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Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) / Neue gesammelte Erzählungen cover

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) / Neue gesammelte Erzählungen

Chapter 22: Achtes Kapitel. Der Bock.
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About This Book

A volume of short narratives set in provincial life that portrays ordinary people confronting loss, poverty, and moral decisions. Episodes follow figures such as a widowed mother and her orphaned daughter, villagers whose secrets surface, and characters struggling to secure honest work or shelter. Through compact plots the tales examine social suspicion, communal charity, and the limits of personal resilience, observing small-town customs and daily hardships with empathetic realism and an eye for character detail.

Achtes Kapitel.
Der Bock.

Raischbach konnte an dem Abend fast gar nicht einschlafen, so gingen ihm die heute gehörten Neuigkeiten im Kopf herum. Daß er selber Förster und dadurch selbstständig geworden, beschäftigte ihn aber wunderbarer Weise am Wenigsten; mehr als Alles dagegen, daß es ganz in der Nähe einen Ort gäbe, der „im Bau“ heiße. — Und hatte ihm jenes fremde, wunderliebe Mädchen, das er damals im Wald getroffen, nicht gesagt, daß sie „im Bau“ wohne, und er darunter thörichter Weise nur den einen derartigen Platz verstanden, den er kannte? Und sie hieß also wirklich Marie, wie er sie damals in seinem Traum oder Wachen — er wußte es selber nicht — genannt, und morgen um zwölf Uhr feierte sie ihre Hochzeit und hatte ihn selber dazu eingeladen, damit er Zeuge der Trauung sein solle.

Er fiel endlich in einen unruhigen Schlaf, aber der Traum spielte fort. Wieder traf er die Jungfrau, die jetzt mit dem Grafen von Hackelnberg Arm in Arm spazieren ging, und hinterher hinkte die alte Urschel und schüttelte immer mit dem Kopf, und die schöne Berchta sauste auf ihrem milchweißen Renner daher. Jetzt hatte sie ihn erblickt, und mit einem Hussah und Halloh hetzte sie ihre mageren Rüden auf ihn, die mit Gebell und Geheul heranstürmten. Jetzt waren sie dicht an ihn heran; da riß sich Marie von des wilden Jägers Arm los und wollte sich ihnen entgegenwerfen. Umsonst! was vermochte ihre schwache Kraft gegen die teuflischen Bestien; sie wurde zu Boden gerissen, und wie er selber in wilder Wuth nach seinem Hirschfänger griff, um sie zu retten, brachte er ihn nicht aus der Scheide. Wie festgeleimt stak er darin, und heran brachen die Hunde mit offenen, gifthauchenden Rachen — die Tut-Osel flog herbei mit ihren glühenden Augen und breiten Schwingen — schon fühlte er das scharfe Gebiß der Rüden an seiner Kehle, als er mit einem Schrei in seinem Bett emporfuhr und wild verstört umherblickte.

Das Fenster hatte er am Abend vorher und in der warmen Nacht offen gelassen und er hörte draußen im Busch den Ruf der Nachtschwalbe — das erste Zeichen des anbrechenden Tages. Es war noch sehr früh, aber er fühlte sich auch so aufgeregt, daß er doch nicht mehr schlafen konnte oder wollte. Er stand auf, wusch sich und zog sich an und schlich sich dann, um Niemanden im Haus zu stören, die Treppe hinunter, nahm seine Büchse vom Nagel und wanderte in den Wald hinaus.

Es war ein ganz wundervoller Morgen, und noch prangten die Sterne in voller Pracht am Himmel, aber schon zeigte sich im Osten der erste lichte Streif und hie und da begannen einzelne kleine Vögel ihr leises Zwitschern und Zirpen, fast wie selber noch im Traum und aufgeblustert auf ihren Zweigen.

Es mußte die Nacht ein wenig geregnet haben, denn der Boden war feucht — man hörte keinen Schritt, und still und sinnend wanderte der junge Forstmann durch den schweigenden, wundervollen Wald in die jetzt mehr und mehr erwachende Natur hinein.

Da sang ein Finke schon sein munteres Lied hell und klar der erwarteten Sonne entgegen — da drüben am Bergeshang schrie der Kukuk seinen monotonen Ruf. — Ueber den Pfad hinüber glitt ein Fuchs, der wohl nach seinem Bau zurückkehrte, aber so rasch und einer Erscheinung gleich, daß Raischbach nicht einmal die Büchse an den Backen heben, viel weniger zielen konnte. Es lag ihm auch nicht viel daran, die stille, fast heilige Ruhe des Waldes jetzt durch einen Schuß auf einen in dieser Jahreszeit doch werthlosen Fuchs zu stören, und langsam schritt er weiter. Aber das Begegnen des schlauen Hühnerdiebes hatte ihn doch ein wenig aus seiner Träumerei aufgerüttelt und aufmerksamer gemacht. Er behielt die Büchse, die er bis dahin auf der Schulter getragen, unter dem Arm und fing jetzt an, da es auch hell genug geworden war, zu pirschen.

Eine Weile ging das auch. Er paßte nach allen Seiten auf, und wenn er einen Bergkamm oder eine Erhöhung erreichte, blieb er eine Zeitlang ruhig halten, um erst zu beobachten, ob er nichts Lebendiges erkennen könne. Aber der Wald schien heute — die lustigen Sänger in den Zweigen abgerechnet — wie ausgestorben, und nach und nach gewannen die Gedanken in ihm wieder die Oberhand. Fast unwillkürlich, ohne sich dessen wenigstens klar bewußt zu sein, hatte er dabei die Richtung nach dem „Fuchsbau“ genommen und wie oft — wie unzählige Male war er schon den Weg gegangen, daß er fast jeden Baum und Strauch dahin kannte. Was er da immer und immer wieder wollte, mochte er sich freilich nicht einmal selber eingestehen — aber es war kein Feisthirsch und kein Rehbock, und dort angekommen suchte sein umherschweifender Blick — es ließ sich nicht gut ableugnen — immer nur ein buntes Tuch zwischen den grünen Büschen.

Und „im Bau“ hatte sie gesagt, daß sie wohne, und heute sollte ihre Hochzeit sein — war er da nicht thöricht, gerade an dem heutigen Tag den Fuchsbau abzusuchen? — an ihrem Ehrentag fand er sie dort doch sicher nicht.

Mißmuthig warf er sich am Fuß einer hochstämmigen Tanne nieder, legte die Büchse neben sich und stützte den vom Denken und Grübeln fast schmerzenden Kopf in die Hand.

Er mochte eine halbe Stunde so gelegen haben, und all’ die alten, oft mit Gewalt verdrängten Bilder jener Stunden, die er damals nach seinem Sturz im Fuchsbau zugebracht, zogen mit ihren gaukelnden Gestalten an seiner inneren Seele vorüber, als er plötzlich dicht hinter sich Schritte zu hören glaubte. Er fuhr allerdings nicht rasch empor, um zu sehen, was sich in seiner Nähe rege, denn das thut schon aus alter Gewohnheit kein Jäger, aber fast unwillkürlich glitt seine rechte Hand nach dem Schloß der Büchsflinte und suchte den Bügel, während er langsam und vorsichtig, ohne seine Stellung auch nur im Geringsten zu verändern, den Kopf der Richtung zudrehte, in der er das Geräusch vernommen. Aber einen ordentlichen Stich gab es ihm durch’s Herz, als er dort plötzlich auf kaum dreißig Schritt Entfernung den Bock — seinen Bock erkannte, der, mit dem riesigen Gehörn auf, ganz ruhig und vertraut aus einer Fichtendickung herausgetreten war und sich dort sorglos zu äsen anfing.

Allerdings lag er selber durch den Stamm und die Wurzel der Weißtanne großentheils verdeckt, aber die geringste Bewegung mußte auch den Blick des scheuen Wildes dahin lenken, und gut genug wußte er, daß der Bock dann auch wieder — lange vorher, ehe er schußfertig werden konnte, mit zwei Sprüngen im Dickicht und vollständig in Sicherheit war. Langsam ließ er sich deßhalb zurückgleiten, bis er lang ausgestreckt am Boden lag; dann erst versuchte er sich umzudrehen und auf das Gesicht zu kommen — auf dem noch feuchten Moos und den dürren Nadeln konnte er das auch ohne Geräusch bewerkstelligen, und jetzt erst zeigte sich eine andere Schwierigkeit, daß er die Büchse nämlich an der linken Seite liegen hatte.

Vorsichtig hob er wieder den Kopf — der Bock hatte sich von ihm abgedreht; er konnte keine Ahnung von seiner Nähe haben, und nun erst wagte er es, seine Waffe herumzubringen. Wie ihm aber das Herz dabei pochte — er konnte es ordentlich hören, und wenn er jetzt schoß, fehlte er ihn heilig — erst mußte er ruhig werden, und mit geöffnetem Mund, dicht hinter den Stamm gepreßt, die Büchse aber schußfertig in der Hand, kniete er auf seinem Stand und athmete ein paar Mal hoch auf.

Und der Bock äste sich weiter; er konnte ihn in dieser Stellung nicht sehen, aber hörte deutlich, wie er das dort in der Dickung üppig wachsende Gras abriß — jetzt durfte er nicht länger säumen. Er hob sich leise empor, bis er aufrecht stand, trat einen Schritt zurück, hob die Büchse an den Backen und bog sich nach rechts über. Die Bewegung war ohne Geräusch geschehen, aber das Auge des Bocks mußte gerade die Tanne gestreift haben, an der es rasch die fremdartigen Umrisse erkannte. Dort stand er, breit, den schönen Kopf mit dem kräftigen Gehörn erhoben, aber schon mißtrauisch und zur Flucht bereit, herübersichernd — noch ein Moment — aber der Lauf der Büchse hatte sein Ziel gesucht und gefunden, der Finger des Jägers berührte den Stecher, und mit dem Knall des Rohres zugleich sprang das zum Tod getroffene Thier mit allen vier Läufen zumal vom Boden empor, fuhr herum und war im nächsten Augenblick in der Dickung verschwunden.

Raischbach aber, während ein triumphirendes Lächeln über seine Züge flog, rührte sich nicht von der Stelle. Er hatte den Sprung des Bocks gesehen und wußte, daß er ihn nicht gefehlt haben konnte — alles Uebrige durfte jetzt ruhig abgemacht werden. Vor allen Dingen lud er auch deßhalb den abgeschossenen Kugellauf frisch auf den Brand, setzte ein Zündhütchen auf und den Hahn in Ruh, und schritt dann langsam auf den Anschuß.

Er brauchte nicht weit zu gehen, schon von weitem erkannte er an den reichlich mit rothem Schweiß bespritzten Büschen die Stelle, wo der Bock in das Dickicht gebrochen — er lag auch schon, kaum zwanzig Schritt von da entfernt, verendet, und Raischbach hätte laut aufjubeln mögen, als er das prachtvolle Gehörn, dem er so lange schon vergebens nachgestrebt, als sein Eigenthum in Händen hielt. Aber viel Zeit durfte er auch nicht versäumen; es war schon spät geworden, und wenn er noch zur rechten Stunde in der Forstei sein wollte, um sich umzukleiden, mußte er rasch an’s Werk gehen. Und wie gern that er das — in wenigen Minuten war der stattliche Bock aufgebrochen und allerdings eine Last, um ihn auf den Schultern nach Haus zu tragen, denn er wog sicher seine fünfundvierzig Pfund; aber mit dem Gefühl seines Triumphes spürte er ihn kaum und schritt rüstig vorwärts.

„Alle Wetter!“ rief aber der alte Förster aus, als er den jungen Mann mit dem Staatsbock ankommen sah; „heute sollten Sie in die Lotterie setzen, Raischbach, denn daß Sie dem Bock begegnet sind, zeigt, daß Ihr Glückstag ist. Das Gehörn wäre unter Brüdern seine sechs Louisd’or werth.“

Aber es blieb keine Zeit zu weiteren Betrachtungen, es war in der That spät geworden, und da sich Raischbach auch noch vollständig umkleiden mußte, durfte er keinen Augenblick mehr verlieren. Er brauchte indes nicht lange zu seiner Toilette, und kaum eine halbe Stunde später schritten die beiden Forstleute mit der Frau Försterin, den Nachtrab bildend, die Büchsen heute zu Hause gelassen und nur den Stock in der Hand, den moosigen Waldpfad entlang, der, nördlich auslaufend, hinüber in das hessische Revier führte.

Raischbach war es dabei ganz wunderlich zu Muthe — einmal mußte er an den Prachtbock denken, den er heute Morgen erlegt hatte — und ihr Pfad führte sie ziemlich dicht an der nämlichen Stelle vorbei — dann aber wieder fiel ihm auch jenes wunderliebliche Mädchen ein, die ihm gesagt, daß sie „im Bau“ wohne und zu deren Hochzeit er heute eingeladen worden. Eigentlich wäre er am Liebsten gar nicht hingegangen, denn was Anderes sollte er dort thun, als sie noch einmal sehen, um sie auf immer zu verlieren. — Aber war sie’s denn auch wirklich? — Blieb er zurück, so würde er die quälenden Zweifel sein ganzes Leben lang nicht los geworden sein, und schon um sich Gewißheit zu verschaffen, mußte er der fatalen Wirklichkeit die Stirn bieten.