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Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) / Neue gesammelte Erzählungen cover

Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) / Neue gesammelte Erzählungen

Chapter 5: Zweites Kapitel. Der Mord.
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About This Book

A collection of short narratives that move between lively social observation and taut incidents of suspense. Several pieces depict public promenades, seasonal gatherings, and the close scrutiny of appearances, often with ironic humor; others turn inward to domestic upheaval or to outdoor episodes of pursuit and adventure. The stories share vivid descriptive detail, brisk pacing, and a recurring focus on manners, moral choices, and sudden events that disturb ordinary life.

Zweites Kapitel.
Der Mord.

Auf den sonnigsten Tag folgt oft ein trüber Abend. Plaudernd und lachend kehrten die jungen Mädchen in ihre eigene Wohnung zurück und fanden dort das ganze Haus in Aufruhr und Schrecken und die Menschen herüber und hinüber laufend.

Ein Mord war verübt — am hellen lichten Tag, in einem großen, bewohnten Gebäude, wo fast keine Minute verging, in der nicht Menschen die Treppe auf und abstiegen, und das Unmittelbare des Ereignisses traf Alle bis in’s innerste Mark.

Der Justizrath von Hochweiler bewohnte die erste Etage des Wiesenwegs — einer der ersten, belebtesten Straßen der Stadt. Rechts im unteren Stock befand sich ein Modewaarengeschäft, in welchem einige zwanzig junge Mädchen beschäftigt waren und ihren Eingang über die Flur hatten, links in dem beschränkteren, aber immer noch sehr bequemen Quartier logirte eine alte Dame — ein Stiftsfräulein, schon seit vielleicht fünfzehn Jahren, und obgleich sie sehr wenig mit ihren Hausgenossen verkehrte, hatten sie doch Alle ihres stillen, freundlichen Benehmens wegen gerne. Sie machte übrigens keine Besuche und empfing keine; eine alte Magd, die so lange bei ihrer Herrschaft war, daß sie selber die Zahl der Jahre vergessen hatte, besorgte die kleine Wirthschaft, und ein Kanarienvogel, wie ein Wachtelhündchen, waren die einzigen Gesellschafter, die sie um sich hatte — mit Ausnahme des kleinen Töchterchens der Modistin, das manchmal zu ihr hinüber kam und ihr mit seinem ungeschickten Mäulchen — das kleine Ding war kaum drei Jahr alt — vorplaudern mußte. Von der Welt wollte die alte Dame Nichts wissen, sie hatte davon — wie sie manchmal äußerte — mehr gesehen und mehr darin erlebt, als ihr lieb war. Das Stammeln des Kindes, das Zwitschern des Vogels und das Bellen ihres Hündchens waren ihr da die liebste Unterhaltung.

In der Stadt hieß es allerdings, die Dame sei sehr reich, aber wenn das wirklich der Fall gewesen wäre, so ließ sie ihre Umgebung Nichts davon merken. Sie lebte sehr einfach, fast ärmlich, und vermied es sorgfältig, über ihre Verhältnisse je zu sprechen. Uebrigens fiel sie Niemandem zur Last und für arme Leute hatte sie immer noch eine Gabe übrig.

Unerklärlich war es deßhalb, wer — ganz abgesehen von dem Wagniß, bei der Ausführung eines solchen Verbrechens augenblicklicher Entdeckung preisgegeben zu sein, — die Hand an die arme alte Frau gelegt haben konnte, und so spurlos schien der Thäter verschwunden, daß kein Inwohner des ganzen Hauses sich erinnerte, eine irgend auffällige Gestalt bemerkt, oder überhaupt gesehen zu haben, daß Jemand bei der „Stiftsdame“ eingelassen worden, oder ihre fast immer verschlossene Wohnung wieder verlassen hätte.

Gegen sechs Uhr Nachmittags erst hatte die Modistin ihr kleines Mädchen von drüben abholen wollen, weil sie ihr über die Zeit ausblieb und auf ihr Klingeln keine Antwort bekommen. Sie war ängstlich geworden, und als die, jetzt aus der Stadt zurückkehrende alte Magd sich das Schweigen im Innern der Wohnung auch nicht zu erklären wußte, hatte man endlich Polizei und einen Schlosser geholt, und dann freilich rasch genug die furchtbare Ursache entdeckt.

Leise weinend und in Todesangst kauerte das arme dreijährige Kind unter dem Schreibtisch und wagte sich nicht einmal vor, als die Mutter in Schreck und Entsetzen auf es zustürzte, um zu sehen, ob ihrem Liebling ein Leid geschehen. In ihrem Lehnstuhl aber lag die alte Dame, todt — mit keinem Zeichen äußerer Gewalt, als einem blutigen Fleck an ihrem rechten Schlaf. Aber das nicht allein verrieth die hier verübte Gewaltthat, sondern mitten im Zimmer lag auch noch das kleine zierliche Wachtelhündchen der Erschlagenen. Es lebte allerdings noch, aber sein Rückgrat war gebrochen, und es winselte nur, als Menschen eintraten, von denen es vielleicht eine mögliche Hülfe erhoffen mochte.

Und wild und wüst sah es in dem sonst so freundlichen und ordentlichen Gemach aus. Die Schubladen des Sekretärs und der Kommode waren aufgerissen und Sachen daraus auf dem Boden wirr umhergestreut. Die Räuber hatten dort ihre Beute gesucht und sich nicht die Zeit genommen, die Spuren ihrer Missethat soviel als möglich wenigstens wieder zu verwischen. Nur nach beendigtem Raub schienen sie den sonst im Innern steckenden Schlüssel abgezogen und von außen zugeschlossen zu haben. Der Schlüssel selber fehlte aber und umsonst bemühte sich die Polizei, jetzt irgend eine noch so unbedeutende Spur der Thäter zu finden.

Es blieb Alles vergebens. Nicht das Geringste hatten sie zurückgelassen, als das blutige Zeichen an der Stirn der armen, unglücklichen alten Frau. Der Justizrath, der augenblicklich herunter gerufen war, ließ das Zimmer absperren, und untersuchte Alles selber, er fand Nichts, und jetzt wurden die Hausleute examinirt, um durch sie eine mögliche Spur zu erhalten.

Gerade als das geschah, kamen die jungen Damen von ihrem heiteren Spaziergang zurück, und Tod und Blut grüßte sie an der Schwelle.

Zwei fremde Menschen waren an dem Nachmittag durch verschiedene Personen im Haus gesehen worden. Der eine von diesen sollte ein Schreinergesell gewesen sein, der eine Arbeit gebracht hatte; ein kleines, ganz neues Seitentischchen stand auch, nur bei Seite geschoben und nicht an seinem bestimmten Platz, in der Stube.

Der Andere war ein Handwerksbursche. Des Justizraths eigenes Dienstmädchen hatte ihn an der Thür des „Stiftsfräuleins“ klingeln sehen, und sein Kamerad wahrscheinlich (ein Anderer mit einem Ranzen auf dem Rücken) indessen in der Hausthür, den Ersten erwartend, gestanden.

Der Schreinergesell wurde augenblicklich citirt, aber mußte auch ebenso rasch wieder entlassen werden, da nicht der Schatten eines Verdachts auf ihn fallen konnte. Er hatte nur den Tisch abgeliefert und selber in das Zimmer getragen und war dann ungesäumt zu seiner Arbeit zurückgekehrt. Das Mädchen sollte jetzt eine genauere Beschreibung der beiden Handwerksburschen geben, hatte aber nicht weiter auf sie geachtet. Gerade als sie das Haus verließ, seien sie hinein getreten — weiter wisse sie Nichts von ihnen — nur daß der Eine an der Thür geklingelt, habe sie noch gesehen.

„Und wie sahen sie aus?“

„Ja lieber Gott, wie Handwerksburschen aussehen, ein Bischen abgerissen und verwildert.“ Der Eine habe geschielt, das erinnere sie sich noch.

Das war wenigstens ein Anhalt, und die ganze Polizei wurde jetzt in Bewegung gesetzt, um auf einen schielenden Handwerksburschen zu fahnden.

Der Justizrath hatte indessen auch das kleine Mädchen befragen wollen, das jedenfalls Zeuge der ganzen furchtbaren Scene gewesen, aber das Kind war so eingeschüchtert und geängstigt, daß es in einemfort schrie und weinte und sich an seine Mutter anklammerte. Die einzigen Worte, die man aus ihm herausbrachte, waren: „Böse Mann Jeanette todtschlagen.“ Die Kleine fürchtete sich dabei vor allen Menschen, die ihr nahe kamen, und es blieb nichts Anderes übrig, als sie vor der Hand ganz in Ruhe zu lassen. Mit der Zeit brachte dann vielleicht die Mutter Näheres aus ihr heraus, was möglicher Weise einen Anhaltspunkt geben konnte.

Im Hause des Justizraths war es indessen recht unheimlich geworden, denn der Mord, da er des Justizraths ganze Thätigkeit in Anspruch nahm, bildete fast das Hauptgespräch eines wie aller Tage, und die Mädchen fürchteten sich schon, wenn sie nach Dunkelwerden den Hausflur passiren mußten. Die Töchter drängten auch den Vater, er möge mit ihnen, da der Sommer außerdem mit Macht hereinbrach, einen lang be- und versprochenen Plan ausführen, und auf einen oder zwei Monate an den Rhein gehen, aber er konnte jetzt nicht fort, denn immer verwickelter gestaltete sich die Untersuchung, die aber trotzdem nichts Bestimmtes ergab, so viel Verdachtsgründe auch nach der und jener Seite auftauchen mochten.

Aus dem Kind war Nichts herauszubringen gewesen, die Mutter hatte es selber übernommen, es allmälig zu befragen. So rasch sich die Kleine aber in der freundlichen Umgebung der eigenen Wohnung beruhigte, so fing sie doch den Augenblick wieder an zu weinen und klammerte sich an die Mutter fest, sobald diese jener Scene auch nur Erwähnung that. Es war ein „Böser Mann“ gewesen, weiter wußte sie Nichts — hatte sich um weiter Nichts bekümmert, und hörte erst auf zu weinen, wenn ihr die Mutter ein Spielzeug gab und ihre Gedanken in eine andere Bahn lenkte.

Allerdings waren nicht weniger als acht Handwerksburschen aufgespürt und eingeliefert worden, und Einer von diesen, der wirklich schielte — gestand, daß er an jenem Tage — in Begleitung eines anderen, den er aber nicht weiter kannte, und der auch nicht aufgetrieben werden konnte — in der Stadt fechten gegangen sei. In welchen Häusern er aber gewesen, konnte er nicht mehr angeben, und da man auch nicht das geringste Verdächtige, sondern nur ein paar Groschen Kupfergeld und zerrissene Wäsche und Stiefeln bei ihm fand, ließ sich ebenfalls kein Beweis darauf stützen. Man hielt ihn allerdings noch einige Tage in Haft, mußte ihn aber zuletzt wieder frei lassen.

Indessen war der Nachlaß der alten Dame untersucht worden, und man hatte bei ihr wohl ziemlich viel schweres Silberzeug, aber sehr wenig baares Geld und gar keine Werthpapiere gefunden, während doch konstatirt wurde, daß sie zahlreiche Coupons allmonatlich bei einem bestimmten Bankier eingelöst. Auch viele Juwelen sollte sie gehabt haben, wie einer der Juweliere in der Stadt beim Kriminalamt anmeldete, und dabei erklärte, daß er selber verschiedene Male zu der alten Dame gerufen sei, um dieselben abzuschätzen.

Spuren hatten der oder die Verbrecher, wie schon erwähnt, gar keine zurückgelassen, im Ofen fand man aber eine Menge verbrannter Papierasche, wo es freilich zweifelhaft blieb, ob die alte Dame nicht selber vielleicht kurz vorher Briefe verbrannt habe, denn welches Interesse konnten die Diebe daran nehmen. Nur wenige Briefe lagen in einem kleinen oberen Gefach, und bei diesen auch ein, freilich von keinem Notar unterzeichneter „letzter Wille“, der ihr Vermögen an baarem Geld und Werthpapieren auf sechzigtausend Thaler angab, und dasselbe der Stadt zur Gründung eines Waisenhauses vermachte.

Man ließ allerdings noch einen Kunsttischler die verschiedenen Möbel genau untersuchen, um vielleicht ein verborgenes Fach zu entdecken, aber umsonst; der Mörder schien Alles — bis auf wenige hundert Thaler, die in einem Kommodenfach lagen, gefunden und mitgeführt zu haben, und der Verdacht lag nahe, daß Jemand die That verübt haben müsse, der gewußt habe, wo er das Geld zu suchen hatte, da er nur so kurze Zeit zu dem Ueberfall gebraucht. Man überwachte deßhalb die Bewohner des Hauses selber auf das Sorgfältigste, doch auch hier ohne den geringsten Erfolg, und die Akten mußten endlich, da sich nicht einmal eine Liste der vermutheten Werthpapiere fand, nach denen man vielleicht den Nummern hätte nachforschen können, geschlossen werden. Ein Schleier lag auf der dunklen That, und der Verbrecher hatte sich dem strafenden Arme der Gerechtigkeit entzogen.

In den Zeitungen waren indessen die Erben der Ermordeten aufgefordert worden, ihre Ansprüche zu erheben, aber es meldete sich Niemand, der solche auch hätte begründen können. Die Hinterlassenschaft der Ermordeten wurde deßhalb in öffentlicher Auktion versteigert und der Ertrag dem Fiskus überwiesen, um mit der Summe, die sich doch noch auf etwa sechstausend Thaler belief, im Sinne des aufgefundenen Testaments zu verfahren und sie dem Fond zuzuwenden, der schon für den nämlichen Zweck gesammelt worden.

Anfang September war das Alles erledigt, und den Justizrath drängte es jetzt selber, die lang aufgeschobene Reise anzutreten — war ja doch auch dieß die günstigste Zeit, um den Rhein zu besuchen, und die Töchter jubelten.

Dießmal brauchte sich auch der Vater wahrlich nicht zu beklagen, daß die Damen zu lange Vorbereitung zu ihren Toiletten gebraucht hätten — schon seit Monaten lag Alles fix und fertig, des Aufbruchs gewärtig, und Elisabeth und Käthchen — ihre Mutter hatten beide Mädchen vor längeren Jahren verloren und führten seitdem dem Vater das Hauswesen — jauchzten laut auf, als endlich der lang und heiß ersehnte Morgen nahte, der sie den dumpfen Stadtmauern entführen sollte. Seit jenem furchtbaren Mord war ihnen ja nicht einmal die eigene Heimath mehr lieb gewesen, und mit doppelter Freude begrüßten sie diese Reise, die ihnen nicht allein einen langgehegten Wunsch erfüllen, sondern sie auch dem Schauplatz der letztverlebten trüben Monde entreißen sollte. Kehrten sie dann zurück, so hatten freundlichere Eindrücke die häßlichen Bilder dieser Zeit verwischt, und der Winter brachte ihnen überhaupt wieder andere Vergnügen und Zerstreuungen.