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Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) / Neue gesammelte Erzählungen cover

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) / Neue gesammelte Erzählungen

Chapter 11: Achtes Kapitel. Das Bekenntniß.
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About This Book

A volume of short narratives set in provincial life that portrays ordinary people confronting loss, poverty, and moral decisions. Episodes follow figures such as a widowed mother and her orphaned daughter, villagers whose secrets surface, and characters struggling to secure honest work or shelter. Through compact plots the tales examine social suspicion, communal charity, and the limits of personal resilience, observing small-town customs and daily hardships with empathetic realism and an eye for character detail.

Achtes Kapitel.
Das Bekenntniß.

Wieder mochten vier Monate nach den im letzten Kapitel beschriebenen Vorgängen verflossen sein, und wenn die Welt auch indessen ihren ruhigen ungestörten Gang fortzurollen schien, so hatte sich doch in Osterhagen Manches in der Zeit verändert, namentlich in des Schulzen Haus.

Der Schulze selber war nämlich plötzlich gestorben — man sagte, an einem Herzschlag vom vielen Trinken, mit dem er die Zerrüttung seiner Vermögensverhältnisse betäuben wollte. Auch Anderes erzählte man sich im Dorfe; der Großknecht sollte es schon in letzter Zeit mit der Frau gehalten haben, und ein paar gute Freundinnen schüttelten immer sehr bedenklich mit dem Kopf, wenn die Rede auf den schnellen Tod des Mannes kam, und meinten auch wohl, man würde schon noch was erleben, und zwar die Heirath des früheren Knechtes mit der Wittwe — aber der Knecht war eines Morgens spurlos verschwunden und kam nicht wieder, und die Frau wüthete so im Haus herum, daß es kein Mensch bei ihr aushalten konnte und neue Mägde keine Woche in der Wirthschaft bleiben wollten.

Wer sich nun wohl am meisten über den Verfall des ihm verhaßten Hauses gefreut haben würde, wäre der alte Bänkelsänger gewesen; aber mit dem ging es ebenfalls auf die Neige. Seine Gliederschmerzen hatte er allerdings seit jener Zeit nicht wieder bekommen, aber dafür peinigte ihn ein anderes Leiden, das einen viel ernsteren Charakter zu haben schien und ihn jetzt unbarmherzig an sein Lager fesselte. Was es war, konnte der Bader allerdings nicht herausbekommen, aber Brenner behauptete, er sei ein Esel und wisse nicht einmal den Unterschied zwischen Leibschneiden und Wassersucht; er solle ihn nur ruhig sterben lassen, wenn seine Zeit gekommen wäre, weiter verlange er nichts. Verschriebene Blutegel und Schröpfköpfe wies er auch mit Entrüstung von sich und schwur, er bräche dem Bader den Hals, wenn er ihm mit einem seiner Blutmittel zu nahe käme.

Uebrigens hatte ihn sein früherer guter Humor ganz verlassen; dumpf vor sich hinbrütend lag er Tage lang auf seinem Bette, und es war sogar einmal, wo von der Kunzen der Name der „Falleri“ erwähnt worden, geschehen, daß er nach dem Geistlichen verlangte, weil er ihm etwas mitzutheilen hätte. Als dieser aber kam, mußte er seinen Entschluß geändert haben, denn er that, als ob er schliefe, und es war nichts aus ihm heraus zu bekommen.

Am andern Morgen war er noch unruhiger geworden. „Wenn ich die Falleri nur noch einmal sprechen könnte“, sagte er in einem fort, „nur noch einmal eine Viertelstunde, und der Herr Assessor würde es erlauben — aber es geht nicht mehr, es geht nicht. Ich fühl’s, die alten Knochen wollen keinen Dienst mehr thun, und nicht einmal eins von meinen Liedern fällt mir mehr bei. Blos das eine — das eine, und das bring’ ich nimmer aus dem Sinn.“

Er klagte über heftige Schmerzen im Magen und genoß auch nur sehr wenig, schien aber von einer merkwürdigen Unruhe geplagt zu sein, und machte oft den freilich immer vergeblichen Versuch, aufzustehen — er brachte es nicht fertig.

In dieser Zeit kehrte der junge Offizier zurück, aber diesmal nicht allein, sondern in Begleitung einer älteren, sehr vornehm aussehenden Dame, die er Tante nannte. Beide zogen aber bei Niemandem Erkundigungen ein, sondern, wie nur der junge Mann die ältere Dame aus dem Wagen gehoben hatte, befahl er dem Kutscher, auszuspannen, reichte ihr dann seinen Arm und führte sie durch das Dorf direct dem Kirchhof zu.

Dort blieben sie eine ziemliche Weile. Eine Partie Dorfjungen war ihnen nachgelaufen, um sich die bunte Uniform des Husaren in der Nähe zu besehen, getraute sich aber nicht auf den Kirchhof selber, sondern blieb draußen an dem hölzernen Gitter stehen. Dort sahen sie, wie die Beiden zuerst nach der rechten Seite des Kirchhofs zwischen die alten Gräber gingen und die Dame mitten in das Gras und Unkraut hineinkniete. Dann stand sie wieder auf, und sie stiegen nach der anderen Seite hinüber, wo sie erst eine kleine Weile umhersuchten, und dann neben einem Grab eine ganze Zeit lang verweilten. Jetzt schritten sie wieder dem Eingang zu, und die Jugend lief, was sie laufen konnte, in das Dorf zurück, damit sie der Offizier nicht an der Kirchhofsthür erwischte.

Die beiden Fremden folgten ihnen aber nicht dorthin, sondern bogen gleich vor dem Kirchhof nach dem Gemeinde-Hause zu ab, das aber der Offizier allein betrat und nach dem alten Manne frug, der ihn damals auf den Kirchhof geführt. Die Dame verfolgte indessen langsam und allein den Weg in’s Dorf.

Die alte Frau Kunze, die aber auch, seit wir sie zum letzten Mal gesehen, ordentlich eingeschrumpft und vertrocknet schien, stand gerade in der Thür, als der Fremde das Haus betrat.

„Ja du lieber Gott“, sagte sie, auf seine Frage nach dem alten Mann, „da ist er, soviel steht fest, und fort kann er nicht mehr, aber schlecht ist’s ihm auch — hundeschlecht, und reden thut er auch nicht mehr, schon die letzten zwei Tage. Er kann’s nicht mehr lange machen, und es wird wohl bald wieder eine Stube hier im Quartier frei werden.“

„Und kann ich ihn sehen?“

„Ja, warum nicht, aber es ist nicht mehr viel an ihm zu sehen; ein Häufchen Unglück, weiter nichts; wenn Sie herein kommen wollen, ich will’s ihm sagen, daß Jemand da ist, der ihn sprechen möchte?“

Brenner war nicht so eigen; er fühlte sich allerdings entsetzlich elend, aber er nahm trotzdem Besuche an, unterbrach es doch die furchtbare Monotonie seines Lebens und brachte ihn vielleicht für kurze Zeit auf andere Gedanken.

Der junge Offizier betrat übrigens kaum das Gemach, als er auch rasch den sehr verschlimmerten Zustand des Alten in seinen eingefallenen Wangen und hohlen Augen erkannte.

„Lieber Freund“, sagte er theilnehmend, „es thut mir wahrhaft leid, Sie so krank und matt zu finden, und ich will Sie nicht lange stören. Aber ich weiß auch Niemand weiter hier im Ort, um eine bestimmte Auskunft zu erlangen, und um die wollte ich Sie bitten.“

„Des Grabes wegen?“ sagte der Alte.

„Nein, der Tochter jener Frau wegen, die von hier fortgezogen sein soll“, lautete die Antwort. „Können Sie mir ihren genauen Namen und jetzigen Wohnort angeben?“

„Und weshalb?“ frug Brenner scheu und zurückhaltend.

„Es ist eine weitläufige Geschichte“, fuhr der Offizier fort, „die Sie wohl ermüden würde anzuhören; aber so viel kann ich Sie versichern, daß es dem jungen Mädchen keinenfalls zum Schaden gereichen soll; ja es ist möglich, daß wir durch sie auf die Spur eines lange verlorenen Theils unserer Familie kommen.“

„Durch die Falleri?“

Wie heißt sie?“

„Wie ihre Mutter — Valerie, aber hier im Haus und im Dorf nannten sie sie nur die Falleri.“

„Und wo hält sie sich jetzt auf? — wie geht es ihr?“

Der Alte war todtenbleich geworden, seine Lippen zitterten, seine ganze Gestalt bebte, und er fiel auf sein Kissen zurück, wo er mehrere Minuten regungslos liegen blieb. Der junge Mann hatte ihn indeß besorgt betrachtet, wenn er sich auch die Aufregung des Kranken, bei der einfachen Frage, nicht erklären konnte. Dessen sonst so kräftige Natur siegte aber bald wieder, über die augenblickliche Schwäche des Körpers wenigstens; und sich mühsam aufrichtend sah er den jungen Fremden zuerst wie erstaunt an, als ob er sich nicht gleich besinnen könne, was ihn hierher geführt; doch kehrte die Erinnerung bald zurück und mit ihr das Gefühl seiner Schwäche, seines Leidens.

„Es geht mit mir zu Ende“, sagte er leise, „ich merk’ es wohl, es kann nicht mehr lange dauern, und vielleicht ist’s gut, daß Sie hierher gekommen sind. Ich habe den Geistlichen schon einmal rufen lassen, aber — ich mag die Pfaffen nicht leiden; sie stecken voller Redensarten und Sprüche und beweisen Einem aus der Bibel, daß schwarz roth und roth gelb ist.“

„Aber Sie haben wahrscheinlich meine Frage nicht verstanden“, unterbrach ihn der Offizier, der natürlich glauben mußte, das Gefühl seiner Krankheit habe ihn alles Andere vergessen lassen; „ich wollte gern wissen, wo jenes junge Mädchen —“

„Ich weiß, was Sie fragen wollen“, winkte ihm der Alte mit der Hand, „und Sie sollen Antwort haben. Sie sitzt im Zuchthaus.“

„Im Zuchthaus?“ rief der Fremde, erschreckt von dem Kasten emporspringend, auf dem er neben dem Bett des Kranken gesessen — „was um Gottes willen ist da vorgefallen?“

„Bleiben Sie auf Ihrem Platz“, winkte der alte Mann; „ich kann nicht laut reden — Sie sollen Alles erfahren — ich muß Jemanden haben, dem ich es erzählen, dem ich mein Herz ausschütten kann, ehe ich sterbe, und ich glaube, es — ist die höchste Zeit dazu.“

„Aber was, um Gottes willen, hat die Unglückliche verbrochen?“ rief der junge Offizier.

„Hören Sie zu — Sie erfahren Alles zusammen“, sagte der Alte, „vielleicht — läßt sich auch noch Alles wieder gut machen — Vieles wenigstens, denn Alles doch nicht mehr. — Also um mit dem Kind, der Falleri, zu beginnen: ihre Mutter, die eigentlich nicht recht hierher paßte und jedenfalls einmal früher vornehm und reich gewesen sein mußte, aber herunter gekommen und wahrscheinlich zu stolz war, das die vornehme Sippe merken zu lassen, zog hier ins Dorf und lebte von ihrer Hände Arbeit. Weshalb sie so oft auf den Kirchhof ging und das Grab mit dem spitzen Stein besuchte, weiß ich nicht; sie hat’s Niemandem erzählt, auch nichts über sich und ihre frühere Zeit. Da starb ihr Knabe, und von der Stunde an war sie ebenfalls reif. Sie starb und hinterließ nichts als ein paar Sachen, die verkauft werden mußten, um die Begräbnißkosten zu decken — ein Leinentuch war darunter mit ein paar Buchstaben und einer Krone darüber.“

„Was für Buchstaben?“ rief der junge Mann rasch.

„Wer hat sich darum gekümmert“, seufzte der Alte — „ich dächte, ich hätte einmal gehört, es wäre ein F. dabei gewesen, aber ich weiß es nicht mehr. Das einzige Erinnerungszeichen an die Zeit trägt die Falleri noch um den Hals — ein Kreuzchen und den Trauring ihrer Mutter selig.“

„Ist das gewiß?“

„Wenn sie ihn ihr nicht im Zuchthaus weggenommen haben“, nickte Brenner — „aber lassen Sie mich reden, oder ich komme nicht zu Ende. Die Falleri kam ins Gemeinde-Armenhaus. Armes Kind! Sie war hier wie verrathen und verkauft, und hat eine böse Zeit mit durchgemacht — aber nachher wurd’s noch schlimmer. Wie sie confirmirt worden, mußte sie natürlich in Dienst, und wie sie erst zu der Schulzin kam, hatte sie die Hölle auf Erden —“

„Armes, armes Kind!“

„Ja wohl, armes Kind! Ich mochte sie leiden und half ihr einmal aus der Verlegenheit, als sie ihr den Schmuck wegnehmen wollten, um ihr eine lappige Fahne zur Firmelung zu kaufen — und wie dankbar war sie mir dafür!“

Er schwieg eine Weile still, um wieder Athem zu schöpfen, denn das Reden griff ihn an, und fuhr endlich, leiser als vorher, fort:

„Ich hab’ auch ein Hundeleben geführt, so lange ich denken kann — ich weiß gar nicht, wie einem Menschen zu Muthe ist, den Jemand lieb hat, und herumgestoßen und getreten haben sie mich aus einer Ecke in die andere, bis ich endlich das wurde, was ich auch geblieben bin bis zur heutigen Stunde — ein Lump. Das Kind machte zuerst einen anderen Menschen aus mir, denn es hatte mich lieb, und von da an war’s, wenn ich sie nur mit Augen sah, als ob es immer und ewig dunkel um mich her gewesen wäre, und nun auf einmal hell würde. — Und weshalb war sie dankbar gegen mich? Lieber Gott, was hatte ich denn gethan? — weiter nichts als ein paar geräucherte Schinken gestohlen und von dem Ertrag ihren Confirmationsrock bezahlt! — Von da an wachte ich über sie, und das Herz drehte mir’s im Leib herum, wenn ich sah, wie sie behandelt wurde, wie sie von Tag zu Tag mehr abmagerte und elender und jammervoller aussah, und ich ihr doch nicht helfen konnte. Da kam das Aergste. Die Falleri hielt’s selber nicht mehr aus, wenn auch sonst kein Mucks, keine Klage über ihre Lippen kam. Sie lachte nie, wie andere Kinder, aber sie weinte auch nie, und was sie trug, trug sie still mit sich herum. Sie kündigte den Dienst beim Schulzen, und ich war schon lange mit mir einig, wie ich alles Das, was sie dort ausgestanden, wett machen wollte. Ich legte mich ins Bett und that, als ob ich sterbenskrank wäre, und wollte so etwa eine Woche liegen bleiben. Da kam eines Abends die Falleri herüber, um Abschied zu nehmen, das Gesicht zerschlagen, das arme schwache Kind mißhandelt und als Diebin aus dem Haus gejagt. So wanderte sie allein in die Nacht hinaus in die Stadt, um einen neuen Dienst zu suchen, und nun kocht’s auch bei mir über. Wie ich Alles im Bett wußte — denn der Nachtwächter schlief regelmäßig, bei schönem Wetter, unter der Linde — kroch ich leise aus meinem Fenster, ein paar Päckchen Schwefelhölzer hatte ich mir schon verschafft, schlich durch’s Dorf, machte dem Schulzen hinten in seiner Scheune ein hübsches Feuer an, und war richtig wieder in meinem Bett, ehe sie die Flamme spürten und Lärm machen konnten. Natürlich konnte kein Mensch glauben, ich wär’s gewesen, denn ich war ja nicht einmal im Stande aufzustehen, viel weniger ins Dorf zu laufen.“

„Und da fiel der Verdacht auf die Unglückliche“, rief der Offizier erschreckt.

„Hören Sie weiter“, sagte der Mann. „Des Schulzen Hof brannte nieder und noch ein paar andere Buden — wenn der Teufel erst einmal die Hand im Spiele hat, läßt er sich auch sein Vergnügen nicht so bald wieder stören. Wer war’s gewesen? Ich lachte schon ins Fäustchen. Da plötzlich brachten sie mir die Nachricht, sie hätten die Falleri, als des Brandes verdächtig, aufgegriffen. — Bah, dacht’ ich, die müssen sie auch wieder loslassen, denn beweisen konnten sie ihr nichts — wie ich aber nach einiger Zeit höre, sie hätt’s eingestanden, da litt’s mich nicht länger im Bett. — Ich wurde wieder gesund und machte mich hinüber, um selber mit ihr zu sprechen, denn meinetwegen sollte die Falleri wahrhaftig nicht ins Zuchthaus. Aber was war’s? Sie blieb dabei, sie hätt’s gethan. Wie sie von hier fort wäre, hätt’ sie das Feuer angelegt, und wolle nun ihre Strafe leiden. Was sollt’ ich jetzt thun? — Möglich war’s — gereizt hatten sie das arme Ding genug, um ein ganzes Dorf nieder zu brennen, und wenn ich es ihr auch bis dahin nicht zugetraut, sie konnt’s gethan und fast an derselben Stelle Feuer angelegt haben wie ich selber, hatt’ ich mich doch auch nicht dort aufgehalten, und war wie ein Donnerwetter wieder in meinen Bau gerutscht. Was sollt’ ich jetzt thun? Ich rieth ihr, die Aussage zu widerrufen, aber sie wollt’s nicht — sollt’ ich mich jetzt auch angeben, was hätt’s ihr genutzt? — dann hätten sie uns nur Beide zusammen eingespunnt. Ein merkwürdiges Zusammentreffen war’s, aber doch immer möglich, und da ich ihr nicht helfen konnte, ließ ich die Sache eben gehen.“

„Und nun?“

„Damals war ich noch gesund“, fuhr der Alte fort, „und dachte auch, die Falleri hätt’s eigentlich im Zuchthaus noch besser als draußen, wo sie von aller Welt herumgestoßen und mißhandelt wurde. Jetzt aber, wo’s zu Ende geht, und ich die elende Zeit hatte, zu grübeln und immer nur zu grübeln, da sind mir andere Gedanken gekommen. Die Falleri hat’s nicht gethan — sie kann’s nicht gethan haben, und wegen meiner sitzt sie jetzt hinter den eisernen Gittern und spinnt Wolle.“

„Und wenn sie es nun doch mit gewesen wäre?“

„Nein, — es ist nicht möglich, sag’ ich“, rief der Alte, „gleich auf frischer That ja, aber nicht mehr, wo sie erst bei ihrer Mutter selig auf dem Kirchhof gewesen — und dann hätten zwei Stunden darüber vergehen müssen, ehe es angebrannt wäre, und das thut’s nicht draußen in der Luft — entweder es geht an oder aus. Sie kann’s versucht haben, aber ihres ist nicht angegangen, und der Brandstifter liegt hier und härmt sich die Seele aus dem Leibe. — So — jetzt ist’s heraus — jetzt machen Sie, daß Sie in die Stadt zum Assessor Buntenfeld kommen — Dem erzählen Sie die Geschichte — Der bringt’s wieder in Ordnung, damit ich ruhig sterben kann. Wenn sie mich dann auch noch vorher ins Zuchthaus transportiren, was thut’s — dort hab’ ich jedenfalls bessere Pflege als hier in dem öden Nest, und jetzt ist mir auch das Herz wieder leicht, da ich’s ausschütten konnte, was mir darauf gelegen die langen Jahre.“

„Und habt Ihr einen Arzt hier?“

„Ja — einen, wovor Einen Gott bewahren soll — einen Blutegel, der Alles mit Schröpfköpfen und Aderlassen curirt, und wenn sich Einer über Halsschmerzen beklagt, zieht er ihm einen Zahn aus und sagt: das hilft.“

„Und seid Ihr bereit, das, was Ihr mir gesagt, in Gegenwart des Assessors zu wiederholen?“ frug der junge Mann, von seinem Sitz aufspringend. Der Alte zögerte einen Augenblick mit der Antwort; endlich aber sagte er:

„Wenn’s die Falleri frei macht, und wenn’s sein muß — ja in Gottes Namen — den Hals können sie mir nicht abschneiden, und ich muß mit der Geschichte ins Reine kommen; die andern will ich schon selber vor’m lieben Gott verantworten, denn ich bin eigentlich nie ein böser Mensch gewesen, wenn sie mich auch manchmal gern dazu gemacht hätten.“

Der Soldat hatte schon lange seine Mütze aufgegriffen, aber sich noch einmal in dem wirklich trostlos öden Gemach umschauend, sagte er:

„Wie ich sehe, fehlt es Euch hier an jeder Bequemlichkeit — es ist möglich, daß Ihr uns einen großen Dienst geleistet habt; daß wir dadurch auf die Spur einer bis dahin verloren Geglaubten kommen, und ich — möchte nicht, daß es Euch bis dahin an etwas fehle. Ich werde mit dem Assessor heraus kommen, aber auch einen ordentlichen Arzt bringen, und hier — ist indessen Geld, damit Ihr Euch anschaffen könnt, was ihr gerade nothwendig braucht.“

„Du lieber Gott“, sagte Brenner ordentlich erschreckt, als ihm der Fremde zwei Goldstücke auf das Bett warf — „das ist zu viel, das — das kann ich gar nicht mehr durchbringen.“ — Ehe er ihm aber nur ordentlich danken konnte, war der junge Mann schon zum Zimmer hinaus und auf seinem Weg zum Gasthof, wo er die indessen langsam vorangegangene alte Dame noch einholte und mit ihr im eifrigen Gespräch auf- und abschritt, bis der Kutscher wieder eingespannt hatte, und jetzt im scharfen Trab der Stadt zufuhr.