Der alte Förster plauderte dabei den ganzen Weg, aber Raischbach hörte kaum, was er sagte, denn immer und immer wieder flogen seine Gedanken hinüber zu der Maid. — — Daß er auch nie früher von dem Ort gehört hatte — wie bald wäre er einmal hinübergegangen, um sich dort umzusehen und die Nachbarschaft zu begrüßen — und wenn sie es wirklich war, wie gut hatte sie seinen Namen behalten — und wie hübsch sie ihn geschrieben. Wenn sie ihn aber nicht vergessen hätte, weßhalb hielt sie sich da so lange verborgen, bis sie des Priesters Wort auf ewig von ihm trennte? War sie mit ihrem jetzigen Bräutigam vielleicht schon damals verlobt gewesen? — oder sollte es gar eine Strafe für ihn sein, daß er selber sie nicht früher aufgesucht? Welch’ ein Thor er auch gewesen, das blühende Geschöpf nur eine Sekunde lang für ein gespenstiges Wesen zu halten und der Stelle, die sie ihm genannt, nicht anders nachzuforschen, als in dem wilden und wüsten Grund!
Der alte Förster hatte ihn um etwas gefragt, mußte es aber dreimal wiederholen, ehe Raischbach nur hörte, daß er mit ihm sprach, und Buschmann schüttelte erstaunt mit dem Kopf; denn so zerstreut war der junge Mann noch nie gewesen — aber gewiß dachte er nur an den glücklichen Schuß von heute Morgen; ja, ja, der alte Bock ging ihm durch den Sinn, und verdenken konnt’ er’s ihm gerade nicht, denn solch’ ein Gehörn gab es nicht wieder, weit und breit.
So stiegen sie zuletzt, Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, den Hang hinab und zu dem Grenzbach nieder, der die beiden Reviere und Staaten von einander trennte, und von da ab mußte Förster Buschmann die Leitung übernehmen, denn Raischbach hatte diese Gegend ja noch nie betreten.
„Eigentlich,“ meinte er, als sie die Grenze überschritten, „wären wir hier schon ziemlich nahe bei dem Forsthaus, denn der Fußsteig da führt gerad’ drauf zu, und es kann über den Berg von hier ab kaum eine Viertelstunde sein. Dort oben hat’s aber einen häßlichen Platz über Geröll und Klippgestein und meine Alte möchte da nicht so gut fortkommen — der Weg hier dagegen ist breit und bequem und nur vielleicht zehn oder fünfzehn Minuten weiter, wozu wir noch übrig Zeit haben — es ist gerade ein Viertel nach Elf, und in einem halben Stündchen sind wir in aller Bequemlichkeit drüben.“
Raischbach hatte den Blick zu dem bezeichneten, ziemlich steil auflaufenden Fußsteig hinaufgeworfen, als er plötzlich Buschmann’s Arm ergriff und dort hinandeutend rief: „Förster, sehen Sie dort oben nicht ein buntes Tuch schimmern?“
Der alte Mann sah hinauf und sagte dann lachend: „Ja, warum soll denn da kein buntes Tuch zu sehen sein — gleich rechts von der Höhe liegt ein Dorf, und Mädels mit bunten Tüchern wird’s wohl genug da drinnen geben.“
„Aber dort steht Jemand — Wollen wir denn nicht lieber den Fußsteig gehen — vielleicht ist er bequemer gemacht, denn Frauen begehen ihn doch jedenfalls.“
„Ja,“ nickte Buschmann, „solches junges Wetterzeug, aber meine Alte brächten wir da nicht fort und hielten uns jedenfalls länger dabei auf, als wir hier herum brauchen. — Kommen Sie nur den geraden Weg mit, mein junger Herr Förster, und brechen Sie mir nicht gleich seitwärts in die Büsche, wenn Sie dort irgendwo ein buntes Tuch schimmern und leuchten sehen!“ und damit schritt er rüstig und lachend den Weg voran.
Raischbach warf noch einen sehnsüchtigen Blick nach rechts hinauf, aber es ließ sich jetzt nichts mehr erkennen, und bald tauchten sie auch wieder so vollständig in den Wald ein, daß sie von Büschen und hochstämmigen Eichen rings umgeben waren. Da öffnete sich plötzlich, gerade nach einer scharfen Biegung des Weges, der sich nach rechts ab um den Fuß des Hügels schlängelte, das Thal, und Raischbach blieb erstaunt stehen, als er die freundliche Scenerie gewahrte, die sich ihnen bot.
Sie standen am Rand des Waldes, der sich vor ihnen zu einem nicht gerade breiten, aber mit freundlichen Wiesen und Feldern bedeckten Thal öffnete, während rechts hinein eine nicht sehr hohe, aber dicht und vollbelaubte Doppelreihe von Linden in eine ziemlich enge Schlucht einführte. Raum zu einem breiten Weg war auch hier nicht gewesen, und nur mit Vorsicht hätten sich zwei Wagen darin ausweichen können. Dadurch waren aber die sich begegnenden Wipfel der Bäume so ineinander gewachsen, daß sie ein festes Gewölbe bildeten, unter dem man nur, so hoch die kurzen kräftigen Stämme reichten, durchsehen konnte. In der Allee selber war es auch dadurch fast vollkommen dunkel, aber hinten, wo sie auslief, stand, vom hellen Sonnenlicht übergossen, ein freundliches Schweizerhaus: „die Forstei im Bau“, und bot, von hier aus gesehen, einen ganz reizenden, überraschenden Anblick.
Dieser röhrenartigen Allee verdankte die Forstei ihren Namen „im Bau“, und Raischbach besonders erfaßte ein ganz wunderbares eigenthümliches Gefühl, als er jetzt darin hinschritt und sich fast wieder dabei in seinen Traum zurückversetzt fühlte. War er nicht auch damals mit seiner holden Führerin durch jenen langen, von flimmernden Lichtern erhellten Gang geschritten und hatte in der Ferne die geheimnißvolle Stadt herausleuchten gesehen, gerade so fast, wie jetzt da die Forstei vor ihnen lag? — aber die Führerin eben fehlte heute, die ihn sonst geleitet, und die alte Frau Försterin konnte sie ihm, trotz ihres gutmüthigen Gesichts, doch nicht ersetzen.
Und sollte er sie dort in dem kleinen Forsthaus finden? — finden als Braut? — als das Weib eines andern Mannes? Es wurde ihm recht weh, recht bitter weh zu Sinn, als er vorwärts schritt, und er hatte schon lange die freundliche Gegenwart um sich her im Brüten über das Vergangene, Erlebte — Erträumte nur vielleicht — vergessen, als er sich plötzlich den Laubgang öffnen sah und den eigentlichen Forsthof mit seinem reizenden rosengefüllten Garten und dem im tyroler Styl erbauten Jägerhaus betrat, und nun allerdings keine Zeit zu weiterem Grübeln und Denken behielt.
„Halloh! die Spessartleute!“ schrie ihnen eine tiefe Baßstimme jubelnd entgegen — „das ist gescheidt und gerade noch zur rechten Zeit. Hurrah! wie geht’s, alter Buschläufer — was treibt Ihr da drüben in Eurem Waldwinkel?“ — Und ein großer stattlicher Mann mit einem sonngebräunten Gesicht, aber dem freundlichsten Lächeln in den guten Zügen, kam ihnen entgegen und streckte beide Hände nach den alten Leuten aus.
Es war der Oberförster Böckler selber, der seine nur etwas entfernten Nachbarn auf das Herzlichste begrüßte und mit Handschütteln fast gar nicht wieder aufhören wollte, bis sein Blick auf den etwas hinter ihnen stehenden Raischbach fiel und er sich rasch an diesen wandte.
„Alle Wetter!“ rief er, „da ist ja auch unser Wilddiebsschütze, unser Forstgehülfe von drüben — Herr Raischbach oder wie er heißt. Herzlich willkommen, junger Freund, freut mich aufrichtig, Ihnen einmal die Hand zu schütteln, denn Sie haben sich nicht allein das Diebsgesindel selber vom Leib gehalten, sondern uns auch hier unten Luft damit gemacht.“
„Bitte um Verzeihung, Herr Oberförster!“ fiel aber hier die alte Dame ein. „Nichts mehr mit Forstgehülfe, wenn’s gefällig ist. Habe die Ehre, Ihnen den seit gestern wohlehrbaren Herrn Förster Raischbach vorzustellen!“
„Förster geworden, hah? na das ist recht!“ rief Böckler vergnügt; „da gratulir’ ich von Herzen, und das hat er sich auch wahrhaftig ehrlich und sauer genug verdient. Aber jetzt dürfen wir uns hier nicht länger mit Redensarten aufhalten, denn die jungen Leute da drin werden mir sonst ungeduldig und meine Alte zappelt sich schon seit einer Stunde ab, um fertig zu werden und zum Aufbruch zu blasen. Erst trinken wir aber noch ein Glas Wein und dann kann die Geschichte meinetwegen losgehen.“
Er führte auch seine Gäste jetzt ohne Weiteres ins Haus, und Raischbach schlug das Herz wie ein Hammer in der Brust, als er die Schwelle überschritt, auf welcher er sein Traumbild jetzt mehr zu finden fürchtete als hoffte. Zuerst mußten sie aber noch die Begrüßung der Frau Oberförsterin mit durchmachen, die, während ihr Mann in seine gewöhnliche Sonntagsjoppe gekleidet ging, den höchstmöglichen Staat angelegt hatte und mit Bändern und Schleifen fast bedeckt schien — war es doch auch der Ehrentag ihres einzigen Kindes.
Und jetzt betrat das Brautpaar das Zimmer, und der Alte stellte sie mit launiger Förmlichkeit vor. —
„Herr Doktor Westphal aus Kassel als Bräutigam und Fräulein Marie Böckler aus dem Bau als Braut — und hier Herr Förster Buschmann, direkt aus dem Urwald, mit Gemahlin, eben so wie der neue Herr Förster Raischbach von ebendaselbst.“
Die Braut war ein liebes holdes Kind von kaum achtzehn Jahren, eigentlich fast zu zart für eine Försterstochter, aber mit treuen lichtblauen Augen und blonden Haaren, auf denen jetzt der Myrtenkranz ruhte, während ein schneeweißes, duftiges Kleid ihre schlanke Gestalt umschloß — aber Raischbach sah ein vollkommen fremdes Gesicht vor sich. Dem Mädchen war er nie im Wald begegnet — das war nicht „seine Maid aus dem Bau“, und so verlegen stand er ihr in dieser plötzlichen Enttäuschung gegenüber, daß er kaum im Stande war, die freundlich nach ihm ausgestreckte kleine Hand zu nehmen, um die Begrüßung zu erwiedern.
Also doch nur ein Traum das Ganze — und jene Begegnung im Wald? — damals konnte er ja doch nicht geträumt haben, wo er, Morgens auf dem Pirschgang, bei vollkommen kaltem Blut, das junge fremde Mädchen draußen angetroffen.
„Aber wo steckt denn nur eigentlich die Margareth?“ sagte da die Frau Oberförsterin fast ärgerlich — „schon seit einer vollen Stunde habe ich sie mit keinem Auge gesehen.“
„Die wird sich in ihren Staat werfen,“ lachte der Oberförster. „Hast Du doch selber heute Morgen drei volle Stunden zu dem Deinigen gebraucht, Alte.“
„Fehlgeschossen, Herr Onkel!“ rief da plötzlich eine lachende Mädchenstimme, und als sich Raischbach blitzschnell darnach umdrehte, hätte er laut aufjubeln mögen vor Lust und Seligkeit, denn vor ihm, das Gesicht aber jetzt wie mit Purpur übergossen, stand sein „Waldweible“, die er monatelang vergebens gesucht, mit einem frischen Waldblumenkranz im Haar, und sah in ihrer halben Verlegenheit so frisch, so lieblich aus, daß er hätte auf sie zuspringen und sie vor allen Leuten an’s Herz drücken mögen — ein ganz natürliches Gefühl übrigens, das andere Menschen wohl ebenfalls dann und wann überkommt, wenn sie einem so lieben Mädchengesicht begegnen — selbst wenn sie noch nicht so viel und oft davon geträumt haben wie der junge Forstmann.
„Hoho!“ rief da der alte Oberförster, „unsere wilde Hummel, die, wie mir scheint, den ganzen Wald geplündert hat, um sich einen Kranz daraus zu flechten.“
„Ja, und Bergnelken auch,“ sagte die Frau Oberförsterin, „und da bist Du wieder an dem steilen Hang hinaufgeklettert, was Dir der Onkel schon so oft verboten hat, denn das ist der einzige Platz, an dem sie hier in der Nähe wachsen.“
„Aber heute, an Mariens Ehrentag, durften sie doch nicht fehlen!“ lächelte das junge Mädchen.
„Ist das eine Nichte von Dir, Böckler?“ frug ihn Buschmann.
„Fräulein Margareth Böckler, meines Bruders, des Försters Böckler in Schmalkalden, ehrsame, aber etwas sehr wilde Tochter,“ stellte sie der Alte vor, „die uns schon einmal vor etwa einem Jahr besucht hat und jetzt zur Trauung meiner Marie wieder herübergekommen ist. — Hier, Grethel, Herr Förster Buschmann mit Frau, und den neugebackenen Förster Raischbach kennst Du ja wohl schon, denn Du wußtest wenigstens seinen Namen.“
War das junge Mädchen schon vorher etwas verlegen gewesen, so goß sich ihr jetzt plötzlich tiefe Röthe über Wangen und Nacken, aber trotzdem lächelte sie und sagte schelmisch: „Der Herr Förster hat sich mir einmal selber im Walde vorgestellt, als ich mich verirrt hatte und nicht mehr wußte, wohin ich mich wenden sollte.“
„Da bist Du an den Rechten gekommen,“ lachte der Oberförster, „der spürt alles Fremde auf, was in sein Revier kommt, und daß er Dich damals nicht gepfändet hat, ist ein reines Wunder.“
Raischbach konnte kein Wort erwiedern, es war, als ob ihm Jemand die Kehle zuschnüre; aber die alte Dame kam ihm zu Hülfe, denn die Gäste konnten unmöglich den wohl viertelstündigen Weg in die Dorfkirche antreten, ohne vorher, nach ihrem langen Marsch, einen Imbiß genommen zu haben. Stand doch auch Alles schon seit frühem Morgen dazu bereit, und dem Nöthigen zum Essen und Trinken mußte jetzt jede andere Unterhaltung weichen.
Dann ordnete sich der Zug zur Kirche, nach altem Gebrauch. Voran der Bräutigam mit der Braut. Hinter diesen der Oberförster und Margareth als Brautführer, dann die Uebrigen, wie sie sich eben zusammenfanden, mit jungen Mädchen aus dem Dorf, die herübergekommen waren, um Marie abzuholen. Die Trauung selber dauerte allerdings etwas lang, da es der Dorfgeistliche für seine Pflicht hielt, ehe er zu der wirklichen feierlichen Handlung überging, den beiden Brautleuten einen kurzen Ueberblick von der Erschaffung der Welt und der ganzen biblischen Geschichte zu geben; aber sie nahm doch auch ein Ende, und nun begann der fröhliche Heimzug und das Hochzeitsmahl im Försterhause, bei dem der große eichene Tisch unter der Last der aufgetragenen Speisen ordentlich ächzte.
Also deßhalb hatte Raischbach das Mädchen in der ganzen Zeit nicht gesehen — nur zum Besuch war sie damals da gewesen, und jetzt erst in den „Bau“ zurückgekehrt? Und wie freundlich sie gegen ihn war — aber auch wie scheu, denn sie wich ihm aus, wo sie immer konnte, und doch gestand sie ihm noch an demselben Nachmittag, daß sie am Morgen auf dem Fußpfad oben am Hügel gewesen wäre und gesehen hätte, wie sie „von drüben herüber“ kamen. — Hatte sie ihn wirklich erwartet? — o, wie glücklich wäre er gewesen, wenn er das hätte glauben dürfen.
Das Mittagessen war vorüber, und Abends wurde natürlich ein kleiner Ball arrangirt, wenn man auch nur einen Geiger und einen Flötenbläser zum Musikkorps hatte. Raischbach tanzte fast nur mit Margarethen — wie lieb er schon den Namen hatte — und als sie den Heimweg endlich antraten, da Buschmann nicht bewogen werden konnte, im „Bau“ über Nacht zu bleiben, gingen ihm so viele Dinge im Kopf herum, daß er fast wie ein Trunkener durch den Wald schwankte und von seinem alten Förster weidlich ausgelacht wurde, da er, statt den Pfad zu der Forstei einzuschlagen, in den schmalen Weg bog, der nach dem Fuchsbau hinüberführte.
Innerhalb drei Tagen, so lautete das Schreiben, das ihm seine Beförderung angekündigt hatte, sollte er sich bei dem Oberforstamt melden, um dort seine definitive Anstellung als Förster entgegen zu nehmen — wie kurz war die Zeit, die er da auf seine eigenen Angelegenheiten verwenden konnte, denn fast zu der nämlichen Frist mußte Margareth, wie sie ihm an dem Abend gesagt, nach Hause zurückkehren. Aber Raischbach war nicht der Mann, der sich eine einmal aufgespürte Beute so leicht hätte entgehen lassen.
Schon am nächsten Tag, da ihn sein Dienst jetzt nicht mehr an die Forstei band, wanderte er wieder nach dem „Bau“ hinüber, und es war erst spät Abends, als er von dort zurückkehrte — so spät, daß er Buschmann nicht einmal mehr sprechen konnte.
Am nächsten Tag mußte Margareth heimwärts reisen und Raischbach ebenfalls seinen Marsch antreten, um zur rechten Zeit beim Oberforstamt einzutreffen. Hier wurde er sehr freundlich begrüßt, und da erst vor kurzer Zeit eine recht gute Forstei erledigt worden, rückte er mit einem Gehalt, der seine kühnsten Hoffnungen noch überstieg, in dieselbe ein.
Buschmann’s hörten von da ab, da sein neuer Wohnplatz sehr entfernt von ihnen lag, lange nichts mehr von ihm, und nicht einmal geschrieben hatte er, obgleich er ihnen das fest versprochen; aber du lieber Gott, Buschmann war ihm deßhalb nicht böse, denn er wußte gut genug aus eigener Erfahrung, wie ungern Jäger — wenn nicht dazu gezwungen — eine Feder in die Hand nehmen und einen Brief fertig bringen. Es ist etwas Unnatürliches und wird eben so lang als irgend möglich hinausgeschoben.
So war fast ein volles Jahr vergangen, als eines Tages, es war ein Sonntag, und der alte Förster deßhalb sicher zu Hause, ein kleiner, leichter Einspänner, dessen Kutscher ganz entsetzlich mit der Peitsche knallte, den Waldweg herauffuhr.
Wenn es nun etwas in der Welt gab, was Förster Buschmann nicht leiden konnte, so war es Peitschenknallen oder überhaupt irgend ein Lärm im Wald, der, wie er manchmal äußerte, sein feierliches Schweigen bewahren müsse, oder es sei eben kein Wald mehr, sondern nur ein Bauernholz. Seinen Holzfuhrleuten war es deßhalb auch auf das Strengste verboten, und er litt es überhaupt von keinem durchziehenden Kärrner, ohne wenigstens entsetzlich grob zu werden und ihnen auch gar nicht selten zu drohen, daß er ihnen „die Peitsche aus der Hand schießen würde“. — Das half gewöhnlich, denn da die Leute nicht glaubten, daß er den dünnen Peitschenstiel treffen würde, so war es nachher vollkommen unsicher, wohin die Kugel schlagen könne, und sie unterließen es wenigstens in seiner Nähe.
Buschmann saß gerade vor dem Haus unter der alten Linde und trank mit seiner Frau Kaffee, denn der neue Forstgehülfe, den er hatte und den das Leben auf der einsamen Forstei langweilte, war in den nächsten Ort zu Bier gegangen. Da hörte er das ganz unsinnige Peitschenknallen des Einspänners, der sich jedenfalls nur hierher verfahren hatte und nun den lästerlichen Skandal machte, um Jemanden herbeizurufen und auf den rechten Weg gebracht zu werden. Der kam dem Alten aber gerade recht, denn er war just nicht in besonderer Laune und hatte sich schon irgend etwas gewünscht, an dem er seinen Grimm auslassen konnte. Zuerst fuhr er empor und horchte; wie er sich aber über den Laut nicht mehr täuschen konnte und der Einspänner auch bald darauf in Sicht kam, sprang er auf, rannte ihm entgegen und überschüttete nun den Kutscher mit einer solchen Fluth von Verwünschungen und Flüchen, daß das Pferd fast scheu wurde und der arme Teufel bestürzt auf seinem schmalen Bock saß. Es sah auch in der That so aus, als ob der alte Mann jeden Augenblick über ihn herfallen werde, und kräftig genug schien er, um das ganze Gefährt in den Busch zu werfen.
„Hurrah!“ jubelte da plötzlich in den Ingrimm hinein eine laute lachende Stimme, „hab’ ich’s mir doch gedacht, daß er beim Peitschenknallen wie der Bock auf’s Blatt anläuft — Hurrah, Vater Buschmann, kennen Sie mich nicht mehr?“
Und heraus aus dem Wagen sprang Raischbach und schüttelte dem erstaunten alten Mann herzlich die Hand. Dieser aber, so sehr er sich freute, seinen alten Forstgehülfen wieder begrüßen zu können, sagte ihm kaum ein Wort, denn er bemerkte jetzt erst, daß er nicht allein in dem Einspänner gesessen habe. Eine jugendliche schlanke Frauengestalt sprang hinter ihm her aus dem kleinen Wagen und mit einem Freudenruf auf ihn ein: „Herr Förster Buschmann!“
„Soll mich der Teufel holen, die Margareth!“ rief der Alte ganz verdutzt aus.
„Frau Försterin Raischbach,“ stellte sie aber der junge Mann jetzt förmlich vor, als nun auch die Frau Försterin und die alte Lisei, die eben das Kaffeezeug abräumen wollte, herankamen um zu sehen, was es da gäbe. Gehörte doch ein Fremder auf der Forstei ohnedies zu den größten Seltenheiten, und die Frauen bekamen jetzt die schönste Gelegenheit, um die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen. — Aber das war nun auch ein Gratuliren und Wünschen und Küssen und Drücken und Erzählen, und die Lisei stürzte vor allen Dingen in die Küche, um wieder einen frischen Topf mit Kaffee anzusetzen.
Raischbach mußte indeß erzählen, wie es so rasch mit seiner Heirath gekommen sei, und da erfuhren sie denn, daß er, als er sich von Margareth wieder getrennt sah, kurzen Prozeß gemacht habe und selber nach Schmalkalden hinübergefahren sei, um bei ihrem Vater um ihre Hand anzuhalten. Vor vierzehn Tagen sei nun Trauung gewesen und sie selber noch auf der Hochzeitsreise, und jetzt wollten sie, ehe sie nach Hause zurückkehrten, erst ihre Freunde im Spessart und — den alten Platz besuchen, wo sie sich zum ersten Mal gesehen.
„Und was für ein hübsches Frauchen haben Sie sich ausgesucht, Herr Förster,“ sagte die alte Lisei, die mit gefalteten Händen vor dem jungen Paar stand und es mit ordentlich mütterlicher Liebe betrachtete.
„Ja, Lisei,“ lachte Raischbach, „das ist aber auch kein gewöhnliches Menschenkind, sondern ein echtes Waldweible, das ich mir aus dem Fuchsbau geholt und zu meiner Frau gewonnen habe, und die kennt den wilden Jäger, den Grafen Hackelnberg, den Hans Jagenteufel, die schöne Berchta und die alte Urschel ganz genau, von Jugend auf.“
„Gott sei uns gnädig!“ sagte die alte Frau erschreckt, denn sie hielt etwas Derartiges gar nicht etwa für unmöglich. Margareth aber ging zu ihr, reichte ihr lächelnd die kleine Hand und sagte herzlich: „Glauben Sie dem wilden Menschen kein Wort. Fühl’ ich mich an wie eines von den Gespenstern, die er in seinem Fiebertraum gesehen? Aber am Fuchsbau, wie der Platz ja wohl heißt, hat er mich allerdings im Wald gefunden, und eines Försters Kind und Frau bin ich auch, also ein Waldweible, wenn wir’s so nennen wollen.“
„Und erinnern Sie sich noch, Herr Förster,“ rief da Raischbach, „was Sie mir an dem Morgen, wo ich den Prachtbock geschossen hatte, sagten? — ich habe die Worte bis auf den heutigen Tag nicht vergessen: ‚Heute sollten Sie in die Lotterie setzen, Raischbach,‘ meinten Sie, ‚denn daß Sie dem Bock begegnet sind, zeigt, daß Ihr Glückstag ist.‘ — Nun, das hab’ ich an dem nämlichen Tag gethan, und wie Sie sehen, hier das große Loos gewonnen.“
Es bleibt kaum noch etwas zu erzählen. Daß Raischbach und seine junge Frau „im Bau“, wohin er mit ihr am nächsten Morgen zu Fuß hinüberging und ihr dabei auch unterwegs die Stelle zeigte, wo er damals in den Fels gekrochen — mit Jubel empfangen wurde, versteht sich von selbst. Drei volle Tage blieb er auch dort und bei Buschmann’s, und erst als sein Urlaub abgelaufen war, fuhr das junge Paar durch den schönen rauschenden Wald, und jetzt nur Glück und Liebe im Herzen, der Heimath — dem „eigenen Herd“ entgegen.