Fünftes Kapitel.
Beim wilden Jäger.
Er mußte jedenfalls eingeschlafen sein, denn plötzlich fühlte er wieder des Mädchens weiche Hand auf seiner Schulter, und diese rief: „Ei, das lass’ ich gelten; am hellen Tage schläfst Du wie ein Dachs. Ich machte mir schon Vorwürfe, daß ich Dich so lang allein gelassen, aber ich hätte wohl noch länger wegbleiben dürfen.“
„Ach, Marie!“ rief Raischbach, ordentlich erschreckt emporfahrend, „ich glaube wirklich, daß ich eingeschlafen bin.“
„Ja, ich glaub’s auch!“ lachte diese. „Du hast geschnarcht wie ein Dachs — aber jetzt komm’, es ist spät geworden; denn wenn wir noch erst in die Wolfsschlucht wollen, kommen wir nachher gar so lang nicht heim.“
„Aber was sollen wir in der Wolfsschlucht? Ich bleib’ viel lieber bei Dir.“
„Wirklich? Doch das geht nicht an. Das Fräulein hat Dich eingeladen, und die würde schön bös auf mich werden, wenn ich Dich nicht dahin brächte. Da findest Du auch die ganze vornehme Welt von da unten, und der alte gute Eckardt freut sich gewiß, Dich kennen zu lernen. Er hat alle Menschen lieb und ihnen noch nie einen Schabernak oder gar ein Leides gethan.“
„Also ein ordentliches Kasino haben sie dort?“
„Ei, Du wirst staunen, wenn Du’s siehst — aber ich geh’ nicht mit hinauf,“ setzte sie hinzu, „denn Unsereins gehört nicht zwischen die vornehmen Herrschaften, und die Frau Holle würde mich schön über die Achsel ansehen.“
„Ja, kommt denn die auch dahin?“
„Na gewiß — da ist alle Abend große Gesellschaft, und wenn sie einmal recht lustig sind, dann kommen sie auch wohl hierher unter die große Linde und tanzen im Freien; aber das geschieht gar selten, denn die Mannsleute spielen lieber Karten und trinken Wein, und die Frauensleute sitzen beim Kaffee und schwatzen mit einander.“
„Das ist ja aber gerade wie bei uns, Marie.“
„Und warum soll’s nicht wie bei Euch sein?“ sagte das Mädchen ruhig — „waren es doch auch Alles früher einmal Menschen und haben deßhalb ihre alten Gewohnheiten beibehalten; so was ändert sich nicht, und wenn man so alt würde wie die Welt.“
„Und sind wir hier am Haus?“
„Das ist die Wolfsschlucht! siehst Du das Schild nicht am Haus und den großen Wolfskopf drüber in Stein gehauen? Und da kommt auch schon der alte Eckardt. Mit dem lass’ ich Dich allein, er kennt Dich schon; brauchst ihm gar nichts weiter zu sagen, denn der weiß Alles, was droben und drunten geschieht!“
„Und wann seh’ ich Dich wieder, Marie?“
„Ich pass’ schon auf, wenn Du wieder herunter kommst, und nehme Dich dann nachher mit,“ und ihm freundlich zunickend glitt sie an dem alten Eckardt vorüber, der aber gar nicht den Kopf nach ihr wandte, in das Haus. Vor sich aber bemerkte Raischbach jetzt einen ehrwürdig aussehenden Greis mit weißem Haar und Bart, der einen eigenthümlich alten Rock und kurze Hosen und Schuhe und Strümpfe trug. Aber er sah freundlich und treuherzig aus, und dem jungen Forstmann die Hand entgegenstreckend, rief er: „Gott zum Gruß, Landsmann! Freut mich, daß Ihr auch einmal hier herunter zu uns kommt. Fällt selten hier vor, daß wir Einen von Euch zu sehen kriegen, denn was uns hieher geschickt wird, ist meistens Gesindel, das oben nicht gut thut und daher auf gute Besserung herunter muß.“
„Und kennt Ihr mich denn, Meister Eckardt?“ sagte Raischbach verwundert.
„Weßhalb soll ich Euch nicht kennen?“ lachte der alte Mann. „Hab’ Euch oft zugesehen, wenn Ihr da oben halbe Tage lang auf den alten Bock gepaßt und geblattet habt, während der, kaum zweihundert Schritt von Euch entfernt, ruhig in der Dickung spazieren ging, und nur manchmal seinen Platz wechselte, um wieder Wind von Euch zu bekommen und genau zu wissen, wo Ihr gerade stäket.“
„Ja, der alte Bock,“ sagte Bernhard, „hat mir schon viel Mühe gemacht.“
„Und wird Euch noch mehr machen,“ lachte der Alte, „es ist eben alle Tage Jagd-, aber nicht alle Tage Fangtag, und der Jäger muß Geduld haben, sonst bringt er’s zu nichts. Mit dem Hetzen, wie sie’s zu meiner Zeit getrieben, ist oben nichts mehr auszurichten, denn man kommt nicht mehr durch. Damals ja, da war lauter Hochwald, und man konnte sein Pferd laufen lassen; jetzt aber, wo sie lauter junges Holz anpflanzen, das Dickungen bildet, wo kaum ein Fuchs durchschlüpft, da sollen sie’s wohl bleiben lassen, und die lustige Jagd hat aufgehört.“
„Aber Fräulein Berchta scheint’s doch noch zu treiben,“ sagte Bernhard.
„Das ist ein tolles Mädel,“ meinte der Alte kopfschüttelnd, „und die läßt’s nicht bis in alle Ewigkeit. Aber geht nur hinauf, sie hat schon nach Euch gefragt, und der Hackelnberg ist auch oben und der Ebersberger; die ganze tolle Jagd hat sich versammelt, und Ihr kommt gerade recht.“
„Und darf ich da eintreten?“
„Geht nur gerade zu und sagt ruhig Euer Waidmannsheil. Derartige Leute sind immer willkommen, wenn ich’s auch gerade keinem Anderen rathen wollte, so ohne Weiteres zu ihnen herein zu brechen.“
Oben an der Treppe war eine breite Flügelthür. Das ganze Haus sah überhaupt vornehm aus und hätte mit seiner innern Einrichtung eben so gut in einer großen Residenz liegen können — und als der alte Eckardt die Thüre öffnete, fand sich Raischbach, fast verlegen, einer ziemlich großen Gesellschaft von Herren und Damen gegenüber, die theils um die Tische zerstreut saßen, theils im Zimmer auf- und abgingen.
Gerade an der Thür vorüber schritt ein stattlicher hoher Mann in einem Jagdwamms mit hohen ledernen Kollerstiefeln, einen Hirschfänger an der Seite, während auf einem der kleinen Tische rechts ein breitkrämpiger grauer Hut mit Birkhahnfedern darauf, ein paar große Stulpenhandschuhe und ein Hüfthorn lagen. Er drehte sich rasch um, als die Thür aufging, als ob er Jemanden erwarte, und Raischbach sah in ein bleiches, aber edles Gesicht, mit langem schwarzem Schnurr- und Knebelbart und dunklen blitzenden Augen — das mußte der Hackelnberg sein, und mit lauter unerschrockener Stimme sagte er sein „Waidmanns Heil! Ihr Herren und Damen!“
„Hallo!“ rief der wilde Jäger, auf dem Absatz herumfahrend — „wen haben wir da? Waidmanns Heil, Gesell! Wo kommst Du her?“
„Von droben, mit Verlaub,“ erwiederte Raischbach, „und wollte mich auch der Gesellschaft nicht aufdrängen, aber die freundliche Einladung der Dame da drüben —“
„Nur keine lange Entschuldigung!“ lachte Fräulein Berchta, die am Fenster saß und an einem großen Jagdnetz zu flechten schien, indem sie ihre Arbeit bei Seite warf und auf ihn zutrat — „seid willkommen, Ihr findet hier lauter gute Freunde.“
„Spielst Du L’Hombre?“ frug der Hackelnberg.
„Das thut mir leid, nein,“ sagte Bernhard; „weiter nichts als deutsch Solo —“
„Das soll der Teufel holen!“ brummte der wilde Jäger ärgerlich, „und der verdammte Hans Jagenteufel verpaßt heute seine Partie. Ich möchte meinen Hals verwetten, der alberne Narr kann wieder einmal seinen Kopf nicht finden.“
„Seinen Kopf?“ sagte Raischbach verwundert.
„Na natürlich, weil er die dumme Gewohnheit hat, ihn unter dem Arm zu tragen. Wenn er ihn dann einmal ablegt, vergißt er immer, wo?“
„Das ist recht gut,“ sagte eine alte würdige Frau, die jetzt auch auf Raischbach zukam und ihm freundlich zunickte, „daß Ihr einmal um Euer häßliches Spiel kommt und Euch der Gesellschaft widmen könnt; es giebt so nur immer Zank und Streit dabei.“
„Bah, Gesellschaft widmen!“ knurrte ein anderer baumlanger Gesell, auch in Jägertracht, aber mit wirrem Haar und Bart und tückisch blitzenden Augen; „das ewige Schwatzen und Klatschen bekommt man auch am Ende satt — Eckardt, schafft wenigstens Wein her, daß wir die Gurgeln nässen können.“
„Aber vorher muß ich unserem jungen Gast doch wenigstens die Gesellschaft vorstellen,“ sagte Fräulein Berchta, „damit er weiß, bei wem er sich befindet.“
„Wir wissen ja selber noch nicht einmal, wie er heißt,“ knurrte der Alte wieder.
„Bernhard Raischbach, Forstgehülfe aus dem Spessart,“ sagte der junge Jäger, sich selbst vorstellend.
„Allen Respekt,“ lachte der wilde Jäger — „nun denn, ich bin Graf Hackelnberg, um mich gleich zu beseitigen, das da Fräulein Berchta, Frau Holle hier — das hier der wilde Ebersberger, ein getreuer Jagdgenosse.“
„O, werdet nicht langweilig, oder ich geh’ meiner Wege,“ knurrte dieser. „He, da kommt Wein! Eingeschenkt, Eckardt! So recht — hier, Herr Forstgehülfe, nehmt einmal den Humpen da und thut Bescheid. Könnt Ihr trinken?“
„Sollt’ es denken,“ lächelte dieser, den riesigen Römer in die Hand nehmend. „Also Ihr Wohl, meine Damen und Herren!“ und da ihm die Zunge ordentlich am Gaumen klebte, leerte er das ganze Gefäß auf einen tüchtigen Zug.
Der Graf Hackelnberg hatte ihn scharf im Auge behalten, aber sein Gesicht heiterte sich sichtlich auf, als er den Zug sah, und wie der junge Forstmann das Glas umdrehte, zum Zeichen, daß er dem Trunk Ehre angethan, schrie er mit lauter donnernder Stimme: „Bravo, mein Junge, das hätte der Ebersberger nicht besser machen können, und der hat ebenfalls eine famose Saugkraft. Hier ein Wohl auf das edle Waidwerk und daß die Aasjäger der Teufel hole!“ und damit stürzte er seinen Humpen ebenfalls hinab.
Der alte Eckardt hatte jetzt kaum Hände genug, um nach allen Seiten einzuschenken, und auch das Gespräch wurde allgemein. Eben war auch die alte Urschel mit ihren jungen Damen eingetreten, ohne freilich selber Theil daran zu nehmen, denn sie schien nicht geselliger Natur, sondern setzte sich still und mürrisch in eine Ecke und holte sich ein großes Spinnrad vor, während eines der jungen Mädchen ihr eine große Tasse mit Kaffee brachte. Die drei jungen Nachtfräulein aber, — denn seine Begleiterin Marie hatte ihm ja gesagt, daß es solche wären, — schienen ihr scheues verschlossenes Wesen ganz abgelegt zu haben, und plauderten jetzt so auf Raischbach ein und wollten wissen, wie es „da oben“ aussähe und was die Menschen dort trieben, daß er ihnen kaum alle Fragen beantworten konnte. Und wie hübsch — wie wunderhübsch sie waren und was für tiefblaue, treue Augen sie hatten — aber so hübsch wie seine Marie schienen sie doch nicht, wenn sie auch viel edler und vornehmer auftraten und weiße, außerordentlich feine Gewänder trugen.
Auch Fräulein Berchta plauderte viel mit ihm und frug ihn besonders nach dem jetzigen Wildstand da oben, nach den Hirschen und was sie „auf“ hätten, nach den Bären, Luchsen und Wölfen, und wollte es gar nicht glauben, als er ihr sagte, daß von den letztern Raubthieren gar nichts mehr droben im Wald zu finden wäre und sich nur dann und wann einmal ein einzelner Wolf in ihr Revier verlöre.
Aber die drei jungen Nachtfräulein kamen immer wieder auf die Moden an der Oberwelt zurück, und der junge Forstgehülfe, der sich darin vollkommen außer seinem Fahrwasser befand, sollte ihnen bald über Das, bald über Jenes Auskunft geben, wovon er nicht das Geringste wußte.
Da kam ihm der Hackelnberger zu Hülfe, der auch indessen die Geduld verloren hatte, weil sich der Hans Jagenteufel noch immer nicht zu seiner L’hombrepartie einstellte, und mit der Faust auf den Tisch schlagend rief er aus:
„Nun hört, zum Donnerwetter, einmal mit eurem Geklatsch auf; was weiß denn der Jägersmann von euren Falbeln und Stößen und Krinolinen und wie der Unsinn alle heißt. Komm’, mein Herr Forstgehülfe, ich will Dir einmal meine Kneipe zeigen, da wirst Du Dich besser amüsiren — ich habe eine famose Sammlung drüben und ein paar Rehbocksgehörne dabei, gegen die der alte Bock da oben wie ein Spießer aussieht.“
„Wirklich?“ rief Raischbach, während Fräulein Berchta höhnisch lachte; aber der Ebersberger rief:
„Das ist recht, da geh’ ich auch mit — ich habe neulich mit dem Hans Jagenteufel gewettet, daß der eine Sechsundzwanzig-Ender mit der Schaufel auf der linken Stange ein Ungerader wäre, und kann mich da gleich selber überzeugen.“
„Die hast Du verloren,“ lachte der Hackelnberger, indem er sein Hüfthorn umwarf, seinen Hut aufsetzte und seine Handschuhe anzog. „Das ist ein voller, sogar noch mit einem Auswuchs an der rechten Stange, den man recht gut hätte einfeilen und einen ungeraden Achtundzwanziger daraus machen können.“
Raischbach hatte auch seinen Hut aufgegriffen; denn daß ihn der wilde Jäger einlud, mit in sein Haus hinüber zu kommen, war ihm ganz recht. Wie er ihm aber eben folgen wollte, sah er, daß der alte Eckardt an der Thür stand und ihm heimlich zuwinkte, nicht mitzugehen. Erstaunt blickte er ihn an, der Hackelnberg aber, der die Bewegung ebenfalls bemerkt haben mußte, warf ihm einen zornigen Blick zu und rief: „Na, jetzt lass’ die albernen alten Geschichten; ich werd’ ihn nicht beißen, und wenn er Furcht hat, kann er ja ruhig da bleiben.“
„Furcht?“ lachte Raischbach, „wovor soll ich Furcht haben? Ich will Niemanden hier schädigen und hoffe ebenso freundlich behandelt zu werden.“
„Es ist eine alte Angewohnheit von ihm,“ lachte der Hackelnberg, „daß er immer mit dem Kopf schüttelt und ein bedenkliches Gesicht schneidet. Kommt, es wird sonst zu spät — und wenn der Hans Jagenteufel noch eintreffen sollte, so laßt mich’s wissen, Eckardt.“
„Ach, heute giebt’s doch keine Partie mehr,“ brummte der Ebersberger, — „ich gehe auch mit! Vorwärts marsch!“
Der Hackelnberg, von dem Ebersberger dicht gefolgt, verließ das Zimmer und Raischbach schloß sich ihnen an. Unten im Vorsaal aber, ehe sie die Thür verließen, sah er Marie stehen, die ihm verstohlen, aber ängstlich mit der Hand winkte, nicht zu gehen. Raischbach zögerte jetzt wirklich unschlüssig einen Moment, aber der wilde Jäger mußte das auch bemerkt haben, denn rasch und zornig wandte er sich gegen das junge Mädchen, das sich scheu vor den funkelnden Augen des Wilden in eine Kammer zurückzog und nicht wieder zum Vorschein kam.
Im nächsten Moment befanden sie sich draußen auf der Straße und sahen sich auch schon dem mit Geweihen und Jagdschmuck gezierten Hause Hackelnberg’s gegenüber.
Raischbach blickte allerdings erstaunt umher, denn vorher war es ihm so vorgekommen, als ob das Haus viel weiter abseits gelegen habe, aber lange Zeit zum Ueberlegen blieb ihm doch nicht. Graf Hackelnberg schritt rasch über die Straße hinüber und stieß einen kleinen Gartenzaun auf, der von kläffenden, heulenden Rüden wimmelte. Das war auch ein Springen und Bellen und Winseln, als sie ihren Herrn kommen sahen, und nur gegen den Fremden wollten sie anknurren und ihn nicht vorüberlassen; aber ein Pfiff des wilden Jägers trieb sie alle scheu zurück, und jetzt öffnete sich ihnen die niedere Thür des kleinen Gebäudes und der junge Forstgehülfe betrat hier eine vollkommen neue Welt.
Schon der Hausflur zeigte die Jägerwohnung. Da hingen Seite an Seite die riesigsten herrlichsten Geweihe von Hirschen, wie sie Raischbach bis jetzt kaum für möglich gehalten hatte, dann ausgestopfte Eber- und Bärenköpfe, und die ganze in den oberen Stock hinaufführende Treppe war mit Wolfs- und Luchspelzen statt Teppichen dicht belegt. Und jetzt erst oben die abnormen Geweihe und Gehörne, eine Sammlung, von denen jedes einzelne Stück an der Oberwelt mit Gold aufgewogen worden wäre.
„He, Raischbach!“ lachte da der Hackelnberg, indem er sich nach seinem Begleiter umwandte und auf die eine Wand deutete, an der nur Rehbocksgehörne hingen, „das sind andere Kerle gewesen, als euer Bock oben im Wald, wie? — Seht Euch einmal die Drei da an.“
„Aber das sind doch keine Rehbocksgehörne!“ rief der Jäger fast erschreckt aus, als er die riesigen Stangen sah.
„Waren es nicht?“ lachte Hackelnberg — „ich habe sie aber alle zu meiner Zeit selber geschossen. Nehmt Euch eins zum Andenken mit.“
„Von den Gehörnen?“
„Gewiß; da könnt Ihr Staat mit machen, und ein besseres hat Niemand bei Euch da droben; kommt auch nicht mehr vor. Da drinnen hängen noch die Armbrüste, die wir damals geführt, denn da waren noch nicht die Knallgewehre erfunden, mit denen man jetzt einen Lärm im Walde macht, daß man es meilenweit hören kann. Nehmt Euch nur das Gehörn, wenn’s Euch Spaß macht, zum Andenken an den Hackelnberg.“
„Tausend Dank denn!“ rief Raischbach erfreut, und es wurde ihm die Wahl zwischen den drei prachtvollen Geweihen schwer. Aber er zögerte doch nicht lange, nahm das ihm nächste von der Wand und folgte dem Grafen dann in das Nachbarzimmer, in seine „Gewehrkammer“, wie er es nannte, wo malerisch geordnet Unmassen von Armbrüsten, Saufedern, Hirschfängern, Bärenspießen und allen möglichen anderen alten Waffen an den Wänden geordnet waren.
Da plötzlich schlug eine Glocke an — zwölf dumpfe, schauerliche Schläge, und der Ebersberger griff seinen Hut auf und stürmte die Treppe hinunter.
„Hallo!“ rief der Hackelnberg, „ist’s schon Zeit? also bis nachher, Raischbach — aber kommt lieber mit, daß Euch die Hunde kein Leides thun, denn wenn ich nicht bei ihnen bin, sind die Bestien rein des Teufels. — Macht schnell, wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren, und nehmt das Gehörn in Acht.“
Mit langen Sätzen flog er die Treppe hinab und aus dem Haus, und Raischbach ließ sich die Warnung nicht umsonst gesagt sein, sondern blieb ihm dicht auf den Hacken.
Unten umtobten die Hunde aber schon ein paar gesattelte Pferde, auf die sich der Hackelnberg und der Ebersberger warfen. Fräulein Berchta kam ebenfalls in voller Carrière die Straße herunter, und fort ging die Hetze, daß die Funken aus den Steinen herausschlugen.
Raischbach sah ihnen noch verwundert nach, als plötzlich Jemand seine Hand ergriff und unverhofft wieder Marie neben ihm stand und ängstlich rief: „Fort! fort! es ist die höchste Zeit — komm’ mit mir — o ich bat Dich doch, nicht mit dem wilden Jäger zu gehen.“
„Aber, Schatz!“ sagte Raischbach — „er hat mir ja nichts zu Leide gethan.“
„Komm’ nur mit!“ bat die Maid; „mir darfst Du folgen, ich meine es gut mit Dir.“
„Und wohin?“
„Wieder hinaus zu den Deinen — wenn sie zurückkehren, bist Du verloren.“
„Aber er war so freundlich und hat mir auch —“
„Du kennst sie nicht,“ drängte aber das Mädchen, indem sie ihn die Straße entlang zog, daß er ihr kaum folgen konnte — „wenn sie dazu aufgelegt sind, ist ihnen Alles Wild, was vorkommt. Aber ich denke, wir erreichen die Grotte noch, ehe sie zurückkehren können.“
„Wo will der hin?“ fragte plötzlich eine rauhe Stimme, und eine wilde Gestalt, auch in altem Jagdkostüm, aber einen Bärenspieß in der Hand und zu Fuß stand vor ihnen, und zwar gerade an der Stelle, wo der Weg wieder in den schmalen Gang hinein führte.
„Nun wieder nach Haus, Kamerad!“ erwiederte dießmal Raischbach selber, während Marie ihn ängstlich am Rock zupfte — „ich war zum Besuch hier unten.“
„So, mein Bursche!“ sagte der wilde Gesell, indem er sich seinen etwas schief sitzenden Kopf wieder zurecht rückte, „und darfst Du denn das?“
„Ja, Herr von Jagenteufel!“ erwiederte da Marie — „er darf; er nimmt ja nichts mit fort.“
„Wirklich?“ rief der fremde Jäger, „und wo hat er das Rehbocksgehörne her? Hol’ mich der Teufel, das ist ja aus der Sammlung des Hackelnbergers!“
„Und von dem habe ich es auch geschenkt bekommen,“ sagte Raischbach trotzig.
„O, wirf es fort, wirf es fort!“ flüsterte ihm das Mädchen bittend zu — „Du darfst nichts mitnehmen.“
„Das wollen wir doch bald erfahren, ob er es Dir wirklich geschenkt hat, mein Bursche!“ lachte da der Fremde, indem er ein kleines Horn an die Lippen setzte und einen schrillen Ton darauf blies.
„Fort! fort!“ rief aber das Mädchen, indem sie Bernhard am Arm faßte und mit sich in den Gang hineinriß. „Das ist das Signal für die wilde Jagd — wenn sie uns einholen, sind wir Beide verloren!“
Im nächsten Moment flohen sie durch den jetzt vollkommen dunklen Gang, und Raischbach schien es, als ob er gar kein Ende nehmen wollte. Da hörte er plötzlich ein fernes, wunderliches Geräusch.
„Horch!“ rief das junge Mädchen in Todesangst „sie kommen! — o, kannst Du denn nicht schneller laufen?“
„Ich weiß nicht!“ erwiederte der junge Forstgehülfe, „sonst bin ich flüchtig wie ein Reh, aber jetzt ist es mir, als ob ich die Füße gar nicht vom Boden bringen könnte — sie sind mir so schwer wie Blei.“
„O wirf das Gehörn fort! Du darfst nichts mitnehmen.“
„Bah, der Hackelnberg hat mir’s geschenkt — haben wir denn noch weit?“
„Da kommen sie! Da kommen sie!“ rief das Mädchen, und plötzlich erschallte das Gewölbe von einem grausigen, furchtbaren Lärm — Hörnerschall, Peitschenknall, Rüdengebell und Geheul, das Hussah der Jäger, und nun flog ein rother, glühender Feuerschein durch die Dunkelheit.
„Das ist die Tut-Osel!“ schrie Marie, und Bernhard sah, wie die Eule mit feuersprühenden Schwingen sie eingeholt hatte und mit den Flügeln nach ihnen schlug. Jetzt donnerte das Gestampf der Hufen heran — jetzt hörten sie das Geklatsch und Geheul der Meute dicht hinter sich, um sich her. „Hussah!“ hörte er Fräulein Berchta’s Stimme — „Hussah! faßt den Burschen da vorn! reißt ihn nieder — er trägt Beute hinweg! Hussah — hussah!“
Raischbach wandte sich und riß den Hirschfänger aus der Scheide, um sich gegen die Wüthenden zu vertheidigen — umsonst — wie Glas knickte er beim ersten geführten Schlag dicht am Hefte ab, und über ihn hin in wilder, stürmender Flucht ging die Jagd.