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Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) / Neue gesammelte Erzählungen cover

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) / Neue gesammelte Erzählungen

Chapter 21: Siebentes Kapitel. Die Einladung.
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About This Book

A volume of short narratives set in provincial life that portrays ordinary people confronting loss, poverty, and moral decisions. Episodes follow figures such as a widowed mother and her orphaned daughter, villagers whose secrets surface, and characters struggling to secure honest work or shelter. Through compact plots the tales examine social suspicion, communal charity, and the limits of personal resilience, observing small-town customs and daily hardships with empathetic realism and an eye for character detail.

Siebentes Kapitel.
Die Einladung.

Der Tag war damit vollständig auf die Neige gegangen und es wurde sehr spät, ehe der nächstwohnende Chirurg herbeigeholt werden konnte. Raischbach gab auch jetzt noch kein Lebenszeichen von sich, und nach geraumer Untersuchung zeigte sich denn, daß allerdings kein Knochenbruch vorhanden sei — wenigstens keiner, der sich jetzt erkennen ließ, jedenfalls aber eine Gehirnerschütterung stattgefunden habe, deren Erfolg und Entwickelung man eben abwarten müsse, denn es ließ sich darin nichts weiter thun.

Am Kopf zeigten sich allerdings einige leichte Schrammen, auch die rechte Hand war etwas verletzt, aber das Alles heilte bald wieder, sowie nur das Hauptübel gehoben worden. Für jetzt verordnete der Arzt deßhalb nur Ruhe und Schneeumschläge um den Kopf, um das Wundfieber so viel als möglich fern zu halten.

Bernhard Raischbach lag so zwei volle Tage und Nächte ohne Besinnung, und die alte Lisei wich indessen nicht von seinem Lager und pflegte ihn mit wirklich rührender Aufopferung. Sie hatte aber den jungen Mann, der immer so freundlich gegen sie war und sie nie über einer Erzählung auslachte, lieb gewonnen und nur sehr selten ließ sie sich von der Frau Försterin oder einem der Kreiser ablösen, um selber einmal ein paar Stunden zu schlafen. Sie behauptete immer, sie wäre gar nicht müde.

Am dritten Tag endlich, nachdem der Chirurg zweimal wieder da gewesen war und immer bedenklicher mit dem Kopf geschüttelt hatte, schlug der Kranke die Augen auf und schien seine Umgebung zu kennen.

„Ja, Lisei,“ sagte er erstaunt, „wie kommst Du denn hierher?“

„Ich, Herr Forstgehülfe?“ rief die alte Person; „aber dem Himmel sei Dank, daß Sie nur wieder reden können. Nun wird ja auch Alles bald gut sein. Wir haben recht Angst um Sie gehabt.“

„Um mich, Lisei?“ lächelte Raischbach und schüttelte mit dem Kopf. „Ja, wenn die Marie nicht gewesen wäre, die Anderen waren freilich verrätherisches Volk, der Hackelnberg und der Hans Jagenteufel — hol’ sie der Böse — und die Berchta hatte vor Allem den Teufel im Leib. Herr Gott, ist das ein wildes Frauenzimmer!“

Die alte Lisei schlug vor Entsetzen die Hände zusammen; Bernhard aber hatte die Augen schon wieder geschlossen und lag still und ruhig, als der Förster auf den Zehen eintrat und flüsterte: „Holla, Lisei — hat denn der Raischbach nicht eben gesprochen?“

„Ach ja wohl, Herr Förster!“ stöhnte die Alte; „aber, Jesus Maria und Joseph, lauter tolles Zeug! Er ist hier nicht richtig“ — und sie deutete sich mit einer äußerst bestürzten Miene auf den Kopf.

„Phantasirt er?“ frug der Forstmann, indem er leise näher kam.

„Er pappelt irre!“ sagte die Alte — „immer vom wilden Jäger und solchen Geschichten und dann auch wieder von der Jungfrau Maria dazwischen.“

Der alte Förster winkte ihr nur beruhigend mit der Hand und wollte eben das Zimmer wieder verlassen, als Raischbach zum zweiten Mal die Augen aufschlug, sich jetzt aber gar nicht nach den in der Stube Befindlichen umsah, sondern nur im Bett herumfühlte, als ob er etwas suche.

„Heda, Raischbach!“ rief da Buschmann freundlich, indem er zu seinem Bette trat und seine Hand faßte; „das ist recht, daß Sie die Geschichte abgeschüttelt haben; nun halten Sie sich nur noch ein oder zwei Tage ruhig, und es wird Alles wieder gut sein.“

„Guten Tag, lieber Herr Förster,“ sagte der Kranke mit allerdings etwas matter Stimme, fühlte aber immer noch mit der andern Hand neben sich herum.

„Suchen Sie etwas?“ frug ihn Buschmann.

„Ja,“ sagte Raischbach leise — „ich — ich hatte da drunten ein Gehörn gefunden — ein prachtvolles Rehbocksgehörn.“

„Unten im Fuchsbau?“

Der Forstgehülfe nickte — „ach, Lisei, habt Ihr es weggethan?“

„Ich habe nichts gesehen, Herr Raischbach,“ sagte die Alte kopfschüttelnd; „aber beruhigen Sie sich jetzt nur — wenn es da war, wird es sich auch schon wieder finden, der Doktor hat aber gesagt, daß Sie sich nicht so viel bewegen dürfen. Hübsch still müssen Sie liegen.“

Der Kranke fühlte in der That, wie ihn die Bewegung schmerzte, und sank auf sein Kissen zurück, lag auch wieder eine lange Zeit still und regungslos und schaute nur wie träumend an die Decke, that aber keine Frage und verlangte nichts. So verging der ganze Tag, und die Nacht schlief er fest und ruhig, fühlte sich auch am nächsten Morgen bedeutend besser und bat jetzt selber die Lisei, daß sie den Förster heraufrufen möge, um von diesem alles Nähere über seinen Zustand zu erfahren. Dieser zögerte auch nicht, da er den Kranken völlig ruhig und seiner selbst bewußt fand, ihm Alles zu erzählen, wie es sich an jenem Tag begeben: wie Metzler seine Spur im Schnee gefunden und sie zur Hülfe herbeigerufen habe, und was sie für eine nichtswürdige Arbeit gehabt hätten, ihn aus der engen Spalte wieder herauf an’s Tageslicht zu bekommen.

Raischbach hörte, ohne ein Wort hineinzureden, Alles ruhig an, bis er erfuhr, daß der Kreiser Müller unten bei ihm gewesen wäre und also den Platz genau gesehen habe. Er bat jetzt den Förster, ihm den nachher einmal heraufzuschicken, damit er ihn über Manches fragen könne. Müller war freilich jetzt draußen im Wald, als er aber zurückkehrte, wurde er augenblicklich zu dem Kranken beordert, der schon in seinem Bett saß und nur noch den Kopf in die Hand stützte. Es summte und hämmerte ihm doch noch ein wenig von dem Sturz im Hirn.

Der junge Bursche mußte dem Kranken jetzt eine genaue Beschreibung des Platzes selber geben, und Raischbach horchte besonders hoch auf, als er ihm erzählte, daß von da unten aus noch eine Seitenspalte in den Berg hineinführe.

„Ob er dort drinnen gewesen?“

„Nein, wahrhaftig nicht; sie hatten gerade genug mit ihm selber zu thun gehabt, um in den dunklen Ritzen und Höhlen herum zu kriechen. Keinesfalls ging die auch weit hinein, und das Gestein war da wohl nur auseinander gerissen.“

„Und ein Rehbocksgehörn hatte er dort unten nicht gesehen, ein starkes Gehörn?“ frug Raischbach.

„Da unten? nein!“ sagte der Kreiser erstaunt. „Wie sollte das auch dahin kommen? Haben Sie etwa den Abwurf[D] von dem alten Bock gefunden? — Aber das ist ja nicht möglich, es liegt ja Schnee.“

Der Forstgehülfe schüttelte mit dem Kopf, und der Kreiser mußte jetzt erzählen, wie er gelegen hatte. „Armer Dachs!“ sagte er dabei, als er hörte, daß er mit dem Kopf gerade auf seinen eigenen Hund gestürzt sein mußte, was freilich den Fall gebrochen hatte.

„Und das Gestell, das sie gebaut, war noch in der Höhle?“

„Gewiß — was lag an den paar Stangen Holz, und es arbeitete sich verwünscht schlecht in dem engen Loch.“

Der Kranke legte sich auf sein Kissen zurück, und da Müller glaubte, daß er vielleicht schlafen wolle, verließ er leise das Zimmer.

Von dem Tag an erholte sich Raischbach außerordentlich rasch. Schon am nächsten Morgen konnte er aufstehen und im Zimmer herumgehen, und wenn ihn auch die Glieder noch schmerzten, denn er sah am ganzen Körper braun und blau aus, war er doch im Stande, sich frei zu bewegen, und hatte die gewisse Ueberzeugung, daß er keine böse Verletzung, besonders keinen Knochenbruch, davon getragen. — Acht Tage später war er wieder im Wald, und langsam, mit der Büchse unter dem Arm, schlug er unwillkürlich die Richtung nach der Stelle ein, an welcher er damals verunglückt. Aber er durfte jetzt noch nicht wagen die eigentliche Höhle selber zu betreten, dazu waren ihm die Glieder noch nicht wieder gelenk genug — nur den Platz wollte er sehen und — wieder einmal in der Nähe sein, und als er sich dort umgeschaut, kehrte er nach Haus zurück. Wie er aber den Hang hinaufstieg, was ihm noch immer ein wenig schwer wurde, so daß er sich oft hinsetzen und ausruhen mußte, raschelte plötzlich etwas im Laub, und als er unwillkürlich seine Büchse in die Höhe nahm, stand der alte Bock, dem er so oft nachgegangen, auf kaum dreißig Schritt ruhig und breit vor ihm und sicherte nach einer ganz andern Richtung hinüber; er hatte ihn gar nicht bemerkt.

Raischbach lachte still vor sich hin; wie manchen Pirschgang hatte er dem Bock zu Liebe gemacht, und wie genau kannte er ihn an dem breiten Kopf und kurzen Hals — und immer und immer vergebens; und jetzt, da er ihn nicht brauchen konnte, denn er hatte ja in dieser Zeit sein prachtvolles Gehörn abgeworfen und ging kahl umher, stellte er sich breit vor ihn hin und schien so vertraut, wie nur möglich. — In dieser Jahreszeit war nichts mit ihm anzufangen, und der Forstgehülfe hob die Hand und winkte ihn ab. — Im Nu bemerkte auch der Bock die Bewegung, warf scheu den Kopf herum, sah den gefürchteten Feind dicht vor sich, schreckte mit lauter tiefer Stimme und war dann mit einem Satz im Dickicht verschwunden, wo ihn der Forstgehülfe noch konnte weitab durch die Büsche brechen hören.

So mochten vierzehn Tage vergangen sein — es war bitterkalt geworden, lag aber nur wenig Schnee — als Raischbach den Kreiser Müller eines Morgens bat, ihn zu begleiten und — das Seil mitzunehmen, dem Förster aber nichts davon zu sagen. Er wolle sich, wie er meinte, nur einmal den Platz selber ansehen, in den er damals hinabgestürzt. Müller machte allerdings Einwendungen, da er ihn aber versicherte, daß gerade die Holzmacher da unten arbeiteten und sie jede Vorsicht gebrauchen würden, um ein Unglück zu vermeiden, ließ er sich endlich überreden, und die Beiden traten ihren Marsch an.

An Ort und Stelle angekommen, wurde in der That jede nur mögliche Vorsicht gebraucht, und Raischbach ließ sich nun selber, mit einer wieder hergestellten Kienfackel, in den Spalt hinunter. Der Platz lag aber öde und kahl. Nur die alten Blutspuren fand er noch vor, wo der Fuchs gelegen, und vergebens leuchtete er nach etwas Anderem darin umher. Aber er begnügte sich damit noch nicht, sondern wollte auch in die in den Berg führende Felsspalte eindringen, mußte das aber bald wieder aufgeben, denn kaum zwei Schritt darinnen wurde dieselbe so eng, daß er sich gar nicht mehr hindurchpressen konnte — dort ging auch wieder eine tiefe Kluft hinunter und er mußte zuletzt den Versuch aufgeben. Ein Mensch konnte dort nicht einpassiren.

*

So verging der Winter; der Schnee schmolz, das Frühjahr brach mit seinen tausend Knospen aus — der Auerhahn balzte, die Schnepfe strich, die Rehböcke hatten wieder frisch aufgesetzt und die Zeit rückte heran, wo schon ein Grashirsch geschossen werden konnte. Es war Juni geworden und im Walde klang und jubelte es von der munteren Vogelwelt.

Raischbach sah das Alles an sich vorübergehen, ohne Theil daran zu nehmen. Er war seit jenem Sturz nicht mehr der lustige, fröhliche Waidmann wie vordem, sondern still und einsilbig geworden und schien es am Liebsten zu haben, wenn man ihn ruhig in irgend einer Ecke sitzen und seinen Gedanken nachhängen ließ. Anfangs glaubte der alte Förster auch, es sei das noch alles eine Folge des Sturzes, der ihm doch vielleicht das Gehirn mehr, als man früher geglaubt, erschüttert haben mochte. Dies schien aber nicht der Fall; er klagte auch nie über Kopfschmerzen oder Schwindel und befand sich körperlich vollständig wohl. Was ihm aber auf dem Herzen lag, darüber sprach er mit Niemanden, ging jedoch dabei seiner Pflicht auf das Eifrigste nach und versäumte oder vergaß nie etwas.

Sein liebster Pirschgang, wenn es ihm nur immer seine Beschäftigung erlaubte, blieb aber nach jenem Revier, in welchem der Fuchsbau lag, und der Förster neckte ihn oft darüber, daß er den alten Bock noch nicht vergessen könne — aber Raischbach dachte an Anderes als den Bock — er wollte dem Mädchen wieder begegnen, das er damals an jener Stelle getroffen, und mußte — immer und immer wieder in seiner Hoffnung getäuscht — den Heimweg antreten.

Hatte er denn jenes Begegnen auch nur geträumt? Es wurde ihm manchmal ganz wirr im Kopfe und er saß dann oft stundenlang still und regungslos im Wald, stützte die heiße Stirn mit beiden Händen und sann und sann.

So war er auch eines Tages wieder draußen gewesen — gerade an einem solchen Tag wie damals, als er das wunderliebliche Mädchen im Wald getroffen, und hatte stundenlang oben am Rand des Grundes gesessen und hinabgesehen, als ob er sie gerade dort an der unheimlichen Stelle erwarte. Umsonst, kein lebendes Wesen regte sich, einen Geier ausgenommen, der über ihm in der Luft kreiste und dann und wann seinen scharfen Schrei ausstieß. Er bekam es endlich satt — der Mond war auch schon lange aufgegangen, und er mußte an den Heimweg denken.

Es war völlig Nacht, ehe er das Forsthaus erreichte, und er wunderte sich, die untere Stube so hell erleuchtet zu sehen, denn sonst brannte Abends immer nur die ziemlich trübe Lampe, bei der die Frau Försterin und die alte Lisei spannen und der Förster noch seine Dampfwolken dazwischen blies.

„Merkwürdig,“ dachte er bei sich, „was die nur heute da drinnen haben — ob Besuch angekommen ist? Aber woher — wer soll uns hier im Wald besuchen? Wenn ich’s nur wüßte, so machte ich gleich, daß ich oben in meine Kammer käme und ließe mich vor keinem Menschen mehr heut Abend sehen. Hunger hab’ ich doch nicht, und meine Suppe kann mir die alte Lisei auch später heraufbringen.“

Er glitt vorsichtig dem Hause zu, aber der alte Schweißhund, der im Sommer vor der Thür lag, hatte ihn schon gewittert und schlug an, und gleich darauf öffnete sich eines der unteren Fenster und des Försters Stimme rief heraus; „Raischbach, sind Sie das?“

„Ja, Herr Förster,“ erwiederte der junge Mann.

„Aber Donnerwetter! wo haben Sie heute so lange gesteckt? Wir glaubten schon, daß Ihnen wieder ein Unglück zugestoßen wäre — na, machen Sie nur, daß Sie hereinkommen.“

„Aber ich werde mich erst umziehen müssen, Herr Förster! ist denn Besuch da?“

„Besuch? — wo soll denn der herkommen?“ rief Buschmann. „Keine Seele ist da, als meine Alte und ich und die Lisei.“

„Weil es so hell im Zimmer war.“

„Ach so — na, kommen Sie nur; die Frau hat gerade heißen Kaffee, und der wird Ihnen gut thun.“

Raischbach schüttelte mit dem Kopf; der alte Förster kam ihm so ausgelassen lustig vor; hatte er vielleicht einen Schluck über den Durst gethan? Aber das geschah doch eigentlich nie, und heute, mitten in der Woche, wäre er gewiß nicht draußen gewesen. Aber er trat in’s Haus, hing dort sein Gewehr an einen der dafür bestimmten eisernen Haken und ging dann wie gewöhnlich in’s untere Zimmer.

Dort sah es aber in der That festlich aus, und wenn auch kein Besuch da war, schien es doch, als ob welcher erwartet würde — was aber, zu so später Stunde und hier oben im Wald, unmöglich gewesen wäre. Förster Buschmann trug seine Sonntagsjoppe mit den neuen großen Hirschhornknöpfen, und die Frau Försterin die große Haube mit den beiden langen weißen Zipfeln, von denen der Alte früher behauptet, sie sehe damit aus, als ob sie sich „verlappt“ hätte. Selbst die alte Lisei hatte eine reine weiße Schürze vorgebunden und ihren „Geh zur Kirche Rock“ angezogen, und auf den Tisch war ein weißes Tuch gedeckt und die Kaffeekanne dampfte dort, während neben ihr ein frischgebackener und dicht mit Zucker überstreuter Kuchen zwischen ein paar großen Blumenbouquets stand.

War denn dem „Alten“ sein Geburtstag? Gott bewahre, der fiel ja in den Februar und der der Frau Försterin war im März, und wann die alte Lisei geboren sei, wußte Niemand, da sie den Tag vergessen hatte, und er selber war in der Neujahrsnacht zur Welt gekommen.

Und wie förmlich sich die Frau Försterin vor ihm verneigte, als er in’s Zimmer trat; es wurde ihm ordentlich unheimlich zu Muthe. Irgend etwas mußte vorgefallen sein, aber er fühlte sich gerade nicht in der Stimmung, einen „festlichen Abend“ zu verleben, und wollte sich eben still in seine Ecke hinter dem Ofen drücken, als ihm Buschmann den Weg vertrat, seine Hand ergriff und mit feierlicher Stimme sagte: „Herr Förster Raischbach, es freut mich unmenschlich, daß Sie überhaupt heute Abend noch nach Hause gekommen sind.“

„Guten Abend, Herr Förster!“ sagte jetzt auch die alte Frau mit tausend freundlichen Runzeln über ihr gutes Gesicht und reichte ihm die Hand, und „guten Abend, Herr Förster!“ wiederholte die alte Lisei und machte einen tiefen, ehrfurchtsvollen Knix.

Raischbach sah sie Alle der Reihe nach erstaunt an und würde es nicht um eine Idee wunderbarer gefunden haben, wenn in dem Moment die Thür aufgegangen und Graf Hackelnberg, der wilde Jäger, ebenfalls hereingetreten wäre und gesagt hätte: „Guten Abend, Herr Förster, wie befinden Sie sich?“ Ueberhaupt waren ihm in der letzten Zeit so wirre und wilde Bilder durch den Sinn gegangen, daß er Traum und Wachen kaum von einander unterscheiden konnte, und er mochte auch wohl bei der Anrede ein ganz verzweifelt verdutztes Gesicht gemacht haben, denn der alte Förster lachte laut auf und rief: „Nun, mein lieber Herr Förster, Sie sehen ja gerade so verdutzt aus wie ein Hirsch, der gegen das Zeug anrennt und nicht daraus klug werden kann, was ihm da auf einmal im Weg steht. Sie glauben’s am Ende gar nicht?“

„Ich weiß gar nicht mehr, was ich noch glauben soll,“ sagte Raischbach endlich, — „aber warum nennen Sie mich denn alle ‚Herr Förster‘, als ob ich im Wald draußen umgewechselt wäre?“

„Sind Sie auch,“ lachte der Alte, „sind Sie auch, mein lieber Herr Förster — rein umgewechselt oder aus der Puppe gekrochen, denn aus dem Forstgehülfen ist plötzlich, mit Hülfe dieses kleinen Stückes Papier, ein stattlicher Förster ausgekrochen, den ich von jetzt an ‚Herr Kollege‘ nennen kann.“ Und damit hielt der alte Jäger Raischbach einen großgesiegelten Brief vor, auf dem mit klaren deutlichen Worten stand:

Sr. Wohlgeboren
dem Herrn Förster Bernhard Raischbach.

Jetzt ließ sich aber die Frau Försterin nicht mehr länger halten, sondern gratulirte mit herzlichen Worten dem jungen Manne zu seiner so wohlverdienten Beförderung. Auch Buschmann selber holte ein erhaltenes Schreiben vor — denn der Brief an den neuen Förster war in dieses eingeschlossen gewesen — und las ihm daraus eine Stelle des Oberforstamts vor, in welchem sich die Herren sehr günstig über die von Raischbach bewiesene Thätigkeit und dessen persönlichen Muth den Wilderern gegenüber aussprachen und ihm deßhalb, in Anerkennung seiner Verdienste, die Beförderung zusandten.

Aber die alte Lisei mahnte, daß der Kaffee ganz kalt würde, wenn sich die „Leutchen“ nun nicht bald zu Tisch setzten, und die Frau Försterin fuhr auch gleich geschäftig in der Stube herum, rückte die Stühle zurecht, klirrte mit den Tassen und schenkte ein, so daß an ein längeres Zögern nicht zu denken war.

Allerdings that es den alten Leuten wohl leid, daß sie den jungen wackern Mann jetzt bald verlieren sollten, denn mit dem neuen Rang verstand es sich auch von selbst, daß er eine eigene Forstei bekam, aber das war ja doch nicht zu ändern, und seinem Glück mochten sie nicht einmal mit einem Wunsche im Wege stehen.

Wohin er nun versetzt werden würde, wußten sie freilich nicht; im Brief stand, daß er darüber in den nächsten Tagen eine Anordnung bekommen sollte, aber weit weg war’s gewiß, denn so nahe lagen die Forsteien nicht neben einander in dem wilden Waldland. Daran ließ sich auch nichts ändern, und das mußte eben abgewartet werden — besuchen konnte man sich ja doch wohl dann und wann einmal, und Raischbach versprach schon heilig, daß er herüber kommen wolle, und wenn sie ihn an’s andere Ende des Staates brächten — den Spessart vergäße er im ganzen Leben nicht.

„Apropos, Raischbach,“ sagte der Förster Buschmann — „beinah hätt’ ich’s vergessen. Kennen Sie denn den Oberförster Böckler im Hessischen drüben? Das hab’ ich ja gar nicht gewußt.“

„Ich? — nein!“ sagte Raischbach kopfschüttelnd — „seit ich hierher versetzt wurde, bin ich erst ein einziges Mal über die Grenze gekommen, und das war damals, wie wir Nachts den angeschossenen und drüben verendeten Hirsch herüberholten — hab’ mich aber dabei wohl gehütet, den Oberförster aufzusuchen.“

„Ja, ich weiß wohl,“ lachte der Alte. „Die Geschichte hätte Ihnen auch bös bekommen können — na, es ist gut abgelaufen und vorbei — aber der Oberförster — ein alter Freund von mir, wenn wir uns auch über Jahr und Tag nicht gesehen haben, kennt Sie doch.“

„Mich?“ sagte Raischbach mit dem Kopf schüttelnd; „das ist wohl kaum möglich — woher sollte er mich kennen?“

„Ja, das weiß ich auch nicht,“ meinte Buschmann, während er den Kuchenteller zurückschob und die Pfeife wieder vorholte — „aber morgen hält seine einzige Tochter Marie Hochzeit, und da hat er heute einen expressen Boten herübergeschickt, um mich und meine Alte und den ‚Forstgehülfen Raischbach‘ dazu einzuladen — da liegt der Brief, die Braut muß ihn selber geschrieben haben, denn Böckler hat seinen Kindern eine gute Erziehung gegeben, und die Buchstaben sehen ordentlich wie gedrechselt aus.“

Dabei reichte er dem jungen Mann den Brief, den jedenfalls eine Frauenhand geschrieben, und dieser las in der That zu seinem Erstaunen den eigenen Namen, wie es schien, absichtlich mit großer Deutlichkeit ausgeführt und noch außerdem besonders — wenn auch nur ganz fein — unterstrichen.

„Das ist ja doch merkwürdig!“ sagte er; „und wo wohnen denn die Leute? — weit von hier?“

„Gar nicht so weit,“ sagte Buschmann, „vielleicht eine halbe Stunde Wegs über der Grenze drüben bei Hettenbach im sogenannten Bau.“

„Im Bau?“ rief Raischbach, erschreckt emporfahrend.

„Das Thal heißt so,“ nickte der Alte, „wo die Forstei liegt, weil es von beiden Seiten eng eingeschlossen ist und das Haus selber, besonders wenn man in die Nähe kommt, so aussieht, als ob es in einem grünen Gewölbe stäke. Es ist wirklich ein reizender Platz und schon der Mühe werth, daß man ihn einmal besucht.“

„Im Bau!“ wiederholte Raischbach noch einmal, aber mehr zu sich selber als dem Alten redend: „das ist doch sonderbar — und seine Tochter heißt Marie und macht morgen Hochzeit?“

„Da steht ja die ganze Geschichte im Brief. Sie heirathet aber aus dem Wald hinaus, einen Doktor, und mir wär’ das nicht recht, wenn ich Töchter hätte. Mich wundert’s, daß es der alte Böckler gelitten hat.“

„Er wird’s nicht haben hindern können, Vater,“ nickte freundlich die alte Frau. „Wenn sich ein paar junge Leute erst einmal lieb und ihr Brod haben, wer kann sie da auseinander halten? — Aber nicht noch eine Tasse, Herr Förster? — Sie haben ja beinah gar nichts getrunken.“

„Ich danke wirklich, Frau Försterin!“

„Oder wenigstens noch ein Stückchen Kuchen.“

Der junge Mann hatte sein Aeußerstes an Essen und Trinken gethan — es war auch spät geworden, und nachdem er seine Pfeife ebenfalls in Brand gebracht, zog er sich bald darauf, unter dem Vorgeben, heute Abend besonders müde zu sein, auf sein Zimmer zurück. Die Frau Försterin rief ihm aber noch nach, sich morgen früh ja um zehn Uhr etwa bereit zu halten, daß sie dann zusammen nach Böckler’s hinübergingen, weil er allein gar nicht den Weg gefunden hätte. Länger durften sie auf keinen Fall warten, sonst kamen sie zu spät, denn um zwölf Uhr sollte die Trauung sein und anderthalb gute Stunden hatten sie zu gehen.

[D] Abwurf ist das Geweih, was Hirsch oder Rehbock im Winter verliert, um im Frühjahr wieder neue Stangen anzusetzen.