Viertes Kapitel.
Im Fuchsbau.
Das war ein Sturz! Dem jungen Forstmann knackten alle Knochen, als er unten ankam, und im ersten Moment schien es ihm, als ob das ganze Gewölbe von Myriaden Sternen und Leuchtkugeln brillant erhellt wäre. Dann schwanden ihm die Sinne und er wußte gar nicht, wie lange er mochte so gelegen haben, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter fühlte und eine leise freundliche Stimme hörte, die sagte: „Schau’, schau’, das ist wahrlich der junge Jäger aus dem Wald da droben. Aber wie kommt der hier herunter zu uns, und wie bleich er aussieht und wie blutend — armer Mensch“ — und Raischbach war es, als ob sich eine leichte weiche Hand auf seine Stirne gelegt hätte. Ueberrascht schlug er auch jetzt die Augen auf und schaute verwundert um sich her, denn er befand sich in einer hohen, geräumigen, aber auch hell erleuchteten Halle, aus deren Felsspalten zahllose kleine Flammen in regelmäßigen Zwischenräumen hervorbrachen. Ueber ihn gebeugt aber, das liebe, herzige Gesicht von Mitleiden erfüllt, erkannte er die fremde Maid im Walde — genau so wie er sie damals im Sonnenlicht gesehen, nur daß sie ihm jetzt noch tausendmal lieber und schöner vorkam, und sich auch nicht im Mindesten vor ihm zu fürchten schien.
„Ja aber wie ist mir denn?“ rief er und richtete sich erstaunt auf seinem Ellbogen empor — „wo bin ich denn hingerathen und wer bist denn Du, Du liebes Kind, mit Deinen großen guten Augen, das ich die langen Monate da oben immer und immer umsonst gesucht habe und nirgends finden konnte?“
„Schau’ wie Du lügst!“ lachte das junge Wesen schelmisch — „mich hättest Du gesucht? so? aber ich weiß es besser, dem alten starken Bock bist Du zu Gefallen gegangen, dem mit dem starken Gehörn auf, aber nicht mir. Gelt ich hab’ recht? — Den aber erwischst Du schon nicht — wär’ auch schad drum, denn er ist der schönste im ganzen Gebirg.“
„Und wohnst Du denn hier unten im Berg?“ frug der junge Mann, der sich noch immer nicht von seinem Erstaunen erholen konnte.
„Nun?“ meinte das Mädchen, „hab’ ich’s Dir denn nicht damals gesagt, daß ich im Bau wohne? Du hast’s wohl nicht geglaubt. Aber willst Du da auf der feuchten Erde liegen bleiben? Warum stehst Du denn nicht auf und kommst mit?“
„Mit? wohin?“
„Nun, in unsere Stadt — wie Du sonderbar fragst. Du glaubst wohl, wir hausen hier unten in Höhlen und Erdlöchern wie die Füchse?“
„Sonderbar,“ murmelte Raischbach vor sich hin, indem er aber doch ihrer Aufforderung Folge leistete und sich emporrichtete. Es ging auch; Anfangs war’s ihm gewesen, als ob er bei dem Sturz Arm und Bein gebrochen haben müsse, jetzt aber fühlte er nicht den geringsten Schmerz, ja sich im Gegentheil so leicht und frisch, als ob seine Füße kaum den Boden berührten.
„So,“ sagte das Mädchen, als sie sah, daß er wieder aufrecht stand, „nun wasch’ Dir erst einmal an der Quelle da das Blut ein wenig aus dem Gesicht, denn sie brauchen drüben gar nicht zu wissen, daß Du Hals über Kopf zu uns herunter gepoltert bist, und dann wollen wir gehen.“
Der junge Forstgehülfe kam sich noch immer wie in einem Traum vor, aber er folgte doch dem Rath, und sich jetzt plötzlich wieder zu seiner Führerin wendend, frug er sie: „Aber wie heißt Du selber? Du hast mir ja Deinen Namen noch gar nicht genannt.“
„Ich hab’ gar keinen Namen,“ lachte aber die Kleine schelmisch mit einem halben Knix, „ich bin ja ein Waldweible, und die laufen immer nur so herum.“
„Ach geh’,“ sagte Bernhard, „Du wirst doch einen Namen haben; wie soll man Dich denn rufen?“
„Du brauchst mich gar nicht zu rufen!“ lachte das Mädel, „ich bin immer da und werde Dich jetzt getreulich geleiten.“
„Aber ich muß Dich doch nennen können!“
„Ich weiß ja auch nicht einmal, wie Du heißt.“
„Hab’ ich Dir meinen Namen nicht damals genannt?“ sagte der junge Forstmann — „Bernhard Raischbach heiß’ ich und bin Forstgehülfe oben im Spessart.“
„Ja, wer kann alle Namen behalten!“ lachte die Maid. „Also muß ich Dich wohl ‚Herr Forstgehülfe‘ nennen, wie es die alte Lisei thut?“
„Kennst Du denn die auch?“ rief der Jäger erstaunt.
„Weßhalb soll ich die Lisei nicht kennen, wohnt sie doch lang genug da drüben in der Forstei und ist gar ein frommes, gutes Geschöpf, die immer gleich ein Kreuz schlägt, wenn sie was Unrechtes wittert. Die hat eine Nase! Aber jetzt komm’. Blitz noch einmal, bist Du langweilig und ja gar nicht von der Stelle zu bringen! Droben im Walde warst Du doch flink genug auf den Füßen, und ich mußte damals geschwind machen, daß ich Dir die Wand hinunter aus den Augen kam.“
„Und den steilen Pfad bist Du wirklich hinabgesprungen?“
„Bah, was ist denn das weiter?“ lachte das Mädchen; „jeder Fuchs geht ja da aus und ein.“
Dabei hatte sie ihn an der Hand genommen und führte ihn jetzt die Höhle entlang deren Ende zu, wo sie in einen langen schmalen Gang auszumünden schien. Der Gang aber führte immer mehr bergab, und als Bernhard den Blick zurückwarf, kam es ihm vor, als ob er sich etwas drehe.
„Aber wo geht denn das hin?“ frug er.
„Wirst’s gleich sehen,“ lautete die Antwort — „Du weißt ja doch, daß jene alte Stadt, von der Dir der Förster erzählt, gerade an der Stelle gestanden hat, wo jetzt der tiefe Grund liegt, und da müssen wir hinunter; aber ’s ist nicht weit mehr,“ tröstete sie ihn „siehst Du, da unten kannst Du schon den hellen Schein erkennen.“
„Wo kommen nur all’ die Flammen her, die ihr hier brennt?“
„Die Flammen?“ sagte das Mädchen — „ei, das ist Erdöl, das aus den verschiedenen Ritzen und Spalten herausschwitzt und bloß angezündet zu werden braucht, wenn man es unten hell zu haben wünscht. Erdöl giebt’s genug und überall; das brennt ewig.“
Raischbach wußte gar nicht, wie ihm eigentlich geschah; immer aber mußte er wieder seine Begleiterin ansehen, und er konnte sich gar nicht denken, daß es etwas Lieberes auf der Welt geben möge, als ihr freundliches Gesicht. So weiß und zart sah ihre Haut aus, so leicht von Roth waren ihre Wangen angehaucht, und was für wundervolles, dunkel kastanienbraunes Haar sie hatte — und was für Augen — ihr Feuer brannte ihm tief in’s Herz hinein, und wie er den Druck ihrer Hand fühlte, als sie ihn den steilen, schlüpfrigen Hang hinableitete, war es ordentlich, als ob es ihm die Nerven bis in die Fußzehen und Fingerspitzen hinein erzittern machte. Sie selber aber schien von dem Eindruck, den sie auf den jungen Forstmann ausübte, nicht die geringste Ahnung zu haben, sondern schritt so unbefangen und ruhig neben ihm her, als ob er eben nichts wie ihr täglicher Begleiter wäre.
Da öffnete sich plötzlich vor ihnen der bis jetzt schmale Gang zu einer weiten Ebene, die aber von einem blendend hellen Lichtkörper erleuchtet wurde, während hoch darüber dunkle und undurchdringliche Nacht zu liegen schien, und in der Ebene sah der Forstgehülfe eine weite, alterthümliche Stadt, mit einer breiten, aber niederen Kirche und einem Kirchthurm, dessen fast moscheenartig gerundete Kuppel wie von lauterem Golde blitzte und strahlte. Als er aber genauer hinsah, bemerkte er, daß gerade diese Kuppel der Körper sei, von dem aus das Licht über die ganze Gegend floß, so daß sie wie eine strahlende Sonne über den Häusern lag.
Seine Aufmerksamkeit wurde indessen bald einem Haufen riesengroßer, doch furchtbar magerer Rüden zugelenkt, die mit schrecklichem Geheul und Gebell auf sie einfuhren und nicht übel Lust zu haben schienen, über sie herzufallen. Bernhard griff auch schon nach seinem Hirschfänger, um sich und seine Begleiterin zu vertheidigen. Diese aber lachte und rief: „Lass’ nur den Hirschfänger stecken, Freund, die thun uns nichts, das sind die Hunde des Grafen Hackelnberg Und bloß darauf abgerichtet, rechten Lärm zu machen.“
„Dem Grafen Hackelnberg gehören die?“ rief der Forstgehülfe, „dem wilden Jäger?“
„Ja, gewiß,“ sagte das Mädchen, „der hat sich hier schon lange bei uns eingenistet, reitet aber nur selten noch aus, denn er leidet so furchtbar an der Gicht.“
„Der wilde Jäger?“ rief Raischbach erstaunt aus, während die Hunde wieder von ihnen abließen — „aber ich dachte immer, der Graf Hans von Hackelnberg hause im Harzgebirge?“
„Da war er auch früher,“ nickte das Mädchen, „aber es muß ihm wohl dorten langweilig gewesen sein, und weil er hier bessere Gesellschaft gefunden hat, ist er hierher gezogen. O, es wohnen eine Menge vornehmer Leut’ hier,“ fuhr die Maid bedeutsam mit dem Kopf nickend fort — „Du wirst Dich wundern, wenn Du sie einmal alle beisammen siehst, denn so ein lauschiges Plätzchen giebt’s gar nimmer mehr an irgend einer Stelle in der ganzen Welt, wie bei uns im Grund.“
Während sie noch so plauderte, waren sie auf den offenen Raum hinausgetreten, und der junge Forstgehülfe sah hier allerdings eine vollständig neue Welt, die sich ihm, je weiter er hineindrang, mehr und mehr erschloß.
Das mußte eine uralte Stadt sein, die hier unten im Grunde lag, denn die Häuser sahen alle grau und verwittert genug aus, und auf den Dächern und Mauern wuchs Hauslauch in ganzen Büscheln, während von manchen Dachrinnen das Moos in langen grünen Quasten bis fast zur Erde niederhing. Aber die Fenster sahen trotzdem spiegelblank aus, und jedes Haus hatte seinen kleinen freundlichen Garten, in welchem, trotzdem daß oben auf der Erde jetzt Schnee lag und tiefer Winter war, die schönsten Blumen wuchsen und reife Stachelbeeren, Kirschen und Pflaumen hingen.
Links am Eingang lag ein reizendes kleines Landhaus mit einem schmalen, aber langen Teich, der es halb umschloß und auf dem die wundervollsten Wasserlilien wuchsen.
„Da wohnt die Frau Holle,“ sagte die Maid, „wenn sie manchmal zu uns auf Besuch kommt.“
„Die Frau Holle? — ist es denn möglich? Und da drüben wohnt wohl der Förster? Zu dem könnten wir vielleicht einmal hineingehen und ihm guten Tag sagen.“
„Ja nicht!“ warnte aber das Mädchen; „wir wüßten nicht, wie wir empfangen würden und ob er gerad’ bei guter Laune wäre. Das ist auch nicht das Forsthaus, sondern da haust der Graf Hackelnberg, und manchmal ist er gut und freundlich mit den Leuten, manchmal aber, wenn er seinen bösen Tag hat, hetzt er die Hunde auf sie und treibt allerlei Unfug. Das ist und bleibt ein wilder Gesell.“
Raischbach war stehen geblieben und besah sich das Haus — es war ein graues, aus Stein aufgeführtes Gebäude, fast wie eine Forstei, nur hinten mit einem kleinen Wartthurm, über der Thür aber ein mächtiges Hirschgeweih von einem Zweiunddreißig-Ender befestigt, wie sie jetzt gar nicht mehr im Walde vorkommen, und auch unter dem Giebel mit einer Menge von Jagdtrophäen geschmückt.
Das Mädchen zog ihn aber weiter, denn es kamen eine Menge Leute die Straße herunter. Sie sahen auch den jungen Fremden wohl verwundert an, grüßten doch aber Alle freundlich und ließen ihn ungehindert ziehen — nur ein anderes junges Mädchen griff seine Begleiterin am Arm, zog sie ein wenig bei Seite und flüsterte ihr, aber laut genug, daß es Raischbach hören konnte, zu: „Wen hast Du denn da aufgegabelt und wo kommt der her?“
„’s ist bloß ein Besuch,“ sagte aber die Maid, „ein braver junger Mensch, der sich einmal bei uns umsehen will.“
„Aber darf er denn das?“
„Und warum nicht? — wer kann’s ihm wehren? er nimmt ja nichts mit fort.“
Das andere Mädchen schüttelte mit dem Kopf, als ob ihr die Sache nicht recht wäre, oder doch sonderbar vorkäme, sagte aber nichts weiter, sondern nickte nur „grüß Gott“ und folgte den Anderen.
Den Weg herunter und ihr folgend kam jetzt eine alte Frau an einem Krückstock, die aber, als sie den Fremden sah, mitten in der Straße stehen blieb und ihn groß betrachtete.
„Grüß die!“ flüsterte da die Maid dem jungen Jäger wie ängstlich zu — „sei fein höflich, sonst wird sie bös.“
Raischbach folgte ihrem Rath, die Alte hatte in der That ein bitterböses Gesicht; als er aber sehr höflich seinen Hut zog, heiterte es sich etwas auf. Sie murmelte nur ein paar unverständliche Worte aus ihrem zahnlosen Mund und humpelte dann vorüber.
„Wer war denn das?“ sagte der junge Forstgehülfe, als sie sich außer Hörweite von ihr befanden.
„Kennst Du die nicht einmal?“ lachte das Mädchen — „die alte Urschel vom Urschelberg drüben, die manchmal hier bei uns zuspricht; da kommen auch ihre drei Nachtfräulein; die sind aber gut und brav.“
Drei bildschöne, weißgekleidete Jungfrauen schritten mit niedergeschlagenen Augen an ihnen vorüber; ehe sie aber Bernhard ordentlich betrachten konnte, hörte er donnernde Hufschläge dicht hinter sich auf der Straße und hatte wirklich kaum Zeit, bei Seite zu springen, als auch schon ein milchweißes Roß mit einer in grünen Sammet gekleideten Reiterin an ihm vorüberflog. Von ihrem Haupt wehten lange, rabenschwarze Locken aus, von ihrem Barett schwankten lange, prachtvolle Reiherfedern, und auf der linken Faust hielt sie eine mächtige Eule, die sich fortwährend gegen den Wind duckte und die Flügel halb ausbreitete, als ob sie eben abstreichen wolle.
Der junge Forstgehülfe wollte sich eben wieder erstaunt zu seiner Führerin wenden, als die wilde Reiterin ihren Zelter plötzlich auf den Hinterbeinen herumwarf, daß die Eule bei der unerwarteten Bewegung kaum ihren Stand bewahren konnte. So zügelte sie ihr Thier vor dem Jäger ein, dessen Beruf sie wohl rasch an der Kleidung erkannt hatte, und rief: „Hallo, wen haben wir da? Waidmanns Heil, mein Bursch’; woher des Weges?“
„Von droben, Fräulein Berchta,“ sagte da seine junge Begleiterin; „aus dem Spessart herunter; er ist nur zum Besuch gekommen.“
„Hat er Dich besucht, Schatz?“ lachte die junge Dame, „und kann er nicht selber Red’ und Antwort stehen?“
„Doch, Fräulein,“ sagte der Forstmann, der sich rasch gesammelt hatte und jetzt schon anfing, gar nichts Außerordentliches mehr in all’ dem Wunderbaren zu finden, das ihn hier umgab; „ich kann wohl selber reden, hoffe aber, daß ich hier unten Niemanden zur Last falle, sonst gehe ich eben wieder meiner Wege.“
„Ei, ein Waidmann ist überall willkommen,“ lachte die junge Dame; „wenn Ihr da oben auch jetzt Eure Jägerei treibt, daß es eine Sünd’ und Schande ist — ich weiß wohl,“ winkte sie mit der rechten Hand — „ihr Forstleute könnt nichts dafür, und seid eigentlich jetzt mehr Schreiber als Jäger da oben im schönen Wald. Beim Himmel! was das da für ein ewiges Geklopfe und Gehacke ist, und ein Baum nach dem andern wird umgehauen und aus dem herrlichsten Wald elendes Rübenfeld gemacht. Aber ich will mich nicht ärgern, denn wenn ich nur dran denke, läuft mir schon die Galle über,“ brach sie kurz ab. „Kommt nachher einmal in die Wolfsschlucht — heut Nachmittag sind wir da Alle zusammen, daß wir ein vernünftiges Wort mitsammen reden können — jetzt hab’ ich keine Zeit,“ und ihren Schimmel wieder herumwerfend, flog sie, wie sie gekommen, die Straße hinab.
„War denn das die Fräulein Berchta, die mit dem wilden Jäger sonst geritten ist?“ frug Bernhard erstaunt seine Begleiterin.
„Gelt, das ist ein stolzes Weibsen!“ nickte diese, „aber gewiß war sie’s, mit der Tut-Osel auf der Faust, wie sie immer ausreitet, oder den großen häßlichen Vogel auch manchmal hinter sich herfliegen läßt. Wild ist sie aber noch immer und kann das alte Leben wohl am Schwersten von Allen vergessen.“
„Aber wo ist hier die Wolfsschlucht — oben kenne ich eine, doch hier unten —“
„Da drüben steht sie!“ lachte die Maid, auf ein breites, sehr wohnliches Haus deutend — „das ist der Gasthof im Ort, den der alte Eckardt hier unten hält.“
„Der getreue Eckardt?“
„Ja gewiß.“
„Und der ist Wirth geworden?“
„Und warum sollte er nicht? Der alte Wirth war reich und bequem geworden und hatte das Geschäft aufgegeben; es wollt’ auch eigentlich Keiner mehr zu ihm, denn er betrog die Leut’ zu sehr. Da hat’s der alte gute Eckardt übernommen, denn ein Wirthshaus mußten wir doch haben, und zu dem geht jetzt Alles — unten hinein das Volk und oben im ersten Stock hat er auch ein Kasino angelegt für die Vornehmen.“
„’s ist rein zum Verrücktwerden!“ murmelte Raischbach vor sich hin, als das Mädel da so ruhig von lauter Persönlichkeiten plauderte, die er sich bis dahin nur als wilden Spuk gedacht, „und man möchte wahrhaftig glauben, man träumte die ganze Geschichte nur, wenn sie nicht so leibhaftig um Einen herstünde. Ich mag mich aber zwicken, wie ich will, ich wach’ doch, und das Alles muß ja wohl so sein, wie es eben ist.“
„Thut Dir noch was weh von dem Fall?“ frug das Mädchen, als sie sah, daß er sich bald am rechten, bald am linken Arm anfaßte und auch nach dem Kopf hinaufgriff.
„Das nicht grad’,“ meinte er etwas verlegen, denn er mochte ihr doch nicht sagen, was ihm eben durch den Sinn gefahren — „nur im Kopf brummt und summt mir’s so.“
„Das ist das ewige Brausen und Kochen tief in der Erde Grund,“ sagte die Maid, „was wir hier deutlicher hören, als ihr da oben; daran wirst Du Dich bald gewöhnen, wenn Du erst einmal eine Weile bei uns bist.“
„Hussa! hussa! hallo!“ tönte plötzlich ein wilder Jagdruf durch die Luft, und ein paar scheue Menschengestalten, denen der Kopf in Feuer zu stehen schien, so lichterloh brannten ihnen die Haare, fuhren wie Kaninchen über den Weg. Hinter ihnen her aber, ihre Rüden hetzend, und die Eule jetzt in freier Flucht nach den Gehetzten immer mit den Flügeln schlagend, setzte die wilde Reiterin auf ihrem Schimmel quer über die Gartenzäune und Sträucher weg, und kläffende Rüden heulten an ihrer Seite.
„Um Gottes willen!“ rief Raischbach erschreckt aus, „was haben die armen Menschen denn gethan?“
„Ah,“ sagte die Maid verächtlich, „das sind ‚Schretteln‘; denen geschieht’s schon recht, und das Bischen Bewegung kann ihnen nichts schaden.“
„Schretteln?“
„Ja, schlechtes Volk, was seiner Zeit Grenz- und Marksteine versetzt und die Nachbarn um ihren Grund und Boden betrogen hat. Die werden gejagt, wo sie sich blicken lassen, haben hier unten auch gar nichts zu thun und sollen nur machen, daß sie wieder in ihre Sümpfe kommen. Wir brauchen derlei Gelichter nicht.“
„Und wohin gehen wir jetzt?“
„Wart’ hier einen Augenblick, ich bin gleich wieder da,“ sagte das Mädchen — „muß nur erst einmal nach Haus laufen und Dich melden, damit mein Vater weiß, wir kriegen Besuch für die Nacht. Nachher führ’ ich Dich in die Wolfsschlucht, und dann gehen wir zusammen heim.“
„Wenn Du nur einen Namen hättest, daß man Dich nennen könnte,“ sagte Bernhard traurig. „Ich weiß ja nicht einmal, wie ich später an Dich denken soll.“
„Und brauchst Du dazu einen Namen?“ lachte seine Begleiterin. „Warum giebst Du mir denn nicht selber einen? mir ist’s recht.“
„Darf ich?“
„Warum nicht — wem schadet’s was?“
„Aber wie soll ich Dich nennen?“
„Wie Du eben willst — weißt Du keinen hübschen Namen?“
„O gewiß, viele — mein Lieblingsname ist Margarethe.“
„Der klingt auch ganz hübsch.“
„Oder Marie.“
„Wie Du willst — Marie ist noch kürzer — nenne mich Marie.“
„Ich wollte, Du hießest Margarethe.“
„Bist Du ein komischer Mensch — aber warte nur hier — ich bin gleich wieder da. Leg’ Dich derweil dort unter die Linde und ruh’ ein wenig aus. Du mußt ja auch müde vom vielen Herumlaufen geworden sein.“
Das Mädchen hatte recht; war es die dicke, schwere Luft, die ihm hier unten so das Gehirn zusammendrückte; waren es die vielen fremdartigen Bilder, die ganze unheimliche Umgebung. Er warf sich unter den Baum, und eine Zeitlang kam es ihm vor, als ob Alles in einem wirren Kreislauf vor seinem inneren Blick vorüberflöge. Es wurde auch vollständig dunkel um ihn her, und dann war es ihm wieder, als ob ihn der Kreiser Metzler bei Namen riefe und er antworten wolle und nicht könne.