So nahte die Zeit, wo Valerie confirmirt werden und dann auch das Gemeinde-Armenhaus verlassen sollte, denn der Schulze hatte ihr schon einen Dienst bei einem Bauer ausgemacht, dessen Schwiegermutter an einer bösartigen Krankheit litt, und wo sie die Pflege derselben übernehmen konnte. Wozu brauchte auch die Gemeinde länger die Last zu tragen, wenn sich das Mädchen erst einmal selber mit ihrer Hände Arbeit ernähren konnte? Es war eigentlich eine Sache, die sich von selbst verstand.
Valerie war indessen vierzehn Jahr alt geworden — wenn sie sich auch kaum noch auf den Tag ihrer Geburt erinnerte, denn wer hatte sich, seit ihre Mutter gestorben, wohl noch um den gekümmert! Stark gewachsen mußte sie auch in der Zeit sein, denn ihre Kleider wollten ihr nirgends mehr passen und reichten ihr kaum mehr bis über die Knie, und neue hatte sie ja nicht dazu bekommen. Aber wie bleich und mager sie aussah, und wie verwahrlost, wie schmutzig und abgerissen! Auch der freundliche kindliche Zug von Anmuth war aus ihrem Antlitz gewichen, der es früher erhellte und die Grübchen in ihre runden Wangen rief. Finster und verdrossen sah sie aus, und wenn sie ja einmal draußen bei der Arbeit und ganz in Gedanken mit ihrer klaren Stimme sang, so waren es nur die wüsten, häßlichen Lieder, die sie von dem alten Bänkelsänger den ganzen Tag hören mußte, und die ihr deshalb in den Ohren klangen — und dazu die Vorbereitung zur Confirmation! Aber das störte sie nicht; welche Andacht konnte sie auch mit in die Kirche zu einem Gott bringen, von dem sie sich verlassen glauben mußte, während sie von den Menschen unter die Füße getreten wurde. Sie beobachtete — wie es Tausende ebenfalls thun — die anbefohlenen Formen und Formeln, und nahm das Ganze als eine eben nicht zu umgehende Ceremonie, die sie ja auch überstehen würde, so gut wie die Andern.
Eine Schwierigkeit hatte es dabei: ihre dürftige, abgerissene und schmutzige Kleidung. — So konnte sie nicht vor Gottes Altar treten, wie der Geistliche sagte, und der Schulze sollte Rath schaffen. Aber woher nehmen und nicht stehlen; denn neue Kleider aus dem Gemeindesäckel zu bezahlen, war noch nicht dagewesen und konnte auch von keiner Gemeinde verlangt werden.
Vielleicht gab es aber da eine Hülfe, denn der Schulze hatte bemerkt, daß Valerie an einer Schnur einen goldenen Schmuck um den Hals trug, und zwar ein kleines Kreuzchen und einen einfachen Ring. Das Kreuz hatte sie selbst einst von ihrer Mutter, die es bis dahin getragen, zu Weihnachten bekommen — der Ring war der Trauring der Verstorbenen, den sie ihr von der kalten Hand gezogen und als theueres, einziges Vermächtniß aufbewahrte. Diese beiden Stücke sollte das Mädchen hergeben, um mit dem Erlös derselben die für sie nöthigen Kleidungsstücke zu beschaffen, und der Ortsschulze hielt das für so in der Ordnung, daß er es nicht einmal nöthig glaubte, selber ein Wort deshalb zu verlieren, sondern eine Magd in das Gemeindehaus sandte, um die „Goldsachen“ nur einfach abzuholen. Valerie erfuhr aber kaum, was man von ihr verlange, als das sonst so scheue und schüchterne Mädchen auf das Bestimmteste erklärte, die Kleinodien nicht herzugeben, so lange sie selber lebe, und die Magd mußte unverrichteter Sache wieder abziehen.
Jetzt aber wurde der Schulze böse. Das dumme, einfältige Ding widersetzte sich, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben mit helfen konnte, die bis dahin nur von der Gemeinde getragene Last zu erleichtern? Das war zu arg und verdiente strenge Ahndung, und seinen Hut aufsetzend und den Amtsstock nehmend, ging er selber mit großen Schritten nach dem Gemeindehaus hinüber.
Hatte er übrigens geglaubt, den fraglichen Gegenstand nur durch seine Erscheinung zu ordnen, so fand er sich da vollständig getäuscht, denn Valerie, wenn sie auch keinen Blutstropfen mehr im Gesicht hatte, erklärte ihm mit fester entschlossener Stimme, das Kreuz und den Ring gebe sie nicht her — das sei das letzte, was sie von ihrer seligen Mutter habe, und das wolle sie behalten, und Gott würde eben so gnädig auf sie herabblicken, ob sie nun in ihren Fetzen zum Altare trete, oder in einem neuen weißen Kleide, mit dem sie doch nachher nicht wisse, was sie damit anfangen solle, denn bei ihrer Arbeit könne sie es nicht tragen.
Der Schulze ärgerte sich vielleicht eben so viel über ihre Weigerung und Widersetzlichkeit als darüber, daß er ihr im Herzen Recht geben mußte — das Kleid wäre allerdings nur für den einen Tag gewesen, denn im Staate konnte die „Gemeinde-Waise“ natürlich nicht herumgehen; aber was ging das ihn und das Dorf an! Sollten sie sich etwa von der Nachbarschaft nacherzählen lassen, daß sie ihre Kinder in Lumpen und Fetzen zum Abendmahl gehen ließen, und hatte überhaupt so ein Ding, das hier gar nicht hergehörte und nur aus Gnade und Barmherzigkeit erhalten wurde, einen eigenen Willen?
Der Schulze war gerade kein böser Mensch, aber leider voll von jenem Beamtendünkel, der nur zu Vielen in den Köpfen spukt. Wie er sich dabei vor seinen Vorgesetzten oder der oberen Behörde in der Stadt bückte und nie gewagt hätte, eine Einrede laut werden zu lassen, ei, so verlangte er es auch von seinen Untergebenen, und wenn er einmal etwas angeordnet hatte, mußte es auch befolgt werden oder — er wäre ja nicht mehr Schulze im Dorf gewesen.
„Hör’ einmal, Falleri“, rief er deshalb und ging mit großen Schritten auf das scheu zu ihm aufblickende junge Mädchen ein, „ich will Dir etwas sagen — glaubst Du etwa, daß wir unsere Gemeinde-Armen mit goldenem Schmuck herumlaufen lassen, und dann trotzdem Alles aus unserm eigenen Beutel bezahlen? — Wenn Du ein klein wenig Ehrgefühl hättest, wärst Du schon lange von selber gekommen und hättest uns die Sachen für die Gemeindekasse eingeliefert, um wenigstens Alles zu thun, was in Deinen Kräften steht, die für Dich entstandenen Kosten nur einigermaßen wieder gut zu machen. Aber Gott bewahre, die Mamsell denkt gar nicht daran, und will sich jetzt auch noch weigern, wo sie vom Gericht dazu aufgefordert wird. Her damit, Du unnützes Ding, oder ich lasse Dich wahrhaftig auf die Straße setzen.“
Er streckte dabei die breite Faust nach dem Kinde aus, das aber, todtenbleich, doch mit funkelnden Augen krampfhaft den letzten Schmuck seiner verstorbenen Mutter in der kleinen Hand faßte und nur bittend rief:
„Ach, lassen Sie mir das Kreuz und den Ring, Herr Schulze — ich will ja gewiß arbeiten, daß mir das Blut unter die Nägel kommt, nur um Alles wieder abzuverdienen — aber nur das nicht — nur das nicht!“
„Hilft Dir nichts — her damit!“ rief aber das Dorf-Oberhaupt, das sich jetzt seiner Würde etwas zu vergeben glaubte, wenn es von dem ausgesprochenen Willen abstand; „ich habe es einmal gesagt, und es muß geschehen — willst Du es hergeben, Du kleine Hexe?“
„Oh Du lieber Gott!“ rief Valerie, indem sie die ihr heiligen Erinnerungszeichen mit ihren schwachen Kräften vertheidigte, — „ist denn gar kein Mensch auf der weiten Welt, der einem armen Kinde hilft!“
„Hallo!“ rief da eine laute trotzige Stimme von der Thür aus, „was geht da vor?“
Der Schulze ließ überrascht die Hand des Kindes los und drehte sich nach der Stimme um, erkannte aber nur den alten Bänkelsänger, der freilich mit einem, wahrscheinlich draußen aufgegriffenen Stück Buchen-Stangenholz auf ihn zuschritt und seiner ganzen Erscheinung nach fast so aussah, als ob er über den Schulzen herfallen möchte.
„Na?“ rief dieser, ihn halb erschreckt, aber auch erstaunt ansehend, „habt Ihr Euch etwa um das zu kümmern, was ich thue? Was wollt Ihr hier?“
„Ah, Sie sind’s, Herr Schulze“, sagte der Mann, ohne indessen den Knüppel, den er in der Hand trug, fortzulegen, „bitte tausend Mal um Entschuldigung, wenn ich gestört haben sollte, aber mir war’s, als ob ich die Falleri schreien hörte, und wer Der was thut, dem schlage ich den Schädel zu Brei zusammen.“
„So, und was geht Euch die Falleri an, wenn ich fragen darf?“
„Was sie mich angeht?“, lachte der Alte ingrimmig vor sich hin — „hat sie vielleicht Jemand Anderen, den sie was angeht, auf der Welt? Aber was gibt’s denn, Falleri — Teufel noch einmal, Kind, wie blaß Du aussiehst — bist Du unartig gewesen?“
„Den Ring und das Kreuz meiner seligen Mutter will mir der Schulze wegnehmen, um mir ein Kleid davon zu kaufen“, stöhnte das Kind.
„Ih, sieh mal an“, sagte der Bänkelsänger lachend, „was Du Dir für Sachen in den Kopf setz’st, Schatz; der Schulze Dir die Goldsachen von Deiner Mutter selig mit Gewalt wegnehmen wollen? Du bist wohl nicht recht klug im Kopfe. Das fällt ihm doch gar nicht ein.“
„Mit Gewalt hab’ ich’s ihr auch nicht wegnehmen wollen“, sagte der Schulze mürrisch, denn die Sache wurde ihm selbst unangenehm, „aber sie soll’s hergeben, damit sie anständig in der Kirche erscheinen kann.“
„Aha“, nickte der alte Bänkelsänger vergnügt vor sich hin, „der Andern wegen, damit sich die der armen Falleri nicht zu schämen brauchen. Ja wohl, Herr Schulze, verstehen das — auf die Falleri käm’s weniger an. — Aber, wie viel Geld hat sie denn wohl zu einer neuen Fahne nöthig? — natürlich mit Spitzen besetzt und Manschetten und wie die Dinger alle heißen, auch eine Schleppe hinten dran, damit sie das Dorf hübsch rein hält, wie die großen Damen in der Stadt.“
„Und was habt Ihr darnach zu fragen?“ erwiderte mürrisch der Schulze — „Ihr gebt’s ihr doch nicht.“
„Na, wer weiß“, lachte der Alte ingrimmig in sich hinein, „ich selber hab’s allerdings nicht, sonst säß’ ich wo anders als in der — gesegneten Bude hier; aber gute Menschen gibt’s überall — seelensgute Menschen, Herr Schulze, das kann ich Sie versichern, und ich treib’s für das Mädel auf — wenn ich nur erst weiß, wieviel es ist, denn die Gemeinde soll das nicht zu zahlen haben.“
„Ihr wollt das Geld schaffen?“ sagte der Schulze und sah den Alten mistrauisch an. „Hört einmal, Brenner, Ihr habt überhaupt immer Geld, und ich möchte eigentlich wohl wissen, wo Ihr das her kriegt, denn betteln dürft Ihr nicht, und —“
„Stehlen ist vollends nicht gestattet“, lachte der alte Bänkelsänger laut auf, „aber beruhigen Sie sich, Herr Schulze, die paar Groschen, die ich dann und wann auftreibe, kann ich mir auch wohl noch einmal gelegentlich verdienen. Wissen Sie, ich habe einen Herrn in der Stadt, dem gebe ich Gesangunterricht, und wenn ich auch gerade keinen Louisdor für die Stunde kriege, etwas fällt doch immer ab, und vielleicht zahlt mir Der auch das Geld für die Falleri als Vorschuß.“
„Und wie heißt Der?“ frug der Schulze, der kein Wort von der ganzen Sache glaubte.
„Darf ich nicht sagen“, erwiderte verschmitzt lächelnd der Alte; „es ist ein vornehmer Herr, der heimlich zum Theater gehen will und es nicht vor der Zeit verrathen mag. Aber ich schaffe das Geld, und weiter wollen Sie ja doch nichts. — Muß nur vorher wissen, wie viel es ungefähr ist, damit ich nicht zu wenig bringe.“
„Hm“, sagte der Schulze, allerdings nicht von der Persönlichkeit erbaut, mit der er hier unterhandeln sollte, „Den möchte ich doch kennen, Brenner, der Euch Geld borgt, denn Der gehörte jedenfalls dahin, wohin wir neulich den Schuster geschafft haben. Aber wenn’s wirklich einen solchen Narren giebt, so holt vier Thaler von ihm, denn die brauchen wir. Die Falleri muß ganz neu gekleidet werden, bis auf Strümpfe und Schuhe hinunter, und wenn wir auch Alles alt kaufen können, läuft’s doch dahin jedenfalls auf.“
„So?“ lachte der Bänkelsänger, „also mit alten Sachen wollen Sie die Falleri neu kleiden. Na meinetwegen, wenn’s der Gemeinde recht ist, ich habe nichts dawider. Und bis wann muß das Geld da sein?“
„Spätestens bis morgen Abend, denn heute über acht Tage ist schon Grüner Donnerstag.“
„Alle Wetter“, lachte der Alte, „das ist kurzer Kredit; aber es kann nichts helfen; die Zeit ist wirklich nicht mehr lang, und die Tage fliegen nur so, wenn man alt wird.“
„Habt Ihr mich aber zum Besten gehabt, Brenner“, sagte der Schulze finster, „so nehmt Euch in Acht. Ihr steht so auf der Kreide, das kann ich Euch versichern. — Und was wolltet Ihr denn eigentlich mit dem Stocke da, he?“
„Mit dem Stück Holz?“ frug der alte Bänkelsänger mit der unschuldigsten Miene von der Welt. „Du lieber Gott, was kann man mit einem Stück Holz anders wollen als Feuer machen. Es wird Essenszeit, Herr Schulze, und die paar Kartoffeln kann man doch nicht roh essen.“
Der Schulze warf ihm einen mürrischen Blick zu, und es war, als ob er das Mädchen noch einmal anreden wolle; aber er mußte sich anders besonnen haben, denn er drehte sich plötzlich kurz auf seinem Absatze herum und verließ das Haus. Valerie aber, die noch immer gefürchtet, daß der finstere Mann seinen ersten Versuch, ihr die Kleinodien zu entreißen, wiederholen könne, stand regungslos in ihrer alten Stellung, das goldene Kreuzchen und den Ring fest mit ihren kleinen Händen haltend, in der Ecke und verwandte kein Auge von dem Schulzen, bis er die Thür hinter sich ins Schloß geworfen. Der alte Bänkelsänger aber, sich auf den Knüppel stützend, den er noch immer in der Hand hielt, rief mit seinem heiseren Lachen:
„Hab’ keine Bange mehr, Falleri, Der kommt nicht wieder, da kannst Du sicher sein, denn er traut nicht, und so alt diese Knochen auch sein mögen, so viel Kräfte hätten sie doch noch gehabt, um dem Schuft den Schädel breit zu klopfen.“
„Oh, wie dank ich Euch, daß Ihr mir das Andenken meiner armen Mutter bewahrt habt“, rief das Kind — „wäret Ihr nicht dazu gekommen, er hätte es mir sicher weggenommen, und ich wäre dann elend mein ganzes Leben lang gewesen.“
„Der Lump, der“, brummte der Alte zwischen den Zähnen durch; „im Stande wär’ er’s gewesen. Man kann’s ihm aber an den Augen ablesen; sieht der Kerl nicht aus, als ob er mit seinem Gesicht auf einem Rohrstuhl gesessen hätte! Komm Du mir nur!“
„Aber er wird jetzt böse auf Euch sein“, sagte schüchtern Valerie.
„Bah, böse! — als ob der gut auf einen Menschen wäre, außer auf sich selber. Laß Dir das keine Sorgen machen, Kind, denn das kauf’ ich billig, wie Der auf mich zu sprechen ist. Was wir hier nicht kriegen müssen, kriegen wir doch nicht, und da kann er, Gott sei Dank, allein nichts d’ran thun, denn das ist Gemeindesache.“
„Aber wo wollt Ihr nur das viele Geld für mich hernehmen?“ frug jetzt das Mädchen schüchtern, „und wie soll ich’s Euch je wieder zahlen?“
„Papperlapapp, das ist meine Sorge“, lachte der Alte; „der Schulze hätt’s freilich gern gewußt, aber Dem werd’ ich’s bei Gott nicht auf die Nase binden. Wenn ich’s nur schaffe, Kind, wo’s nachher herkömmt, ist ganz gleichgültig; Du aber kriegst Deine Montirung und damit Basta!“ — und damit warf er den Buchenknüppel in die Ecke nach dem Ofen und schlenderte in seine eigene Stube hinüber.
Zwei Stunden nachher verließ er das Dorf und wanderte in der Richtung nach der Stadt zu, kam auch die Nacht nicht zurück und selbst bis zum nächsten Mittag nicht. Erst gegen Abend hörte Valerie seine heisere Stimme, wie er draußen, an dem Haus vorbei, eines seiner alten Lieder sang, und sprang in die Thür. Aber er kam nicht herein, nur triumphirend hob er einen kleinen schmuzigen Lederbeutel in die Höhe und schwenkte dabei seinen Knotenstock um den Kopf. Er hatte jedenfalls das Geld, ging auch damit stracks auf des Schulzen Wohnung zu. Dort aber blieb er nicht lange, sondern kam jetzt, in bester Laune von der Welt, zum Gemeindehaus zurück, wo er vor allen Dingen der „Falleri“ auftrug, einen Kessel mit Wasser auf’s Feuer zu setzen, denn sie wollten heute hoch leben. Dabei holte er eine Flasche mit Branntwein und ein Packet mit Zucker aus der Tasche, was er aber vorsichtig hinter dem Ofen versteckte und ein paar Stücken Holz davor stellte, und brachte dann sogar ein Stück Kuchen zum Vorschein, das er, wie er sagte, für die „Falleri“ eingekauft, damit sie auch einmal wieder erführe, wie Kuchen schmecke.
Der Mann war aber schon etwas angetrunken, wie er das Haus betrat, und als er den Grog erst fertig hatte, zu dem die Frauen und Valerie natürlich eingeladen wurden, verbesserte sich sein Zustand nicht. Er wurde immer lauter, fing an zu singen und fiel endlich von seinem Stuhl herunter, wo er regungslos auf der Erde liegen blieb und einschlief.
Valerie hätte ihn gern auf sein Bett geschafft, aber die beiden Frauen wollten nicht mit angreifen, weil er, wie sie meinten, zu schwer sei. Er könne überdies auch gleich da seinen Rausch ausschlafen, denn ob er auf den Steinen oder in einem Bett läge, sei ihm doch einerlei.
Das kleine Mädchen holte ihm endlich sein Kopfkissen herüber und seine wollene Decke, die sie ihm, so gut es eben gehen wollte, unterschob, und ihn mit dem andern Ende zudeckte. Weiter konnte sie für ihn nichts thun und mußte ihn da die Nacht verbringen lassen.
Es war ein alter, roher, widerlicher Mensch, aber der Einzige auf der weiten Gottes-Welt, der ihr, seit sie ihre liebe Mutter verloren, Gutes gethan hatte, und wie dankbar fühlte sie sich ihm dafür!
Wie der alte Bänkelsänger am nächsten Morgen aufwachte, sah er sich erst etwas erstaunt um, denn er schien nicht gleich zu wissen, wo er sich befand. Valerie stand am Herd und kochte ihre Morgensuppe. Er sah sie an und seine Decke und sein Kopfkissen, und sagte endlich:
„Falleri — hast Du mir das hierher geschleppt?“
„Ihr lagt da so schlecht und hart gestern Abend“, sagte das Kind.
Der Alte erwiderte nichts; er stand auf, raffte sein Bettzeug zusammen und wandte sich, um die Küche zu verlassen. Ehe er aber ging, sagte er, viel freundlicher als er noch je gesprochen:
„Du bist ein gutes Kind, Falleri; ich dank Dir auch vielmals“, und damit schritt er in seine Stube hinüber. —
Die Tage vor der Confirmation Valeriens gingen jetzt rasch vorüber; sie bekam auch zur rechten Zeit ihren Anzug, den ihr des Schulzen Frau von dem Gelde des Bänkelsängers geschafft hatte, und sie bestand ihre Prüfung gerade nicht besser, aber auch nicht schlechter als die übrigen Kinder. Sie wußte alle die aufgegebenen Sprüche auswendig und antwortete auf die an sie gerichteten Fragen in der richtigen, vorgeschriebenen Form, ohne sich — wie die meisten übrigen Kinder auch — etwas Besonderes dabei zu denken. Die schöne Lehre des Christenthums war ja in so viele unverständliche oder schwülstige Phrasen eingehüllt, daß ein klarerer Kopf dazu gehörte, als ihn ein vierzehnjähriges Kind besaß, um den edlen Kern aus der wulstigen Schale heraus zu finden. Sie gab sich dazu auch keine Mühe und war nur froh, als sie das Ganze überstanden hatte.
Daß sie dabei als Letzte der Confirmantinnen stand und, als es vorbei war, auch von Niemanden — wie doch alle die übrigen Kinder — eingeladen wurde, verstand sich von selbst und that ihr nicht besonders weh. Sie war ja die Gemeinde-Waise und daran gewöhnt, zurückgesetzt zu werden. Eines nur gab ihr einen Stich in ihr junges Herz, und auch weniger der Worte und Bedeutung als der Art wegen, mit der es zu ihr gesagt wurde. Gerade nämlich, als sie aus der Kirche trat, wo die übrigen Kinder von ihren auf sie stolzen Aeltern empfangen wurden, trat der Schulze auf sie zu und sagte, einen Glückwunsch weiter nicht für nöthig haltend:
„Na, Falleri, heute hast Du noch frei, morgen früh aber nimmst Du Deine Sachen und ziehst zu Baumstetter’s hinüber, die Dich vorläufig in Dienst nehmen wollen. Bist Du erst einmal ein Vierteljahr dort, dann kannst Du Deinen Miethcontract mit ihnen selber machen, denn Du wirst jetzt alt genug dazu“, und ehe die Confirmantin ihm etwas darauf erwidern konnte, drehte er sich ab, um seine eigene Tochter aufzusuchen und zu begrüßen.