Zehntes Kapitel.
Wieder in Bonn.
Mit wie leichtem und fröhlichem Herzen hatte Elisabeth ihre letzte Reise nach eben dieser Stadt angetreten, und wie schwer — wie furchtbar schwer wurde ihr die jetzige. Das war auch in der That keine Vergnügungstour — der Vater hatte Recht, — das war ein Hetzen von Zug zu Zug, und selbst das Dampfschiff ging dafür nicht rasch genug den Strom hinab, sondern im heißen, staubigen Coupé flogen sie, neben dem herrlichen kühlen Rhein hinab, ihre Bahn. Sie waren auch die ganze Nacht hindurch gefahren und erreichten Bonn etwa zehn Uhr Morgens.
Wie verschieden von ihrer früheren Ankunft am lachenden Stromesufer, wo liebe Freunde ihnen entgegenwinkten und die Zeit nicht erwarten konnten, um einander in die Arme zu fliegen, war aber die jetzige. Im Bahnhof selber erwartete sie Niemand, als der bleiche unheimliche Assessor Berthus, vor dem Elisabeth schon immer — sie wußte selber nicht weßhalb — eine fast unüberwindliche Scheu gehabt. War es vielleicht, weil der Mann mit den dünnen blassen Lippen, den spärlichen Haaren und den scharfen grünen Augen immer lächelte, — er sah gar so unheimlich dabei aus, und vor ihm und seinem Inquiriren sollten die Gefangenen auch die meiste Furcht haben.
Er hatte sie im Nu in ihrem Waggon entdeckt, und wie freundlich er grüßte und Elisabeth artig aus dem Wagen hob. Auch gegen Madame Belchamp war er galant und wollte die kleine Jeanette ebenfalls heraus heben, aber sie litt es nicht und klammerte sich an ihre Mutter an.
Uebrigens hatte der Assessor für Alles gesorgt.
„Bitte um Ihre Gepäckscheine, Herr Justizrath — Madame Belchamp — bitte, bemühen Sie sich mit der Kleinen nach Droschke 74 — gleich an der Thür rechts. Fräulein Elisabeth ist wohl so freundlich, Sie zu begleiten, der Herr Justizrath und ich folgen zu Fuß. — Ihr Gepäck soll zu gleicher Zeit mit Ihnen eintreffen. — Dieß ist Ihre Nummer im Hotel, Madame — dieß die Ihrige, mein gnädiges Fräulein — Sie werden Alles vorbereitet finden.“
„In welchem Hotel?“
„Der Kellner hier wird Sie begleiten, — er sitzt mit auf dem Bock und besorgt Ihnen Alles, — wir folgen in wenigen Minuten, — das Hotel liegt dicht bei —“
Elisabeth eilte, aus der Nähe des gefürchteten Mannes zu kommen, und der Justizrath, der dem Assessor schon seinen Ueberzieher, Plaid und Regenschirm überlassen mußte, was dieser dem wartenden Kellner aufbürdete, nahm ohne Weiteres seines Kollegen Arm und verließ mit ihm zusammen den Bahnhof.
„Haben Sie etwas ausgerichtet?“ sagte er dabei; „glauben Sie, daß wir auf der richtigen Fährte sind?“
„Die Zeichen mehren sich,“ nickte Assessor Berthus vor sich hin. „Den Juden, dessen Signalement Sie mir gestern telegraphirten, habe ich gefunden — es ist eine allbekannte Persönlichkeit und soll ein streng rechtlicher Mann sein, — der Polizei ist wenigstens das Gegentheil noch nicht bekannt.“
„Und die Steine?“
„Hatte er noch im Besitz, — es sind die nämlichen, die unser Juwelier früher in Händen gehabt.“
„Ist der Juwelier Müller da?“
„Schon seit gestern Morgen. Er ist bereit, diese Steine zu beschwören, da sich an dem einen noch das Zeichen seiner eigenen Feile findet.“
„Haben Sie sich mit dem Medizinalrath in’s Vernehmen gesetzt, Assessor?“
„Nein, Herr Justizrath,“ sagte der Herr; „ich habe allerdings seine Bekanntschaft gemacht, und er mag ein ganz tüchtiger Gelehrter sein, aber in seinem eigenen Hause ist er schwach und unbeholfen, und ich fürchtete mehr zu riskiren als ich gewinnen konnte.“
„Er würde nie einem Verbrecher Vorschub leisten, und wenn er in nächster Verwandtschaft zu ihm stünde.“
„Nein, das — fürchte ich auch nicht — wenigstens nicht wissentlich und absichtlich, aber — glauben Sie mir, wir haben dadurch Nichts versäumt.“
„Haben Sie mit Professor Perler gesprochen?“
„Ja, — der gefällt mir schon besser. Er erwartet Sie in Ihrem Zimmer im Hotel — ich bat ihn, nicht an die Bahn herauszukommen.“
„Und diesen Herrn von Berger?“
„Wir waren gestern Abend zusammen in Gesellschaft und sind die besten Freunde,“ lächelte der Assessor. „Er kennt mich nur unter dem Titel Professor Berthus, — das klingt jedenfalls unverfänglicher.“
„Aus Hoßburg?“
„Bitte um Verzeihung — aus Berlin.“
„Und für was halten Sie den Herrn?“
„Ich halte ihn fähig, eine solche That verübt zu haben, aber — es wird schwer halten, ihm beizukommen. Sonst ist er der liebenswürdigste Gesellschafter, mit dem ich je zusammengetroffen bin und — ich glaube, wir werden uns auch noch nicht so bald wieder trennen.“
„Die Gerichte sind hier von Allem in Kenntniß gesetzt?“
„Nein, — nur die betheiligten Personen. Es ist eine sehr schöne Sache um das ‚Amtsgeheimniß‘, aber sicher bleibt sicher.“
„Und was wollen Sie jetzt thun?“
„Toilette zum Diner machen, das wir heute in Professor Perler’s Haus einnehmen werden. Die Familie Paßwitz und Herr von Berger werden auch dort sein.“
„So weiß der Professor Alles?“
„Alles.“
„Und er will uns unterstützen?“
„Er hat es mir selber angeboten; ich würde nie gewagt haben, ihn darum zu bitten.“
„Und wie wollen Sie Alles einleiten, Berthus?“
„Ueberlassen Sie das mir, Herr Justizrath,“ sagte der Assessor mit seinem freundlichen Lächeln, „thun Sie vor der Hand weiter Nichts, als daß Sie bei Tisch Alles genau beobachten, ohne natürlich irgend einen Verdacht zu erregen. Mich kennen Sie, wie sich das von selbst versteht — gar nicht, ich werde Ihnen schon durch irgend Jemand vorgestellt werden, und daß sich Ihre Fräulein Tochter nicht verräth, dafür bürgt mir ihre Antipathie gegen mich.“
„Aber lieber Berthus!“
„Bitte, Herr Justizrath, — erwähnen wir es nicht weiter. Ihrer Fräulein Tochter gefällt meine Persönlichkeit nicht, was jedenfalls ihrem Geschmack alle Ehre macht, — hätte sie mich je näher kennen lernen, so würde sich vielleicht diese Abneigung in etwas gegeben haben. Doch das hat ja mit unserem Geschäft Nichts zu thun, ja im Gegentheil, es arbeitet uns in die Hände.“
„Und wenn dieser Berger wirklich schuldig wäre und vor der Zeit etwas merken sollte?“
„Dafür ist gesorgt, fort kann er nicht mehr,“ sagte der Assessor lächelnd; „die dahin getroffenen Vorsichtsmaßregeln sind ausreichend, vertrauen Sie mir. Aber hier sind wir am Hotel — Nr. 5 ist Ihr Zimmer, besprechen Sie Alles mit dem Herrn Professor. Um zwei Uhr treffen wir wieder dort zusammen. — Ich habe die Ehre —“
„Und wohnen Sie nicht mit hier?“
„Nein, — mit Herrn von Berger Stube an Stube in der nächsten Straße, — auf Wiedersehen, Herr Justizrath —“ und mit den Worten schritt er, das Trottoir entlang, seiner eigenen Behausung zu.
Der Justizrath wollte ihn noch einmal zurückrufen, — es lagen ihm noch eine Masse Dinge auf dem Herzen. — So durfte Klara keinenfalls dabei sein, wenn die Sache zum Ausbruch kam, — der furchtbare Augenblick wenigstens mußte ihr erspart werden — und dann der Medizinalrath selber, — aber Berthus war schon um die Ecke, ehe er noch einen bestimmten Gedanken fassen konnte, und mit dem vollen Vertrauen auf die Klugheit und Umsicht seines Gefährten beschloß er, vor der Hand der Sache ihren Lauf zu lassen. Er war überhaupt müde von der Reise und bedurfte einer kurzen Ruhe.
Desto unermüdlicher schien der Assessor, der, einmal auf eine Fährte gebracht, derselben nachspürte wie ein richtiger Schweißhund, und Hunger und Müdigkeit dabei nicht einmal dem Namen nach kannte.
Im Hotel angekommen, war in der Portiersstube sein erster Blick nach Berger’s Nummer, — der Schlüssel hing am Haken, er selber konnte also nicht zu Hause sein.
„Briefe für mich angekommen?“ frug er.
„Nein, Herr Professor.“
„Herr von Berger oben?“
„Ausgegangen, — Lieutenant von Glaser und der junge Engländer haben ihn abgeholt.“
Der Assessor nickte; er wußte jetzt, wo er seinen Mann zu suchen hatte, drehte augenblicklich wieder um und schritt einem nicht sehr entfernten Frühstückskeller zu, in dem sich die genannten Herren jetzt schon zwei Tage hintereinander Morgens erfrischt hatten. Er war nicht fehlgegangen. Hinter ein paar Flaschen Rheinwein, mit Lachs und Kaviar, traf er die kleine fröhliche Gesellschaft, die er aber natürlich gar nicht bemerkte, sondern sich eben an einen freistehenden Tisch setzen wollte, als er von Berger selber angerufen wurde.
„Hallo, Professor! auch durstig? kommen Sie mit hier her zu uns; wir haben einen famosen Rüdesheimer entdeckt.“
„Ah, meine Herren, sehr angenehm, Sie zu treffen. Kam eigentlich nur herein, um einen ‚Stehschoppen‘ zu trinken, — wenn Sie erlauben —“ und er setzte sich mit zu ihnen an den Tisch.
Berger war aufgeregt; aber wie es schien vortrefflicher Laune, und der ‚kleine berliner Professor‘, wie ihn die jungen Leute nannten, gerade der Mann, ihn darin zu erhalten. Berthus schien selber Geschmack an dem Wein zu finden, und ließ noch eine, selbst noch eine zweite Flasche geben, und wußte eine solche Unzahl von Anekdoten und pikanten Späßen, daß die kleine Gesellschaft gar nicht aus dem Lachen herauskam und den aufrichtigen Neid der übrigen Tische erregte.
Endlich zog Berthus die Uhr heraus.
„Alle Wetter,“ sagte er, „gleich halb zwei Uhr und um Zwei sollen wir drüben beim Herrn Professor Perler sein. Mein lieber Herr von Berger, ich glaube, es wird Zeit, daß wir uns anziehen, sonst kommen wir wahrhaftig zu spät.“
„Liebes Professorchen,“ sagte Berger, verdrießlich nach seiner eigenen Uhr sehend, „ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich viel lieber hier bliebe, — aber Sie haben Recht, wir müssen die Zeit einhalten.“
Seine beiden Freunde wollten remonstriren und ihn verführen, das ‚langweilige Diner‘ zu versäumen, — es sei ja, wie sie sagten, der ‚letzte freie Tag‘, aber es ging nicht gut, — gerade heute nicht, — sein ‚Schwiegerpapa‘ war auch da und seine Braut, und er mußte wirklich vorher noch Toilette machen.
Fünf Minuten später schritt er mit ‚Professor Berthus‘ Arm in Arm die Straße hinab, seinem Hotel zu, und punkt zwei Uhr standen Beide im Gartensalon des Professor Perler, wo der Tisch gedeckt worden.
Eine Viertelstunde früher war schon, auf des Professors Veranlassung, Klara mit Elisabeth dort zusammengetroffen, und Klara mit einem Jubelschrei in die Arme der Freundin geflogen.
„O, Lily, — meine liebe, süße Lily,“ rief das junge Mädchen unter Thränen lächelnd, „wie lieb und gut das von Dir ist, daß Du zu meinem Ehrentag gekommen bist; ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich nach Dir gesehnt und Dich herbeigewünscht habe, — aber Herz,“ rief sie plötzlich, die Freundin auf Armeslänge von sich drückend, „was fehlt Dir, — Du siehst bleich — ganz erschrecklich bleich und angegriffen aus. Warst Du krank?“
„Nur von der Reise ein wenig erschöpft, Klärchen, — aber auch Du siehst anders aus, als ich Dich mir gedacht, — ich hoffte, Dich von Glück strahlend zu finden.“
„Ich bin glücklich, Lily,“ sagte Klara, ihren Kopf auf der Freundin Schulter legend.
„Du bist glücklich?“ flüsterte Elisabeth, „und sagst das gerade mit einem Tone, als ob Du Dich bei mir entschuldigen müßtest. Dein Brief lautete so glücklich.“
„Und so ist mir auch zu Muthe, Lily,“ sagte Klara, ohne jedoch ihr Antlitz zu erheben, „glaube mir, Herz — bitte, glaube mir, Lily.“
„Ich will Dir glauben,“ sagte Elisabeth leise, „wenn das Dich beruhigt, — aber etwas ist vorgefallen, meine Klara, das wirst und kannst Du mir nicht ableugnen. Hab’ ich Recht? — komm’, sieh mich an, Kind, — aus Deinen Augen erfahr’ ich die Wahrheit weit eher, als von Deinen Lippen.“ Sie wollte dabei Klara’s Kinn sanft emporheben; aber diese duldete es nicht.
„Es ist Nichts vorgefallen, Lily,“ sagte sie leise, — „Nichts von Bedeutung wenigstens, — ich wäre ärger als ein Kind, wenn ich mir Sorgen darüber machte.“
„Und darf ich es wissen, Klara?“
„Ja, — aber nicht jetzt — nachher — nach Tische, wenn wir im Garten spazieren gehen. — Und wo ist Käthchen?“ setzte sie rasch hinzu, wie um das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu bringen, — „warum hat sie euch nicht begleiten dürfen?“
„Wir konnten doch nicht schon wieder mit der ganzen Familie kommen,“ lächelte Elisabeth, — „Käthchen muß jetzt Haus halten, und Papa hat auch nur so wenig Zeit, daß er sich kaum die paar Tage abzwingen konnte.“
„Zu desto größerem Dank bin ich ihm dann verpflichtet, daß er es mir zu Liebe doch gethan.“
„Ja, wahrlich Dir zu Liebe, Klara,“ sagte Elisabeth mit tiefem Gefühl, „und nur der Gedanke an Dich hat uns hierher getrieben.“
„Meine gute Lily, — aber still — da kommen noch Gäste.“
„Die Stimme sollt’ ich kennen,“ sagte Elisabeth und mußte sich Gewalt anthun, gefaßt zu scheinen.
„Es ist Ferdinand mit seinem neuen Freund, einem Professor Berthus.“
„Berthus?“
„Ja, — kennst Du ihn? ein höchst drolliger Kauz, wenn auch mit abstoßendem Aeußeren, aber ich könnte fast eifersüchtig auf ihn werden, denn Ferdinand ist ordentlich verliebt in ihn.“
„Auf Herrn Berthus?“
„Auf den Professor — ja.“
„Und seit wann kennt ihn Dein Bräutigam?“
„O, seit etwa zwei Tagen erst. Er kam mit einer Empfehlung von Berlin an Professor Perler und meinen Vater und scheint wohl ein sehr gescheidter Mann, aber — doch da kommen sie, — Ferdinand wird überrascht sein, Dich zu treffen.“
Sie hatte nicht Zeit, mehr zu sagen, denn in dem Augenblick öffnete sich die Thür, und von Berger, den Assessor Berthus am Arm und sein Gesicht ein wenig von dem genossenen Wein geröthet, betrat das Zimmer, wo er, der Aussage eines der Dienstboten nach, seine Braut wußte.
Klara hatte übrigens richtig vermuthet. Wirklich überrascht blieb er auf der Schwelle stehen, als er das junge Mädchen bei seiner Braut fand und auch augenblicklich erkannte.
„Mein gnädiges Fräulein, das ist allerdings eine unverhoffte Freude,“ stammelte er, etwas verlegen, und Elisabeth entging nicht, daß er sich leicht entfärbte; ehe sie aber etwas darauf erwiedern konnte, öffnete sich die Seitenthür, und Professor Perler mit seiner Frau und Tochter und dem Justizrath traten in’s Zimmer.
War Berger indeß wirklich einen Moment verlegen gewesen — und die Gewißheit dafür ließ sich in seinen Zügen nicht lesen — so konnte ein solches Gefühl bei ihm nie Wurzel fassen. Es schwand so rasch, wie es gekommen, und die Hand dem Vater Elisabeth’s entgegenstreckend, wie er nur seiner ansichtig wurde, ging er auf ihn zu und rief mit herzlicher Stimme: „Ah, mein lieber Herr Justizrath, wie soll ich Ihnen danken, daß Sie meiner Klara die Freude gemacht haben; das war wirklich unendlich liebenswürdig von Ihnen.“
„Herr von Berger,“ sagte der Justizrath höflich, indem er die gebotene Hand nahm, „Ihrer Fräulein Braut zu Liebe haben wir allerdings den weiten Weg gemacht, — aber auch unserer selbst wegen, — Sie haben uns nicht dafür zu danken.“
„Dann erlauben Sie, daß ich Ihnen auch zugleich einen Freund unseres Hauses, Herrn Professor Berthus, vorstelle — lieber Professor, Herr Justizrath von Hochweiler aus — wie hieß doch gleich die Stadt, bester Justizrath?“
„Hoßburg.“
„Ah, in der That,“ rief Berthus, mit seinem trockensten Lächeln, „freut mich in der That, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Justizrath, — in der That, — und das Fräulein Tochter, wie ich vermuthe.“
„Meine Tochter,“ sagte der Justizrath, an dem jetzt die Reihe war, verlegen zu werden, denn alles Blut stieg in diesem Augenblick in Elisabeth’s Antlitz und drohte ihr die Adern zu sprengen.
„Sehr angenehm, mein gnädiges Fräulein,“ erwiederte aber Berthus mit einer tiefen Verbeugung, „und sehr ehrenvoll, — Sie werden das morgende Fest verherrlichen. Aber wo ist Ihr Schwiegerpapa, Berger? er wird uns wieder mit dem Essen warten lassen.“
Der Assessor fühlte, daß er Elisabeth Luft geben mußte, wenn sie sich nicht verrathen sollte, und hatte damit das richtige Kapitel getroffen.
„Dein Papa läßt uns wirklich wieder warten, liebe Klara,“ sagte er; „er hat den Kopf so voll von abstrakten Dingen, daß er uns arme Sterbliche immer darüber vergißt.“
„Er wird gewiß gleich kommen, Ferdinand,“ bat Klara mit einem ängstlichen Blick auf ihren Bräutigam, — „er bekam heute Morgen noch so viel zu thun.“
„Hat auch noch gar Nichts versäumt,“ sagte die Frau Professorin, „sie sind doch noch nicht mit der Suppe fertig, und ehe angerichtet wird, kommt er schon.“
Das Gespräch wurde jetzt allgemein. Berthus unterhielt sich besonders mit dem Professor über den letzten politischen Leitartikel in der Kölnischen Zeitung, und Berger war mit Klara in eine Fensternische getreten und das junge Mädchen flüsterte leise und bittend ihm zu. Endlich kam der Medizinalrath, — Rosa hatte schon auf der Warte gestanden, um ihn gleich anzumelden, und in dem Augenblick zeigte auch die Frau Professorin an, daß die Suppe servirt sei.
Jetzt begannen die gewöhnlichen Höflichkeitsformeln. Berthus bot artig der Frau Professorin den Arm. Berger führte Elisabeth, der Professor Klara, und der Medizinalrath kam eben zu spät, um Fräulein Rosa noch zur Tafel zu geleiten.