Erstes Kapitel.
Auf der Promenade.
Der warme Sonnenschein des ersten wirklichen Frühlingstages hatte eine Menge von Menschen hinaus in’s Freie gelockt, und der sogenannte „Promenadenweg“ in der Stadt Hoßburg zeigte Schwärme von fröhlichen Stadtbewohnern. Verließen sie doch jetzt den langen Winter hindurch in ihren Häusern eingeengt, wie die Bienen ihren Bau, um sich an dem blauen Himmel und der milden, balsamischen Luft zu erfreuen.
Ein Frühling in Deutschland! — Man mag unser nordisches Klima mit Recht verlästern und sich zehn Monate im Jahr fragen, wie es möglich ist, daß vernunftbegabte Menschen es in einem solchen Himmelsstrich aushalten, und im Winter der Kälte, im Sommer der Hitze und im Herbst den rasenden Nordweststürmen wieder und wieder trotzen. Ein einziger Frühlingstag giebt die Antwort, und wie ein immer gesunder Mensch eigentlich nie weiß, daß er gesund ist, und sich deßhalb seines vortrefflichen Zustandes auch gar nicht recht erfreuen kann, ebenso weiß kein Bewohner der Tropen, wo ewiger Frühling herrscht, das zauberschöne Wort Frühling zu schätzen — ja, er hat es nicht einmal in seiner Sprache und keine Ahnung davon, welches Entzücken uns durchströmt, wenn nach dem langen Winterschlaf die Natur endlich doch wieder erwacht und der Frühling mit schmetternden Lerchenfanfaren seinen fröhlichen Einzug hält.
Es giebt keine wonnigere Zeit in der Welt als einen deutschen Frühling, und nicht allein in das kleine Herz des Wandervogels zieht die Luft ein, hinaus in’s Freie, fort fortzustreben, immer fort, in die weite herrliche Welt; nein, der Mensch empfindet das Nämliche, und welches Geschäft er auch treibe, welches Amt, welche Pflicht ihn an die Scholle fesselt, in der Zeit wird es ihm am schwersten, derselben zu folgen, und er benutzt wenigstens jeden freien Moment, um auszufliegen, soweit ihn seine Kette läßt. Leider ist diese Kette nur bei den meisten Leuten entsetzlich kurz, und beschränkt ihre „Wanderlust“ auf das dürftigste Maß — einen Spaziergang um die Stadt herum, aber — „sie schöpfen doch wenigstens frische Luft“, und auch in Hoßburg hatten sie sich das heute zu Nutz gemacht.
Wie das herüber und hinüber wogte, von fröhlichen lachenden Gruppen, und wie zahlreich eigentlich das schöne Geschlecht vertreten war, das heute, am ersten Mai, auch zuerst die langersehnte Gelegenheit bekommen hatte, schon längst bereit liegende Frühlingskleider in Glanz und Licht hinauszutragen! Wie an einem Sonn- und Feiertag war das junge Volk geputzt; und wie das dabei mit einander kicherte, lachte und plauderte, und wie sorgfältig es einander musterte und prüfte!
Wenn sich weit draußen in See zwei Schiffe begegnen, so stehen die beiden Kapitäne jeder an seinem Bord mit dem Fernrohr in der Hand, um erst einmal die Flagge zu erkennen, und wenn die nicht gezeigt wird, nach der Takelage und dem ganzen Schnitt der „rigging“ das fremde Fahrzeug „auszumachen“. Alles wird dabei auf das Genaueste beobachtet, der Stand der Masten, der Schnitt der Segel, der Bau des Rumpfes vom Bug zum Heck, selbst die Malerei an Bord, und erst völlig außer Gesichtsweite schiebt der Seemann sein Teleskop wieder zusammen und tauscht mit dem Steuermann seine Bemerkungen über das fremde Segel.
Dieselbe Beobachtung können wir an Land machen, wenn sich zwei fremde Damen auf der Straße begegnen und ihre Flagge nicht zeigen — d. h. einander nicht grüßen. Keine verwendet, während sie aneinander vorbeisegeln, einen Blick von der „rigging“ oder Takelage der Anderen; jedes Band wird gemustert, jede Blume auf dem Hut oder im Haar, Besatz und Schnitt des Kleides oder Ueberwurfs abgeurtheilt. Mit einem langen Blick, „vom Bug zum Heck“, fliegt das prüfende mitleidlose Auge und übersieht Nichts, sei es noch so klein und unbedeutend, keine falsche Locke, keinen gefärbten Besatz, keine unächte Spitze, keinen altmodigen Schnitt irgend eines Theils — bis das fremde Fahrzeug vorüber gesegelt ist, und selbst dann noch wendet sich der hübsche Kopf prüfend zurück und erröthet leicht und dreht sich rasch wieder ab, wenn er die nämliche beobachtende Bewegung am Gegenpart bemerkt.
Und welche prachtvolle Gelegenheit, solch’ praktische Erfahrung in fremder Toilette zu erwerben, bietet ein solcher erster Frühlingstag, wo nicht allein die Blumen und Blüthen draußen in Wiese und Wald anzukommen anfangen, sondern in vollem Farbenschmuck schon auf den Hüten und Wangen der jungen Mädchen strahlen — wer hätte sie versäumen mögen!
Ganze Trupps junger Schönen wanderten auf und ab, lachend und plaudernd, wenn sie sich begegneten, und ehrbar und züchtig wieder grüßend, wenn junge Leute ihrer Bekanntschaft vorüber gingen, nach denen sie aber um’s Leben nicht den Kopf hätten drehen dürfen — wie schwer ihnen das oft auch wurde.
Die munterste von Allen war die sonst eigentlich weit mehr ernste und sinnige Tochter des Justizraths von Hochweiler, Elisabeth, eine reizende Brünette von vielleicht neunzehn Jahren, und sie vor allen Anderen musterte die ihr Begegnenden. So still und ehrbar sie aber auch an ihnen vorüber schritt, nicht eine falschgelegte Falte entging ihrem Blick, und mit viel Geist und einem trefflichen Humor wußte sie immer, sobald sie vorbei waren, so treffende und oft komische Bemerkungen zu machen, daß ihre Begleiterinnen manchmal kaum ein lautes und jedenfalls unschickliches Lachen unterdrücken konnten.
Auch die Herren entgingen der scharfen Geißel ihres unerbittlichen Witzes nicht. Je freundlicher und ehrerbietiger sie grüßten, desto schärfer wurden sie durchgenommen und reichen Stoff boten sie ja. — Der trug die Haare in der Mitte gescheitelt, wie ein Oberkellner, Jener einen Zwicker im Auge, wie ein Lieutenant — dieser war geschnürt, der Andere hatte Sporen angeschnallt und wußte nicht einmal, von welcher Seite man „gewöhnlich“ auf ein Pferd hinaufsteigt; kurz, es kam Keiner ohne einen kleinen Seitenhieb vorbei, und je harmloser diese auch im Ganzen waren, desto besser amüsirten sich die jungen Damen dabei.
So waren sie schon fast um die ganze Promenade herumgeschritten und wieder in der Nähe ihrer eigenen Wohnung angelangt, als ihnen ein junger Mann begegnete, der durch seine äußere Erscheinung ihre Aufmerksamkeit plötzlich fesselte.
Er ging allerdings sehr anständig, ja, elegant gekleidet, aber in dem etwas steifen Hoßburg war das Auge in der Tracht an eine gewisse Adrettheit — ja, man hätte sagen können Pedanterie gewöhnt — wie das meist immer in Handelsstädten der Fall ist, und davon wich der ihnen Begegnende allerdings auffällig ab. Das konnte keinenfalls ein Kaufmann sein — darin waren die jungen Damen augenblicklich einig, denn schon die unverkennbare Nonchalance, mit der er sich bewegte, harmonirte nun und nimmer mit dem regelmäßigen Geschäftsgang der Stadt.
Er trug einen vollen, nur etwas kurz gehaltenen, doch sorgfältig gepflegten Bart — aber — an der Weste war nur der zweite und dritte Knopf zugehakt und das schwarzseidene Halstuch hielt locker den, allerdings schneeweißen Hemdkragen zusammen. Ebensowenig saß ihm der Hut vorschriftsmäßig und nach Geschäftsbegriffen steif auf dem Scheitel, sondern neigte, wenn auch nicht übermäßig viel — doch etwas nach der rechten Seite über. Außerdem trug er ein kleines, in Papier geschlagenes Paket unter dem Arm — lauter Dinge, die nicht recht nach Hoßburg paßten.
Elisabeth’s Blicke flogen aber unwillkürlich nach seinem Knie hinab, denn dort zog eine auffallende Unregelmäßigkeit ihr Auge auf sich. Das Beinkleid war nämlich an jener Stelle zerrissen und zwar nicht etwa wieder ausgebessert, sondern ein Stück des leichten, hellgestreiften Tuchs hing offen herab, als ob der Eigenthümer vielleicht eben erst an einem Nagel hängen geblieben wäre, und den Schaden nicht einmal bemerkt hätte — er würde sich doch sonst sicher nicht in dem Zustand auf offener Promenade gezeigt haben.
Jetzt passirte er sie, wie fragend hob sich ihr Auge zu ihm auf und ihre Blicke begegneten sich, ja, die junge Dame hatte ihn unwillkürlich so fest angeschaut, daß er, als er an ihr vorüberging, unwillkürlich den Hut zog, und ihr damit das Blut in Wangen und Schläfe jagte.
„Kanntest Du den Herrn mit den zerrissenen Unaussprechlichen, Lily?“ kicherte ihr die noch jugendliche Schwester in lachendem Uebermuth zu, als der Fremde kaum weit genug entfernt sein konnte, selbst die Worte zu verstehen, denn ihren Klang mußte er jedenfalls gehört haben.
„Aber Käthchen,“ rief Elisabeth erschreckt, „das schickt sich ja gar nicht.“
„So in der Stadt herumzulaufen, nicht wahr?“ lächelte das junge muthwillige Mädchen, indem sie den Kopf zur Seite wandte, aber jetzt selber bestürzt wieder herumfuhr, „wahrhaftig er sieht sich nach uns um.“
„Du bist auch gar zu ausgelassen, Käthchen,“ ermahnte sie die ältere Elisabeth, „wer dreht den Kopf nach einem Herrn, wenn er vorübergeht.“
„Als ob Du das nicht vorher selber gethan hättest,“ spottete das junge Mädchen, „als der Marineoffizier an uns vorüberging.“
„Weil ich die Uniform sehen wollte,“ sagte Elisabeth.
„Wie sie saß, nicht wahr?“ lachte Käthchen. „Aber wer das nur gewesen sein mag; sicher kein hiesiger Kaufmann, vielleicht ein Fremder, der eben erst von Australien oder Ostindien angekommen ist. Und wie wird er sich ärgern, wenn er merkt, daß er hier mit zerrissenen Kleidern promenirt hat.“
„Laß uns umkehren,“ sagte Elisabeth plötzlich.
„Ja,“ rief Käthchen rasch, „vielleicht begegnen wir ihm noch einmal.“
„Aber deßhalb doch nicht,“ sagte Elisabeth und fühlte trotzdem, daß sie wieder roth wurde, „es wird auch schon spät und wir müssen nach Hause zurück.“
„Und den Marineoffizier treffen wir gewiß wieder am Rothenthor. — Er wohnt im Hotel Belvedere.“
„Und woher weißt Du das, mein Schatz?“
„Weil ich ihn ein paar Mal gesehen habe, wie er sich vor dem Hotel nach Tisch die Zähne stocherte,“ lachte Käthchen. „Du wirst mir also zugestehen müssen, daß es ohne Zauberei zugegangen ist.“
Noch während sie sprachen, fuhr eine offene Droschke vorüber, und der Herr mit dem zerrissenen Beinkleid saß darin. Er mußte seinen Schaden bemerkt haben, denn sein Taschentuch in der Hand haltend, ließ er es über das linke Knie fallen. Die Damen schien er aber nicht wieder zu bemerken, sondern sah still und theilnahmlos hinaus in’s Leere.
Die jungen Mädchen sprachen noch eine Weile über das Zusammentreffen, aber andere ihnen Begegnende verwischten bald wieder die nur flüchtig aufgenommenen Bilder, und schon ehe sie nach Hause zurückgekehrt waren, dachte wenigstens Käthchen an keinen der Herren mehr, die sie unterwegs getroffen hatten, und plauderten nur unaufhörlich von den prachtvollen Toiletten, die sie heute gesehen, von den „süßen“ Roben und Blumen und dem wundervollen Wetter, wie dem herrlichen Spaziergang.