Sechstes Kapitel.
Die Heimfahrt.
Mehrere Tage vergingen indessen, bis der Professor seine erste Absicht ausführte und sich wieder eine kleine Gesellschaft von jungen Leuten einlud. Man hatte sich so außerordentlich an jenem Abend amüsirt, daß eine Wiederholung von Allen auf das Sehnlichste gewünscht wurde, und als sie stattfand, mißlang die ganze Absicht.
Es ist eine eigenthümliche Thatsache, daß sich solche Dinge nun einmal nicht wiederholen lassen. Man kann sich eben nicht vornehmen, vergnügt zu sein; es muß in dem unvorbereiteten Moment aus uns heraussprudeln und im Geiste zünden, dann theilt sich der elektrische Funke vom Einen dem Andern mit; sobald es aber künstlich gemacht werden soll, geht es nicht.
Mag es sein, daß dießmal Berger fehlte, der ja die Seele des vorigen Abends gewesen. Er war nicht allein nicht nach Bonn zurückgekehrt, sondern hatte sogar an Klara geschrieben, er müsse nach Mainz und von da nach Paris fahren, um dort ein etwas verwickeltes Geschäft zu ordnen, das ihn zur Verzweiflung bringen würde, wenn er es durch Briefe erledigen solle. Er hoffte allerdings in acht Tagen wieder in Bonn zu sein, konnte aber seine Rückkunft noch nicht gewiß auf den Tag bestimmen.
In der jetzt geladenen Gesellschaft befanden sich allerdings ein Paar junge lebenslustige und auch geistreiche Leute, aber — sie trafen den rechten Ton nicht — oder lag es vielleicht an den Mädchen? Elisabeth wie Klara waren heute Beide ungewöhnlich still, — kurz, es ging eben nicht, und bald nach elf Uhr trennte sich die Gesellschaft mit dem eben nicht angenehmen Gefühl, einen etwas langweiligen Abend verbracht zu haben.
Der Justizrath, der anfangs die Zeit seines Aufenthalts in Bonn auf acht Tage festgesetzt und dann noch acht zugegeben hatte, rüstete sich jetzt ernstlich wieder zur Abfahrt. Elisabeth und Klara aber waren unzertrennlich geworden, und jede Stunde däuchte ihnen lang, die sie nicht mitsammen verleben konnten — und doch fiel ihr Gespräch nie mehr auf jenen Gegenstand zurück, der ihre Freundschaft eigentlich erst geknüpft. Es war ordentlich, als ob sich Beide davor fürchteten.
So lieb Klara aber Elisabeth hatte, so schien sich sonderbarer Weise im Herzen der alten Haushälterin ein entgegengesetztes Gefühl eingenistet zu haben. Sie war allerdings nicht abstoßend gegen das junge Mädchen, das so bescheiden und anspruchslos auftrat, aber nie zeigte sie Elisabeth ein freundlich Gesicht, und dadurch wurde der Medizinalrath — der in seinem eigenen Hause kaum mehr Willen hatte als ein Kind, auch ängstlich und zurückhaltend.
Das sollte jetzt Alles ein Ende nehmen. Auf morgen früh, und zwar mit dem ersten Boot, das stromab kam, war die Fahrt nach Köln beschlossen, um dort den Dom zu besichtigen und dann weiter hinab nach Amsterdam zu gehen. Beide Mädchen hatten noch nie eine Seereise gemacht, und der Vater wollte mit ihnen von Amsterdam bis Hamburg den Dampfer benutzen.
Berger war noch immer nicht zurückgekehrt. Er hatte dreimal geschrieben, einmal von Paris, einmal von Brüssel aus, der dritte Brief datirte wieder aus Paris und seine Briefe ließ er sich auch dorthin senden. Mit der Abwickelung seines Geschäfts ging es vortrefflich, wenn auch entsetzlich langsam. So sehr er sich nach Bonn zurücksehnte — aber jetzt war er einmal da und mußte aushalten. Jeder Brief brachte übrigens auch Grüße für die liebenswürdige Familie des Justizraths aus „Haßburg“, wie er den Platz immer nannte, und er bedauerte es in jedem, daß es sich mit seiner gezwungenen Abreise so getroffen, dieser charmanten Familie verlustig zu gehen.
Es war spät am Nachmittag, als der Justizrath mit seinen beiden Töchtern noch einmal zu Freund Paßwitz hinüberging, um Abschied zu nehmen. Klara weinte bitterlich und küßte Elisabeth wieder und wieder, und als der Vater schon mit Käthchen voraus war, standen die beiden Mädchen noch im Hausflur und hielten sich umschlungen.
„Und Du schreibst mir bald, Lily, nicht wahr?“
„Recht bald, liebes, liebes Herz — aber Du mir auch und — noch eins — den Tag Deiner Verbindung zeigst Du mir vorher an, daß ich in der Zeit recht viel an Dich denken kann.“
„Gewiß, gewiß,“ sagte Klara erröthend, „Du sollst die Erste sein, die ihn erfährt, — sobald er erst einmal fest bestimmt ist,“ setzte sie leiser hinzu.
„Bitte um Verzeihung,“ sagte da eine Stimme mit echt jüdischem Accent, „thut mir unendlich leid, daß ich die jungen Damchens störe, — Gott der Gerechte, wie traurig und betrübt und werden wahrscheinlich nur auf acht oder vierzehn Tage Abschied nehmen. — Ja, ja, so ist’s in der Welt, was noch keine Sorgen hat, macht sich welche, und dadurch wird das Gleichgewicht hergestellt, denn die gemachten wiegen gerade so schwer wie die wirklichen, und gehört ein Kenner dazu, um sie zu unterscheiden.“
Die jungen Mädchen hatten sich losgelassen, als Elisabeth aber umschaute, erkannte sie auf den ersten Blick den alten hübschen Juden vom Schiff mit den schneeweißen Haaren, der sie jetzt mit seinen großen schwarzen Augen freundlich ansah und sich ihrer ebenfalls zu erinnern schien.
„Ich glaube, wir sind einander schon begegnet,“ sagte er.
„An Bord des Dampfers,“ erwiederte das junge Mädchen, „wo die beiden Herren das Lied sangen.“
„Ja wohl,“ lächelte der alte Mann, an die Scene zurückdenkend, — „sangen die beiden Leutchen auch einmal eine Melodie, die sonst immer zwei Verschiedene singen.“
„Zwei Verschiedene?“ sagte Lily, schon im Begriff zu gehen, und doch neugierig, was er damit meinte.
„Nu, der Eine war ein Geistlicher,“ nickte der Alte, „und bittet immer von der Kanzel um gut Wetter für die Ernte, und der Andere war ein Getraidehändler, der immer um schlechtes betet, daß die Kornpreise steigen. — Es geht wunderbar auf der Welt zu, und wem soll’s der liebe Gott nun recht machen?“
Elisabeth lachte unter den Thränen vor, die ihr noch in den Augen funkelten, aber die Zeit drängte auch; sie durfte nicht länger säumen, denn ihr Vater wußte sonst nicht, wo sie blieb. Sie reichte Klara die Hand zum Abschied.
„Ich will nicht stören, meine jungen Damens,“ sagte aber der Alte, „wollte mir nur eine Frage erlauben nach einem jungen Herrn, der bekannt ist hier im Haus.“
„Nach einem jungen Herrn?“ frug Elisabeth, der in diesem Augenblick wieder einfiel, daß Berger gerade an Bord viel mit dem Alten verhandelt hatte. Dieser ließ sie auch nicht lange im Zweifel.
„Den Herrn Baron von Berger,“ sagte er, „ist ein reeller, braver Herr, und wir haben manchmal kleine Geschäftcher mit einander.“
„Und was wollen Sie von ihm?“ frug Klara, — der ein schlimmer Verdacht durch die Seele zuckte. — Hatte Ferdinand gespielt und verloren, und vielleicht von dem Manne Geld geborgt? „Ist er Ihnen schuldig?“ setzte sie rasch und bestürzt hinzu.
„Gott soll’s behüten,“ schüttelte der Fremde mit dem Kopf, „ist ein anständiger Herr und macht keine Schulden — nein, nur mit Steincher haben wir ein klein Geschäft, gute, echte Steincher, und hat er mir zum Verkauf eine kleine Partie gegeben, wo sind darunter zwei nachgemachte, — aber so täuschend nachgemacht, daß ich sie selber hab nicht gleich gekannt, und das will viel sagen, — ist jedenfalls damit angeführt, und wie ich ihn wollte sprechen darum, war er nicht da auf seinem Gut, und bin ich gekommen nach Bonn, um ihn hier zu suchen.“
„Er ist im Augenblick in Paris,“ erwiederte Klara, der sich bei der Erklärung des alten Mannes eine Last von der Seele wälzte, — „wir erwarten ihn aber bald zurück. Er wird kaum noch länger als acht Tage ausbleiben; kommen Sie dann wieder hierher.“
Der alte Mann blieb stehen, als ob er noch etwas sagen wollte, ja er drehte sich sogar einmal halb nach der Treppe um, wenn das aber der Fall gewesen, besann er sich eines Besseren, nickte leise vor sich hin und sagte dann freundlich: „So leben Sie denn wohl, meine schönen Dämchen, — werde also die Zeit abwarten, wo der Herr Baron zurückkommen, und wünsche Ihnen bis dahin alles Liebe und Gute, — Blumen auf den Weg und einen blauen Himmel, — Gott beschütze Sie.“
Damit verließ er das Haus und schlug eine Seitenstraße ein, während Elisabeth nun auch rasch Abschied nehmen mußte. Noch einmal umfaßten sich die beiden Freundinnen, küßten sich herzlich, versprachen einander recht bald zu schreiben und viel — viel an einander zu denken, und dann eilte Elisabeth mit flüchtigen Schritten die Straße hinab, die nach des Professors Garten zu führte.
Es war auch die höchste Zeit gewesen; der Justizrath — überhaupt etwas ängstlicher Natur, wo es die pünktliche Einhaltung einer bestimmten Stunde betraf, hatte schon eben wieder nach ihr schicken wollen, — das Gepäck war schon fort und von des Professors Familie begleitet, brauchten sie in der That auch nur kurze Zeit zu warten, bis das „zu Thal“ gehende Boot heranschäumte und sie mit fort, den breiten, prächtigen Strom hinabnahm.
Ihre übrige Reise verlief, wie derartige Reisen bei günstiger Witterung immer verlaufen. Sie amüsirten sich vortrefflich, bewunderten den herrlichen Dom in Köln und die übrigen ehrwürdigen Bauten, ärgerten sich über den geraden Strich, den die kölner Brücke dort quer über den Rhein zieht, durchwanderten Amsterdam mit seinen stummen, langen, reinlichen, wassergefüllten Straßen und hatten nachher eine ungewöhnlich ruhige und schöne Seereise über die ausnahmsweise ganz spiegelglatte Nordsee bis Hamburg, wo sie sich auch noch etwa acht Tage aufhielten, und dann, da jetzt zuerst schlecht Wetter einsetzte, mit der Bahn nach ihrer Heimat zurückkehrten.
Elisabeth hatte indessen die Reise über recht viel an Bonn und ihre Freundin gedacht, — was sie treibe, — wie es ihr gehe, und ob sie jetzt wohl, nachdem ihr Bräutigam zurückgekehrt, die trüben Gedanken abgeschüttelt habe. — Wunderlich, daß ihr die Gestalt des jungen Mannes nicht aus dem Gedächtniß wollte, und daß sie sich für einen doch eigentlich fremden Menschen so interessiren konnte. — Interessiren? — ja; es war ihr in der That leid gewesen, daß ihn seine Geschäfte so rasch abgerufen und sie keine Gelegenheit bekommen hatte, ihn noch einmal zu sehen, — also mußte sie Theil an ihm nehmen, weßhalb sonst konnte sie ihn herbeigewünscht haben? — Ob sie wohl daheim Briefe von Klara fand? — Sie konnte wirklich kaum die Zeit erwarten, bis sie in ihrer eigenen Wohnung eintrafen.
Weit ruhiger nahm es der Justizrath.
„Na,“ sagte er seufzend, als er schon von Weitem die Thürme der Stadt vor sich liegen sah, „jetzt sind die schönen Tage auch wieder vorüber; und die Akten, die auf mich warten werden! — Lieber Gott, es ist wirklich ein Elend, daß man seines Lebens nie auf eine kurze Zeit froh werden kann, ohne nachher auch wieder mit sauerem Schweiß dafür büßen zu müssen — das wird eine schöne Nachkur werden!“
Der Justizrath hatte sich in der That darin nicht geirrt; die Wirklichkeit übertraf noch seine schlimmsten Befürchtungen, und er fand als „Nachkur“ einen solchen Wust von zu erledigenden Arbeiten, daß er davor im Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammenschlug.