„Wann kompt in Sommer Sanktus Veit,
So endert sich beid Tag und Zeit.
Dem schlaff geht zu, dem Wachen ab,
Wie sich das alter neigt zum Grab,
Und wer dan hat der pfenning viel,
Der mach sich auff zu diesem ziel,
Und wander hin wol nach Sankt Veit,
Ihr kann man werden leichtlich queid —“
singt bei Hans Letzner ein „rechter erfahrener Landtkündiger“; und von der großen Prozession nach Corvey auf Sankt-Vitus-Tag stammt die Laternenfrage her, sowie jede Schlacht, die an dem Tage darum geschlagen wurde; vorzüglich aber die des Jahres Siebenzig, welche eine der hartnäckigsten und blutigsten war, infolge der Indulgenz, die Seine Heiligkeit Papst Clemens IX. kurz vor seinem seligen Abscheiden auf den Tag für dasmal gelegt hatte.
Nun war es aber ein alt Herkommen, daß die jüngste Pfarrei den feierlichen Zug eröffne, — das Ältere und Würdigere folgte, der Reihe nach; und also — sollten Die von Bosseborn voran „mit der Laterne“ und wollten’s natürlich den Ovenhäusern zuschieben, die ihnen folgten: hinc illae lacrimae! Denen von Ovenhausen gingen nach Die von Fürstenau, diesen die Boedexer, diesen die Amelunger, diesen Die von Wehrden und Jakobsberge. Dann zogen Ottbergen und Bruchhausen, nachher kam das Dorf Stahle, nachher Die von Albaxen, Brenckhausen, Lüchtringen und Godelheim. Zuletzt aber kam dicht vor den Reliquien des Heiligen die Stadt Höxter mit ihrer Stadtmusik, zusammen mit den Corveyern. Noch hinter dem heiligen Veit zog das Kapitel auf, sowie der braunschweigische Gesandte mit einem kleinen Abtsstab in der mit einem Velum bedeckten Hand (auch nach der Reformation und als Protestant!), er wurde geleitet vom Corveyer Marschall. Den Beschluß machte das Venerabile unter einem Baldachin, den die Höxternschen Nobiles trugen, — und Jordan Hunger, der Küster von Sankt Nikolaus, war im Jahre 1670 Küster zu Bosseborn gewesen und hatte die Bosseborner Laterne, d. h. die Kirchenfahne seines Dorfes tragen sollen — —
„Wie mancher kompt gar weis’ und klug,
Im Heimgehn er einen Narren trug.
Mancher kompt daher ganz Sinnreich,
Und geht weg ganz bös und grimmich.
Ihr viel da kommen frisch und gesundt,
Da gehn sie heim in Todt verwundt,
Oder sonst gefallen, geschlagen —“
singt der erfahrene „Landtkündiger“ weiter, und so war es. Sie schlugen sich jedesmal wacker um die Bosseborner Laterne; und wenn Bosseborn und Ovenhausen zwischen sich den Streit begannen, so war kein Dorf, das zurückbleiben wollte, sondern sie fielen alle drein und aufeinander. Ohne das gab es kein Sankt-Vitus-Fest zu Corvey, und weder das Kapitel noch der braunschweigische Gesandte konnten das geringste da tun, außer daß sie es abermals fertig brachten, daß auch das nächste Mal Bosseborn wieder die „Bosseborner Laterne“ trug.
Doch während wir hier das Krumme gerade machten und der Wahrheit zu ihrem Rechte verhalfen, tobt der Mutwillen viehisch fort in Höxter, wird der zerschlagene Meister Jordan Hunger von seinem heulenden Weib und vergnügten Freunde nach seinem Bette geschleift und — — zieht eine andere Prozession langsam heran. Letzterer wenden wir uns jetzt zu und treffen sie auf dem Wege, den vorhin der Bruder Henricus zur Abtei beschritten hatte. Der Bruder Henricus maß diesen Weg jetzt zurück, er befand sich mit an der Spitze dieses Zuges, der von Corvey kam. Er war ein Kriegsmann gewesen in seiner Jugend, und sein Prior, Herr Nikolaus von Zitzewitz, hielt sich an ihm und ließ ihn nicht von seiner Seite. Dicht hinter ihm hielt sich der Subprior Florentius von dem Felde und der Probst Ferdinandus von Metternich. Den guten Vater Adelhard, den Cellarius, hatte man seiner Unbehülflichkeit halben in diesen gefährlichen Nöten zu Hause gelassen, um dort Ordnung zu halten.
Die Abtei zog heldenhaft nach der Stadt, um sich selber Nachricht über die Vorfälle dort zu holen, da „impie et nefarie“ ruchloser- und leichtfertigerweise niemand gekommen war, um ihr solche zu bringen.
Aber Corvey konnte nicht anders; Corvey mußte auf den Plan! Die Abtei, eben in ihren „Rechten“ durch den fremdländischen Helfer, den größesten der französischen Feldherren, gegenüber der rebellischen Bürgerschaft von Huxar und dem braunschweigischen Schutzherrn gekräftigt, mußte alles daran setzen, daß ihr die soeben nach langem Streite endlich einmal wieder fester gepackte Obergewalt nicht von neuem aus den Händen gleite. Es galt, Höxter gegen jeglichen Feind oder Aufrührer festzuhalten, und so zog das Stift in Waffen gegen die Munizipalstadt. Unter Umständen verstand es Herr Christoph Bernhard von Galen, merkwürdig böse Gesichter zu schneiden, und Corvey wußte das und kannte das.
Die Lärmglocke, die Bruder Heinrich von Herstelle gezogen hatte, war gehört worden. Die Klostermannschaft war in die Rüstung gefahren, die Herren Benediktiner hatten sich taliter qualiter selber gewaffnet, und die waffenfähige Mannschaft des nächst, aber am andern Ufer der Weser gelegenen Dorfes Lüchtringen war in Kähnen über den Fluß gekommen, um der Abtei zu Hülfe zu eilen. Die Prioren und sonstigen Vorgesetzten gingen natürlich nur im geistlichen Habit, doch manch rüstiger Frater und Pater hatte mutig und freiwillig die Büchse oder Halbpike auf die Schulter genommen und vermaß sich, Heldentaten zu tun, von denen der Chronist von Corvey noch nach Jahrhunderten zu erzählen haben sollte. Der Kriegerischste aber in der ganzen geistlich-weltlichen Heerschar war doch Bruder Henricus, der sicher und männlich, trotz seinem hohen Alter, mit einem gewaltigen Schwerte ging, das wahrscheinlich beim Übergang der Hussiten über die Weser im Kloster stehen geblieben war; — der Zug sah mehr auf ihn als auf die im Fackelschein voranflatternde Sturmfahne mit dem Bilde des heiligen Dionys. Der heilige Patron trug seinen Kopf nur unterm Arm, der Bruder Heinrich dagegen den seinigen noch wacker auf den Schultern.
„Meinen Segen nimmst du mit, mein Sohn; komme mir aber auch ja gesund und vergnügt wieder,“ hatte beim Abschied am Klostertor der Vater Adelhardus zu ihm gesprochen und ihn dabei ganz zärtlich auf die Schulter geklopft.
Nun waren sie auf dem zerfahrenen und zerwühlten Wege, den wir vorhin geschildert haben, mit der Parole: Sankt Vitus! und dem Feldgeschrei: Abbatia urbi imperat! Corvey über Höxter! Nun gerieten sie in die Sümpfe, die Löcher und unter die harten Feldsteine, — nun hielten sie, um Atem zu schöpfen — und nun ächzten sie wieder weiter.
„Bruder von Metternich, das ist eine Nacht, um Anathema zu sagen!“ stöhnte der Prior einmal über das andere. „Was ist deine Meinung?“
„Der Gerechte siehet vor seine Füße und gehet den Weg, den ihn der Herr schickt.“
„Bene, bene! Wie dunkel aber die Nacht ist! Hätten wir doch ein jeglicher eine Laterne anstatt der Fackeln mit uns genommen! Nun hört auch das Stürmen vom Turm gar auf, Henrice.“
„Es ist vielleicht doch nur ein schlechter Gassenlärm gewesen, und die Tummelanten haben des Spaßes genug und gehen zu Bett.“
„Und wir sind heraus und hier mitten im Felde? O corpus Christi, der Bann auf ihre Häupter! — Fort, voran, ihr alle, wahrlich, man soll Corvey nicht ungestraft hohnnecken; abbatia urbi imperat, da ist das Corveytor! Ruft: Sankt Vitus! und laßt uns einziehen!“
Nach einem mehr als halbstündigen Marsche waren sie jetzt wirklich vor diesem Tore von Höxter angelangt; allein das Einziehen ging so leicht nicht. Fürs erste fand das Stift die Tür verschlossen, obgleich es selber die Schlüssel dazu hatte — freilich in den Händen seines tapfern, oben schon benannten Hauptmanns Meyer, den wir ebenfalls von Person kennen lernen werden.
„Lasset uns anpochen,“ sprach der Subprior.
„Das wird viel helfen, der Graben ist dazwischen,“ murmelte der Propst.
„So lasset den Zinkenisten von Corvey hertreten, Sohn Heinrich! Er soll sich den Hals zersprengen; aber uns den Pförtner auf die Mauer schaffen. Das ist eine scheußliche Nacht!“ grollte der Prior.
Das alte Stift hatte seinen Trompeter mitgebracht, und er blies, — er blies und blies sich halb die Lunge heraus, bis sein Blasen von der gewünschten Wirkung war.
Endlich, endlich flimmerten Laternen auf der Mauer, und dann rasselte die Brücke unter dem alten Torturm herunter; mit dem Hute in der Hand, von seinen Laternenträgern begleitet, wackelte der Hauptmann Meyer eilfertig und atemlos hervor, den Prior und das Stift zu begrüßen: ein freundlicher, ältlicher Herr, rötlichen Angesichts, breitbäuchig und behäglich, auch einer der besten Freunde des Pater Cellarius, Adelhardus von Bruch.
Höchst verdrießlich empfingen ihn für diesmal die übrigen Würdenträger des Stiftes.
„Sie sind wirklich mit Degen und Feldbinde da, Monsieur?“ schrie der Prior. „Weshalb kommen Sie nicht auch im Schlafrock und denen Pantuffeln, mein Herr Hauptmann? Aus dem Bett kommen Sie ja doch! Bei Sankt Veit, Herr, es geht lustig zu in Höxter. Die Sturmglocke bringt das ganze Land in Aufruhr, und der Herr Kapitän drehen sich auf die andere Seite und geruhen weiter zu ruhen. Wo steckt Ihr mit Euren Leuten, Meyer? Hat man Euch dazu der Stadt Obhut zum zweiten Male anvertrauet?“
Der bischöflich Münstersche Befehlshaber ließ dieses und noch eine Reihe ähnlicher Vorwürfe und Fragen wie das Hochwasser aus einem aufgezogenen Schütt über sich hingehen. Erst als der Prior von Corvey mit seinem Atem zu Ende war, verantwortete er sich oder fing wenigstens an, sich zu verantworten.
„Aus dem warmen Bett komme ich nicht, Hochwürden, sondern von den Wesermauern am Brucktor, allwo ich seit angehobenem Tumult auf den Noht gepasset habe nach meinem Eid und meiner Pflicht.“
„Auf den Noht?!“
„Ja, Hochwürden, auf des Herzogen Rudolf Augusten Oberstwachtmeister Noht!“
„Sankt Veit und Corvey, aber weshalb denn gerade auf den?“
„Wer anders hat uns denn diesen Aufruhr angerichtet als der? Aber beim Teufel, hat er mir einmal meine Trommel genommen, zum zweiten Male soll er sie nicht in die Tatzen kriegen, und wenn er sich noch so verstohlen über die Weser schliche!“
Bei Fackelschein und Laternenlicht sah sich der Prior, Herr Nikolaus von Zitzewitz, verzweiflungsvoll und zweifelnd auf den Gesichtern seines Gefolges um. Sie grinsten alle, und Bruder Heinrich von Herstelle lachte sogar. Es blieb dem Prior von Corvey nichts anderes übrig, als sich fußstampfend von neuem an den biedern Hauptmann zu wenden.
„Aber um Gottes willen, was läuteten sie denn Sturm? wer zog die Glocken und warum?“
„Ja, sehet, Herr Prior,“ sagte der tapfere Kapitän gemütlich, „da treten Sie doch näher und sehen selber! Was uns betrifft, so sind wir, seit der Lärm anging, unter den Waffen und auf der Mauer. In das Handgemenge habe ich den Korporal Polhenne hineingeschickt, doch der kann auch nichts ausrichten. Es geht eben wieder einmal durcheinander, Ratz, Katz und Ketzer, und unsere sind auch dabei. In allen Pfarreien haben sie zu Ehren des hohen französischen Abmarsches die Fenster eingeschmissen, und alle Küster haben sie ganz oder halb totgeschlagen. Doch damit sind sie auch zu Ende, und eben gehen sie, Ketzer und Katholiken, in christlicher Eintracht über die Juden.“
„Und dabei steht der Mensch, lehnt sich auf die Ellenbogen und guckt vom Brucktor aus in die Nacht und über die Weser nach dem Oberstwachtmeister Noht aus!“ ächzte der Prior, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend. „Seine Trommel?! seine Trommel! Herrgott und Sankt Veit, sollte man da nicht wünschen, daß zehn Jahre lang die Trommel auf ihm selber geschlagen würde?“
„Ich rate nun doch, daß wir schleunigst in Höxter einrücken,“ meinte jetzo Bruder Heinrich von Herstelle, und der Prior, ganz und gar nicht wie ein geistlicher Hirt, Vater und Berater kommandierte wütend:
„Marsch!“
So zog das Stift in die Stadt und nahm auch seinen Hauptmann wieder mit hinein.
Zehntes Kapitel.
„Nun auf die Juden!“ Wer bei Sankt Niklas das Wort zuerst in die durcheinander tobende und im Unheil gemeinschaftliche Sache und Brüderschaft machende katholische und lutherische Menge warf, ist niemals historisch klar geworden. Wir haben unseren Freund, den Fährmann Hans Vogedes, im Verdacht. Gegen die Juden ging es; — hier war das tertium comparationis, wie der Helmstedter relegierte junge Weltweise sich ausdrückte, richtig gefunden. Der Pöbel hatte sich zuerst gegen das Haus des Meisters Samuel gewälzt, und Lambert Tewes war ihm selbstverständlich auch dorthin gefolgt.
„Ein unsterblich heroisch Poem werde ich schreiben und Professor der Eloquenz in Helmstedt werden. Bei Venus und Mars, die alten Perücken dort sollen mir nicht ohne Strafe das Consilium gegeben haben; als ein kaiserlich gekröneter Dichter will ich sterben! Diese trojanische Blutnacht haben mir die Götter eigens zubereitet. Es sei ihnen Dank gesagt!“
So schrie er, und sein Horaz schlug ihm im Laufen an die Schenkel. Wir wenden uns und sehen, wie die Kröppel-Leah und die kleine Simeath diese heroische trojanische Nacht bis jetzt hingebracht haben.
Sie hatten kurz vor Anfang des Lärms beide todmüde in das Bett des Sergeanten und das französische Kavalleriestroh kriechen wollen und waren natürlich nicht dazu gekommen. Mit einem Angstruf hatte das Kind den Fuß vom Bettrande wieder zurückgezogen:
„Horch, horch, was ist das, Großmutter?“
Es waren die Höxteraner vor der Pfarrkirche von Sankt Kilian.
„Laß sie rasaunen! Komm, Töchterlein, wir wollen uns wieder an den Tisch setzen. Lege deinen Kopf an mich. Wir wollen die Decke warm um uns schlagen, und ich will dir erzählen wieder von der alten Zeit,“ sagte die Großmutter, und die Enkelin kam. Sie kauerten von neuem zusammen vor der kleinen Lampe in dem kalten verwüsteten Stübchen.
„Unsere Könige waren Hirten in den Zeiten der Ehren. Aber die Herden weideten unter den Palmenbäumen — die Sonne des Herrn leuchtete, das Land unserer Väter duftete nach Myrrhen und Weihrauch. Sie waren große Krieger in glänzenden Panzern und schlugen Schlachten — sie fürchteten niemand — sie waren tapferer als jetzt irgendein Heerfürst —“
Es ging nicht. Sie mußten zu genau auf den Tumult vor der zerbrochenen Tür, vor den zerschlagenen Fenstern horchen. Auch die Greisin, die so viel Brand und Blut in ihrem Leben gesehen hatte, mußte horchen. Das stärkste und geprüfteste Herz lernt da nicht zu Ende.
„Sie werden auch auf uns wieder hereinbrechen!“ jammerte Simeath.
„Sie werden uns nichts nehmen können. Sei still, Liebchen, habe Mut! Ja, wenn noch der Riegel vorgeschoben wäre und das Haus reich, da wäre Grund zur Angst. Wenn das Haus noch wäre wie zu deines Urgroßvaters, meines Vaters, Zeiten, unscheinbar von außen, doch voll Güter drinnen, so möchten wir eher Furcht haben. Was wollen sie uns heute nehmen, da wir nichts weiter haben als unser Elend?“
„Sie haben jetzt auch nur noch das ihrige, Großmutter,“ sagte das Kind klug. „Weil sie diesmal so schlimm daran sind wie wir, sind sie so wild; und sie werden um so grausamer sein gegen uns, je weniger sie finden.“
„Der Herr Gott, der Gott unserer Väter, ist unser Schutz von der Welt Anfang an. Er wird seine Hand auch in dieser Nacht über uns halten, wie er sie seit fünftausend Jahren über sein armes Volk in der Prüfung gehalten hat. Wir sind dem Herrn zu Ehren noch immer da, was sie auch mit Marter und Bosheit gegen uns ausgeübt haben. Horch — es ist Triumph! Sie wüten jetzt gegeneinander! Sei still, Kind, es geht heute Nacht nicht gegen Israel!“
„Aber, Großmutter, sie haben dich nach Hause gehen sehen mit deinem großen Bündel. Du hast ihnen gesprochen von deiner Erbschaft, Großmutter,“ flüsterte die verständige Simeath.
„Die armen Lappen!“ rief die Alte, ihr Bündel unter dem Tische näher an sich heranziehend. „Wir sind gewickelt in die Decke von dem letzten Lager deines Oheims. Das ist aber das Köstlichste von der Erbschaft.“
„Wenn sie es glauben wollten, wären wir wohl glücklich, Großmutter,“ seufzte die Kleine, und — so war es, wie sie sagte.
Von Sankt Kilian gegen Sankt Niklas und von dort vorerst zum Hause des Meisters Samuel und seines frommen Weibes Siphra! Sie brachen ein und stahlen, sie schlugen den Hausherrn zu Boden und drückten seine Ehefrau gegen die Wand; sie schlugen auch seine jungen Kinder, da kein Küster mehr zu mißhandeln war, und alles ging drunter und drüber. Vergeblich wehrten Ratmannswachen und der Korporal Polhenne; — wie wir wissen, gab währenddessen der Stadthauptmann Meyer genau darauf acht, daß ihm seine Trommel nicht zum zweiten Male vom Braunschweigischen Oberstwachtmeister Noht abgenommen werde. Sie legten jetzo auch die erste Brandfackel an, und in dem Moment, als der letzte Mann vom Zuzuge des Stiftes Corvey in das Corveytor zog, schlug die Flamme aus den Fenstern, sprang der rote Hahn aufs Dach, reckte sich, schlug mit den Flügeln und krähte wild hinaus:
„Feuer! Feuerjo!“
Jetzt sah der Vater Adelhardus am hohen Bogenfenster im Korridor der Abtei den Himmel rot werden über Höxter.
„O die Incendiarii! O, die ruchlosen Mordbrenner!“ sprach er. „Haben die Bärenhäuter der Dächer noch zu viel über den gottverlassenen Köpfen? Nun, ich habe den guten Heinrich gewarnt, daß er sich nicht die Finger verbrenne. Der Herr Prior und die übrigen werden sich wohl schon selber zu hüten wissen und nicht zu nahe daran gehen.“
Darauf ließ er sich von einem Laienbruder einen Sessel und Fußschemel an das Bogenfenster rücken, schickte einen zweiten Laienbruder in den Keller nach einer Flasche vom Besseren „gegen den Zorn“ und stellte diese Flasche mit dem Glase handgerecht in die Fensterbank. Da saß er dann, faltete die Hände über dem Bäuchlein und hörte durchaus nicht, wie die ältesten Herren Patres ihn hinter seinem Rücken mit dem grausamen Kaiser Nero beim Brande Roms verglichen. In der Stummerigengasse aber vor dem nun lichterloh flammenden Hause des Juden Samuel wurde es unserm Freunde, Herrn Lambert Tewes, jetzo doch gar übel zumute.
Er lachte nicht mehr, sondern biß die Zähne aufeinander. Die Lust zum Zitieren des Horatius war ihm völlig vergangen.
„Was zu viel ist, das ist zu viel!“ ächzte er. „Und dies ist eine Bestialität. Hierosolyma perdita? Auf für Jerusalem! Nieder mit den mordbrennerischen Halunken! Und der Monsieur Samuel ist der einzige in ganz Huxar, der auf ein dankbar Herz bei mir rechnet. Und jetzt stehlen sie mir meines Vaters Taschenuhr in seinem Verschluß! Himmel, Hölle und alle Teufel, zu Boden mit dir, du Vieh!“
Das letzte Wort war, begleitet von einem Faustschlag, an einen der Tumultuanten gerichtet. Der Kerl lag sofort am Boden, allein im selbigen Augenblicke war auch schon dem Studenten der Hut über Stirn, Augen und Ohren hinabgeschlagen, und er bekam einen Fußtritt in die Rippen, der ihm für mehrere Minuten den Atem benahm. Als er den Hut endlich wieder in die Höhe bekommen hatte, fand er sich zum zweiten Male in dieser Nacht Aug in Auge mit dem Bruder Heinrich von Herstelle, und der Bruder packte sofort zu, griff ihm an die Brust und donnerte dem Hauptmann Meyer zu:
„Fort mit dem! Ins Gewahrsam! Wenn einer in dieser Nacht mitgewürfelt hat, so ist’s dieser! Ins Prison mit ihm!“
„Holla!“ rief der Student lachend, „wenn einer in dieser Nacht in Höxter auf Ordnung, Sitte und Tugend geachtet hat, so bin ich’s! Meyer, Ihr kennt mich und wißt die Unschuld zu ästimieren. Nehmt lieber meine Hülfe an, domine — allein kriegt Ihr die Schlingel doch nicht herunter.“
Prioren, Probst und sämtlicher Zuzug von Corvey sahen zweifelnd beim roten Schein der Feuersbrunst; doch der Hauptmann Meyer sagte, sich hinterm Ohr krauend:
„Was ich sagen soll, weiß ich nicht; aber, ehrwürdige Herren, ich kenne ihn freilich, und das Nutzbarste wär’s, wir rollierten ihn ein in unsere Musterrolle.“
„Dann vorwärts und Sturm!“ kommandierte der Bruder Henricus, seinen Flamberg erhebend; und mit der linken Schulter voran, Piken, Hellebarden, Halbpiken und hainbüchene Knüppel vorgestreckt und in der Luft, warf sich die bewaffnete Macht von Corvey auf die Huxarienses, um den Schutzjuden des Stiftes wenigstens das noch zu retten, was von ihrem Leben noch übrig geblieben war. Zwei nackte Kinder trug Lambert Tewes aus dem brennenden Hause, die Siphra errettete vor weiterer Unbill der Bruder Heinrich; den Freund Säuberlich nahm der Hauptmann Meyer mit Hülfe des Korporals Polhenne beim Kragen. Die Herren von Metternich und von Zitzewitz stellten sich ritterlich und trieben jeglichen Corveyschen Hintersassen, der Lust bezeigte, sich nach Hause zu schleichen, mutig in die Schlacht zurück. Es kamen überhaupt jetzt die ersten Regungen der Besinnung in der Bevölkerung wieder zum Vorschein, und Höxter fing an, sich zu schämen. Bürgermeister Thönis Merz und sein Rat fingen an, ihrerseits einzugreifen. Die Mordbrenner und Plünderer wurden überwältigt oder flohen nach allen Seiten; es wurde Raum in der Gasse, und da jetzt, gegen Mitternacht, der Wind sich legte, so brannte das Haus des Meisters Samuel ruhig und ohne weitere Gefahr nieder. Man ließ es brennen.
Elftes Kapitel.
In die wollene Decke vom letzten Bett des Schwestersohnes zu Gronau im Fürstentum Hildesheim gewickelt, hatten währenddessen die Kröppel-Leah und Simeath mit Schauder und Schrecken gehorcht. Der rote Schein der Feuersbrunst, der in die leeren Fensteröffnungen und die Tür fiel, hatte auch den Mut der Alten gebrochen.
„Siehst du, Großmutter, es geht doch wieder gegen uns, sie haben Vater Samuels Haus in Brand gesteckt; — sollen wir nicht fort? Wir können über den Hof schleichen und in des Nachbars Garten; Herr Jakob zum Dahle wird nicht zu schlimm sich stellen, wenn er uns morgen früh in seinem Stalle findet.“
„Ja, ja, Kind,“ stöhnte die Greisin. „Leise, leise — da ist mein Bündel — hilf’s mir wieder auf! Du hast recht, wir müssen hinaus — sie kommen, und sie kennen kein Erbarmen.“
Sie versuchte es, aufzustehen, allein es ging nicht an. Der Weg von Gronau her war dem alten Weibchen doch zu viel gewesen. Sie fiel zurück auf den Stuhl, legte die Arme auf den Tisch und das Gesicht auf die Arme.
„Großmutter, Großmutter,“ jammerte das junge Mädchen. „Besinne dich — wach auf, laß mich deinen Sack tragen! Laß ihnen den Sack, laß uns nur laufen — Barmherzigkeit, sie kommen — da sind sie!“
Nun kreischte die alte Jüdin noch lauter als die junge. Sie kamen, sie polterten die Treppe herauf — sie waren da — nur drei Mann, aber die Bösesten in Höxter — Hans Vogedes, der Fährmann, mit einer Axt den beiden anderen vorauf. In dem Augenblick, als das Stift anrückte und Lambert Tewes seinen Freund Wigand Säuberlich zu Boden schlug, hatten sie sich aus dem Getümmel vor dem Hause des Meisters Samuel weggeschlichen, und sie machten von vornherein gar kein Hehl daraus, daß sie dem Geruche von der Gronauschen Erbschaft nachgegangen seien.
Fünf Minuten später, nachdem sie die zertrümmerte Schwelle überschritten hatten, durchschnitt von dem Hause der Kröppel-Leah her ein so fürchterliches und schrilles Jammergeschrei die Nacht, daß es allen sonstigen Lärm in der Stummerigenstraße übertönte und jedermann den Kopf aufwarf und mit jähem Schrecken horchte.
An der Brandstätte hatte die Szenerie sich aber bereits verschoben. Im Ornate war Ehrn Helmrich Vollbort unter den Mönchen und städtischen Beamten aufgetreten und hatte scharf geredet, sowohl gegen den dunkeln Nachthimmel, wie gegen den Herrn Prior von Corvey, Herrn Nikolaus von Zitzewitz, und gegen den Münsterschen Gubernator und Stadthauptmann Herrn Meyer.
Er hatte um Rache für sein beleidigt Haus und seinen geprügelten Küster geschrien, und über die Schulter des Bruders Henricus hatte der Neffe seine rechte Freude an dem Oheim gehabt.
„Sie haben ja unseren Küster bei Sankt Niklas gleicherweise windelweich und blitzblau geschlagen, ehrwürdiger Herr,“ hatte der Prior eingeworfen. „Da ist doch wahrlich die vollkommene Parität vorhanden gewesen — was sollen wir in dieser Nacht bei solchen Umständen Ihnen noch zugute tun?“
„Stift und Fürstliche Gnaden von Münster haben immer nach Vernunft mit sich reden lassen,“ hatte Herr Florentius von dem Felde begütigend hinzugesetzt, „und —“
„Schlagt ihm vor, daß Ihr mich vor seiner Tür hängen lassen wollt,“ hatte der tolle Helmstedter dem Bruder Heinrich von Herstelle ins Ohr geflüstert.
Der Bruder Heinrich hatte das nicht vorgeschlagen, denn nunmehr hatte Herr Ferdinandus von Metternich, der Propst von Corvey, Vernunft gesprochen und wirklich verständige Dinge gesagt.
Es sei eine üble Nacht, hatte er gemeint. Niemand wisse, wie er daran sei. Morgen sei wieder ein Tag — totgeschlagen sei gottlob und mit Hülfe des heiligen Veit bis jetzt keiner; — die Übeltäter habe man auf dem Stroh im Prison, und selbst die Juden seien noch mit dem Leben davongekommen, soviel man wisse. Wer am meisten bei der greulichen Unruhe gelitten habe, das sei doch wohl das Stift Corvey, das nun auch noch zu allem übrigen den schlimmen Marsch nach Hause vor sich habe. Er — der Propst — hatte zum Schluß seiner Rede geraten, jetzt vor allen Dingen wieder zu Bett zu gehen und für alle Fälle vielleicht eine Salveguardia, gemischt aus Corveyscher Mannschaft und Bürgerwachten, in der Stummerigenstraße zurückzulassen.
„So soll es sein!“ hatte der Prior geschlossen, und zehn Minuten nach seiner Ankunft vor dem Hause des Meisters Samuel befand sich das Stift bereits wieder im eiligen Rückmarsche nach den warmen Betten.
„Hoffentlich hat uns der Vater Adelhardus, während wir die Philister schlugen, ein gutes Warmbier zugerichtet,“ flüsterte der Subprior dem Propst unter dem Corveytor zu.
Dem mochte nun sein, wie ihm wolle; zornigen Herzens schritt doch noch der Pfarrherr von Sankt Kilian im eifrigen Gespräch mit dem Bürgermeister Thönis Merz auf und ab und warf finstere Blicke auf den guten Bruder Henricus. Diesen letzteren nebst einigen handfesten Klosterknechten hatte die Abtei zurückgelassen, um sich von ihnen bei möglichen ferneren Ereignissen kriegstüchtig vertreten zu lassen; und während der lutherische Pastor aufgeregt hin- und widerschritt, stand der greise Mönch in dieser Stummerigenstraße im Lichte der Feuersbrunst nachdenklich auf sein hussitisch Schlachtschwert gestützt und gedachte früherer Tage. Der Student hielt sich zu ihm und zog ihn jetzt am Ärmel seiner Kutte.
„In so tiefen Gedanken auf der heiligen Straße, mein Pater? Ich hab’ Ihnen vorhin den Lauriger angeboten, um einen Sitz am warmen Herde; nun hat uns das Fatum einen noch wärmeren Ofen geheizt. Was, mit Erlaubnis zu fragen, lassen Sie die Ohren hängen, mein Pater?“
Der alte Mönch blickte auf und murmelte:
„O, Just von Burlebecke!“
„Sie sollten ein Wort zu mir sprechen, Ehrwürdiger“ meinte der Student zutunlich. „Sie gefallen mir, und es wäre mir lieb, wenn auch ich Ihnen gefiele. Haben Sie mich am Abend schnöd abfahren lassen, so haben wir doch jetzo Schulter an Schulter gefochten, und — schon den grimmigen Blicken meines Herrn Onkels da drüben zu Liebe solltet Ihr meinen Arm nehmen und die Wacht suaviter mit mir verschwatzen. Mit dem Morgen bin ich auf dem Wege nach Wittenberg, allwo sie schon längst mit Herzspann sich nach mir sehnen, und Ihr bekommt mich nimmer wieder zu Gesicht, alter Hahn.“
„Sie sind ein Narr, mein Herr Studente,“ sagte der Bruder Henricus, wider Willen über den Schelmen lachend. „Wäre Just von Burlebecke nicht, ich brächte dich auf der Stelle ungesegnet auf den Weg nach Wittenberg. Aber so war Just auch zu seiner Zeit, und ich stehe eben nie in der Stummerigenstraße, ohne mit betrübtem Sinn der alten Zeit und an Just von Burlebecke zu gedenken.“
„So sagen Sie mir, wer Just von Burlebecke war, mein Pater, und ich werde gern mich mit Ihnen über ihn betrüben.“
„Da,“ sprach der Mönch, gegen das Stummerigentor hindeutend, „im Sommer Zweiundzwanzig nahm er mit zwanzig Reitern Höxter im Sturm. Er ritt für den tollen Christian, ich mit dem Tilly. Mit zwölftausend zu Fuß und neuntausend Reitern ging der Christian hier bei Höxter über die Weser, und ich ihm und dem wilden Just nach als ein Fähnrich im Regiment Baumgarten. Auf dem Felde bei Stadtloo ist Just von Burlebecke unter den Toutpourelleschen eingescharrt. Ich hab’ ihn unter den Toten gesehen, und er war mein allerbester Herzfreund.“
„Das war der große Krieg, und Ihr seid heute ein Benediktinermönch zu Corvey, mein Vater!“ rief der Student.
„Ja!“ sagte der gute Greis ruhig und schüttelte nur noch einmal den Kopf, die Stummerigenstraße hinaufschauend.
„Er jagte ihnen lachend ins Tor und fiel über die Spießbürger gleich dem Blitz aus dem Sonnenschein; ich muß heute noch darüber lachen! Ach, hättet Ihr den tollen Christian und seine Reiter gekannt, so würdet Ihr auch Just von Burlebecke zu wiegen wissen, Herr Studente. Sie saßen vor ihren Türen und ließen sich die Sonne in die Mäuler scheinen, da schlug er ein aus dem blauen Himmel, und ehe sie sich besannen, hatte er mit seinen zwanzig Gesellen Höxter in der Hand wie der Junge das Vogelnest, dem Stift und der liguistischen Armada vor der Nasen; freilich nur auf ein Viertelstündlein, doch das gerade war der Spaß.“
Der Alte hatte jetzt wirklich den Arm Lamberts genommen und schritt mit ihm langsam die Stummerigenstraße hinauf bis zu dem Hause der Kröppel-Leah.
„Hier, gerade hier auf dieser Stelle hieß es denn: Simson, Philister über dir! Weshalb erzähle ich Euch aber das alles, anstatt Euch, wie es sich gehörte, zur Sittsamkeit zu vermahnen und an Eure Bücher zu schicken?“
„Weil ich nur allzu lange und zu sittsam über den Büchern gesessen habe, Herr Pater. O, Sie werden mir doch noch meinen Horaz abhandeln; ich habe ihn allgemach so fest im Kopfe, daß er mich nur noch dumm macht! Amsterdamer Ausgabe, Frontispiz von Romyn —“
Der Mönch winkte abwehrend mit der Hand.
„Nein,“ sagte er, „ich rede zu Euch, weil Ihr eben noch ein törichter Knabe seid, und es dem Alter so gut tut, die Jugend bei sich zu haben, wenn es der Jugendtollheit gedenkt. Wie war es denn? Ja, als sie sich besonnen hatten um des kleinen Häufleins, das mit Just von Burlebecke jubilierend die Hand auf sie legte, da bliesen sie Alarm. Damals war Höxter auch noch ein volkreicher Ort, voll Handels und Gewerbe, und es gab keine Ruinen und wüste Stätten in den Ringmauern. An den tollen Christian dachten sie nicht, sie sahen nur auf Just und seine zwanzig Reiter. So griffen sie denn nach den Spießen und Büchsen. Es ist ein lustig Schlagen gewesen; aber hier auf dieser Stelle erschossen sie dem Herzbruder den Gaul, und so kam er zu Boden unter den Gaul und die Fäuste von Huxar. Seinen Gesellen ging’s dann natürlich auch nicht anders; zu Hunderten schwärmten sie um den Trupp, holten sich ihrerseits manchen blutigen Kopf, aber schlugen doch auch wacker zu und rissen die Eroberer mit Haken und Stangen von den Pferden. Das ist denn ein Gezerr gewesen, bis die alten und verständigen Leute es möglich machten, sich durch das Getümmel zu zwängen und Vernunft zu sprechen. Da nahm der Stadtschreiber das Protokoll über den Fall zu Papier, und als sie es auf dem Papiere hatten, da ging ihnen das richtige Licht auf, und sie kriegten ein Grauen über ihre eigene heldenmütige Tapferkeit und das, was sie sich durch dieselbige eingebrockt hatten.“
„Sie überlegten sich, daß der Christian dem guten Ritter Just nachtrabe und nicht bloß mit zwanzig Mann,“ lachte der Student.
„Mit neuntausend zu Roß und zwölftausend zu Fuß, wie ich es Euch schon sagte. Als ich nachher mit den Liguisten dem Administrator nachritt, hörte ich die ganze Historia. Ei ja, es war von da an für Rat und Bürgerschaft an diesem schlimmen Flußübergang ein beschwerlich Ding, sich durch die Zeiten und Parteien zu winden.“
„Und heute ist’s schier noch nicht besser,“ meinte Herr Lambert; doch der Mönch erwiderte:
„Hättet Ihr das Höxtersche Blutbad erlebt, auch selber eine Pike an der Mauer geführt, Ihr würdet wohl anders sprechen. Seht Euch um danach und hütet Euch fernerhin, Eure Hand zu bieten, noch mehr der Ruinen zu machen.“
Dann fuhr er in seiner Erzählung fort:
„Sie lachten auch in des Tilly Hauptquartier allhier zu Höxter; Merode lachte, Dem von Piccolomini wackelte der Bauch, und der Savelli schüttelte sich unter seiner großen Perücke. Es gefiel ihnen allen die Art, wie Just von Burlebecke die Stadt genommen hatte. Ich lag damals bei dem Stadtschreiber und hab’ sein Protokoll mir zeigen lassen. Es war ein erbärmlich Gekritzel und Gekratz, gerad ob als die rote Ruhr mit dem Hasenfuß bei seinem Federkunststück am Tische gesessen habe. Und Just als ein wackerer Kavalier hatte auch seinen Namen darauf gehauen, und der ging über die halbe Seite und jede Überschrift von Bürgermeister und Ratmannen dick und schwarz weg wie ein Kürassierregiment durch ein Erbsenfeld. Einen ganzen Abend hat mir der Stadtschreiber von dem Rittmeister Just erzählen müssen; — wie sie ihn unter dem Gaule vorzogen, wie sie ihm den Rock bürsteten, wie der eine mit dem Pistol kam, das er dem Gemeindemeister an den Kopf geworfen hatte, wie der zweite den Degen brachte, der ihm im letzten Ringen abhanden gekommen war, und wie der Hader und das Blutvergießen in eine Festivität auf dem Rathause auslief. Ja, den ganzen Tag hat man getafelt und getrunken zu Ehren Justs von Burlebecke und seiner Reiter — den tollen Christian eingeschlossen! Da haben sie Brüderschaft gemacht und sich mit tränenden Augen in den Armen gelegen, der Bürgermeister von Höxter und Just von Burlebecke, und am Abend hat man der Stadt Judenschaft angehalten, den guten Kavalieren eine Reiterzehrung zu zahlen, und sie mit Triumph, der Stadt Musici vorauf, vor das Tor gebracht und sie mit einem höflichen Complimentum an die Fürstlichen Gnaden von Halberstadt ihres Weges reiten lassen, und nicht einer hat sich um diese Stunde so fest auf dem Gaule gehalten wie am Morgen beim Einsturm ins Stummerigentor.“
„Ich hab’ doch auch schon manche Tür im Sturme genommen, aber so galant hat mich noch nie ein hochedler Senat oder Magistrat darob traktiert,“ sagte der Student lustig-kläglich; und in diesem Augenblick erscholl das erbarmungswürdige Weibergeschrei aus dem Hause, vor welchem vordem Just von Burlebecke unter den Fäusten von Huxar an der Weser gelegen hatte. Wir wissen, wer da schrie.
Zwölftes Kapitel.
Sie stutzten alle in der Gasse, vor allen übrigen jedoch der Mönch und der Student.
„Sankt Veit,“ rief der Bruder Henricus, „will die Mordnacht nie zu Ende gehen? Hier, hier Corvey!“
Er eilte gegen das Haus, aus welchem der Schrei hervordrang, und von den Klosterknechten sprangen auch schon einige von der Brandstelle her.
Der französische nachgelassene Unrat lag vor der Tür der Kröppel-Leah in höheren Haufen als sonst irgendwo in Höxter, und ehe der Bruder Studio dem Bruder Heinrich von Herstelle mit einem Sprung über den Unflat nachfolgte, schwang er natürlich den Hut in die Luft und jauchzte:
Das alles war nun gerade nicht nötig; allein Eile tat nichtsdestoweniger not. Herr Lambert sprang und überholte infolge seiner Sprünge den watenden Benediktiner um einen Schritt auf der Treppe. Von allen, die auf den neuen Notschrei herzuliefen, befanden sich der Bruder Henricus und der Student auf dem Schauplatze des Jammers und im Handgemenge mit den Unheilstiftern, ehe ihnen irgend jemand von der Abtei und der Stadt Hülfeleistung und Handreichung tun konnte. Keine gesperrte Tür hielt sie ja auf; und dem Mönche voran sprang der Bruder Studio ein in das Quartier des Sergeanten vom Regiment Fougerais und der lustigen Mamsell Genevion von dem nämlichen Regimente.
Sie kamen zur richtigen Zeit, wenngleich nicht für die drei Höxterschen Ruffiane. Der brave Fährmann Hans Vogedes hielt eben die Greisin auf dem Boden, ihr die Gurgel zusammendrückend, sein einer Raubgenosse zog mit groben Fäusten die zeternde Simeath an den Haarflechten durch das Kämmerchen, der andere der Halunken hatte bereits das armselige Bündel mit der Gronauschen Erbschaft unter dem Tische hervorgezerrt, kniete gierig wühlend und verstreute fluchend den Inhalt um sich her auf dem schmutzigen Boden. Die Lampe des armen Vaters Samuel und das flammende Haus desselben verbreiteten ihren Schein über diese häßliche Szene, wie sie Callot so gern zeichnete und malte in dem scheußlichen Jahrhundert, dem alle Gegenwärtigen angehörten. Sechzehnhundert solcher Bilder hat Maitre Jacques gefertigt bis zum Jahre 1635, und der einzige Trost für uns liegt darin, daß seine Erbin zuletzt doch das Kupfer sämtlicher Platten dieser misères et malheurs de la guerre in Küchengeschirr verwandelte und ihre Suppen darin kochte.
„Ecce iterum Crispinus!“ schrie der Student, gegen den die Kehle der Greisin freilassenden Hans Vogedes losstürzend. Im weit ausholenden Schwung warf er ihm zuerst den steifen Schweinslederband seines Flaccus auf die Nase, daß sofort das Blut hervorströmte.
„Da hast du dein Recht auf römisch, du Mauskopf!“
Und schon hatte er ihn selber an der Gurgel und auf dem Boden, ehe der Fährmann sein Mordbeil aufgreifen konnte. Mit beiden Fäusten aber erhob der Bruder Heinrich von Herstelle sein mächtig Schlachtschwert und ließ es flach auf den Schädel des Strolches fallen, der die Simeath bedrängte. Der dritte der Raubbrüder ließ feige das Bündel der Alten im Stiche, sprang empor und wollte mit einem Satz über den niedergestreckten Leib seines Kameraden die Tür, die Treppe und die Gasse gewinnen, fiel aber auf der Treppe den heraufpolternden Klosterleuten und dem ihnen nachkeuchenden tapfern und weisen Hauptmann und Gubernator Meyer in die Arme. Sie fingen ihn zärtlich auf und drückten ihm fast die Seele aus dem Leibe, und ganz gutwillig ließ er sich in der Stummerigenstraße die Hände auf dem Rücken zusammenschnüren. So war die Schlacht hier denn fast eher beendigt, als sie begonnen hatte, und neben den beiden auf der Erde zappelnden Besiegten stehend, blickten die zwei Sieger, Bruder Mönch und Bruder Studio, einander sogar ein wenig verwundert darob an.
Doch jetzo trat der Herr Hauptmann Meyer herein und sah sich seinerseits ein wenig in dem Gemache der Kröppel-Leah um.
Militärisch grüßend und auf den Fährmann und seinen Gesellen deutend, fragte er dann:
„Mit Permission, mein Pater, wie ist es nun mit der Gerichtsbarkeit in Höxter? Hier haben wir den Casum von neuem, behalten wir von Stifts wegen die beiden Lümmel, oder schicken wir sie dem Bürgermeister Merz? Hängen wird sie ja doch wohl Corvey in Anbetracht, daß Bischöfliche Gnaden der Stadt das Blutgericht genommen haben?!“
Zweifelnd krauelte sich der Bruder Henricus am Ohr; doch der Student nahm ihm das Wort vom Munde:
„Einen schönen Gruß von mir und einen Handkuß desgleichen an den alten E—, an die hochehrbare Exzellenz von Huxar, Herrn Thönis Merz, und ich — Lambert Tewes, schicke ihm hier was und erbitte mir dafür morgen ein Viatikum auf den Weg nach Wittenberg von wegen geleisteter Dienste fürs gemeine Wesen. Macht keine langen Worte, behaltet nur ein einziges Mal Eure Weisheit und sesquipedalia — Eure sechs Fuß langen Bedenklichkeiten — für Euch. Den Hans da empfehle ich Euch und dem Bürgermeister besonders, Centurio. Gebt es ihm mit der Weinrebengerte gleichfalls mit einem Kompliment von mir.“
Der Hauptmann sah höchst verdrießlich auf den seine Würde so wenig achtenden Redner, doch der Bruder Henricus meinte lächelnd:
„Für diese Nacht wird’s wohl das beste sein, daß wir tun, wie der Tollkopf vorschlägt, Herr Kapitän. Sagen Sie auch meinen Gruß dem Herrn Bürgermeister. Des Stiftes Rechte zu wahren, stellen Sie zwei Mann zu der Ratmannswacht vor den Turm.“
Der Hauptmann hob wiederum martialisch den Hut; die zwei blutenden Hausfriedenbrecher wurden hinaus- und die Treppe hinuntergeschleift, und der Bruder Heinrich sowie der Student fanden nunmehr die erste Muße, sich nach den beiden armen Frauenzimmern umzusehen, die sie in so tapferer Weise aus den Klauen der ihrer französischen Einquartierung, dem Herrn von Turenne und dem Herrn von Fougerais, nachtumultuierenden Huxarienses errettet hatten.
Das junge Mädchen kniete auf dem Boden und hielt den Kopf der alten Frau im Schoße.
„O, Großmutter, Großmutter,“ schluchzte es, „sag doch was, sprich doch nur ein Wort, wir leben noch, sie haben ihren Willen nicht vollführen können! Die guten Herren haben uns von ihren Griffen erlöst, dem hohen Gott sei Dank! — — Ach, Großmutter, besinne dich!“
Die Greisin zuckte fürs erste nur mit den Armen und krampfte die Finger auf und zusammen; der Benediktiner beugte sich zu ihr herab und leuchtete ihr mit der kleinen Lampe ins Gesicht.
„Der Bösewicht hat sie arg gewürgt. Helft mir, Herr Student, wir wollen sie auf das Bett tragen. Es ist ein Jammer, daß wir den arzneikundigen Bruder Briccius hier nicht vorhanden haben. Der würde sie uns in einem Augenzwinkern wieder aufrecht hinsetzen.“
Herr Lambert Tewes hatte bereits den Kopf der Alten der Simeath aus den Armen genommen; der Mönch faßte sie an den Füßen, und so trugen die beiden sie auf das Bett des Sergeanten; der Student mit einem verstohlenen Seitenblick auf das hübsche zerzauste Judenmädchen.
„Trockne deine Tränen, schwarzlockige Neära,“ sagte er gutmütig. „Tu’s mir zu Liebe — das alte Mütterchen hat in seinem langen Dasein mehr ausgehalten als solch ein Katzengekrall; — eure Patriarchen und Patriarchinnen haben ein verflucht zähes Leben, und Großmutter kommt diesmal noch sicher darüber weg auch ohne den Bruder Briccius.“
„Ich will es dem edlen Herrn nie vergessen!“ rief Simeath nur noch lauter weinend; und dann beugte sie sich, griff nach der Hand des wilden Scholaren und wollte eben die Lippen darauf drücken, als Meister Lambert ihr seine Pfote rasch entzog und ihr einen laut schallenden Kuß auf den Mund gab.
„So steht’s geschrieben in den Legibus der Julia Karolina, und Herr Mynsinger von Frundeck, der Kanzler, wußte wohl, was er tat, als er den Paragraphum einschob.“
Errötend trat das junge Kind gegen das Lager der Greisin zurück; der Mönch hatte wohl ein wenig die Stirn gerunzelt, doch er hatte allzu viel um die allmählich wieder ins Bewußtsein zurückkommende Kröppel-Leah zu tun, um allzu genau auf die sonstigen Vorgänge in seiner Umgebung achten zu können. Mit dem Wasser aus dem Kruge des Vaters Samuel rieb er der Alten die Schläfen; — da nieste sie endlich und stieß einen heiseren Schrei aus, und dann saß sie wirklich aufrecht auf dem Stroh und sah aus stieren Augen umher. Der rote Schein der niedersinkenden Feuersbrunst leuchtete noch immer in das Gemach.
„Salzkotter Quartier. Die Liguisten in der Stadt!“ stöhnte sie und fiel zurück, die Hände über die Augen schlagend.
„Sie ist noch nicht ganz bei sich — das Feuer wirrt sie,“ murmelte der Bruder Henricus gegen den Studenten gewendet. „Sie sieht wieder den Gründonnerstag von 1634. Wir gaben kein Quartier, weil in Salzkotten uns keines gegeben worden war.“
Und der Greis legte auch die eine Hand auf die Stirn und stützte sich mit der anderen gegen die Wand mit den unzüchtigen Zeichnungen des Regiments Fougerais:
„Herr, Herr, mein Gott, wann kommt der Frieden in deine arme Welt?!“ —
Lambert Tewes stand nun ernst genug mit untergeschlagenen Armen da.
„Höxter und Corvey!“ sagte er finster. „Meine lutherischen Väter standen für Stadt und Stift. Die Liga war’s, die Höxter in Trümmer legte und Sankt Viti Sarkophagen zerbrach. Eure fremdländischen Obersten und Kavaliers waren es, die die Gebeine unter sich verteilten, welche der Kaiser Ludwig hierher an die Weser getragen hatte.“
„So ist es,“ sagte Heinrich von Herstelle. „Das ist die Historia von Höxter, und ich — bin Mönch zu Corvey! Ich zog für die Liga; für den Winterkönig, die schöne Elisabeth und den tollen Christian ritt Just von Burlebecke, der mit mir aufgewachsen und von meiner Mutter mit mir erzogen war.“
„Just von Burlebecke!“ klang es wie ein Echo von dem Bette her, und unterstützt von der Enkelin deutete die Greisin mit zitternder, schwankender Hand auf den Erdboden, wo ihre Erbschaft zerstreut lag.
Dreizehntes Kapitel.
Der Student griff eben seinen Horaz, den er diesmal zum ersten Male in dieser Historie als unwiderlegbares Argument gebraucht hatte, auf. Das Buch lag mitten zwischen dem von der Diebeshand zerwühlten Trödel, und Lambert, drüber hinblickend, rief:
„Bei Merkur und Radamanth, ist das der Köder, der das Geschmeiß anzog? Mutter Leah, das habt Ihr aus dem Fürstentum Hildesheim auf Eurem alten Buckel nach Höxter geschleppt? O Moses und all ihr Propheten, wenn der Titus nicht mehr aus Jerusalem mit sich geführt hätte, so würde das spolium, der Plunder, wahrlich nicht der Mühe gelohnt haben.“
Das war richtig, und einen erfreulichen Eindruck machte die Schaustellung, die jetzt der Zufall und die Räubertatze bewerkstelligt hatten, nicht; armselige Wäschestücke, wohlfeile zinnerne oder bleierne Schaumünzen auf alle möglichen Ereignisse, kaiserliche, schwedische und französische Viktorien und Niederlagen — ein halbverbranntes hebräisches Gebetbuch mit silbernen Beschlägen und sieben Stück schlechter Löffel! Eine Halskette von böhmischen Glasperlen mit einem kupfernen Kreuz und ein zusammengedrückter winziger silberner Becher waren die wertvollsten Gegenstände, eine kupferne Pfanne und ein kleiner eiserner Kochtopf die umfangreichsten, bis auf die Decke von dem Sterbelager des Gronauschen jüdischen Mannes.
„Was weißt aber du von Just von Burlebecke, Weib?“ rief der Bruder Henricus bewegt, die Hand der Greisin fassend.
„Ich hielt seinen blutigen Kopf in meinem Schoß hier vor meines Vaters Tür,“ sagte die alte Leah, mit Mühe die Worte hervorstoßend. „Sie hatten ihm das Roß erschossen, und niemand wollte den schlimmen Feind im Anfang aufheben. Ach und doch hub damals der Krieg erst an! Da — da, sucht; er gab mir ein Angedenken, das ist aus einer Hand bei uns dann in die andere gekommen. In Gronau hab’ ich es wiedergefunden.“
Die Kröppel-Leah fiel wieder zurück auf das Stroh, der Student hielt dem Benediktiner sein Buch noch einmal hin:
„Was meint Ihr, Reverendissime, jetzt werfe ich’s zum übrigen, und wir fangen das Trödlergeschäft in Kompagnie an. Was leget Ihr aber in den Handel ein?“
Der greise Mönch stieß ihn nunmehr wirklich von sich; er kniete schon und suchte auf dem Boden. Mit unsicherer Hand warf er die Lumpen und Lappen hin und wider und ließ das Küchengeschirr und die erbärmlichen Raritäten und Kostbarkeiten untereinander erklingen.
„Beim heiligen Vitus,“ rief er plötzlich, „das ist meiner seligen Mutter Werk! Sie gab die Handschuh ihm, als er vor mir auszog. Sie war im Herzen für die neue Lehre; ich ging für meinen Vater zu den Kaiserlichen! Das ist Justs Handschuh mit meiner Mutter Spruch: Geh grad! — O Frau, o Leah, meine Mutter hat mit ihrer guten Hand die Goldfäden gezogen!“
Der Bruder Henricus hielt einen Reiterhandschuh, der mit verblaßtem Golde gestickt war, und nahm hastig, doch gerührt, von neuem die fieberhafte Hand der alten Jüdin:
„Das hat er Euch gegeben, Leah?“
Die Greisin strich die weißen, durch das Ringen mit dem Räuber gelösten Haare aus der Stirn und sagte:
„Ich verstehe den gnädigen Herrn Abt nicht.“
Sie war noch immer nicht ganz bei sich, oder die Betäubung trat doch immer noch von neuem ein.
„Des tollen Herzogs toller Reiter, Just von Burlebecke!“ rief der Bruder Heinrich, sich wieder an den Studenten und die kleine Simeath wendend. „Er hat noch ein gut und lustig Jahr gehabt; dann ist er bei Stadtloo im Ernst erschossen, und niemand hat sein blutend Haupt mitleidig in den Schoß genommen, Leah!“
„Wie war denn das?“ murmelte die Alte. „Es ist soviel nachher gekommen — der Herr Feldmarschall von Tilly und im Jahre Neunundzwanzig der Herr Schwede Baudissin — nein, Neunundzwanzig war’s der Tilly wieder und der Herr von Pappenheim. Der General Graf Baudissin erstürmte Zweiunddreißig die Stadt. — — Dann war der blutige Gründonnerstag — Vierunddreißig. Anno Vierzig berannten Seine Exzellenz der Feldzeugmeister Piccolomini Höxter. Die kamen mit Akkord herein, aber Sechsundvierzig stürmte wieder der Herr Feldzeugmeister Wrangel; — wer redete da von dem Herzog Christian und Just von Burlebecke? Welch ein Jahr schreiben wir heut, Simeath?“
Das junge Mädchen nannte leise die Zahl, und die fiebernde Greisin flüsterte mit geschlossenen Augen:
„Gott Abrahams! der Herr ist der Herr der Heeresscharen; Zebaoth ist sein furchtbarer Name.“
„Das sagte mein Oheim vorhin auch,“ meinte der Student, im schaudernden Unbehagen die Schultern in die Höhe ziehend.
Der Bruder Henricus hatte den Schemel an das traurige Bett der Kröppel-Leah gerückt und saß nun da nieder, sein rostiges Schwert zu seinen Füßen.
„Ja, ja,“ sagte die Greisin, in ihrem verwirrten Sinn sich zurückdenkend, „ich erinnere mich wohl. Wir waren jung, und der Krieg kam eben erst aus dem Böhmerlande zu uns herüber. Mein Vater war der einzige Jüd, der in Höxter wohnen durfte, und ich ein jung Mädchen, Simeath. Wir freuten uns noch des Sommers, und der junge Kavalier ritt mit Lachen in das Stummerigentor. Was trieb mich aus dem Haus? Es ist einerlei — ich trocknete ihm mit meinem Sacktüchlein das Blut von der Stirn. Seine Kriegsgesellen schlugen sich noch mit der Bürgerschaft; er aber sah mich an und sagte: Merci, mademoiselle! er wußte ja nicht, daß ich ein jüdisch Mädchen war. Dann kam der Herr Bürgermeister, und mich zog mein Vater ins Haus, und meine Mutter schlug mich. Sie hörten in der Stadt, mit wie großer Macht der Herzog Christian im Anzuge sei, und da pokulierten sie zusammen auf dem Rathause. Ja, ja, und am Abend, ehe sie ihn vors Tor geleiteten, kam er auf dem edlen Pferd, das ihm die Stadt gegeben hatte, vor meines Vaters Haus, und ich saß am Fenster, und er warf mir seinen Handschuh zu und eine Kußhand und rief: ‚Denkt an Just von Burlebecke, Fräulein; er wird Eurer immer lieb gedenken!‘ Und doch wußte er da schon, daß ich eine Jüdin sei — er war aber ein guter Ritter, und ich habe seiner wirklich oft gedacht. Meine Mutter schlug mich noch einmal am Abend und mein Vater dazu: denn der Rat hatte die Reiterzehrung, die er dem guten Ritter verehrte, auf den jüdischen Mann gelegt. Den Handschuh hab’ ich heimlich versteckt, sonst hätten sie ihn mir mit einem Fluche vor der Nase verbrannt. Dann haben meine Kinder damit gespielt; es ist ein Wunder, daß er noch da ist; — meine Kinder sind tot, dreimal hat mein Haus im Schutt gelegen. Ja, ich hab’ des tapfern Ritters Handschuh von Gronau mitgebracht, o ehrwürdiger Herr, nehmet ihn und lasset es die Simeath nicht entgelten, daß Ihr ihn bei uns fandet. Helfet dem unschuldigen Kinde, der kleinen Simeath, durch diese Nacht!“ —
Das alles war mehr geröchelt als gesprochen worden. Die Greisin schwieg jetzt und atmete im Halbschlaf schwer weiter. Der Greis sprach:
„So ist es, Mutter; wir beide denken noch zurück an die Zeiten des Friedens. Als meine Mutter diesen Handschuh dem Just aufs Pferd reichte, da vermeinte freilich noch niemand, daß länger denn ein Menschenalter durch das deutsche Volk durch einen See von Blut waten werde unter einem Himmel rot und qualmig von den brennenden Städten!“
„Was kümmert’s mich?“ schrie die Kröppel-Leah scharf und schrill aus ihrem Traum heraus. „Meine Väter haben nie Frieden gehabt seit dem Kaiser Titus. Was kümmert’s uns, was ihr gemacht habt aus eurem Lande? Ich ängste mich um Luft; der Schubjack hat mir die Brust zerschlagen, doch ich wollte singen in dieser Nacht, wenn die Simeath nicht wäre.“
„Die Großmutter hat recht mit dem guten Kaiser Titus,“ flüsterte der Student dem Kinde zu. „Nun bin ich auch ein Römer — civis Romanus sum, und kenne mein Latein, Jungfräulein; aber für uns beide soll das kein Grund sein, uns die Gesichter zu zerkratzen.“
„O, freundlicher Herr, scherzet jetzt nicht!“ rief Simeath, die der Greisin eben wieder den Wasserkrug an die Lippen setzte.
Leah trank gierig und lange; dann stieß sie den Krug zurück und setzte sich wieder kräftig auf. Sie wachte nunmehr vollständig und sah hell umher.
„Laß ihn, Kind! Er tut wohl, daß er sich lachend in die Welt schickt. Die Zeit schwingt und schwingt; — auch seine Stunde wird kommen, wo er mit gerunzelter Stirn auf den schweren Pendul sieht. Ehrwürdiger Herr Mönch, Sie waren ein Reiter, nun sind Sie ein Bruder zu Corvey — Ihr seid auch ein alter Mann; habt Ihr den Frieden gefunden in den Mauern der großen Abtei?“
Der Bruder Heinrich von Herstelle hatte, die Stirn mit der Hand stützend, in tiefen Gedanken gesessen, auf die Frage fuhr er auf und wiederholte sie:
„Den Frieden?“
Er zog wie im Spiel den Handschuh Justs von Burlebecke an; dann sprach er:
„Den Frieden? — Geh grad! — Den Frieden? Weshalb sollt’ ich auch den Frieden zu finden wünschen? Ich bin kein gelehrter Mann, wie hier der Herr Student, der den heidnischen Philosophum, den Horatius, auswendig weiß; ich kann’s nicht sagen, wie’s mir zumute ist. In meiner Jugend habe ich Freude gehabt am bunten Leben; — hab’ ich denn den Frieden suchen wollen, als ich ein Mönch wurde? Ja, ja, — denn bei Sankt Veit, es wird wohl so sein! Ei ja, dann hab’ ich ihn gefunden. Ich bin freilich ein alter Gesell, und da hab’ ich mein Genügen zu Corvey; aber — geh grad! — die Zeiten haben mich gelassen, wie ich war, als ich anfing, mich zu besinnen in der Welt. Was Blut und Feuer?! Da das uns vom Herrgott bestimmt war, so mag auch Er — sein Name sei gepriesen — die Rechnung beschließen. Sie wird wohl stimmen, sowohl für ihn als für uns.“
Die Alte lachte rauh:
„Da seid Ihr also auch auf dem Trost, der uns gesungen wird seit den Tagen des Königs Nebukadnezar. Die Stolzen beugen sich, und der Herr lacht über sie — — — —“
„Und dieses alles, weil gestern der Lump, der Monsieur Fougerais, von Höxter abmarschiert ist!“ rief jetzt der Student ungeduldig dazwischen. „Zum Teufel, den Frieden haben wir erst dann, wenn niemand mehr sofort nach dem Prügel im Winkel greift, wenn er sich darauf gespitzt hat zu hören: Vivat Doktor Luther! und es ihm vom andern Tisch herkrächzt: Vivat Clemens der Zehnte — oder umgekehrt! Der Fougerais ist fort — —