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Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie

Chapter 8: 7. Kapitel.
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About This Book

Ein vornehmer Mann lässt sich mit seiner schüchternen jungen Frau auf einem Landgut bei einem kleinen Dorf nieder; er sucht Ruhe, sie nimmt die neue Umgebung mit stiller Freude und Neugier wahr. Die Dorfbewohner reagieren mit gemischten Gefühlen, denn lebhafte Neugier mischt sich mit den Erinnerungen an frühere Gewalt und Entbehrung. Die Erzählung schildert Alltagsszenen, Begegnungen und Gespräche, in denen persönliche Sehnsüchte, häusliche Zärtlichkeit und soziale Vorbehalte allmählich zu einem neuen Gemeinwesen verwoben werden.

Daß dieser Herr sich zum Bleiben entschloß, freute Frau Sophia Christine herzlich. Sie hörte still den Reden der beiden Männer zu, spürte wohl, daß ihr Gemahl die Lehren des andern mit Aufmerksamkeit annahm. So lauschte sie, bis der Herr Rudolph von seinen eigenen häuslichen Verhältnissen sprach. Von der Frau, die ihm gestorben war, von dem jungen Heinrich Wilhelm von Draksdorf, den er mit seinem eigenen Kinde erzog.

»Die beiden müssen uns besuchen,« rief Frau Sophia Christine warm. Und wehmütig klang es hinterher: »Ein Kind ohne Mutter, wie traurig ist das.«

Doch dann beruhigte sie sich, als sie hörte, daß eine Verwandte des Hausherrn, Jungfer Elisabeth Scheitlin, die Büblein mütterlich behüte. Aber sacht wuchs doch in ihrem Herzen ein Blümlein auf, in dessen Kelch die Namen der Mutterwaisen standen. Sie schenkte schnell den noch nie gesehenen Kindern Liebe vom Überfluß ihres reichen Herzens.


5. Kapitel.

Nach der Taufe des kleinen Anthoine verstummte nun freilich der Festjubel auf dem Gute für längere Zeit. Der Verkehr mit Jena wurde nicht allzu lebhaft fortgesetzt. Die Herzogin vergaß den Landsmann ein wenig, sie schob ihn beiseite wie ein überflüssiges Stück Hausrat; freilich immer mit dem Gedanken, er wäre doch noch einmal zu brauchen.

Auf Pösen lebten sie still ihre Tage weiter. Zu dem kleinen Anthoine gesellten sich zwei Schwestern, und gerade kam noch ein Büblein an, als in Jena eine kleine Prinzessin in der Wiege lag. Der Gutsherr fuhr zur Taufe hin, die mit soviel Glanz und Prunk gefeiert wurde, als wäre nicht noch große Armut im Lande. Das Kind erhielt in der Taufe den Namen Elisabeth Marie und ihre Mutter sagte gnädig zu Monsieur Anthoine de Charreard, eine seiner Töchter solle nach etlichen Jahren Gespielin der Prinzessin werden und mit ihr zusammen aufwachsen.

Herr de Charreard war zu sehr Hofmann, um sich für diese Gnade nicht alleruntertänigst zu bedanken und von seiner großen, dankbarsten Freude zu sprechen. Dabei wußte er doch, Frau Sophia Christine würde dies ein großes Herzeleid sein. Ein wie viel größeres Herzeleid die Frau gerade in den Stunden durchlitt, ahnte er nicht. Bisher war wohl die Sorge manchmal auf leisen Füßen durch das Haus gehuscht, aber immer hatte sie vor der jungen Frau lebensmutigem Lächeln die Flucht ergriffen, nun aber kam das Leid und klopfte an. Hart, schwer, unbarmherzig.

Der kleine Gaston starb.

Ganz rasch verlöschte das kleine Lebenslicht und Frau Sophia Christine wollte vor Kummer schier vergehen. Doch da kam die alte Rabenmutter zu ihr. Eine welke, müde Frau war sie, und als sie das tote Bübchen sah, gingen ihre Augen hinweg zu den drei größeren Kindern, und sie sagte schlicht: »Euer Gnaden sind noch reich, sehr reich.«

Und Sophia Christine führte still den Reichtum ihres Hauses, ihre drei schönen Kinder ihrem Manne entgegen, als er heimkam, und auch er sagte: »Ja, wir sind noch reich, sehr reich.«

Die drei Kinder trauerten wohl dem kleinen Bruder ein paar Tage nach, aber allzu tief war der Kummer noch nicht, er vermochte nicht ihr heiteres Kinderleben zu trüben. Es war ein lustiges Dreigespann, das in Pösen aufwuchs. Anthoine, Anton, wie ihn seine Mutter gern nannte, war besinnlich und stiller, am lebhaftesten war die ältere Schwester. Dorothea Louise, die Louison. Auch ein wenig stiller wieder Johanna Sybille, die Jeannette genannt wurde. Aber alle drei zusammen erfüllten sie Haus und Garten mit lautem lustigem Lärm, und wenn Sophia Christine dies frohe Kinderlachen auftönen hörte, dann begann immer der warme Strom der Freude in ihrem Herzen zu rauschen.

Ihr Mann, ihre Kinder, ihr Haus im stillen Tal waren ihre Welt; die Weite draußen lockte sie nicht, die war nicht so groß wie ihr Glück. Der einzige Schatten, der dies helle Glück manchmal trübte, war das Bemühen ihres Mannes, besonders den Sohn zu einem echten Franzosen zu erziehen. Mit ihm sprach er nur französisch, und der kleine Anthoine bekam sehr viel von dem einstigen Glanz der Charreards zu hören. Doch die Loire war weit und das Bächlein, die Leutra genannt, war nahe, also spielte der Bube mit den Schwestern am Bach und der kam ihm mindestens so gewaltig vor wie die Loire.

Und wie herrlich war es, am Bach entlang zu laufen, manchmal sogar innen von Stein zu Stein zu springen, bis endlich der Rabenhof erreicht war. Dort gab es ein eiliges Klettern am losen Gartenzaun des Rabenvaters entlang, und auf einmal tauchten vor dem Fenster des Bauernhauses drei lachende Kindergesichter auf und über das düstere Gesicht des Rabenvaters glitt ein heller Schein. Seine Stimme hatte noch einen leisen Frohklang, wenn er rief: »Mutter se sind doe!«

Dann kam die Rabenmutter, und die drei Charreards saßen vergnügt als Ehrengäste auf der Wandbank. Ein Glas Milch, ein Stückchen Käsebrot, ein paar Nüsse dünkte ihnen ein Festessen zu sein. Daheim gab es außer den Mahlzeiten nichts, und die drei waren doch etwas wie Spätzlein, es schmeckte ihnen immer.

Und dann gab es eine Unterhaltung. Seltsam genug. Zu den drei Schelmen redeten die alten Leute von ihrem abgrundtiefen Leid, von der vergangenen Not, und Jeannettchen konnte kaum richtig reden, als sie das erstemal von den entführten Kindern hörte und das Trostwort sprach: »Sie komme vielleicht wieder.«

»Nach über zwanzig Jahren!«

Der Rabenvater schüttelte den Kopf. Die Rabenmutter wischte sich über die Augen. Ja, in den ersten Jahren hatten sie noch an ein Wiederkommen geglaubt, aber jetzt nicht mehr. Doch war es wunderlich. Jedesmal wenn Jeannettchen ihr kindliches Trostwort sagte, sank ein leiser Hoffnungsstrahl in die Herzen der beiden Alten. Und um dieser leisen zitternden Hoffnung willen erzählten sie immer wieder die Geschichte.

Frau Sophia Christine sorgte sich nicht um ihre Kinder, wenn die vom Wäldchen an der Quelle bis zum Rabenhof liefen, nur den Weg in den Wald, der dahinter lag, verbot sie ihnen. Aber gerade der Wald lockte die drei mit Märchenzauber. Er begann hinter dem Mühlholz; es lag da still und einsam eine Wassermühle im Grunde, und bei dem Müller und seiner jungen Frau mochten die drei auch gern sein. Es gab da im Hause ein paar semmelblonde Hemdenmätzchen, denen die Merfnerin in Bucha Großmutter war. Und wie bei den Rabeneltern wurden die drei Geschwister auch in der Mühle immer gastlich aufgenommen, aber leider war die Mühle Grenze. Und der Müller, ein durch bittere Jugenderlebnisse hart gewordener Mann, sagte immer streng: »Weiter wird niche gegangen, sonst –« und seine Handbewegung verhieß nichts Gutes.

Als die drei Charreards nun einmal daheim von des Müllers Drohung erzählten, brauste Herr Anthoine auf. Es wäre unerhört, meinte er, Herrenkindern so zu drohen, doch Frau Sophia Christine sagte heiter: »Ich hab ihn gebeten, auf unsere Kinder zu achten. Er tut's eben nach seiner Weise. So weiß ich wenigstens, sie gehen nicht in den Wald.«

Anthoine war neun Jahre alt, seine Schwestern sieben und acht Jahre, als dieses Gespräch stattfand. Der Wald, ach, der Wald, warum man nur da nicht hinein sollte?

Am Nachmittag zogen die drei wieder an die Quelle hinab. Aus einer unbeschreiblichen Angst heraus rief Frau Sophia Christine: »Geht nicht zu weit.«

Es war ein Junitag voll unerhörter Schöne. Vogelsang, blühende Blumen und Sonnenglanz. Da lockte der Bach, es lockte darin von Stein zu Stein zu hüpfen, es lockten Vergißmeinnicht, die pflückbereit am Rande blauten, und es lockte auch den Rabeneltern ins Fenster zu sehen.

Doch wenn man jemand besuchen will, muß der zu Hause sein, und die alten Leute waren an dem schönen Tag schon morgens zu ihren Verwandten nach Schorba gepilgert. Der Rabensohn aber schaffte hinter dem Hause auf einer bergansteigenden Wiese. Er hörte nicht das Klopfen an den Fensterscheiben, sah nicht drei Augenpaare sehnsüchtig in die leere Stube blicken.

Nun blieben noch die Müllersleute. Obgleich dem Buben das Wort des Vaters von den Herrenkindern im Ohre sang, fand er doch, ein Besuchlein in der Mühle, in der man so schön auf Böden und Speichern herumklettern konnte, wäre ganz vergnüglich. Er zog also mit den Schwestern die Straße weiter, die sich abwärts senkte. Dort im Schatten des bergansteigenden Nußholzes lag am rauschenden Bach die Mühle. Gegenüber erhob sich steil und kahl der Eselsberg, und vor den Ankommenden stieg schöner dichter Tannenwald empor. Ein paar mächtige Tannen standen am Rande, wie große ernste Wächter.

Doch das Mühlrad klapperte nicht. Schweigen lag über dem stillen Grunde; da auch die Vögel mittagmüde ihr Zwitschern eingestellt hatten, mischte sich mit dem Rauschen des Baches nur das Summen der Bienen und Zirpen der Insekten. Die Müllersleute waren auf einer Wiese hinter dem Hause, verdeckt von Gebüsch, und so meinten die Kinder, sie wären auch weggegangen.

Das war nun freilich eine Enttäuschung!

Anthoine krauste die Stirn nachdenklich. Wenn man auf Abenteuer ausgeht und erlebt gar nichts, so ist das halt bitter. Jeannettchen wollte weinen, aber Louison rief keck: »Dann gehen wir in den Wald!«

Es ist verboten! Allen dreien klang das Wort im Herzen. Jeannettchen kreischte erschrocken: »Nein, da sind böse Tiere.«

»Ach wo!« In Anthoine erwachte männlicher Mut. Was schadete denn das, so ein bißchen an den Waldrand zu gehen. Seine Freunde – er nannte die älteren Buben stolz Freunde – Adrian Rudolf und Heinrich Wilhelm von Draksdorf ritten doch immer durch den Wald, wenn sie von der Leuchtenburg zu Besuch kamen. Also gefährlich konnte es nicht sein. Sie rühmten sogar immer die große Schönheit des Weges. »Komm!« Anton faßte Jeannettchens Hand, und weil der große Bruder den Weg ungefährlich fand, ging die Kleine mit. Louison aber sprang von Blume zu Blume, wollte Schmetterlinge fangen, sie fand das Waldgehen gar nicht unheimlich.

Neben den Tannen lief eine Schlucht in den Wald hinein, ein schmaler Weg war da, den verfolgten die Kinder, sie freuten sich an den vielen bunten, noch nie gesehenen Blumen, die hier blühten. Auch ein Schmetterling von besonderer Schöne flog vor ihnen her, einmal saß er da, einmal dort. Sie rannten ihm nach und waren auf einmal tief im Walde drinnen. »Wir müssen heimgehen,« rief Anthoine, »kommt schnell.«

Ein seltsamer Laut ließ die Kinder aufhorchen. Es trapste dumpf etwas daher. Pferdegetrappel war es, das hörten sie wohl.

Sie blieben tief erschrocken stehen. Wer kam da an?

Die sonst so kecke Louison flüsterte zitternd: »Schweden.« Das Wort war für sie der Inbegriff alles Grauens.

»Nicht doch, die kommen nicht mehr.« Anthoine nahm all seinen Mut zusammen. Er flüsterte den Schwestern zu: »Wir kriechen ins Gebüsch, flink, duckt euch.«

Sie duckten sich alle drei im Unterholz zusammen, das raschelte und knackte, und einer hörte es wohl. Ein Kriegsmann war es, der daherritt. Buntfarbig war sein Kleid, blau und gelb, eine rote Schärpe darüber, von dem riesengroßen Hut wallte eine blaue Feder herab, und eine prunkvolle Schaumünze hing dem Mann um den Hals. Das Gesicht war wettergebräunt, die Waffen, wie alles, was er trug, sahen schon zum Fürchten aus, und den drei Kindern schlug bange das Herz. Sie meinten freilich, sie hätten sich gut versteckt, doch da hielt plötzlich der Reiter vor dem Schlupfwinkel und schrie sie mit rauher Stimme an: »Hollahe, was sind das da für seltsame Vögel. Vorkommen!« – Er sagte nichts weiter, doch Klang und Miene drohten, und die drei wagten in ihrer Angst gar nicht an ein Ausreißen zu denken. Louison und Jeannettchen brachen in ein lautes Jammergeschrei aus, Anthoine bewahrte noch ein Restlein Mut, er packte die Schwestern an den Händen, als könnte er sie so schützen.

Der Reiter legte plötzlich die Hand vor die Augen, als die drei so vor ihm standen. Er sah ein Bild vor sich: ein blonder Bube, zwei blonde Mädels, alle drei zitternd vor Angst, und er hörte das Johlen und Schreien einer rohen Menge, als ein Soldat die älteste ergriff und rief: »Die ist mein.«

»Woher seid ihr denn?«

Merkwürdig, des Reiters Brummbaß klang plötzlich um vieles milder. Anthoine gab Antwort, seine Stimme flatterte wie ein armer, gefangener Vogel. »Weil die Rabeneltern nicht da waren, sind wir in den Wald gegangen.«

Die Rabeneltern! – Der Mann zog die Augen finster zusammen. »Gehört ihr zu denen?«

Anthoine schüttelte den Kopf. »Nach Pösen,« stammelte er.

»Die Rabenmutter sagt, sie hat uns lieb.« Louison schrie das Wort heraus in ihrer herzbeklemmenden Angst.

Der Reiter nickte ihr ganz freundlich zu. »Da muß ich euch wohl zu ihnen bringen,« sagte er. »Komm, sitz auf!«

Ein geller, dreistimmiger Angstschrei ertönte, aber da saß Louison schon auf dem Pferd. Noch ein Griff und Jeannettchen klammerte sich an die Schwester an.

»Nicht wegnehmen,« schrie Anthoine und hing sich halbtot vor Angst an das Sattelzeug des Reiters.

»Schrei nicht, Bube,« sagte der. »Ich tu euch nichts. Wart, ich steig ab, da kannst du aufsitzen, ich führe das Pferd!«

Wieder war in Stimme und Wort ein gutes Klingen, und Anthoine verstummte. Auch die Schwestern schwiegen, als der Bruder so ganz behaglich neben sie gesetzt wurde. Da hockten sie alle drei auf dem Pferd. Der fremde Mann ging neben ihnen, er fragte dies und das, es klang den Kindern wie ein Märchen, sie hörten Namen, die sie noch nie gehört hatten. »Wißt ihr, ob Kunoldts Liese noch in Jägerndorf lebt?« fragte der Fremde.

Die Kinder machten runde Augen. Der Bube flüsterte scheu: »Da steht doch nichts mehr!«

»Was steht nicht mehr?«

»Das Dorf. Der Herr Papa sagt, es wäre ganz verbrannt – von den Schweden.«

Wieder fuhr sich der Fremde mit der Hand über die Augen. Louison sah ihn erstaunt an und plötzlich rief sie: »Du siehst aus wie Rabens Christian.«

»Lebt der noch?« Ein Frohlocken war es. Die Kinder nickten eifrig, und dann erzählten sie alles, was sie von den Rabeneltern, von Haus und Hof wußten, und immer mehr fragte der Fremde, mehr und mehr wollte er wissen. Bis Louison plötzlich die Hände nachdenklich zusammenschlug und rief: »Ich weiß was.«

»Nun, was weiß die kleine Jungfer?«

»Ich weiß, daß du Rabenmutters Nikolaus bist. Jeannettchen sagt immer, der kommt wieder.«

Da war just der Wald zu Ende. Die Mühle lag im Grunde und der Fremde ließ stumm das Pferd trotten, und sagte auf einmal: »Wie sieht denn die Rabenmutter aus?«

Das wußten die Kinder nicht zu sagen. Sie blickten sich verlegen an, bis Louison ein Wort der Mutter einfiel, sie rief mit ihrem hellen Stimmchen: »Wie das liebe Herzeleid.«

Der Mann legte da seinen Kopf an den Hals des Pferdes, und ein seltsam schluchzender Ton kam aus seiner Kehle. Den Kindern wurde Angst, nur Louison tatschte sanft des Reiters Arm. Sie war aber auch froh, daß in der Ferne das Haus der Rabeneltern auftauchte, und zeigte mit dem Fingerlein dahin: »Dort steht die Rabenmutter.«

Sie war es, und der Fremde vergaß die drei auf dem Pferd, er stürzte vor, und dann lag der Mann vor der alten Frau auf den Knien und rief: »Mutter, Mutter!«

Der Nikolaus war wieder heimgekommen!

Vater und Bruder liefen herzu. Die Kinder zappelten auf dem Pferde herum, Jeannettchen, die meinte, wenn jemand anders weint, muß man mitweinen, schluchzte zum Erbarmen, und auch Louisons Tränlein flossen. Anthoine aber saß stolz auf dem Roß. Er hielt die Schwestern fest, und obgleich das Pferd ganz geduldig stillhielt, hatte er doch das Gefühl, ein ganz besonderer Held zu sein.

»Die Kinder müssen heim,« sagte die Rabenmutter auf einmal.

Der Wachtmeister Nikolaus Rabe hob die drei vom Pferd. Er streichelte sie ganz sacht und sagte, in seinem Mantelsack hätte er auch schöne Dinge für brave Kinder. Jetzt sollten sie nach Hause gehen, morgen würde er nach Pösen kommen und ihnen wunderbare Sachen erzählen.

Das war freilich den Kindern nur halb recht. Sie wären herzensgern geblieben, doch der Rabenvater sah ernsthaft drein. »Gut, daß es der Nikolaus war, der euch gefunden hat, es hätte euch schlimm ergehen können.«

Da bekamen die drei Schelme doch nachträglich eine schreckliche Angst. Und den halben Weg rannten sie vor Angst, den andern halben Weg vor Eifer, um in Pösen ihr Abenteuer zu berichten.

Was sie dort erzählten, war nun freilich so seltsam, daß Frau Sophie Christine zuerst fast das Schelten über das In-den-Wald-Laufen vergaß. Nachher holte sie es jedoch nach, denn die gute Mutter verstand auch das Strengsein zur rechten Zeit. Nur schlimm war die Strafe an dem Tage nicht, denn Frau Sophia Christines Mitfreude am Glück der alten Bauersleute war zu groß. Ein Kind kehrt wieder heim aus dem Weltgetriebe, sang es im Herzen der kleinen Frau. Ach, sie ahnte noch nichts von dem Bangen um der eigenen Kinder Verlorensein in der weiten Welt.


6. Kapitel.

Das Heimkommen des Nikolaus Rabe brachte das stille Tal in Aufregung. Vom Gutshaus aus lief noch am gleichen Tage eine Magd nach Bucha, eine nach Schorba, und die alte Rose beneidete fast den Knecht Klaus, der die Kunde in die weitere Umgegend tragen sollte.

Am nächsten Tag in aller Morgenfrühe erschienen vor dem Bauernhaus schon Besucher, aber den Nikolaus bekamen sie noch nicht zu sehen, der war schon nach Pösen gegangen, um dem Gutsherrn selbst seine Erlebnisse zu erzählen, und die alte Mutter hatte ihn begleitet. Ein wunderlich verworrenes Leben hatte der Bauernjunge in der Welt draußen geführt, ehe er wieder heimgefunden hatte. Noch ehe er aber zu erzählen begann, fragte Sophia Christine zaghaft: »Und die Mädchen?«

Da neigte die alte Bäuerin still den Kopf auf die gefalteten Hände und sagte fromm: »Ich harrete des Herrn und er neigte sich zu mir und hörete mein Schreien.« Der Nikolaus aber erzählte. »Ein Hauptmann, der doch ein linschen Erbarmen noch mit den verschleppten Kindern hatte, schützte die Mädchen vor der Roheit seiner Soldaten. Sie mußten neben seinem Pferd gehen. Ich aber wußt wohl, lang kann er sie nit hüten; und wie wir bei Rotenstein drunten an die Saale kamen, sehe ich, wie mich die Anne Margarete ansieht. Ganz ruhig, als wollte sie sagen: ›Niklas, sei tapfer.‹ Sie war unsere Älteste. Sie hielt die kleine Kathrine an der Hand und hat lang gemerkt, daß ein paar Kerle sie dem Hauptmann haben fortreißen wollen. Wüste Kerle!

Auf einmal hör' ich Geschrei, sehe, wie alle zur Saale rennen. Da sind die Mädchen, ehe die Kerle sie greifen konnten, in ihrer Angst hineingesprungen. Ich habe sie nit mehr gesehen, denn das Wasser ging hoch in dieser Nacht, sie sind wohl gleich untergegangen.

»Gott sei gelobt,« flüsterte die alte Bäuerin, »daß sie niche untergegangen sin in der Welt draußen. Das Saalewasser ist reine.«

Und dann erzählte der Heimgekehrte weiter von seinem unsteten Wanderleben. Nach Schweden hatten sie ihn mitgenommen. Er wäre nicht ungern dort im Lande geblieben, aber sein Hauptmann hatte sich von den Generalstaaten anwerben lassen; er hatte zur See gegen die Engländer gekämpft, dann wieder im schwedischen Heere, er war dann mit gegen den König Ludwig von Frankreich ins Feld gezogen. Nach dem Aachener Frieden hatte ihn aber eine heftige Sehnsucht befallen, doch die Heimat seiner Jugend wiederzusehen. Er wußte freilich nicht recht, wo eigentlich das kleine Haus lag, dem er entstammte. Hatte er in der Welt draußen die Namen Bucha, Pösen, Schorba genannt, dann hatten ihn die Menschen ausgelacht. Bis einer ihn mal frug, wie denn der Fluß hieße, in dem seine Schwestern ertrunken wären. Nikolaus hatte lange nachdenken müssen, schließlich war ihm doch der Name eingefallen, und da war er das Saaletal von Franken herwärts gezogen. Bis zu dem Städtchen Kahla war ihm alles ganz fremd erschienen, dort hatte er auf einmal die Leuchtenburg auf ihrem runden Kegel gesehen und nun den Heimweg gefunden.

»Aber vielleicht wärst du doch falsch geritten, wenn du uns nicht gesehen hättest,« erklang da zutraulich Louisons Stimmchen. Sie schmiegte ihre kleine Hand in die Kriegsmannsfaust, tat es zu einer langen Freundschaft.

Anthoine und seine Schwestern waren bald des Nikolaus unzertrennliche Kameraden. Ihnen mußte er immer wieder von seinen bunten Weltfahrten erzählen, und immer, wenn er es tat, flehte Louison: »Geh nicht wieder weg. Gelt, nun bleibst du hier?«

Ach, die kleine Louison ahnte gar nicht, welch treues Herz sie gewonnen hatte. Ans Weggehen dachte der Nikolaus auch gar nicht. Ans Daheimbleiben und Heiraten viel mehr. Doch ehe er, der ein hübsches Geldchen mitgebracht hatte, zu einem Weib und einem Hof gelangte, wendete sich das Schicksal der kleinen Louison, es riß sie heraus aus dem heiteren Leben im stillen Tal, trennte sie von der Heimat.

Schöne Sommerwochen vergingen.

Im Tälchen hatten sie noch immer vom Nikolaus und seinen Fahrten zu reden, als eines Morgens in der Frühe, als noch ein zarter Dunstschleier über Wiesen und Wald hing, ein Bote von Jena in das Tal einritt. Er meldete den Besuch der Herzogin Marie an, die mit der kleinen Prinzessin Elisabeth Marie kommen wollte.

Beim ersten Blick auf das liebenswürdig gnädige Handschreiben wußte es Sophia Christine: das bringt mir Unheil. Ihr Herz tat einen so schweren Schlag wie noch nie, seit dem Tode des kleinen Gaston. Sie preßte die Hände zusammen, als ihr Mann ein wenig aufgeregt von der Bewirtung sprach.

Diesmal war die Speisekammer nicht leer auf Pösen, Frau Sophia Christine war wirklich ein Bienchen geworden, das eintrug für Wintersnot, so viel es nur gab. Nur ein paar Helferinnen fehlten, dazu mußten die Kinder flink nach Bucha laufen und einen weiblichen Küchenrat aufbieten. Das Verhältnis mit den dortigen Bauern war durch der Frau von Charreard immergleiche Freundlichkeit ein sehr gutes, Dorf und Gut nahmen Anteil eins an des andern Ergehen. Es kamen auch flink ein paar Helferinnen, und da es seit zwei Jahren eine junge Pfarrersfrau gab, kam die auch zur Hilfe mit.

Herr Anthoine sah zufrieden, wie im Hause alles rüstig und lebendig an der Arbeit war, er sah das ohnehin blitzsaubere Saalzimmer noch blitzsauberer werden, und er sah mit Bewunderung seine zierliche Hausfrau als häuslichen Generalfeldmarschall alles anordnen. Wirklich, er war ein reicher und glücklicher Mann! Reichtum und Glück, beides waren für ihn Weib und Kinder, und es trieb ihn, dies Sophia Christine zu sagen, aber gerade als er es tun wollte, kamen ein paar Mägde angelaufen mit einer dringlichen Küchenfrage, da ließ er das gute Wort ungesprochen. Es sollte ihn noch bitter reuen.

Die Herzogin kam, die kleine Prinzessin Elisabeth Marie mit ihr, ein paar Hofdamen, zwei Kammerherren begleiteten sie. Und die Herzogin war von besonderer Freundlichkeit, sie ließ sich die Kinder vorstellen, und die kleine Louison, die braunes, lockiges Haar und die großen strahlenden Augen der Mutter hatte, schien ihr ganz besonders zu gefallen. Sie tat die freundliche Frage: »Möchtest du an den Hof kommen, schöne Kleider tragen und mit meinem kleinen Fräulein spielen?«

Ach, höfisches Wesen hatte Frau Sophia Christine ihren Kindern nicht beigebracht. Louison hob das Näslein keck, sah die kleine blasse, seltsam verträumt ausschauende Prinzessin an und antwortete zum grenzenlosen Entsetzen ihres Vaters und zur ganz heimlich lachenden Freude der Mutter: »Nein, das möchte ich nicht. Ich will den Adrian heiraten und auf der Leuchtenburg wohnen. Vielleicht auch den Niklas Rabe, wenn er keine Frau findet. Oder alle beide.«

»Ei, ma petite sieht sich früh nach einer Mariage um. Und gleich zwei Freier. Wer ist denn Adrian und wer Niklas?«

»Kindergeschwätz,« sagte Herr de Charreard ärgerlich.

Doch die Herzogin, die ihres einstigen Freundes Verlegensein wohl bemerkte, hielt Louison fest und fragte nach den beiden Freiern. Und Louison gab Antwort, unbekümmert um des Vaters gefurchte Stirn, unbekümmert um das verhaltene Kichern der Hofdamen. Von Adrian Rudolf sagte sie nur den Namen, ihren neuesten Freund Nikolaus Rabe aber beschrieb sie sehr lebendig, beschrieb ihn mit zärtlicher Bewunderung.

»Fi donc, einen Landsknecht!«

»Kindergeschwätz!« rief der Vater nochmals unwirsch, aber da sagte plötzlich in das allgemein verhaltene Lachen hinein die Prinzessin ganz ernsthaft: »Ach, der Niklas muß schön sein, den möchte ich auch heiraten.«

Nun lachten alle. Selbst die Herzogin lachte mit. Sie strich leicht über ihres Kindes Wange und sagte kühl: »Du heiratest einen großen Prinzen.«

Doch die kleine Elisabeth Marie, der es ganz besonders gut auf Pösen gefiel, rief: »Ach nein, ich möchte dann lieber den Anthoine, der gefällt mir.« Und sie streckte dem dunkellockigen Buben das Händchen hin, da war auch für ein Leben eine Freundschaft geschlossen.

Die Herzogin brach das Gespräch ab. An dem stillen Jeannettchen sah sie vorbei. Und dann war sie liebenswürdig und herablassend, und Frau Sophia Christine wußte doch, sie will unser Glück stören. Zeitig am Nachmittag brachen die Gäste wieder auf, und schon im Wagen sitzend, sagte die Herzogin: »Louison kann mein kleines Fräulein begleiten. Monsieur de Charreard wird uns doch auch den Weg weisen.«

Sophia Christine erblaßte tief. Ihr Herz krampfte sich zusammen, als sie das Kind selbst in den Wagen hob. »Sie wird mir genommen,« schrie es in ihr, und sie strich mit der Hand segnend über das liebliche Gesicht. »Gott schütze dich!«

Louison hörte nicht der Mutter Herz weinen. Die Fahrt in dem schönen Wagen neben dem blassen Prinzeßchen kam ihr sehr vergnüglich vor. Sie breitete ordentlich wie eine kleine Dame ihr Kleid aus, als wäre das Leinenkleid von Brokat, und ihr strahlendes Gesichtchen war das letzte, was die Mutter für lange Zeit von ihrem Kinde sah.

Monsieur de Charreard gab seiner fürstlichen Landsmännin das Geleite. Er hoffte, sie würde ihn unterwegs entlassen, aber daran dachte die Herzogin nicht. Sie sah ihn lächelnd neben ihrem Wagen reiten, und bei dem Dorf Ammerbach, das Jena schon nahe war, fragte sie ihn, ob er nicht so weiter ihr Begleiter sein wolle. Als Herr Anthoine sie etwas verwundert anschaute und nicht gleich die rechte Antwort fand, erzählte sie ihm, sie würde nach Paris reisen, um ihre Verwandten zu sehen. Zu ihrem Begleiter habe der Herzog ihn auserwählt, er käme auf diese Weise einmal in sein Vaterland, und König Ludwig, dessen Höflichkeit gegen Damen bekannt sei, würde nichts tun, was ihren Begleiter kränken könne, wenn er auch ein Flüchtling wäre.

Nach Frankreich zurückkehren, Paris sehen, den Traum seines Lebens!

Als der Wagen in Jena einfuhr, hatte Monsieur de Charreard, der Gutsherr von Pösen, sein stilles Glück im Tal vergessen; er sagte ja zu allem, was die Herzogin ihm vorschlug, er sagte auch ja zu dem Verbleiben seiner kleinen Tochter am Hofe. Es war wie ein Rausch über ihn gekommen, er duldete es, daß die Herzogin selbst noch ein Brieflein an die zurückgebliebene Frau sandte, eins, in dem sie höhnisch von dem großen Glück schrieb, das dem Hause Charreard an diesem Tage erblüht sei. »Morgen reise ich heim und Sophia Christine wird einsehen, daß ich nicht nein sagen kann,« dachte der Mann.

Louison weinte sich in den Schlaf. Ihre Sehnsucht nach der Mutter und den Geschwistern war groß, aber niemand kümmerte sich um dieses junge Leid. Die diensttuende Kammerfrau erzählte ihr von den schönen Kleidern, die sie bekommen würde. Aber was kümmerte sich das Landkind um Putz und Tand? Es verlangte wild nach den Lieben daheim und sagte zuletzt trotzig und doch zuversichtlich: »Der Niklas holt mich schon heim, der tut es gewiß.«

Monsieur de Charreard selbst dachte an diesem Abend nicht viel an die Seinen. Aus Weimar war Herzog Wilhelm gekommen, ein junger Landsmann, Raoul de St. Laurent, war mit ihm eingetroffen, da wurde von vergangenen Zeiten und von der bevorstehenden Reise gesprochen. Raoul de St. Laurent schilderte Paris in glühenden Farben, er redete sich heiß, und Herr Anthoine übersah dabei die freche Zudringlichkeit des jungen Herrn, der an einem deutschen Fürstenhof über die Deutschen spottete, der nur ein Land in der Welt gelten ließ, Frankreich.

In Pösen wartete Sophia Christine bang Stunde um Stunde auf Mann und Kind. Sie saß einsam unter der Linde und sah die Nacht kommen. Der Himmel war hell, der Sterne gewaltiges Heer glänzte daran. Aber die Sterne waren weit und das Leid war nahe. Sophia Christine faltete die Hände, sie wollte beten, aber es war nur ein flehendes Stammeln, was über ihre Lippen kam. »Gott, lieber Herre Gott hilf!« Und dabei wußte sie nicht einmal, in welcher Not ihr Gott helfen sollte. Sie ahnte nur die Gefahr, kannte nicht ihr Gesicht.

Und wie sie so saß, ganz eingehüllt in den Frieden der warmen hellen Nacht, hörte sie von fern Hufschlag, sah ein Licht aufglitzern. »Anthoine!« Sie lief dem Kommenden entgegen, meinte, es müsse der Gatte sein, aber dann erschrak sie, als eine fremde Stimme herrisch fragte: ob hier das Kirchlehen Pösen, der Besitz des Monsieur de Charreard liege?

Es war gut, daß die alte Röse in gleicher Herzensangst vor kommendem Unheil im Hauswinkel gehockt hatte. Trotz der vielen Arbeit des Tages lief die Alte doch wie ein Wiesel und plötzlich stand sie, eine Laterne in der Hand, neben ihrer Herrin und sagte barsch, um ihre Angst zu verbergen: »Was will Er?«

Der Mann reckte sich auf seinem Pferd und gab hochmütig Bescheid. Er legte den Brief der Herzogin in Sophia Christinens zitternde Hand, und diese wußte, es war Leid, was ihr der Mann brachte. Sie hielt sich aber aufrecht, stand fein und vornehm vor dem aufgeblasenen Diener, und als er sagte, eine Antwort brauche er nicht, nickte sie und sagte gelassen: »Röse, gib ihm einen Trunk, dann mag er heimreiten.«

Der Bursche knickte zusammen, wurde höflich und untertänig. Er dachte ärgerlich bei sich, des Herrn de Charreards Hausfrau täte so vornehm wie die Frau Herzogin selbst, aber als er in das nun vom Laternenschein erhellte bleiche Gesicht sah, rutschte in seiner Meinung die Frau Herzogin sogar ein Stückchen abwärts. Die hatte ihr böses Lächeln um die schmalen Lippen gehabt, als sie ihm selbst den Brief übergeben. Die Frau de Charreard sah aus wie eine Heilige, fein und fromm, und darum verneigte sich der Bote, nachdem er getrunken und Röses Zehrbrot in seine Satteltasche gesteckt hatte, fast noch tiefer als vor der Herzogin selbst.

Hinter ihm blieb es still. Sophia Christine hielt den Brief in der Hand, er brannte sie wie Feuer und doch wagte sie kaum, das Siegel zu lösen. Endlich tat sie es doch. Röses kleine Laterne warf einen zitternden Schein darauf. Einmal las die junge Frau den Brief, noch einmal, dann brach sie mit einem Wehlaut zusammen. Sie lag unter der Linde wie ein Bäumchen, das der Blitz zersplittert hat, lag da und weinte, und die alte Röse stand stumm dabei. Sie, die schon so viel Kummer gesehen hatte, konnte nicht sprechen, sie wußte, hier weint ein ganz großes Herzeleid.

Am nächsten Tag ritt der Gutsherr von Pösen heim. Der Rausch der fürstlichen Gunst trübte nicht mehr seinen klaren Blick. Frankreich, das Land seiner Jugend, lockte, aber als er an dem Buchaer Hohlweg anlangte und in das Tal hinabschaute, wußte er, das Fortgehen war ein Losreißen von seinem Glück. Er ritt unter den Linden dahin, sie waren verblüht, die Bienen summten nicht mehr durch das Blättergewirr, aber jene, die damals gesagt hatte, so wolle sie werden, hatte ihr Wort gehalten.

Und wieder, wie nach seinem ersten Ritt nach Jena, war Stille und Schweigen um das Haus. Es war wieder ein Sonnabend, wieder war morgen Gottesdienst in der Hauskapelle, wieder stand die Türe offen und wieder fand Anthoine de Charreard den Altar mit Malven geschmückt und sein Weib in der Kapelle. Aber diesmal strahlte ihm kein seliges Glück aus ihren Augen entgegen. Gramfalten gruben sich um den sonst so lachlustigen Mund und ein ganz tiefes Weh lag in den Augen.

Sophia Christine streckte die Arme aus und rief: »Mein Kind! Meine Louison!«

»Es bleibt bei dem Vater, soll Frankreich sehen, seine eigentliche Heimat. Sophia Christine – es ist nur auf ein Jahr.«

»In einem Jahr kann man sich sehr fremd werden,« flüsterte die Frau.

»Wir nicht!« Herr de Charreard rief es aus tiefstem Herzen heraus, denn er fühlte in diesem Augenblick so wie noch nie: Wo diese Frau war, war seine Heimat. Und sacht neigte er sich über sie und sprach gut zu ihr. Er tat das, so viel er konnte, in den wenigen Tagen, die ihm noch blieben, sein Haus zu bestellen. –

Den Bewohnern von Gutshof und Dörfern war es schier unbegreiflich, daß der Herr eine so weite Reise tun wollte. Und unmerklich erst, aber bald ihm fühlbar, schob sich etwas Fremdes zwischen ihn und die Leute. Auch die Kinder waren plötzlich scheu geworden. Sie sehnten sich nach der Schwester, vermißten der Mutter Lachen, und Jeannettchen sagte ganz ernsthaft zu ihrem welterfahrenen Freund: »Niklas, du mußt unsere Louison zurückrauben. Gelt, das tust du?«

»Das Dunderwetter ja, ich tät's schon, aber wenn doch der hochmögende Herr Vater selbst mit auf die Reise gehen. Jeannettchen, den kann ich nit raube. Parbleu, das geht nit!«

Es ging wohl wirklich nicht. Freilich, Abschied nehmen hätte Louison doch können, sie warteten alle darauf. Aber die Frau Herzogin schrieb in einem Brief, das Fräulein de Charreard würde den Abschied unterlassen. Herr Anthoine brauste auf, das durfte nicht sein, er wollte auf der Stelle nach Jena reisen und Louison holen.

»Und sie wieder hinbringen!« Frau Sophia Christine schüttelte leise den Kopf. »Ich weiß, du hast dein Wort gegeben, das mußt du halten, darum mag es bleiben wie es ist.«

Und weil der Mann fühlte, sie hatte recht, und ihr doch gern etwas zu Liebe getan hätte, fragte er: »Hast du noch einen Wunsch, Sophia Christine?«

Die Frau sah ein paar Augenblicke still zum Fenster hinaus. Unten rannten Anthoine und die Buben Adrian Rudolph und Heinrich Wilhelm von Dracksdorf ein wenig wild über den Hof, Jeannettchen lief schreiend davon, sie mußte einmal wieder die verfolgte Gräfin spielen. Anthoine brüllte wie ein heiserer Werwolf, und die Mutter dachte: werde ich den Jungen auch zügeln können? Und ganz jäh kam ihr der Gedanke an den einzigen Freund, der ihr in Jena lebte, und sie bat: »Schicke mir den Magister Albertinus als Hofmeister her. »Bitte ihn, er tut es schon, er ist gern hier draußen. An ihm werde ich eine Stütze haben – wenn ich allein bin.«

Sonst hätte der Herr de Charreard sicher sehr viel an dem Magister auszusetzen gehabt als Hofmeister für seinen Sohn. Denn des Magisters Steckenpferd war die Reinigung der lieben deutschen Muttersprache von dem überflüssigen Fremdwörtergewimmel. Er ging darin ein wenig über die Grenzen und riß ganz anmutige wohlklingende Sprachblüten mit Stumpf und Stiel aus. Doch war der alte Herr ein treuer zuverlässiger Mensch; und Zeit, lange zu wägen und zu wählen war nicht mehr. Auch war es dem Gutsherrn selber eine Beruhigung, den anhänglichen, alten Freund im Hause zu wissen, er sagte darum ein Ja und hing keine Ermahnung daran, sondern versprach alles zu tun, um den Magister zum Hinauskommen zu bewegen.

Dann war noch der Abschied zu überstehen.

Vor dem fürchtete sich der fürstliche Reisebegleiter mehr als vor allen Gefahren der Reise selbst. Und dann stand Frau Sophia Christine aufrecht, ohne auch nur eine Träne zu vergießen am Wagen. Hieß die Kinder den Vater umarmen, ließ alles Gesinde freundlich heran und sagte selbst nur einfach: »Gott schütze dich und unser Kind.«

Herr de Charreard war über diesen Abschied etwas gekränkt. So keine Träne zu weinen, das ging doch zu weit. Ach, er hörte nicht die vielen, vielen Tränen im Herzen der Frau rinnen, Tränen, die wie eine Flut den Ausgang suchten und ihn fanden, als der Reisewagen hinter den Linden verschwunden war. Da brach die Frau zusammen. Sie schwankte, wäre gesunken, aber da standen auf einmal die alte Röse und die Rabenmutter neben ihr und führten sie in ihr Zimmer. Und der Freund Niklas reichte Anthoine und Jeannettchen die Hände und sagte: »Kommt, ich erzähl' euch von Frankreich, wohin der Vater fährt, oder von Flandern. Da haben wir uns blutige Köpfe geholt. Parbleu, war eine elende Kampanje.«

»Nicht so was Grausliches,« bat Jeannettchen.

»Nix Grausliches, bewahr mich der T…« Nikolaus redete den Satz nicht zu Ende, aber dann saß er mit den Kindern am Bachrand und erzählte ihnen von dem schönen Lande Schweden, von einem friedsamen Tal, in dem er gewohnt.

»Ich denke, die Schweden sind so böse?« Jeannettchen schmiegte sich zutraulich an den rauhen Freund. Der strich ihr sanft über die Locken. »Im Krieg werden die Menschen wohl alle böse. Na und was damals Schweden hieß, das waren meist keine echten mehr. Die echten, kleines Fräulein, die taugen schon etwas, vor denen brauchst du dich nicht zu fürchten.«


7. Kapitel.

Kurz ist ein Jahr, lang ist ein Jahr.

Die Arbeitsjahre mit ihrem Mann zusammen waren Sophia Christine verrauscht wie ein schönes Lied, das erste Jahr des Einsamseins hatte endlose Tage, schlummerlose Nächte, es kroch dahin wie eine Schnecke im Staub. Stunde um Stunde, Tag um Tag flogen die Gedanken zu Mann, zu Kind. Wie ging es beiden? Wer hütete der kleinen Louison junge Seele? Wer war um sie, wer schützte ihre Lieben?

Das Laub wechselte seine Farbe, Blatt um Blatt fiel erst sacht zu Boden, bis es ein Sturmwind von den Ästen riß. Über das Tal wehte der Schnee; weiß Dächer und Mauern, weiß im Rauhreif Bäume und Sträucher, der Bach von einem Eisband gebunden. Noch tiefere Stille als sonst im Tal. Weihnachtstraum; erste Frühlingsstürme; Sonnenschein. Der Schnee schwand, in Bäume und Sträucher quoll der junge Saft bis in das äußerste Spitzchen, sie schimmerten rötlich, gelbgrün, hingen sich grüne Spinnewebe über, wieder Schnee auf den Bäumen, aber jede Flocke eine hauchzarte Blüte, in die die Bienen summend vor Lust sich hineinschmiegten. Die Vögel kehrten heim, bauten Nester, die Felder begannen zu wogen und in Sophia Christinens Herzen zitterte heißer die Sehnsucht; nun bald, nun balde kam das Wiedersehen.

Doch die Linden blühten und verblühten, Kornblumen, Rittersporn und Mohn säumten die Ränder der Felder, auf den Wiesen duftete das Heu, es wurde eingefahren und die kornschweren Ähren erzitterten eines Tages, nun sang auch ihnen morgen die Sense das Sterbelied.

Goldene Hügel wurden geschichtet, die Scheunen füllten sich, der Rabenvater stand auf dem Hof und sagte: »Ein gesegnetes Jahr!« Und als er Anthoine müßig auf dem Brunnenrand sitzen sah, sagte er: »Ins Faulenzerland gehört er niche mehr. Der Junker könnte schon helfen, itze braucht die gnädige Frau Mutter jede Hilfe.«

Da schoß Anthoine das Blut ins Gesicht. Er sprang auf und rannte davon, lief auf das Feld und seine Bubenhände griffen Bündel um Bündel. Heißa, das ging, ihn sollte niemand einen aus dem Faulenzerland schelten.

Eines Tages blies der Sturm über Stoppelfelder, peitschte schwarze Wolken ins Tal, und auf dem Gut Pösen flüsterten die Leute scheu: »Der Herr ist nicht heimgekommen.«

Sophia Christine ging blaß und still einher, sie trug einen Brief auf dem Herzen, in dem stand, Anthoine de Charreard würde erst im Frühling heimkehren, die Herzogin Marie könne sich von dem schönen Paris nicht trennen. Ganz unten stand das Wort: »Wenn es doch erst Frühling wäre!«

Der Winter mit seinen langen, langen dunklen Nächten lag noch dazwischen.

Es war nicht allein für die Kinder gut, es war auch eine Wohltat für die Hausfrau selbst, daß der Magister Albertinus im Hause lebte. Anthoine und Jeannettchen liebten den gütigen, weisen Mann, liebten selbst seine Schwäche, in jedem unschuldigen Wort einen fremden Eindringling zu wittern. Ein Fremdwort war ihm eine Art Gespenst, gegen das er zornig losging. Zuerst verleidete er den Kindern jegliche Lust an der französischen Sprache. Aus einem Anthoine wurde Anton, der eine Johanna zur Schwester hatte. Die Kinder nahmen des Alten Grille heiter hin, sie verstanden nicht, daß er zu weit in seinem Haß gegen alles Fremde ging, und Frau Sophia Christine war froh, die Kinder in guter Hut zu wissen. Sie hatte genug zu tun, um Sorgen und Sehnsucht mit der großen Arbeitslast zu vereinen, und wenn in seltenen Feierstunden der Magister ankündigte: »Nun wird ein Kriegszug gemacht,« und die unschuldigsten Wörter seltsam genug verdeutscht wurden, da lächelte sie nur dazu, hörte kaum hin und freute sich allein an ihrer Kinder Frohsinn.

Abends, wenn sie müde in dem hohen Stuhl saß, in dem ihr Mann sonst gesessen hatte, schlug der Magister einen anderen Ton an. Dann zerrte und zog er nicht fremde Unkräutlein aus der deutschen Muttersprache, dann las er die feinen, frommen Worte Johann Arnds vor, oder er schlug die Trutznachtigall des milden Friedrich Spee auf. Manchmal las er auch, um ein Lächeln auf das Gesicht der jungen Frau zu locken, etwas aus den sinnreichen Heldenbriefen des Herrn von Hoffmannswaldau, der einst mit dem Vater der Herzogin Marie Deutschland durchreist hatte. Von diesem fürstlichen Herrn hatte Anthoine de Charreard die Bücher als besonderes Ehrengeschenk erhalten, er ahnte damals nicht, als er sie in Pösen auspackte, daß ihre gespreizte Sprache das verlorene Lachen auf das Gesicht seiner lieblichen Frau locken sollte. –

Der Winter verging und das uralte, ewig anmutige Spiel, das der einziehende Frühling aufführt, begann von neuem. Wieder gab es blühende Bäume, Vogelsang und Bienensummen, Sonnenschein und warme weiche Luft. Wieder eine unendliche Schöne.

Herr de Charreard kam nicht.

In diesem Frühling erlitten alle in dem stillen Tal einen großen Verlust. Der Rabenvater starb. Er verlöschte eines Tages still ohne Klage, und seine alte verrunzelte kleine Frau saß mit einem seltsam stillen, frohen Lächeln an seinem Sterbebett. »Ich folg' dir balde.«

Sie hielt Wort. Vier Wochen lang ging sie noch mit einem schönen fremden Glanz in den Augen herum, dann starb auch sie.

Die Rabenbrüder, die in großer Eintracht lebten, tauschten Haus und Hof. Christian zog nach Zimmritz auf den Hof, den der Bruder gekauft, dort wohnte seine Braut, und der heimgekehrte Kriegsmann nahm den Rabenhof in Besitz. Da hatten Anthoine und Jeannette ihren guten Freund wieder nahe, und es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht mitsammen ein Wiedersehen feierten.

Nikolaus Rabe war ganz der gleichen Ansicht wie sein Vater, ein Bube in Anthoines Alter mußte zugreifen, und da es die Mutter im Hause schwer bekam, denn die alte Röse begann zu kränkeln, half auch Jeannettchen mit.

Die Linden blühten wieder.

Sophia Christine hatte es aufgegeben, immer wieder den Weg entlang zu schauen, auf dem ihr Mann kommen mußte. Er blieb noch immer aus, und seit vielen vielen Wochen waren auch seine Briefe ausgeblieben.

Es sah darum niemand den Buchaschen Hohlweg entlang, als Herr Anthoine de Charreard ihn eines Tages in einem herzoglichen Wagen daher fuhr. Müde, verdrossen, angewidert von so vielem, was er gesehen, war der Mann heimgekehrt. Er hatte sein Kind Louison mitnehmen wollen, doch die Herzogin Marie hatte eigensinnig darauf bestanden, es müßte in Jena bleiben.

In Bucha liefen die wenigen Leute, die nicht auf Arbeit waren, herbei, um den Herrn zu begrüßen. Es waren aber scheue verlegene Grüße, der blasse Mann da im Wagen war ihnen allen fremd geworden. Am liebsten hätte Herr Anthoine gefragt: wie geht es meiner Frau, wie meinen Kindern? Doch das Fragen kam ihm nicht über die Lippen, er tat, als wüßte er alles und war doch ein halbes Jahr ohne Nachricht gewesen.

Da wo die Pösener Gemarkung anfing, schafften an diesem Tag zwei mit heißem Eifer. Der Niklas Rabe, der es inzwischen gelernt hatte, ein so rechter Bauer zu werden, wie er ein Kriegsmann gewesen war, hatte von einem Regen zum Abend gesprochen. Das Heu müsse herein. »Dann hilf du mir, Johanna,« sagte der Junker.

Anthoine, der nun wirklich nur noch Anton genannt wurde, fand, Heueinfahren wäre eine rechte Arbeit für ein Fräulein de Charreard. Also werkten die beiden Geschwister auf der höchstgelegenen Wiese und wollten gerade mit einem kleinen Handwagen zu Tale fahren, als sie die herzogliche Kutsche kommen sahen.

In den zwei Jahren war nur einmal die alte Base Sabine, die um der Silberleuchter willen nun eine besondere Zuneigung zu der Nichte empfand, auf dem Wege dahergefahren, sonst niemand. Den Kindern schlug das Herz, war es –

»Der Herr Vater, der Herr Vater!« Die jungen Stimmen gellten so heftig auf, daß weniger schlafsüchtige Gäule entschieden scheu geworden wären. Die abgestanden müden Tiere aus dem herzoglichen Stall entschieden sich für das Stehenbleiben. Mit einem Ruck hielt der Wagen, und am offenen Fenster tauchten zwei heiße sonnenbraune Gesichter auf. Bub und Mädel, Bauernkinder – oder?

Herr Anthoine de Charreard sah ziemlich verdutzt seine Kinder an. Jeannettchen, die feine kleine Blonde, schulterte jetzt einen Rechen über die Schulter, in Anthoines Haar hing Heu, wie vornehm erzogene Herrschaftskinder sahen alle beide nicht aus.

»Mon Dieu, was tut ihr?«

»Wir fahren Heu ein, Herr Vater,« schrie Anthoine, als wäre sein Vater in den beiden Jahren stocktaub geworden. Gleich aber überkam eine heftige Verlegenheit den Buben vor dem feinen, blassen Herrn, war es wirklich sein Vater?

»Er ist's gar nicht, Anton!« Jeannettchen zerrte den Buben am Jackenzipfel. Und schon rannte sie davon. Auch der Bruder dachte an ein Davonlaufen, aber da streckte sich eine weiße, ringgeschmückte Hand aus dem Wagen, und es war doch des Vaters Stimme, die sagte: »Anthoine, ich bin es wirklich – wie geht es der Mama?«

»Die Frau Mutter wäscht,« platzte Anthoine heraus.

»Wä–äscht,« Madame de Charreard stand am Waschzuber!

Der Bube sah treuherzig und altklug zu seinem Vater auf. »Röse ist doch krank, die Frau Mutter hat's schon schwer.«

»Jeannette, wo ist Jeannette?«

Ja, wo war die Kleine? Die war, von einer unbestimmten Angst getrieben, abwärts gelaufen, sie rannte über den Hof in die seitwärts liegende Waschküche und schrie in Qualm und Brodem hinein: »Es kommt einer und Anton sagt, es wäre der Herr Vater.«

Frau Sophia Christine goß die Seifenlauge in das Spülwasser, kümmerte sich nicht um das angerichtete Unheil, sondern ging todblaß mit wankenden Schritten dem Hause zu.

Unter den blühenden Linden wird sie stehen, dachte der Mann. Aber seine Frau stand still und aufrecht an der Haustüre, es sah gar nicht aus, als freue sie sich so besonders der Heimkehr ihres Mannes. Daß sie nur keinen Schritt weiter tun konnte, daß die Bäume, die Landstraße, alles vor ihren Augen wogte und schwankte, ahnte Herr de Charreard nicht. Er hatte eine andere Freude erwartet. –

Es wurde kein rechter Freudentag.

Der Gutsherr war reisemüde und mißmutig. Wohin er sah, sah er Arbeit. Er sah alle Hände sich regen, sah seine Kinder schaffen wie Bauernkinder, wußte, seine Frau hatte am Waschfaß gestanden, und er kam wirklich aus dem Faulenzerland. Zwei Jahre hatte er nichts getan, wie einmal ein paar Briefe für seine Herzogin geschrieben, sonst Besuche gemacht, Besuche empfangen, er war zu Bällen und Komödien gefahren, seine Unterhaltung war leichtes Geplänkel, lockeres Scherzen gewesen, und als er am Tisch seines Hauses saß, faltete die Hausfrau fromm die Hände und sagte: »Sprich das Gebet, Anton!«

Sie dankten alle in ernster Andacht für das tägliche Brot, er hatte zwei Jahre lang sinnlose Verschwendung, unerhörten Luxus gesehen. Und dann das Fragen, dies bange Fragen der Mutter nach ihrem Kind. »Wie ist Louison?«

»Beinahe eine kleine Dame. Adorable, ich muß es sagen!«

»Betet sie auch noch immer abends? Hat sie uns nicht vergessen?«

Herr de Charreard hing sich an die zweite Frage. Nein, vergessen hatte Louison Mutter und Geschwister nicht, in vier Wochen würde sie kommen.

»Für immer?«

»Nicht doch, ma chère. Sie ist die Gespielin der Prinzessin und bleibt natürlich am Hofe.«

Sophia Christine seufzte tief, aber sie schwieg.

Anthoine aber murmelte halblaut, nur Jeannettchen sollte es hören: »Gut, daß kein Prinz da ist.«

»Was sagst du da, mein Sohn? Flüstern ist unschicklich.«

Herr de Charreard runzelte leicht die Stirn. Unglaublich, wie die Kinder verbauert waren.

Da hob Anthoine das hübsche Knabengesicht zu ihm auf und rief hell, wie Fanfarenklang tönte es: »Ich bin froh, daß kein Prinz in Jena ist, sonst müßte ich zu Hofe.«

»So, und wäre das meinem Sohn nicht agréable? Ich persuardire, es würde ihm gefallen.«

»Nein,« rief Anthoine, »ich möchte nur hier bleiben, hier in Pösen oder –«

»Nun, was oder!«

»Ein Offizier werden. Doch dann weint die Frau Mutter und –«

Der Bubenkopf sank tief herab, ganz tief. Sophia Christine lächelte sanft. »Ist recht, du bleibst in der Heimat.« Sie sagte das Wort ohne Schärfe, sie dachte dabei nur an den Sohn.

»Seine Heimat ist Frankreich!«

Herrn de Charreards Stimme klang gereizt, aber die Falte schärfte sich, als er sah, daß sein Bube ein wenig trotzig den Kopf schüttelte. »Parbleu, was soll das?«

In Anthoines Gesicht schoß eine tiefe Glut. Er hatte doch wirklich den Vater nicht kränken wollen, aber als der noch einmal sagte: »Deine Heimat ist Frankreich,« schwieg er mit zusammengekniffenen Lippen.

»Dankt und geht hinaus!« Sophia Christine sah erschrocken, wie tief die Kluft zwischen dem Heimgekehrten und ihrem Leben war.

Die Kinder standen auf, falteten die Hände, beteten still und dann kamen sie beide, küßten ihr die Hände und sagten: »Vielen Dank, Frau Mutter!«

»Ihr müßt eurem Herrn Vater danken.«

Die ehrlichen offenen Kinderaugen blickten maßlos verwundert drein. Der Magister hatte sie gelehrt, daß der Mutter rastlose Arbeit ihnen das tägliche Brot verschaffe, und sie nächst Gott ihr zu danken hätten. In seinem harmlosen Sinn war es dem Magister nie eingefallen, daß seine Erziehung die Kinder dem fernen Vater entfremde, nun erschrak auch er und er sagte streng: »Sobald der Herr Vater da ist, ist ihm – und der Frau Mutter zu danken.«

Anthoine de Charreard fühlte da auf einmal die weichen Kinderlippen auf seiner Hand, er sah in die offenen unschuldigen Gesichter, und ganz jäh legte er seinen Arm um beide: »Mes enfants!«

Hätte er gesagt: »meine Kinder,« es wäre wohl ein warmes Hinüberfließen von Herz zu Herzen geworden; das fremde Wort klang fremd an die Ohren der beiden. Ihr Anschmiegen an den Vater schien Pflicht; Wärme und Freude fehlten, und Sophia Christine empfand wieder mit heißem Schrecken die Fremdheit des Heimgekehrten.

Sie suchte mit sanften Worten, heiteren Fragen leichte Brücken von Kluft zu Kluft zu schlagen. Sie entfaltete alle Anmut ihres Wesens und Herr de Charreard empfand dies dankbar, aber seine Verstimmung wich nicht. Und als er sah, wieviel auf der Frau gelastet hatte, als er den schlichten Bericht von ihrem Tun hörte, wuchs sein Unbehagen. Weil er der Frau nicht grollen konnte und doch jemand haben mußte, auf den er seine Bitterkeit laden konnte, wurde er heftig gegen den guten, alten Magister, als der harmlos am Abendtisch die Kinder Anton und Johanna nannte.

»Meine Kinder haben keine deutschen Namen,« rief er ärgerlich, und als der Magister eine etwas umständliche Erklärung gegen den Gebrauch fremder Wörter und Namen beginnen wollte, unterbrach ihn Herr de Charreard kurz. Sehr hochmütig redete er zu dem alten Mann: Darin würden sie sich nie verstehen, übrigens könne der Herr Magister ja nun wieder nach Jena ziehen; seine Arbeit, für die er ihm danke, sei zu Ende. Er würde nun selbst wieder die Erziehung leiten.

Der alte, gute Freund entlassen!

Das war das Ende des so sehnsüchtig erwarteten Heimkehrtages.


8. Kapitel.

Die alte Rabenmutter hatte einmal der jungen Frau treuherzig den Rat gegeben, über keinen Streit die Nacht dahingehen zu lassen. Und Sophia Christine handelte nach dem Wort. Die Luft war schwül, die Wolken hingen blauschwarz über dem Tale, und in schier endloser Ferne klaffte wieder und wieder ein heller Spalt, in allen Farben glänzte da eine traumhafte Weite auf, mal zog auch ein dumpfes Rollen wie ein Mahnen über das Tal. Die Linden dufteten betäubend, und unter die große Linde führte Sophia Christine ihren Gemahl; wenn auch nicht das, was sie trennte, ganz überbrückt wurde, es war doch von Seele zu Seele wie ein Erhellen, ein Erkennen der Kluft, die zwischen ihnen lag.

Anthoine de Charreard erzählte mehr von den Mühsalen seiner Reise und den Bitterkeiten seiner Stellung, und die Frau erkannte, daß ihres Mannes Heftigkeit, sein verdrossenes Wesen wie eine Krankheit war, die sie linde hinwegpflegen mußte.

Von dem Magister Albertinus sprachen sie beide nicht, sie dachten beide, morgen. Der gute, alte Mann aber stand in seiner Stube, packte seine Bücher in eine Kiste, und während ihm dicke Tränen über das Gesicht liefen, dachte er, morgen bist du wieder heimatlos, Johannes Emanuel Albertinus.

Ein Geräusch an der Tür ließ ihn aufschauen. Anthoine stand da und sah ihn flehend an. »Ihr geht nicht weg, Herr Magister?« fragte seine Stimme.

»Morgen, morgen – es hilft nichts.« Dem alten Mann liefen ein paar Tränen über die welken Wangen. »Muß mir eben wieder eine Heimat suchen,« murmelte er bedrückt. Ach, wo würde er eine finden, die so war wie das stille Tal!

Da warf der Bube Anthoine de Charreard den Kopf zurück und er flehte eindringlicher: »Aber Ihr wartet bis morgen früh, Herr Magister!«

»Freilich, freilich, das tu ich schon. Aber du, mein Sohn Anton –«

Der gute Magister sah etwas verdutzt auf. Die Türe knarrte, sein Zögling war aus dem Zimmer geschlüpft.

Ein paar Minuten später redete unten Frau Sophia Christine in die Schilderung ihres Gatten von der unerhörten Pracht am Hofe des Königs Ludwig hinein: »Dort läuft jemand. Wenn's nicht so töricht wäre, meinte ich schier, es wäre unser Anthoine.«

»Nun ich hoffe, er schläft.« Ein leiser Stolz schwang als Unterton in den Worten des Vaters mit, als er noch ein paar Sätze über den trotzigen Buben sprach. Unzufrieden war er mit ihm, aber gefallen tat ihm der kleine Kerl doch besser, als alle Buben, die er je gesehen.

Es rannte jemand durch das stille Tal. Ein junges Herz schlug laut, denn der Abend war so dunkel und geheimnisvoll. Der Bach rauschte lauter, die Weiden an seinem Rand glichen seltsam verhutzelten, fremdartigen Gestalten, und nirgends dämmerte ein Licht auf. Nur immer wieder erleuchtete der ferne Blitzschein sekundenlang den Weg. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wind, der Donner grollte näher, das Wetter zog wohl herauf. Im jäh erhellten Schein huschte etwas über den Weg, groß, unheimlich, ein Baumschatten nur war es, sich neigende Äste, aber es schreckte den Laufenden. Eine Stimme gellte und im Rabenhof drehte sich der Bauer Niklas, der ehemalige Kriegsmann, um und brummelte: »Da schrie jemand.«

»War wohl 'ne Katze,« gab seine Frau zurück.