Fünftes Kapitel.
Das Loch in der Hose.
Unten an der Thür begegnete die kleine Gesellschaft allerdings wieder der alten Frau, die hier im Hause nicht allein die Wirthschaft, sondern auch die Herrschaft zu führen schien. Mit eben nicht freundlichen Blicken betrachtete diese den Professor, der triumphirend an ihr vorüberschritt; Berger bog sich aber zu ihr über und flüsterte ihr etwas in’s Ohr, wonach sie freundlicher wurde und ihm zunickte — Elisabeth hatte das bemerkt — dann traten sie hinaus in die sonnige Straße und wanderten lachend und plaudernd dem Garten des Professors zu.
Rosa und Käthchen, beide fast in einem Alter, ein paar aufknospende Rosen, vor denen die Welt in ihrem ersten wunderbaren Glanz geöffnet lag, hatten auch noch keinen Schatten in dieser weiten Blumenau entdeckt, Alles, was sie umgab, diente nur dazu, ihnen neue Freude zu bereiten. — Glückliche Jugendzeit, daß Du so rasch vergehen mußt, und wenn geschwunden — nie im Leben wiederkehrst!
Elisabeth wie Klara waren Beide um drei Jahr älter — und deßhalb auch ernster und ruhiger und hatten sich, wie schon gesagt, so gleich vom ersten Augenblick zu einander hingezogen gefühlt, daß sie auch jetzt, Arm in Arm, wie zwei alte Jugendfreundinnen, hinter den jüngeren Mädchen herschritten, während ihnen der Justizrath mit dem Professor und dem jungen Berger folgten.
So erreichten sie den Garten und wurden hier auf das Liebenswürdigste von der Frau Professorin empfangen. Ihr wäre es auch am liebsten gewesen, wenn sich die Gäste gleich wieder zum Essen und Trinken niedergesetzt hätten, was aber von Allen auf das Entschiedenste abgelehnt wurde. — Kaffee war auch schon getrunken, aber sie ließ es sich wenigstens nicht nehmen, Obst und Wein auf den Tisch in der Laube zu stellen, daß sich davon nehmen konnte, wer eben Lust hatte.
Eine Stunde verging etwa so: die Herren hatten sich um den Wein gesetzt, die Mädchen gingen plaudernd auf und ab, bis ein paar junge Leute mit ihrer Schwester, einer Freundin Rosa’s, noch zum Besuch herüber kamen. Jetzt ließ Käthchen keine Ruh’ mehr: es sollte ein Gesellschaftsspiel arrangirt werden, denn das ewige Schwatzen war zu langweilig.
Das junge Volk ging natürlich rasch darauf ein, und Berger zeigte sich dabei so unerschöpflich im Anordnen neuer interessanter Spiele, daß man sich, als der Aufenthalt im Garten zu kühl wurde, noch nicht dazu entschließen konnte, auseinander zu gehen, sondern einstimmig entschied, das Spiel oben im Zimmer fortzusetzen.
Vorher mußte allerdings erst etwas zu Abend gegessen werden, das ließ sich die Frau Professorin nicht nehmen, wenn auch die Letztgekommenen erklärten, das schon erledigt zu haben. Der Tisch wurde mit kalten Speisen gedeckt, aber das junge Volk versäumte nicht viel Zeit damit. Nachdem nur etwas verzehrt worden, um die Hausfrau zufrieden zu stellen, halfen die jungen Damen selber mit Abräumen, daß die Tafel nur rasch wieder bei Seite geschoben werden konnte, und jetzt begann das Spiel von Neuem.
Natürlich war bunte Reihe gemacht worden, und Berger kam dabei zwischen Elisabeth und Klara zu sitzen. Mehrere der früher gespielten Spiele hatte man auch schon wieder durchgenommen, als Berger ein neues vorschlug, das die muntere Schaar rasch aufgriff. Ja so ansteckend schien ihre ausgelassene Fröhlichkeit zu sein, daß sich sogar die Eltern mit dem Justizrath nicht länger davon ausschließen mochten und unter dem Jubel des jungen Volkes mit Platz im Kreise nahmen.
Das neue Spiel hieß: „Gedanken errathen“, und Berger selber machte den Anfang als „Rathender“. Vorher erklärte er natürlich der kleinen Gesellschaft den Sinn des Spiels und verließ dann das Zimmer, um den Zurückbleibenden Raum zu lassen, sich etwas auszudenken.
Jeder mußte ihm nämlich — wenn er wieder hereingerufen wurde, drei Worte nennen, die auf das, an was er gerade dachte, Bezug hatten, und danach hatte er nachher zu rathen, womit sich die betreffende Person in ihren Gedanken augenblicklich beschäftigte. Natürlich lag es dabei in Jedes Interesse, die Worte so vieldeutig als möglich zu wählen, um den Rathenden nicht zu rasch auf die richtige Spur zu bringen.
Rathen durfte er dreimal — rieth er es dann nicht, so mußte er ein Pfand geben, und damit der Gefragte (den man, im Fall seine Gedanken wirklich getroffen wurden, ebenfalls um ein Pfand strafte) nicht willkürlich leugnen konnte, hatte Jeder vorher der Gesellschaft zu sagen, an welchen Gegenstand oder an welche Handlung er in dem Augenblick denken wolle.
Das Spiel war außerordentlich amüsant, denn Berger kannte, außer den drei erst hinzugekommenen Gästen, alle ziemlich genau. Mit vielem Scharfsinn dabei begabt, wußte er so geschickt zu treffen — nur Elisabeth’s Aufgabe konnte er nicht lösen — daß er fast rund herum Pfänder einsammelte.
Wie er durch war, mußte geloost werden, wer jetzt hinaus solle, um das Spiel von Neuem zu beginnen, und es traf dießmal Elisabeth, die in’s Nebenzimmer ging, während die Anderen die Wahl ihrer Worte verabredeten.
Es dauerte dießmal ein wenig lange, denn daß Berger vorher Alles sogleich errathen hatte, schien die kleine spottlustige Gesellschaft empört zu haben, und man beschloß, dießmal vorsichtiger in der Stellung der Worte zu sein.
„Darf ich hinein?“ hatte die ungeduldig werdende Elisabeth schon dreimal gefragt, und immer tönte es „nein, noch nicht!“ zurück. Endlich schien Jeder mit sich im Reinen, Berger half noch hie und da aus und dann mit den Worten: „Jetzt können wir die arme junge Dame von ihrem Posten erlösen“, sprang er zur Thür, um diese zu öffnen und Elisabeth einzulassen.
Während er zur Seite fuhr, um ihr Raum zu geben, blieb er mit dem Knie an einem der Stühle hängen und bekam einen wohl sechs Zoll langen Riß in das Beinkleid. Rosa hatte es gesehen und rief bedauernd, indem sie zu der Stelle trat: „Siehst Du, Papa, so lange habe ich gepredigt, daß Du die altmodischen Stühle mit den Messingknöpfen abschaffen oder doch neu überziehen solltest — aber Gott bewahre, bis ein Unglück geschehen ist.“
„Nun das Unglück ist dießmal nicht so groß, mein Fräulein,“ lachte Berger, indem er aber doch etwas bestürzt den angerichteten Schaden betrachtete.
„Richtig,“ rief Rosa, zu dem Stuhl niederknieend, „da hab’ ich’s. Der eine Knopf von dem Nagel ist abgesprungen und der scharfe Stift steht lang vor. — Ich bin neulich am Sopha ganz ähnlich mit meinem Kleid hängen geblieben.“
„Machen Sie sich deßhalb keine Sorge, mein Fräulein,“ rief aber Berger, sein Taschentuch um das Knie schlingend, „die Wunde blutet nicht und kann verbunden werden. Lassen Sie uns das Spiel nicht stören; sehen Sie, der Schaden ist schon wieder ausgebessert. Bitte, mein gnädiges Fräulein, fangen Sie an.“
Elisabeth hatte ganz vergessen, was sie sollte. Wie ein Schleier fiel es von ihren Augen — das war der nämliche Herr, den sie am ersten Mai in Hoßburg auf der Promenade gesehen, und zwar mit einem ähnlichen Uebel. Derselbe, der dann in eine Droschke gestiegen war und sein Tuch über das Knie haltend, um den erlittenen Schaden zu verdecken, davon fuhr. — Wo hatte sie bis jetzt ihre Gedanken gehabt, daß ihr das nicht gleich bei seinem ersten Begegnen eingefallen war? Sie erröthete jetzt ordentlich, als sie Berger in diesem Augenblick anredete.
„Mit wem fang’ ich an?“ frug sie zerstreut.
„Gleich hier an der Reihe,“ rief Rosa, „mit Herrn von Berger.“
„Ich sehe also, mein gnädiges Fräulein,“ rief der junge Mann, im Begriff, ihr die nöthigen drei Worte in einem kurzen Satz zu sagen.
„Halten Sie ein,“ lachte aber Elisabeth, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, „ich sage Ihnen, woran Sie in diesem Augenblick denken, ohne daß Sie mir die geringste Andeutung geben.“
„Und Sie wollen wirklich meine Gedanken errathen?“ lächelte Berger, während ein spöttischer Zug um seine Lippen zuckte.
„Stellen Sie mich auf die Probe.“
„Gut — also mein gnädiges Fräulein, an was denke ich in diesem Augenblick? Sie dürfen dreimal rathen, aber machen Sie sich auf ein Pfand gefaßt.“
„Ich beanspruche nur eine Chance,“ sagte Elisabeth, indem sie ihn fest ansah, „Sie denken in diesem Augenblick an einen ganz ähnlichen Unfall, der Ihnen vor etwas über vier Monaten — am ersten Mai — in Hoßburg begegnete. Hab’ ich Recht?“
Es war fast, als ob in dem Augenblick Berger’s Wangen die Farbe verlassen hätte. Er sah das junge Mädchen für einen Moment stier, fast wie bestürzt an — aber es war auch wirklich nur ein Moment, denn schon im nächsten schüttelte er lächelnd mit dem Kopf und sagte: „Ihr Pfand ist fällig, mein gnädiges Fräulein, ich war nie in Hoßburg.“
„Sie waren nie in Hoßburg?“ frug Elisabeth rasch.
„Nie,“ erwiederte Berger ruhig, „obgleich ich mich erinnere, im vorigen Jahr einmal mit der Bahn vorbeigefahren zu sein. Keinesfalls ist mir etwas Aehnliches dort begegnet, ich konnte also auch nicht daran denken. Sie haben Ihr Pfand verwirkt, mein gnädiges Fräulein.“
„In der That?“ sagte Elisabeth, jetzt selbst wieder vollständig irre gemacht, „dann hab’ ich mich allerdings geirrt.“
„Aber so mach’ doch, daß Du herumkommst, Lily,“ rief Käthchen, die ungeduldig wurde, „ich vergesse sonst wahrhaftig wieder, an was ich gerade denke.“
Das Spiel hatte seinen Fortgang, aber Elisabeth war sichtlich zerstreut und erst beim dritten oder vierten Fragen konnte sie ihre Gedanken nun so weit sammeln, um nicht gar zu verkehrte Erklärungen abzugeben.
Berger schlug bald darauf ein anderes Spiel vor. Die Herren nämlich mußten sich auf einen Selterwasserkrug setzen und mit einem Fuß über den anderen geschlagen, ein brennendes Licht in der einen, ein unangezündetes in der anderen Hand, das nicht brennende an die Flamme des anderen zu bringen suchen, was zu höchst komischen Stellungen Veranlassung gab, und als sich selbst der Professor dazu entschloß, den Spaß mitzumachen, wollte der Jubel kein Ende nehmen.
Es war fast Mitternacht, ehe sich die kleine fröhliche Gesellschaft trennte, und so amüsirt hatten sich Alle, daß man beschloß, an einem der nächsten Abende wieder hier zusammen zu kommen.
Es mochte zehn Uhr am anderen Morgen sein, als Klara herüber zu Professors kam. Sie hatte, wie sie sagte, gestern Abend ihre Handschuhe entweder hier vergessen, oder unterwegs verloren, und wollte nun einmal nachfragen. Die Handschuhe waren nicht da, aber sie blieb noch eine Weile bei den Freundinnen und ließ sich auch Rosa’s Blumengärtchen zeigen, das diese mit besonderer Sorgfalt pflegte. Rosa war auch stolz darauf und wußte fast von jeder Blume, von denen keine abgepflückt werden durften, eine kleine Geschichte zu erzählen.
Endlich nahm Klara, während Käthchen von Rosa das Okuliren lernen wollte, Elisabeth’s Arm, und die beiden jungen Mädchen gingen langsam in den breiten Wegen des Gartens auf und ab.
„Sag’ einmal, Lily,“ frug da endlich Klara — denn das steife Sie der ersten Anrede war schon lange dem freundschaftlichen Du gewichen, „was ich Dich fragen wollte — hast Du denn Herrn von Berger schon früher gekannt?“
„Nein, mein Herz,“ erwiederte die Gefragte, leise mit dem Kopf schüttelnd. Sie sah dabei sinnend vor sich nieder.
„Aber Du deutetest doch gestern Abend ein Begegnen in Hoßburg an.“
„Ich muß mich geirrt haben,“ sagte Elisabeth; „es war nur ein flüchtiger Moment auf der Promenade, wenn ich auch auf die Aehnlichkeit geschworen hätte. Käthchen aber, die damals bei mir war und die ich gestern Abend noch darum frug, will Nichts davon wissen, oder sagte wenigstens, daß sie sich auf jene Persönlichkeit viel zu wenig besinnen könne, um sie jetzt noch im Gedächtniß zu haben. Aber weßhalb fragst Du das, Klärchen?“
Klara schwieg; ihre Gedanken waren jedenfalls wo anders, aber sie mußte die Frage gehört haben, denn nach einer Weile erwiederte sie: „Ich weiß es selber nicht, Lily, aber gestern — und ich habe mich dabei auch jedenfalls geirrt, war es mir fast, als ob Berger bei Deinen Worten erschrak. — Bitte, erzähle mir doch Dein Begegnen mit ihm oder jenem Anderen, der ihm gleich sah.“
Elisabeth lächelte: „Sein Unglück gestern brachte mich darauf,“ sagte sie, „denn jenem Herrn war ein ganz ähnlicher Unfall begegnet,“ — und nun erzählte sie der Freundin mit kurzen Worten das Begegnen an jenem Tage auf der Promenade von Hoßburg, das allerdings viel zu flüchtig gewesen war, um ein Wiedererkennen der Persönlichkeit mit Gewißheit behaupten zu können. — „Nun,“ setzte sie ernst hinzu, „muß ich Dir gestehen, daß es auch mir gestern Abend — aber auch nur für einen Moment — den Eindruck gemacht hat, als ob er bestürzt über meine Antwort wäre. Doch wie sollte das möglich sein, und ein Mißverständniß muß da jedenfalls zum Grunde liegen. Wer weiß, an was er in dem Augenblick gerade gedacht, das zufällig flüchtig mit meinen Worten zusammenstimmte. Aber sage mir Klärchen,“ setzte sie herzlich hinzu, „ist es wahr, daß Du mit Herrn von Berger verlobt bist?“
„Ja,“ hauchte Klara leise.
„Du sagst das Ja so wehmüthig,“ flüsterte Elisabeth, indem sie ihren Arm um die Freundin schlang, „bist Du nicht glücklich, Herz?“
„O doch, Lily,“ wehrte Klara ab, „gewiß bin ich’s — Berger ist ein sehr tüchtiger, geistvoller Mann, und — es ist ja meine freie Wahl —“
Elisabeth schwieg; sie fühlte, daß hier nicht Alles war, wie es sein sollte, aber hatte sie ein Recht, sich in das Vertrauen der Freundin zu drängen, wenn ihr dieses nicht freiwillig angeboten wurde?
Lautlos wandelten die beiden Jungfrauen eine Weile neben einander hin — Jede mit ihren eigenen Gedanken voll und reichlich beschäftigt. Endlich sagte Elisabeth wieder: „Der Professor hat heute Morgen davon gesprochen, daß er sich Donnerstag Abend wieder eine kleine Gesellschaft von jungen Leuten bitten will; er scheint sich gestern vortrefflich amüsirt zu haben, und die Frau Professorin sagte, sie wisse sich der Zeit nicht zu erinnern, daß sie so viel gelacht hätte. Herr von Berger ist wirklich unendlich amüsant bei solchen Gelegenheiten.“
„Ferdinand ist heute Morgen abgereist,“ sagte Klara leise.
„Ferdinand?“
„Berger mein’ ich.“
„Herr von Berger ist abgereist? so rasch?“ rief Elisabeth erstaunt.
„Ja, — er wollte eigentlich noch länger bleiben, fand aber gestern Abend, als er nach Hause kam, noch einen Brief von seinem Verwalter, der ihn rasch zurückrief, um auf seinem Gut Manches zu reguliren. Er hat einen Baumeister draußen, der ihm viel Aerger zu machen scheint. Vor einer Stunde etwa war er noch bei uns, — und ist dann gleich mit dem Zehnuhrboot stromauf gegangen.“
„Das thut mir wirklich leid,“ sagte Elisabeth, „und Professors werden es besonders bedauern.“
„Er hat mir noch herzliche Grüße für euch Alle aufgetragen,“ sagte Klara, „wäre auch gern noch selber herüber gekommen, aber zu so früher Stunde ging das doch nicht, und er konnte seine Abreise nicht aufschieben. Möglich aber, daß er bis dahin wieder zurück ist. Er hat meinem Vater versprochen, er wolle seinen Aufenthalt auf dem Gut so viel als nur irgend möglich abkürzen. Man reist ja jetzt so schnell.“
„Deinem Vater hat er das versprochen?“ lächelte Elisabeth, „das hätte er eigentlich Dir versprechen sollen.“
Wieder zeigte sich der schmerzliche Zug um Klara’s Lippen, und Elisabeth fühlte, wie sich der Arm der Freundin fester um sie legte.
„Klara,“ sagte sie da herzlich und von einem plötzlichen Gefühl ergriffen, „Du bist nicht glücklich — nicht so glücklich wenigstens, wie eine Braut sein sollte — Du kennst mich noch so wenig, aber wenn Du mein Herz sehen könntest —“
„Ich weiß nicht, wie es kommt, Elisabeth,“ flüsterte da das junge Mädchen, „ich habe Dich gestern zum ersten Mal gesehen, aber mir ist, als ob wir Schwestern wären, — Schwestern, die lange, lange Jahre von einander getrennt gewesen und jetzt erst zusammen kämen, um sich Alles zu vertrauen.“
„Meine liebe, liebe Klara.“
„Das ist ein Gefühl,“ fuhr aber das junge, erregte Mädchen fort, „das wir nicht ungestraft mißachten dürfen, — Du sollst Alles wissen und dann — rathe mir, wenn Du rathen kannst, — wenn nicht, so habe ich doch wenigstens den Trost, irgend Jemanden zu wissen, der mit mir fühlt, der mich begreift und — liebt.“
„Aber Klärchen, wie sprichst Du, hat Dich nicht Rosa auch von Herzen lieb?“
„Ja, aber sie ist zu flüchtig — zu oberflächlich, möchte ich sagen. — Sie hat noch nie, seit sie denken lernte, einen tiefen Schmerz erlitten, — wovor sie auch Gott recht lange bewahren möge — und ihr fröhlicher Sinn schimmert nur in Sonnenlicht und Freude.“
„Und Dein Bräutigam?“
„Das ist es ja gerade,“ seufzte Klara, „was mir so schwer und drückend auf der Seele liegt, ich weiß nicht, ob er mich liebt.“
„Du närrisches Mädchen,“ lächelte Elisabeth, die natürlich glaubte, daß nur eine eingebildete Sorge die Brust der Freundin füllte, „und hat er Dir nicht seine Liebe gestanden und Deine Gegenliebe erbeten?“
„Ja,“ hauchte Klara, „aber nicht, wie ich es mir früher gedacht, wenn ich mir einen solchen heiligen Augenblick im Geist ausmalte. — Mißverstehe mich nicht,“ bat sie rasch, als sie das Lächeln in Elisabeth’s Zügen bemerkte, „ich bin keine träumerische Schwärmerin, die überschwengliche Worte und Empfindungen verlangt und sich verletzt fühlt, wenn das Leben in trockener Wirklichkeit an sie herantritt — nur Herzlichkeit und Gefühl wollte ich haben und — so süß und lieb seine Worte klangen, mit welch’ heißer Beredsamkeit er das Geständniß seiner Liebe in mein Ohr flüsterte, mein eigenes Herz blieb kalt und unberührt.“
„Und doch hast Du ihm Dein Jawort gegeben?“
„Ich bat mir Bedenkzeit aus, nur bis zum anderen Tag, und rücksichtsvoll gestand er mir das zu und dann — dann kam unsere alte Bella, der er es muß angethan haben, denn in ihren Augen scheint er ein Gott, so unerschöpflich war sie und ist sie stets in seinem Lob.“
„Aber was hat eure alte Bella mit Deinem Herzen zu thun, Schatz? Du wirst Dich doch nicht von ihr haben überreden lassen?“
„Du kennst die Verhältnisse in unserem Hause nicht, Lily,“ seufzte Klara. „Meine Mutter habe ich nie gekannt, und Vater war von da an immer in fremden Händen. Er ist auch seelengut, aber entsetzlich schwach, und die alte Bella, die uns nun schon seit fünf Jahren die Wirthschaft führt und ihn einst in einer sehr schweren und bösen Krankheit mit wirklicher Aufopferung gepflegt, gilt Alles bei ihm. Sie selber hängt dafür mit seltener Treue an ihm, und daß ich, die eigene Tochter, von ihm geliebt werde, hat sie ordentlich eifersüchtig gegen mich gemacht. Ich fürchte auch fast, ihr Drängen und Treiben gilt eben so viel dem Wunsche, mich zu entfernen und ganz allein Herrin im Hause zu sein, als ihrem Entzücken und ihrer Bewunderung für meinen Bräutigam.“
„Und Du willigtest ein?“
„Vater und Bella drängten in mich, seinen Bitten Gehör zu geben — ich selber war ihm ja gut, denn seine glänzenden Eigenschaften hatten mich bestochen, es schmeichelte meiner Eitelkeit, daß er mich vor Allen bevorzugte — ich wußte, wie ich seinethalben beneidet wurde, und — als er am nächsten Morgen kam —“
„Da willigtest Du ein?“
„Ja,“ hauchte Klara.
„Und bereust Du es jetzt?“ flüsterte Elisabeth.
„Ich weiß es nicht,“ sagte Klara, aber so leise, daß die Töne kaum zu dem Ohr der Freundin drangen, „es ist ein wunderliches Doppelwesen, das in mir lebt — ich fürchte, ich würde mich unglücklich fühlen, wenn ich ihn missen müßte und — fürchte wieder, daß ich mich nicht glücklich fühle an seiner Seite.“
„Aber, liebe beste Klara,“ bat Elisabeth, sie fest an sich ziehend — „sei mir nicht bös, wenn ich Dir vielleicht herbe Worte sage, doch ich kann wahrlich nicht anders — bist Du da nicht wie ein thöricht Kind, das sich mit Grillen plagt, die nicht einmal eine bestimmte Form und Gestalt haben?“
„Ach, wenn Du Recht hättest,“ seufzte Klara.
„Und kannst Du Dir einen vernünftigen Grund nennen, weßhalb Du Deinen Bräutigam, wenn Du ihn je geliebt hast, nicht noch lieben könntest?“
Klara sah sinnend vor sich nieder.
„Einen vielleicht,“ sagte sie, — „er spielt, und ich habe ihn oft gebeten, das Spiel mir zu liebe zu unterlassen, trotzdem ist er wieder, wie ich aus ganz sicherer Quelle weiß, in voriger Woche in Ems gewesen.“
„Das Spiel ist freilich ein böses, böses Laster,“ nickte Elisabeth, „und eine Schmach für Deutschland, daß es noch geduldet wird, aber glaubst Du nicht, daß Du als Frau Macht genug über ihn gewinnen wirst, es zu unterlassen?“
„Nein,“ schüttelte Klara mit dem Kopf, „das gerade ist es, was ich fürchte, daß ich als Frau jede Macht über ihn verlieren werde, denn sein Charakter ist fest und hart wie Stahl, — er mag brechen, aber er wird sich nie biegen, um eine andere Form anzunehmen.“
„Und ist das nicht schön an einem Mann?“
„Ja, gewiß, und das gerade gewann ihm zuerst meine Achtung — später meine Bewunderung und — Liebe.“
Elisabeth schüttelte mit dem Kopf.
„Ich plaudere nun schon eine geraume Weile mit Dir,“ sagte sie lächelnd, „und kann noch immer nicht dahinter kommen, was Du eigentlich gegen ihn hast. Daß er spielt, — ja, ich gebe zu, das ist bös, aber Dir zu liebe läßt er es doch vielleicht — und sonst? — denn Du wirst mir zugeben, das allein ist kein Grund, an seiner Liebe zu Dir zu zweifeln.“
„Ich kann Dir auch keinen bestimmten Grund weiter dafür nennen, Herz,“ sagte Klara seufzend, „es liegt in so tausend kleinen Einzelnheiten, die an sich vollkommen unbedeutend scheinen, und nur im Ganzen und Zusammenwirken dieses Gefühl, diese Furcht in mir hervorgerufen haben. Ich wollte, Du selber könntest ihn einmal einige Zeit beobachten — und vielleicht ist das möglich, wenn er bald zurückkehrt.“
„Und kannst Du mir keine einzige dieser ‚kleinen Einzelnheiten‘ nennen, Klärchen? vielleicht wäre ich dann jetzt schon im Stande, Deine, wie ich fest glaube, grundlose Befürchtung zu zerstreuen.“
„Du wirst mich auslachen, weiter Nichts,“ sagte Klara, „denn an und für sich sind sie auch nichtig; nur eben im Zusammenhang beunruhigen sie mich.“
„So fang’ einmal an, — lachen werde ich gewiß nicht, denn es handelt sich ja hier um eine ganz ernste Sache,“ sagte Elisabeth.
„Siehst Du,“ berichtete Klara, und sah sich dabei scheu um, ob sie auch nicht von Jemandem behorcht würden; „vor allen Dingen grüßt er, wenn er in’s Zimmer tritt, — nie mich zuerst, auch nicht den Papa, sondern Bella, dann den Papa, dann mich, — überhaupt hat er mit Bella viel zu reden und oft sogar flüstern sie miteinander.“
„In der That — und dann?“
„Dann macht er mir wohl viel Geschenke, — viel mehr als ich beanspruche, — so hat er mir erst gestern wieder ein Paar wundervolle Brillantohrringe mitgebracht, und doch hätte er mir mit einer einfachen Blume mehr Freude gemacht, aber — er schenkt nie Blumen, ja, kann die Blumen sogar nicht leiden und ihren Duft nicht ertragen.“
„Und dann?“
„Er spottet über die Religion und weiß, wie weh’ er mir damit thut.“
„Das ist häßlich von ihm.“
„Das Schlimmste von Allem aber ist...“
„Nun, Schatz?“
„Er hat kein Gemüth.“
„Kein Gemüth?“
„Nein, und ich habe schon viele Beweise davon gehabt. Er gibt den Armen, aber in einer Art, daß es den Empfänger mehr verletzen als erfreuen muß, und im Theater, wo wir mehrmals zusammen waren, bleibt er bei den rührendsten Stellen kalt und theilnahmlos — ich habe noch nie eine Thräne in seinem Auge gesehen.“
„Aber liebes Herz, das ist kein Beweis gegen sein Gemüth, sondern nur gegen seine Phantasie.“
„Gegen seine Phantasie?“
„Nun ja. Im Theater siehst Du eine Menge von Menschen und ganz besonders junge Mädchen, kalt und ungerührt bei den ergreifendsten Stellen. Wesen, die keine Fliege können martern sehen, bleiben bei den furchtbarsten Scenen, in denen menschliche Leiden und Leidenschaften auf das Treueste dargestellt werden, — vollkommen theilnahmlos. Uns gerinnt das Blut dabei in den Adern, und sie sehen vielleicht mit lächelndem Auge zu. Aber deßhalb darfst Du nicht glauben, daß ihnen das Gemüth fehlen würde, wenn ihnen im wirklichen Leben etwas Derartiges begegnete und sie selbst oder einen der Ihrigen träfe. Nur dort läßt es sie unberührt, denn sie haben keine Phantasie, um sich hineinzudenken, und nur deßhalb bleiben sie kalt und theilnahmlos.“
„Vielleicht daß Du recht hast,“ seufzte Klara; „aber dann sind seine Gedanken, selbst wenn er bei mir ist, fast immer mit andern Dingen beschäftigt. Er kann minutenlang finster vor sich niederstieren und fährt oft wie erschreckt empor, wenn ich ihm leise die Hand auf die Schulter lege.“
„Aber, liebes Kind, er hat Geschäfte; Du selbst sagtest mir, daß ihn sein Baumeister jetzt gerade ärgert; wer weiß, was ihm noch sonst im Kopf herumgeht, und das darf Dir doch sicher keine Sorgen machen.“
„Ich habe es Dir ja vorhergesagt, Lily, daß es im Einzelnen lauter Kleinigkeiten sind, und Vieles, Vieles läßt sich sogar nicht einmal mit Worten ausdrücken. Wenn das Herz erst einmal mißtrauisch gemacht ist, verletzt oft ein Blick, ein gedankenloses Wort, eine Nichtachtung, die wir sonst vielleicht nicht einmal bemerken würden.“
„Sag’ mir einmal, Klara!“ frug da Elisabeth plötzlich, indem sie stehen blieb und der Freundin fest in’s Auge sah, „lass’ jetzt das, was Dich betrübt und sorgt, daß Berger Dich vielleicht nicht lieben könnte, und beantworte mir die eine Frage wahr und ehrlich — oder beantworte sie Dir vielmehr selber: Liebst Du Berger mit all’ der aufopfernden Zärtlichkeit, die nothwendig ist, um ihm Dein ganzes künftiges Leben zu weihen?“
Klara schwieg und sah sinnend vor sich nieder. Endlich, nach einer langen Pause sagte sie leise: „Ja — ich glaube es.“
„Du glaubst es nur, Klärchen?“
„Ich glaube es gewiß.“
Elisabeth wollte etwas darauf erwiedern, aber in diesem Augenblick kamen Käthchen und Rosa angesprungen, und das Gespräch war dadurch total abgebrochen. Klara konnte auch nicht länger bleiben, ihr Papa hatte sie gebeten, bald wieder zurückzukommen, und die Mädchen trennten sich mit dem Versprechen, einander recht bald wieder zu besuchen.