Viertes Kapitel.
Der Besuch.
Die Frau Professorin Perler hatte Mann und Tochter nicht an das Boot begleiten können, um ihre lieben Gäste zu empfangen; denn die telegraphische Depesche, die ihr Eintreffen anzeigte, war erst an dem Morgen angelangt und da natürlich noch so viel im Haus zu thun und zu ordnen, daß sie nicht daran denken konnte, es zu verlassen. Behielt sie doch auch wirklich — nachdem Alles endlich in den gehörigen Stand gesetzt — kaum nur so viel Zeit übrig, um sich in ihren Staat zu werfen, als der Wagen mit dem Gepäck schon vor die Thür rasselte und bald darauf auch die Erwarteten eintrafen.
Das war jetzt ein Fragen und Erzählen unter den fröhlichen guten Menschen, und die Frau Professorin führte dann den Herrn Justizrath in sein Zimmer hinauf, das sie ihm eingerichtet hatte, als ob er sich dort für Lebenszeit einquartieren solle, und Rosa nahm Käthchen und Elisabeth unter den Arm und sprang mit ihnen nach deren Gemach, das eher einem Puppenstübchen aus dem Feenreiche, als einem Wohnort für irdische Wesen glich. Dann sollten sie begreiflich noch einmal zu Mittag speisen, was aber natürlich entschieden abgelehnt werden mußte, denn es war kaum vier Uhr vorbei und nur dem Kaffee konnte und wollte der Justizrath nicht ausweichen, der hinunter in die mit schon reifen Trauben behangene Weinlaube getragen und dort mit einer guten Cigarre genossen wurde.
Aber die Mädchen hatten keine Ruhe dort und einander so unendlich viel zu erzählen — eigentlich merkwürdig, da sie sich fast wöchentlich bogenlange Briefe schrieben — daß es ihnen in der Laube keine Ruhe ließ und sie jetzt Arm in Arm durch den Garten wanderten, um sich endlich einmal ordentlich auszusprechen. Wir Menschen fühlen ja oftmals das Bedürfniß, besonders junge Damen, die auch an dem Geringsten und Unbedeutendsten ein warmes Interesse nehmen.
„Sag’ einmal, Rosa,“ frug da Elisabeth endlich, die bis jetzt die Stillste gewesen war, denn immer noch suchte sie in ihrem Gedächtniß nach dem Bild des Fremden, und ärgerte sich dabei eigentlich über sich selber, daß ein vollkommen gleichgültiger und fremder Mann ihre Gedanken so in Anspruch nehmen konnte — „was ist das für eine Klara Paßwitz, von der Du vorhin sprachst?“
„Klara? ei die Tochter des Medizinalraths, der auch mit Deinem Vater sehr befreundet ist!“ rief Rosa, „und ein liebes gutes Mädchen — aber ja so, das wollte ich Dir ja noch erzählen, weil Du mich vorhin nach ihrem Bräutigam frugst, der uns an der Landung grüßte.“
„Kennst Du ihn denn, Lily?“ frug Käthchen erstaunt.
„Nein,“ lächelte die Schwester; „aber sein Gesicht muß ich schon irgendwo einmal gesehen haben, kann mich aber nicht besinnen wo, so viel ich mich auch schon deßhalb abgequält habe.“
„Nun, das müßte bei uns in Hoßburg gewesen sein,“ meinte die Schwester. „Vielleicht war er einmal dort zum Besuch.“
„Ich glaube kaum,“ sagte Rosa; „denn so viel ich weiß, ist er erst vor ganz kurzer Zeit von Paris zurückgekehrt, wo er sich durch Spekulation ein bedeutendes Vermögen erworben und sich jetzt hier in der Nachbarschaft — wenigstens nicht so weit entfernt angekauft hat.“
„Und er wird Klara Paßwitz heirathen?“
„Ja, das ist eine wunderliche Geschichte,“ meinte Rosa geheimnißvoll. „Klara kannte ihn fast noch gar nicht, er war nur ein paar Mal, von irgend Jemand — ich weiß nicht von wem — an ihren Vater empfohlen, in ihrem Hause gewesen, hatte aber viel mit dem Vater verkehrt und diesen auch einmal bewogen, ihn mit der Tochter auf seinem Gut zu besuchen — es liegt ein Stück den Rhein hinauf, irgendwo da hinter Godesberg — und von dem Augenblick an schien die Sache zwischen ihm und Klara’s Papa abgemacht zu sein, ohne daß Klara — doch als die Hauptperson — nur besonders darum gefragt worden wäre.“
„Und liebt sie ihn denn nicht?“ frug Käthchen rasch.
„Ja,“ meinte Rosa, sehr altklug die Achseln zuckend, „das ist eine Sache, hinter die ich selber noch nicht recht kommen kann. Manchmal scheint es mir allerdings, als ob sie ganz mit der Verbindung einverstanden wäre, und dann wieder sieht sie so unglücklich aus, als ob ihr das Herz über irgend einem geheimen Gram brechen wolle. In der Stadt sagt man auch allgemein, daß es nur eine gezwungene Heirath wäre, zu der sie ihr Vater gedrängt hätte.“
„Aber er wird doch wahrlich seine Tochter nicht zu einer Heirath zwingen wollen!“ rief Käthchen.
„Er wird sie gerade nicht zwingen,“ meinte Rosa, „aber ihr so lange damit in den Ohren gelegen und von der guten Partie gesprochen haben, bis sie ihn zuletzt heirathet, um nur Nichts mehr von der Sache zu hören.“
„Das wäre auch eine eigene Manier, Jemanden los zu werden,“ lachte Käthchen, „man heirathet ihn einfach.“
„Kennst Du den jungen Herrn näher, Rosa?“ frug Elisabeth.
„Näher? er war ein paar Mal mit Paßwitzens bei uns.“
„Und sind sie schon verlobt?“
„Auch daraus bin ich noch nicht recht klug geworden,“ meinte Rosa; „in der Stadt heißt es allerdings so, Klara weicht aber allen Fragen aus. So viel ist sicher, daß sie die Trauung noch eine Zeitlang hinausgeschoben hat; denn wäre die schon bestimmt, so würde ich es gewiß erfahren haben. Herr von Berger scheint allerdings nicht damit einverstanden; wenn Klara aber einmal ihren kleinen Trotzkopf aufsetzt, ist auch nicht viel mit ihr anzufangen.“
„Das wäre ein sonderbares Verhältniß,“ sagte Elisabeth kopfschüttelnd, „wo sich die Braut vor der Trauung fürchtet und sie so lange als möglich hinauszuschieben sucht.“
„Und ich weiß wirklich nicht recht weßhalb!“ rief Rosa; „denn Berger ist in der That ein liebenswürdiger Mensch und, wenn er nicht gerade seine ‚finstere Stunde‘ hat, wie wir es nennen, fast ausgelassen lustig und dabei unerschöpflich in geselliger Unterhaltung. Wir haben einige wirklich herrliche Abende in seiner Gesellschaft verlebt, und da hat er sich so liebenswürdig gezeigt, daß ich ihm selber gut sein könnte.“
„Dann überläßt ihn Dir Klara vielleicht,“ lachte Käthchen, „und damit wäre euch am Ende Beiden geholfen.“
„Aber Käthchen!“ rief Rosa vorwurfsvoll, „Du bist doch ein ausgelassen Ding geworden.“
„Ach was,“ lachte Käthchen, „wunderbarere Sachen sind schon vorgekommen. Ist er denn hübsch?“
„Sehr hübsch,“ sagte Rosa, die auf den Scherz der Freundin einging, „und sehr reich dabei.“
„Also, was willst Du mehr?“ neckte Käthchen, „unter solchen Umständen kannst Du Dich schon einmal für eine Freundin opfern.“
„Und von was unterhalten sich die jungen Damen?“ rief auf einmal die fröhliche Stimme des Justizraths.
„Und von was sonst, als jungen Herren, Papa,“ lachte Käthchen, als ihnen plötzlich der Vater mit dem Professor und seiner Gattin aus einem der Seitengänge entgegen kam, und rief mit der kecken Antwort hohes Roth auf die Wangen ihrer Schwester und Freundin.
„Ei ei ei ei,“ sagte der Professor; „aber so lange es die junge Gesellschaft noch so frischweg eingesteht, hat es wohl nicht viel zu sagen; wie, Rosa?“
„Nein, Papa, ich glaube auch nicht,“ lächelte das junge Mädchen, „wir haben uns von Klara’s Bräutigam unterhalten.“
„Von dem jungen Berger — ach ja, der ist ja vorhin mit eurem Dampfer wieder nach Bonn gekommen. Er soll mit Paßwitz’ Tochter verlobt sein.“
„Paßwitz? wie geht es dem?“ rief der Justizrath.
„O gut,“ lächelte der Professor, „er ist noch immer der alte Sonderling, aber in den letzten Jahren merkwürdig grau geworden.“
„Und führt ihm die alte Isabel noch die Wirthschaft?“
„Genau wie früher und tyrannisirt das ganze Haus — wir wollen morgen einmal hinüber gehen und sie besuchen. — Heute wird aber Nichts mehr vorgenommen, denn heute gehört ihr vollständig uns und nicht einen Fingerbreit lassen wir euch aus — nicht wahr, Alte?“
„Das versteht sich,“ nickte freundlich seine Frau dazu, „denn lange genug haben wir uns auf die Zeit vergebens gefreut, wo uns der Herr Justizrath einmal wieder die Ehre schenken würde.“
Dabei blieb es, den Justizrath drängte es auch gar nicht aus dem ihm selber so lieben Kreise fort, und die kleine Gesellschaft verbrachte den Abend froh und glücklich in den eigenen Räumen.
Am nächsten Tag wurden Besuche gemacht, und zwar zuerst die Staatsvisiten, die den Besuchten gerade so langweilen wie den Besuchenden und beiden Theilen unausstehlich sind, von denen sie sich aber doch stets einreden, daß sie nun einmal „nöthig und schicklich“ wären und nicht umgangen werden könnten.
Der Justizrath machte von der Regel solcher gewissenhaften Menschen keine Ausnahme. Um zwei Uhr sollte gegessen werden, und von halb elf bis zwei Uhr quälte er sich denn auch, bei vierundzwanzig Grad Wärme im Schatten, in einem unbequemen schwarzen Frack und eben solchen Beinkleidern mit einem hohen Cylinderhut — seinen leichten Strohhut durfte er „anstandshalber“ nicht aufsetzen — pflichtschuldigst ab, um eine Anzahl ihm vollkommen gleichgültiger Menschen in ihren eigenen Wohnungen zu besuchen. Dort wurde er dann in die „beste Stube“ geführt, um sich, während Frauen und Töchter der Heimgesuchten als „noch nicht sichtbar“ in alle möglichen Seitengemächer schlüpften, eine Viertelstunde lang über gar Nichts mit dem Hausherrn zu unterhalten und von ihm beim Abschied die Versicherung zu hören, wie außerordentlich angenehm es ihm gewesen sei, den Herrn Justizrath wieder einmal begrüßt zu haben.
Dies beseitigt, stieg er die Treppe hinab, nahm unten aus seiner Westentasche ein kleines Blättchen Pappe, auf dem die Namen der verschiedenen Persönlichkeiten aufgezeichnet standen, und strich mit einem, aus voller Brust herauf geholten „Gott sei Dank! wieder Einer“ den betreffenden „Abgemachten“ fort.
Zum Tode erschöpft, aber mit dem beseligenden Bewußtsein, seine Pflicht erfüllt und sich dabei einen vortrefflichen Appetit geholt zu haben, kehrte er endlich kurz vor zwei Uhr in des Professors Wohnung zurück.
„Nun? Alles abgemacht?“ rief ihm dieser lachend entgegen.
„Alles,“ nickte der Justizrath vergnügt; „drei habe ich Gott sei Dank nicht zu Hause getroffen und nur meine Karte abgegeben. That mir leid, aber ließ sich nicht ändern. — Noch einmal hingehen kann ich nicht.“
„Du hast sie, Gott sei Dank, nicht zu Hause getroffen,“ schmunzelte der Professor, „aber es thut Dir leid. Bist Du ein wunderlicher Mensch, und weßhalb ludst Du Dir und Anderen eine solche Last auf? — Die armen Teufel müssen Dich jetzt auch wieder aufsuchen.“
„Ja, lieber guter Kuno,“ sagte der Justizrath, „das geht doch nun einmal nicht anders — die Form muß beobachtet werden, denn gerade die Form hält unsere ganze menschliche Gesellschaft zusammen.“
„Ich habe Dich nie für einen solchen Formmenschen gehalten.“
„Wer kann’s ändern,“ sagte der Justizrath achselzuckend, „aber dafür schmeckt mir jetzt das Essen auch desto besser, und heute Nachmittag suchen wir die alten Freunde in aller Gemüthlichkeit auf.“
„Und ohne Glacéhandschuhe.“
„Ohne Glacéhandschuhe, das versteht sich,“ bestätigte der Justizrath, „denn so lange ich Glacéhandschuhe an den Händen habe, bin ich nur höflich, sowie ich sie ausziehe, werde ich herzlich und vergnügt.“
Und jetzt wurde zu Tisch gerufen, nach Tisch der Kaffee wieder in der Laube getrunken, und dann beschloß die kleine Gesellschaft, gemeinsam den Medizinalrath Paßwitz zu überfallen, der von der Anwesenheit des Justizraths noch gar Nichts wissen konnte, und sich gewiß über das Wiedersehen eines alten Studiengenossen außerordentlich freuen würde.
Es mochte vier Uhr sein, als der Professor vorschlug, ihren Besuch nun abzustatten, da der Medizinalrath um Sechs regelmäßig, wie die Uhr schlug, in sein Kasino ging, und die Zeit — wenn ihn nicht Krankheit an sein Lager fesselte — nie versäumte. Nicht einmal durch eine Gesellschaft ließ er sich davon abhalten, und die kleine Karawane brach unverzüglich dahin auf.
„Herr Medizinalrath zu Hause?“ frug der Justizrath, der mit Elisabeth eine kurze Strecke voraus war und an der verschlossenen Thür geklingelt hatte. Ein alter Dienstbote öffnete, hielt sich aber nicht lange mit Erkundigungen oder Antworten auf, sagte einfach „Nein“ und schlug dem erstaunten Herrn die Thür wieder vor der Nase zu.
„Das ist ein hübscher Empfang,“ lachte der Justizrath, sich gegen den jetzt herankommenden Freund wendend. „Viele Umstände machte die Alte keinenfalls — wir scheinen doch zu spät gekommen zu sein.“
„Gott bewahre,“ sagte der Professor, mit dem Kopf schüttelnd, „eher ging die Sonne einmal aus Versehen im Westen auf, als daß Paßwitz um diese Zeit nicht im eigenen Hause hinter einer Tasse Kaffee säße. Das war nur eine Laune von dem alten Drachen, der der Besuch in diesem Augenblick aus irgend welchen Gründen ungelegen kam, aber sie wußte keinenfalls, daß ich dabei war, sonst hätte sie es doch wohl nicht versucht. Ich werde sie noch einmal citiren“ — und mit den Worten trat er an die Klingel und zog so kräftig, daß das ganze Haus von den Tönen der ziemlich großen Glocke wiederhallte.
Es dauerte nicht lange, so wurde die Thür — und zwar dießmal ziemlich heftig aufgerissen, und die Alte schien allerdings die Absicht gehabt zu haben, unangenehm über die neue Störung zu werden; die Person des Professors, den sie gut genug kannte, belehrte sie aber doch eines Besseren, und wenn sich ihr runzliches Antlitz auch nicht in freundlichere Falten zog, hielt sie doch die Thür offen und sagte nur mürrisch: „Der Herr Medizinalrath haben Besuch — wußte nicht, daß der Herr Professor dabei war.“
„Schon gut, Fräulein Isabella,“ nickte ihr aber dieser zu — „brauchen uns auch nicht anzumelden; ich weiß schon selber den Weg. Apropos, wer ist denn oben — doch kein Kranker?“
„Der Herr Baron,“ lautete die kurze Antwort.
„So? — Berger? — desto besser — und nun komm’, mein alter Freund, jetzt wollen wir einmal den Bären in seiner eigenen Höhle überrumpeln,“ und ohne weiter Notiz von der alten Wirthschafterin zu nehmen, die ihre friedliche Wohnung plötzlich von einem Schwarm geputzter Menschen gestürmt sah, ohne die Macht zu haben, sie zurückzuweisen oder abzusperren, stiegen sie die Treppe hinauf.
Der Professor hatte auch nicht zu viel versprochen — er wußte, in welcher Stube er den Freund zu suchen hatte, und als auf sein etwas derbes und rasches Anklopfen ein erschrecktes „Herein“ antwortete, riß er die Thür weit auf und führte lachend die kleine Armee in die Stube hinein.
Der Medizinalrath saß in der That beim Kaffee. Es war ein kleines hageres, etwas gedrücktes Männchen, dessen Kopf — obgleich er selber kaum fünfzig Jahre zählen mochte, schon eisgraue Haare spärlich deckten; er hob sich auch etwas verlegen aus seinem Lehnstuhl, da er sich plötzlich in seinem Schlafrock und Pantoffeln den fremden Damen, die er nicht gleich erkannte, gegenüberfand. — Was hatte denn nur die sonst so aufmerksame Haushälterin heute gemacht, da sie doch nie Besuch unangemeldet herein ließ?
„Heh! Medizinal- und Sanitätsrath!“ rief ihn aber der Professor freundlich an, „kennst Du uns nicht mehr? wo hast Du denn Deine Brille, Mann?“
„Ja, lieber Professor,“ stammelte der Ueberrumpelte, indem er seinen Schlafrock warm zusammen nahm und die Damen noch immer unsicher anstarrte. Da fiel sein Blick auf den Justizrath, und ihm die Hand entgegenstreckend rief er herzlich und erfreut ihn bei seinem alten Spitznamen auf der Universität — „‚Raps!‘ Junge, wo kommst Du her? und das — das sind doch nicht...?“
„Meine Töchter, alter Schwede,“ lachte der Justizrath vergnügt, „nicht wahr, die Mädel sind herangewachsen? Aber wo ist die Deine? — ah, Fräulein Klara — nun das muß ich sagen,“ setzte er rasch hinzu, „zurückgeblieben sind Sie auch nicht. Sie blühen wie eine junge Rose,“ und ohne weitere Umstände ging er auf sie zu, nahm ihren Kopf zwischen die Hände und küßte sie auf die Stirn.
Jetzt erst bemerkte er den neben ihr stehenden jungen Herrn, der sich mit ihr zugleich vom Stuhl gehoben hatte.
„Ein Freund unseres Hauses,“ stellte ihn der Medizinalrath vor, „Baron Berger, der Bräutigam meiner Tochter, und das, lieber Berger, ein alter Jugendfreund, Justizrath von Hochweiler aus Hoßburg.“
Die beiden Herren verneigten sich gegen einander.
„Und hier,“ fuhr der Professor fort, „da wir doch einmal im Vorstellen sind, um die langweilige Geschichte gleich abzumachen, Fräulein Elisabeth und Katharine von Hochweiler, besagten Justizraths liebenswürdige Töchter — so, jetzt kennen wir einander, und nun, ihr Mädels, steht nicht da wie die Stöcke und fallt euch üblicher Maßen um den Hals.“
„Das hast Du mit dem Herrn Justizrath auch gemacht, Papa,“ lachte Rosa.
„Ich bekenne mich schuldig,“ nickte der Vater, „also da sind wir, Medizinalrath.“
„Herzlich — herzlich erfreut,“ rief dieser, nochmals des Justizraths Hand schüttelnd, „und nun alter Junge, wie geht’s — jetzt erzähle; wir haben uns ja, glaub’ ich, in einer wahren Ewigkeit nicht gesehen.“
Die jungen Mädchen hatten sich indessen schon rascher mit einander verständigt und plauderten zusammen; Elisabeth aber bemerkte bald, daß die Röthe, die Klara’s Gesicht überstrahlte, als sie ihr Vater anredete, nicht ihrem Antlitz natürlich war und rasch wieder verschwand. Sie sah eher bleich und angegriffen aus, und um ihre Lippen lag ein recht weher, schmerzhafter Zug — aber sie war freundlich und lieb, und, wie wir das ja so oft im Leben haben, daß uns der erste Anblick eines Menschen wohl thut, so fühlte sie sich gleich vom ersten Moment ihrer Bekanntschaft hin zu der ernsten und sinnigen Elisabeth gezogen, als ob sie schon seit vielen, vielen Jahren Freunde gewesen wären.
Elisabeth theilte das Gefühl, das in solchen Fällen fast immer gegenseitig ist, und doch war ihre Aufmerksamkeit in dieser ersten Zeit mehr dem jungen Fremden, als der neuen Freundin zugewandt, der sich auch rasch und leicht in ihr Gespräch mischte und die jungen Mädchen bald zu fesseln wußte. — Aber Stimme wie Ausdrucksweise desselben blieben ihr vollkommen fremd, und doch fühlte sie sich von seinem ganzen Wesen angezogen und mußte sich selber gestehen, lange Niemanden getroffen zu haben, der sie so ganz in Anspruch nahm.
Berger zeigte sich auch in der That unendlich liebenswürdig; er war die Aufmerksamkeit selber, und als der Vater endlich zum Aufbruch mahnte — denn sechs Uhr war herangekommen, und der Medizinalrath wurde schon unruhig — glaubten Alle, daß ihnen die Zeit noch nie im Leben so rasch verflogen sei, als diese zwei kurzen Stunden.
Aber man wollte sich wieder sehen, und der Professor, der sich selber in das Gespräch gemischt und Freude daran gefunden hatte, setzte dazu den kürzesten Termin.
„Wie wäre es, meine jungen Herrschaften,“ sagte er, „wenn wir uns gar nicht trennten, sondern heute Abend gleich zusammen blieben? Freund Medizinalrath ist unzurechnungsfähig, der muß pflichtschuldigst in sein langweiliges Kasino und L’hombre spielen, sonst wird er von seiner Partie in den Bann gethan; uns Andere aber bindet kein solcher Zwang, und wenn wir nun Alle zusammen heute Abend in unseren Garten gingen und dort vergnügt eine Tasse Thee — respektive ein Glas guten Wein — tränken, so glaube ich, daß wir uns noch vortrefflich amüsiren könnten. Was sagen Sie, meine Damen?“
„Ach ja, Papa, das wäre zu herrlich,“ rief Rosa rasch und freudig — „nicht wahr, Du gehst mit, Klara?“
„Und Herr von Berger begleitet uns vielleicht ebenfalls?“ setzte der Professor hinzu.
„Sie sind außerordentlich liebenswürdig, verehrter Herr,“ entgegnete der junge Mann, „und ich selber bin viel zu schwach, um einer solchen Verlockung zu widerstehen — vorausgesetzt natürlich, daß ich die Damen in ihrer Unterhaltung nicht störe.“
„Sie können auch boshaft sein, nicht wahr?“ lachte Rosa, „als ob wir so Wichtiges zu verhandeln hätten — und dann gehen wir gleich, nicht wahr, Papa?“
„Ja, Kinder,“ sagte der Medizinalrath etwas verlegen, „das ist Alles recht schön und gut, und Klärchen — aber die alte Bella ist dann ganz...,“ er wollte nicht recht mit der Sprache heraus.
„Ganz allein?“ ergänzte der Professor lachend, „und Klärchen soll doch nicht etwa der alten Person zur Gesellschaft zu Hause bleiben? — das wär’ der Mühe werth. Alter, Alter, laß mich Dich nicht auf einem faulen Pferde erwischen. — Und nun vorwärts, Kinder — Donnerwetter, da schlägt’s schon Sechs — Medizinalrath — mach’ daß Du in Dein Kasino kommst, sonst mußt Du Strafe zahlen.“
Der kleine ängstliche Mann wagte in der That keinen weiteren Einwand, und Klärchen, die rasch ihren leichten Shawl umgeworfen und ihren Hut aufgesetzt hatte, war in wenigen Sekunden gerüstet.