45. DIE VIER JAHRESZEITEN.
Es gibt vier Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Im Frühling wird die Luft warm. Der Schnee schmilzt, und die Flüsse werden wieder frei vom Eise. Auf den Wiesen und in den Gärten keimen Gräser und Kräuter, auf den Feldern grünt die Saat, und die Bäume bekommen frisches Laub. Sie treiben Knospen und Blüten. Die Vögel, welche im Herbste in wärmere Länder gezogen waren, kehren zurück. Andere Tiere, die den Winter in ihren Höhlen verschlafen hatten, wachen auf und kommen hervor. Mit dem Sommer werden die Tage länger, und die Wärme nimmt zu. Das Getreide wird reif und vom Landmanne geschnitten. Auf den Sommer folgt der Herbst. Im Herbst gibt es Obst, Trauben und Kartoffeln, auch wird die Saat für das nächste Jahr bestellt. Das Laub der Bäume vertrocknet und fällt zur Erde nieder. Die Tage werden immer kürzer. Oft ist es neblig und rauh. Bald wird es recht kalt; die Flüsse frieren zu, und es gibt Schnee. Die Vögel können draußen kein Futter finden. Sie kommen in die Straßen und vor die Türen, um einige Körner und Bröckchen zu suchen. Zu Hause wird eingeheizt; aber im Freien tummeln sich die Kinder, gleiten auf dem Eise, oder fahren Schlitten. Sie freuen sich darauf, einen Schneemann machen zu können. Bald naht auch das liebe Weihnachtsfest.
46. WINTERS ANKUNFT.
Im weißen Pelz der Winter
Steht lang' schon hinter der Tür,
Ei, guten Tag, Herr Winter,
Das ist nicht hübsch von dir!
Wir meinten, du wärest, wer weiß wie weit,
Da kommst du mit einmal hereingeschneit.
Nun, da du hier bist, so mag's schon sein;
Aber, was bringst du Gutes uns Kindelein?
Was ich euch bringe, das sollt ihr wissen:
Fröhliche Weihnacht mit Äpfeln und Nüssen
Und Schneeballen,
Wie sie fallen,
Und im Jänner
Auch Schneemänner!
47. DER TANNENBAUM.
So manches Bäumchen in dem Wald
Verliert im Herbst die Blätter,
Jedoch der liebe Tannenbaum
Der trotzet Wind und Wetter.
Ist alles draußen öd' und leer,
Steht er im grünen Kleide
Und setzt sich stolz ein Käpplein auf,
Ein Käpplein weiß wie Kreide.
Das nimmt er aber artig ab
Am frohen Weihnachtsfeste,
Und grüßet liebevoll und gut
Die Kinder all' aufs Beste.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
Du kannst mir sehr gefallen,
Du bist der allerliebste mir
Doch von den Bäumen allen.
48. VOGEL AM FENSTER.
An das Fenster klopft es: pick, pick!
"Macht mir doch auf einen Augenblick!
Dicht fällt der Schnee, der Wind weht kalt,
Habe kein Futter, erfriere bald.
Liebe Leute, o laßt mich ein,
Will auch immer recht artig sein!"
Sie ließen ihn ein in seiner Not;
Er suchte sich manches Krümchen Brot;
Blieb fröhlich manche Woche da.
Doch als die Sonne durchs Fenster sah,
Da saß er immer so traurig dort:
Sie machten ihm auf, husch, war er fort.
49. DAS BÜBLEIN AUF DEM EISE
Es war Winter. Da kam ein Knabe an einem Teiche vorbei. Der Teich war zugefroren. Der Knabe hatte große Lust, auf das Eis zu gehen. Der Vater aber hatte es ihm verboten. Das Eis war noch nicht stark genug. Der ungehorsame Knabe wagte sich dennoch auf das Eis. Er hackte darauf mit seinen Stiefeln. Auf einmal krachte das Eis. Der Knabe fiel in das Wasser hinein und schrie laut um Hilfe. Ein Mann eilte herbei und zog ihn heraus. Ganz durchnäßt mußte der Knabe nach Hause laufen. Die Mutter brachte ihn in das Bett, und dazu wurde er noch von seinem Vater bestraft.
50. RÄTSEL.
Weiß wie Kreide,
Leicht wie Flaum,
Weich wie Seide,
Feucht wie Schaum.
Wer baut wohl die billigste Brücke?
Wer reißt sie nieder und schlägt sie in Stücke?
Was mögen das für Blumen sein,
Die unsre Fenster zieren,
Wenn drauß' vor Kälte Stein und Bein
Im rauhen Winter frieren?
Sie sind nicht rot und blau gemalt,
Wie Blumen auf den Wiesen,
Und wenn die liebe Sonne scheint,
In Wasser sie zerfließen.
51. WEIHNACHTSFREUDE.
Am Abend vor Weihnachten kam Else zur Mutter gelaufen und rief: "Denke nur, Anna Maurer hat mir heute ins Ohr gesagt, sie hätten seit gestern kein Holz, kein Brot und keine Milch. Und sie haben doch ein kleines Kind, und die Großmutter ist krank. Darf ich der Anna heute Abend mein Brot geben?"
"O, gewiß," sagte die Mutter, "geh nur gleich hin. Bringe ihnen auch diese Kanne voll Milch. Robert soll seinen kleinen Schlitten voll Holz laden und es hinfahren." Wie freuten sich die Kinder, daß sie den armen Leuten helfen durften.
Aber Robert wollte noch mehr tun. Er bat den Vater um ein ganz kleines Tannenbäumchen. Das schmückte er mit farbigen Sternen und Lichtlein. Dann suchte er seine warme Kappe für Maurers Karl und nahm ein Säcklein voll Nüsse. Else holte eine ihrer Puppen. Alles das packten sie in einen Korb.
Als es dunkel war, nahm Robert das Bäumchen und Else den Korb. Sie gingen hin und stellten die Sachen leise vor Maurers Tür. Dann klopften sie und eilten davon.
Wie sich da die armen Leute freuten! Aber auch Robert und Else meinten, noch nie so schöne Weihnachten gehabt zu haben, wie diesmal.
52. SCHNEESTERNE.
Olga: Komm, liebe Mama, komm geschwind! Ich hab' dir etwas mitgebracht. Rate, was es ist!
Mutter: Nun, was mag das wohl sein! Blumen, Obst oder gar Kuchen?
Olga: O, nein, nein; ganz etwas anderes. Schöne, weiße Sterne sind es. Sieh her, hier hab' ich sie in meiner Schürze!
Mutter: Wo sind sie denn? Ich kann nichts sehen.
Olga: Ach, Mama! Sie sind nun fort, und ich habe mich doch so gefreut, sie dir zu bringen. Es sind nur noch kleine Tropfen auf meiner Schürze. Ich möchte weinen!
Mutter: Weine nicht, liebe Olga: Solche Sterne können nicht bleiben. Die Waren einmal Wasser, und die Kälte machte sie zu Schnee. Da sehen sie gerade wie kleine, blitzende Sterne aus. Nachher werden sie wieder zu Wasser. Menschen, Tiere und Pflanzen trinken das Wasser. Nach und nach holt die Sonne auch viele Tropfen hinauf zu den Wolken. Ohne Wasser könnten wir gar nicht leben.
53. BRIEF VOM WEIHNACHTSMANN.
Daheim, am 1. Januar 1913.
Liebe Kinder!
Mein Vetter, der Neujahrsbote, bringt Euch meine Grüße und Wünsche. Eure Bitten habe ich, wie Ihr wisset, erfüllt. Erfreuet Euch nur recht an den Geschenken.
Wenn nun heute mein Baum noch einmal strahlt und glitzert, dann nehmt Euch vor, auch in diesem Jahre immer lieb und brav zu sein. Ihr könnt Euren Eltern und mir keine größere Freude machen. Schreibt mir zur rechten Zeit wieder, ob Ihr Wort gehalten habt. Dann schenke ich Euch das nächste Mal, was Ihr als gute Kinder verdient.
Euer Freund
Der Weihnachtsmann.
54. ZU NEUJAHR.
Noch nicht erwachsen bin ich,
Drum wünsch' ich kurz, doch innig:
Ein glückliches Neujahr!
Und was euch freut, das weiß ich:
Wenn brav ich bin und fleißig,
Mehr als ich sonst es war.
Gesundheit, Freude, Frieden
Sei allen euch beschieden,
Wie heut, so immerdar.
55. VERSTEHST DU DAS?
Er ritt auf einem Rappen aus,
Da kam etwas vom Himmel,
Und als er wieder kam nach Haus,
Da war der Rapp' ein Schimmel.
Verstehst du das?
56. DER SCHNEEMANN.
Es hatte geschneit. Dick lag der Schnee auf Straßen und Plätzen. Die Knaben wollten sehen, wie tief er wohl sei. Sie wateten hindurch, daß der Schnee in die Stiefel fiel. "Heute wollen wir einen Schneemann bauen!" So riefen Fritz, Karl und Otto. Schnell machten sie einen großen Schneeball und wälzten ihn im tiefen Schnee herum. Bald wurde der Ball so groß, daß ihn die Knaben nicht mehr fortbringen konnten. Nun wälzten sie einen neuen Ball heran, den setzten sie auf den ersten. Oben darauf kam ein kleiner Ball, das war der Kopf des Schneemannes. In den Kopf steckte Fritz zwei Kohlen, das waren die Augen. Auch Nase und Mund, ja sogar die Rockknöpfe des Mannes wurden aus Kohlen gemacht. Nun bekam der Schneemann noch zwei Arme. In den einen Arm legten ihm die Knaben einen großen Stock.
Da stand er nun und drohte. Aber der arme Mann konnte nicht schlagen. Fortlaufen konnte er auch nicht, als ihn die jungen mit Schneebällen warfen. Doch das war noch das Schlimmste nicht! Auf einmal guckte die liebe Sonne über das Dach. Da fing der Schneemann an zu weinen. Tränen liefen ihm über das Gesicht und den weißen Pelzrock. Es war gut, daß die Sonne heute nicht noch länger schien, sonst wäre er ganz zu Wasser geworden. Morgen aber oder übermorgen wird's wohl so kommen.
57. MÄRZ.
Nach vielen trüben Tagen sehen wir den blauen Himmel wieder. Manchmal scheint auch schon die Sonne freundlich auf die Erde herab. Da muß der Winter weichen. Der Schnee fängt an, zu schmelzen, und nur noch des Nachts gibt es ein wenig Eis. An schönen Tagen läßt sich vielleicht ein Vogel hören, und ein fleißiges Bienchen fliegt umher. Auf dem Felde und im Wald sieht es aber noch recht öde aus. Nur die Weiden und Birken haben graue Kätzchen, und an den Zweigen der Ulme sind kleine Blüten. Die Kinder gehen ins Freie; sie spielen Ball oder lassen den Drachen steigen.
58. OSTERGRUSS.
Das Häschen im Walde eilt hin und her,
Nach Eiern ist heute ein großes Begehr.
Es borgt bei der Henne, es borgt bei dem Spatz
Und sucht für die Nester den passenden Platz.
Ein artiges Kindlein erhält heut' sein Ei.
Es schleppen die Häschen die Eier herbei;
Und bist du am Ostermorgen erwacht,
Hat Häschen die Nester gefüllt über Nacht.
59. DER OSTERHASE.
Bald ist es Ostern. O, wie freue ich mich, denn es kommt der Osterhase! Der bringt schöne, bunte Eier. Wir wollen ihm deshalb ein Nest zurecht machen. Oft versteckt der Osterhase die Eier. Dann müssen wir sie suchen. Zuweilen legt er sie in Hüte, Schuhe oder Körbe. Auch unter den Schrank hat er sie schon gelegt. Ja, er steckt sie uns wohl gar in die Taschen. Welche Freude, wenn wir sie finden! Erst zählen wir sie und spielen damit. Später essen wir sie; sie schmecken gut. In Washington werden am Ostermontage viele Kinder zum Präsidenten eingeladen. Sie können lange auf dem Rasen bei dem großen Hause spielen. Da gibt es dann viele und sehr schöne Ostereier. Die werden hin und her gerollt und schließlich verzehrt. Ihr möchtet auch dabei sein, nicht wahr?
60. DER OBSTGARTEN.
Neben dem Gemüse und den Blumen ist oft ein Platz, auf dem nur Gras und Obstbäume wachsen, es ist der Obstgarten. Welche Pracht, wenn die Bäume im Frühlinge blühen! Der Kirschbaum kommt zuerst mit seinen weißen Blüten. Dann ziehen der Birnbaum und der Pflaumenbaum ihr weißes Kleid an. Am schönsten aber Blühen der Apfelbaum und der Pfirsichbaum, die blühen schön rot. Das Obst ist zuerst grün; dann, wenn die Sonne recht heiß scheint, wird es gelb, rot oder blau. Ah, Wie schmecken Kirschen und Pflaumen so gut! Wenn sie nur schon reif wären!
61. SPRÜCHE.
Was Hänschen nicht lernt,
Lernt Hans nimmermehr.
Gute Sprüche, weise Lehren
Muß man üben, nicht bloß hören.
Frage nicht, was and're machen,
Sieh auf deine eig'nen Sachen.
62. DIE VÖGEL IM FRÜHLINGE.
Im Winter sind nur wenige Vögel Bei uns. Wo sind die andern? Sie sind fortgezogen nach wärmeren Ländern. Jetzt wird es aber auch hier bei uns warm, und die Vögel kehren zurück. Bald werdet ihr sie singen hören. Fleißig fliegen sie zum Baume. Sie arbeiten. Im Schnabel tragen sie Stroh, Heu, Pferdehaare oder auch kleine Zweige herbei; damit bauen sie ihre Nester.
63. DAS ROTE HÜHNCHEN.
Hühnchen: Hier ist ein Weizenkorn. Wer wird mir helfen, es zu pflanzen? Bitte, hilf du mir, Frau Gans.
Gans: Es tut mir leid, aber ich kann dir nicht helfen.
Hühnchen: Bitte, hilf du mir, Frau Ente.
Ente: O, ich kann dir heute nicht helfen. Ich habe so viel mit meinen Kindern zu tun.
Hühnchen: Nun, dann hilf du mir, alte Katze.
Katze: Ich kann dir auch nicht helfen. Ich muß meine Kätzchen waschen.
Hühnchen: Willst du mir denn nicht helfen, kleines Schwein?
Schwein: Ich kann keinen Weizen pflanzen. Ich bin zu müde. Pflanz du ihn selber.
Hühnchen: Das will ich auch tun! Ich lege dich in die Erde, Körnchen, und die Sonne, der Regen und der Wind werden dich wachsen lassen.
Hühnchen: Jetzt ist der Weizen reif. Wer wird ihn nach der Mühle fahren? Willst du es tun, Frau Gans?
Gans: Es tut mir recht leid, Hühnchen, aber heute kann ich nicht nach der Mühle fahren. Ich habe Rückenschmerzen.
Hühnchen: Willst du es tun, Frau Ente?
Ente: Nein, ich kann auch nicht fort. Ich muß jetzt schwimmen.
Hühnchen: So tu du es, alte Katze!
Katze: Sch! Sch! Ruhig! Ich laure auf eine Maus. Ich kann diesmal nicht gehen.
Hühnchen: Bitte, tu du es doch, kleines Schwein.
Schwein: Ach was! Es ist gerade Zeit für mein Mittagsschläfchen. Du kannst den Weizen selber zur Mühle fahren.
Hühnchen: Das werde ich auch tun.
Hühnchen: Hier ist Mehl. Wer wird Brot daraus backen? Willst du das Brot backen, Frau Gans?
Gans: Ei, nein! Ich habe in meinem Leben noch kein Brot gebacken.
Hühnchen: Willst du das Brot backen, Frau Ente?
Ente: Ich! Brot backen? Nein, das kann ich wirklich nicht tun.
Hühnchen: Backe du das Brot, alte Katze!
Katze: Ich tue alles andere auf der Welt lieber als backen.
Hühnchen: Wach auf, kleines Schwein, und back du das Brot.
Schwein: Ach! laß mich in Ruhe. Ich will dir beim Essen helfen, wenn es gebacken ist.
Hühnchen: Gut; da backe ich es selbst.
Hühnchen: So, jetzt ist das Brot gebacken. Sechs schöne, braune Laibe. Wer will helfen essen?
Gans, Ente, Katze, Schwein: Wir wollen dir helfen!
Hühnchen: O, nein! Nun brauch' ich euch auch nicht. Ich werde es essen, und meine Küchlein sollen mir helfen. Gluck, gluck, gluck!
64. RÄTSEL.
Rate flink:
Ein kleines Ding,
Dünn und spitz;
Sticht wie der Blitz.
Zwei sind's, die nebeneinander steh'n
Und alles ganz gut und deutlich seh'n,
Nur immer eines das andre nicht,
Und wär' es beim hellsten Tageslicht.
65. DER NASEWEISE BELLO.
In einem Stalle wohnten fünf kleine Hunde mit ihrer Mutter. Alle waren schön weiß mit braunen Flecken. Sie spielten lustig umher und lernten auch von der Mutter Ratten und Mäuse fangen.
Nur einer der Kleinen wollte nicht folgen. Er wollte auch nicht mit seinen Geschwistern spielen, sondern trieb sich lieber draußen herum. Einmal war Bello—so hieß der kleine—wieder hinausgeschlichen. Bei der Türe stand ein Topf voll schwarzer Farbe. Bello wollte gerne wissen, was darin wäre, und so steckte er seine Nase hinein. Aber, o weh! er kam mit dem Kopfe zu Weit hinein und warf den Topf um. Jetzt war er über und über mit schwarzer Farbe bedeckt. Langsam ging er zurück und blieb mit hängendem Kopf auf der Türschwelle sitzen. Seine Mutter und seine Geschwister schämten sich des schmutzigen, naseweisen Bello.
66. HEIL, AMERIKA!
Hoch die Fahnen,
Sie gemahnen
An das teure Vaterland.
Rot und weiß die Streifen winken,
Licht im Blau die Sterne blinken,
Sind der Freiheit Unterpfand.
Freudig singen
Wir und bringen
Grüße viel von fern und nah.
Wo die Flaggen munter wehen,
Stolz wir, sie beschützend, stehen,
Deiner wert, Amerika!
67. PETERSILIE.
Es waren einmal zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen. Das Mädchen hieß Silie, der Knabe Peter. Die Kinder konnten sich gar nicht miteinander vertragen. Sobald sie zusammenkamen, stritten sie und schlugen einander. Dies machte den Eltern viel Kummer. Das ärgerte den Paten der Kinder, der ein Zauberer war. Er sprach zu den beiden: "Höre ich euch wieder zanken, so lasse ich euch zur Strafe zusammenwachsen."
Es dauerte gar nicht lange, so war wieder Streit; Silie schlug den Peter, und Peter schlug Silie. Da kam der Zauberer durch die Luft gefahren und rührte beide mit seinem Stabe an. Nun waren sie verwandelt. Peter wuchs in die Erde hinein als Wurzel, und oben auf ihm Silie als grünes Kraut. Der Zauberer nannte sie nun zusammen: Petersilie.
68. DAS KIND UND SEIN BLÜMCHEN.
Ward ein Blümchen mir geschenket,
Hab's gepflanzt und hab's getränket.
Vögel, kommt und gebet acht!
Gelt, ich hab' es recht gemacht?
Sonne, laß mein Blümchen sprießen!
Wolke, komm es zu begießen!
Richt' empor dein Angesicht,
Liebes Blümchen, fürcht' dich nicht!
Und ich kann es kaum erwarten,
Täglich geh' ich in den Garten,
Täglich frag' ich: Blümchen, sprich,
Blümchen, bist du bös auf mich?
Sonne ließ mein Blümchen sprießen,
Wolke kam, es zu begießen;
Jedes hat sich brav bemüht,
Und mein liebes Blümchen blüht.
Wie's vor lauter Freuden weinet,
Freut sich, daß die Sonne scheinet;
Schmetterlinge, fliegt herbei,
Sagt ihm doch, wie schön es sei!
69. NACHLÄSSIGKEIT.
Eine fleißige Mutter baute in ihrem Garten Gemüse aller Art. Eines Tages sagte sie zu ihrer kleinen Tochter: "Lieschen, sieh da an der untern Seite des Kohlblattes die kleinen, netten, gelben Tüpfelchen! Das sind die Eier, aus denen die schönfarbigen, aber verderblichen Raupen kommen. Suche diesen Nachmittag alle Blätter ab und zerdrücke die Eier, so wird unser Kohl grün und unversehrt bleiben."
Lieschen meinte, zu dieser Arbeit sei es immer noch Zeit, und dachte am Ende gar nicht mehr daran. Die Mutter war einige Wochen krank und kam nicht in den Garten. Als sie aber wieder gesund war, nahm sie das saumselige Mädchen bei der Hand und führte es zu den Kohlbeeten, und siehe! aller Kohl war von den Raupen abgefressen. Man sah nichts mehr als die Stengel und Gerippe der Blätter. Das erschrockene und beschämte Mädchen weinte über seine Nachlässigkeit. Die Mutter aber sprach: "Tu' künftig das, was heute geschehen kann, sogleich heute und verschiebe es niemals auf morgen!"
70. EIN RÄTSEL.
Ratet, ratet, was ist das:
Es ist kein Fuchs und ist kein Has'.
Es hat zwei Augen und kann nicht sehen.
Es hat zwei Füße und kann nicht gehen.
Es hat zwei Ohren und kann nicht hören.
Es hat zwei Hände und kann sich nicht wehren.
Es ist ein Mädchen hübsch und fein,
Tut niemals zanken und niemals schrei'n.
Was für ein Mädchen mag das sein?
71. WAS WÜRDEST DU TUN?
"Wenn ich ein König wäre," sagte ein Kind, "ließe ich mir ein Schloß bauen bis an die Wolken!"
"Und ich," sagte ein anderes, "trüge nur Kleider von Silber und Gold!"
"Und ich," rief ein dicker Bube, "ich äße nur Kuchen und Wurst!"
"Ich," sagte ein kleines Mädchen und wurde ein wenig rot, "ich gäbe allen armen Kindern Geld, daß sie sich Brot und Kleider kaufen könnten!"
72. WAS WOLLEN WIR SPIELEN?
Ella: In fünf Minuten ist Essenszeit,
Noch schnell was zu spielen, das wäre gescheit!
Toni: Ei! Jede holt ihre Puppe heraus,
Wir tragen sie etwas spazieren ums Haus.
Ella: Das Puppenholen hält aber doch auf!
Komm, spielen wir haschen; ich fange dich, lauf!
Toni: Beim Haschen kommt man ja gar nicht zur Ruh'.
Ach! spielen wir lieber Blindekuh!
Ella: Bei Blindekuh komme ich immer zu Fall.
Topp! Weißt du was, spielen wir Fangeball!
Toni: Ach was, das Ballspiel machte mir niemals Spaß;
Reifentreiben, das wäre noch was!
Ella: Die Reifen, die sind auch drinnen im Haus.
Was meinst du, wir suchen Mama einen Strauß!
Toni: Wir dürfen ja nicht auf dem Rasen springen.
So laß uns lieber ein Liedchen singen!
Ella: Ich habe den Husten, fällt eben mir ein!
Toni: Na, gut! So spiele ich für mich allein!
Ella: Ganz alleine? O, das wäre nicht schlecht:
Dir ist ja auch nimmer ein Vorschlag recht!
Toni: Was spiele ich nun?—Die Zeit geht vorbei—
Zum Wettelaufen gehören doch zwei!
Ella: Mir ist nicht sehr zum Spielen zu Mut—
Alleine tanzen geht auch nicht gut!
Toni: Mama ruft zum Essen! Wir müssen ins Haus!
Ach, Ella, nun ist mit dem Spielen es aus!
Ella: Wie ist die Zeit nur so hingegangen!
Wir haben ja nicht einmal angefangen!
Toni: Ja! weißt du, das Überlegen und Streiten!
Es war doch wirklich recht dumm von uns beiden!
Ella: Wir haben recht kindisch uns angestellt!
Toni: Nach Tische spielen wir—
Ella: Was dir gefällt!
73. DIE SCHLAUE KATZE.
Die Nachbarin hatte einen zahmen Zeisig, den sie oft aus dem Käfig ließ. Dann hüpfte das Tierchen in der Stube umher und suchte Krumen am Boden. Die alte Katze war immer sehr freundlich mit dem Vögelchen. Vor einigen Tagen aber erfaßte sie plötzlich den Zeisig, nahm ihn ins Maul und sprang mit ihm auf den Tisch.
Die Nachbarin erschrak und glaubte, die Katze wolle ihr liebes Vögelein auffressen. Da sah sie jedoch, daß die Stubentüre offen war und eine fremde Katze sich ins Zimmer geschlichen hatte. Schnell jagte sie diese hinaus, und sieh, die alte Hauskatze sprang sogleich vom Tische herab und ließ den Zeisig auf den Boden fallen, ohne ihm etwas zuleide getan zu haben. Hat die alte Katze nicht klug gehandelt?
74. KANNST DU ES SAGEN?
Es saßen zehn Sperlinge auf dem Dach;
Da kam der Jäger und schoß danach;
Er traf davon nur vier.
Wie viel bleiben sitzen?
Das sage mir.
75. DER SPERLING
Ich bin wohl ein gemeiner Wicht,
Das Singen, das versteh' ich nicht,
In schönen Kleidern geh' ich nicht;
Es sieht mich auch der Mann kaum an;
Nur böse Buben dann und wann,
Die werfen mich mit Steinen;
Und dennoch will mir's scheinen,
Als sei so schön die ganze Welt,
So blau die Luft, so grün das Feld—
Zip, zip, zip! Ich hab' die Welt so lieb!
76. DAS PFERD UND DER ESEL.
Einst schleppte ein Esel eine schwere Last. Neben ihm ging ein lediges Pferd. Der Esel bat das Pferd, es möge ihm doch helfen; allein es hörte nicht auf seine Bitte. Zuletzt konnte der Esel nicht mehr weiter; er fiel zu Boden und starb.
Nun lud der Treiber die ganze Last dem Pferde auf. Er zog dem toten Tiere die Haut ab, und das Pferd mußte dieselbe noch obendrein tragen. Hilf deinem Nächsten in der Not.
77. DER KLUGE STAR.
Ein durstiger Star wollte aus einer Wasserflasche trinken. Er konnte aber das Wasser mit seinem kurzen Schnabel nicht erreichen. Da hackte er damit aufs dicke Glas; doch er vermochte nicht, es zu zerbrechen. Dann stemmte er sich gegen die Flasche und wollte sie umwerfen. Aber dazu war er nicht stark genug.
Was tat der kluge Star zuletzt? Er las kleine Steinchen mit seinem Schnabel zusammen und warf eines nach dem andern in die Flasche. Dadurch stieg das Wasser endlich so hoch, daß er es erreichen konnte. Jetzt löschte er seinen Durst.
78. DER APFELBAUM.
Der Apfelbaum, das ist ein Mann!
Kein andrer gibt so gern wie der.
Im Winter, wenn man schüttelt dran,
Da gibt er Schnee die Fülle her.
Im Frühling wirft er Blüten nieder.
Im Sommer herbergt er die Finken.
Jetzt streckt er seine Zweige nieder,
Die voller Frucht zur Erde sinken.
Drum kommt und schüttelt, was ihr könnt!
Ich weiß gewiß, daß er's euch gönnt.
79. DER HASE UND DER FUCHS.
Ein Hase und ein Fuchs machten im Winter eine Reise. Alles war mit Schnee bedeckt. Der Hunger plagte sie sehr. Da sahen sie ein Mädchen mit einem Korbe kommen, darin war Brot. Das merkte der Fuchs und sagte zu dem Hasen: "Lege dich wie tot auf den Boden, dann wird das Mädchen den Korb niederstellen, um dich aufzuheben. Ich nehme den Korb weg und mache mich schnell davon. Du eilst mir nach, und dann lassen wir es uns wohl sein." Das war dem Hasen recht.
Der Fuchs verbarg sich hinter einem Haufen Schnee, und der Hase legte sich nieder. Das Mädchen stellte den Korb richtig hin und griff nach dem Hasen. Da schlich der Fuchs hervor und machte sich mit dem Korb so schnell davon, daß das Mädchen ihm nicht nachkam. Unser Hase aber eilte ihm in großen Sätzen nach. An einem Wasser hielten sie still. Weil aber der Fuchs nicht teilen wollte, so sagte der Hase: "Brot haben wir, jetzt sollten wir auch noch Fische haben. Dann hätten wir ein Essen wie die großen Herren. Stecke deinen Schwanz ins Wasser, so werden sich die Fische daran hängen, denn die haben jetzt auch nicht viel zu beißen."
Der Fuchs ging an den Weiher hin und hing seinen Schwanz in das Wasser. Es dauerte aber nicht lange, so war er im Eise festgefroren. Der Fuchs konnte ziehen und zappeln, wie er wollte—das Eis ließ ihn nicht los. Er mußte nun zusehen, wie der Hase ein Brot nach dem andern verzehrte. Dann rief der listige Hase dem Fuchs zu: "Im Frühjahr sehen wir uns wieder. Laß dir die Zeit nicht zu lang werden, bis das Eis auftaut."
80. SPRÜCHE.
Wer andern eine Grube gräbt,
Fällt selbst hinein.
Wer redet, was er nicht sollte,
Muß hören, was er nicht wollte.
Kein besseres Kissen in Freude und Schmerz,
Als gutes Gewissen und fröhliches Herz.
81. DER HASE UND DIE SCHILDKRÖTE.
Ein flinker Hase forderte einst die langsame Schildkröte zum Wettlauf auf. Sie willigte ein, und eine große Eiche im Walde sollte das Ziel sein.
Mit den ersten Sonnenstrahlen machte sich die Schildkröte auf den Weg, der Hase aber hatte keine große Eile. Er spielte lange im Grase umher, ehe er ans Laufen dachte. Endlich sprang er fort und holte die Schildkröte wirklich ein. Da er jedoch sah, wie mühsam sie vorwärts kroch, legte er sich im Schatten eines Baumes nieder und schlief fest ein.
Als er erwachte, war es schon lange nach Mittag. Da rannte er, so rasch er konnte, den Weg entlang. Aber, siehe da, als er die Eiche erblickte, saß die Schildkröte schon darunter und lachte den Hasen, der seine Zeit verspielt und verschlafen hatte, tüchtig aus.
82. HASENBRATEN.
Auf dem Dach viel blanke Zapfen,
Zu dem Schnee viel kleine Tapfen,
Alle laufen nach dem Kohl!
Häschen, das gefällt dir wohl?
Nächtlich, bei des Mondes Schimmer,
Sitzt es dort zu schmausen immer;
Knusperknäuschen, gar nicht faul:
Ei, du kleines Leckermaul!
Häschen ist es schlecht bekommen;
Vater hat's Gewehr genommen;
Eines Abends ging es: bumm!
Bautz! da fiel das Häschen um.
Kannst du wohl das Ende raten?
Heute gibt es Hasenbraten,
Apfelmus mit Zimt dazu.
Ach, du armes Häschen du!
83. DER SCHEIN TRÜGT.
Bei einem Teiche wohnten viele Gänse. In der Nähe hatte auch ein Fuchs seinen Bau. Gar oft versuchte er, sich eine Gans oder ein Gänseküchlein zu fangen. Daher fürchteten sich diese sehr vor dem braunen Gesellen. Einst war der Fuchs sehr hungrig. "Heute muß ich mir einen fetten Braten holen!" sagte er zu sich selber.
Er streckte sich, so lang er war, im Grase aus und rührte kein Glied. Als die Gänse den Räuber so liegen sahen, kamen sie näher und erhoben ein freudiges Geschnatter.
"Jetzt werden wir Ruhe haben!" sprachen sie. "Unser Feind ist nicht mehr am Leben!"
Schnell sprang der Fuchs auf, erwischte den Gänserich beim Flügel und trug ihn in seine Höhle.
84. DER FROSCH.
Berta: Geschwind, geschwind, Mama!
Mutter: Was fehlt dir? Wer hat dir etwas zuleide getan?
Berta: Sieh nur, was mir unser Spitz in den Schoß fallen ließ!
Mutter: Einen kleinen Frosch! Und deshalb bist du so erschrocken? Rasch, nimm den kleinen Burschen und setze ihn in das Gemüsebeet!
Berta: Tragen soll ich das häßliche Tier? Ich würde es um alles in der Welt nicht in die Hand nehmen!
Mutter: Nun, dann muß ich es tun! Schau, wie ich jetzt das Tierchen anfasse und es ins Beet hüpfen lasse. Hopp, da sitzt es schon drinnen.
Berta: O, Mama, was tust du? Warum hast du den Frosch nicht getötet?
Mutter: Weil er ein sehr nützliches Tier ist. Freust du dich nicht, wenn es im Garten die zarten Rübchen und die süßen Erbsen gibt, die Papa jedes Frühjahr pflanzt?
Berta: Gewiß, Mama! Ich esse beides sehr gerne; aber was hat das mit dem Frosch zu tun?
Mutter: Höre nur, du wirst es gleich erfahren. Den Raupen und Käfern schmecken diese Gemüse auch gut, gerade wie dir. Im Frühlinge stellen sich diese Insekten ein und fressen die Blättchen ab, so daß die Pflänzchen sterben müßten, wenn der Frosch nicht zur Hand wäre. Der glatte Bursche hüpft dann durch den Garten, fängt die Raupen, Fliegen und Käfer, und die Pflänzchen wachsen wieder. Soll ich den Frosch zum Dank dafür töten, Berta?
Berta: Nein, liebe Mama; und wenn ich wieder sehe, daß ein Knabe einen Frosch quält, will ich ihm sagen, was ich heute von dir gelernt habe.
85. VOM LISTIGEN GRASMÜCKLEIN EIN LUSTIGES STÜCKLEIN.
Klaus ist in den Wald gegangen,
Weil er will die Vöglein fangen;
Auf den Busch ist er gestiegen,
Weil er will die Vöglein kriegen.
Doch im Nestchen sitzt das alte
Vögelein just vor der Spalte,
Schaut und zwitschert: "Ei, der Taus!
Kinderlein, es kommt der Klaus,
Hu, mit einem großen Prügel,
Kinderlein, wohl auf die Flügel!"
Brr, da flattert's: husch, husch, husch!
Leer das Nest, und leer der Busch.
Und die Vöglein lachen Klaus
Mit dem großen Prügel aus,
Daß er wieder heimgegangen
Zornig, weil er nichts gefangen;
Daß er wieder heimgestiegen,
Weil er konnt' kein Vöglein kriegen.
86. EIN TÖRICHTER STREIT.
Zwei Knaben, Albert und Paul, suchten im Walde Nüsse. Da bemerkte Paul eine große Walnuß unter einem Baume und rief seinem Kameraden zu: "O, sieh dort vor dir die Walnuß!" Albert hob sie schnell auf und steckte sie in seine Tasche. Damit war aber Paul nicht zufrieden; er sagte: "Die Nuß gehört mir, ich habe sie zuerst gesehen!" "Und ich habe sie aufgehoben," erwiderte Albert trotzig; "ich gebe sie nicht her!" So stritten sie heftig, und schon wollten die törichten Knaben einander schlagen, als Georg, ein älterer Junge, herbeikam, der im Walde Eichhörnchen schoß. Albert und Paul baten den großen Knaben, er solle entscheiden, wem die Nuß gehöre. Was tat Georg? Er zerbrach die Nuß mit einem Steine und gab jedem der beiden Streitenden ein Stück von der Schale. "Den Kern," sprach er, "behalte ich als Lohn dafür, daß ich euer Richter war!" Dann ging er lachend fort.
87. HERR WIND! HERR WIND!
Ein Bauer hat ein Haus gehabt,
Und auf dem Haus ein Dach.
Zur Nachtzeit kam der Wind getrabt,
Da ward der Bauer wach.
Wie's heulte, krachte, klirrte, klang!
Der arme Bauer flehte bang:
"Ich bitt' dich, lass' dein Toben,
Und lass' mein Dach dort oben,
Herr Wind! Herr Wind!"
Des Daches Luken schlossen gut
Der Bauer und sein Knecht.
Da ward der Wind voll Trotz und Wut
Und kreischte: "Nun erst recht!"
Herr Wind! Herr Wind! du böser Wind,
Du bist wie manche Kinder sind,
Die das just haben wollen,
Was sie nicht haben sollen.
Herr Wind! Herr Wind!
Mit Dräuen drängt der Wind und drückt
Mit Groll und grausem Krach;
Er zieht und zerrt und rüttelt, rückt
Und reißt vom Haus das Dach.
Zerstört ist herzlos Heim und Haus;
Der Bauer sieht so traurig aus,
Sein Weib und seine Kleinen,
Sie stehen da und weinen.
Herr Wind! Herr Wind!
Hast du's gehört, mein liebes Kind?
Sei freundlich, friedlich, froh!
Denn würdest du ein solcher Wind,
Dann spräch' man von dir so:
Du bist nicht gut, du tust nicht gut,
Du bist ein wild und trotzig Blut,
Das stets gern haben wollte,
Was es nicht haben sollte!——
Herr Wind! Herr Wind!
88. DAS FÜNKCHEN.
Das Kind hatte mit dem Fünkchen gespielt, obgleich seine Mutter es schon oft verboten hatte. Da war das Fünkchen fortgeflogen und hatte sich ins Stroh versteckt. Das Stroh fing an zu brennen, und es entstand eine Flamme, ehe das Kind daran dachte. Da wurde es dem Kinde bange, und es lief fort, ohne jemandem etwas von der Flamme zu sagen. Und da niemand Wasser darauf schüttete, ging die Flamme nicht aus, sondern breitete sich im ganzen Hause aus. Als sie an die Fenstervorhänge kam, wurde sie noch größer, und das Bett, worin die Leute nachts schliefen, brannte hell auf, und die Tische und die Stühle und die Schränke und alles, was der Vater und die Mutter hatten, das wurde vom Feuer erfaßt, und die Flamme wurde so hoch wie der Kirchturm. Da schrieen die Leute vor Schrecken, die Glocken läuteten; es war fürchterlich zu hören, und die Flamme war schrecklich zu sehen. Nun fing man an zu löschen, indem man Wasser in das Feuer schüttete und spritzte; aber es half nichts; das Haus brannte ganz ab, und nur noch ein wenig Kohlen und ein bißchen Asche blieben übrig. Da hatten nun die Eltern des Kindes kein Haus mehr und kein Plätzchen, wo sie wohnen und wo sie schlafen konnten, und auch kein Geld, um sich ein neues Haus und neue Betten und Tische und Stühle zu kaufen. Ach, wie weinten die armen Eltern! Und das Kind, das mit dem Fünkchen gespielt hatte, war schuld daran.
89. RÄTSEL.
Kennt ihr die Blume, in guter Ruh'
Dreht sie sich immer der Sonne zu;
Sie hat viel Samenkörner schön,
Wie Strahlen ihre Blättchen stehn.
Erst weiß wie Schnee,
Dann grün wie Klee,
Drauf rot wie Blut,
Dann schmeckt es gut.
90. DAS GÄNSEBLÜMCHEN.
Die Rose feierte einmal ihren Geburtstag. Sie stand mitten im Garten, und alle Blumen kamen zu ihr, um ihr Glück zu wünschen. Zuerst kamen die stolze Lilie und die prächtige Tulpe, hernach kamen die kleinen Blumen. Alle neigten sich vor der Rose und sagten: "Wir wünschen dir Glück, liebe Rose."
Aber ein kleines, weißes Blümchen getraute sich nicht, nahe an die Rose heranzutreten, weil es so schüchtern und bescheiden war. Es blieb von ferne stehen und flüsterte nur: "Ich wünsche dir auch Glück, liebe Rose!" Die Rose hatte das Blümchen aber gesehen und winkte ihm, näher heranzutreten. "Komm doch näher, liebe kleine Schwester," sagte die Rose gütig. Als nun das Blümchen näher herangetreten war, fragte die Rose: "Wie heißt du denn, liebe Kleine?" Da sprach es ganz leise: "Ich heiße Gänseblümchen."
"Aber, liebes Gänseblümchen," sagte die Rose freundlich, "du bist ja tausendmal schöner als alle andern Blumen. Du sollst jetzt nicht mehr Gänseblümchen, sondern Tausendschön heißen, weil du tausendmal schöner bist als alle." Darüber freute sich das gute Gänseblümchen so sehr, daß es über und über rot ward, und seit der Zeit haben alle Gänseblümchen—rote Ohrläppchen.
91. DIE GRÜNE STADT.
Ich weiß euch eine schöne Stadt,
Die lauter grüne Häuser hat.
Die Häuser, die sind groß und klein,
Und wer nur will, der darf hinein.
Die Straßen, die sind freilich krumm,
Sie führen hier und dort herum;
Doch stets gerade fort zu gehn,
Wer findet das wohl allzuschön!
Die Wege, die sind weit und breit
Mit bunten Blumen überstreut.
Das Pflaster, das ist sanft und weich,
Und seine Farb' den Häusern gleich.
Es wohnen viele Leute dort,
Und alle lieben ihren Ort.
Ganz deutlich sieht man dies daraus,
Daß jeder singt in seinem Haus.
Die Leute, die sind alle klein,
Denn es sind lauter Vögelein;
Und meine ganze grüne Stadt
Ist, was den Namen "Wald" sonst hat.
92. DEUTSCHLAND.
Weit weg von hier liegt Deutschland. Das ist ein schönes Stück Erde. Zu Deutschland gehören Preußen, Sachsen, Bayern, Baden und andere kleinere oder größere Staaten. Dort gibt es breite und tiefe Flüsse. Der Rhein, die Elbe und die Donau sind am bekanntesten. Daneben finden sich weite Ebenen, hohe Berge und dichte Wälder. Auch fehlt es nicht an Städten, in denen viele fleißige Leute leben. Berlin, München, Köln, Dresden, Frankfurt und manche andere sind bemerkenswert. Überall hat man prächtige Wohnhäuser, reiche Kirchen und herrliche öffentliche Gebäude. Alles wird sehr sauber und ordentlich gehalten. Von Hamburg und Bremen aus fahren mächtige Dampfschiffe und Segler nach allen Gegenden der Welt. Deutschland besitzt auch zahlreiche große Fabriken. Die Felder werden auf das Beste bestellt. Die deutsche Fahne ist schwarz, weiß und rot gestreift. An der Spitze des Reiches steht der deutsche Kaiser.
93. SONNENSCHEIN.
Sonnenschein,
Klar und rein,
Leuchtest in die Welt hinein;
Machst so hell, so warm und schön
In den Tälern, auf den Höh'n,
Die du alle überstrahlst
Und so hold und lieblich malst.
Sonnenschein,
Klar und rein,
Kehre auch ins Herz mir ein!
Wenn ich habe heitern Sinn,
Gut und froh und freundlich bin,
Dann ist's in dem Herzen mein
Wunderbarer Sonnenschein.
94. DIE KÖNIGIN LUISE.
Vor hundert Jahren lebte in Preußen eine Königin, namens Luise. Sie war jung und schön, aber auch ebenso gut. Ein jeder liebte sie. Schon als kleines Kind hatte sie ihre Mutter verloren und wurde von ihrer Großmutter einfach erzogen. So war sie zu einer echten, deutschen Jungfrau herangewachsen, als der Kronprinz und spätere König von Preußen, Friedrich Wilhelm, sie kennen lernte. Bald darauf wurde sie seine Frau. Eine große Freude hatte sie an ihren Kindern, zwei Knaben, mit denen sie gerne lernte und spielte. Aber da gab es einen schrecklichen Krieg mit dem Kaiser von Frankreich, Napoleon. Die Feinde waren stärker als die Preußen und besiegten sie. Das tat dem Könige und der guten Königin sehr weh. Es kam so weit, daß sie ihr Schloß in Berlin verlassen mußten. Als die königliche Familie endlich wieder zurückkehren konnte, herrschte großer Jubel. Die Freude sollte aber nicht lange dauern, denn bald darauf wurde die edle Königin schwer krank und erholte sich nicht mehr. Als sie starb, war die Trauer allgemein. Noch heute ist die Königin Luise unvergessen.