VOM GOLUS
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DIE ASSIMILATION
Unter Assimilation verstehe ich wörtlich, was das Wort bedeutet: so ähnlich zu werden, daß man sich in nichts unterscheidet.
Die Assimilierung, worunter ich nicht etwa nur Aeußerlichkeiten der Kleidung, gewisser Lebensgewohnheiten, Gebräuche und der Sprache, sondern ein Gleichwerden in Sinn und Art verstehe, die Assimilierung der Juden könnte überall nur durch die Mischehe erzielt werden.
Nun würde allerdings die staatsbildende Bewegung, die ich vorschlage, den israelitischen Franzosen ebensowenig schaden, wie den „Assimilierten“ anderer Länder. Nützen würde sie ihnen im Gegenteile, nützen! Denn sie wären in ihrer „chromatischen Funktion“, um Darwins Wort zu gebrauchen, nicht mehr gestört. Sie könnten sich ruhig assimilieren, weil der jetzige Antisemitismus für immer zum Stillstand gebracht wäre. Man würde es ihnen auch glauben, daß sie bis ins Innerste ihrer Seele assimiliert sind, wenn der neue Judenstaat mit seinen besseren Einrichtungen zur Wahrheit geworden ist, und sie dennoch bleiben, wo sie jetzt wohnen.
[pg 42] Sie glaubten vornehmer auszusehen, wenn sie sich nicht als Juden zu erkennen gaben. Aber gerade dadurch zeigten sie die Gesinnung von Bedienten und Freigelassenen. Und sie konnten sich noch über die Geringschätzung wundern, die ihnen zu teil wurde, da sie doch wahrlich keine Selbstachtung an den Tag gelegt hatten. Nachgekrochen waren sie den anderen, und es ereilte sie dafür die gerechte Strafe: sie wurden abgelehnt.
. . . Die Leere und Nutzlosigkeit der Bestrebungen „zur Abwehr des Antisemitismus“. Mit Deklamationen auf dem Papier oder in geschlossenen Zirkeln ist da nicht das mindeste getan. Es wirkt sogar komisch. Immerhin mögen — neben Strebern und Einfältigen — auch sehr wackere Leute in solchen Hilfscomités sitzen. Sie gleichen den Hilfscomités nach und vor Ueberschwemmungen und richten auch ungefähr so viel aus.
Solange sie scheu und unaufrichtig von Partei zu Partei, von Nation zu Nation taumeln werden, nur um für das ein wenig Schutz zu erlangen, was sie für uneingestehbar halten, nämlich für ihr Judentum — so lange wird man sie nicht achten noch lieben, nicht einmal dulden. Wer sich für anderes ausgibt, als er offenbar ist, erregt Mißtrauen, und dieses dumpfe Gefühl setzt sich herabsteigend bei den Pöbelmassen in Gewalttaten um.
[pg 43] An den Siegesfeiern dürfen sie nicht als Vollberechtigte teilnehmen, und die Niederlagen läßt man an ihnen aus, so hüben wie drüben. Sie sind, wie es auch ausgehe, die Geschlagenen.
MAUSCHEL
Mauschel ist der Fluch des Juden.
Diese Leute, von denen man fortwährend hört, bald durch den Skandal ihrer Maitressen, bald durch den Triumph ihrer Rennpferde, bald durch die Börsenmanöver, mit denen sie den Mittelstand der Börse zu Proletariern machen, bald durch die Korruption, die sie um sich her wie einen Pesthauch verbreiten; diese Leute, die man überall sieht, nur nicht, wo die armen Juden in einem schweren Kampfe stehen, diese Leute mögen sich in acht nehmen, daß nicht in ihrem Rücken eine zweite Volksbewegung gegen sie aufstehe, numerisch schwächer, aber gerade darum verzweifelter als die erste. Ah ja, es gibt sogenannte „Wohltäter“ unter ihnen; das heißt, sie züchten Schnorrer. Das heißt, sie schaden dem jüdischen Volke auch noch durch milde Gaben aus denjenigen Vermögen, die mitunter auf kompromittierende Art entstanden sind. Ah ja, die Herren sind auch geschickt genug, sich persönlich vom Antisemitismus loszukaufen: durch Gefälligkeiten, Geld und Opfer an Ueberzeugung — die letzteren kosten sie am wenigsten.
[pg 44] Es sind die Leute, die im sicheren Boot sitzen und den Ertrinkenden, die sich an den Bootrand klammern möchten, mit dem Ruder auf die Köpfe schlagen.
Es wird immer zu den großen Merkwürdigkeiten gehören, daß die Herren gleichzeitig um Zion beten und gegen Zion auftreten.
Für den schlimmsten Fall richtet Mauschel seinen Blick ins Weite, aber nicht nach Zion, sondern nach irgend einem Lande, wo er allenfalls bei einer anderen Nation unterschlüpfen könnte. Dort angelangt, spielt er nach kurzer Zeit auf den Chauvinisten hinaus, erteilt Unterricht im neuen Patriotismus und verdächtigt alle, die nicht sind wie er. Dabei begeht er die wunderliche Inkonsequenz, sich von den Juden loszusagen und zugleich in ihrem Namen zu sprechen.
Den sehnsüchtigen Ruf: „Uebers Jahr in Jerusalem!“ hatte eine Generation der anderen übergeben, und nur in den letzten Jahrzehnten des nationalen Verkommens war bei manchen Rabbinern die wäßrige Deutung üblich geworden, das Jerusalem dieses Spruches solle eigentlich heißen London, Berlin oder Chicago. Wenn man die jüdischen Ueberlieferungen in dieser Weise auslegt, dann bleibt freilich vom Judentum nicht mehr viel anderes übrig als das Jahresgehalt, das diese Herren beziehen.
[pg 45] Die jüdische „Mission“ ist etwas Sattes, Behagliches, Gutsituiertes. Seit Jahr und Tag sehe ich mir die Leute an, die mir diese „Mission“ zur Antwort geben, wenn ich von der wachsenden Not unserer Armen rede. Diese Missionäre befinden sich alle vortrefflich.
Damit sie fürder nicht mit den guten Rabbinern verwechselt werden, wollen wir die Angestellten der Synagoge, die sich gegen die Erlösung ihres Volkes verwahren, die Protestrabbiner nennen.
Er ist der Rabbiner des nächsten Vorteils.
DER KAMPF GEGEN DEN ZIONISMUS
Aber dem Judentum angehören, das Judentum sozusagen berufsmäßig ausüben und es gleichzeitig bekämpfen, das ist etwas, wogegen sich jedes rechtliche Gefühl auflehnen muß.
Die Sache wird dennoch vielleicht nicht den kostbaren Beifall der jüdischen Geldagenten finden. Diese werden sogar vielleicht durch ihre geheimen Knechte und Agenten den Kampf gegen unsere Jugendbewegung einzuleiten versuchen. Einen solchen Kampf werden wir, wie jeden anderen, der uns aufgezwungen wird, mit schonungsloser Härte führen.
[pg 46] Wenn nun alle oder einige französische Juden gegen diesen Entwurf protestieren, weil sie sich bereits „assimiliert“ hätten, so ist meine Antwort einfach: Die ganze Sache geht Sie nichts an. Sie sind israelitische Franzosen, vortrefflich!
Man kann sich als Abkömmling des jüdischen Stammes von unserer Bewegung fernhalten; aber wir glauben nicht, daß sich einer den Beifall oder die Achtung der Nichtjuden erwerben kann, der als Jude die Zionisten mit Kot bewirft. Wer auf diese Art beweisen will, was er für ein echter Marrane ist, dessen schmähliche Liebedienerei ist umsonst.
Hätte ich mich mit den chinesischen Angelegenheiten befaßt, so würden mich die Chinesen angegriffen haben. Allerdings bin ich zu jüdischen Sachen etwas besser legitimiert. Aber danach wird bekanntlich nicht gefragt. Wenn ich nun also auch die Angriffe begreife, so habe ich doch Ursache, mich über ihre Heftigkeit und Ungerechtigkeit zu wundern, und ich habe das Bedürfnis, mich darüber bei meinesgleichen zu beschweren.
Es ist wahr, diese internationalen Finanziers sind reich genug, das Werk zu fördern; sie sind nicht reich genug, es zu verhindern. Wenn sie alles kaufen können, das Stück Blech, aus dem die Feder eines [pg 47] unabhängigen Schriftstellers gemacht ist, können sie nicht kaufen.
Ich glaube, wenn ich mich in den Gedankenkreis eines Herrn vom Finanzgeschäft versetze, so stellt er sich unter einer Aktie der jüdischen Kolonialbank etwas vor, was die Mitte hält zwischen einer Mitgliedskarte eines Vereines gegen Verarmung und Bettelei und einer Goldminenaktie auf dem Saturn.
Es ist unerhört und in fünfzig Jahren wird man diesen Leuten auf das Grab spucken, wenn man es erfahren wird, daß ich mit Abdul Hamid nahezu fertig war und nur die lumpigen Gelder nicht bekommen konnte. Natürlich dürfen wir heute unserem Zorn und Schmerz nicht Luft machen, denn dann erführe auch . . . unsere innere Schwäche und ich muß mich bemühen ihn hinzuhalten, Zeit zu gewinnen, Wasser aus den Felsen zu schlagen und Gold aus dem Kot zu kratzen.
WOHLTÄTIGKEIT
Zunächst ist da das Prinzip der Wohltätigkeit, das ich für durchaus falsch halte. Sie züchten Schnorrer. Charakteristisch ist, daß bei keinem Volke so viel Wohltätigkeit und so viel Bettel vorkommt wie bei den Juden. Es drängt sich einem auf, daß zwischen beiden Erscheinungen ein Zusammenhang [pg 48] sein müsse. So daß durch die Wohltätigkeit der Volkscharakter verlumpt.
Es ist ein heimlicher Jammer der Assimilierten, der sich in „wohltätigen“ Unternehmungen Luft macht. Sie gründen Auswanderungsvereine für zureisende Juden. Diese Erscheinung enthält einen Gegensinn, den man komisch finden könnte, wenn es sich nicht um leidende Menschen handelte. Einzelne dieser Unterstützungsvereine sind nicht für, sondern gegen die verfolgten Juden da. Die Aermsten sollen nur recht schnell, recht weit weggeschafft werden. Und so entdeckte man bei aufmerksamer Trachtung, daß mancher scheinbare Judenfreund nur ein als Wohltäter verkleideter Antisemit jüdischen Ursprungs ist.
Unsere jetzige verworrene Privatwohltätigkeit stiftet im Verhältnis zum gemachten Aufwand wenig Gutes.
Wir hatten unter unseren Argumenten für den Zionismus bisher ein sehr starkes in dem Bankbruche der Assimilation. Wir haben da ein neues bekommen: die Insolvenz der Wohltäter. Welche Insolvenz! Ja, wenn die reichen Leute die Zahlungen einstellen, dann geht viel verloren.
Ich sagte, daß das System der jüdischen Wohltätigkeit bankerott ist.
[pg 49] Wohltätigkeit an einem ganzen Volke ausgeübt, heißt Politik, und die Wohltätigkeit, die ein Volk zu seinem eigenen Gedeihen auszuüben versucht, ist die Politik dieses Volkes. Es gibt keine Politik, die nicht von Absichten der Wohlfahrt durchdrungen ist.
Einem Volke kann man nicht philanthropisch helfen, sondern einzig und allein politisch.
Argentinien ist eine Art Königsgrab für Hirsch.
DAS LEBEN IM GOLUS
Heute ist das jüdische Proletariat nicht nur das ärmste und unglücklichste, sondern auch das unruhigste und das am meisten beunruhigende.
Die causa remota ist der im Mittelalter eingetretene Verlust unserer Assimilierbarkeit, die causa proxima unserer Ueberproduktion an mittleren Intelligenzen, die keinen Abfluß nach unten haben und keinen Aufstieg nach oben — nämlich keinen gesunden Abfluß und keinen gesunden Aufstieg. Wir werden nach unten hin zu Umstürzlern proletarisiert, bilden die Unteroffiziere aller revolutionären Parteien und gleichzeitig wächst auch nach oben unsere furchtbare Geldmacht.
[pg 50] Das ist wohl der ergreifendste Zug in unserer Volkstragik, daß das hochkonservative Volk der Juden immer den revolutionären Bewegungen zugejagt wird.
Sind wir aber in der Börse, so wird das wieder zur neuen Quelle unserer Verächtlichkeit. Dabei produzieren wir rastlos mittlere Intelligenzen, die keinen Abfluß haben und dadurch eine ebensolche Gesellschaftsgefahr sind, wie die wachsenden Vermögen. Die gebildeten und besitzlosen Juden fallen jetzt alle dem Sozialismus zu. Die soziale Schlacht müßte also jedenfalls auf unserem Rücken geschlagen werden, weil wir im kapitalistischen wie im sozialistischen Lager auf den exponiertesten Punkten stehen.
Diese Unruhen richten einen schweren Schaden an in der mißhandelten Seele unseres Volkes. Sie untergraben immer wieder das Rechts- und Ehrgefühl, sie machen die Betroffenen zu Feinden einer stiefmütterlichen Gesellschaft, in der solches geschehen kann. Wundern wir uns nicht, wenn die Proletarier unter den Proletariern, von allen Menschen die Verzweifeltesten, bei allen äußersten Umsturzparteien zu finden sind.
Ueber kein Volk sind so viele Irrtümer verbreitet, wie über die Juden. Und wir sind durch unsere geschichtlichen Leiden so gedrückt und mutlos geworden, [pg 51] daß wir diese Irrtümer selbst nachsprechen und nachglauben. Eine der falschen Behauptungen ist die unmäßige Handelslust der Juden. Nun ist es bekannt, daß wir dort, wo wir aufsteigende Klassenbewegung mitmachen können, uns eilig vom Handel entfernen. Weitaus die meisten jüdischen Kaufleute lassen ihre Söhne studieren. Daher kommt ja die sogenannte Verjudung aller gebildeten Berufe. Aber auch in den wirtschaftlich schwächeren Schichten ist unsere Handelslust keineswegs so groß, wie angenommen wird. In den östlichen Ländern Europas gibt es große Massen von Juden, die keine Handeltreibende sind und vor schweren Arbeiten nicht zurückschrecken.
Die Juden haben infolge der langen bürgerlichen Ehrlosigkeit eine oft krankhafte Sucht nach Ehre, und ein jüdischer Offizier ist in dieser Beziehung ein potenzierter Jude.
Das römische Ghetto! Mit welchem hämischen und niedrigen Haß man sie verfolgte, die armen Leute, deren großes Verbrechen die Glaubenstreue gewesen. Wir haben es jetzt viel weiter gebracht: man macht dem Juden nur mehr die krumme Nase zum Vorwurf, sowie das Geld, auch wenn sie keines haben.
Nur die sichtbaren Ghettomauern sind gefallen.
[pg 52] Das Ghetto existiert noch überall, wie unsichtbar auch seine Mauern seien. Das Ghetto besteht im Mißtrauen der Gentiles, im Zusammenhocken der Juden und in der Scheu, die Zusammengehörigkeit einzugestehen. Einer der vielen wunderlichen Widersprüche unseres Volkslebens ist: daß wir weit auseinandergestreut und doch auf allen einzelnen Punkten unbehaglich zusammengepreßt sind.
JUDENNOT
Auf die treibende Kraft kommt es an. Und was ist diese Kraft? Die Judennot.
Wir haben ohne Gewinsel die Judennot vor aller Welt ausgebreitet und zugleich den Vorschlag gemacht, im allgemeinen Interesse eine Abhilfe aus unserer eigenen Kraft heraus zu schaffen. Sind wir in unserer Narretei sehr verbohrt, wenn wir annehmen, daß eine Sprache von solcher Offenheit die Teilnahme aller anständigen Menschen erregen muß?
Leben wollen diese Aermsten, und sie wollen ihre verhärmten Weiber, ihre kranken, schwachen Kinder nicht Hungers verenden lassen. Wer wagt es, einen Stein auf sie zu werfen, wenn sie im Hausier- und Wirtshandel nicht die moralischen Eleganzen eines tadellosen Gentleman haben? Wenn sie sich gegen das Gesetz vergehen, nimmt es sie schon gehörig beim [pg 53] Kragen. Und die moralischen Eleganzen, wer hat sie denn? Etwa die hochmütigen Emporkömmlinge, die von diesen galizischen Unglücksfällen als von etwas Fernem, außerhalb ihrer Sphäre Spielendem kühl reden und die sich zu einer großen solidarischen Hilfsaktion für die leiblich und sittlich Verkommenen ihres Stammes nicht verpflichtet halten?
Das Judentum ist eine Massenherberge des Elends mit Filialen in der ganzen Welt.
Es gibt heutzutage vielleicht in der ganzen weiten Welt keine verzweifelteren Menschen als die armen galizischen Juden.
Sie alle kennen den schauerlichen Anlaß, diese rumänische Judenwanderung, die wie eine Blutspur durch Europa gezogen ist. Wo war da das bisherige offizielle Judentum, wo waren die protokollierten Großen Israels, die Stützen der Gemeinschaft? An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Ein paar tausend Flüchtlinge wurden mit Ach und Weh weitergeschoben — und dann erklärt man sich unfähig, noch etwas zu tun. Die Nachfolgenden wurden zu Hunderten unter Anwendung von Waffengewalt zusammengestoßen und in Extrazügen wieder an die Grenze zurückgeworfen, der sie unter Weherufen entkommen waren. Diese Extrazüge waren die letzte Anstrengung der Barmherzigkeit.
[pg 54] Seit den Zeiten des Altertums gibt es kein Beispiel von Heloten, aber die Juden in Rußland sind tatsächlich Heloten oder Parias.
Ist es zu verwundern, wenn das namenlose Elend sie auf Abwege bringt? Manche Erscheinung in diesen gequälten Massen spricht erschütternd zu uns. Man hat unter anderem beobachtet, daß galizische Jüdinnen in den letzten Jahren auffallend zahlreich der Prostitution zufallen. Sie kommen als Ware nach allen Weltgegenden in den schrecklichsten Handel. Bedenkt man die alte Reinheit des jüdischen Familienlebens, so schnürt einem eine solche Tatsache das Herz zu.
Ich glaube der Druck des Antisemitismus ist überall vorhanden. In den wirtschaftlich obersten Schichten der Juden bewirkt er ein Unbehagen. In den mittleren Schichten ist es eine dumpfe Beklommenheit. In den unteren ist es die nackte Verzweiflung.
Im mittelalterlichen Deutsch bedeutete das Wort „Elend“ sowohl Misere als auch Exil, und seit jeher waren die Ausdrücke für die Judenheit gleichbedeutend.
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DER UNTERGANG DER WESTJUDEN
In der Judengasse waren sie ehrlos, wehrlos, rechtlos, und als sie die Gasse verließen, hörten sie auf Juden zu sein. Beides mußte da sein: Freiheit und Gemeingefühl.
Wer untergehen kann, will und muß, der soll untergehen. Die Volkspersönlichkeit der Juden kann, will und muß aber nicht untergehen. Sie kann nicht, weil äußere Feinde sie zusammenhalten. Sie will nicht, das hat sie in zwei Jahrtausenden unter ungeheuren Leiden bewiesen.
Ich sprach schon von unserer „Assimilierung“. Ich sage keinen Augenblick, daß ich sie wünsche. Unsere Volkspersönlichkeit ist geschichtlich zu berühmt und trotz aller Erniedrigungen zu hoch, als daß ihr Untergang zu wünschen wäre. Aber vielleicht könnten wir überall in den uns umgebenden Völkern spurlos aufgehen, wenn man uns nur zwei Generationen hindurch in Ruhe ließe.
Die Abtrünnigen entkamen dennoch nicht, und es erging ihnen wie den Flüchtigen aus einer verseuchten Gegend. Sie waren verdächtig und blieben gleichsam in der Quarantaine liegen. Marranen hießen im Mittelalter die getauften Israeliten in Spanien. Das Marranentum war die Quarantaine der entflohenen Juden.
[pg 56] Ganze Aeste des Judentums können absterben, abfallen; der Baum lebt.
JUDENFRAGE
Die Judenfrage besteht. Es wäre töricht sie zu leugnen. Sie ist ein verschlepptes Stück Mittelalter, mit dem die Kulturvölker auch heute beim besten Willen noch nicht fertig werden konnten.
Die Judenfrage besteht überall, wo Juden in merklicher Anzahl leben. Wo sie nicht ist, da wird sie durch hinwandernde Juden eingeschleppt. Wir ziehen natürlich dahin, wo man uns nicht verfolgt; durch unser Erscheinen entsteht dann die Verfolgung.
Die Judenfrage hat zwei Aspekte, einen geschichtlichen und einen aktuellen. Der historische läßt sich mit kühler Ruhe betrachten, ja die akademische Gelassenheit ist dabei sehr verdienstlich. Aber die aktuelle Judenfrage verträgt diese kühle Art der Behandlung nicht. Hüben und drüben leidet und kämpft man, hüben ist mehr Leiden, drüben mehr Streiten. Kommt aber einer, der dieses Schauspiel mit ungetrübter Seelenruhe betrachten, man könnte sagen: genießen will, so wird er in beiden Lagern Zorn erregen.
Sich taufen lassen ist die individuelle Lösung der Judenfrage.
[pg 57] Das ist die Frage, die vor uns liegt. Die Armen können nicht, und die Reichen wissen nicht.
Die Lösung der Judenfrage liegt in der Anerkennung der Juden als ein Volk, und darin, daß sie ein rechtlich anerkanntes Heim finden, wohin Juden aus denjenigen Teilen der Welt, in denen sie bedrückt sind, naturgemäß wandern.
Die territoriale Lösung der Judenfrage bedeutet eine Erleichterung für Europa und die Erlösung für uns.
Und unser Raisonnement ist das einfachste in der Welt: Wenn das Angebot an Juden sinkt, wird die Nachfrage nach Juden steigen. Man wird uns für mehr wert halten.
Ich halte die Judenfrage weder für eine soziale, noch für eine religiöse, wenn sie sich auch noch so und anders färbt. Sie ist eine nationale Frage, und um sie zu lösen, müssen wir sie vor allem zu einer politischen Weltfrage machen, die im Rate der Kulturvölker zu regeln sein wird.
DER JUDENHASS
Zwei Erscheinungen fesseln unsere Aufmerksamkeit durch die Folgen, von denen sie begleitet sind: die hohe Kultur und die tiefe Barbarei unserer Zeit. [pg 58] Ich habe diesem Satze absichtlich eine paradox zugespitzte Form gegeben. Unter hoher Kultur verstehe ich die wunderbaren Errungenschaften der Technik, mittel deren wir die Natur unseren Zwecken dienstbar machen; unter der tiefen Barbarei verstehe ich Antisemitismus.
Die Völker, bei denen Juden wohnen, sind alle samt und sonders verschämt oder unverschämt Antisemiten.
Die Verfolgungen sind nicht mehr so bösartig wie im Mittelalter? Ja, aber unsere Empfindlichkeit ist gewachsen, so daß wir keine Verminderung der Leiden spüren. Die lange Verfolgung hat unsere Nerven überreizt.
Das gewöhnliche Volk hat kein historisches Verständnis und kann keines haben. Es weiß nicht, daß die Sünden des Mittelalters jetzt an den europäischen Völkern heimkommen.
Wir hören Tag für Tag die, wie es scheint, schwierige Frage erörtern, ob wir denn auch Menschen seien wie andere. Es gibt Leute, welche mit Entschiedenheit diese Frage verneinen, dann solche, die mit Einschränkungen bejahen; wenige sind ohne Vorbehalt für uns, und das ist menschlich erklärbar. Das „Liebe deinen Nächsten“ ist nichts Alltägliches — hätte es sonst ein derartiges Aufsehen in der Weltgeschichte erregt?
[pg 59] Kischenew ist überall, wo Juden an Leib oder Seele gequält, an der Ehre gekränkt, am Vermögen geschädigt werden, weil sie Juden sind.
Wie kann man sich vorstellen, daß die Leute, die uns als Nachbarn nicht dulden wollen, sich mit uns als Familienmitglieder verbinden würden?
Die Juden wollen erlöst werden von der Angst vor immer wiederkehrenden Verfolgungen. Denn selbst in den Ländern, wo unsere Brüder augenblicklich nicht zu leiden haben, ist ihre Freude eine zitternde. Ich habe dafür viele Beweise. Jeder Protest, der von solchen Gutsituierten gegen meinen Plan erhoben wird, ist ein Beweis. Sie meinen, mit Unrecht, daß ich die Duldung gefährde, die sie genießen, wenn ich vom Judenstaat spreche. Und beim ersten judenfeindlichen Ruf, den irgend ein Individuum ausstößt, fahren sie aus ihrer armseligen Ruhe auf und blicken scheu um sich: Fängt es schon an?
Als ob die judenfeindliche Bewegung dadurch irgendwie alteriert würde, daß ihr Schlagwort wissenschaftlich bemängelt werden kann. Das ist Gelehrtennaivität.
[pg 60] Diese Kraft, die wir brauchen, wird uns vom Antisemitismus geliefert.
Daß du ein anständiger Mensch bist, wird dir niemand glauben, weil du ein Jud' bist.
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