suchen und man wird keine Schonung kennen. Komm in die Welt hinaus, ich bin dein Reitknecht, nimm mich mit. Du bist mein einziger Schutz.«
»Ich verlasse dich nicht.«
Und am nächsten Morgen ritten die Kinder aus dem Leutratal in die weite, unbekannte Welt hinaus. –
Nach Weihnachten kam die Kunde von beider Verschwinden nach Pösen. Der Oberst de St. Laurent sandte Boten, wollte seine Frau zurückholen lassen.
Jeannette von Dracksdorf war just zum ersten Besuch mit ihrem Manne da, als die beiden Herren in Pösen einritten. Sie traten herrisch und anmaßend auf, hatten eine Begleitung vom Hof in Weimar und verlangten Louisons Herausgabe. Dann, als sie merkten, die bestürzten Eltern wußten nichts von der Tochter Verbleib, wurden sie vertraulicher und erzählten. Der Junker Anthoine habe es plötzlich mit dem Heimweh bekommen und sei nach Deutschland gereist. Ein paar Tage später sei Madame de St. Laurent spurlos verschwunden. Niemand wisse, wohin, mit ihr zugleich sei der alte Julien, ein früherer Diener des Herrn de Charreard, verschwunden. Man habe geforscht und gefragt und nur herausbekommen, daß sich beide wohl nach Deutschland gewendet hätten.
Zwei Kinder verloren im Weltgetriebe.
Sophia Christine brach fast zusammen vor Leid.
Herr de Charreard wollte im ersten Ansturm des Unmutes selbst nach Paris reisen, selbst nachforschen, aber da warnte ihn einer der fremden Herren. Man wäre jetzt auf die Hugenotten nicht gut zu sprechen dort. Und da erfuhr Herr Anthoine von dem Übertritt seines Schwiegersohnes.
Er stutzte. Er war kein Frömmler und Eiferer, wäre auch ein guter Katholik gewesen, aber ein Wechsel der Religion ohne inneren Zwang und um äußerer Vorteile willen, das war ihm tief verächtlich. Und Louison, war sie nicht sein Kind, mußte sie nicht denken wie er!
War sie darum geflohen? Was hatte sie dazu getrieben, welch großes Leid war über sie gekommen?
Trübe Tage kamen, Tage, an denen die Sorge im Haus auf dem Ehrenstuhl saß, die Sorge um die Kinder des Hauses, die sich in der Welt verloren hatten.
Louison de St. Laurent drohte Haft, wenn sie heimkam.
Und die Mutter zitterte vor dem Heimkommen und die Mutter ersehnte das Heimkommen.
Zwei Kinder verloren im Weltgetriebe!
Sophia Christine wurde eine müde, stille Frau in diesen Wochen und ihr Mann vergaß das stolze Schloß an den Loireufern; er ersehnte nun auch nur noch das einsame Leutratal zur Heimat für seine Kinder.
Es ging den Eheleuten wie den Linden, unter denen sie am Einzugstage gestanden hatten: sie wurzelten fester zusammen, und wie die Lindenkronen ineinander verschlungen waren, so waren es ihre Gefühle und Gedanken. Es konnte einer nicht mehr ohne den andern sein. –
Der Winter schleppte sich träge dahin, und als endlich am Quellrand die ersten Schneeglöckchen ihre weißgrünen Spitzen heraussteckten, lief ein angstvolles Raunen durch das Land. Lauter wurde es, banger.
Der Türke kommt, der Türke zieht nach Wien, helf uns Gott!
Nikolaus Rabe schlief schlecht in diesen Nächten. Er träumte wilde, wirre Dinge, meinte die Trompeten wieder blasen zu hören: