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Höxter und Corvey: Erzählung cover

Höxter und Corvey: Erzählung

Chapter 7: Sechstes Kapitel.
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About This Book

The narrative unfolds in a riverside town and its neighboring abbey after military upheaval, depicting ruined bridges, silenced or disordered church clocks, and the patient labor of rebuilding. Against a bleak winter landscape, clergy, local authorities, soldiers, and civilians negotiate occupation, requisitioned bells, and shifting loyalties. A monk sent to observe and report crosses by ferry and encounters secular rulers and garrison life, while scenes alternate between administrative dealings, everyday hardship, and practical repair. Recurring concerns are the material and human cost of conflict and the uneasy coexistence of sacred institutions and secular power.

„Wie Lamm und Wolf befehden sich

Von Anfang an, so hass’ ich dich.

Denk du an den Ibererstrick

Und an die Striemen im Genick,

Item am Bein der Schellenring,

Monsieur, war ein beschwerlich Ding!

Ist das der Weg, auf dem du mich mit dir nehmen willst, o Menas?“

„Kreuz und alle Donner!“ schrie der Fährmann, mit dem Schaume vor dem Mund auf den Studenten losstürzend; aber Wigand Säuberlich warf sich ihm vor und fing seinen Arm auf:

„Halt, halt! Es steht im Buche!“

„Steht das so im Buche? Steht das so in seinem Buche?“ schrie die übrige Kompagneia. „Heraus damit, er soll’s beweisen, der Lambert, daß das so über den Hans gedruckt ist!“

„Es steht in meinem Buch, ihr Herren!“ lachte der Helmstedter, „haltet ihn mir nur noch einen kurzen Augenblick vom Leibe; ich trete den Beweis der Wahrheit an, und nachher gebt jedem ein Rapier; — auf die Faust laß ich mich nicht ein mit ihm!“

Er hatte seinen Horatius hervorgezogen und las und jetzo mit dem allerhöchsten Pathos:

Lupis et agnis quanta sortito obtigit,

Tecum mihi discordia est,

Ibericis peruste funibus latus

Et crura dura compede!

„Sackerment!“ stöhnte die ganze hochlöbliche Gesellschaft und kratzte sich hinter den Ohren. „Gib dich zufrieden, Hans Vogedes, dagegen kommst du nicht auf! Das ist die Zunge, in der sie Urtel und Recht sprechen. Das verfluchte welsche Galgenlateinisch könnte einem den ganzen Spaß von vornherein verleiden. Man sieht dabei ordentlich den grünen Tisch mit seinem Behängsel von Graubärten und geifernden Rat-, Richter- und Advokaten-Schnauzen vor sich! Na, wer geht nun noch mit ins Pläsier?“

Sie gingen dem „Galgenlateinisch“ zum Trotze alle bis auf den Studenten; dieser aber hielt noch eine kleine Rede.

„Bin ich deshalb der erlauchten Mutter Julia, der göttlichen Karoline durchgebrannt, um einem armen Judenweib und seinem Packen schiele Blicke nachzuwerfen?! Apage, apage — weiche von mir, das heißt, ihr Herren, was kümmert’s mich! Macht, was ihr wollt; aber mich laßt damit ungeschoren. Ich werde das Haus hier hüten und die Bank für euch warm halten.“

Es ging noch ein Murren durch den schlimmen Kreis, doch Lambert ließ sich das wenig anfechten. Er rückte behaglich am obern Teil des Tisches neben dem Ofen in die Reihe der noch Sitzenden, indem er das eine Bein über die Bank schwang.

„Bruderherz, bedenke dich noch einmal,“ sprach ihm Wigand Säuberlich zu.

„Bruderherz, das tu’ ich auch; aber sieh mal, Herzbruder, wer sollte denn die Historie eurer glorreichen Heldentaten auf die Nachwelt bringen, wenn einer eurer Knüppel mir im Durcheinander das Hirn ausschlüge?“

„Also ohne dich! Marsch, ihr Brüder! En avant, wie der Herr Kommandante, der Hund, der Fougerais, zum Abschied schrie. Es ist eben eine Zeit, in der jeder seinen eigenen Willen haben muß. Unsere Väter haben es uns nicht anders gelehrt!“

„Bei den unsterblichen Göttern, so ist’s!“ schrie der Student, als aber die Rotte hinausgestürmt war, sprang er von der Bank auf und auf den Tisch und jauchzte:

„Höxter und Corvey!“

So rufen sie dort auf der Kegelbahn, wenn alle Neune fallen.

Sechstes Kapitel.

as wird eine schöne Katzbalgerei werden! Na, Wirt, bist du für Stift oder Stadt?“

„Alle beide sollen verrecken! Komm aber erst herunter vom Tisch, und vertritt mir das Geschirr nicht, ’s ist das letzte, was mir die Welschen heil gelassen haben.“

„Da gilt’s freilich Vorsicht für den Rest, Alter,“ sprach der Student und kam dem mürrischen Worte des Wirtes zum heiligen Vitus nach. Er stieg herunter von der Tafel, reckte und dehnte sich behaglich, streckte sich sodann lang auf der langen Bank aus, zog die qualmende Lampe näher zu sich heran und schob seinen Lauriger jetzt als Ruhekissen unter den Kopf. Dann schlug er die Hände gleichfalls unter dem Hinterkopfe zusammen und sah so halb schläfrig und ganz gleichgültig dem leise vor sich hinbrummenden Hospes zu, der die Gläser und Krüge abräumte und von Zeit zu Zeit an das niedere Fenster oder vor die Tür seiner Spelunke trat, um in die Nacht hinaus- und seinen liebenswerten Stammgästen nachzuhorchen. Aus der Tiefe des Hauses ertönte gedämpft das Krächzen eines Säuglings, dazwischen die singende Stimme der Wirtin zum heiligen Veit. Auch den Wind vernahm man und von Zeit zu Zeit das Niederrauschen eines Regenschauers. Bei allem diesem Getön entschlummerte nach den geistigen und körperlichen Strapazen des Tages Herr Lambert Tewes sanft und schlief eine halbe Stunde besser als vielleicht sonst irgendein Mensch in Höxter.

Nach einer halben Stunde aber fuhr er wieder in die Höhe und starrte verbiestert um sich und nicht ohne Grund.

Die Sturmglocken waren noch nicht ruiniert in Höxter: man läutete Sturm auf St. Kilian und man läutete Sturm auf St. Niklas!

„Was will uns dieser Tummel doch?

Schlagt in den Erdball mir kein Loch!

Hallo, da sind sie aneinander! Juchhe, Höxter und Corvey! Höxter und Corvey!“ schrie der Student jubelnd, und wir — halten uns beide Ohren zu und gehen nunmehr den Weg, den vorhin der gute Mönch, Bruder Heinrich von Herstelle, nach Hause gegangen war.

Heute führt eine schöne Kastanienallee von der Stadt nach der Abtei, und wir wissen von mehr als einem wolkenlosen Sommertage her ihren Schatten zu würdigen. Damals zog sich der Pfad, vom Kriege kahl gefressen, die Weser entlang, nur daß hier und da ein dickköpfiger Weidenstrunk gespenstisch aus dem niedern Ufergebüsch aufragte. Die Nacht und das Winterwetter hatten den Weg für sich; der Bruder Henricus zog die Kapuze über den Schädel und sah nicht nach rechts und links; er stolperte selbst für seine Geduld auf dem durch Rosseshuf und Räderspur aufgewühlten und durchfurchten Boden allzu häufig.

„Dem Herrn sei Lob!“ ächzte er, als er endlich vor dem Tor von Corvey stand und nach der Glocke des Pförtners tastete; allein seine Geduld sollte nunmehr noch auf die höchste Probe gestellt werden. Er hätte ebensogut vor das schlafende Schloß der Prinzeß Dornröschen kommen können.

Er läutete, und er läutete vergeblich.

Sie schliefen alle, vom Herrn Prior, Niklas von Zitzewitz, an bis zum Bruder Pförtner. Kein Lichtstrahl fiel aus irgendeinem Fenster; — wenn Vater Adelhardus, der Kellermeister, noch Licht hatte, so half das Bruder Henricus fürs erste nichts, denn das Gemach des Pater Kellners war gen Osten, dem Flusse zu gelegen und der müde Wanderer kam von Westen vor dem Tor an.

„All ihr Heiligen, was hat der Böse ihnen in den Schlaftrunk gemischt?!“ stöhnte der Bruder Henricus nach zehn Minuten unablässigen Pochens, Rufens und Schellens. Nun hing er sich noch einmal an die Glocke, und nimmer hatte er dieselbe im Kirchenturme so brünstig zur Hora oder Mette gezogen.

„Endlich!“ rief er grimmig, als sich dann das Fenster neben der Pforte auftat und der Pförtner die Frage tat, wer da Einlaß begehre?

Das wurde gesagt und der Bruder Henricus eingelassen. In früheren Jahren würde er jetzo den Torhüter an der Gurgel genommen haben; als alter Mann und demütiger, sanfter Diszipul des heiligen Benediktus aber begnügte er sich mit der unwirschen Frage:

„Nun sagt nur, was ist denn eigentlich hier vorgegangen, daß zu dieser frühen Abendzeit das ganze Stift daliegt wie ein Hamsternest im Januar?“

„Wohlleben und Jubilation, ehrwürdiger Herr,“ erwiderte der schlaftrunkene, kaum auf den Füßen sich haltende und zwischen jeglichen zwei Worten gähnende Pförtner. „Offenes Haus — seit Eurer Abfahrt — wochenlang — die französische Generalität bei Tag und Nacht! — O, wir haben uns als freundliche Wirte erwiesen, mein Frater — wie es uns zukam, mein Frater; — und die französischen Herren waren auch sehr zufrieden mit uns. Wir haben ein gutes Gedüfte von uns mit ihnen in die Ferne entlassen.“

„So, so, hm, hm,“ brummte der Bruder Heinrich von Herstelle, „und derweilen mußte unsereiner im unwegsamen Solling umhervagieren und mit des verdrießlichen Braunschweigers kalter Küche und lackem Kofent vorlieb nehmen! Ei, ei, und ich bringe doch auch Botschaft vom Gange — wichtige Nachrichten! Ist denn niemand von den Vätern noch wach, daß er sie mir abnehme und mich der Responsabilität erledige?“

„Keiner! Wir sind alle zu Bett in der großen Müdigkeit; — wenn — nicht vielleicht der ehrwürdige Vater Adelhard —“

„Aha!“ brummte der Bruder Henricus. „Saget nichts weiter, mein lieber Sohn! Ich danke Euch, daß Ihr mir das Tor geöffnet habt; nun leget Euch wieder, und Sankt Benediktus versorge Euch mit einem heilsamen und frommen Traum.“

„Euch desgleichen, mein Frater,“ erwiderte der Bruder Pförtner und zog sich zurück in seine Zelle; der Bruder Henricus fand seinen Weg schon allein.

Er tappte die Gänge und Zellen entlang, und hinter mancher eichenen Tür hervor vernahm er das sonore Schnarchen der Brüder und Väter im Herrn.

„Wie die Engel schlafen sie,“ brummte der Bruder Henricus, fügte aber sonderbarerweise an: „Na, na!“

So kam er vor der Pforte des Stiftskellners Adelhardus von Bruch an und klopfte.

Domi!“ klang es im tiefen Baß — domi, das heißt „Bin zu Hause! Bin drin!“

„Gott sei Dank,“ murmelte Bruder Heinrich und trat ein mit dem durch die Ordensregel des heiligen Benedikts vorgeschriebenen Gruße. Wer aber nicht die Responsen darauf sang, das war der Vater Adelhardus. Der war wirklich drinnen; er saß breit im bequemen Stuhle vor dem Eichentisch, und wenn das, was da vor ihm stand, die letzten Überbleibsel vom französischen Feste waren, so war’s freilich hoch hergegangen zu Corvey, aber auch noch mancherlei übrig geblieben.

Eine Schüssel mit einem zur Hälfte leider vertilgten gekochten Schinken! Eine Schüssel mit dem Gerippe eines Truthahnes! Ein Brot wie ein halbes Wagenrad und eine Reihe von Erdkrügen und Glasflaschen nebst einem Humpen, der an und für sich, das heißt durch seine äußere Erscheinung, schon das Auge erfreute, was auch der Inhalt sein mochte!

Non confido oculis meis, ich traue meinen Augen nicht!“ rief der Vater Adelhardus, ein wenig lallend. „Bist du es, mein Sohn Heinrich?“

„Ich bin es, und was ich sehe, gefällt mir wohl,“ erwiderte der brave, alte Reitersmann und gute Bruder von Corvey, Heinrich von Herstelle.

Cor meum prae gaudio exultat, das Herz hüpfet mir vor Freude. Soll ich aufstehen, mein Sohn, dir entgegenzueilen? Desiste, stehe ab davon — setze dich lieber selber, denn ich weiß, daß man dich auf einen mühseligen Gang hinausgesendet hat ad paganos, zu den Heiden — in die Wüsten, per deserta ac solitudines. Ich habe dich sehr vermisset, mein Sohn, in dem Drangsal der letzten Zeiten.“

Der Bruder Henricus stellte seinen Stab im Winkel ab und kam und sah hin über den Tisch, und froh, gutmütig und heimisch-behaglich lächelnd auf den Kellner im Weinberge des Herrn.

„Ich bin gewandert und habe gesehen. Ich bin zurückgekommen mit Nachricht aus der Wüste und dem wilden Wald. Wollen Sie den Herrn Priorem wecken, mein Pater, daß ich berichte, was ich sah und erkundete?“

Non sum hebes nec stupidus, da müßte ich ein Esel oder ein Schafskopf sein. Setze dich, mein lieber Sohn, und erzähle fürs erste mir, was du sahest — für die andern hat’s Zeit bis morgen.“

„Der Herr Prior hat mir aber bei seiner Seele anbefohlen, nach meiner Rückkehr sogleich vor ihm zu erscheinen, sei es bei Tage, sei’s bei Nacht.“

„Halt!“ rief der Vater Adelhard, beide weiche und breite Hände auf die Lehnen seines Sessels stützend und sich also mühesam erhebend: „Er erboset uns auch, so oft er kann; ärgern wir ihn desgleichen! Komm mit mir, mein Sohn Heinrich; ich wecke ihn dir.“

Sie weckten ihn wirklich, den Prior von Corvey, Herrn Nikolaus von Zitzewitz, und er nahm ihren Eifer auf, wie es sich gebührte.

Der Kellermeister ging zu ihm hinein, nachdem er dem Bruder Henricus heimtückisch-schalkhaft den Ellenbogen in die Seite gestoßen hatte. Der Bruder Henricus wartete vor der Tür; aber er hatte gar nicht lange zu warten.

„Seine Hochwürden lassen dich grüßen, mein Sohn, und geben dir ihren Segen —“

„Und?“

„Er hätte mir beinahe das erste, was ihm unter seiner Bettstatt zuhanden kam, an den Kopf geworfen. Morgen bei guter Zeit will er mit dir reden und dich anhören, mein Sohn. Wünschest du nun vielleicht, daß wir auch zum Bruder von dem Felde, dem Vater Florentius, dem Herrn Subprior, uns verfügen?“

„Ich denke, wir lassen es hiermit bewenden,“ meinte der Bruder Henricus ein wenig kläglich und verdrossen.

„Oder zum Vater Metternich, unserm guten Probst Ferdinandus?“

Der Bruder Henricus schüttelte nur den Kopf.

„Dann komme du wieder mit mir! Ich bin der einzige im Stift, der dir noch ein Nachtessen und einen Trunk verschafft.“

Der Vater Adelhardus legte traulich seinen Arm in den seines greisen Sohnes: „Ich sagte es dir ja; die Mühe hätten wir uns ersparen können,“ sagte er, als sie wieder in seinem Gemache vor dem Schinken und dem Truthahn saßen, und der Bruder Henricus den vorbemeldeten Humpen nach einem langen, langen Zuge, — wiederum seufzend, aber diesmal ganz behaglich — seinem — besten Freunde im Stift Corvey zum ersten Mal zurückschob, nämlich zu neuer Füllung aus einem der ungeheuerlichen grauen Steinkrüge mit dem in Blau gemalten Wappen der Abtei.

Siebentes Kapitel.

aß in Corvey die Mauern noch heil und die Türen nicht ausgehoben oder eingeschlagen waren, wissen wir jetzt; in der Beziehung hatte das Stift es besser als die Stadt; sonst aber ließen die Zustände nach dem Abzug der hohen Bundesgenossen auch bei den guten Benediktinern vieles zu wünschen übrig.

Der Pater Adelhardus gab nunmehr dem Bruder Henricus ausführlichen Bericht darüber.

„Ich rate dir, mein Sohn,“ sprach er, „halte dich an die Knochen; ich habe einen harten Kampf gefochten, ehe ich sie hier im Klosett in Sicherheit hatte. O gula, gula hominum! Ach, über der Menschen Freßgierigkeit! es war nicht einer, nicht ein einziger unter der Brüderschaft, der mir die schmalen Bissen gönnte. Aber sie sollen es verspüren beim nächsten Bräu; Cellarius sum, ich bin der Kellermeister! Halte du dich an mich und nimm vorlieb mit dem Schinkenbein; an den Puterhahn hab’ ich mich gehalten; doch nur weil seine Besitzergreifung mir die größesten Ängste und Nöte verursacht hat. Wahrlich, sie bliesen alle selber die Kämme auf und waren hinter mir drein mit kalekutischem Gekoller, sed palmam reportavi, ich habe obgesieget!“

„So schlimm steht es hier bei Euch, Vater Adelhard?“

„Woui, mon fils. Ehe sie uns nicht neues Schlachtvieh aus den obern Dörfern zutreiben, ist freilich Hunger der beste Koch zu Corvey. An den Geflügelhof mag ich gar nicht gedenken. Halte dich an den Schinken, Sohn Heinrich: Buchweizen heißt es morgen, und Buchweizen wird es auch übermorgen heißen. Buchweizen, Buchweizen, eine gesunde Zukost; aber ich liebe dich, Henrice, und bin nicht wie die anderen: ich gönne dir den Schinken und sehe zur Seite, während du speisest.“

Er sah wirklich weg, wenngleich tief seufzend.

Und es blieb freilich von dem Schinken wenig für den andern Tag übrig. Seit langer Zeit hatte kein Corveyscher Mönch sich mit so gutem Rechte zu seiner „Palme“ eine Märtyrerkrone verdient, wie der Vater Adelhard von Bruch an diesem Abend.

Jetzo aber schlug der mächtige Knochen wie Holz auf den Teller; der Bruder Henricus war gesättigt, und der Humpen nahm seinen Weg zwischen den beiden braven alten Gesellen wieder auf.

„Du hättest doch zu Hause sein sollen,“ sprach der Cellarius. „Wie es bei uns herging, als der Herr von Turenne sein Hauptquartier in Höxter nahm, weißt du noch; aber wie freundlich noch zu guter Letzt der Kommandante, den Turennius uns zurückließ, der Herr von Fougerais, war, das ist dir nun leider entgangen. Hoch ging’s her, bei Tage und bei Nacht. Sie konnten nicht von uns lassen, und es wäre auch dumm von ihnen gewesen, denn wir trugen ihnen auf, daß die Tische knackten — o, du hättest die Brüder sehen sollen. Das ging so hin — unser griechischgelehrter Vater Agapetus hat es uns aus dem Homero verdeutschet — weißt du, Sohn Heinrich, wie, wie — im Schlosse des Königs Odixus; und das Stift war die Königin Penelope, und die Franzmänner waren die ambitores, die proci, die Freier! Ebibe! trink aus, mein Sohn; deposuimus eos vino, wir haben sie häufig genug zu Boden getrunken; aber sie standen immer am andern Morgen wieder auf. Seine fürstlichen Gnaden von Münster, unser Herr Administrator, können es uns nimmer vergessen, was wir alles angestellt haben, um hochdero Verbündeten den Aufenthalt bei uns kommode zu machen; ob sie uns freilich die Auslagen wieder ersetzen werden, das stehet wohl dahin. Man hat so glorreiche Alliierte eben nicht um ein Stück Haferbrot und einen Trunk aus der Schelpe, was sonst ein gar kühles und gesundes Wasser sein soll!“

„Das meinte der Braunschweiger hohngrienig auch,“ sagte der Bruder Henricus.

„Davon nachher. Jetzt laß dir weiter erzählen. Siehe — da liegt der Schinken — knochen! Wir hatten sie zu Hunderten in der Rauchkammer, einen bei dem andern; vordem ein Anblick des Ergötzens, nunc lugubris et tristis memoria! Weg sind sie! Ja, ja, mein Sohn, via ad coelum nonnisi lacrymis struitur — der Weg zum Himmel gehet durch ein Tränental. Wir hatten sie, Gallos, meine ich, auf dem Tische und bei Tische. Weg sind sie, galli et Galli. Die einen in die Mägen der andern; und wie es den Hennen zu Höxter ergangen ist, das werden die nächsten neun Monden ausweisen. Da waren sie sich alle gleich, die aus dem Languedoc und die aus der Bretagne, die aus der Normandie und die aus der Pikardie, und ihr Haupthahn war nicht besser als sein Volk. Diabolus accipiat animam ejus, der Böse nehme ihn beim Kragen auf seinem Wege nach Wesel. Na, mein Sohn, du rittest mit dem Tilly in deiner Jugend, du weißt Bescheid —“

„Sprechen Sie jetzo das Gratias, mein Pater,“ seufzte der Bruder Henricus. „Grade weil ich mit dem Tilly ritt, will das mir in diesem Momento nicht anstehen. Nachher wollen wir uns schlafen legen.“

„Das wollen wir mit nichten,“ rief der Pater Adelhardus. „Omnia tempestive, alles zu seiner Zeit. Habe ich mich deinethalben so heiser gesprochen, so berichte mir nun auch, was du uns Gutes mitbringst vom Herzog Rudolfus Augustus.“

„Das mögt Ihr nun nehmen, wie Ihr wollt,“ flüsterte der Bruder Henricus. „Er hatte den Wald, den Solling, gewaltig verrammelt. Er stand mit Geschütz, Reitern und Fußvolk vom Idth her bis an den Fluß. Bis hieher und nicht weiter! sprach er, nachdem er mir seine Rüstung hatte vorweisen lassen. Es wäre selbst für den Turennius ein harter Marsch durch den wilden Forst und die Weserberge gewesen.“

„Deshalb blieb er auch confortabiliter bei uns und zeigte den Huxarienses, den Höxternschen, und uns seine und unseres Herrn Bischofen und Administratoren Macht und Gewalt!“

„Nachher fand ich heute die Weserbruck abgebrochen.“

Der Cellarius von Corvey neigte bedächtig das Haupt:

„Es hat alles seine Gründe in dieser Welt. Diesmal sind wir in Holland in Not, sonsten wäre es uns noch länger ganz wohl zu Corvey gewesen; — nicht wahr, messieurs? — Uns? uns! lieber alter Sohn Heinrich, wir leben in einer bittern, verworrenen Zeit. Haben wir die Pikenierer und Musketierer des Braunschweigers hier gehabt, so könnten wir wohl auch noch einmal seine Artolleria über den Fluß rücken sehen. Der Herr von Fougerais war ein kluger Mann und marschierte mit dem Bart auf der Schulter ab. Sohn Heinrich, weißt du, was mir ein Himmelstrost ist in diesen schlimmen Tagen?“

„Nun, mein Pater?“

„Daß ich nur Kellermeister zu Corvey bin und nicht Herr Christoph Bernhard von Galen, Bischof zu Münster; und daß nach unseres guten Abts Arnolden seligem Abscheiden Er Administrator vom Stift und von hochberühmter Abtei geworden ist, und ich nicht Abt. Jetzo können wir zu Bette gehen, mein Sohn!“

Das konnten sie freilich; sie kamen nur fürs erste noch nicht dazu. Sie hörten die nämlichen Glocken, von denen der Helmstedter Student, Herr Lambert Tewes, in der Schenke zum heiligen Veit erweckt wurde aus seinem Schlummer.

„St. Vitus, was ist dieses?“ rief der Bruder Henricus, die Hand hinters Ohr legend.

„Hörst du etwas, Henrice?“

„Es klingt wie Sturm.“

„So summt es mir schon tagelang im Kopfe; — ich meine, es liegt in der Corveyschen Luft. Collusio Diaboli, Täuscherei und Blendwerk des Teufels! Wir wollen schlafen gehen.“

„Nein, nein, das ist keine Gaukelei der Luftgeister. Sie läuten Sturm zu Höxter!“ rief der Bruder Henricus. Er war zu dem hohen Fenster mit den kleinen runden Glasscheiben getreten und hatte einen Flügel geöffnet.

„Hören Sie, mein Vater?“

„Sohn Heinrich, du hast wieder einmal recht. Hilf mir auf; o, über die Heringskrämer, sie werden wohl auch einen Brand zu löschen haben! Sehen wir, ob der Himmel im Westen rot wird.“

Auf den Bruder Henricus gestützt, wackelte der brave Vater Adelhardus durch den langen Korridor in den westlichen Flügel des Gebäudes, und beide Alte sahen neugierig nach der Stadt hin. Das Himmelsgewölbe war und blieb aber dort dunkel; und es war gleich schwarze Nacht im Morgen und im Abend.

„Dann ist es etwas anderes; und nun werden der Herr Prior, samt Subprior und Probst doch wohl aus den warmen Nestern herfürmüssen,“ brummte der Cellarius, zwischen Schadenfreude und eigener Unbehaglichkeit schwankend.

„Ich habe es mir wohl gedacht; es sah böse aus in Höxter, als ich heute abend von der Fähre kam. Die Gassen gefielen mir nicht, und was darin geredet und geflüstert wurde, gefiel mir noch weniger.“

„Rebellion? Tumult in der Stadt? Seditio ante portas?

„Unsern teuren Brüdern zu St. Niklas war’s auch nicht wohl zumute.“

„Also das alte Spiel! Trumpf Luther, — Trumpf Papst! der Herr schütze uns, Schellenkönig — Eckerdaus! Stich Münster — Stich Braunschweig! — zieht Ihr die Lärmglocke von Corvey, Frater Henricus; treibt mir die Klostermannschaft in die Hosen; ich will die Väter und Brüder hervorpochen. O Herr von Zitzewitz, ach Herr von Metternich, der Herr gibt es den Seinen im Traum. Ho, ho, heraus! heraus! all’ arme! all’ arme! Huxar im Aufstande!!!“ —

Nun war es doch spaßig, in diesem Moment in diesem Korridor der großen Abtei Corvey zu stehen und darauf zu achten, wie auf den Waffenruf das sonore Schnarchgetön hinter den Zellentüren plötzlich stille stand — als ob ein Mühlwerk angehalten wurde. Dann aber polterte und grummelte es hinter diesen Türen, dann öffneten sich die ersten derselben — dann wimmelte es hervor und zwar aus allen.

„St. Veit und Benediktus, was gibt es denn nun schon wieder?“

Der Vater Adelhardus ließ sich auf keine Antwort ein; er weckte den Herrn Prior zum andern Mal. Der Bruder Heinrich von Herstelle aber, ein Mann, dem es ganz gleichgültig war, ob in seiner Abtei die fünf ersten Bücher der Annalen des Tacitus wiedergefunden worden waren, verstand es dagegen noch ganz trefflich, eine Lärmglocke zu ziehen und eine Wachtmannschaft in den Harnisch und an die Spieße zu bringen.

Corvey lief durcheinander:

„St. Veit, die Braunschweiger sind über den Fluß! St. Benedikt, der Fougerais ist umgekehrt. Sie sind im Handgemenge in Höxter! Aus den Betten für das Stift! Auf für Christoph Bernhard, — auf für Corvey!“

Die ältesten Greise wankten hervor. Der Propst Ferdinand von Metternich kam; es kam der Subprior Florentius von dem Felde, und zuletzt kam auch der Herr Prior Nikolaus von Zitzewitz.

„Das war mir eine schwere Mühe,“ erzählte nachher der Vater Adelhardus. „Elinguis stabat, gleich einem Ölgötz, gleich einem Stocke stand er und rieb sich die Augen. Vae turbatori; wer auch die Schuld davon tragen mag, — mir vergißt er die Molestierung in seinem Leben nicht.“

Dem sei nun, wie ihm wolle, — so kam Corvey auf die Beine! ... Höxter und Corvey!

Achtes Kapitel.

as uns anbetrifft, so kamen wir von den Beinen noch gar nicht herunter. Verfügen wir uns zurück nach Höxter, und zwar mit kühler Stirn und gelassenem Gemüt: es ist uns beides vonnöten, und des letzteren rühmen wir uns vor allem. Der große Autor der Dasselschen Chronik Meister Hans Letzner, natürlich schnöde zubenamset der Fabelhans, konnte nicht kritisch-ruhiger in den Wirrwarr seiner Tage oder insbesondere in das Getümmel des St. Vitus-Festes hineingucken, als wir in diese Höxtersche Lärmnacht nach dem Abmarsch des Marschalls von Turenne und des Herrn von Fougerais.

In der Stadt war längst alles auf den Beinen! Der Grimm mußte heraus, und jetzt hatte eben die Gärung den Zapfen aus dem Spundloch getrieben: sinnverwirrend ergoß sich die trübe Flut, und da wir von Corvey kommen und also wissen, wie es dort aussieht, so wissen wir auch, daß fürs erste niemand vorhanden war, der den Ölzweig über diese schlimmen Wasser hintragen oder noch besser das Öl selber in sie hineingießen konnte. Auch die Frauen befanden sich in den Gassen, und das war das Allerschlimmste. Sie, die Weiber, hatten auch von der französischen Einquartierung zu leiden, und zwar in mehr als einer Weise, und wahrhaftig mehr als die Männer. In welchen Winkeln hatten sie sich mit ihren heulenden hungernden Kindern verkriechen müssen! Glücklich noch, wenn sie nicht daraus hervorgezogen wurden, um die tägliche und nächtliche Lustbarkeit durch ihre Gegenwart zu verschönen. Nun kamen sie von ihren leeren Speiseschränken, versudelten Betten, verschweinigelten Fußböden und suchten ihrerseits die geeigneten Persönlichkeiten und Zustände, an denen sie ihren Grimm und Groll auslassen konnten. Katholikinnen wie Lutheranerinnen waren sich darin einig, daß mehreres gesagt und getan werden müsse, ehe es wieder Ruhe und Anstand in Höxter geben könne, und an ihnen — den Höxterschen „Dames“ — hatte der Helmstedter Relegatus, Herr Lambert Tewes, vor allem sein Vergnügen.

Meister Lambert, von seinem harten Lager in der Schenke zum heiligen Veit auffahrend, wie beschrieben, schob den Horatius, der ihm als Kopfkissen gedient hatte, in die Tasche und sprang vor die Tür der Schenke. Wir haben auch bereits dem Leser mitgeteilt, daß diese Kneipe am Corveytor, also ein wenig entfernt vom Mittelpunkte der Stadt, lag. Demnach war es still in der Umgegend; der ausgebrochene Tumult wütete mehr in der Mitte der Stadt, und weitbeinig verfügte sich der Student dorthin.

„Was würde mir nun das beste Federbett nebst Schlafrock und Pantuffeln geholfen haben? Was hilft es nunmehro dem Herrn Oheim, daß er die Zipfelkappe über die edlen Ohren zog? Muß er nicht auch heraus? Er muß! Ja, ja, wieder hat es sich gezeigt, daß die Bank das einzig richtige Lager für die Zeitumstände ist. Paratus sum! und hinein mit Lust und Mut in des Säkulums Pläsier und Jokosität. Ein einziger Jammer ist es nur, daß man hier nicht rufen kann: Bursche ’raus! wie unter den Fittichen der hochgelobten Julia Karolina.“

Es ging auch ohne das. Von einem heftigen Zulauf des Pöbels mitgezogen, tauchte er, natürlich mit dem altbekannten Quo, quo scelesti ruitis, jedoch ohne das diesmal in deutsche Reime zu bringen, zuerst vor der lutherischen Pfarrei aus dem wüsten Schwall auf und schwang sich auf einen Prellstein; natürlich nur, um besser sehen zu können, was man eigentlich mit den lieben Verwandten im Sinne habe.

„Sieh, sieh!“ sagte er, und die Szene war in der Tat recht kuriös zu betrachten. Die katholischen Huxarienses stürmten die lutherische Pfarrei und waren natürlich zuerst auf die Frau Pastorin gestoßen, die von der Pforte ihres Hauses aus, mit dem Besen in der Hand, den tollen Haufen fürs erste noch mit merkwürdigem Erfolg bekämpfte. Über sein Weib weg sprach der ehrwürdige Herr mit hocherhobenen Armen Vernunft und dieses ganz vergeblich; — sein Küster war’s, der im Turm von St. Kilian am Glockenseil hing und für die Augsburgische Konfession um Hülfe läutete, während von St. Nikolaus herüber das Geläut kam, das für den zehnten Klemens — Altieri — sich an die städtischen Auktoritäten, das Stift Corvey, den Bischof von Münster und den dunkeln, stürmischen Nachthimmel wandte.

Sie hatten Fackeln mitgebracht, die Tumultuanten, um ja an keinen Stein auf ihrem Wege zu stoßen. Bei dem flackernden Lichtschein beobachtete der Student alles ganz genau, hielt sich jedoch seinerseits vorsichtig so viel als möglich im Schatten.

Coraggio, chère tante,“ jauchzte er. „Siehest du, Freund Säuberlich, das heißt man eine treffliche Quart. Pariere den! ... Hui, der saß wieder, gerade auf dem Schnabel. Siehst du, mein Sohn, da hast du dein Maul voll von dem französischen Nachlaß in den Gossen von Höxter! O papae, schlägt die Papissa eine gute Klinge oder besser einen saftigen Besen!“

Das tat sie; allein zuletzt half es doch wenig gegen den übermächtigen Andrang. Sie wich, und wäre die Päpstin Johanna an ihrer Stelle gewesen, so würde die auch gewichen sein. Der Student auf seinem Steine drückte die Faust auf die Milz:

„Was fällt er ihr denn in die Parade? Soll das Wort hie mehr helfen als die Tat der Heldin? Retro retrorsum, Domine Pastor, halten Sie sich nicht auf! Herr Onkel, — da, da!“

Es war ungefähr so. Der würdige Herr von St. Kilian hatte eingesehen, daß hier sein Wort von so schlechtem Nutzen sei als der Besen seines Ehegesponses. Er hatte den Arm der Gattin erfaßt und zog sie rückwärts die Treppenstufen hinauf in die Pforte des Hauses. Hinter ihnen drein brüllte der Haufen, hinter ihnen drein lachte der schadenfrohe Neffe:

„Holla, es ist nicht das erste Mal heute, daß Ihr sie einem vor der Nase zuschlagt und den Riegel vorschiebt! So habt Ihr es denn, wie Ihr es gewollt habt!“

Contra aegida Palladis ruere, mit dem Kopf gegen die Schürze der Weisheit stoßen, nannte er’s dann, als die Vordersten der erbosten Bande, von den Hintersten geschoben, mit den Stirnen gegen die verrammelte Pforte anrannten. Das Höxter des Jahres 1673 ließ die Knüppel fallen und griff zu den Steinen.

Es flog der erste gegen die lutherische Pfarrei, ihm folgte das erste Dutzend. Noch einen kurzen Augenblick zeigte sich Dominus Helmrich Vollbort am Fenster, dann verschwand er im Innern des Hauses. Die geistliche Frau hielt sich einen Augenblick länger; jedoch die Ochsenaugen zersplitterten um sie her. Sie verschwand gleicherweise, während, wie der Pater Adelhardus sich ausgedrückt haben würde, die infestatio cum bombardis, das Bombardieren fortdauerte. Und in dem Augenblicke, wo die Not am größesten wurde, verstummte der angstvolle Hülferuf vom Turm; eine Handvoll biederer Höxteranischer Stadtinsassen hatte die Tür des heiligen Kilianus, durch welche der Küster eingeschlüpft war, erbrochen, hatte den Küster am Werk und am Seil gefunden, und — jetzt läutete er nicht mehr, sondern aber es wurde auf ihm geläutet; er bekam Prügel, entsetzliche Prügel.

Zerreißen, um an zwei Orten zugleich sein zu können, konnten wir uns leider nicht, aber daß die Katzenmusik, welche die lutherischen Huxarienser zu Ehren des französischen Abmarsches den Minoriten bei St. Niklas besorgten, nicht geringer ausfiel als die bei St. Kilian, das können wir auf unser Wort und unsere Ehre versichern! Die katholische Pfarrei litt nicht weniger von den Freunden unseres Freunds Lambert Tewes als die lutherische; das Schauspiel war das nämliche dort wie hier. Es fiel in Wort und Werk nichts daneben, und der einzige Trost für die Herren bei St. Niklas am Klaustor lag einzig und allein in dieser bösen Nacht darin, daß es den „Herren von der andern Seite“ gerade so ergehe: ein leidiger Trost ist eben auch ein Trost.

Wäre es nunmehr nicht unsere Pflicht, nach dem Burgemeister zu laufen? Durchaus nicht, denn er kommt am letzten Ende doch immer ganz von selber, und so auch jetzt, und zwar begleitet von den Ältesten und Würdigsten der Gemeinde.

Ächzend kam er, Thönis Merz der Bürgermeister, und mit ihm die andern: Kaspar Albrecht der Senator und Jobs Tielemann und Heinrich Kreckler und Hans Jakob zum Dahle, und Hans Freisen und Hans Sievers und Hans Tropen und Hans Heinrich Wulf und Heinrich Voßkuhl und Adam Sievers, die Dechanten von den Gilden und Konrad Kahlfuß der Gemeinheit Meister! Sie erschienen, um Ordnung zu stiften, und etwas Großes war das auch gar nicht, wenigstens an dem Orte, an welchem sie jeweilig auftraten.

„De Burgemester!“ krächzte eine Stimme im Haufen, und sofort kam ein Schwanken und dann ein Erstarren in die wogende Flut. Kopfüber stürzten die Angreifer von den Treppenstufen des Pfarrhauses hinunter, auseinander stob der Pöbel, und der Konsul stieß dem Senator den Ellenbogen in die Seite und sprach:

„Gevatter, was habe ich gesagt?!“

Ob es aber mehr darauf, was er gesagt hatte, oder was der Herr Pfarrer und die Frau Pfarrerin jetzo sagten, ankam, das wollen wir dahingestellt sein lassen. Wer da sagt: Racha! der ist des Rats schuldig; und es wurde dergleichen ausgerufen; — sehen wir zu, wo derweilen unser Helmstedter geblieben ist. —

Wenn das erboste katholische Volk bei St. Kilian auseinander gelaufen war, so war’s danach freilich noch nicht ruhig nach Hause und ins Stroh gegangen, sondern im Lauf durch die Gassen St. Niklas zu.

Leichtfüßig war der Student von seinem Eckstein heruntergesprungen. Er hatte alles hier in Obacht genommen, was ihn interessieren konnte, doch die Blüte des Spaßes pflückte er nun erst ab.

Der Platz vor der Pfarrerwohnung war leer. In der wieder geöffneten Tür standen heftig gestikulierend der Onkel und die Tante, auf den Treppenstufen der Bürgermeister mit der Hand auf der Brust, am Fuße der Treppe in einem Halbkreis der Chor der Senatoren, Patrizier, Tribunen und Gilden-Hauptleute. Gravitätisch schritt jetzt Herr Lambert Tewes aus der Dunkelheit hervor, in das Licht der Laterne, die der Gemeinheit Meister Konrad Kahlfuß trug, hinein, zog höflich den Hut, verbeugte sich tief und richtete an die Herrschaften das, was achtzig Jahre später die Literaturbriefe, wenn sie Herrn Dusch vornahmen, „mit unsern galanten Briefstellern die Courtoisie nennen.“ Dann schritt er langsam querüber in die nächste Gasse und lief, sobald er der entrüsteten Auctoritas aus den Augen war, so schnell ihn die Füße trugen, dem Tumult bei St. Nikolaus zu:

„Wer fürchtet des Skythen, des Parthiers Wut,

Wer scheuet Germaniens greuliche Brut?

Nun sitzt man geruhig beim fröhlichen Schmaus,

Es schändet kein Frevler des Biedermanns Haus!“

Hiemit, das heißt mit diesem heitern, wenn auch nicht völlig zutreffenden Zitat aus der fünften Ode des vierten Buches der Lieder des Quintus Horatius Flaccus kam er an bei den Minoriten am Klaustor und wiederum ganz im richtigen Augenblick.

Neuntes Kapitel.

anz zur richtigen Zeit, denn eben schwieg die katholische Sturmglocke, und bekam der katholische Küster gleichfalls Prügel. In ganz Höxter aber hatte Lambertus keinen bessern Bekannten als Jordan Hunger, den katholischen Küster; dieser ging noch über den Fährmann Hans Vogedes, den Korporal Polhenne und Seine Hochedelgeboren Herrn Wigand Säuberlich, der mit dem Studenten dem Onkel Vollbort durch die Schule gelaufen war und wie er, Meister Tewes, auf keiner Seite Partei nahm, sondern auf jeder nur sein Vergnügen.

Dieses Vergnügen war nunmehr vor der Pfarrwohnung der von Christoph Bernhard bei St. Nikolaus eingesetzten Minoriten im vollen Gange. Der von St. Kilian herströmende katholische Haufen fiel dem lutherischen beim heiligen Niklas nicht in den Arm, sondern in die Arme. Im letzten Grunde hatten sie alle nur den einzigen Zweck, Unheil zu stiften, und das verrichteten sie denn auch, und zwar ohne jegliche Courtoisie. Das Steinbombardement auf die Fenster der katholischen Herren wurde ebenso kräftig unterhalten, wie das auf die Fenster des Onkels Vollbort.

„Sieh, sieh!“ sagte auch hier wieder der Studente fröhlich; doch eben, als er sich von neuem auf den Prellstein schwingen wollte, faßte ihn ein Weib am Rockschoß, zog ihn zurück und zeterte:

„Um Jesu Christi willen, Herr Magister, sie haben meinen Mann totgeschlagen! Er liegt unter den Glocken, und sie tanzen auf ihm herum!“

O mon dieu!“ rief der Consiliatus. „Ist Sie es, Gevatterin? Mon dieu, und er war doch so gut Freund mit dem Fougerais bei unserm letzten Disput!“

„Dafür haben sie ihn auch windelweich geschlagen, und er liegt unter seinem Seil. O Lambert, kommt und helft mir, laßt Euren besten Kameraden nicht umkommen. Sie sagen, das Stift sei auf dem Wege hierher; aber was hilft das mir, wenn sie mir meinen Mann vorher zunichte gemacht haben. Das leiden wir nun um Corvey!“

„Höxter und Corvey!“ jauchzte der Student, und dann ließ er sich von der Küsterin den Glocken von Sankt Nikolaus nur zu gern zu ziehen. Der Spaß war ihm in dieser Nacht eben überall in Huxar.

Weggelaufen war der unglückselige Monsieur Jordan nicht aus seinem Turmgewölbe während der Zeit, daß sein Weib hingegangen war, die barbarische Welt um Hülfe anzuschreien. Er lag unter seinem baumelnden Seile noch da, wie ihn seine nichtswürdigen Feinde und seine brave Gattin verlassen hatten, mit der Nase im Staube. Seine Schultern zuckten, er zappelte mit den Füßen und ächzte jämmerlich.

Mit der Nase im Staube! und der Student wußte sofort ein Zitat aus dem Horaz und trug natürlich dasselbe dem Unglücklichen, Geschlagenen erst lateinisch und sodann in freier deutscher Übersetzung vor:

„So stürzet der Tannbaum mit donnerndem Hall,

So liegt nun der Küster nach furchtbarem Fall!

Im Blachfeld des Teukrers, dem Feinde zum Raub,

Druckt itzt Don Bravatscho die Nas’ in den Staub!“

„Hu,“ winselte der Küster von Sankt Niklas, „bist du’s, Lambert? Ist meine Frau auch da? Hu, dreht mich um — um Gottes Barmherzigkeit sachte! vorsichtig, sachte. Die Teukrer, oder wie das Dorf heißt, waren es nicht; der Teufel vergelte es den Höxterschen Bösewichtern, die mich um der Kirche willen so greulich zugerichtet haben. O, o, o, das ist viel schlimmer als die letzte Schlacht um die Bosseborner Laterne — weißt du, Lambert, die vor drei Jahren, in der du auch einen Prügel führtest, obgleich es dich als lutherschen Ketzer gar nichts anging.“

Der Student hatte den Armen weich und vorsichtig unter den Armen gefaßt, während die Frau Küsterin die Füße gehoben hatte, um den halb Geräderten auf den Rücken zu legen; aber der Küster hatte zu seinem Schaden sein letztes Wort hervorgestöhnt.

Als Herr Lambert Tewes von der letzten Bosseborner Laternenschlacht hörte, ließ er sofort los und streckte, um einem ganz andern Gefühl als seinem Mitgefühl Luft zu machen, die ausgespreiteten Hände hoch in die Luft.

Mit einem lauten Aufschrei fiel der Küster wieder auf das Gesicht; doch lustkreischend schrie der Student:

„Bei den unsterblichen Göttern, die Bosseborner Laternenschlacht! Ei freilich, Jordan, von dorther bist du’s schon gewohnt, den Mund voll der ernährenden Erde zu nehmen. Du kriegtest wahrlich dein gut Teil ab von der Prügelsuppe in der Küsterschlacht.“

„Aber es war doch eben eine Küsterschlacht!“ winselte Jordan Hunger, „eine katholische Küsterschlacht! wir schlugen uns doch nur unter uns selber um die Ehre Gottes; aber diesmal —“

Er vermochte es nicht, seinen Satz zu Ende zu bringen; jedoch der Student nahm ihm das Wort tröstend ab:

„Sei nur still, Alter, das Martyrtum ist auch um so größer.“

„Hu, das brauchst du mir wahrlich nicht zu sagen,“ stöhnte der Märtyrer, und während man ihn von neuem umwendet und fürs erste mühsam in eine sitzende Stellung bringt, können wir unseren Lesern mitteilen, was es mit der Bosseborner Laterne auf sich hat.

Heute geht das Ding als eine Sage um, mit welcher sie Die von Bosseborn vom Dorfvorsteher bis zum letzten Kossaten bei jeglicher passenden Gelegenheit bis aufs Blut, wie die eine Redensart, oder bis zum Schwarzwerden, wie die andere heißt, ärgern. Sie, die Bosseborner nämlich, sollen, von einer Hochzeit nach Hause ziehend, ihren Weg durchaus nicht mehr gefunden haben, sondern arg in Gestrüpp, Sumpf und Moor verloren gegangen sein. Da soll denn der Küster, der Nüchternste in der Gemeine (Sokrates beim Symposion Platonis!) ihnen geleuchtet haben, und zwar auf absonderliche Art. Man sagt, er habe einen Einfall gehabt, selber ein Licht unter den Umständen; er habe den Hemdenschwanz hinten aus den Hosen gezogen und niederhängen lassen, und der habe hell genug durch die Nacht geschienen, um der Bauernschaft als Laterne zu nützen. So sei der Küster von Bosseborn vorangeschwanket, ihm nach der Vorsteher, dem nach der Gemeinderat und dem wieder die torkelnde gemeine Bauernschar, im Gänsemarsche alles — einer hinter dem andern — ein ewig memorabler Zug bis ins Dorf hinein.

Die Geschichte ist gut; wenn ihr nur so wäre! Aber die Sache hat einen ganz andern und viel ernsthaftern Angang.