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Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) / Neue gesammelte Erzählungen cover

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) / Neue gesammelte Erzählungen

Chapter 12: Neuntes Kapitel. Der Besuch im Zuchthaus.
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About This Book

A volume of short narratives set in provincial life that portrays ordinary people confronting loss, poverty, and moral decisions. Episodes follow figures such as a widowed mother and her orphaned daughter, villagers whose secrets surface, and characters struggling to secure honest work or shelter. Through compact plots the tales examine social suspicion, communal charity, and the limits of personal resilience, observing small-town customs and daily hardships with empathetic realism and an eye for character detail.

Neuntes Kapitel.
Der Besuch im Zuchthaus.

Der junge Offizier schien auch wirklich nicht viel Zeit versäumt zu haben, denn noch am nämlichen Abend, lange vor Dunkelwerden, rasselte eine Extrapost durch Osterhagen durch, hielt sich aber gar nicht am Gasthof auf, obgleich der Postillon einen sehnsüchtigen Blick hinüber warf, sondern passirte im scharfen Trabe das Dorf und hielt erst vor dem Gemeinde-Armenhaus, sehr zum Erstaunen der Dorfbewohner und Insassen des Hauses selber — nur nicht des alten Brenner, der recht gut wußte, was das zu bedeuten habe.

In dem Fond des Wagens saß der Medizinalrath aus der Stadt mit dem alten Assessor Buntenfeld, auf dem Rücksitz ein junger Beamter mit einem Stoß Papier und seinem Schreibzeug in der Tasche, und der Offizier.

Wie der Wagen hielt, wollte die alte Frau Kunze die Honneurs machen, wurde aber gleich bei Seite geschoben und beordert, die Herren nicht zu stören, die sich dann auch ohne Weiteres in das Zimmer des Kranken begaben.

Der Arzt, der ihn vor allen Dingen untersuchte, schüttelte allerdings mit dem Kopf und meinte: der Kranke sei falsch behandelt worden, denn Schröpfköpfe würden ihm allerdings wenig helfen, da er an einem schon sehr vorgeschrittenen Magenkrebs leide. Brenner aber lachte bitter vor sich hin und sagte:

„Falsch bin ich nicht behandelt worden, Herr Doctor, mein ganzes Leben lang, aber schlecht; das war der Fehler — Den Taschenkrebs habe ich schon von Jugend auf gehabt, und daß sich der endlich in den Magen gefressen hat, ist eben kein großes Wunder — das Quartier stand gewöhnlich leer. Aber desto besser, wenn’s zu Ende geht, so hört die Schinderei doch einmal auf, denn ich hab’s gerade lange genug ertragen.“

„Und Ihr habt mir etwas mitzutheilen, Brenner?“ frug der Assessor, der die Zeit nicht gern versäumen wollte. „Können wir damit beginnen?“

„Setzen Sie sich dahin, Herr Assessor“, sagte der Alte; „einen Tisch haben wir hier freilich nicht — in der Küche steht nur einer, doch den bringen wir nicht durch die Thür — der Herr Aktuar muß auf den Knien schreiben — ich werde auch nicht weitläufig sein, denn was mein früheres Leben betrifft, so geht das Niemanden mehr etwas an.“

„Und Ihr wollt die Wahrheit sprechen?“

„Mir ist jetzt nicht mehr wie Lügen zu Muthe, Herr Assessor — setzen Sie sich nur, Sie sollen die ganze Geschichte hören, und der Herr Doctor mag als Zeuge dabei bleiben, damit Sie’s genau wissen und die arme Falleri wieder frei kommt.“

Der Actuar hatte sich bald einen Platz zum Schreiben hergerichtet, und das eigentliche Verhör begann jetzt. Der Assessor brauchte aber kaum eine Frage zu thun, denn der Alte, der schon genau zu wissen schien, welche Punkte er hervorheben mußte, hielt sich nur eine Weile bei der Art und Weise auf, wie das Kind hier in Osterhagen behandelt sei — gewissermaßen um sich selber zu rechtfertigen, daß er es eine Zeit lang für möglich gehalten, sie könne es gethan haben, und ging dann auf die Umstände jenes Abends über, die er mit klaren einfachen Worten schilderte und nur zum Schluß hervorhob, daß, wenn die Falleri wirklich dieselbe Absicht gehabt habe — was er aber vor Gott nicht glaube — so könne ihr Feuer gar nicht angegangen, sondern müsse wieder verlöscht sein. Er aber sei seiner Sache gewiß — er wäre nicht eher fortgegangen, bis er im Stroh die helle Flamme gesehen habe, und die hätte denn auch nicht lange auf sich warten lassen, weiter zu fressen, denn er sei kaum wieder in sein Fenster geklettert und habe sich aufs Bett geworfen, als der Lärm schon losgegangen wäre.

Der alte Assessor sprach wenig hinein — unterwegs schon hatte ihm der Fremde die Vermuthungen mitgetheilt, die er über die früheren Schicksale von Valerie’s Mutter und deren Abstammung hege, und die erst zur Gewißheit werden konnten, wenn man das unglückliche, junge Mädchen selber sprach und den Schmuck sehen konnte, den sie noch von ihrer Mutter bewahrte. Noch hatte man allerdings keine Gewißheit, wenn auch starke Gründe zu der Vermuthung, denn Valerie war allerdings der Name der Verschollenen gewesen, und Edmund der Vorname ihres Gatten; der aber dort unter dem spitzen Stein begraben lag, wäre der Vater der Verstorbenen gewesen, an dessen Grabe diese so oft gesessen.

Der Kranke hatte durch die lange Erzählung aber seine Kräfte vollständig erschöpft, und der Arzt rieth ihm jetzt Ruhe an, versprach ihm auch, da der Fremde für alle Kosten einstand, sowie sie nach der Stadt zurückgekehrt wären, die nöthigen Arzneien und Stärkungen wie auch eine zuverlässige Person heraus zu senden, die ihn pflegen solle. Transportirt konnte er natürlich in dem Zustand nicht werden, und man mußte abwarten, wie sich die Krankheit entwickelte.

In Osterhagen steckten die Leute allerdings die Köpfe zusammen, was da vorgefallen sein könne, und weshalb eine Extrapost vor dem Gemeinde-Armenhause und nicht vor der Thür des neuen Schulzen oder wenigstens vor dem „Gasthof“ gehalten habe. Die Frau Kunzen wurde auch von verschiedenen Nachbarinnen auf das Schärfste inquirirt, wußte aber leider gar nichts anzugeben, als daß die fremden Herren bei dem Brenner drin gewesen und lange mit ihm gesprochen hätten. Allerdings gestand sie den Versuch ein, „etwas Bestimmteres“ zu erhorchen; so oft sie aber der Thüre nur nahe kam, öffnete der Offizier dieselbe und sah heraus, und sie mußte dann jedesmal wieder in die Küche fahren.

Uebrigens wurde die Aufmerksamkeit der Bewohner von Osterhagen an dem Tage sehr getheilt, denn noch spät gegen Abend traf ein anderer Fremder ein, der von der Frau des verstorbenen Schulzen eine ziemlich bedeutende Summe forderte und fällige Wechsel dafür in Händen hielt. Natürlich hatte sie nicht bezahlen können und der Fremde dann erklärt, daß er sie verklagen und das Gut verkaufen lassen würde. Wie ein Lauffeuer ging auch das Gerücht durch das Dorf: „der Schulzenhof,“ wie das Gut immer noch hieß, „käme unter den Hammer“ — aber bedauert wurde die Frau deshalb von Niemand. Sie hatte sich zu wenig Freunde dafür gemacht.

Indessen bereitete sich aber in der Stadt eine andere Scene vor, denn vor Aufregung zitternd, hatte die alte Dame, die in Begleitung des Offiziers den Kirchhof zu Osterhagen besucht, die Rückkehr der kleinen Expedition erwartet. Für diesen Abend war freilich nichts weiter zu thun, denn wenn auch das Zuchthaus selber unmittelbar an der Stadt lag, war der Tag doch schon zu weit vorgerückt, um heute noch Schritte zu einer weiteren Untersuchung thun zu können. Der nächste Morgen mußte abgewartet werden; dann aber versprach auch der alte Assessor, der jetzt selber anfing sich für die Sache zu interessiren, mit ihr hinauf zu fahren und die Erledigung der Angelegenheit so viel als irgend möglich zu beeilen — es verstand sich von selbst, daß sie dann noch immer langsam genug vorwärts ging.

Vor allen Dingen war es dort nöthig, als sie etwa um zehn Uhr das unheimliche Gebäude erreichten, das goldene Kreuz und den Ring zu sehen, den die Gefangene trug, oder wenigstens getragen hatte, denn des Assessors Vermuthung bestätigte sich: er war ihr, als sie eingekleidet wurde, abgenommen worden.

Hier aber ward die Vermuthung zur Gewißheit. Ein ganz ähnliches Kreuz trug die Dame selber an ihrem Hals, denn für drei Geschwister waren damals solche Kreuze angefertigt worden, und zwar eines mit dem Buchstaben V., eines mit M. und eines mit L. Die verlorene oder spurlos verschwundene Schwester hieß Valerie, und der Trauring trug außerdem das Datum und die Jahreszahl ihrer Verheirathung mit dem Gatten.

„Und was hat die Gefangene gesagt, als ihr die beiden Dinge abgenommen wurden?“ frug der alte Assessor, den diese Sache besonders zu interessiren schien.

„Lieber Gott, was wollte sie machen,“ erwiderte achselzuckend der Schließer, der die Gegenstände gerade vom Herrn Director heruntergeholt hatte, „widersetzen durfte sie sich doch nicht, und anfangs war es freilich, als ob sie sie nicht hergeben wollte; aber auf einmal stand sie ganz still, nahm das schwarze Band ab, das ihr um den Hals hing, küßte das Kreuzchen und den Ring, und legte beides dann, ohne ein Wort weiter zu sagen, oder eine Thräne darum zu vergießen, auf den Tisch. — Derlei Leute machen sich aus so was nicht viel.“

„Und wie hat sich die Gefangene bis jetzt betragen?“

„Gegen ihr Betragen läßt sich nichts einwenden,“ meinte der Mann, „sie ist die Beste von Allen, und die Stillste und Fleißigste — der Herr Director sind auch sehr mit ihr zufrieden.“

Der „Herr Director“ kam jetzt selber und schien es nicht besonders gerne zu sehen, daß man eine von „seinen“ Gefangenen sprechen wolle, konnte es aber auch nicht gut einem Criminalbeamten, der noch dazu im speciellen Auftrag der obersten Justizbehörde in —* kam, abschlagen, und gab den Befehl, die Gefangene von ihrer Arbeit abzurufen und hierher zu bringen.

In dem kleinen Empfangszimmer, das aber ebenfalls mit starken, eisernen Stäben versehen war, saß die alte Dame, neben ihr und sie unterstützend stand der Offizier, und vor ihnen, um die ganze Verhandlung zu leiten, der alte Assessor.

Als das junge Mädchen das Zimmer betrat, blieb sie, wahrscheinlich einen weiteren Befehl erwartend, mit niedergeschlagenen Augen an der Thür stehen. Sie sah nicht allein bleich aus, sondern hatte besonders jene ungesunde, fahle Gesichtsfarbe, die, von der dumpfen Kerkerluft herrührend, den Gefangenen eigen ist.

Der Director hatte sein Buch neben sich liegen, in dem er den Namen nachsah, den die Gefangene früher geführt hatte.

„Edmunden,“ sagte er, „komm näher; hier ist ein Herr, der ein paar Fragen an Dich richten will.“

Das Mädchen gehorchte dem Befehl, ohne aber noch aufzusehen; fast wie mechanisch bewegte sie sich einige Schritte vor und blieb dann wieder stehen, um das Weitere zu erwarten.

„Kennst Du mich noch, Valerie?“ sagte da der alte Assessor freundlich.

Das junge Mädchen, das den Beamten jedenfalls an der Stimme erkannt haben mußte, denn sie hob den Blick nicht, sagte leise:

„Ja.“

„Ich habe Dir einen Auftrag auszurichten,“ fuhr der Assessor fort, „einen Gruß von einem alten Bekannten, vom alten Brenner aus dem Gemeinde-Armenhaus zu Osterhagen.“

Eine leichte Röthe zuckte über Valerie’s Gesicht, das aber weiter keine Bewegung verrieth; auch diese etwas dunklere Färbung verschwand bald wieder und sie erwiderte nur leise:

„Ich danke Ihnen vielmals.“

„Hm,“ meinte der Assessor, der erwartet haben mochte, daß sie ihn nach dem Alten weiter fragen würde; „Du scheinst Dich für Osterhagen nicht mehr besonders zu interessiren. Der Alte ist aber recht krank — er liegt am Sterben und hat mich neulich rufen lassen und mir etwas vertraut.“

Die Gefangene hörte jedenfalls die Worte, schien aber nicht den geringsten Antheil daran zu nehmen. Sie nickte nur schweigend mit dem Kopf und erwartete, was ihr weiter gesagt werden würde. Was lag auch daran, wenn ein Mensch krank wurde und starb — Der hatte es überstanden und wurde in die stille Erde gelegt. Wie oft hatte sie sich selber schon danach gesehnt! Der Assessor kam aber dadurch, während die alte Dame das junge Mädchen mit steigender Spannung betrachtete, etwas außer Fassung und mußte wieder ganz von vorn anfangen.

„Ja, mein Kind, dem alten Brenner geht’s recht schlecht,“ sagte er, „und, wie er glaubt, auch wohl mit ihm zu Ende. Da hat er denn vor seinem Tode noch ein Bekenntniß abgelegt, das Dich auch mit betrifft und nahe angeht.“

„Mich?“ sagte Valerie und hob zum ersten Mal das große, schwarze Auge empor. Als aber ihr Blick zugleich dabei auf die Dame fiel, senkte sie ihn wieder zu Boden, und glühende Röthe flog für einen Moment über ihre Züge. War es doch das erste Mal wieder seit ihrer Verhaftung, daß sie sich in Gegenwart einer Frau befand, die sie an das Bild ihrer eigenen Mutter aus früherer Zeit erinnerte. Warum führte man sie nur hierher? weshalb ließ man sie nicht in ihrer Zelle? Sie vergaß ganz, daß der Assessor zu ihr gesprochen und ihr gesagt hatte, der alte Brenner habe ein Geständniß gemacht, welches auch sie angehe und betreffe. Der Assessor aber, der wohl merkte, wie theilnahmlos die Gefangene seinen Bericht anhöre, fuhr fort:

„Er hat nämlich gestanden, daß nicht Du, sondern er das Feuer in Osterhagen angelegt habe, und ich frage Dich jetzt, weshalb Du Dich damals als Thäterin eines Verbrechens angeklagt, das Du gar nicht begangen zu haben scheinst?“

„Der alte Brenner?“ frug aber plötzlich Valerie, und in dem Moment war jedes andere Bild aus ihrem Herzen verschwunden, und nur die Erinnerung an jenen Abend tauchte hell und klar darin auf. — „Der alte Brenner hat den Schulzenhof angezündet? Der war ja krank und lag in seinem Bett.“

„Krank gestellt hat er sich, ja, aber er war vollkommen gesund und munter, und weil die Leute nicht wußten, daß er sich regen könnte, fiel auch kein Verdacht auf ihn. Man glaubte auch deshalb damals, daß Du die That begangen hättest, weil Du von des Schulzen Frau so schlecht behandelt worden.“

Der Assessor schwieg, weil er meinte, daß die Gefangene jetzt etwas darauf erwidern würde; aber er hatte sich abermals geirrt. Valerie entgegnete keine Silbe und nahm auch die Augen nicht mehr vom Boden empor.

„Beantworte mir die Frage, Kind,“ sagte da der Assessor endlich; „wie kommst Du dazu, daß Du Dich damals zu der That bekanntest? Ist es denn nicht besser, frei zu sein, als in einer solchen Anstalt eingesperrt zu bleiben?“

„Ich hab’ es gethan,“ flüsterte da Valerie leise — „lassen Sie mich wieder fort zu meiner Arbeit — der alte Brenner war es nicht.“

„Valerie!“ rief da plötzlich die Dame, die sich nicht mehr halten konnte, indem sie ihre Arme ausbreitete, auf das erschreckt zu ihr emporschauende Mädchen zuflog und sie mit wilder Heftigkeit umschlang — „unglückliches Kind meiner verlorenen, armen Schwester — o, sprich die Wahrheit — sprich die Wahrheit — hast Du es gethan?“

Valerie duldete schweigend die Umarmung; sie war womöglich noch bleicher geworden als vorher, und stand wie in einem halben Traum. Seit ihrer Mutter Tode, die langen langen Jahre hindurch, hatte sie Niemand an das Herz gedrückt und geküßt — Niemand sie liebend umfangen — wachte sie denn oder träumte sie — die fremde Frau hatte gesagt: Kind meiner verlorenen Schwester! War denn das — —?

Leise wand sie sich aus ihrem Arme, drückte sie langsam von sich, und sie mit den großen, dunklen Augen anschauend, flüsterte sie:

„Sind Sie denn — sind Sie denn die Schwester — meiner Mutter?“

„Ja, Valerie — ich bin es,“ rief die Fremde — „ich bin Marie, Deiner seligen Mutter Schwester, Deine Tante. Oh sprich zu mir, Kind — denke, daß mich die Angst um Dich verzehrt — bist Du es gewesen?“

Valerie hatte, während die Frau sprach, die Augen von ihr gewendet und lauschte dabei wie auf ein fernes Geräusch. Ihr Antlitz verrieth dabei keine Bewegung als das des Staunens, der Ueberraschung. Da plötzlich, als jene schwieg, rief sie, alles Andere um sich her vergessend, aus:

„Das waren die nämlichen Laute, das war die Stimme meiner Mutter — oh meine Mutter!“ und mit wilder Heftigkeit zu den Füßen ihrer Tante niederfallend, umschlang sie deren Knie, und Thränen — lindernde Thränen zum ersten Mal wieder seit langen, trostlosen Jahren entstürzten ihren Augen.

„Meine Valerie! Mein Kind,“ rief die Fremde bewegt, indem sie sich zu ihr niederbog. „Und so muß ich Dich wieder finden — oh sage mir nur, ob Du das Schreckliche gethan.“

„Nein, nein, nein, nein!“ schluchzte aber das Kind, noch immer ihr Antlitz in ihrem Kleid bergend; „nie, nie habe ich ein Unrecht gethan — es war die erste Lüge, die über meine Lippen kam — aber wo wollte ich hin? — Alles stieß mich fort von sich — Niemand, Niemand auf der weiten Erde hatte mich lieb, und ich — wollte sterben.“

„Oh, Gott sei ewig Lob und Dank!“ rief da unter Freudenthränen die fremde Dame, und neben Valerie zu Boden kniend, umschlang sie das zitternde Mädchen mit ihren Armen und küßte wieder und wieder ihr Haupt. Der alte Assessor aber nahm, ganz in Gedanken, eine Priese nach der anderen, und der Director sagte:

„Hm, das ist ja eine ganz wunderbare, höchst merkwürdige Geschichte und bedarf doch wohl noch einiger Aufklärung.“ Assessor Buntenfeld aber ging auf ihn zu, nahm ihn unter dem Arm und führte ihn ans Fenster, wo er lange und angelegentlich mit ihm sprach, so daß der alte Herr fortwährend vor Verwunderung dazu mit dem Kopf schüttelte. Eigentlich hatte der Assessor aber nur den Beiden Zeit geben wollen, sich wieder zu sammeln, und als er sich auf’s Neue nach ihnen umdrehte, saß die alte Dame auf dem Stuhl, den ihr der Neffe hingerückt, und hielt die neben ihr knieende Valerie fest und innig an sich gepreßt.

Der alte Assessor war übrigens ein praktischer Mann und wußte außerdem, daß Gefühlsäußerungen nirgends mehr am unrechten Platze sein konnten als in diesen Räumen. Es mußte etwas geschehen, denn eine Wiedererkennungsscene und einfache Betheuerung der Unschuld einer schon Verurtheilten konnte diese nicht so ohne Weiteres befreien.

Außerdem hatte die Scene jetzt auch lange genug gedauert, und der Director, ein reiner Formenmensch, wäre ihm am Ende ungeduldig geworden. Er rückte sich deshalb einen Stuhl zum Tisch, nahm von dem dort liegenden Papier und forderte dann Valerie auf, ihm jetzt mit klaren Worten die Erlebnisse jenes Abends zu schildern und dabei auf das Bestimmteste auszusprechen, ob sie sich noch jetzt des früher eingestandenen Verbrechens für schuldig bekenne, oder, wenn nicht, weshalb sie früher eine falsche Aussage gemacht. Er litt auch nicht, daß Valeriens Tante ein Wort hineinsprach — er wollte nichts als die einfache Erzählung der Verurtheilten, und die gab ihm auch Valerie mit so schlichten, einfachen Worten, aber so herzerschütternd zugleich in der schmucklosen Schilderung ihr früheren Lebens, ihres trostlosen Verlassenseins, aus welchem sie nur durch den Tod befreit zu werden hoffte, daß die Dame vor Schluchzen kaum dem Gang derselben folgen konnte, und selbst der Assessor wieder ein paar Mal nach der Dose greifen mußte.

Vor der Hand ließ sich nun allerdings weiter nichts in der Sache thun, denn der Director konnte natürlich keinen der Sträflinge, was auch immer seine eigene Ueberzeugung gewesen wäre, entlassen — aber sie war trotzdem in guten Händen, denn der alte Assessor versprach ihnen schon am nächsten Morgen alle nöthigen Papiere, und wenn er die ganze Nacht arbeiten sollte, mit denen sie dann in der Residenz die Freilassung der jedenfalls schuldlos gefangen Gehaltenen erwirken konnten.

Der Director war allerdings für seine Person noch nicht ganz überzeugt, und er meinte gegen den Assessor, es seien ihm in seiner Praxis schon ganz wunderbare Dinge vorgekommen, die er selber nicht glauben würde, wenn er sie nicht selber erlebt hätte. Aber der Justizminister oder das Ober-Appellationsgericht möchte entscheiden, und er wolle bis dahin dem jungen Mädchen ein besonderes Zimmer und bessere Kost geben, als die übrigen Gefangenen bekämen. Auch sollte sie die Zeit über von der Arbeit frei bleiben. Einen weiteren Verkehr mit ihren Verwandten, bis er genaue Instructionen habe, weigerte er sich aber zu gestatten. Das erlaubte ihm sein Dienst und seine Pflicht nicht, und nur die erst erwähnte Vergünstigung glaubte er, unter den bestehenden Verhältnissen verantworten zu können.

Dabei mußte es natürlich vor der Hand bleiben, und wie schwer sich auch die Fremde jetzt gerade von dem kaum wiedergefundenen Kinde trennte, so geschah es doch in der frohen Hoffnung, die Unglückliche bald, recht bald wieder dem Leben, der Freiheit zurückgegeben zu sehen. Immerhin vergingen indeß noch volle drei Wochen, bis alle nöthigen Wege eingeschlagen, alle nöthigen Formen beobachtet waren. Aber die Aussagen des alten, bis dahin gestorbenen Bänkelsängers waren zu klar gewesen, der Assessor versäumte außerdem nichts, die bedauernswerthen Schicksale des armen Mädchens hervor zu heben, und nach Ablauf der Zeit hielt ein geschlossener Wagen vor der Anstalt und rollte bald darauf, ein paar glückliche Herzen bergend, der Residenz wieder zu.