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Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) / Neue gesammelte Erzählungen cover

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) / Neue gesammelte Erzählungen

Chapter 13: Zehntes Kapitel. Schluß.
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About This Book

A volume of short narratives set in provincial life that portrays ordinary people confronting loss, poverty, and moral decisions. Episodes follow figures such as a widowed mother and her orphaned daughter, villagers whose secrets surface, and characters struggling to secure honest work or shelter. Through compact plots the tales examine social suspicion, communal charity, and the limits of personal resilience, observing small-town customs and daily hardships with empathetic realism and an eye for character detail.

Zehntes Kapitel.
Schluß.

Fünf Jahre waren verflossen, als eine offene, sehr elegante Reisekalesche eines Tages wieder langsam durch Osterhagen fuhr. Wie damals, saß auch ein Husarenoffizier und eine Dame im Fond des Wagens, aber die Dame sah jung und blühend aus, und auf dem Rücksitz befand sich noch ein junges kräftiges Bauermädchen, mit einem prächtigen kleinen Burschen von etwa anderthalb Jahren auf dem Schooß.

Der Wagen fuhr aber nicht nach dem Kirchhof, der keine lieben Todten mehr barg, denn schon im vorigen Jahr waren unter Oberaufsicht des alten Assessors Buntenfeld drei Särge von dort ausgehoben, in dazu hergeschaffte bleierne Uebersärge gelegt, diese dann verlöthet und fortgefahren worden. Die Kalesche rollte nur geraden Weges zu dem Gemeinde-Armenhaus hinaus und hielt dort.

Eine in zerrissene Lumpen gekleidete Frau, mit verwilderten Haaren, das Gesicht aber aufgedunsen und roth, als ob die widerliche Gestalt dem Trunk ergeben wäre, saß davor und starrte die fremden Besucher mit ihren gläsernen Augen an.

Die junge Dame schrak zurück und schauderte zusammen.

„Um Gott, Edmund“, flüsterte sie dem Gatten zu, „das ist des Schulzen Frau — oh wie entsetzlich sie aussieht!“

„Das also ist die Dame“, nickte der Offizier; „die scheint denn allerdings schon auf Erden die Strafe für Alles erhalten zu haben, was sie an Dir, Du armes Herz, verübt: aber mit dieser Person wollen wir uns nicht aufhalten. Wie hieß die Frau, nach der Du fragen wolltest.“

„Kunze“, flüsterte seine Begleiterin.

„Lebt hier im Hause noch eine alte Frau Kunze?“ wandte sich jetzt der Fremde an die auf der Schwelle kauernde Gestalt.

„Hier im Haus?“ knurrte diese, mit einem tückischen Blick nach dem Frager — „hier im Haus lebt Niemand als ich — Alles ist todt, Alles begraben aus dem öden Nest, und wenn Sie mich besuchen wollen, so müssen Sie Nachmittags zum Kaffee kommen.“

„Aber die Frau mit den beiden Kindern“, rief Valerie erschreckt, „die kann doch nicht gestorben sein.“

„Nein“, lachte die Alte — „die ist blos verrückt geworden, und die Kinder sind in die Ziehe gegeben.“

„Großer allmächtiger Gott!“

„Ja, was hat der liebe Gott damit zu thun,“ höhnte die Halbtrunkene. „Wer hier im Hause wohnt, muß verrückt werden, und ich werde mich auch nächstens anmelden — reif bin ich schon.“

„Und wer hat die Kinder aufgenommen?“

„Wer? — nun die alte Deckern war albern genug dazu. Die quält sich jetzt mit den Bälgern herum, und hat selber kaum das liebe Brod.“

„Oh, laß uns hinfahren, Edmund“, bat die junge Frau — „nur fort von hier, denn mir schnürt es bei dem Anblick die Seele zu.“

„Gern, mein Herz, aber weißt Du, wo jene Frau wohnt?“

„Gleich dort hinüber — sie war die nächste Nachbarin meiner armen Mutter und immer lieb und freundlich gegen mich.“

„Was war sie?“ schrie die Frau an der Thür, bei den Worten aufmerksam werdend — „die Nachbarin Deiner Mutter — wie ist mir denn? — das Gesicht! Jesus, die Falleri!“

„Fort — fort!“ drängte die junge Frau, und der Postillon berührte die Pferde mit der Peitsche, daß sie rasch anzogen und der Wagen die Straßen hinabrollte. Hinter ihnen her aber fluchte die Halbtrunkene, raufte sich die Haare und warf sich dann in Wuth und Haß und Ingrimm auf den Boden nieder.

Der Postillon sah sich manchmal um, die Richtung angegeben zu bekommen, die er zu nehmen hatte, aber der Weg war nicht zu fehlen; er führte um das Dorf herum, der Stelle zu, wo zwei kleine Häuser nahe beisammen lagen.

Die alte Nachbarin wohnte aber nicht mehr in ihrem früheren, jetzt baufälligen Quartier, sondern war zur Miethe in die nämliche Wohnung gezogen, die früher Valeriens Mutter inne gehabt. Wie staunte freilich die arme, alte Frau, als die elegant gekleidete, jugendfrische Dame aus dem Wagen stieg, auf die in der Thür Stehende zuging, ihr weinend um den Hals fiel und sie küßte.

„Die Falleri!“ rief sie da plötzlich aus und schlug die Hände zusammen, „oh Du grundgütiger Gott, die Falleri! — und wie hübsch und groß Du geworden bist, Kind! — ach, wenn Dich Deine Mutter selig jetzt so sehen könnte, die würde eine Freude haben — und hat so so wenig auf der Welt gehabt!“ Die großen hellen Thränen liefen dabei der Frau über das gute alte Gesicht.

Auch Valerie weinte, als sie das Haus betrat und jetzt die Stätte sah, auf der sie mit ihrer guten Mutter so trübe — und doch auch wieder so frohe Tage verlebt. Dort hat ihr Stuhl — dort das Bett gestanden, in dem sie gestorben, und ihr armes Kind allein gelassen in der Welt — aber der Schmerz hatte das Bittere verloren, denn er löste sich ja in Thränen auf, und bald konnte sie wieder lächeln, als sie, ihren Knaben auf dem Arm, mit ihm durch die alten lieben Räume schritt.

Es sah hier freilich noch so ärmlich aus als früher, wenn auch lebendiger, denn die beiden Waisenzwillinge, die sie oft selber hatte pflegen helfen, sprangen munter hinter ihr drein, und jubelten über die Kleinigkeiten, die sie ihnen mitgebracht.

Aber Valerie hatte auch gelernt, wie weh Armuth thut, und wollte wenigstens in etwas an der alten Frau, die immer gut mit ihr und ihrer Mutter gewesen, den Dank abtragen, den sie ihrem neuen Leben schuldete. Die Frau bekam allerdings von der Gemeinde die nothwendigsten Auslagen für die ihrer Pflege übergebenen Kinder, die man jetzt nicht im Gemeindehaus lassen konnte, bezahlt, aber sie war selber zu arm, um Weiteres für sie zu thun, und Valerie versprach deshalb, für sie zu sorgen. Auch das Häuschen sollte der alten Nachbarin eigenthümlich gehören, und Assessor Buntenfeld, den sie nicht vergessen, bekam noch an dem nämlichen Tage Auftrag, es für sie anzukaufen.

Blitzesschnell hatte sich indeß im Dorf das Gerücht verbreitet, die Falleri, die Gemeinde-Waise, sei wieder zurückgekommen und eine vornehme Dame geworden. Daß sie unschuldig eingesperrt gewesen und der alte Brenner eigentlich das Feuer angelegt, wußte man schon lange. Aber es getraute sich Niemand hinaus zu ihr, denn Niemand im ganzen Dorfe wußte sich von Schuld rein, das arme hülflose Wesen damals nicht mit unterdrückt — nicht mit verachtet zu haben. Ja, als der Wagen endlich wieder durch das Dorf fuhr, und vor dem Hause des Schulzen hielt, in dessen Hände Valeriens Gatte jetzt eine Summe Geld legen wollte, die das vergüten solle, was das Dorf damals an Auslage für die Waise gehabt, weigerte sich der neue Schulze auf das Bestimmteste, das Geld zu nehmen — er sagte, er könne es vor seinem Gewissen nicht verantworten. Auch aus den benachbarten Häusern kam kein Mensch heraus, und nur scheu hinter den Fenstern lugten sie vor, um die „Falleri“ noch einmal in ihrem Staat zu sehen.

Erst als der Offizier das Geld als Geschenk für das Armenhaus deponirte, durfte und konnte es der Schulze nicht zurückweisen. Er lud auch jetzt die beiden Gatten ein, doch auszusteigen und in seinem Hause einen Imbiß einzunehmen, aber Valerie fühlte sich von dem scheuen, schuldbewußten Benehmen der Dorfbewohner so beengt, daß es sie drängte, wieder hinaus ins Freie — fort von den nur zu gut gekannten Häusern zu kommen.

Die Pferde zogen an; der leichte Wagen rollte durch das Dorf, und nur noch wie ein Schleier lag die Erinnerung an Osterhagen auf der Seele der schwer geprüften jungen Frau.