Achtes Kapitel.
Der Verdacht.
Der Justizrath stand gewöhnlich im Sommer, ja selbst bis spät in den Herbst um fünf Uhr auf und arbeitete, damit er, wie er sagte, seine Abende frei hatte, und nicht mehr bis spät in die Nacht hinein gedrängt würde. Er ging auch dafür ziemlich früh, und fast regelmäßig um zehn Uhr zu Bett, wie er denn überhaupt ein sehr geordnetes, fast etwas pedantisches Leben führte. Er hatte sich aber an diesem Morgen kaum seine heutige Arbeit zurecht gelegt und eben erst die Morgenpfeife gestopft und angezündet, als Elisabeth, die Akten unter dem Arm, zu ihm in’s Zimmer trat.
„Aber Kind!“ rief der Vater erstaunt, „schon auf? Du hast früh ausgeschlafen.“
„Ich habe gar nicht geschlafen, Papa,“ sagte Elisabeth ruhig und legte die Akten auf den Tisch.
„Gar nicht geschlafen?“ rief der Justizrath, „beim Himmel, Kind, wie siehst Du aus? Bleich und übernächtig — ich glaube wahrhaftig, Du hast seit gestern nicht einmal Deinen Anzug gewechselt.“
„Nein, Papa,“ sagte die Tochter, „ich bin die ganze Nacht aufgeblieben.“
„Die ganze Nacht? — über den Akten? — es ist unglaublich — und Du wirst krank werden. Sieh’ Dich einmal im Spiegel.“
Elisabeth sah wirklich sehr angegriffen aus — ihre Augen lagen tief in den Höhlen, ihre Wangen waren bleich und ihre Glieder selbst schien ein Zittern zu überfliegen.
„Mach’ Dir keine Sorgen, Papa,“ sagte sie aber ruhig, „ich bin nicht krank — nur vielleicht etwas aufgeregt, denn ich habe die ganze Nacht gelesen.“
„Die ganze Nacht?“
„Allerdings, und zwar die Akten zweimal durch, von Anfang bis Ende.“
„Kind, das nimm mir nicht übel,“ sagte aber der Vater, „das wäre recht hübsch und lobenswerth von einem angehenden Praktikanten, aber daß Du das —“
„Hast Du einen Augenblick Zeit, mich anzuhören?“
„Dich anzuhören — Du weißt, mein Schatz, daß jetzt meine Arbeitsstunde ist. Können wir nicht, was Du mir zu sagen hast, beim Frühstück besprechen?“
„Was ich Dir zu sagen habe, ist kein Frühstücksgespräch, Papa — es betrifft den vorliegenden Fall.“
„Ich verstehe Dich nicht,“ sagte der Justizrath, mit dem Kopf schüttelnd.
„Erinnerst Du Dich, daß Du gestern äußertest, es gebe Beispiele, wo lang verheimlichte Verbrechen nur durch einen Zufall an den Tag kämen?“
„Allerdings,“ nickte der Vater, „aber was hat das hiemit zu thun?“,
„Willst Du mich ruhig anhören?“
„Setz’ Dich, Kind, setz’ Dich, Du bist so ernst und feierlich, daß ich selber neugierig auf Das werde, was Du mir mitzutheilen hast. Also was ist es? Bitte, sprich.“
„Beantworte mir erst eine Frage, Papa,“ bat Elisabeth. „Ist es Sünde, auf einen vollkommen fremden Menschen den Verdacht irgend eines Verbrechens zu werfen, ohne ganz bestimmte Beweise dafür in Händen zu haben?“
„Mein liebes Herz,“ sagte der Vater, „wenn wir einmal ganz bestimmte Beweise in unseren verschiedenen Rechtsfällen hätten, so brauchten wir fast gar keine Untersuchung. Erst diese ergiebt sie, und ein ausgesprochener Verdacht braucht den Betreffenden — wenn er wirklich unschuldig ist — noch immer nicht zu schädigen — ja im Gegentheil ist es viel besser, er wird laut, um entweder widerlegt oder bestätigt zu werden. Aber gegen wen hast Du Verdacht — denn etwas Derartiges scheint doch aus Deinen Reden hervorzugehen — und wie, in des Himmels Namen, kannst Du einen Blick in diese furchtbare Sache gethan haben, der Du doch bis jetzt vollkommen fern standest?“
„Ich weiß nicht, wie ich beginnen soll, Papa,“ sagte Elisabeth, während ein schwerer Seufzer ihre Brust hob, als ob es ihr am Athem fehle, „aber ich habe in der That einen Verdacht, doch so wild und unbestimmt, daß ich fast fürchte, Dir ihn mitztheilen.“
„Gut,“ sagte der Justizrath, „dann wollen wir den Beamten jetzt einmal bei Seite lassen — ich bin überdieß noch im Schlafrocke, Schatz — und dem Vater kannst Du Alles offen sagen, was Dich drückt. Auf wem also liegt Dein Verdacht?“
„Auf Herrn von Berger,“ sagte Elisabeth mit leiser, fast tonloser, aber doch vollkommen deutlicher Stimme.
„Alle Wetter!“ rief der Justizrath und fuhr in seinem Stuhl empor, „Du bist kühn, Mädel, und greifst mitten hinein in die Masse, um Dir Deinen Mann herauszuholen. Was um Gottes Willen bringt Dich auf den, und wie steht er in der geringsten Verbindung zu dem Mord in Hoßburg?“
„Das weiß ich nicht, Vater — das Letztere wenigstens nicht. Aber höre mich. An demselben Tag — doch Du warst ja dabei, wie er erklärte, nie in Hoßburg gewesen zu sein.“
„Allerdings — und dann kann er hier auch kein Verbrechen verübt haben — selbst wenn er dessen fähig wäre, was ich noch sehr bezweifle —“
„An demselben Tag,“ fuhr Elisabeth fort, „an welchem der Mord verübt worden, ja kurz nach der Zeit selbst, bin ich Herrn von Berger auf der Promenade hier begegnet.“
„Hast Du ihn denn früher gekannt?“
„Nein — er fiel uns damals — mir wenigstens — auf, da er sehr anständig gekleidet, aber sein Beinkleid am Knie zerrissen war, was er gar nicht bemerkt haben konnte. Er trug ein in Papier geschlagenes Paket unter dem Arm, beides auffällig für einen anständig gekleideten Herrn. Gleich darauf nahm er eine Droschke und ich sah ihn erst in Bonn wieder.“
„Und erkanntest ihn nach so flüchtigem Begegnen? Liebes Kind, kann das nicht ein Irrthum gewesen sein? Der Beweis ist allerdings zu schwach, um auch nur einen Verdacht darauf zu gründen.“
„Er läugnete, daß er je in Hoßburg gewesen.“
„Könntest Du beschwören, daß er es war?“
„— — Ich glaube, ja,“ sagte Elisabeth nach einigem Zögern, „aber höre weiter — er läugnete nicht allein, sondern er erschrak auch, als ich ihm sagte, ich erriethe seine Gedanken. Er hatte sich zufällig sein Beinkleid am Knie gerade so zerrissen, wie an jenem Morgen, und ich rieth das auf’s Gerathewohl.“
„Er erschrak?“
„Klara sowohl wie ich hatte es bemerkt, aber damals weiter nicht beachtet. Doch mehr noch als das: der kleine Pello, der Hund der alten Dame, hat dem Mörder ‚ein Loch in’s Bein gebissen‘, wie Jeanette sagt — das war das Einzige, was ich aus ihr herausbringen konnte — jedenfalls nur in das Beinkleid, denn die Kleine fiel selber darauf, als ich mir gestern mein Kleid am Koffer zerriß.“
„Und weil zwei Menschen das Nämliche passirt ist, soll der Zweite das Verbrechen des Ersten verübt haben?“
„Höre mich weiter. Zu den Akten sind zwei Briefe eines Mannes geheftet, der wunderbarer Weise denselben Namen führt: Berger. Er ersucht darin seine Cousine um eine Unterstützung.“
„Berger? — Berger? — Ja, wahrhaftig, Du hast Recht — jetzt erinnere ich mich — aber ob das derselbe ist? Der Name kömmt doch gar zu häufig vor. Eine Menge Menschen tragen ihn.“
„Der Vorname stimmt — wenigstens das F., mit denen sie gezeichnet sind. Herr von Berger in Bonn heißt Ferdinand.“
„Hm — hm — und die Handschrift?“
„Das weiß ich nicht. Klara muß mir einen von seinen Briefen schicken.“
„Und was bewiese das Alles, wenn wir nicht konstatiren können, daß er an jenem Tage wirklich hier gewesen ist?“
„Er hat seine Cousine um Geld gebeten, also war er arm, jetzt ist er reich.“
Der Justizrath schüttelte noch immer mit dem Kopf. „Er hat sich durch Spekulationen in Paris viel Geld verdient, wie mich Freund Perler versichert.“
„Er verkauft Diamanten,“ fuhr Elisabeth fort; „unter den Steinen aber, die er besitzt, sind ein paar unechte, und der Juwelier, der hier den Schmuck des alten Stiftsfräulein in Händen gehabt, sagt — nach den Akten — aus — daß einige unechte Steine dabei gewesen wären.“
„Aber um Gottes Willen, woher weißt Du das Alles?“ rief der Justizrath wirklich erstaunt aus.
„Nach jenem Abend,“ fuhr Elisabeth fort, ohne die Frage gleich zu beantworten, „war er verschwunden — ich habe ihn nicht wieder gesehen und muß gestehen, daß mir das auffiel. Geschäfte? Es ist das ein gefälliges Wort, und leicht vorgeschützt, aber damals, mit keiner Ahnung eines solchen Verdachts, grübelte auch ich nicht weiter darüber nach. Er ist jetzt nach Paris und Brüssel, wer weiß, ob er je nach Deutschland zurückkehrt.“
„Und weiß er, daß wir in dem nämlichen Hause wohnen, in dem der Mord verübt ist?“
„Nein — wenn er überhaupt von dem Mord Kenntniß hat,“ sagte das junge Mädchen.
Der Justizrath war aufgestanden und ging, die linke Hand auf dem Rücken, in der rechten die Pfeife haltend, mit raschen Schritten in seinem Zimmer auf und ab.
„Das ist eine sehr — sehr merkwürdige Geschichte,“ murmelte er zwischen den Zähnen durch, „sehr merkwürdig —“
„Aber, Papa, hast Du mir nicht gesagt, daß der Zufall manchmal —“
„Ach, ich rede nicht davon,“ sagte der Vater, „merkwürdigere Dinge sind schon vorgefallen, aber daß alle unsere Gerichte vergebens nach einer Spur gesucht haben, und daß da ein junges, unerfahrenes Mädchen — sehr merkwürdige Geschichte das — sehr merkwürdig in der That.“
„Und was willst Du jetzt thun, Papa?“
„Ja, mein Kind, das ist sehr leicht gefragt, aber schwer beantwortet,“ sagte der Justizrath, indem er vor ihr stehen blieb, „was willst Du thun? — was kann ich thun, ehe wir nicht die wirkliche Identität zwischen den Beiden festgestellt haben?“
„Ich schreibe heute Morgen an Klara und lasse mir einen Brief von ihrem Bräutigam schicken.“
„Unter welchem Vorwand?“
„Ich bin Autographensammler.“
„Hm — hm,“ sagte der Justizrath und setzte seinen Spaziergang fort, „man liest jetzt so viel, daß das weibliche Geschlecht nicht allein beim Telegraphenwesen, sondern auch in den Druckereien verwandt werden solle — hm — hm — denke fast, daß es im Justizfach auch manchmal mit Nutzen anzustellen wäre.“
„Und was willst Du jetzt thun, Papa?“
„Laß mir Zeit zum Ueberlegen, Schatz, — alle Wetter, Mädel, die Justiz ist nicht darauf eingerichtet, daß sie Hals über Kopf einen Beschluß faßt, und das hier ist außerdem ein Casus, wo mit äußerster Vorsicht zu Werke gegangen sein will, denn im ungünstigen Fall kompromittire ich nicht allein eine anständige und mir befreundete Familie, sondern mich selber dazu — Berger — Berger — in der That, es ist merkwürdig, der Name stimmt in der That, und manches Andere würde vielleicht auch stimmen, aber — es ist ja doch gar nicht möglich, und Freund Paßwitz — hm, hm, hm — Jedenfalls müssen wir vorher wissen, ob jener Berger aus Bonn und der, welcher sich um Geld an das alte Stiftsfräulein gewandt hat, ein und dieselbe Person sind — nachher läßt sich ein Vorgehen entschuldigen, ja ist vielleicht geboten. Willst Du also schreiben?“
„Gleich heute, Papa — noch in dieser Stunde, denn wenn sich der furchtbare Verdacht bestätigt, so ist allerdings kein Tag Zeit zu verlieren, um Klara vor einem furchtbaren Schicksal zu bewahren.“
Der Justizrath schüttelte noch immer mit dem Kopf. Die ganze Sache kam ihm so entsetzlich unwahrscheinlich vor, daß er sich noch nicht damit befreunden konnte, und trotzdem hatten die einzelnen Verdachtsgründe doch auch wieder gerade in ihrer Zusammenstellung einen gewissen Halt, den er als Kriminalist unmöglich unbeachtet lassen konnte. Keinesfalls war ein entscheidender Schritt eher zu unternehmen, ehe nicht die Handschrift jenes Berger eingetroffen.
„Gut, mein Kind,“ sagte er nach einer längern Pause des Nachdenkens, in der er den Dampf seiner Pfeife in wahren Wolken von sich blies, „schreib — schreib umgehend, und dann wollen wir das Weitere berathen. Das versprich mir aber, Herz, sobald Du geschrieben und den Brief fortgeschickt hast, legst Du Dich zu Bette und schläfst mir, bis zum Mittagessen gerufen wird — wie?“
„Ich verspreche es Dir, Papa,“ sagte Elisabeth, küßte den Vater und verließ dann das Zimmer; der Justizrath aber schob all’ die anderen, für nothwendig gehaltenen Arbeiten bei Seite, und nahm die Akten jenes geheimnißvollen Raubmords wieder vor, die er von Anfang bis Ende noch einmal aufmerksam, und ohne sich dabei von irgend Jemanden stören zu lassen, durchstudirte.